Weltbevölkerungsbericht 2011: Sieben Milliarden Menschen und Möglichkeiten

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Am 31. Oktober wurde die „Sieben-Milliarden-Menschen-Marke“ überschritten. Und die Menschheit wächst weiter: Jede Sekunde kommen 2,6 Menschen hinzu. Die immer größere Zahl von Erdenbürgern stellt in …

Am 31. Oktober wurde die „Sieben-Milliarden-Menschen-Marke“ überschritten. Und die Menschheit wächst weiter: Jede Sekunde kommen 2,6 Menschen hinzu. Die immer größere Zahl von Erdenbürgern stellt in vielerlei Hinsicht einen großen Erfolg dar: Die Menschen leben heute länger und gesünder als je zuvor. Aber nicht alle können an diesen Errungenschaften teilhaben. Vor allem in den Entwicklungsländern leben die Menschen nach wie vor unter häufig dramatischen Lebensbedingungen. Die Herausforderungen und Chancen einer Welt der sieben Milliarden Menschen stehen im Mittelpunkt des diesjährigen UNFPA-Weltbevölkerungsberichts „Sieben Milliarden Menschen und Möglichkeiten“.

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  • 1. weltbevölkerungsbericht 2011 Sieben Milliarden Menschen und Möglichkeiten
  • 2. Titelbild:Geographiekurs an der Eduardo-Mondlane-Universität in Maputo, Mosambik.© UNFPA/Pedro Sá da Bandeira
  • 3. weltbevölkerungsbericht 2011 Sieben Milliarden Menschen und MöglichkeitenVorwort Seite ii1 Unsere Welt der sieben Milliarden Menschen Seite 1 5 Die Entscheidung zu gehen: Kraft und Wirkung von Migration Seite 652 Jugend: Eine neue globale Macht verändert die Welt Seite 9 6 Das Wachstum der Städte im Blick Seite 773 Sicherheit, wirtschaftliche Möglichkeiten und Unabhängigkeit im Alter Seite 29 7 Die Ressourcen der Erde teilen und bewahren Seite 934 Einflussfaktoren auf die Geburtenrate Seite 43 8 Der Weg vor uns: Die Agenda von Kairo vollenden Seite 101Indikatoren Seite 110Impressum Seite 124 Foto: © UNFPA Antonio Fiorente
  • 4. Vorwort Am 31. Oktober 2011 werden sieben Milliarden Menschen auf der Erde leben. Seit ich geboren wurde hat sich die Weltbevölkerung nahezu verdreifacht. In den nächsten 13 Jahren wird sie nochmals um eine Milliarde Menschen wachsen. Und bis meine Enkelkinder groß sind, könnte die Zahl der Menschen auf der Erde bis auf zehn Milliarden angestiegen sein. Wie kam es, dass wir so viele geworden sind? Wie Einige der hier vorgestellten Trends sind höchstviele Menschen kann unsere Erde tragen? Das sind bemerkenswert: Heute gibt es weltweit 893 Millionenwichtige Fragen, aber vielleicht nicht die richtigen, um sie Menschen, die älter als 60 Jahre sind. Bis zur Mitte desgerade jetzt zu stellen. Wenn wir nur auf die großen Jahrhunderts wird diese Zahl auf 2,4 Milliarden MenschenZahlen schauen, laufen wir Gefahr, uns davon überwältigen ansteigen. Lebt heute ungefähr jeder zweite Mensch inzu lassen und die Chancen zu übersehen, die allen einer Stadt, werden es in 35 Jahren schon zwei von dreiMenschen eine Perspektive auf ein besseres Leben bieten. sein. Die unter 25­Jährigen stellen derzeit 43 Prozent der Statt uns Fragen wie »Sind wir zu viele?« zu stellen, Weltbevölkerung, in einigen Ländern beträgt ihr Anteilsollten wir lieber fragen: »Was kann ich tun, um unsere sogar 60 Prozent.Welt besser zu machen?« oder »Wie können wir unsere Dieser Bericht beleuchtet schlaglichtartig, unter welchenwachsenden Städte in Quellen der Nachhaltigkeit ver­ unterschiedlichen demographischen Herausforderungenwandeln?«. Wir sollten uns fragen, wie jeder von uns den Ägypten, Äthiopien, China, Finnland, Indien, dieÄlteren helfen kann, eine aktivere Rolle in der Gemein­ Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Mexiko,schaft zu spielen. Wie wir dazu beitragen können, die Mosambik und Nigeria stehen. Die HerausforderungenKreativität und das Potenzial der größten Jugendgeneration reichen von alternden Bevölkerungen über hohein der Geschichte der Menschheit zu mobilisieren. Und Geburtenraten und fortschreitende Urbanisierung bis hinwie wir mithelfen können, die Hindernisse aus dem Weg zur Entstehung neuer Generationen junger Menschen.zu räumen, die der Gleichberechtigung von Frauen und Einige dieser Länder müssen mit hohen GeburtenratenMännern entgegenstehen, damit alle Menschen eigene zurechtkommen, andere mit so niedrigen Geburtenraten,Entscheidungen fällen und ihr volles Potenzial verwirk­ dass ihre Regierungen bereits nach Wegen suchen, daslichen können. Bevölkerungswachstum zu steigern. Länder mit einem Der Weltbevölkerungsbericht 2011 wirft einen Blick Mangel an Arbeitskräften locken Migranten, andere sindauf die Trends, die unsere Welt der sieben Milliarden auf die Gelder angewiesen, die im Ausland arbeitendeMenschen definieren. Er zeigt, wie sich Menschen aus Bürger nach Hause schicken. Und in manchen Ländernunterschiedlichsten Kulturen und unter unterschied­ strömen immer mehr Menschen in die boomendenlichsten Bedingungen in ihrer jeweiligen Gemeinschaft Megastädte, wo es Arbeitsplätze gibt, die Lebenshaltungs­dafür einsetzen, das Beste aus unserer Welt der sieben kosten jedoch hoch sind. Andere erleben dagegenMilliarden zu machen. Abwanderungswellen aus den Innenstädten in dasii VO RWO RT
  • 5. Umland, wo die Lebenshaltungskosten zwar oft niedrigersind, es aber auch an Versorgungseinrichtungen undArbeitsmöglichkeiten mangelt. Wir sind überzeugt, dass auf unserer Welt der siebenMilliarden Menschen blühende, nachhaltige Städte möglichsind, produktive Erwerbstätige, die das Wirtschafts­wachstum antreiben, nachrückende Jugendgenerationen,die zum Wohlergehen ihres Landes beitragen, und eineGeneration älterer Menschen, die gesund ist und sichaktiv an den gesellschaftlichen und wirtschaftlichenAngelegenheiten ihrer Gemeinschaft beteiligt. Dafürmüssen wir vorausschauend planen und heute in dieMenschen investieren. Diese Investitionen sollen siebefähigen, Entscheidungen zu treffen, die für sie selbst Babatunde Osotimehin, Exekutivdirektor von UNFPA. t © Brad Hamiltonund für das Gemeinwohl förderlich sind. In vielen Entwicklungsländern, in denen das demo­graphische das wirtschaftliche Wachstum übertrifft, und Chancen zeigen sich zudem zwischen Männern undbesteht nach wie vor ein hoher Bedarf an Diensten der Frauen, Mädchen und Jungen. Es ist wichtiger denn je,reproduktiven Gesundheit, insbesondere an Familien­ dass wir heute einen Weg aufzeigen, der Gleichberechti­planung. Eine stabile Bevölkerung zu erreichen, ist eine gung fördert und nicht Ungleichheiten fortschreibt oderVoraussetzung für beschleunigtes geplantes wirtschaft­ gar verschärft.liches Wachstum und weitere Entwicklungsfortschritte. Wir alle haben ein Interesse an der Zukunft derLänder, für die die Bekämpfung der Armut ein zentrales Menschheit. Wir alle, ob Einzelpersonen, RegierungenAnliegen ist, müssen Ernst machen mit der Bereitstellung oder Unternehmen, stehen mehr denn je in wechselseitigervon Dienstleistungen, Mitteln und Informationen, Verbindung und gegenseitiger Abhängigkeit. Deshalbdie Frauen für die Wahrnehmung ihrer reproduktiven wird das, was jeder von uns heute tut, auf lange Zeit unsRechte benötigen. alle betreffen. Gemeinsam können wir die Welt verändern Die immer größere Zahl von Menschen, die auf der und verbessern.Erde lebt, stellt in vielerlei Hinsicht auch einen großenErfolg für die Menschheit dar: Wir leben heute länger Wir sind sieben Milliarden Menschenund gesünder als je zuvor. Aber nicht alle können an diesen mit sieben Milliarden Möglichkeiten.Errungenschaften und der damit verbundenen höherenLebensqualität teilhaben. Zwischen den verschiedenenLändern und auch innerhalb von Ländern bestehen zum Babatunde OsotimehinTeil gewaltige Unterschiede. Unterschiede in den Rechten UNFPA­Exekutivdirektor W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 iii
  • 6. iv KAP IT EL 1 : UNSERE WELT dER SIEBEN MILLIARdEN MEN SC H E N
  • 7. KAPITEL Unsere Welt der sieben EINS Milliarden Menschen Der Meilenstein von sieben Milliarden Menschen steht für Errungenschaften, Rückschläge und Widersprüche. Obwohl Frauen heute im Durchschnitt weniger Kinder haben als in den 1960er Jahren, steigt die Zahl der Menschen auf der Erde weiterhin an. Weltweit sind mehr Menschen jünger – und mehr Menschen älter – als je zuvor. In manchen der ärmsten Länder behindern anhaltend hohe Fruchtbarkeitsraten die Entwicklung und schreiben die Armut fort. In einigen der wohlhabendsten Länder hingegen lassen Anhand persönlicher Geschichten beleuchtet der niedrige Geburtenraten und ein Mangel an jungen Weltbevölkerungsbericht 2011 die Herausforderungen, Arbeitskräften die Frage aufkommen, ob die Wirtschaft mit denen wir in einer Welt der sieben Milliarden dauerhaft wachsen kann und die sozialen Sicherungs­ Menschen konfrontiert sind. Es ist ein Bericht aus neun systeme noch tragfähig sind. Obwohl in etlichen Ländern: aus Ägypten, Äthiopien, China, Finnland, Indien, Industrieländern die Wirtschaft immer lauter über einen der Ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien, Mangel an qualifizierten Arbeitskräften klagt, werden die Mexiko, Mosambik und Nigeria. Ganz normale Menschen, nationalen Grenzen immer häufiger vor arbeitssuchenden die dort leben, nationale Experten, die die lokalen demo­ und auswanderungswilligen Menschen aus Entwicklungs­ graphischen Trends untersuchen und Politiker, die auf ländern (und den Fähigkeiten, die sie möglicherweise Grundlage der Bedingungen vor Ort Entscheidungen treffen anzubieten haben) verschlossen. Während wir einerseits müssen, sprechen offen über ihr Leben und ihre Arbeit. Fortschritte bei der Bekämpfung der extremen Armut Zusammen ergeben diese Profile eine Collage der erzielen, verschärft sich andererseits nahezu überall das vielfältigen menschlichen Erfahrungen, Sehnsüchte und Gefälle zwischen Arm und Reich. Prioritäten, die die Vielfalt der Weltbevölkerung und Der diesjährige Weltbevölkerungsbericht lotet einige die Dynamik ihrer Entwicklung illustrieren. dieser Widersprüche aus der Perspektive einzelner Spricht man mit den Menschen, die in diesen Ländern Menschen aus. Er beschreibt, welche Hürden ihnen in leben und arbeiten, stellt man schnell fest, dass inzwischen ihrem Bemühen entgegenstehen, ein besseres Leben für kein demographisches Thema mehr als isoliert von anderen sich selbst, für ihre Familien, ihre Gemeinschaften und ihre Themen wahrgenommen wird. Wie die Alten leben werden, Länder aufzubauen, und wie sie diese Hürden überwinden. hängt zum Beispiel unmittelbar mit dem Verhalten der jungen Generation zusammen: In vielen Industrie­ und Fußgänger in Mexiko-Stadt. Entwicklungsländern ziehen junge Menschen auf der Suchet © UNFPA/Ricardo Ramirez Arriola nach Arbeit von ländlichen Gebieten in die Städte oder in W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 1
  • 8. andere Länder, wo die Arbeitsmöglichkeiten besser sind. Das geht in den Diskussionen über die BevölkerungsgrößeSie lassen ältere Familienmitglieder zurück – manchmal gelegentlich unter. Nur wenn wir die Bevölkerungstrendsohne die Unterstützung, die sie für ihr tägliches Leben genau analysieren, werden die vielen mit ihnen einher­benötigen. In einigen reicheren Ländern entsteht wegen der gehenden Herausforderungen und Chancen offenbar. Diegeringeren Zahl junger Menschen Unsicherheit darüber, Regierung der chinesischen Provinz Shaanxi etwa suchtwer später für die Alten sorgen und die Sozialleistungen nach neuen Wegen, einer wachsenden Zahl ältererder Älteren bezahlen wird. Menschen Wohnraum und Unterstützung zu bieten. In Jedes der in diesem Bericht porträtierten Länder be­ Megastädten wie dem nigerianischen Lagos versuchengreift seine jeweiligen Bevölkerungstrends, wie Urbanisierung, Stadtplaner, ganze Viertel umzugestalten und stärkerden Anstieg der Lebenserwartung und die rapide Zunahme verbundene, besser verwaltbare und lebenswertereder Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter, nicht nur Gemeinschaften zu erschaffen. In Mexiko­Stadt gehörenals große Herausforderungen, sondern auch als Chancen. menschenfreundliche Parks, Grünflächen entlang von Die Milliardenschritte der Weltbevölkerung Milliarden 10 das rapide Wachstum der Weltbevölkerung ist ein relativ junges Phänomen. Vor 2000 Jahren lebten 9 rund 300 Millionen Menschen auf der Erde. Bis sich ihre Zahl auf 600 Millionen verdoppelte, vergingen über 1600 Jahre. das beschleunigte Bevölkerungswachstum setzte in den 1950er Jahren mit dem 8 Rückgang der Sterblichkeit in den weniger entwickelten Regionen ein. das ließ die Zahl der Menschen bis 2000 auf 6,1 Milliarden – knapp das Zweieinhalbfache des Standes von 1950 – hochschnellen. 7 Infolge sinkender Fruchtbarkeitsraten in den meisten Teilen der Welt ist die globale Bevölkerungs­ 6 wachstumsrate gegenüber ihrem Höchststand von zwei Prozent im Zeitraum 1965–1970 kontinuierlich 4 zurückgegangen. 5 4 3 1974 3 2 1959 1 1927 2 1804 1 Zeitspanne bis zur nächsten Milliarde Menschen 123 32 15 13 1800 1850 1900 1950 Quelle: Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen2 KAP IT EL 1 : UNSERE WELT dER SIEBEN MILLIARdEN MEN SC H E N
  • 9. Straßen und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zu Fast überall wachsen die Städte. Mit einer guten Stadt­ den Prioritäten bei dem Bemühen darum, das städtische planung und einer durchdachten Politik ist ein urbanes Leben gesünder und nachhaltiger zu gestalten. Wachstum möglich, das die Wirtschaft stimuliert und Länder wie die Ehemalige jugoslawische Republik Arbeitsplätze schafft, gleichzeitig aber Energie effizienter Mazedonien oder Finnland, in denen die durchschnittliche nutzt und mehr Menschen den Zugang zu sozialen Kinderzahl pro Frau vergleichsweise niedrig ist und in Dienstleistungen ermöglicht. denen die Frauen ihr erstes Kind spät bekommen, suchen Menschen unter 25 Jahren stellen 43 Prozent der nach Wegen, Frauen bei der Gründung einer Familie Weltbevölkerung. Wenn junge Menschen ihre Rechte auf zu unterstützen. Länder wie Äthiopien und Indien Gesundheit, auf Bildung und auf menschenwürdige haben Kampagnen gegen Kinderehen und hochriskante Arbeitsbedingungen in Anspruch nehmen können, werden Teenagerschwangerschaften ins Leben gerufen. sie zu einer starken Kraft der wirtschaftlichen Entwicklung und des positiven Wandels. Überall in den Entwicklungs­ ländern wollen Sozialwissenschaftler und Politiker das Beste aus dem großen Anteil junger Menschen an der Bevölkerung machen, um die Hoffnungen der jungen Menschen zu erfüllen sowie das wirtschaftliche Wachstum und die allgemeine Entwicklung voranzutreiben. Doch das Zeitfenster, um diese »demographische Dividende« zu nutzen, ist knapp bemessen. Rasches Handeln ist geboten, soll diese Chance nicht ungenutzt verstreichen. 7 In den ärmsten Ländern der Welt bilden extreme Armut, Nahrungsmittelunsicherheit, Ungleichheit, hohe 6 2011 Sterblichkeits­ und hohe Geburtenraten einen Teufelskreis. Die Bekämpfung der Armut durch Investitionen in 5 1987 1999 Bildung und Gesundheit, die insbesondere Frauen und Mädchen zugute kommen, kann diesen Teufelskreis durch­ brechen. In dem Maße, wie sich die Lebensbedingungen verbessern, können Eltern stärker darauf vertrauen, dass Werden meine ihre Kinder überleben. Diese Gewissheit veranlasst viele, Enkelkinder sich für kleinere Familien zu entscheiden. Das wiederum in einer Welt erlaubt höhere Investitionen in die Gesundheitsversorgung der zehn Milliarden und Bildung der einzelnen Kinder. Eine höhere Pro­ Menschen leben? duktivität und verbesserte langfristige Aussichten – für die Kinder, ihre Familien und das Land insgesamt – sind die Folge.3 12 12 2000 2050 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 3
  • 10. Erfolge feiern, für die Zukunft planen und die fortschreitende Entwicklung in vielen LändernDie Trends in der Weltbevölkerung über die letzten sechs zurückzuführen, zum Teil aber auch auf soziale undJahrzehnte sind erfreulich. Das gilt insbesondere für kulturelle Einflüsse sowie auf einen verbesserten Zugangden Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung von von Frauen zu Bildung, Arbeitsmöglichkeiten und48 Jahren Anfang der 1950er Jahre auf rund 68 Jahre Diensten der sexuellen und reproduktiven Gesundheitim ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts. Die einschließlich moderner Verhütungsmethoden.Säuglingssterblichkeit ist von 133 Todesfällen pro In einigen Regionen sind die Gesamtfruchtbarkeitsraten1.000 Lebendgeburten in den 1950er Jahren auf 46 pro seit 1950 eingebrochen: In Mittelamerika beispielsweise1.000 Lebendgeburten im Zeitraum 2005 bis 2010 ist die Rate von damals 6,7 Kindern pro Frau auf heutegesunken. Impfkampagnen haben weltweit zu einem 2,6 gesunken und liegt damit nur noch knapp über demdrastischen Rückgang vieler Kinderkrankheiten geführt. Ersatzniveau von 2,1 Kindern. In Ostasien ist die Gesamt­ Im selben Zeitraum ging die durchschnittliche fruchtbarkeitsrate im selben Zeitraum von ungefähr sechsKinderzahl pro Frau um über die Hälfte von 6,0 auf 2,5 Kindern pro Frau auf heute 1,6 sogar deutlich unter daszurück. Das ist zum Teil auf das Wirtschaftswachstum Ersatzniveau gefallen. In einigen Regionen Afrikas dagegen ging die Fruchtbarkeitsrate in den letzten 60 Jahren nur mäßig zurück und beträgt heute noch mehr als fünf Kinder pro Frau.China und Indien: Ungeachtet des weltweiten Rückgangs der Frucht­die Bevölkerungsmilliardäre barkeitsraten wächst die Weltbevölkerung jährlich nachUnlängst haben China und Indien ihre jüngsten Volks­ wie vor um gut 78 Millionen Menschen, was ungefährzählungsdaten veröffentlicht und der Welt einen Blick darauf der Einwohnerzahl Deutschlands oder Äthiopiensgewährt, wie sich diese beiden riesigen Bevölkerungen im entspricht. Dieses anhaltend starke Wachstum der Welt­Vergleich darstellen. bevölkerung geht auf die hohen Geburtenraten in den Laut Hochrechnungen der Bevölkerungsabteilung derVereinten Nationen wird Indien mit 1,46 Milliarden Menschen 1950er und 1960er Jahren zurück. Sie haben zu großenim Jahr 2025 China mit 1,39 Milliarden Menschen als bevöl­ Bevölkerungen mit Millionen junger Menschen geführt,kerungsreichstes Land der Erde überholt haben. Basierend die erst noch ins reproduktive Alter kommen.auf einem mittleren Szenario wird die Bevölkerung Chinas bis In ihren im Mai 2011 veröffentlichten Projektionenzum Jahr 2050 auf 1,30 Milliarden zurückgehen, während die »World Population Prospects: The 2010 Revision« sagt dieIndiens bis 2060 auf nahezu 1,73 Milliarden ansteigen wird,bevor ein Rückgang einsetzt. Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen einen Anstieg der Weltbevölkerung bis 2050 auf 9,3 Milliarden China Indien und bis Ende des Jahrhunderts auf über zehn Milliarden Menschen voraus. Das liegt über den bisherigen Gesamtbevölkerung, 2011 1,35 Mrd. 1,24 Mrd. Schätzungen. Dabei basiert dieses Szenario auf der An­ nahme rückläufiger Fruchtbarkeitsraten. Bereits geringe Wachstum absolut, 2001–2011 69,7 Mio. 170,1 Mio. Variationen der Fruchtbarkeit insbesondere in den be­ Fruchtbarkeitsrate (Kinder pro Frau) 1,6 2,5 völkerungsreichen Ländern könnten jedoch zu weitaus höheren Gesamtzahlen führen. Für diesen Fall schätzt die Jahr der erwarteten 2025 2060 Bevölkerungsstabilisierung Bevölkerungsabteilung, dass 2050 bereits 10,6 Milliarden und bis 2100 über 15 Milliarden Menschen auf der ErdeQuelle: Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen leben. »Ein Großteil dieses Zuwachses«, heißt es weiter,4 KAP IT EL 1 : UNSERE WELT dER SIEBEN MILLIARdEN MEN SC H E N
  • 11. »dürfte auf die Länder mit hohen Fruchtbarkeitsraten kommenden 40 Jahren aller Voraussicht nach verdoppelnentfallen, zu denen 39 in Afrika, neun in Asien, sechs in oder verdreifachen wird«. Warum sich die DemographenOzeanien und vier in Lateinamerika zählen.« immer stärker auf die Region konzentrierten, sei klar, meint Laut John Cleland, einem internationalen Experten Cleland: »Die Flucht aus Armut und Hunger wird durchzum Thema reproduktive Gesundheit in Afrika von der das rapide Bevölkerungswachstum deutlich erschwert.«London School of Hygiene and Tropical Medicine, ist »Wir durchleben eine außergewöhnliche Periode inAfrika südlich der Sahara »eine der wenigen verbliebenen der Geschichte der Menschheit, eine Ära des beispiellosenRegionen der Welt, deren Bevölkerung sich in den Wachstums unserer Spezies«, sagt Steven Sinding, DirektorGeschätzte und prognostizierte Bevölkerungsentwicklung nach Region,mittleres Szenario, 1950–2100 (in Milliarden)5,5 Milliarden5,04,54,03,53,02,52,01,51,00,50,0 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 2030 2040 2050 2060 2070 2080 2090 2100 Asien Afrika Lateinamerika und Karibik Europa Nordamerika OzeanienAsien wird auch während des 21. Jahr­ doppelt so schnell wie die Asiens, die (Nord­ und Südamerika, Europa undhunderts die bevölkerungsreichste Groß­ durchschnittlich um ein Prozent zulegen Ozeanien), die aktuell bei 1,7 Milliardenregion der Welt bleiben. Doch Afrika, wird. Im Jahr 2009 überschritt die Ein­ Menschen liegt, wird den Hochrechnungendessen Bevölkerung sich von heute einer wohnerzahl Afrikas erstmals die Milliarden­ zufolge bis 2060 auf knapp zwei MilliardenMilliarde Menschen bis zum Jahr 2100 auf Marke und wird den Erwartungen zufolge Menschen wachsen und bei einem sehr3,6 Milliarden Menschen mehr als verdrei­ in nur 35 Jahren (bis 2044) um eine weitere langsam Rückgang bis 2100 auf ungefährfachen wird, wird stark aufholen. Milliarde ansteigen – selbst unter der An­ diesem Niveau verharren. Die Bevölkerung Heute leben 60 Prozent der Weltbevöl­ nahme, dass die Fruchtbarkeitsrate von in Europa dürfte um 2025 mit 740 Millionenkerung in Asien und 15 Prozent in Afrika. Im 4,6 Kindern pro Frau zwischen 2005 und Einwohnern ihren Scheitelpunkt überschrei­Durchschnitt wird die Bevölkerung Afrikas 2010 auf drei Kinder pro Frau im Zeitraum ten und anschließend zurückgehen.im Zeitraum 2010 bis 2015 um 2,3 Prozent von 2045 bis 2050 sinken wird. Quelle: Bevölkerungsabteilung der Vereintenpro Jahr wachsen und damit mehr als Die Bevölkerung der anderen Regionen Nationen W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 5
  • 12. des Bevölkerungsbüros der amerikanischen Entwicklungs­ Gesundheit, insbesondere zu solchen der Familienplanung.hilfebehörde USAID. Als Professor für Bevölkerung und Diese Dienstleistungen müssen auf den MenschenrechtenFamiliengesundheit an der Columbia University und als gründen, sie stärken, und sie sollten die SexualaufklärungGeneraldirektor der International Planned Parenthood junger Menschen und insbesondere heranwachsenderFederation hat er über Jahre hinweg die weltweiten Mädchen einschließen.Bevölkerungstrends aufmerksam verfolgt: »Die Geschwin­ José Angel Aguilar Gil, der Direktor der mexikanischendigkeit des Wachstums bringt enorme Herausforderungen Democracia y sexualidad, die für sexuelle und reproduktivefür viele der ärmsten Länder mit sich. Denn es mangelt Gesundheit und Rechte eintritt, betont, dass Mädchen undihnen nicht nur an Ressourcen, um den zusätzlichen junge Frauen »das Recht auf Zugang zu einer integriertenBedarf an Infrastruktur, grundlegenden Gesundheits­ und Sexualaufklärung haben, ein Recht, das Bestandteil einesBildungsleistungen und Arbeitsplätzen für die steigende umfassenden Menschenrechts ist: des Rechts auf Bildung«.Zahl junger Menschen zu decken. Sie müssen sich Gabriela Rivera, Programmmitarbeiterin im UNFPA­außerdem dem Klimawandel anpassen.« Büro in Mexiko­Stadt sieht »viele Beweise« für den Die Stabilisierung der Bevölkerung, vor allem in den Nutzen einer rechtebasierten Sexualaufklärung. Solcheärmsten Ländern, erfordert einen besseren und möglichst Programme haben ihrer Meinung nach dann Erfolg,universellen Zugang zu Diensten der reproduktiven wenn sie rechtzeitig umfassende und wissenschaftlich fundierte Informationen anbieten, die auf die Bedürfnisse▲ Gabriela Rivera, Mitarbeiterin des Nationalen Programms für sexuelle der jeweiligen Altersgruppen zugeschnitten sind. »Wie und reproduktive Gesundheit für junge Menschen und benachteiligte Evaluationsstudien gezeigt haben, trägt Aufklärung mit Bevölkerungsgruppen, UNFPA, Mexiko. dazu bei, den Zeitpunkt des ersten sexuellen Kontakts © UNFPA/Ricardo Ramirez Arriola nach hinten zu verschieben. Aufklärung hilft, die Verwendung von Verhütungsmethoden und Kondomen zu fördern und das Ausmaß an Gewalt gegen junge Mädchen zu verringern«, erklärt Rivera. »Damit geht ein Rückgang früher und ungewollter Schwangerschaften und der Infektionen mit HIV/Aids einher.« Sieben Milliarden: Es geht um Menschen Am 31. Oktober, wenn die Weltbevölkerung nach Schätzung der Demographen die Sieben­Milliarden­ Schwelle überschreiten wird, werden die meisten den Blick auf die Zahlen richten. Dieser Bericht konzentriert sich jedoch auf Einzelschicksale und auf jene Experten, die sich mit den Entwicklungen befassen, die den Alltag der Menschen bestimmen. Er beschäftigt sich mit den Entscheidungen, die die Individuen treffen – oder gerne treffen würden, wenn sie die Chance dazu hätten. Auf der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz (ICPD) 1994 stimmten die dort versammelten Länder darin über­ ein, dass eine Stabilisierung der Bevölkerungsentwicklung6 KAP IT EL 1 : UNSERE WELT dER SIEBEN MILLIARdEN MEN SC H E N
  • 13. am ehesten zu erreichen ist, wenn Mädchen und Frauendarin bestärkt werden, gleichberechtigt mit Männern undJungen an ihren Gesellschaften und an der Wirtschaftteilzuhaben. Sie müssen grundsätzliche Entscheidungenüber ihr Leben selbst treffen können. Das schließtEntscheidungen über den Zeitpunkt und den Abstandzwischen ihren Schwangerschaften und Geburten mit ein.Als die nach Kairo entsandten Delegationen ihr historischesAktionsprogramm präsentierten, lagen bereits zahlreichewissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen vor, die Amsalu Buke (links) und ihre Assistentin. t © UNFPA/Antonio Fiorentebelegen, dass Frauen weniger Kinder bekommen, wennsie gleiche Rechte und Chancen genießen, Mädchengesund sind und wenn sie Zugang zu Bildung haben.Darüber hinaus unterstrich das ICPD­Aktionsprogramm,dass die Stärkung von Frauen nicht Selbstzweck, sondernauch ein entscheidender Beitrag zur Bekämpfung derArmut ist. Der diesjährige Weltbevölkerungsbericht stellt zunächsteine Reihe junger Menschen vor und wirft einen Blick BEvöLKErUNg UNd ArMUTdarauf, was die zunehmende Zahl der Menschen in ihremjeweiligen Lebensumfeld bedeutet. Die anschließenden Auszüge aus dem Aktionsprogramm derKapitel befassen sich mit alternden Bevölkerungen Kairoer Weltbevölkerungskonferenz(Kapitel 3), Migration (Kapitel 5), den Wechselbeziehungen [Die] anhaltende, weit verbreitete Armut sowie schwer­zwischen Fruchtbarkeitstrends, reproduktiven Gesund­ wiegende Ungleichheiten im sozialen Bereich und zwischenheitsdiensten, Geschlechterrollen sowie den Rechten den Geschlechtern [haben] einen erheblichen Einfluss aufvon Frauen und Mädchen (Kapitel 4), dem Management demographische Parameter wie Bevölkerungswachstum,urbaner Großgebiete (Kapitel 6) sowie mit Umwelt­ ­struktur und ­verteilung und [werden] von diesen wieder­ um beeinflusst […].belastungen (Kapitel 7). In diesem Bericht beschreiben nachdenkliche und Maßnahmen zur Verlangsamung des Bevölkerungswachs­visionäre Menschen aus allen Teilen der Welt, welche tums, zur Linderung der Armut, zur Verwirklichung desHerausforderungen und Chancen sie für sich in der wirtschaftlichen Fortschritts, zur Verbesserung des Umwelt­Gestaltung ihrer Gesellschaften und der Weltbevölkerung schutzes und zum Abbau nicht nachhaltiger Verbrauchs­ und Produktionsmuster verstärken sich gegenseitig […].in diesem Jahrhundert und darüber hinaus sehen.Viele von ihnen sind jung, und sie sind sich bewusst, dass Die Beseitigung von Armut wird dazu beitragen, dassie die Welt des 21. Jahrhunderts mitgestalten und Bevölkerungswachstum zu verlangsamen und eine baldigeprägen werden. Bevölkerungsstabilisierung zu erreichen […]. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 7
  • 14. 8 KAP IT EL 2 : JUGENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VERä N d E RT d IE W E LT
  • 15. KAPITEL Jugend: Eine neue globale ZWEI Macht verändert die Welt Ethel Phiri ist eine 22 Jahre alte Jugendberaterin bei der mosambikanischen Familienplanungsorganisation AMODEFA. Die Nichtregierungsorganisation (NGO) setzt zusammen mit anderen Organisationen das nationale Jugendprogramm Geração Biz um. Dafür organisiert Ethel so genannte bancadas femininas, Diskussionsgruppen in Schulen, auf Märkten und an anderen Orten in Gemeinden rund um die Hauptstadt Maputo. Hier werden junge Frauen in Fragen der sexuellen und an, der sie aber bald langweilte. Ein Teemarkt in der reproduktiven Gesundheit und der HIV­Prävention Nachbarschaft weckte ihre Begeisterung, und jetzt spart beraten und über ihre Rechte aufgeklärt. In ihrer Gruppe sie ihren Lohn, bis sie genug Geld für ein eigenes wird »viel über die Unterdrückung von Frauen durch Teegeschäft hat. Männer gesprochen«, erzählt Ethel. »Frauen haben zu In dem abgelegen äthiopischen Dorf Tare gilt Amsalu Hause nichts zu sagen. Sie möchten die Kultur verändern, Buke für die Frauen, die in dieser Gegend ohne ärztliche und sie wollen, dass die Regierung ihren Anliegen mehr Versorgung und ohne Straßen leben, als eine leise Aufmerksamkeit schenkt.« Revolutionärin. Sie trägt an einem über ihre Schulter Junge Menschen in China finden Wege, mehr über geschlungenen Gurt eine Kiste voller medizinischer die wirtschaftlichen Chancen zu lernen, und versuchen, Bedarfsgüter. Amsalu, selbst gerade einmal 20 Jahre alt, sich gezielt dafür zu qualifizieren. In Xi’an in der Provinz zieht über die verdorrten Felder von Siedlung zu Shaanxi sehen junge chinesische Wanderarbeiter in ihren Siedlung, um Frauen den Zugang zu Familienplanungs­ Jobs auf Märkten und in Fabriken vor allem eine Mög­ methoden zu ermöglichen. Sie warten zum Teil so lichkeit: Sie wollen so viel Geld sparen, bis sie irgendwann sehnsüchtig auf ihre Hilfe, dass sie sie auf ihrer Runde nach Hause zurückkehren und dort ein eigenes Geschäft abpassen und diskret um Verhütungsmittel bitten. aufbauen können. Die 21 Jahre alte Han Qian zum In Skopje, der Hauptstadt der Ehemaligen jugos­ Beispiel studierte anfangs Medizin, wechselte dann in die lawischen Republik Mazedonien, unterhält sich eine Pharmazie und nahm einen Job als Arzneimitteltesterin Gruppe von Frauen über die Unternehmen, die sie in der sich wandelnden Wirtschaft des Landes erfolgreich aufgebaut haben. Mehrere von ihnen haben im Ausland Ricardo Moreno und Sara Gonzalez in Mexiko-Stadt. Das verlobte Paar hat gelebt und dort neben wertvollen Qualifikationen aucht gemeinsam beschlossen, mit der Heirat und der Geburt von Kindern abzuwarten, bis Sara ihre Ausbildung abgeschlossen und einen Arbeitsplatz gefunden hat. viel Selbstvertrauen erworben. Das gelingt vielen jungen ©UNFPA/Ricardo Ramirez Arriola Migranten, egal, ob sie zur Arbeit in andere Länder gehen W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 9
  • 16. oder in Städte im eigenen Land. Marina Anchevska, eine In Mexiko rechnen sich viele junge Menschen guteder Jungunternehmerinnen in Skopje, hat sich nach ihrer Karrierechancen in der Nahrungsmittelindustrie und imRückkehr aus den Niederlanden eine Existenz als Personal­ Dienstleistungssektor aus. Inmitten des Lärms der Skate­und Businessberaterin mit einem Schwerpunkt auf Yoga boarder und BMX­Radfahrer, die über die eigens für sieaufgebaut. Ihr Ziel ist es, die Atmosphäre in den Büros unter einer Brücke in Mexiko­Stadt aufgebauten Rampenund Chefetagen des einstmals sozialistischen Landes, das rollen, legt der 16 Jahre alte Leo Romero eine Pause ein.seine Entwicklung mit Hilfe ausländischer Investoren Dann erzählt er, dass er an einem kulinarischen Institutund internationaler Wirtschaftspartner vorantreiben will, studieren und danach eine Laufbahn in der Gastronomieaufzulockern. einschlagen möchte. Leo, der sich als Musiker in einer In der nigerianischen Millionenstadt Lagos hat Fauziya Salsa­Band nebenher etwas Geld dazuverdient, sagt, dassAbdullahi vor den Parlaments­ und Präsidentschaftswahlen er seinen Freunden rät, in der Schule zu bleiben und erstim Frühjahr 2011 eine Kampagne organisiert, mit der zu heiraten, wenn sie gute Jobs haben.sie junge Menschen gezielt zum Gang an die Wahlurnen In Indien haben währenddessen viele Tausend jungemotivierte. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Universitätsabsolventen durch die Arbeit in Call­CenternAfrikas, sind 70 Prozent der Einwohner jünger als 35 Jahre. den Anschluss an die globale Ökonomie geschafft undIhre Kampagne hat sie »Buggie the Vote« benannt – nach sind zuversichtlich, damit den ersten Schritt für eineeiner erfolgreichen nationalen Fernsehserie für Jugendliche Karriere im Hightech­Bereich getan zu haben.namens »School Buggie«. Unter dem Slogan »Mit ihren Überall haben junge Menschen die Hoffnung, denStimmen bestimmen die Jungen die Zukunft« hat sie die Anspruch und den Ehrgeiz, ihr eigenes Leben und daspolitische Debatte und das politische Engagement unter ihrer Altersgenossen, Nachbarn, Gemeinschaften undden jungen Stadtbewohnern von Lagos befördert. Länder zu verbessern. Ob sie damit Erfolg haben, hängt von ihrer Fähigkeit ab, die neu entstehenden Bildungs­ und ökonomischen Chancen zu nutzen und die Hindernisse Fauziya Abdullahi mobilisiert die Jugend in Lagos, Nigeria.▲ © UNFPA/Akintunde Akinleye zu überwinden, die der Verwirklichung ihrer sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte entgegenstehen. Mehr junge Menschen, mehr Möglichkeiten Nahezu die Hälfte der sieben Milliarden Menschen auf der Erde ist 24 Jahre oder jünger – 1,2 Milliarden von ihnen sind im Alter zwischen zehn und 19 Jahren. Ihr Anteil an der Bevölkerung hat in einigen der großen Entwicklungsländer inzwischen den Scheitelpunkt erreicht. Zu diesem Ergebnis kommt die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen in ihren »World Population Prospects: The 2010 Revision«. Tatsächlich ist der Prozent­ satz junger Menschen – laut UN­Definition sind dies 10­ bis 24­Jährige – vielerorts rückläufig, nicht nur in den entwickelten Industrieländern, sondern auch in Ländern mit mittleren Einkommen. In Mexiko etwa, wo die Fertilität in den letzten Jahrzehnten signifikant10 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 17. zurückgegangen ist, schrumpft die Bevölkerungspyramidean ihrer Basis kontinuierlich zusammen. Der Anteilder 0­ bis 14­Jährigen an der Gesamtbevölkerung hat sichvon 38,6 Prozent im Jahr 1990 auf 34,1 Prozent zehnJahre später und 29,3 Prozent im Jahr 2010 verringert.Parallel dazu ist das Medianalter der mexikanischenBevölkerung in diesen zwei Jahrzehnten von 19 auf26 Jahre angestiegen. Der Überhang der geburtenstarkenJahrgänge verschiebt sich in den mittleren Altersbereichund verändert damit das Aussehen der Bevölkerungs­pyramide. Zahlen wie diese belegen, dass in den Ländern mitmittleren Einkommen und einigen sich rasch entwickeln­den Ländern mit niedrigen Einkommen das Zeitfenstereng begrenzt ist, in dem sie auf eine große junge Erwerbs­tätigenbevölkerung für ihre Entwicklung zählen können.Die Regierungen und der private Sektor müssen raschhandeln, wollen sie die nachrückenden Generationen füreine produktive Rolle qualifizieren und ausreichendAngebote für ihren Einstieg in das Arbeitsleben schaffen. »Zum Sex kann man Nein sagen, zu Kondomen niemals!« steht in einer t Broschüre, die Ethel Phiri, Aktivistin bei AMODEFA in Maputo, Mosambik, In Afrika südlich der Sahara, wo das Wirtschaftswachs­ präsentiert.tum vergleichsweise hoch ist, warnten die UN­Wirt­ © UNFPA/Pedro Sá da Bandeiraschaftskommission für Afrika und die Afrikanische Unionin ihrem »2011 Economic Report on Africa« die Regierungender Region, dass der Aufschwung nicht zur Entstehung unterstützen. Sie fordert, das höhere Bildungssystemder benötigten Anzahl neuer Arbeitsplätze geführt habe. des Landes einschließlich der wissenschaftlichen ForschungSie mahnten effektivere staatliche Interventionen zur zu modernisieren und damit den Weg für einen uni­Stimulation des Arbeitsmarktes durch arbeitsplatzschaffende versitären Austausch über die Landesgrenzen hinweg zuMaßnahmen und Programme an. bereiten. »Es tut mir unendlich Leid für meine Studenten, In Skopje beobachtet die Soziologin Antoanela weil sie sehr intelligente junge Menschen sind«, sagt sie.Petkovska von der St. Cyril und Methodius­Universität »Wir haben ein sehr großes Potenzial, aber in einigenmit großer Sorge die demoralisierende Wirkung der Bereichen brauchen sie einfach mehr Unterstützung.«schlechten Arbeitsmarktperspektiven auf die Studierenden. Die ökonomischen und sozialen Entwicklungen, die»Vor allem wegen der hohen Arbeitslosigkeit sind die sich auf die Jugend in Indien auswirken, sind für vielejungen Leute hier sehr pessimistisch, was ihre Zukunft Demographen von besonderem Interesse. Denn das Land,angeht«, sagt sie. »Ihnen bieten sich kaum Möglichkeiten, in dem derzeit 1,2 Milliarden Menschen leben, ist auf demund so sind sie vor allem auf Diplome aus und nicht besten Wege, China mit seinen rund 1,3 Milliarden Ein­auf Wissen.« Petkovska sieht die Regierung in der Pflicht, wohnern bis 2025 als bevölkerungsreichstes Land der Erdedie jungen Menschen bei der Integration in eine um­ abgelöst zu haben. Seine demographische Entwicklung wirdfassendere europäische intellektuelle Gemeinschaft zu das globale Bevölkerungsprofil unweigerlich beeinflussen. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 11
  • 18. besitzt, als Indikatoren für ein anhaltend starkes wirtschaft­ liches Wachstum auf dem Subkontinent. Chandramouli sieht nur eine Gefahr: »Die Frage jetzt lautet, wie wir mit dem hohen Anteil Jugendlicher umgehen«, sagt er. »Welche Qualifikationen sollen die jungen Menschen erhalten? Wie verwandeln wir sie in Aktivposten?« Eintritt in den Arbeitsmarkt, wenn Jobs rar sind Sichere, gut bezahlte Arbeitsplätze sind heute fast überall Mangelware, insbesondere für junge Menschen. Laut einem Bericht der Internationalen Arbeitsorgani­ sation (ILO) waren 2010 von den weltweit 620 Millionen Ägyptische Jugendliche in der Nähe des Tahrir-Platzes in Kairo. jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren 81t © UNFPA/Matthew Cassel Millionen – das entspricht einem Anteil an der Alters­ gruppe von 13 Prozent – arbeitslos, hauptsächlich infolge In Indien liegt die durchschnittliche Kinderzahl mit der globalen Finanz­ und Wirtschaftskrisen.2,73 Kindern pro Frau immer noch deutlich über dem Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise schnellteErsatzniveau von 2,1 Kindern. Dort leben heute mehr als die Arbeitslosenquote von Jugendlichen so rapide in die600 Millionen Menschen unter 24 Jahren. Nach Über­ Höhe wie nie zuvor – von 11,9 auf 13 Prozent in derzeugung der indischen Regierung wird die Wirtschaft des Zeit von 2007 bis 2009.Landes auf Jahre hinaus von dieser großen Kinder­ und Dabei haben, wie es in dem ILO­Bericht weiter heißt,Jugendschar profitieren. Bevölkerungsexperten und junge Frauen mehr Schwierigkeiten, eine Arbeit zu findenSoziologen dagegen zeigen sich skeptisch. Sie fragen, wie als junge Männer. 2009 betrug die Arbeitslosenquoteviele dieser jungen Menschen eine produktive Rolle in bei jungen Frauen 13,2 Prozent, die bei jungen Männernder zusehends komplexer und anspruchsvoller werdenden 12,9 Prozent. Besonders »schlimm«, so die ILO, sei dieindischen Wirtschaft übernehmen können. Denn laut Lage in den arabischen Ländern. »Sie kann nur nochdem neuesten Bericht »State of the World’s Children 2011« schlimmer werden, wenn sich aufgrund der Wirtschafts­des Kinderhilfswerkes UNICEF sind über 48 Prozent der krise auch noch die wenigen Türen für diejenigenKinder in Indien unterernährt, lediglich 66 Prozent verschließen, die durch Arbeit versuchen, ein gewissesschließen die Grundschule ab und nur knapp die Hälfte Einkommen und Selbstbestätigung zu erwerben«, warntbesucht eine weiterführende Schule. die ILO und konstatiert eine »immense Verschwendung C. Chandramouli, Generalregistrator und Zensus­ des produktiven Potenzials junger Frauen«.kommissar der indischen Regierung, beurteilt die indus­ Selbst in wirtschaftlich guten Zeiten tun sich jungetriellen Wachstumsaussichten des Landes dagegen sehr Frauen bei der Suche nach Arbeit im Allgemeinen schwereroptimistisch. Seiner Meinung nach besitzt das in der als junge Männer. Wenn sie eine Stelle finden, ist dieseindischen Jugend schlummernde riesige Arbeitskräfte­ häufig schlechter bezahlt und im informellen Sektor ange­reservoir das Potenzial, die Volkswirtschaft auf Jahrzehnte siedelt, wo Arbeitsplatzsicherheit oder Sozialleistungenhinaus anzutreiben. Auch Ökonomen außerhalb Indiens Fremdworte sind.nehmen diesen Faktor und die Tatsache, dass Indien einfür politische Korrekturen offenes demokratisches System12 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 19. Jugendarbeitslosigkeit und erst recht Fälle, in denenjunge Menschen so entmutigt sind, dass sie die Suchenach einer Arbeit ganz aufgegeben haben, »gehen mithohen Kosten für die Wirtschaft, die Gesellschaft und dieBetroffenen mitsamt ihren Familien einher«, mahnt dieILO. Es »besteht nachgewiesenermaßen eine Verbindungzwischen Jugendarbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung.«Nicht selten müssen junge Menschen, die kein eigenesEinkommen verdienen können, von ihren Familien unter­stützt werden. Dadurch fehlt den Haushalten Geld fürErnährung, Bildung und andere Grundbedürfnisse.Jugendarbeitslosigkeit bedeutet auch, dass GesellschaftenBildungsinvestitionen verlieren und dem Staat möglicheBeitragszahlungen zu den sozialen Sicherungssystemenentgehen. »Das alles stellt eine direkte Gefahr für dasWachstums­ und Entwicklungspotenzial von Volkswirt­schaften dar«, heißt es in dem ILO­Bericht. Die Schaffungvon Erwerbsmöglichkeiten ist von höchster Bedeutung,denn junge Menschen haben nicht nur Ideen und treibenInnovationen voran, sondern sie sind auch »die Motorender wirtschaftlichen Entwicklung« eines Landes. »DiesesPotenzial nicht zu nutzen, kommt einer ökonomischen Fernanda Manhique studiert Geographie an der Eduardo-Mondlane- t Universität in Maputo, Mosambik.Verschwendung gleich.« © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira Als Anfang 2011 die Menschen in den arabischenLändern in Massen auf die Straßen gingen, verwiesdie ILO auf die mit 23,4 Prozent extrem hohe Jugend­ Arbeitssuchende ohne höhere Schulbildung dürftearbeitslosigkeit in der arabischen Welt als eine der die Situation in den kommenden Jahren noch weitausHauptursachen für die Erhebungen. schwieriger werden. »In Mosambik hat man es als junger Mensch nicht Vielerorts versuchen junge Menschen, sich neue Mög­leicht«, sagt Rui Pedro Cossa, ein 24 Jahre alter Geographie­ lichkeiten und Chancen zu schaffen: In Nigeria wurdestudent an der Eduardo­Mondlane­Universität in 2008 mit der Gründung des Nationalen JugendparlamentsMaputo. »Normalerweise sollte man in seiner Jugend eine offizielle Plattform für junge Menschen geschaffen.Erfahrungen für die Zukunft sammeln«, fährt er fort, »aber Hier, so die Absicht der Regierung, sollen sie durch direktehier haben wir mehr Probleme als Chancen. Es gibt keinen Partizipation lernen, wie Gesetze verfasst, HaushaltpläneWeg, wie wir diese Hindernisse überwinden könnten.« erstellt und politische Programme formuliert werden. Die Cossas Kommilitonin Fernanda Paola Manhique über 100 Mitglieder des Jugendparlaments versammelnstimmt ihm zu und sagt, dass die Beschäftigungsaussichten sich am Sitz der Nationalversammlung in der Hauptstadtfür junge Menschen »schwierig« sind. Abuja. Sie sollen Vorschläge entwickeln, die der Regierung So schwer es für Cossa und Manhique schon heute zur weiteren Beratung vorgelegt werden. Im ersten Jahrsein mag, eine Arbeit in ihrem Berufsfeld zu finden, für seines Bestehens schlug das Jugendparlament mehrere W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 13
  • 20. Maßnahmen vor, die später von der Regierung übernommen wurden, darunter ein nationaler Jugendbeschäftigungsplan.Erwerbstätigenquoten bei Olalekan Azeez­Iginla, der Koordinator für dasjungen Menschen nach Region und Nationale Jugendnetzwerk zu HIV/Aids, BevölkerungGeschlecht, 2010 und Entwicklung im Bundesstaat Lagos, setzt sich fürDie Erwerbstätigenquote junger Frauen liegt in allen bessere Beschäftigungschancen für Jugendliche ein. BisRegionen mit Ausnahme Ostasiens unter der junger vor kurzem, sagt er, hätten junge Menschen in NigeriaMänner. Die Hauptursachen liegen in unterschiedlichen keinen spürbaren Einfluss auf die Politik nehmen können.kulturellen Traditionen sowie in fehlenden Möglichkeiten Er führt ein Verzeichnis qualifizierter Jugendlicher, diefür Frauen, Arbeit und Familie zu vereinbaren. Das gilt »mithelfen wollen, die Zukunft zu planen, von der sie einfür Entwicklungsländer wie für Industrieländer. In vielenRegionen sind die Unterschiede bei der Erwerbstätigenquote Teil sein werden«. Azeez­Iginlas Ziel ist es, mit Hilfevon Mann und Frau in den vergangenen zehn Jahren zurück­ des Gouverneurs von Lagos, Jobs für bis zu eine Milliongegangen. Insbesondere in Südasien, dem Nahen Osten qualifizierte Jugendliche zu finden oder neu zu schaffen.und Nordafrika sind sie jedoch nach wie vor stark ausge­prägt. In Nordafrika ist die Erwerbstätigenquote unter jungen viele junge Menschen haben kleinere FamilienFrauen in diesem Zeitraum schneller gesunken als bei jungenMännern. Damit hat sich hier der Abstand zwischen den Die jungen Menschen von heute, von denen viele in denGeschlechtern sogar vergrößert. am wenigsten entwickelten Ländern leben, verlangen und verdienen eine bessere Bildung, eine gute Gesundheits­ versorgung und Arbeitsplätze, damit sie sich und ihre Familie versorgen können. In vielen Industrieländern heiraten junge Frauen und Männer später und bekommen Gesamt Männer Frauen weniger Kinder, ein Trend, der sich allmählich auch in in % in % in % vielen Entwicklungsländern abzeichnet. Dabei hängt dieseWelt 50,9 58,9 42,4 Entwicklung nicht nur mit dem steigenden BildungsniveauEntwickelte Volkswirtschaften 50,2 52,6 47,7 und besseren Arbeitsmöglichkeiten zusammen, sondern(mit gesamter EU) auch mit dem besseren Zugang zu Diensten derMittel- und Südosteuropa 41,7 47,7 35,5 sexuellen und reproduktiven Gesundheit, einschließlich(Nicht-EU-Länder) sowie Verhütungsmitteln.Commonwealth-Staaten Äthiopien ist ein einkommensschwaches Land, in demOstasien 59,2 57,0 61,6 nach Angaben der Weltbank 39 Prozent der 82,9 Millionen Einwohner unterhalb der internationalen ArmutsgrenzeSüdostasien und Pazifik 51,3 59,1 43,3 von 1,25 US­Dollar am Tag leben. Hier beeinflusst vorSüdasien 46,5 64,3 27,3 allem die materielle Not die jungen Frauen und MännerLateinamerika und Karibik 52,1 61,3 42,7 in den Städten bei der Entscheidung zur Gründung einer Familie. Laut Assefa Hailemariam, dem früheren LeiterNaher Osten 36,3 50,3 21,5 des Studien­ und Forschungszentrums für Bevölkerungs­Nordafrika 37,9 52,5 22,9 fragen am Institut für Entwicklungsstudien der UniversitätAfrika südlich der Sahara 57,5 62,7 52,2 Addis Abeba, sinkt die Fruchtbarkeitsrate unter jungen Stadtbewohnern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen.Quelle: Global Employment Trends for Youth, ILO, 201014 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 21. »Das Leben in den Städten ist schwierig«, sagtHailemariam. »Man kann sich nicht auf Verwandte ver­lassen, die nach den Kindern schauen. Man kann sichnicht zu viele Kinder leisten – sie aufziehen, sich um siekümmern. Außerdem haben die Menschen in denStädten Zugang zu Medien. Deshalb ist ihnen bewusst,dass kleinere Familien für die Kinder besser sind. Mankann den Kindern beispielsweise leichter Bildung ermög­lichen und ihnen bessere Kleidung kaufen.« Im landesweiten Durchschnitt lag die Fruchtbarkeits­rate in Äthiopien im Zeitraum von 2005 bis 2010 bei Jugendaktivist Olalekan Azeez-Iginla beim Interview im UNFPA-Büro in t Lagos, Nigeria.4,6 Kindern pro Frau. In der Hauptstadt Addis Abeba © UNFPA/Akintunde Akinleyedagegen ist sie nach Auskunft von Hailemariam inzwischenauf unter 1,5 Kinder pro Frau gefallen. »2000 lag sienoch bei 1,9 Kindern. Wir gehen davon aus, dass sie jetztnoch niedriger ist«, erklärte er. »Das liegt nicht unbedingtan der Verwendung von Verhütungsmitteln, auch wenndies natürlich eine Rolle spielt. Mehrere Faktoren spielen Investitionen in Jugendliche zahleneine Rolle: das höhere Alter bei der Eheschließung in sich ausder Hauptstadt, das höhere Bildungsniveau, die bessereGesundheitsversorgung und der bessere Zugang zu Ver­ Das Jugendalter ist eine wichtige Phase, in der Menschenhütungsmitteln.« Qualifikationen erwerben, soziale Netzwerke knüpfen und andere Eigenschaften ausbilden, die zusammen das für ein erfülltes Leben notwendige soziale Kapital bilden. DieSpätere Eheschließungen fördern Tatsache, dass das im Heranwachsendenalter gebildete Amsalu Buke ist noch recht jung. Trotzdem ist sie Humankapital zugleich eine wichtige Bestimmungsgrößeschon zu einer aufmerksamen Beobachterin des Lebens des langfristigen Wachstums einer Volkswirtschaft ist,der Mädchen in den abgelegenen Siedlungen geworden, liefert ein gewichtiges makroökonomisches Argument für verstärkte Investitionen in junge Menschen.die sie mit ansonsten kaum zugänglichen Verhütungs­ Soziale Investitionen in die Bildung, Gesundheit undmitteln versorgt. In den vier Jahren, die sie auf ihren Beschäftigung junger Menschen helfen den Ländern, eineRundgängen nun schon ins Dorf Tare kommt, ist die starke ökonomische Basis aufzubauen und auf diese WeiseZahl der Kinderehen dort deutlich zurückgegangen. die generationenübergreifende Armut umzukehren. Werden»Früher wurden 13, 14 Jahre alte Mädchen verheiratet«, die Kompetenzen junger Menschen gestärkt, kann das wäh­ rend ihres Arbeitslebens zu deutlich höheren Einkommensagt sie. »Heute ist die Praxis wegen der Aufklärungsarbeit führen.der lokalen Frauenorganisationen nahezu verschwunden.« Junge Menschen bieten auch kurzfristig enormes In Äthiopien ist die Hälfte der Mädchen bereits mit Potenzial für Wachstum. Junge Menschen unbeschäftigt zu18 Jahren verheiratet. Laut UNFPA und dem Population lassen, verursacht Kosten in Form nicht realisierter Wirt­Reference Bureau (PRB), einer unabhängigen Forschungs­ schaftsleistung […]. Der Einkommensverlust in der jüngeren Generation führt zwangsläufig zu einem geringeren Spar­einrichtung in den USA, ist die Zahl der Zwangsheiraten aufkommen sowie zu einer geringeren Gesamtnachfrage.hier zuletzt zurückgegangen. Doch in der Region Amharaund einigen anderen Teilen Äthiopiens stellt die Praxis nach Quelle: Global Employment Trends for Youth, ILO, 2010 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 15
  • 22. wie vor ein großes Problem dar. Eine zu frühe Ehe bedeutetfür die Mädchen nahezu das Ende aller Bildungschancenund kann ihre Gesundheit oder sogar das Leben kosten. Von den zehn Ländern mit den höchsten Raten anKinderehen liegen laut der vom PRB 2011 veröffentlichtenStudie »Who Speaks for Me? Ending Child Marriage« achtin Afrika. Trauriger Spitzenreiter ist Niger, wo 75 Prozentder Mädchen vor Erreichen des 18. Lebensjahres verheiratetwerden. Die beiden nicht in Afrika liegenden Länder aufdieser Liste sind Nepal, wo sieben Prozent der zehnjährigenMädchen und 40 Prozent der 15­jährigen Mädchen ver­heiratet sind, sowie Bangladesch. In Indien, wo arrangierteEhen in mehreren Bundesstaaten ebenfalls sehr häufigsind, kämpft das Centre for Health, Education, Trainingand Nutrition Awareness, eine Nonprofit­Organisationmit Sitz im Bundesstaat Gujarat, gegen die unter Mädchenweit verbreitete Anämie. Diese Krankheit schwächt die Amsalu Buke und ihre Assistentin sind unterwegs, um Familienplanung in t abgelegene äthiopische Gemeinden zu bringen.Mädchen und kann insbesondere bei einer Schwanger­ © UNFPA/Antonio Fiorenteschaft lebensbedrohlich werden. Laut einem Bericht vonSwapna Majumdar von »Women’s eNews«, einem NewYorker Online­Nachrichtendienst, ist die Mangel­ ist eine der Ursachen von arrangierten Ehen, sagt dieerscheinung jährlich für schätzungsweise 6.000 Todesfälle UNFPA­Expertin für Geschlechterfragen, Gayle Nelson.bei schwangeren Heranwachsenden mit verantwortlich. »Wenn wir dieses Thema nicht angehen«, betont sie,Diese Schwangerschaften sind vielfach die Folge früh­ »wird es uns nicht möglich sein, diese oder anderezeitiger Eheschließungen. schädliche diskriminierende Praktiken zu beenden.« »Kinderehen stehen so gut wie jedem Millennium­ Die dominante Machtposition von Männern inEntwicklungsziel (MDG) entgegen: Sie behindern die Beziehungen wird durch Kinderehen weiter verstärkt.Bekämpfung der Armut, den universellen Zugang zur Zudem unterlaufen sie das Recht junger Frauen, über ihreGrundschulbildung, Fortschritte bei der Geschlechter­ reproduktive Geschichte selbst zu bestimmen, und führengerechtigkeit, die Verbesserung der Gesundheit von häufig zu frühen und zahlreichen Schwangerschaften. InMüttern und Kindern und die Bekämpfung von HIV Mosambik wird die Entscheidungsfähigkeit von Frauenund Aids«, warnt der PRB­Bericht. Junge Mädchen oft noch dadurch weiter geschwächt, dass sie in polygamenwerden oft mit älteren Männern verheiratet, die unter Beziehungen leben, was ungefähr jede vierte Frau in demUmständen schon zahlreiche Sexualpartner hatten. Land betrifft.Deshalb sind sie einem höheren HIV­Infektionsrisiko Bei einer Erhebung des mosambikanischen Nationalenausgesetzt als unverheiratete, sexuell aktive Mädchen. Instituts für Statistik gab mehr als die Hälfte der befragten Ein Kind zur Ehe zu zwingen – egal aus welchem Frauen im Alter von 20 bis 49 Jahren an, vor ihremGrund – ist ein Verstoß gegen die Konvention zur Beseiti­ 18. Geburtstag verheiratet worden zu sein. Jede fünftegung jeder Form von Diskriminierung der Frau sowie die sagte, sie sei vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet worden.UN­Kinderrechtskonvention. Die Geschlechterungleichheit Wie in vielen anderen Ländern, in denen Kinderehen16 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 23. geschlossen werden, betreffen frühe Eheschließungen nicht. In Mosambik sind rund zwei von fünf Frauen, dieauch in Mosambik vor allem Mädchen mit geringer oder verheiratet sind oder in einer Beziehung leben, mit einemohne jegliche Schulbildung. Mann zusammen, der zehn oder mehr Jahre älter ist als Eheschließungen vor Vollendung des 16. Lebensjahres sie selbst.sind in Mosambik per Gesetz verboten. Seit Verabschiedung Ein Bericht von UNFPA und dem Population Councileines neuen Familiengesetzes im Jahr 2004 sind auch aus dem Jahr 2003 benennt als »demographische Konse­Eheschließungen mit Partnern unter 18 Jahren ohne quenzen« von arrangierten Ehen kurze Abstände zwischenelterliche Zustimmung nicht mehr erlaubt. Die wird den Generationen und ein verstärktes Bevölkerungs­allerdings häufig gewährt, weil der Vater die Töchter so wachstum. »Das junge Alter der Bräute und das höherefrüh wie möglich verheiraten möchte. Außerdem ist Alter der Männer verschärfen das Machtgefälle in dendie Durchsetzung des Gesetzes schwierig, insbesondere in Beziehungen«, heißt es in dem Bericht. »Ihr junges Alterabgelegenen Gebieten. Und Mädchen von Beziehungen ist ein Indiz für einen vergleichsweise niedrigen Bildungs­außerhalb einer Ehe, abhalten, kann das Gesetz erst recht grad. Ihr Mangel an Wissen und Fertigkeiten macht sie in Besonders viele Teenagerschwangerschaften in Afrika südlich der Sahara sowie in Lateinamerika und der Karibik 100 + 50 < 100 20 < 50 < 20 Keine Daten seit 2000 Geburtenraten unter Jugendlichen nach Land, neueste die hier verwendeten Bezeichnungen geben keine Meinung von UNFPA verfügbare Schätzungen (Zahl der Geburten pro bezüglich des legalen Status eines Landes, Territoriums oder anderen 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 19 Jahren) Gebiets wieder. die gestrichelte Linie gibt näherungsweise die demarkationslinie zwischen Jammu und Kaschmir wieder, wie Indien Quelle: How Universal Is Access to Reproductive Health?, und Pakistan sie vereinbart haben. Über den endgültigen Status von UNFPA, 2010 Jammu und Kaschmir liegt bis jetzt noch kein Vertrag vor. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 17
  • 24. höherem Maße abhängig von einer hohen Kinderzahl zur und ­Kontrolle in Addis Abeba zählt die Angebote auf,Absicherung ihrer Ehe sowie zur langfristigen sozialen die Jugendliche in diesen Zentren in Anspruch nehmenAbsicherung.« können: HIV­Tests und ­Beratungen, Dienste der repro­ duktiven Gesundheit, Existenzsicherungsprogramme,Integrierte dienstleistungen von Jugendlichen Seminare für Unternehmensführung sowie Kredit­ undfür Jugendliche Sparberatungen. In einem Zentrum gibt es eine große,In Äthiopien ist die Hälfte der Bevölkerung zwischen 15 gut bestückte Bibliothek, voll gepackt mit konzentriertund 29 Jahre alt, das Medianalter beträgt 18,7 Jahre. Hier lesenden Jugendlichen, die zu Hause kaum die Ruhesieht man auf Schritt und Tritt junge Menschen, die sich zum Lernen finden würden.in zahlreichen Programmen für Jugendliche engagieren. Weil die große Mehrzahl der Besucher der Jugend­Allein in Addis Abeba gibt es 56 Jugendklubs oder ­zentren, zentren Jungen und junge Männer sind, gibt es inzwischenund 50 weitere befinden sich im Bau. In ihnen werden auch Programme, die gezielt Mädchen ansprechen. Fürmit Unterstützung unter anderem von UNFPA und junge Hausangestellte, die neben ihrer zeitaufwändigenUNICEF viele staatliche Jugendprogramme umgesetzt. Arbeit kaum Zeit finden, um sich über Hilfsangebote zuDawit Yitagesu vom Büro für HIV/Aids­Prävention informieren, werden in den Jugendzentren spezielle Lebens­ kompetenz­Seminare und Diskussionsgruppen angeboten. Südöstlich der Hauptstadt, in der Gegend von Debre Amsalu Buke besucht eine abgelegene Gemeinde in Äthiopien.▲ © UNFPA/Antonio Fiorente Zeyit, zieht Amsalu Buke als mobile Gesundheitsberaterin von Dorf zu Dorf. Dort gibt es keine Jugendzentren. Aber Amsalus unbeschwertes, jugendliches Auftreten macht es nicht nur jungen Frauen leicht, auf sie zuzugehen. Auch ältere Frauen, die um Verhütungsmittel bitten, und überhaupt alle, die ein Mittel gegen einen verdorbenen Magen, Durchfall oder Kopfschmerzen benötigen, suchen Amsalu auf. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, die Dorfbewohner zu impfen. Auf einer selbst angefertigten Wandtafel in der Gesundheitsstation trägt sie gewissen­ haft jede Impfung ein, die sie gegen Hirnhautentzündung, Tetanus, Polio und Tuberkulose verabreicht. In der Gesundheitsstation in Debre Zeyit, von der aus Amsalu zu ihren Runden startet, gibt es weder fließendes Wasser noch Strom. Die Impfstoffe lagern in einem der drei kleinen Räume der aus Lehm und Stroh erbauten Klinik in einem – per Notstromaggregat angetriebenen – Kühlschrank, den sie von UNICEF bekommen hat. Daneben befindet sich der Entbindungsraum. Neben der für Geburten ausgerüsteten Behandlungsliege findet darin nur noch ein kleiner Tisch für Schüsseln und die wichtigsten medizinischen Instrumente Platz. Wenn Amsalu zu Hausgeburten in Dörfer geht, ist sie zu Fuß18 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 25. oder mit dem Pferd oder Esel unterwegs – es sei denn, Krankenpfleger zu verbessern. Bereits heute leisten siesie hat das Glück, von einem vorbeikommenden Auto sehr gute Arbeit. Sie können beurteilen, wann Hilfe vonmitgenommen zu werden. Experten notwendig ist, und sie sind angewiesen, Patienten Amsalu Buke gehört zu den über 37.000 Gesund­ bei den ersten Anzeichen einer schweren Erkrankung inheitsberaterinnen, die laut Fisseha Mekonnen, Geschäfts­ ein Krankenhaus zu schicken. Amsalu hat das große Glück,führer der Family Guidance Association of Ethiopia dass es in der nicht einmal acht Kilometer entfernten(FGAE), in den letzten Jahren im ganzen Land stationiert Stadt ein Krankenhaus gibt. Selbst das kann jedoch sehrworden sind. Die FGAE arbeitet zusammen mit der weit sein, wenn es weder Krankenwagen noch Taxi gibt,Regierung daran, die Gesundheitsversorgung und den das man im Notfall rufen kann.Zugang zu Familienplanungsangeboten in ländlichenRegionen zu verbessern und Pflegedienste in den Städtenaufzubauen. Dieser neue Dienst wird von Gesundheits­ »Das junge Alter der Bräute undberaterinnen getragen, von denen viele wie Amsalu selbst das hohe Alter der Männernoch sehr jung sind. Er gilt als Vorbild für andereEntwicklungsländer mit unzureichender Gesundheits­ verschärfen das Machtgefälle inversorgung – und als ein Modell, wie man junge den Beziehungen.«Menschen in nationalen Programmen einbinden kann,die unabhängig vom Alter für alle wichtig sind. Einige der Gesundheitsstationen sind, wie Fisseha In Mosambik ist die Hälfte der Bevölkerung jüngersagt, mit solarbetriebenen DVD­Spielern und Filmen zu als 25 Jahre. Junge Menschen können jedes Land positivverschiedenen Themen aus den Bereichen Gesundheit, verändern und zu einer dynamischen VolkswirtschaftErnährung und Lebensführung ausgestattet. »Die DVDs beitragen. Aber in Mosambik sind es gerade die jungensollen laufen, wenn die Patienten kommen«, sagt er. »Die Menschen, die oft am meisten unter den schwierigenAnlage gehört der Gemeinde, und die Zivilgesellschaft hat wirtschaftlichen Bedingungen und den Defiziten imdas Privileg, sie zu benutzen.« In der Gesundheitsstation Bildungs­ und Gesundheitsbereich leiden, berichtetin Debre Zeyit gibt es zwar noch keinen DVD­Spieler, Emidio Sebastião Cuna. Der UNFPA­Mitarbeiter betreutaber Amsalu hat auf ihrem Tisch eine Zeichnung in Mosambik das Geração Biz-Programm (portugiesischaufgestellt, auf der zu sehen ist, wie einer Frau eine Ver­ für »fleißige Generation«), ein staatliches Programm zurhütungsspritze verabreicht wird. Diese Verhütungsmethode Vermeidung von Teenagerschwangerschaften sowie zurwird in den Ländern Afrikas südlich der Sahara häufig Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbarengewünscht. Infektionskrankheiten unter Heranwachsenden. Das Eine junge Assistentin hilft der Gesundheitsberaterin Programm wird von drei Ministerien und mehrerenbei den Patientenakten und ihren Runden durch die nationalen NGOs mit technischer Unterstützung vonDörfer. Amsalu hat nach Abschluss der Mittelschule einen Pathfinder International und dem UN­Bevölkerungsfondseinjährigen Kurs in primärer Gesundheitsversorgung umgesetzt, der zusammen mit Dänemark, Norwegenabsolviert, bei dem sie auch zur Hebamme ausgebildet und Schweden auch finanzielle Hilfe leistet.wurde. Sie verdient im Monat 570 äthiopische Birr, Durch das Geração Biz-Programm organisierenumgerechnet 34 US­Dollar. die Ministerien für Gesundheit, Bildung sowie Jugend Laut Fisseha gibt es Pläne, die Ausbildung der Gesund­ und Sport gemeinsam jugendfreundliche Angeboteheitsberaterinnen mindestens auf das Niveau professioneller für die sexuelle und reproduktive Gesundheit, W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 19
  • 26. Informationskampagnen zu Verhütung und HIV/Aids­ heerend wie im Kontext von HIV/Aids.« Heute sind 11,5Prävention an Schulen sowie Informationsangebote für Prozent der Mosambikaner im Alter von 15 bis 49 Jahrenjunge Menschen, die nicht zur Schule gehen. mit dem Virus infiziert. Die Notwendigkeit zu Angeboten, die speziell auf Mit Hilfe eines Netzwerks von 5.000 JugendberaternJugendliche zugeschnitten sind, zeigte sich in Mosambik setzt sich Geração Biz über diese Tabus hinweg, durch­besonders drastisch nach dem Ende des blutigen Bürger­ bricht das Schweigen und ermöglicht den Jugendlichen inkriegs, als viele Tausend junge Menschen auf der Suche Mosambik ohne moralisch erhobenen Zeigefinger einennach einer Arbeit und einem Auskommen in die Städte Zugang zu Informationen und Diensten der sexuellenströmten. Doch in der kriegsgeschwächten Wirtschaft und reproduktiven Gesundheit.waren Arbeitsplätze Mangelware und die sozialen Die 24 Jahre alte Yolanda ist zum ersten Mal schwangerSicherungssysteme nicht in der Lage, die steigende Nach­ und zu einer Vorsorgeuntersuchung in das Büro derfrage zu befriedigen. Infolge der massenhaften Abwanderung mosambikanischen Familienplanungsorganisationin die Städte wuchs die Zahl der sexuell aktiven jungen AMODEFA in Maputo gekommen. AMODEFA ist eineMenschen mit nur wenig oder keinem Zugang zu der NGOs, die das Geração Biz-Programm umsetzen,Informationen über Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft indem sie kostenlose Dienste für junge Menschen unteroder die Gefahr sexuell übertragbarer Infektionskrankheiten. 25 Jahren anbietet. Yolandas erster Besuch bei AMODEFA »Traditionell sind Gespräche über sexuelle Gesundheit liegt schon mehrere Jahre zurück. Damals informiertemit Heranwachsenden ein Tabu«, sagt Juliao Matshine, sie sich über Verhütungsmittel und Möglichkeiten zumder als UNFPA­Berater in Mosambik tätig ist. »Auf keinem Schutz vor HIV/Aids. »Hier fällt es mir leichter, überanderen Gebiet erwies sich das unzureichende Wissen schwierige Themen wie HIV zu reden«, sagt sie. »Hierüber sexuelle und reproduktive Gesundheit als so ver­ geht das viel besser als zu Hause.« Esthere Cabele, die als Beraterin für AMODEFA arbeitet, sagt, dass jeden Monat rund 120 neue Klienten Ester Cabele, Krankenschwester bei AMODEFA in Maputo, Mosambik.▲ © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira zu ihr kommen – die allermeisten davon Frauen – und um Verhütungsmittel bitten. Sie bietet ihren Klienten auch einen kostenlosen HIV­Test an. Allein im April 2011 fiel der Test bei sechs Personen positiv aus. Die Angebote von AMODEFA sind beliebter als die der staatlich geführten Gesundheitszentren, sagt Cabele. Sie sind weniger überfüllt, die Mitarbeiter sind speziell im Umgang mit jungen Menschen trainiert, und AMODEFA bietet Beratungen und Dienstleistungen in einer sicheren Umgebung an. Cabele ist überzeugt, dass sich ohne diese Arbeit mehr junge Menschen mit HIV infizieren und mehr junge Frauen ungewollt schwanger die Schule abbrechen und damit ihre Zukunft aufs Spiel setzen würden. Coalisão ist eine weitere NGO, die mit der Umsetzung des Geração Biz-Programms betraut wurde. Hier infor­ miert und berät die 26­jährige Maria Felicia über Fragen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Sie vermittelt20 KAP IT EL 2 : JUGENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VERä N d E RT d IE W E LT
  • 27. jungen Menschen zudem Lebenskompetenzen undinformiert sie über Erwerbsmöglichkeiten. Ihrer Meinungnach werden viele junge Frauen schwanger, weil sie zuwenig über Verhütung wissen oder kaum in der Lagesind, mit ihrem Partner die Verwendung von Verhütungs­mitteln auszuhandeln. »Das ist deshalb so schwierig«,erklärt Felicia, »weil die sexuelle Initiative in unsererKultur ausschließlich dem Mann überlassen wird. Wenneine Frau von ihrem Partner verlangt, ein Kondom zubenutzen, wird er annehmen, dass sie HIV­positiv ist.« Der 28­jährige Jossias Chitive von der NGO Nucleode Malavane organisiert im Rahmen des Geração Biz-Programms Haustür­Kampagnen zur HIV­Prävention. Diejungen Männer, mit denen er spricht, »reden nicht gernüber Kondome«. Doch der Automat mit kostenlosenKondomen vor dem Büro der Organisation muss trotzdemjeden Morgen neu aufgefüllt werden. t Jossias Chitive, HIV-Aktivist und Student, Eduardo-Mondlane-Universität. © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira Junge Frauen und Männer dazu zu bringen, offenüber Sex zu reden, sei trotz der Fülle an verfügbarenInformationen und Dienstleistungen immer noch eine von 80 Experten, die sich im Dezember 2010 in derHerausforderung, meint Fenius Matshinhe, ein Jugend­ kolumbianischen Hauptstadt Bogotá auf Einladung vonberater am Gesundheitszentrum Boana auf halbem Wege UNFPA auf der Global Consultation on Sexualityzwischen Maputo und der Grenze zu Swasiland. »Beiden, Education über Fragen der Sexualaufklärung austauschten.Jungen wie Mädchen, fällt es schwer, offen miteinander Aufklärung trage nicht nur zu einer besseren Gesund­zu reden«, sagt er. Die Erfahrungen aus dem Geração Biz- heit sowie zur Prävention sexuell übertragbarer Infektions­Programm zeigten jedoch, dass sich Einstellungen und krankheiten einschließlich HIV und zur VermeidungVerhaltensweisen ändern, wenn die Jugendlichen mehr ungewollter Schwangerschaften bei jungen Menschen bei.über ihre Rechte und Möglichkeiten erfahren. Sie förderte überdies gleichberechtigte Geschlechterrollen und stärkte junge Frauen, so Mona Kaidbey, stellvertre­Sexualaufklärung informiert und stärkt junge tende Direktorin der Technischen Abteilung bei UNFPA.Menschen Sie ist für die Jugendinitiativen von UNFPA zuständigMillionen Mädchen und Jungen träumen davon, ein und hat die Konferenz von Bogotá mitorganisiert.erfülltes, glückliches und sicheres Leben zu führen. Doch Aufklärungsprogramme, die Fragen zu den Geschlechter­die große Mehrheit von ihnen erhält kaum verlässliche rollen und Machtverhältnissen in einer BeziehungInformationen über Sexualität und Geschlechterrollen. thematisieren, trügen wirksam dazu bei, riskante Ver­Die Folgen sind nur allzu bekannt: Ohne Zugang zu haltensweisen zu reduzieren, so Kaidbey. Als Beispieleiner umfassenden Sexualaufklärung sowie zu Diensten führt sie das Program H an, eine Initiative, die in Brasiliender sexuellen und reproduktiven Gesundheits sind junge mit jungen Männern arbeitet, um diskriminierendeMenschen und insbesondere Mädchen weitaus höheren Rollenbilder und Verhaltensweisen in Frage zu stellen.Gesundheitsrisiken ausgesetzt. So lautet auch das Fazit Wie eine Evaluation des Programms ergab, gingen unter W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 21
  • 28. den teilnehmenden jungen Menschen riskante Verhaltens­ allgemeine Wohlergehen junger Menschen fördern.weisen und Neuinfektionen mit sexuell übertragbaren »Wir haben nun eine neue Generation von Programmen,Krankheiten zurück. die sehr vielversprechend sind, weil sie auf Forschungs­ Das Recht auf eine umfassende und nicht diskrimi­ ergebnissen und Evaluationen beruhen, die eindeutignierende Sexualaufklärung basierte auf dem Aktions­ positive Folgen belegen«, sagt Kaidbey.programm der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz und So wichtig es ist, die Sexualaufklärung in die Lehr­auf einer Reihe weiterer internationaler Abkommen, betont pläne der Schule aufzunehmen, so wichtig ist es auch,Kaidbey. Dennoch »haben nach wie vor viel zu wenig Programme für junge Menschen zu entwickeln, die nichtjunge Menschen Zugang zu Aufklärungsprogrammen.« zur Schule gehen, etwa junge verheiratete Frauen, »In der Tat«, fährt sie fort, »erhalten die meisten jungen Migranten und Jugendliche, die in Konfliktgebieten oderMenschen keine angemessenen Informationen über in abgelegenen Regionen leben. Diese Programme solltenSexualität und sie wissen nicht, wie sie sich vor sexuell die Vielfältigkeit und Komplexität der Lebensumständeübertragbaren Infektionskrankheiten einschließlich HIV junger Menschen aufgreifen. »Aufklärungsprogramme«,schützen oder ungewollte Schwangerschaften vermeiden bestätigt Kaidbey, »müssen in den unterschiedlichstenkönnen.« Politiker und kommunale Führer scheuten Situationen umgesetzt werden. Dafür muss man dorthinoftmals davor zurück, Sexualaufklärung offen zu fördern, gehen, wo die Jugendlichen sind.«weil sie keine Kontroversen provozieren möchten, fügtKaidbey hinzu. Ein weiteres weit verbreitetes Problem die Jugend am Steuersind Schwächen in den Bildungssystemen. »Die Lehrpläne In Nigeria ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung jüngerin den Schulen sind dicht gepackt, Lehrer häufig über­ als 25 Jahre. Das Medianalter liegt bei 18,5 Jahren. Hierfordert und unterbezahlt, die Mittel für Fortbildungen nehmen junge Menschen auch außerhalb des Nationalenund Lehrmaterialen begrenzt. Anreize, ein neues und noch Jugendparlaments immer aktiver am politischen Lebendazu heikles Fach einzuführen, sind kaum vorhanden. teil, um sich Gehör zu verschaffen und ihre Präsenz sicht­Infolge der Ausgabenkürzungen im sozialen Sektor wird bar zu machen. Die von Fauziya Abdullahi und ihrenes vielerorts immer schwieriger, die finanziellen Ressourcen Mitstreitern im Vorfeld der Wahlen 2011 auf die Beineaufzutreiben, die für die Fortbildung der Lehrkräfte und gestellte Kampagne zur Wahlregistrierung jungerdie Einführung wirksamer Methoden erforderlich sind.« Nigerianer wird nun als Kampagne zur Stärkung des Ein weiteres Problem sei die häufig fehlende bürgerschaftlichen Bewusstseins fortgeführt. Die WahlenKontinuität; Veränderungen in der Regierung können hätten, so Addullahi, »die Notwendigkeit für einedie politische Linie der Bildungsministerien beeinflussen. intensive staatsbürgerliche Bildung und den Aufbau von»Vielerorts kommt aus dem politischen Bereich keine Fähigkeiten gezeigt, mit deren Hilfe junge Menschenaktive Unterstützung für eine Ausweitung der Sexual­ das Steuer in die Hand nehmen und ihr Schicksal selbstaufklärung. Ohne klare nationale Richtlinien und ohne lenken können«.das Engagement der höchsten Führungsebenen wird In den Außenbezirken der am Suezkanal gelegenenes immer wieder Bildungsminister geben, die sich für ägyptischen Stadt Ismaila erzählt ein ungefähr 15 JahreAufklärung einsetzen und andere, die das nicht tun.« alter Junge von der Hochstimmung, die seine Generation Wie wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, erfasst hat und von ihren Hoffnungen, nach dembewirkt Sexualaufklärung nicht nur einen Rückgang von Umsturz im Land selbst politischen Einfluss ausüben zuhoch riskanten Verhaltensweisen. Erfolgt sie rechtebasiert können. »Wir haben diese Revolution gemacht«, sagt er.und sensibel für Geschlechterrollen, kann sie auch das »Unsere Familien waren es gewohnt, den Mund zu halten.22 KAP IT EL 2 : JUGENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VERä N d E RT d IE W E LT
  • 29. Aber wir haben den Mund nicht gehalten. Wir sind aufdie Straßen gegangen, um unsere Träume zu verwirk­lichen.« Er hat sich einer Gruppe politisch aktiver jungerMenschen zwischen 15 und 25 Jahren angeschlossen, diesich dafür einsetzt, das Bewusstsein für die Belange derJugend zu stärken. Die Gruppe wird von der ägyptischen Regierung undUNFPA durch eine Partnerschaft mit Y-Peer unterstützt,einem Netzwerk von Jugendorganisationen, das sich derFörderung eines gesunden Lebensstils bei jungen Menschenwidmet. Y-Peer gehören viele ähnliche Gruppen inanderen arabischen Ländern, Osteuropa, Zentralasien undOstafrika an. Im ägyptischen Ismaila bietet die Initiativejungen Menschen eine dringend benötigte Anlaufstelle,wo sie Informationen zu Fragen der reproduktiven Gesund­heit erhalten und offen darüber reden können. »Zurzeitinteressieren sich die jungen Menschen allerdings mehrfür Politik als für Gesundheitsthemen«, sagt die Jugend­liche Heba Mohammed Ahmed. Sie müssten jedochGesundheit als elementaren Bestandteil der menschlichenSicherheit und der Menschenrechte im Fokus behalten – Sharouq, Mona und Hossam (v. l. n. r.) eilen zu einem Konzert in Kairo. t © UNFPA/Matthew Casselebenso wie das Recht der Frauen, an den jetzt einsetzendenDiskussionen über eine neue Verfassung zu partizipieren. Zwar ist die starke Präsenz der Jugendlichen bei den jungen Menschen gegen Menschenrechtsverletzungen,Massendemonstrationen in den arabischen Ländern im Jugendarbeitslosigkeit und den Status quo über dieersten Halbjahr 2011 in den Medien auf sehr viel Beach­ gesamte Region ausgebreitet. Von Tunesien bis nachtung gestoßen. Doch die Macht der jungen Menschen – Ägypten werden ihre Stimmen in der gesamten Weltgetragen von ihrer großen Anzahl und angetrieben von gehört. »Die jungen Menschen in den arabischen Staatenihrer Sehnsucht nach einer anderen Gesellschaft – könnte haben ein unglaubliches Verantwortungsbewusstseindie Welt jenseits des medialen Scheinwerferlichts auf bewiesen und so auch die Idee von der Allgemeingültigkeitlange Sicht noch viel stärker verändern. der Menschenrechte neu belebt«, sagt Mona Kaidbey. Als sich im Dezember 2010 in Tunesien ein 26­jähriger In den arabischen Ländern stellen junge MenschenStraßenhändler in einem Akt der Verzweiflung öffentlich rund ein Drittel der Bevölkerung, sind aber aufgrundselbst verbrannte, entzündete er damit die Flamme des unzureichender Bildung, hoher Jugendarbeitslosigkeit undProtests, der die gesamte arabische Region in Aufruhr verbreiteter Armut häufig von den Entscheidungsprozessenversetzt hat. ausgeschlossen. Seit die Jugendlichen der Region auf die In einem historisch beispiellosen Maß ist der Straßen gehen und die Regime in Tunesien und Ägypten»arabische Frühling« von jungen Menschen angetrieben unter dem Druck zusammengebrochen sind, sehen sichworden. Vernetzt und koordiniert durch soziale Medien viele Regierungen und Organisationen gezwungen, ihrenwie Facebook und Twitter, haben sich die Proteste der Umgang mit jungen Menschen neu zu überdenken. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 23
  • 30. Y-Peer ist seit mehreren Jahren in der Region aktiv. registriert. »Das bürgerschaftliche Engagement muss im Nun ist das von UNFPA initiierte Youth Peer Education Zentrum unserer Arbeit stehen«, sagt Hafedh Chekir, Network zu einem noch wichtigeren Instrument für Direktor des UNFPA­Regionalbüros für die arabischen die Vernetzung und zur Sensibilisierung für Themen der Staaten. »Wir dürfen die Bedürfnisse der Jugendlichen reproduktiven Gesundheit geworden. In Libyen zum nicht länger ignorieren.« Beispiel konnte UNFPA durch das Netzwerk auf dem Auf der ganzen Welt fordern junge Menschen eine Höhepunkt des Konflikts eine Umfrage unter Jugend­ politische Teilhabe, die ihrem gewachsenen Bevölkerungs­ lichen durchführen und daraus wertvolle Einsichten in anteil gerecht wird. Das zeigen auch die Forderungen, die ihre sich verändernden Bedürfnisse und Erwartungen junge Frauen und Männer zu Beginn des von der UN­ gewinnen. Jugendberater hatten Fragebögen an kleine Generalversammlung verkündeten Internationalen Jahres Gruppen Jugendlicher verteilt und anschließend die der Jugend im August 2010 auf der Weltjugendkonferenz Antworten zusammengetragen. Viele aktive Jugendliche im mexikanischen León Guanajuato erhoben. fordern, dass man sie nicht als Opfer der Probleme ihrer Zu der Konferenz und den Begleitveranstaltungen Gesellschaft betrachtet. »Wir sollten nicht deshalb mit kamen mehr als 22.000 junge Menschen in die Stadt, Jugendlichen arbeiten, weil sie bisher an den Rand gedrängt die meisten von ihnen aus Mexiko, ein Land im oberen wurden, sondern weil sie die eigentlichen Akteure in mittleren Einkommensniveau, das der G 20 und der unserer Gesellschaft sind«, betont Ahmed Awadalla, ein Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Mitglied von Y-Peer in Ägypten. Entwicklung (OECD) angehört. Es fanden zahlreiche Mit den traditionellen Wertesystemen verändern sich Veranstaltungen im Zeichen des Lernens und des in den arabischen Ländern auch die Herausforderungen, Austausches statt. Der mexikanische UNFPA­Repräsentant denen Jugendliche sich stellen müssen. Während einer­ Diego Palacioas und Iván Castellanos, Projektkoordinator seits die Spannungen zwischen moderner Lebensführung für Jugendfragen, richteten innerhalb des globalen inter­ und Religion deutlich spürbar sind, werden andererseits aktiven Forums »The Cube« einen Raum ein, in dem Themen der reproduktiven Gesundheit zusehends junge Menschen auf einer großen, weißen Wand mit wichtiger. In Tunesien beispielsweise wurde in den letzten Nachrichten und Zeichnungen ihre Wünsche, Hoffnungen Jahren ein signifikanter Anstieg unehelicher Geburten und Erwartungen zum Ausdruck bringen konnten. Medianalter der Gesamtbevölkerung (in Jahren) Land Welt50250 Ägypten Äthiopien China1 EjRM2 Finnland3 Indien Mexiko Mosambik Nigeria 1. Aus statistischen Gründen fehlen bei den daten aus China Hongkong, Macao und Sonderverwaltungszonen. 2. Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien. 3. Schließt die Åland­Inseln ein. Quelle: World Population Prospects: The 2010 Revision, 2010, Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen 24 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 31. Die im Global Governmental Forum auf der Welt­jugendkonferenz zusammengekommenen Minister undanderen Regierungsvertreter verabschiedeten eine offizielleErklärung, in der sie eine stärkere Einbeziehung vonJugendlichen in Entwicklungsinitiativen, einen besserenZugang zum Arbeitsmarkt, mehr Bildung und mehrAngebote für die reproduktive Gesundheit junger Menschensowie gleiche Rechte für Männer und Frauen forderten. Die Regierungen aller Länder sollen, heißt es in demText, »junge Menschen darin unterstützen, Bildungs­einrichtungen zu besuchen und Abschlüsse zu erwerben.Dabei sollen sie insbesondere Frauen und jungen MenschenBeachtung schenken, die in Armut und in Situationenleben, in denen sie besonderen Schutzes bedürfen«.Weiter werden die Staaten aufgefordert, »die Qualität undRelevanz der Lehrpläne mit dem Ziel der umfassendenEntwicklung junger Menschen zu verbessern. Dazu Ein Junge am Tahrir-Platz im Zentrum von Kairo verkauft Erk Sous, ein t Getränk aus Süßholz.gehören: interkulturelle, staatsbürgerliche und Friedens­ © UNFPA/Matthew Casselerziehung, Erziehung zu Solidarität, Menschenrechts­erziehung, Unterricht in nachhaltiger Entwicklung, eineumfassende Sexualaufklärung sowie die Förderung der zur Minderung des Klimawandels. »Für unsere GenerationGeschlechtergleichheit und die Stärkung von Frauen.« sind wirksame Schritte zur Eindämmung des Klimawandels Darüber hinaus sollen die Regierungen »politische eine Frage des Überlebens«, heißt es in der Erklärung.Programme verfolgen, die den Zugang junger Menschen Weiter forderten die jungen Leute die Regierungenzu Gesundheitsdienstleistungen ohne jede Form der auf, »Strategien zu entwickeln und Maßnahmen zuDiskriminierung gewährleisten und die Qualität und ergreifen, die gegen jegliche Manifestation kulturellerReichweite der Gesundheitssysteme und der Gesundheits­ Praktiken gerichtet sind, welche die grundlegendenversorgung einschließlich Diensten der sexuellen und Menschenrechte von Einzelnen oder Gruppen verletzen,reproduktiven Gesundheit verbessern«. Sie sollen Maß­ unabhängig von soziokulturellem oder ökonomischemnahmen ergreifen, um die Ausbreitung von HIV/Aids Status, Geschlecht, sexueller Orientierung, Fähigkeiten,und anderen Krankheiten unter jungen Menschen Religion oder geographischem Hintergrund«.aufzuhalten und umzukehren. Ungeachtet der unterschiedlichen Sichtweisen, die Neben dem offiziellen Global Governmental Forum in den offiziellen und inoffiziellen Verlautbarungen zumfand auf der Konferenz ein Treffen von NGOs statt, an dem Ausdruck kamen, herrschte in einer Sache allgemeineüber 200 junge Menschen aus 153 Ländern teilnahmen. Übereinstimmung: Die heutige Generation jungerUnabhängig von den offiziellen Veröffentlichungen Menschen steht bereit, die Welt auf grundsätzliche Weiseverfassten sie eine eigene Erklärung. Darin forderten sie zu verändern. Die Regierungen der Länder dieser Erdemehr Raum für junge Menschen in Politik und Zivil­ wären gut beraten, das Potenzial der jungen Menschen zugesellschaft sowie eine stärkere Einbeziehung bei der kultivieren und zu nutzen, statt diese Entwicklungs­Entwicklung grüner Technologien und von Maßnahmen möglichkeiten brach liegen zu lassen. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 25
  • 32. Sexualaufklärung für Jugendliche wirkt: Erfahrungen aus Finnland Dan Apter ist Chefarzt und Direktor Beratungen zu Verhütungsmethoden geschehen musste. »Selbst die finni­ einer Klinik für sexuelle Gesundheit, anzubieten, woraufhin die Abtreibungs­ schen Politiker erkannten nun, dass sich die vom finnischen Familienverband und Geburtenzahlen nachhaltig zurück­ die Qualität der Aufklärung an den Väestöliitto betrieben wird, der wich­ gingen. »Mitte der 1990er Jahre hatte Schulen drastisch verschlechtert hatte«, tigsten NGO Finnlands im Sozial­ und Finnland im internationalen Vergleich so Apter. Gesundheitssektor. Seine Vorträge eine sehr niedrige Abtreibungsquote – Bis 2006 wurde ein neuer nationaler über die reproduktive Gesundheit in ungefähr zehn Abtreibungen pro 1.000 Lehrplan für die Gesundheitserziehung Finnland leitet Apter gern »mit einem Schwangerschaften bei 15­ bis 19­jäh­ und Sexualkunde mit einem zusätzlichen kleinen historischen Rückblick« ein. rigen Mädchen«, sagt Arten. »Dieser Schwerpunkt auf gesunder Leben s­ Nach Ende des Zweiten Weltkriegs Erfolg kann als Verdienst des guten führung formuliert und verbindlich an war Finnland »nur eines von vielen Dienstleistungsangebots sowie der den Schulen eingeführt. Der Unterricht kleinen Ländern, die unter den Nach­ umfassenden Sexualaufklärung gese­ in diesem Fach beginnt in der 7. Klasse wirkungen des Krieges litten. Es war hen werden.« und wird von speziellen Pädagogen ein Land mit geringen Verhütungsraten, Als die Gesundheitsversorgung und Lehrern mit einer Zusatzausbildung in dem Geschlechtskrankheiten alltäg­ Mitte der 1990er Jahre dezentralisiert gehalten. lich waren und Abtreibungen oft mit wurde, verschlechterten sich die Zahlen »Wie in jedem anderen Fach werden dem Tod der Frau endeten.« wieder. Manche Gemeinde war zu klein, auch in der Gesundheitserziehung und Dass Finnland heute, sechs Jahr­ um alle erforderlichen Dienst leis­ Sexualkunde Klausuren geschrieben«, zehnte später, ein leuchtendes Vorbild tungen anzubieten. Auch wurde infolge betont Apter. »Der Unterricht wird bis in Sachen reproduktive Gesundheit einer Wirtschaftskrise und der an­ zum Abitur oder dem Ende der Berufs­ und Aufklärung ist, liegt Apter zufolge schließenden Kürzungen im Gesund­ fachschule fortgesetzt und ist Voraus­ an einer aufgeklärten Politik, der Inte­ heitsbereich die Entscheidung getroffen, setzung für einen Abschluss.« Mit gration reproduktiver Gesund heits­ die Sexualaufklärung an den Schulen Einführung dieser Maßnahmen kehrte themen in die allgemeine Schulbildung nicht mehr vorzuschreiben. Bereits sich der beunruhigende Trend rasch und der bewussten Ausrichtung der Ende der 1990er Jahre belegten erste wieder um. Die Zahl der jungen Men­ Gesundheitsdienste auf die sexuelle Studien, dass diese Maßnahme »so­ schen, die sehr früh sexuell aktiv wurden, Gesundheit. Eine Entwicklung, zu der wohl qualitativ wie quantitativ zu einer ging wieder zurück, berichtet Apter. Väestöliitto maßgeblich beigetragen hat. deutlichen Verschlechterung der Gleichzeitig stieg die Verwendung von »1970 wurde Sexualaufklärung zu Aufklärung an den Schulen« geführt Verhütungsmitteln, und die Abtrei­ einem Pflichtfach an den Schulen hatten. Die Folgen waren nicht zu bungen und Geburten unter Teenagern gemacht«, sagt Apter. »Im selben Jahr übersehen. Apter berichtet: »Die Zahl gingen deutlich zurück. wurde ein Abtreibungsgesetz erlassen, der Abtreibungen stieg um 50 Prozent, Neben der Rückkehr zu einer ver­ das Abtreibungen aus sozialen und ebenso wie der Anteil der Jugendlichen, bindlichen Sexualaufklärung wurden anderen, von den betroffenen Frauen die bereits sehr früh, mit 14 oder 15 an den Schulen zusätzliche Angebote als wichtig empfundenen Gründen Jahren, das erste Mal Geschlechts­ für die reproduktive Gesundheit Heran­ legalisierte und die Aufklärung über verkehr hatten. Gleichzeitig ging die wachsender eingeführt. »Schulkranken­ Verhütungsmethoden als verbind­ Verwendung von Verhütungsmitteln schwestern dürfen Schülern heute für lichen Bestandteil des Beratungs­ zurück.« Als dann auch noch ein deut­ einen Zeitraum von bis zu drei Monaten prozesses bei Abtreibungen einführte.« licher Anstieg der Zahl sexuell über­ Verhütungsmittel verschreiben«, so Mit der Reform der Gesundheits­ t ra g b a re r I n fe kt i o n s k ra n k h e i te n , Apter. Außerdem wird von den öffent­ gesetzgebung im Jahr 1972 wurden insbesondere mit Chlamydien, fest­ lichen Krankenhäusern ein jugend­ Kommunen verpflichtet, kostenlose gestellt wurde, war klar, dass etwas freundliches Angebot erwartet. Seit26 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 33. dem Gesetz von 1970 ist die Entschei­dung über eine Abtreibung allein Sacheder Frau. »Wenn ein sehr junges Mäd­chen um eine Abtreibung bittet, wirdihr zwar empfohlen, die Eltern hinzuzu­ziehen«, sagt Apter. »Aber schlussend­lich liegt die Entscheidung bei ihrselbst. Wir haben in Finnland nur sehr,sehr wenige Fälle von Mädchen unter15, die ein Kind bekommen. Im Ver­gleich zu den anderen skandinavischenLändern hat Finnland den geringstenAnteil an Teenagerschwangerschaften.« Der Sexualkundeunterricht in denSchulen ist verpflichtend. Selbst wenndie Eltern dagegen sind, wie es zumBeispiel gelegentlich bei Migranten­familien mit unterschiedlichenAuffassungen über Sexualverhaltenund ­aufklärung der Fall ist, können siedie Kinder nicht aus dem Unterrichtnehmen. Allerdings wird in manchen JUNgE MENSCHENS c h u l e n , wo d e ra r t i g e ku l t u re l l e Leo Romero will in tThemen eine besonders große Rolle Auszüge aus dem Aktionsprogramm der Mexiko Kochkunstspielen, der Unterricht nach Ge ­ studieren. Kairoer Weltbevölkerungskonferenzschlechtern getrennt gehalten. Generell © UNFPA/Ricardoaber sei der Unterricht, wie Apter be­ Ramirez Arriola [Z]ahlreiche Entwicklungsländer [weisen] weiterhin einentont, verpflichtend. Von den rund 114 sehr großen Anteil von Kindern und jungen Menschen inStunden Gesundheitsunterricht, die bis ihrer Bevölkerung auf […].zur 9. Klasse gehalten werden, ent­fallen 20 Stunden auf Sexual kunde. Die Staaten sollten danach streben, den Bedürfnissen und»Weil die Aufklärung bereits zu einem Wünschen Jugendlicher, insbesondere in Bezug auf formaleso frühen Zeitpunkt erfolgt«, sagt und nicht­formale Bildung, Ausbildung, Arbeitsmög lich­Apter, »müssen die Jugendlichen keiten, Wohnungen und Gesundheit, zu entsprechen undnicht auf eigene Faust herumexperi­ somit ihre Integration und Beteiligung in allen Bereichen dermentieren.« Gesellschaft, einschließlich der Beteiligung am politischen Prozess und der Vorbereitung auf Führungsrollen, sicherzu­ stellen […]. Jugendliche sollten aktiv in die Planung, Durchführung und Bewertung von Entwicklungsmaßnahmen einbezogen werden, die sich unmittelbar auf ihr tägliches Leben aus­ wirken […]. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 27
  • 34. 28 KAP IT EL 3: SI CHERHEIT, WIRTSCHAFTLICHE MÖ GLICHKE IT E N U Nd U N A B H ä N G IG KE IT IM A LT E R
  • 35. Sicherheit, wirtschaft­ liche Möglichkeiten und KAPITEL drEI Unabhängigkeit im Alter Das Bild des Alters setzt sich aus den vielen kulturellen Regeln und sozialen Faktoren sowie dem Entwicklungsniveau und den zur Verfügung stehenden Ressourcen eines Landes oder einer Gesellschaft zusammen. Ein Frühlingsmorgen in Xi’an in der chinesischen Provinz Shaanxi: In einem riesigen Mittelschichts­ Wohnkomplex liegt Musik in der Luft. Das sowohl öffentlich als auch privat geförderte Projekt In zahlreichen bäuerlichen Kleinstädten Chinas findet der Provinzregierung hat es sich zur Aufgabe gemacht, man geräumige, neue Wohnhäuser. Sie wurden vom den ältesten Einwohnern ein schöneres und gesünderes Verdienst derjenigen Familienmitglieder gebaut, die in Leben zu ermöglichen. In einem Seniorenzentrum probt weit entfernte Städte gezogen sind, um dort zu arbeiten. ein Chor, begleitet vom Akkordeon eines Bewohners. Aber oft wirken diese Häuser in ihrer Leere gespenstisch. Draußen, auf einem weiträumigen Platz abseits der lauten, Sie sind ein häufiges Kennzeichen von Dörfern, aus verkehrsreichen Straßen, wird zu alten Volksliedern aus denen viele junge Leute abgewandert sind, wodurch die einem großen tragbaren CD­Spieler Frühsport getrieben traditionellen Großfamilien auseinandergerissen wurden – Tai­Chi mit ein bisschen modernem Tanz und Aerobic. und nur »leere Nester« zurückgeblieben sind. Andere Die UNFPA­Beauftragten in China betrachten Shaanxi Großeltern werden dagegen gebraucht, um für ihre Enkel­ im Umgang mit der alternden Bevölkerung als Vorreiter kinder zu sorgen, die von den Wanderarbeitern zu Hause für viele andere Provinzen. zurückgelassen wurden. Anderswo in China, auf der anderen Seite der Kluft In Finnland, eine halbe Weltreise entfernt, haben zwischen den sozialen Schichten und zwischen Stadt die Mitarbeiter eines hochmodernen Altenzentrums eine und Land, dort, wo das Leben viel schwerer ist, arbeiten Tanzfläche frei geräumt. Eine Musikgruppe spielt alte hoch betagte Frauen immer noch viele Stunden täglich finnische Schlager für diejenigen, die voller Nostalgie in auf Feld und Hof. Dies zeigt, wie sich gerade in den am ihren Jugendtagen schwelgen. Überall im Zentrum sorgen schnellsten entwickelnden Verwaltungsbezirken die Aktivitäten für Geselligkeit, wo die Tage sonst vielleicht Einkommensschere öffnet. einsam wären. Nahrhafte Mahlzeiten bringen Körper und Geist in Schwung. Ältere Bewohner der chinesischen Stadt Xi’an beim Spaziergang in der Nähet der alten Stadtmauer. In einem kleinen Frauenhaus in Addis Abeba in © UNFPA/Guo Tieliu Äthiopien feiert ein halbes Dutzend alter Frauen den W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 29
  • 36. andere Altersgruppe der Weltbevölkerung. Zu diesem Schluss kommt der von der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen veröffentlichte Bericht »World Population Ageing 1950–2050«. In den Ländern, in denen die Lebensdauer hoch ist und der Bevölkerungsanteil der Jugend zurückgeht, wurde diese große politische Heraus­ forderung bereits erkannt. Auch in Ländern mit mittlerem Einkommen und in einkommensschwachen Ländern steigen die Bevölkerungsanteile der über Sechzigjährigen, der über Siebzigjährigen und in einigen Fällen sogar der Sara Topelson Fridman, stellvertretende Ministerin für Stadt- und über Achtzigjährigen langsam aber stetig an.t Regionalentwicklung im mexikanischen Ministerium für Soziale Entwicklung. Im Verlauf von sechs Jahrzehnten zeigen Verände­ © UNFPA/Ricardo Ramirez Arriola rungen der demographischen Länderprofile, dass die Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt in denInternationalen Tag der Frau. Das Haus wird ganz allein Industrieländern zwischen 1950 und 2010 zwar um elfvon Sasu Nina Tesfamariam betrieben, einer freigiebigen Jahre gestiegen ist, dass aber die Zunahme in wenigerGönnerin, die die Frauen mit einfachem Essen versorgt, entwickelten Regionen viel stärker war: Dort stieg diesie berät und ihnen Gesellschaft leistet. Lebenserwartung im gleichen Zeitraum um 26 Jahre. In Auf dem Land in Mexiko können ältere Menschen, den ärmsten Entwicklungsländern betrug die Zunahmewie an vielen anderen Orten, in den letzten Jahren ihres 19,5 Jahre. Die Ausgangssituation der IndustrieländerLebens nicht immer auf die beruhigende Sicherheit eines bei der Lebenserwartung war zwar von vornherein höherfamiliären Zuhauses zählen. Deshalb zahlt die Regierung und damit bestand weniger Luft nach oben. Das ändertden über Siebzigjährigen nun eine kleine Beihilfe zum jedoch nichts an dem enormen Anstieg der Lebenserwar­Lebensunterhalt. So können sie etwas zum Haushaltsein­ tung in den Entwicklungsländern. Auch dort könnenkommen beitragen, was dabei hilft, mögliche Spannungen inzwischen mehr Menschen am medizinischen Fortschrittzwischen den Generationen abzubauen. »Für die Älteren teilhaben, der Leben rettet und verlängert – ganz beson­auf dem Land ist das sehr gut, denn wir alle wissen, dass ders das Leben von Säuglingen und Kleinkindern.die Söhne ihre über siebzigjährigen Eltern zunehmend Je nach Land gibt es sehr unterschiedliche Pläne fürals Belastung empfinden«, sagt Sara Topelson Fridman, die alternde Bevölkerung und die Dienstleistungen, diestellvertretende Ministerin für soziale Entwicklung. »Da vom Staat zur Verfügung gestellt werden. NGOs, Gemein­sie alle zwei Monate einen Scheck bekommen, sind sie schaften, einzelne Mitmenschen und private Unternehmenkeine Last – zumindest haben sie genug Geld für ihr sind zunehmend gefordert, über die staatlichenEssen. So wird es leichter.« Anstrengungen hinaus einen Beitrag zur Versorgung alter Menschen zu leisten. Dabei geht es nicht nur darum,die Welt ergraut die einfachsten materiellen Grundbedürfnisse der altenIn jedem Land – ob reich oder arm, ob Industrie­ oder Menschen zu befriedigen, sondern auch um ihre emotio­Entwicklungsland – altert die Bevölkerung mehr oder nalen, seelischen, sozialen und technischen Bedürfnisse.weniger. Während die heutige Jugend ein mittleres und In einem Zeitalter erhöhter Mobilität und Migration,höheres Lebensalter erreicht, wird die Gruppe der Alten in dem Familien auseinanderdriften, wollen Großelternbis mindestens 2050 schneller wachsen als irgendeine lernen, wie man mit E­Mail, sozialen Netzwerken,30 KAP IT EL 3: SI CHERHEIT, WIRTSCHAFTLICHE MÖ GLICH KE IT E N U Nd U N A B H ä N G IG KE IT IM A LT E R
  • 37. Videoverbindungen oder Skype umgeht, denn diese hat zunächst bei einem US­amerikanischen Projekt zurVerbindungen sind immer häufiger ihr einziger persön­ Malariabekämpfung gearbeitet, bevor er in den Vereinigtenlicher Draht zu ihren Enkeln. Oft füllen nichtstaatliche Staaten einen akademischen Grad in vorsorgendemAkteure Lücken bei den staatlichen Dienstleistungen oder Gesundheitsschutz erwarb und nach Äthiopien zurück­stellen neue Programme zur Verfügung, die das Leben kehrte. Dort war er schließlich als Verwaltungsbeamterbereichern und interessanter machen. Zudem forschen im Gesundheitsministerium tätig.nichtstaatliche und zwischenstaatliche Einrichtungen, Es gehe nicht nur darum, die Zahl der Altersheimedie mit Regierungen und lokalen Gruppen zusammen­ zu erhöhen. Darüber hinaus sei zu prüfen, wie die vor­arbeiten, zum Thema Alterung. handenen Heime funktionieren, um sicherzustellen, dass Der 75­jährige Tilahun Abebe arbeitet in Äthiopien. ihre Kapazitäten voll ausgeschöpft und bessere Dienst­Er nutzt die Ergebnisse einer Erhebung unter den älteren leistungen angeboten werden.Menschen in der Hauptstadt Addis Abeba, die im Jahr Die Kampagne, die er im Auftrag des Nationalverbands2010 von HelpAge International, der Internationalen älterer Menschen leitet, hat ihren Sitz in der HauptstadtOrganisation für Migration (IOM) und dem Büro der Addis Abeba. Daneben gibt es zwei regionale Nieder­Vereinten Nationen für die Koordination Humanitärer lassungen; mindestens acht weitere sind in Planung, oderAngelegenheiten durchgeführt wurde. Ein Ergebnis war, jedenfalls träumt Tilahun davon. »Wir müssen für eindass es in seinem Land trotz der jahrhundertelangen neues und besseres Denken eintreten«, sagt er. Er schlägtTradition des Respekts und der Fürsorge für die Älteren vor, überall im Land kleinere Zentren einzurichten, inheute alte Menschen gibt, die obdachlos sind und hungern. Äthiopien ist ein armes Land, das regelmäßig vonDürre oder anderen Katastrophen heimgesucht wird. Hier t Tilahun Abebe, stellvertretender Vorsitzender des Nationalverbands älterer Menschen und Rentner in Äthiopien.gibt es eine relativ kleine, aber wachsende Bevölkerungs­ © UNFPA/Antonio Fiorentelgruppe im Alter über sechzig Jahren. Derzeit sind es5,2 Prozent der Gesamtbevölkerung von 82,9 MillionenMenschen. Die Lebenserwartung zum Zeitpunkt derGeburt liegt nur bei knapp über 57 Jahren. Laut Tilahunwerden vor diesem Hintergrund die Bedürfnisse alterMenschen oft übersehen. Tilahun, staatlicher Gesundheits­beamter im Ruhestand, ist heute stellvertretenderVorsitzender des Nationalverbands älterer Menschen undRentner. Diesen will er zu einer wirkungsvollenInteressenvertretung der älteren Menschen in Äthiopienmachen. Die Forderung nach einem Netz sozialerSicherung für das hohe Alter steht weit oben aufseiner Agenda. »Nur Regierungsangestellte, das Militär, die Polizeiund die Beamten bekommen eine Rente«, sagt er. »Es gibtkeine Sozialversicherung.« Benötigt werden außerdemHeime für ältere Menschen, die kein Zuhause haben oderbesonderer Fürsorge bedürfen, fügt Tilahun hinzu. Er W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 31
  • 38. im hohen Alter das Wohnen zu Hause ermöglicht. Denn die Alten wünschten es so, und außerdem spare es Kosten für den Neubau von Unterkünften und die Bereitstellung zusätzlicher Dienstleistungen. Zusammen mit Yang Qingfang, der an der Schule für Weiterbildung der Universität unterrichtet, hat Professor Jiang ein wissenschaftliches Diskussionspapier mit dem Titel »Bestandsaufnahme und Analyse zur Alterung der chinesischen Bevölkerung und zur Situation älterer Menschen« verfasst. Darin betont er, dass China altere, Ältere Menschen trainieren chinesischen Kampfsport in einem modernen bevor es reich werde. In den Industrieländern stündent Stadtteil der chinesischen Stadt Xi’an. dagegen mehr Ressourcen und mehr Zeit zur Verfügung, © UNFPA/Guo Tieliu um den Übergang in eine alternde Gesellschaft zu bewältigen. Als die Bevölkerungen der Industrieländerdenen man sich um die Bewohner oder um Tagesbesucher deutlich zu altern begannen, so Jiang, hatten sie einkümmern kann. Dort sollen die Alten eine einkommens­ viel höheres Pro­Kopf­Einkommen.sichernde Arbeit erlernen oder sich zur Stabilisierung ihrer »Wenn sich die Alterung der Bevölkerung Chinasseelischen Gesundheit anderweitig betätigen können. Mitte des 21. Jahrhunderts ihrem Höhepunkt nähert, Die Erhebung von 2010, auf die sich Tilahun bezieht, kann die wirtschaftliche Entwicklung des Landeswurde mithilfe von vier äthiopischen NGOs für die höchstens das Niveau mäßig entwickelter Länder erreichtMinisterien für Arbeit und soziale Angelegenheiten auf haben«, schreiben die Autoren in ihrem Diskussions­staatlicher und lokaler Ebene durchgeführt. Sie hat papier. Wenn in Zukunft mehr Menschen allein lebenergeben, dass 88 Prozent der obdachlosen und 66 Prozent und außerhalb ihrer Familien Hilfe suchen, »werden dieder zu Hause wohnenden älteren Menschen in Addis Aufgaben für Rentenversicherung, medizinische Ver­Abeba nicht genug zu essen haben. 93 Prozent aller sorgung sowie die Sozialleistungen wichtiger«.älteren Menschen verfügen weder über Bad noch Dusche, In China nimmt der Anteil älterer Menschen an der78 Prozent hatten chronische Erkrankungen und Gesamtbevölkerung stetig zu, wobei zwei Faktoren zu­51 Prozent gaben an, keine Unterstützung durch die sammenwirken: niedrige Geburtenraten als Ergebnis derFamilie zu erhalten. Familienplanungspolitik, die den meisten Familien nur Jiang Xiangqun ist Gerontologe und Professor für ein Kind zugesteht, und das gesündere, längere Leben,Bevölkerungswissenschaften an der Renmin­Universität in durch das die Zahl der alten Menschen gestiegen ist. AlsPeking. Er und seine Kollegen schätzen, dass 98 Prozent China Ende April 2011 die Zahlen der Volkszählungder alten Menschen in China in ihrer Wohnung oder aus dem Jahr 2010 veröffentlichte, hieß es von offiziellerihrem Haus bleiben oder es jedenfalls versuchen. Viele – in Seite, dass die Bevölkerungsgruppe der über Sechzig­Peking möglicherweise bis zu 70 Prozent, in den länd­ jährigen auf 13,3 Prozent angewachsen sei. Das sind fastlichen Gebieten deutlich weniger – sitzen in den »leeren drei Prozentpunkte – also fast ein Drittel – mehr alsNestern«, weil ihre Kinder weggezogen sind, um bei der Volkszählung des Jahres 2000.anderswo zu arbeiten oder eine eigene Familie zu gründen. Kürzlich fand ein informelles Treffen von Bevölkerungs­Chinesische Bevölkerungswissenschaftler sagen, die wissenschaftlern an der Renmin­Universität in PekingRegierung bemühe sich um eine Politik, die Menschen statt, bei dem über demographische Veränderungen,32 KAP IT EL 3: SI CHERHEIT, WIRTSCHAFTLICHE MÖ GLICH KE IT E N U Nd U N A B H ä N G IG KE IT IM A LT E R
  • 39. Entwicklung und Umwelt in China gesprochen wurde. In den Vereinigten Staaten warnt das NationaleDabei bemerkten der Gerontologe Jiang und seine Kollegen, Informationsnetz Prävention der Zentren für die Präventiondass ihr Fachgebiet bei Studierenden, die sich früher nie und Kontrolle von Krankheiten davor, dass sich dasdafür interessiert hätten, plötzlich beliebt geworden sei. HIV­Infektionsrisiko älterer Menschen in Industrieländern»Die Gerontologie ist ein neues Feld«, sagte jemand. »Die erhöht. Mindestens ein Fünftel aller HIV­infiziertenMenschen achten sogar in ihren eigenen Familien auf Menschen in den Vereinigten Staaten ist älter als 50 Jahre,die Alterung. Es gibt Bedarf, zu lernen, wie man sich um wobei der Anteil möglicherweise noch erheblich höher ist,alte Menschen kümmert, wie man ihnen hilft, gesund weil die Älteren oft nicht daran denken, sich testen zuzu bleiben und ihre Lebensweise zu verbessern.« lassen. Die gute Nachricht ist jedoch, dass HIV­positive Menschen aufgrund der antiretroviralen MedikamenteBekannte und neue medizinische heute länger leben.Herausforderungen Den Zentren zufolge ist das zunehmende RisikoIn einer ruhigen Wohngegend von Addis Abeba bekämpft älterer Menschen durch mehrere Faktoren bedingt. DazuSasu Nina Tesfamariam ein bei älteren Menschen ver­ gehört auch das lückenhafte Wissen über HIV und Aids,breitetes Leiden: schlechtes Sehvermögen aufgrund einer da sich die Aufklärung über dieses Thema vor allem anStarerkrankung. Sie sammelt Geld für Operationen und jüngere Menschen richtet. Ältere haben möglicherweisebietet den Patienten eine vorübergehende Unterkunft an, Hemmungen, über sexuelle Aktivitäten oder Drogenmiss­in der sie sich auf sauberen Feldbetten erholen können. brauch zu sprechen. Oder sie nehmen einfach an, ihrBisher wurden so über 100 alte Frauen erfolgreich be­ zunehmendes Alter sei der Grund, warum sich ihrhandelt. »Wenn sie gehen, schenken wir ihnen das Bett«,sagt Sasu Nina. Sie klärt Frauen auch über Alzheimer und andere t Bewohnerin einer der Unterkünfte für ältere Frauen der Organisation Agar Ethiopia.kognitive Störungen auf, die im Alter auf sie zukommen © UNFPA/ Antonio Fiorentekönnen. In Gesellschaften, in denen die Älteren sichallein durchschlagen müssen, ist der Verlust der geistigenGesundheit für Frauen besonders schlimm. Eines der beiden Frauenhäuser, die von Sasu NinasWohlfahrtsorganisation betrieben werden, heißt Agar, dasbedeutet auf Amharisch »Helfer«. Eine Frau, die unterPanikattacken leidet, berichtet, wie sie dorthin gekommenist: »Ich hatte ein bisschen Geld gespart«, sagt die Frau.»Das ist alles weg. Wenn ich nicht hier wäre, müssteich hungern. Ich habe keine Kinder, die sich um michkümmern.« Sasu Nina hat ihre Ausbildung in den VereinigtenStaaten absolviert. Als sie angefangen habe, Gerontologiezu studieren, erzählt sie, habe sie gewusst, dass sie einesTages nach Äthiopien zurückkehren würde. Seither hilftsie in zwei Frauenhäusern älteren Frauen, deren Lebenzuvor, wie sie sagt, einem Albtraum glich. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 33
  • 40. Gesundheitszustand verschlechtert. Für Äthiopien und Regierungsmitglieder eine stabile Bevölkerungszahl an. Esandere Entwicklungsländer zeigen wissenschaftliche ist ein komplexes, aber dringliches Problem. »StabilitätStudien, dass ältere Menschen, die sich um verwaiste und Wohlstand in China werden bis zu einem gewissenEnkelkinder oder andere HIV­positive Familienmitglieder Grad davon abhängen, wie sich das Land dem drängendenkümmern, zum Teil selbst infiziert wurden, weil sie nur Problem der alternden Bevölkerung stellt«, fasst Jiang inunzureichend über Vorsichtsmaßnahmen gegen die dem wissenschaftlichen Papier zusammen, das er gemein­ungewollte Ansteckung mit dem Virus informiert waren. sam mit Yang Qingfang verfasst hat. Die Probleme, mit denen sich China, das Land mitInvestitionen in ältere Menschen der größten Bevölkerung der Welt (bis es von Indien etwaDerzeit wird in China inoffiziell viel darüber diskutiert, im Jahr 2025 überholt werden wird), zukünftig auseinan­dass die Familienplanungspolitik des Landes überdacht dersetzen muss, werden durch eine Untersuchung derwerden muss. Bisher begrenzte die Politik die Zahl der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen bestätigt.Kinder auf eins pro Paar – hiervon können jedoch In ihr sind vier grundlegende Ergebnisse genannt: DieAusnahmen gemacht werden. Jiang Xiangqun von der Alterung der Bevölkerung sei 1. beispiellos, 2. universell,Renmin­Universität meint, dass die Erhöhung der 3. tiefgreifend und 4. von Dauer.Geburtenrate, die von so unterschiedlichen Ländern wie Zum letzten Punkt hat die BevölkerungsabteilungJapan und Russland befürwortet wird, nicht ausreichen festgestellt, dass der Anteil der über Sechzigjährigenwürde, um die rapide Alterung in China in diesem Jahr­ im Jahr 1950 weltweit bei acht Prozent lag, 2009 aufhundert zu kompensieren. Zudem strebten chinesische elf Prozent gestiegen ist und bis 2050 voraussichtlich 22 Prozent erreichen wird. »Mit einem jährlichen welt­ weiten Anstieg um 2,6 Prozent nimmt die Zahl der älteren Menschen wesentlich rascher zu als die Gesamtbevöl­Ältere Menschen in der Bevölkerung kerungszahl. Ein derart rasches Wachstum wird in den(in Prozent) meisten Ländern weitreichende wirtschaftliche und soziale Anpassungen erfordern«, heißt es im UN­Bericht von 2009. > 60-Jährige > 65-Jährige > 80-Jährige In der Altstadt von Xi’an in der chinesischen Provinz Shaanxi, 1.220 Kilometer südwestlich von Peking, arbeitet ägypten 8,0 5,0 0,7 Ai Xiangdong, Leiter des Arbeitsausschusses zur Alterung äthiopien 5,2 3,3 0,4 von Shaanxi. Er hat eine zukunftsorientierte Anpassung China 12,3 8,2 1,4 der Politik vorgeschlagen, indem er die Kombination aus Ehemalige derzeit bestehenden staatlichen Initiativen und Beiträgen jugosl. Republik 16,7 11,8 2,1 Mazedonien privater Unternehmen fordert. In Shaanxi leben mehr als Finnland 24,8 17,2 4,7 fünf Millionen Menschen über 60 Jahren, sagt er, und der Anteil der Männer und Frauen über 80 Jahren liegt höher Indien 7,6 4,9 0,7 als im landesweiten Durchschnitt. Mexiko 9,0 6,3 1,3 »Wir wissen nicht, weshalb die Menschen hier länger Mosambik 5,1 3,3 0,4 leben«, sagt er. »Aber unsere Gesundheitsdienstleistungen Nigeria 5,0 3,2 1,1 für Menschen über 65 haben sich verbessert. Es gibt kostenlose Vorsorgeuntersuchungen, und in den StädtenQuelle: Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen haben die Leute eine Krankenversicherung. Die meisten34 KAP IT EL 3: SI CHERHEIT, WIRTSCHAFTLICHE MÖ GLICH KE IT E N U Nd U N A B H ä N G IG KE IT IM A LT E R
  • 41. alten Menschen leben mit ihren Familien zusammen, wosie vertrautes Essen bekommen, das ihnen schmeckt.Heime können auf den individuellen Geschmack keineRücksicht nehmen.« Seit 2010 erhalten die Ältesten derAlten in Shaanxi Sonderzahlungen – zusätzlich zu ande­ren Unterstützungsleistungen und Pensionen, die ihnenab 60 Jahren gegebenenfalls zustehen. Menschen zwischen80 und 89 Jahren erhalten eine monatliche Zahlung von50 Yuan, das sind etwa 7,70 US­Dollar. Für Menschenzwischen 90 und 99 Jahren verdoppelt sich diese Zahlungauf 100 Yuan und für über Hundertjährige verdoppelt siesich erneut auf 200 Yuan. In Shaanxi wird den überNeunzigjährigen das Geld von einem Mitarbeiter derKommission persönlich überreicht. Arbeitsausschüsse zur Alterung, deren Mitglieder sich t Eine Frau spielt ein traditionelles Instrument in der Nähe der alten Stadtmauer der chinesischen Stadt Xi’an.aus mehreren relevanten Ministerien zusammensetzen, © UNFPA/Guo Tieliuwurden in China auf staatlicher und regionaler Ebenegegründet. Sie sind mal mehr, mal weniger effektiv. Siewurden geschaffen, sagt Ai, um »Dienstleistungen zu Ministerien übergeordnet ist. Er berichtet, dass diekoordinieren, die Rechte und Interessen älterer Menschen Ministerien und Dienststellen der Regierung im Jahr 2006zu schützen und kulturelle, soziale und sportliche eine gemeinsame Initiative gestartet haben, um neueAktivitäten für sie zu organisieren. Ältere Menschen Regeln für den Schutz alter Menschen zu erarbeiten. Inspüren die Veränderungen und sehen, was in sie Anbetracht der Einkommensunterschiede zwischen Stadtinvestiert wird.« und Land wird die Regierung ab 2015 allen älteren In der Stadt Xi’an, die sich derzeit als Technologie­ Landbewohnern eine Rente zukommen lassen, die voll­zentrum neu definiert, gibt es ein reiches kulturelles ständig aus staatlichen Mitteln finanziert werden soll. DasUmfeld und viele gemeinnützige Einrichtungen. Dadurch käme insgesamt etwa 100 Millionen Menschen zugute.wird die Stadt für ältere Einwohner attraktiv, wie Ai Von den Menschen, die diese Rente bekommen, werdebestätigt. »Sie können sich morgens und abends in den erwartet, dass sie damit zusätzliche Dienstleistungen fürParks bewegen. Es gibt Musik­, Tanz­ und Theatergruppen. Senioren bezahlen. Wie in anderen Ländern auch, sollenIn einer Altenakademie werden der Umgang mit dem ältere Menschen außerdem motiviert werden, sich gegenComputer, Malen und Kalligraphie unterrichtet.« Doch den erhöhten Kostenaufwand im Alter zu versichern undauch offizielle Vertreter räumen ein, dass solche Dienst­ sich zu überlegen, ob sie eine Hypothek auf ihr Eigentumleistungen im ländlichen Raum weniger gut ausgebaut aufnehmen können.sind. In einem Dorf unweit der Stadt machte sich des­ In Xi’an, sagt Ai, habe die Staatsregierung die Initiativewegen bereits Unmut breit. Aber Ai erklärt, dass selbst in ergriffen und Programme für ältere Menschen ausgeweitet.ländlichen Gebieten neue Programme aufgelegt würden. Dabei gehe es vorrangig um den Neubau von Senioren­ Wu Yushao ist stellvertretender Vorsitzender des unterkünften durch private Unternehmen sowie um diechinesischen staatlichen Arbeitsausschusses zur Alterung Verbesserung von Produkten, die speziell auf die Bedürf­in Peking, der direkt auf Staatsrats­Ebene tätig und den nisse älterer Menschen zugeschnitten sind. »Das Alter ist W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 35
  • 42. eine Wachstumsbranche«, sagt Ai. »Die verschiedenen bleiben können und dennoch beide Generationen nichtAspekte des Alterns finden mehr Beachtung. Universitäten auf Privatsphäre und Unabhängigkeit verzichten müssen.führen wissenschaftliche Untersuchungen durch, private Doch in Jinyuan Xinshiji können Familien, die mehrereUnternehmen erkennen die Chancen.« Generationen umfassen, bequem in großen (und teuren) Dieser Trend, der sich auch im jüngsten staatlichen Wohnungen unterkommen.Fünfjahresplan spiegelt, zeigt sich deutlich im Bezirk Yao Naigup ist Vorsitzender des Verbands ältererWeiyang von Xi’an, wo fast zwölf Prozent der Bevölkerung Menschen in der Gemeinde und Leiter des Senioren­älter als 60 Jahre sind. Dort leben im Wohnkomplex zentrums im Wohnkomplex, das eigens für die ÄlterenJinyuan Xinshiji etwa 15.000 Menschen, von denen 600 gebaut wurde. Im Seniorenzentrum weist Yao auf eineüber 60 und 30 älter als 80 Jahre sind. Sie alle leben mit Computer­Ecke, ein Klassenzimmer, in dem der Chorihren Familien zusammen. Die Wohnanlage ist privat probt, ein ärztliches Untersuchungszimmer, ein Fitness­errichtet worden, gut gestaltet, mit begrünten Appartement­ Center und eine Gruppe Mah-Jongg-Tische für dieHäusern ausgestattet, bewacht, und auf den Straßen Freizeitbeschäftigung am Nachmittag hin. Außerdem gibtbesteht ein Fahrverbot. Ähnliche Wohnkomplexe wurden es einen Ruheraum mit Betten für ein Nickerchen.in letzter Zeit in vielen chinesischen Großstädten gebaut. Und bis auf das Mittagessen für diejenigen, die nicht zuAllerdings verfügen sie nicht immer über die gleiche Hause essen, ist alles kostenlos. Die älteren MenschenBandbreite an Dienstleistungen für Ältere wie in Jinyuan in dem Appartement­Komplex erhalten zudem ermäßigteXinshiji, dessen Name eine Kombination aus den Begriffen Fahrscheine für öffentliche Verkehrsmittel, Hilfe beim»schöner Garten« und »neues Jahrhundert« darstellt. Ausfüllen amtlicher Dokumente und Sonderpreise in China hat sich das System der Familienunterkünfte Geschäften innerhalb der Anlage. Zudem können sie sichmit »Oma­Wohnung« nach dem Vorbild Singapurs nicht ihre Einkäufe kostenlos nach Hause liefern lassen. Durchzu eigen gemacht. Dort sind an manche Wohnungen den Verkauf von Kunsthandwerk sammeln Bewohnerkleinere Wohneinheiten mit eigenen Eingängen ange­ Geld für die Aktivitäten des Zentrums.gliedert, so dass ältere Menschen in der Nähe der Familie »Alte Menschen brauchen nicht nur in materieller Hinsicht Unterstützung«, sagt Yao. »Wichtiger ist geistig­ seelischer Beistand. Nach dem Ausscheiden aus demt Ältere Anwohner führen in der Nähe der alten Stadtmauer der chinesischen Berufsleben haben viele Menschen das Gefühl, überflüssig Stadt Xi’an eine Oper auf. © UNFPA/Guo Tieliu zu sein. Jetzt, da es den Leuten besser geht, wollen sie mehr, sowohl spirituell als auch kulturell.« Das Dorf Gengxi im Kreis Zhouzhi, etwa eine Auto­ stunde von Xi’an entfernt, hat nur 1.365 Einwohner. Anfang 2011 waren von ihnen 179 über 60 Jahre alt. Weil es so klein ist, gibt es hier nur wenige Einrichtungen speziell für ältere Menschen. Doch der örtliche Alten­ verband versucht das wettzumachen. Der Verband wurde 1997 gegründet, berichten dessen Angestellte, nachdem man festgestellt hatte, dass in einigen Haushalten ältere Verwandte zurückgelassen worden waren. Gengxi, eine bergige Gegend, bestand damals aus mehreren sehr armen Dörfern, deren Bewohner von dem36 KAP IT EL 3: SI CHERHEIT, WIRTSCHAFTLICHE MÖ GLICH KE IT E N U Nd U N A B H ä N G IG KE IT IM A LT E R
  • 43. Ältere Frauen warten im Altenheim St. Mary im indischen Neu-Delhi auf Besuch.t © Sanjit das/Panoszu überleben versuchten, was sie auf den Feldern ernten Wissenschaften in Neu­Delhi. Auch wenn sie länger leben,konnten – vor allem Weizen, Mais und Bohnen. 2003 geht es alten Menschen nicht immer gut, und nicht allewurde die Landwirtschaft von Gengxi vollständig um­ haben einen glücklichen Lebensabend. Das schrieb Nairgestaltet, heute beziehen die Bewohner ihr Einkommen in einem einführenden Aufsatz zu dem 2009 von ihmaus Obstgärten und Lauben, die von älteren Menschen herausgegebenen wissenschaftlichen Sammelband »Statusbewirtschaftet werden können. Das jährliche Pro­Kopf­ of Ageing in India: Challenges and Opportunities«.Einkommen sei, so die Angestellten des Verbands, in Nair zitiert Beispiele von Menschen, die misshandeltweniger als einem Jahrzehnt von ungefähr 1.000 Yuan oder im Stich gelassen wurden, und schreibt darüber,(ca. 154 US­Dollar) auf 6.480 Yuan (ca. 1.000 US­Dollar) dass die Probleme alter Menschen keine angemessenegestiegen. Beachtung finden. Er berichtet von den Opfern, die junge Familien bringen müssen, wenn man von ihnen trotz derdas Streben nach mehr Unabhängigkeit tiefgreifenden und weit verbreiteten Armut erwartet, dassIn China wie in Indien führt das Interesse an der sie sich um ihre Eltern und Großeltern kümmern. Indienwachsenden Bevölkerungsgruppe der über Sechzigjährigen hat weltweit die meisten Menschen, die mit weniger alszu reger Forschungstätigkeit. Die seit langem vorherr­ 1,25 US­Dollar pro Tag auskommen müssen. Nair warntschende Meinung, die Versorgung alter Menschen sei die vor Gesetzen, wie sie in der Regierung im Gespräch sind.natürliche Aufgabe der Familie, und wenn sie dieser nicht Mit ihnen sollen Familienmitglieder verpflichtet werden,nachkommt, sollte sie per Gesetz dazu gezwungen sich um die älteren Menschen zu kümmern. Das könnewerden, wird inzwischen revidiert. Mit neuen Realitäten jedoch dazu führen, dass die Verantwortung des Staatesmuss man sich auseinandersetzen, sagt K. R. G. Nair, für die Unterstützung von Senioren gedrosselt wird. NairHonorarprofessor am Forschungszentrum für politische empfiehlt, auch das Potenzial der »jungen Alten« zwischen W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 37
  • 44. derzeit neue Probleme – unter anderem komme es zu Versorgungslücken im Bereich der Altenpflege. Im Jahr 2011 veröffentlichte Indien den Entwurf eines neuen politischen Programms, das die staatliche Politik für Senioren regeln soll. Darin werden aktuelle Entwicklungen im Land aufgezählt: »die Bevölkerungs­ explosion bei den älteren Menschen, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel, Fortschritte in Medizin, Naturwissenschaft und Technik und großes Elend unter den Älteren in der armen Landbevölkerung«. In dem Programm, das zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Shiela Harrison Matthew in ihrem Zimmer im Altenheim St. Mary im Berichts dem Kabinett zur Verabschiedung vorlag, wirdt indischen Neu-Delhi. erneut bekräftigt, dass »die Versorgung von Senioren © Sanjit das/Panos Aufgabe und Pflicht der Familie, im Zusammenwirken mit der Gemeinschaft, der Regierung und privatensechzig und siebzig Jahren nicht zu vergessen, die immer Unternehmen« sei.noch fit genug sind, um einen Beitrag zu Wirtschaft und Es wird hervorgehoben, dass ältere Frauen in IndienGesellschaft zu leisten. Diese würden jedoch nur wider­ besondere Zuwendung benötigen. Viele alte Frauen, ganzstrebend als Mitarbeiter beschäftigt. besonders Witwen, führten ein Leben, das nur schwer zu Staatliche Krankenhäuser im ländlichen Raum, wo ertragen sei. »Die Probleme älterer Frauen werden durchein großer Teil der alten Menschen in Indien lebt, leiden lebenslange geschlechtsspezifische Diskriminierunghäufig unter Personalmangel. Das betont Dr. Oomen verstärkt, die häufig von tief verwurzelten kulturellen undGeorge, Leiter des medizinischen Dienstes von HelpAge gesellschaftlichen Ressentiments herrührt«, heißt es inIndia, der ebenfalls mit einem Beitrag in dem Buch über dem Entwurf. »Diese addiert sich zu anderen Formen vondas Altwerden in Indien vertreten ist. Private ärztliche Diskriminierung aufgrund sozialer Zugehörigkeit, Kaste,Versorgung ist für viele zu kostspielig. George macht auf Behinderungen, Analphabetismus, Arbeitslosigkeiteine wissenschaftliche Untersuchung der indischen und Familienstand.«Regierung und des Regionalbüros Indien der Weltgesund­heitsorganisation aufmerksam. Darin wird darauf hin­ Zu den Marginalisierten vordringengewiesen, dass »geistige Gesundheit und Rehabilitation Mathew Cherian, Vorstandsvorsitzender von HelpAgeernsthaft in die Planung der medizinischen Versorgung India, war Mitglied des Ausschusses, der die Vorschlägeälterer Menschen mit einbezogen werden müssen«. für eine neue altengerechte Politik ausgearbeitet hat. Führende Bevölkerungswissenschaftler, die sich mit Seine NGO kümmert sich um viele Facetten des Lebensneueren Statistiken befasst haben, sagen, dass die wachsende im Alter. Sie unterhält ein Notruftelefon für Menschen,Zahl älterer Menschen selbst in den fortschrittlichsten die Hilfe brauchen, doch Cherian meint traurig: »Alles,Bundesstaaten im Süden Indiens eine neue Herausfor­ was wir tun, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.« Erderung darstellt, obwohl die Entwicklungsindikatoren gibt zu bedenken, dass kleine Sozialversicherungsleistungendort an die einiger Industrieländer heranreichen. Das für die ältesten Bürger in der gegenwärtigen Wirtschaftbestätigt C. Chandramouli, Oberster Standesbeamter und Indiens nicht weit reichen und dass private Kranken­Volkszählungskommissar von Indien. In Kerala entstünden versicherungen ältere Menschen nicht aufnehmen.38 KAP IT EL 3: SI CHERHEIT, WIRTSCHAFTLICHE MÖ GLICHKE IT E N U Nd U N A B H ä N G IG KE IT IM A LT E R
  • 45. Die Menschen in Indien werden zwar älter als früher, Familienstrukturen im Flusssagt Cherian, aber es gibt große Unterschiede je nach In Finnland, einigen anderen europäischen Ländern, JapanZugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen und der Republik Korea altert die Bevölkerung so schnell,Gruppe. »Das Leben der Armen, der Dalits (›Unberühr­ dass die Alterung zum wichtigsten sozioökonomischenbare‹) und der Ureinwohner ist so hart, dass diese Anliegen der Politiker geworden ist. An der UniversitätMenschen nicht sehr lange leben.« Helsinki erklärt der Bevölkerungswissenschaftler Professor Als Reaktion auf die wachsenden gesundheitlichen Pekka Martikainen, dass die Alterung nur ein Teil einesund wirtschaftlichen Bedürfnisse armer alter Menschen ganzen Komplexes von Herausforderungen ist. Die geringehat die Regierung 100 von den 662 Verwaltungsbezirken Zahl der Geburten pro Frau setzt sich fort, auch wenn sieIndiens im Jahr 2010 Geld für den Aufbau einer in Finnland in den letzten Jahren wieder leicht angestiegengeeigneten Altenpflege zur Verfügung gestellt. Außerdem, ist: Bekamen Frauen in Finnland zwischen 1990 undergänzt Cherian, wurden acht regionale Gesundheits­ 1995 durchschnittlich etwa 1,7 Kinder, waren es zwischenzentren ausgewählt, die entsprechende Programme auf­ 2005 und 2010 etwa 1,8 Kinder. Weltweit bleibt dasbauen sollten. Die Leitung des indischen Ministeriums Wachstum beim Ersatzniveau von 2,1 stabil; darunterfür Naturwissenschaft und Technik arbeitet mit HelpAge beginnt die Bevölkerung zu schrumpfen. Doch die ZahlenIndia zusammen, um Produkte und Dienstleistungen spiegeln nicht die volle Wahrheit wider.für ältere Menschen zu entwickeln: Geräte mit Sprach­ »Die Familienstrukturen und der Familienzusammen­steuerung, Fahrzeuge für die mobile Physiotherapie und halt in Europa haben sich enorm verändert. Das hängt aberVideoverbindungen für ortsansässige Ärzte, um fach­ nur teilweise mit den sinkenden Geburtenraten zusammen«,ärztlichen Rat von Spezialisten einzuholen. betont Professor Martikainen. Hohe Scheidungsquoten, Aus Sorge über die Misshandlung älterer Menschenhat HelpAge India in 20 Städten Notruftelefone einge­richtet und führt Mediationen in betroffenen Familien t Tanz am Donnerstagnachmittag, eine beliebte Kulturveranstaltung für Rentnerinnen und Rentner im Arbeiterhaus Malmi in Helsinki, Finnland.durch. Wenn nötig, meldet die Organisation Fälle von © UNFPA/Sami SallinenMisshandlungen der Polizei. In einer Studie über dieMisshandlung älterer Menschen, die die Organisation invier großen Metropolregionen und vier kleineren Städtendurchgeführt hat, wurde feststellt, dass Gewalt allgemeinzunimmt, ganz besonders die innerfamiliäre Gewalt.»Die Wohnung der Familie ist immer noch der Ort, wodie meisten älteren Menschen leben«, so Cherian. »Betreutes Wohnen und Altenheime sind in Indiennicht besonders üblich«, sagt er und fügt hinzu, dass esim ganzen Land nur etwa 3.600 solcher Unterkünfte gibt.Die meisten davon sind entweder im Privatbesitz oderwurden von Wohlfahrtsverbänden oder religiösenOrganisationen eingerichtet. »Viele von ihnen beherbergenzwischen 20 und 50 Senioren«, sagt Cherian. »Die Gesamt­kapazität ist immer noch sehr gering.« W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 39
  • 46. neu zusammengesetzte Familien und ein rascher Rückgang weiter, und sie wird gleichzeitig immer älter. Die überder Haushaltsgröße spielen seiner Meinung nach ebenfalls Sechzigjährigen stellen heute fast ein Viertel der Gesamt­eine Rolle. »Es gibt immer mehr ältere Menschen, aber bevölkerung des Landes, und die Zahlen der überauch immer mehr junge Menschen, die allein leben, Siebzig­ und der über Achtzigjährigen steigen.nachdem sie das Elternhaus verlassen haben.« Frauen »Die Sterblichkeit ist rapide zurückgegangen, insbe­arbeiteten länger und verschöben die Eheschließung und sondere in der ältesten Bevölkerungsgruppe der überdie Geburt von Kindern. Oder sie entschieden sich, Siebzigjährigen«, bestätigt Martikainen. »Damit stellt sichüberhaupt keine Kinder zu bekommen. Eine Gruppe die Frage, ob sich die Leistungsfähigkeit dieser Menschenjunger Frauen, die sich nach der Arbeit in Helsinki auf ebenso schnell verbessert – im Wesentlichen, ob dieeine Flasche Wein getroffen hat, bestätigt das: Sie alle zusätzlichen Lebensjahre auch gesunde Lebensjahrefinden ihre Berufstätigkeit interessant, und keine von sind.« Diese Fragen brennen unter den Nägeln, weil dieihnen möchte eine Familie gründen. Eine sagt, es reize Generation der »Baby­Boomer« sich langsam demsie nicht zu heiraten, weil sie nicht »angebunden« Rentenalter nähert und damit die große Zahl der Altenwerden wolle. verstärke. Wie in anderen Industrieländern stelle sich auch Martikainen erzählt, dass die Regierung nicht offen für in Finnland die Frage, wo das Geld herkommen soll, ummehr Kinder werbe, sondern lieber hervorragende soziale auch in Zukunft ein gutes Leben für alle zu finanzieren.Angebote wie eine Ganztagsbetreuung machte, um die Martikainen beobachtet in Finnland ein ähnlichesElternschaft zu erleichtern. Trotzdem warteten viele junge Denken, wie man es in Entwicklungsländern antrifft, woLeute ab, in der Überzeugung, dass es diese Dienst­ die staatlichen Ressourcen viel geringer sind: »In Finnlandleistungen auch später noch geben werde. Inzwischen und anderswo wird mehr über die Verpflichtungen derwächst die Bevölkerungsgruppe der älteren Menschen Familie bei der Fürsorge für die älteren Menschen geredet«, sagt er. »Aber es könnte auch sein, dass ein gewisser Druck entsteht, die Kosten der Altenbetreuung auf dent Die finnischen Rentner Hannu und Armi zu Hause. © UNFPA/Sami Sallinen Einzelnen und die Familien abzuwälzen. Das aber hat mit Fragen der Solidarität zwischen den Generationen und der familiären Unterstützung zu tun. In Europa wird sehr großer Wert darauf gelegt, die Altenbetreuung innerhalb der Gemeinschaft zu organisieren, so dass alte Menschen zu Hause wohnen bleiben können. Aber wie lässt sich das organisieren?« Angesichts des Wandels traditioneller Familienstrukturen ist dies eine schwierige Aufgabe. In Finnland sind die städtischen Sozialämter für Altenzentren zuständig, genau wie für Kindertagesstätten und andere Dienstleistungen vor Ort. Menschen über 75 Jahren haben tagsüber Zugang zu Freizeitaktivitäten, häuslicher Hilfe, Krankenhausbetreuung und bedarfs­ gerechtem Wohnen, das auf verschiedene Behinderungen zugeschnitten ist. Das Riistavuori­Zentrum in Helsinki ist ein Beispiel für die umfangreichen Dienstleistungen, die solche Einrichtungen zur Verfügung stellen.40 KAP IT EL 3: SI CHERHEIT, WIRTSCHAFTLICHE MÖ GLICHKE IT E N U Nd U N A B H ä N G IG KE IT IM A LT E R
  • 47. Riistavuori verfügt über eine Wohngemeinschaft fürDemenz­Patienten und eine weitere für Menschen mitgeistig­psychischen Erkrankungen. Es gibt Abteilungenfür Krisenintervention und Rehabilitation. Außerdemgibt es 85 Einzelzimmer für betreutes Wohnen mit allennotwendigen Sicherheitseinrichtungen sowie Studio­wohnungen und Zimmer für Familienmitglieder, die zuBesuch kommen. Es gibt sieben Saunen, einen Turn­ undFitnessraum, ein Restaurant und Café, eine Bibliothek,einen Friseursalon. Es gibt Räume für handwerkliche ▲ Die finnischen Rentner Hannu und Armi gehen im Winter gerne Skilaufen. © UNFPA/Sami SallinenBetätigung sowie Angebote für Massage, Fußpflege undosteopathische Behandlungen. 43 Hilfsschwestern und21 Krankenschwestern sind im Zentrum angestellt. Zudem dieses Versorgungsniveau angesichts der wachsenden Zahlgibt es einen Stab von Lehrern für die unterschiedlichsten derer, die im Alter Hilfe benötigen, aufrechterhalten? IstFächer, ein Therapiezentrum und einen wunderschönen, dieses Leben im Alter auf höchstem europäischem Niveauganz in Weiß gehaltenen Ruheraum namens Shangri La. in einer alternden Welt gefährdet, in der schon reicheEr wurde von einem Designer gestaltet und verfügt über Länder die Belastung spüren und Menschen in ärmerengedimmte Leuchten, klassische Musik, Aromatherapie, Ländern solchen Luxus niemals kennenlernen werden?und auf eine große Wand können geräuschlos Bilder vonWäldern, Unterwasser­Szenerien oder Ansichten vonHelsinki projiziert werden. Diese Dienstleistungen könnenvon Tagesbesuchern ebenso wie von den Bewohnern inAnspruch genommen werden. MENSCHEN IM ALTEr Das Zentrum ist nicht kostenlos, aber die Kosten sindentsprechend dem Einkommensniveau der Nutzer oder Auszüge aus dem Aktionsprogramm derBewohner gestaffelt und betragen bis maximal 80 Prozent Kairoer Weltbevölkerungskonferenzder persönlichen Rente. Kirsi Santama ist leitender sozial­ In den meisten Gesellschaften machen Frauen, da sie längerwissenschaftlicher Beirat des Zentrums. Er betont, dass leben als Männer, den Hauptanteil der älteren Bevölkerungdie Reichen zum Teil 3.500 Euro pro Monat für die aus [...].Rund­um­die­Uhr­Betreuung bezahlen, die meisten jedoch Die anhaltende Zunahme älterer Altersgruppen in den nati­bei weniger als 1.000 Euro monatlich liegen. Für ihre onalen Bevölkerungen – sowohl in absoluten Zahlen als auchpersönlichen Medikamente bezahlen die Kunden des im Verhältnis zu der Bevölkerung im erwerbsfähigen AlterZentrums höchstens 600 Euro pro Jahr – alles darüber – hat bedeutende Konsequenzen für die Mehrzahl der Länder,hinaus sei kostenlos. Finnland ist ein einkommensstarkes insbesondere hinsichtlich der Praktikabilität bestehenderLand mit einem jährlichen Brutto­Einkommen von über formeller und informeller Modalitäten für die Unterstützung alter Menschen. Die wirtschaftlichen und sozialen Auswir­46.000 US­Dollar pro Kopf. Die OECD hat ermittelt, kungen dieser »Alterung der Bevölkerung« stellen sowohldass einige seiner staatlichen und privaten Konzepte der eine Chance für alle Gesellschaften als auch eine Heraus­Altersversorgung zu den großzügigsten der Welt gehören. forderung an sie dar [...]. »Alt sein ist keine Krankheit«, laute die Botschaft inRiistavuori, betont Santama. Aber wie lange lässt sich W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 41
  • 48. 42 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF DIE GEBURTENRAT E
  • 49. KAPITEL Einflussfaktoren auf VIER die Geburtenrate Fertilität – die Zahl der Kinder pro Frau – ist die Grundlage für die Vorhersage von Bevölkerungswachstum oder -rückgang. Ob Frauen keine, wenige oder viele Kinder haben, sagt aber auch etwas über ihre Lebensqualität aus. Denn mit diesem Indikator sind Faktoren wie Gesundheit, Bildung, wirtschaftliche Chancen und Gleichberechtigung verknüpft. Auch das Recht jeder Frau, selbst und ohne Druck durch reproduktiven Gesundheit, der Kindergesundheit sowie ihren Partner, ihre Familie, die Gemeinschaft oder die der Bildung und durch die Stärkung von Frauen gesenkt. staatliche Politik darüber zu entscheiden, wann und in In vielen Ländern haben die Eltern beschlossen, weniger welchen Abständen sie Kinder bekommen möchte, spielt Kinder zu bekommen, um diesen bessere Startchancen für die Fertilität eine Rolle. bieten zu können«, stellt sie fest. In den Industrieländern liegt die durchschnittliche Hohe Geburtenraten bedeuten für einige Länder Fertilitätsrate bei etwa 1,7 Kindern pro Frau – unterhalb hohe Kosten – finanziell, gesundheitlich und sozial. In des Ersatzniveaus von 2,1 Kindern pro Frau. In den am Mosambik zum Beispiel »sind hohe Geburtenraten ein wenigsten entwickelten Ländern beträgt die Fertilitätsrate Problem für die Volksgesundheit«. Insbesondere Mütter, etwa 4,2. In den Ländern Afrikas südlich der Sahara die in Abständen von weniger als zwei Jahren schwanger bekommt eine Frau im Durchschnitt 4,8 Kinder. Im Welt- werden, seien geschwächt und anfällig für Krankheiten, maßstab sinken die Geburtenraten seit Mitte des letzten berichtet Leonardo Chavane vom Gesundheitsministerium. Jahrhunderts allmählich. Allerdings sind die Bedingungen, Viele schwangere Mütter hätten »nicht genügend Zeit, die die Zahl der Kinder pro Frau beeinflussen, in jedem auf ihre eigene Gesundheit und die ihrer Kinder zu achten«. Land und in jeder Region unterschiedlich. Besonders im Norden des ländlichen Mosambik Hania Zlotnik ist Direktorin der Bevölkerungsabteilung bewältigen in der Regel die Frauen die gesamte landwirt- der Vereinten Nationen. Auf einer Tagung der Kommission schaftliche Arbeit. Wenn sie aufgrund einer Schwanger- für Bevölkerung und Entwicklung im April 2011 in schaft oder ihres schlechten Gesundheitszustands nicht New York wies sie auf Belege dafür hin, dass ein Rückgang genügend Nahrungsmittel produzieren können, drohen der Fertilitätsrate zur Beschleunigung des Wirtschafts- ihnen und ihren Kindern Hunger und Unterernährung, wachstums und zum Abbau der Armut beigetragen erläutert Chavane. Seinen Angaben zufolge sind landes- habe. »Die Fertilität wurde durch Verbesserungen der weit 44 Prozent der Kinder chronisch unterernährt. In Cabo Delgado, einer Provinz im Norden des Landes, wird Ana Maria Sibanda, Mutter zweier Kinder, hofft als Nächstes auf einen Jungen. fast jedes dritte Mädchen verheiratet, bevor es 15 Jahret © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira alt ist. Hier wenden nur drei Prozent der weiblichen W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 43
  • 50. Produktions­ und Konsumstrukturen sowie die Stellung und Bildung der Menschen sind so eng miteinander verflochten, dass die einzelnen Faktoren nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. Die Stärkung von Frauen ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, das Bevölkerungswachstum auf der Basis persönlicher Entscheidungen – und nicht auf Basis staatlicher Vorschriften – zu stabilisieren. Deshalb ist die Stärkung von Frauen seither zentraler Bestandteil für Leonardo Chavane, stellvertretender Leiter für Volksgesundheit im die Gestaltung von Bevölkerungspolitik. Mit diesert Gesundheitsministerium Mosambiks. Erkenntnis ging die Selbstverpflichtung der internationalen © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira Gemeinschaft einher, den Zugang zu reproduktiver Gesundheitsversorgung einschließlich der FamilienplanungBevölkerung moderne Verhütungsmittel an. Und hier bis 2015 sicherzustellen. Man hatte erkannt, dass diessind etwa 59 Prozent der Kinder chronisch unterernährt. eine unverzichtbare Voraussetzung ist, um die freieUnterernährte Kinder, schließt Chavane, seien häufiger Entscheidung bezüglich der Anzahl der Kinder und dergeistig oder körperlich zurückgeblieben. Das gefährde ihre Abstände zwischen den Geburten zu ermöglichen. ManChancen auf ein langes, gesundes und produktives Leben. setzte auf ein Maßnahmenbündel, das die Stärkung Elisio Nhantumbo ist Leiter der Dienststelle für von Menschen, Entwicklungsförderung, die VerbesserungDemographie und des mosambikanischen Ministeriums der Gesundheit und den Zugang zu Bildung umfasst.für Entwicklung und Planung. Er findet die hohe Dem lag die Annahme zugrunde, dass die GeburtenratenGeburtenrate des Landes »besorgniserregend«. Denn die auf diesem Wege auf das Ersatzniveau von 2,1 KindernBevölkerung wachse schneller als die Möglichkeiten des pro Frau absinken würden.Staates, Waren, Dienstleistungen und Verdienstmöglich­ Im Jahr 2011 sind wir nur noch drei Jahre von demkeiten bereitzustellen – besonders für die rapide wachsende in Kairo vereinbarten Ziel und vier Jahre von der FristZahl der jungen Menschen. Der »Development Assistance entfernt, in der die MDGs erreicht werden sollen. AuchFramework« der Vereinten Nationen für 2012 bis 2015 sie enthalten zahlreiche Ziele zur Verbesserung des Lebens(Rahmensetzung für UN­Entwicklungsmaßnahmen und der Rechte von Frauen und Mädchen. Mancherortsund ­Programme, UNDAF) stellt entsprechend fest: »Die wurden einige dieser Ziele bereits erreicht. Doch derWirtschaft des Landes ist weitgehend außerstande, die Zugang zur Familienplanung ist davon ebenso häufigschätzungsweise 300.000 jungen Menschen zu beschäftigen, ausgenommen wie das Recht der Frau auf eine selbst­die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen.« bestimmte Entscheidung über ihr reproduktives Leben. In Was aber hindert manche Menschen daran, frei und den Entwicklungsländern haben heute schätzungsweiseselbstverantwortlich zu entscheiden, wie viele Kinder sie 215 Millionen Frauen keinen Zugang zu Familienplanung,bekommen wollen? Welche Faktoren tragen dazu bei, obwohl sie verhüten möchten. Noch immer sterben jedesdass in anderen Ländern die Geburtenraten unterhalb des Jahr hunderttausende Frauen infolge von KomplikationenErsatzniveaus sinken oder sich stabilisieren? bei Schwangerschaft oder Geburt. Viele dieser Todesfälle Im Aktionsprogramm der Weltbevölkerungskonferenz sind vermeidbar.von Kairo 1994 kommt diesbezüglich ein neues Problem­ In einigen Ländern führen schlechte Straßennetze dazu,bewusstsein zum Ausdruck: Fertilität, Gesundheit, Armut, dass die Versorgung mit Hilfsmitteln der Familienplanung44 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF dIE GEBURTENRAT E
  • 51. in abgelegenen Gebieten nahezu unmöglich ist. In anderen fünf oder sechs Prozent ihres Staatsgebiets für dieLändern behindern kulturelle Gründe und mangelnde Nahrungsmittelproduktion nutzen. Deshalb »muss eineGeschlechtergerechtigkeit die Möglichkeiten von Frauen, Bevölkerungspolitik oberste Priorität jeder Regierungihre reproduktiven Rechte wahrzunehmen, obwohl aus­ sein«, sagt er und fügt hinzu: »Bei der Anwendung vonreichend Dienste und Hilfsmittel der Familienplanung Verhütungsmitteln stellen wir eine hohe Abbruchquotezur Verfügung stehen. In einer weiteren Gruppe von fest. Ein Drittel aller Frauen setzen sie nach einem JahrLändern geht die Nachfrage nach Verhütungsmitteln wieder ab.« Makhlouf ist überzeugt, dass die Fertilität teil­aufgrund des Zusammenwirkens wirtschaftlicher und weise deshalb stagniert, weil konservative gesellschaftlichesozialer Gründe zurück. Einstellungen in Ägypten einen Auftrieb erfahren. Gamal Serour ist Leiter des internationalen islamischenrückgang der Familienplanung als grund für Zentrums für Bevölkerungswissenschaften an der Al­Azhar­hohes Fertilitätsniveau in Ägypten? Universität in Kairo, eines Zentrums für islamischeIn Ägypten, wo heute 81 Millionen Menschen leben, Gelehrte aus der ganzen Welt. Er sagt, die Religion könneführen viele den drastischen Rückgang der Fertilität auf nicht für die stagnierende Geburtenrate in Ägyptenjahrzehntelange staatliche und nichtstaatliche Familien­ verantwortlich gemacht werden. Dafür sprechen auch dieplanungsprogramme zurück. In den 1950er Jahren bekam Erfahrungen anderer Länder mit muslimischen Mehr­eine Frau in Ägypten durchschnittlich 6,37 Kinder. heiten. In Tunesien und Indonesien sind die GeburtenratenZwischen 2005 und 2010 waren es noch etwa drei. Vor zum Beispiel deutlich zurückgegangen. In Nordafrikaeinem Jahrzehnt steuerte man eine Senkung der Geburten­ liegen die Geburtenraten niedriger als fast überall sonstrate auf das Ersatzniveau von 2,1 Kindern bis zum in Afrika. Hier gilt Tunesien als Vorreiter in SachenJahr 2017 an. reproduktiver Gesundheit und Rechte. Heute geht man jedoch davon aus, dass die Geburten­ Serour, zugleich Präsident der in London ansässigenrate erst im Jahr 2030 das Ersatzniveau erreichen wird. International Federation of Gynecology and ObstetricsUnd selbst diese Prognose wird von manchen Demo­ (Internationale Föderation für Gynäkologie und Geburts­graphen und Sozialwissenschaftlern bezweifelt. Denn sie hilfe), charakterisiert die Al Azhar­Universität alshaben festgestellt, dass die Fruchtbarkeit auf einem hohen konservativste Hochschuleinrichtung in der islamischenNiveau stagniert, und wollen das Phänomen jetzt in Welt. Er betont jedoch, dass man hier schon 1974 dasmehrjährigen Studien unter die Lupe nehmen. Einige Zentrum für Bevölkerungswissenschaften eingerichtetägyptische Befürworter von Familienplanung führen diese habe. »Wir wollen die Menschen darüber aufklären, dassStagnation darauf zurück, dass das Engagement der der Islam nicht gegen Familienplanung ist. Der Islam hatRegierung und der Medien in Sachen Familiengröße im nichts gegen den gesundheitlichen Schutz der Frauen.«vergangenen Jahrzehnt nachgelassen hat. Serour veröffentlichte einen Ratgeber zu dem Thema, in »Sollte es nicht gelingen, das Ersatzniveau zu erreichen, dem er aus religiösen Texten zitiert, und verbreitet seinedann hätte Ägypten ein Problem«, sagt Hisham Makhlouf. Botschaft mittels der von ihm ausgebildeten Imame bisEr ist Vorsitzender des Verbandes der ägyptischen nach Afghanistan.Bevölkerungswissenschaftler und Professor am Institut Serour weist darauf hin, dass es besserer Informationenfür Statistik der Universität Kairo. »Wir leiden bereits und Dienste zur reproduktiven Gesundheit für jungejetzt unter einem Mangel an Trinkwasser und Wasser zur Menschen bedarf. Er sagt, das Land dürfe keineBewässerung.« Landwirtschaftlich nutzbare Flächen sind »Bevölkerungsexplosion« riskieren und müsse Mütter­in Ägypten ein kostbares Gut. Die Ägypter können nur sterblichkeit, unsichere Schwangerschaftsabbrüche und W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 45
  • 52. andere medizinische Probleme mit einer besseren Serour zufolge haben einschneidende Kürzungen derreproduktiven Gesundheitsversorgung bekämpfen. Denn internationalen Entwicklungshilfe für Familienplanungdiese Risiken würden Mädchen und Frauen in Ägypten im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre zur Verlang­großen Schaden zufügen. »Wir importieren keine samung des Geburtenrückgangs in Ägypten beigetragen.westlichen Ideen«, stellt er klar. »Wir sprechen über Seine Kritik richtet er an diejenigen, die Entwicklungs­unsere Probleme.« hilfe für Familienplanung als kulturelle Einmischung oder Nachdem eine Umfrage unter Studierenden zu deren als Werkzeug einer überkommenen und inakzeptablenWissen über Sexualität und Fortpflanzungsfragen »er­ Bevölkerungskontrolle betrachten. Wenn machtlosenschreckende« Ergebnisse zutage gefördert hatte, führte Frauen in armen Ländern aus ideologischen Gründen derSerour an der Al Azhar mit Unterstützung der Universitäts­ Zugang zu Verhütungsmitteln verwehrt wird, »dann istverwaltung Kurse zu diesen Themen ein. das eine Menschenrechtsverletzung«, stellt er klar.Junge ägyptische Frauen und FamilienplanungIn einem ländlich geprägten Gebiet nahe über eine gesunde Lebensweise. Wenn einer Braut an ihrem Hochzeitstag intaktder ägyptischen Stadt Ismailia am West­ sie von einer Mutter gefragt wird, ob sie sein muss. Bis dahin jedoch wird die Frauufer des Suez­Kanals berät Dalia Shams ihre Tochter beschneiden lassen soll, über die verschiedenen Alternativen auf­Ratsuchende zu Fragen der Familien­ »dann muss ich das Thema ganz vorsichtig geklärt.planung in einem beengten Büro. Es dient angehen, um sie nicht zu verscheuchen«. »Viele Männer versuchen, die Familien­zugleich als Unter suchungs raum eines Der Verband für Familienplanung ist planung zu verbieten«, kritisiert Shams.Zentrums des ägyptischen Verbands für gegen diesen Brauch, der in Ägypten »Ich versuche, mit ihnen über Mütter­Familien planung, der durch das Youth- immer noch weit verbreitet ist, obwohl er gesundheit zu sprechen und darüber,Friendly-Clinics-Programme (Programm für gegen das Gesetz verstößt. Man ver­ dass zwischen den Geburten Abständejugendfreundliche Kliniken) von UNFPA mutet, dass weibliche Genitalverstüm ­ eingeplant werden müssen. Ich empfehlegefördert wird. Shams verbringt viel Zeit melungen zurückgehen. ihnen zweijährige Pausen zwischen denmit Zuhören, besonders bei heranwach­ Shams berät auch junge Frauen und Geburten.«senden Mädchen. »Es beginnt mit einer Männer über die Eheschließung. DiePlauderei, damit sie Vertrauen zu mir fas­ meisten jungen Frauen, die zu ihr kommen,sen können«, sagt sie. »Dann reden sie, heirateten zwischen 18 und 25 Jahren,ohne mit irgendetwas hinter dem Berg zu sagt sie. In der Stadt Ismailia, wo sie auf­halten.« gewachsen ist, seien auch 16­jährige »Die Mädchen wissen wenig über Sex, Bräute nicht selten. Das ist allerdingsund sie fürchten sich davor«, be dauert gesetzeswidrig. Die Frauen und ihreShams. »Sie kommen und fragen, ob sie Ehemänner – egal in welchem Alter – wis­ihre Jungfräulichkeit beim Duschen oder sen sehr wenig über das, was in SachenReiten auf einem Esel verlieren können. Sexualität auf sie zukommt. Denn die vor­Sie stellen Fragen über Menstruations­ eheliche Keuschheit wird streng bewacht.probleme oder Infektionen. Manchmal Wenn die Zeit für Familienplanung ge­werden die Mädchen von ihrer Mutter kommen ist, kann Shams Spiralen, Kon­begleitet. Auch die Mütter haben Angst.« dome, Injektionsmittel, Implantate undShams spricht ganz offen mit ihnen über orale Kontrazeptiva anbieten. Mit derSexualität, aber auch über Ernährung, Verabreichung muss sie bis nach derpersönliche Hygiene und ganz generell Hochzeit warten, weil die Jungfräulichkeit46 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF dIE GEBURTENRAT E
  • 53. »Familienplanung kann den Tod von einer Million Kindern pro Jahr verhindern«, ist Serour überzeugt. »In Afrika sterben 68.000 Frauen pro Jahr an unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen, weil ihr Bedarf [an Familien­ planung] nicht gedeckt wird. Also warum verteilt man keine Verhütungsmittel?« In Ägypten haben schätzungs­ weise 9,2 Prozent der verheirateten oder in einer Partnerschaft lebenden Frauen einen ungedeckten Bedarf an Mitteln zur Familienplanung. Wie sich Einschränkungen bei der Familien­ planung auf die geburtenrate auswirken Traditionen, die Benachteiligung der Frau, die Über­ zeugung, große Familien seien ein Zeichen von Reichtum und falsche Vorstellungen über moderne Verhütungs­ mittel halten viele Frauen und Männer in Mosambik Carlos Arnaldo, Professor für Demographie an der Eduardo-Mondlane- t Universität in Maputo, Mosambik. davon ab, Dienste der Familienplanung in Anspruch zu © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira nehmen. In dem südostafrikanischen Land verlassen sich nur 11,8 Prozent der Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter auf moderne Verhütungsmethoden, wie zum Beispiel »groß« sei. Das bedeute, dass »viele Frauen die von ihnen die Pille oder Kondome, um eine Schwangerschaft zu gewünschte Familiengröße nicht realisieren können«. verhindern. Auch der Staatlichen Generaldirektion für Wissen­ In einigen Landesteilen stehen vor allem aufgrund von schaft und Politikanalyse des mosambikanischen Transportschwierigkeiten Verhütungsmittel nur begrenzt Ministeriums für Planung und Entwicklung zufolge hat zur Verfügung. Doch auch die Nachfrage nach Verhütungs­ der ungedeckte Bedarf an Familienplanung tatsächlich mitteln ist in manchen Gegenden eher gering. zugenommen. Die Zahlen belegen, dass sich immer mehr Die Landbevölkerung von Mosambik scheint sich vom Frauen oder Paare über Verhütungsmittel informieren, Konzept der Familienplanung nicht angesprochen zu dass aber das Gesundheitssystem nicht in der Lage ist, die fühlen, befürchtet Patricia Guzman, UNFPA­Delegierte Nachfrage zu befriedigen. in Maputo. »Wie soll man seine Familie ›planen‹, wenn In städtischen Räumen stehen zunehmend Dienste man auch sonst in seinem Leben überhaupt nichts planen der Familienplanung zur Verfügung. Aber »das kulturelle kann? Die Frage, wie viele Kinder sie haben wollen, ist Umfeld« hindere viele Menschen daran, zu verhüten, für die meisten Menschen nicht relevant.« meint Carlos Arnaldo, Bevölkerungswissenschaftler an der In einem Profil der Weltbank zur reproduktiven Eduardo­Mondlane­Universität in Maputo. »Zwar gibt Gesundheit in Mosambik vom April 2011 heißt es jedoch, es Familienplanung, aber es sind nicht die Frauen, die dass der ungedeckte Bedarf des Landes an Familienplanung darüber entscheiden. Männer sind gegen Familienplanung, weil sie mehr Kinder wollen.« Leonardo Chavane vom Gesundheitsministerium ist Dalia Shams, Ärztin an der jugendfreundlichen Klinik des ägyptischen Verbands überzeugt, dass Mosambik den Zugang der Frauen zut für Familienplanung in Abo Attwa bei Ismailia. Informationen über moderne Methoden der Familienplanung © UNFPA/Matthew Cassel W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 47
  • 54. beschleunigen und erweitern muss. Dann verstünden ungewollter Schwangerschaften reduzieren als auch diemehr Menschen, dass diese Methoden sicher sind und Zahl der HIV­Infektionen niedrig halten sollen. Imihnen zu einem besseren Leben verhelfen können. Außer­ Rahmen von Familienplanungsdiensten werden deshalbdem müsse Mosambik seinen Ansatz der Familienplanung nicht nur Tests für die Schwangerschaftsvorsorge, sondernso verändern, dass auch die Männer mit einbezogen auch HIV­Tests angeboten. Und in der HIV­Präventionwerden. »Bislang konzentriert sich die Familienplanung und ­Behandlung werden schwangere Mütter dazuin Mosambik vor allem auf die Frauen«, sagt Chavane. angehalten, Kondome zu benutzen. Zudem erhalten sie»Jetzt arbeiten wir stärker darauf hin, die ganze Familie antiretrovirale Medikamente, um die Übertragung deszu erreichen, Diskussionen anzuregen und die Nachfrage Virus auf ihre Neugeborenen zu verhindern. Danknach Familienplanung zu steigern.« Aber nicht nur Geração Biz, einer Gemeinschaftsinitiative dreier staat­Männer wollen große Familien. Einer Umfrage aus dem licher Ministerien zur Prävention von HIV­InfektionenJahr 2003 zufolge wünschen sich die Frauen in Mosambik und ungeplanten Schwangerschaften, sind integriertedurchschnittlich 5,3 Kinder. Dienstleistungen bereits die Regel. Wie in vielen anderen Ländern auch, würden Familien­ Samuel Mills ist ein hochrangiger Gesundheitsexperteplanungsdienste in Mosambik zunehmend in Programme bei der Weltbank. Er ist davon überzeugt, dass man inzur sexuellen und reproduktiven Gesundheit, einschließ­ Mosambik – ebenso wie in vielen anderen Ländernlich HIV­Prävention, integriert, so Guzman. Damit auch – mehr tun könnte, um über die Anwendung vonsollen Synergien geschaffen werden, die sowohl die Zahl Verhütungsmitteln, größere Abstände zwischen den Geburten und kleinere Familien aufzuklären. »Den Männern müssen wir klarmachen, dass es wirt­t Mütter warten mit ihren Kindern beim Verband für Familienplanung in Abo schaftlich sinnvoller ist, zwischen den Geburten längere Attwa bei Ismailia auf den Arzt. © UNFPA/Matthew Cassel Pausen einzulegen und weniger Kinder zu bekommen. Wer weniger Kinder hat, kann es sich eher leisten, ihnen Bildung zu ermöglichen. Außerdem braucht man weniger Geld für die Ernährung. Die Botschaft für die Frauen sollte lauten, dass größere Abstände zwischen den Schwangerschaften dazu führen, dass Kinder und Mutter gesünder sind.« »Wir versuchen nicht, die Leute zu überreden, kleinere Familien zu haben«, betont Chavane. »Stattdessen er­ muntern wir sie, mit der ersten Schwangerschaft zu warten. Wir sagen ihnen, dass die Familie zwischen zwei Schwangerschaften mindestens zwei Jahre Pause einlegen sollte, damit Mutter und Kind gesund bleiben.« Chavane zufolge hat die Regierung eine Aufklärungskampagne über die Vorteile größerer Abstände zwischen den Geburten gestartet. Darin machen sich bekannte Persön­ lichkeiten, wie zum Beispiel die First Lady Maria da Luz Guebuza, für das Anliegen der Familienplanung stark.48 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF dIE GEBURTENRAT E
  • 55. Weniger Schwangerschaften in Indien durch hatte die Regierung versucht, das BevölkerungswachstumSterilisation teilweise durch Zwangssterilisationen einzudämmen.Von den wenigen modernen Verhütungsmethoden, die als Seitdem war es ein vorrangiges Anliegen derer, die sichstaatliche Dienstleistungen in Indien kostenlos zugänglich für reproduktive Gesundheit und Menschenrechtesind, wird die Sterilisation am häufigsten angewendet. einsetzen, dass die Freiwilligkeit bei einer derartigenNach Angaben der UN­Bevölkerungsabteilung sind mehr Entscheidung sichergestellt ist.als 37 Prozent der indischen Frauen, die moderne »Der schlimmste Teufel in Indien«, meint Nanda, »istVerhütungsmethoden anwenden, und ein Prozent der das zwanghafte Setzen von Zielvorgaben.« Dabei spielt erMänner sterilisiert. Bei den modernen Verhütungs­ auf die Zahl der Sterilisationen an, die in einigen Landes­methoden machen Sterilisationen weltweit einen Anteil teilen von den Ärzten pro Tag oder pro Monat erwartetvon 18,9 Prozent bei Frauen und 2,4 Prozent bei den wird. Seiner Meinung nach sollten keine ZielvorgabenMännern aus. Dagegen beträgt der Anteil der Kondome mehr gemacht werden. Familienplanung, einschließlichfür Männer an den Kontrazeptiva in Indien nur fünf Verhütungsmittel, sollte nicht mehr isoliert bereitgestellt,Prozent. Die Pille wird von 3,1 Prozent der Frauen ge­ sondern mit einem integrierten staatlichen Programm zurnommen. Verhütungsspritzen werden von der Regierung reproduktiven Gesundheit gekoppelt werden. »Die repro­nicht zur Verfügung gestellt. duktive Gesundheit ist ein viel besserer Ansatz«, sagt er. »Er A. R. Nanda war Kommissar für Volkszählung, ist viel wirkungsvoller, und die Frauen profitieren davon.«Gesundheits­ und Familienminister der Staatsregierung In den Medien gab es einige Berichte über Zielvorgabenund später geschäftsführender Direktor der unabhängigen und Anreize für Sterilisationen in manchen Regionen desPopulation Foundation of India (indische Bevölkerungs­ Landes. Das UNFPA­Regionalbüro in Delhi stellt jedochstiftung). Er wünscht sich dringend eine Studie, die er­ klar, dass diese Strategien nicht der nationalen Politikklärt, weshalb Sterilisationen in Indien gegenüber anderen entsprächen. UNFPA weise die Regierung auf derartigeVerhütungsmethoden überproportional vertreten sind. Missstände hin, damit diese entsprechende Gegenmaß­Ihn interessiert, ob dabei alle nationalen Qualitäts­ und nahmen ergreifen kann.Sicherheitsstandards sowie das Freiwilligkeitsprinzip Poonam Muttreja ist Nandas Nachfolgerin als geschäfts­gewahrt bleiben. Sterilisationen werden in provisorischen führende Direktorin der einflussreichen Populationmedizinischen Einrichtungen, den so genannten Camps, Foundation of India. Die Stiftung betreibt Forschung unddurchgeführt. Eine gemeinnützige Juristenvereinigung politische Arbeit zu einer großen Bandbreite vonhabe wegen der Art und Weise, wie die Sterilisationen in Bevölkerungs­, Gesundheits­ und Geschlechterfragen.den Camps vorgenommen werden, bereits ein Gerichts­ Muttreja beklagt, dass die begrenzte Auswahl an Ver­verfahren gegen die Regierung angestrengt, so Nanda. Im hütungsmitteln, die in Indien kostenlos erhältlich sind,Urteil des Obersten Gerichtshofs heißt es, dass sich alle für die Frauen sowohl abschreckend als auch gefährlichÄrzte und die Organisatoren der Camps im ganzen Land sei. »Die Nachfrage nach Verhütungsmitteln«, betont sie,an die nationalen Qualitäts­, Sicherheits­ und Durch­ »ist vorhanden. Es fehlt an einer angemessenen Versorgung.«führungsstandards halten müssen. Demnach darf kein Die Müttersterblichkeitsrate Indiens liegt bei 230Arzt mehr als 30 Sterilisationen pro Tag vornehmen. »In Todesfällen pro 100.000 Schwangerschaften. Muttreja istder Vergangenheit haben einige von ihnen 50 oder 60 sich sicher, dass sie mit besseren und umfassenderendurchgeführt«, erklärt Nada. Er gehe davon aus, dass die Familienplanungsdiensten gesenkt und viele MenschenlebenDurchsetzung der Qualitätsstandards die Zahl der gerettet werden könnten. »In Indien werden jährlich überKomplikationen senken werde. In den 1970er Jahren zehn Millionen Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt, W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 49
  • 56. die meisten davon bei verheirateten Frauen«, bedauert zur Stabilisierung des Bevölkerungswachstums beigetragen.sie. »Das ist tragisch.« Ihren Angaben zufolge sind acht Wenn jedoch die Sterilisation die häufigste oder dieProzent der Todesfälle von Müttern auf Schwanger­ einzige Option ist, können die Geburtenraten sogar nochschaftsabbrüche zurückzuführen. steigen: Der Eingriff ist irreversibel. Deshalb warten viele Anders als Indien nutzen Brasilien und Mexiko den Frauen damit ab. Unter Umständen bekommen einigeso genannten »Caféteria«­Ansatz. Hier wird die gesamte von ihnen dann mehr Kinder, als sie vielleicht gehabtBandbreite an Verhütungsmitteln angeboten. Studien hätten, wenn die Zeitabstände zwischen ihren Geburtenhaben gezeigt, dass die Geburtenraten in solchen Ländern größer gewesen wären. Dies legen wissenschaftlichedrastisch gesunken sind. Ähnliche Strategien haben in Untersuchungen von Zoë Matthews und anderen amzahlreichen ostasiatischen und südostasiatischen Ländern Max­Planck­Institut für demographische Forschung nahe.Proportion of women who have an unmet need forUngedeckter Bedarf agedFamilienplanungfamily planning among women an 15-49 who aremarried or in a union, 1990, 2000 and 2008 (Percentage) nach wie vor hochAfrika südlich 26 2005 verpflichteten sich die Vereinten Nationen bei einem 24 der Sahara Weltgipfel, bis zum Jahr 2015 den universellen Zugang zu 25 reproduktiver Gesundheit zu gewährleisten (MDG 5b). Man 19,5 Karibik einigte sich darauf, den ungedeckten Bedarf an Verhütungs­ 20,4 20,2 mitteln als Indikator für das Erreichen dieses Ziels zu wählen. Im Jahr 2011 veröffentlichte die UN­Bevölkerungsabteilung 20 Südasien 17 die neuesten Daten zum Thema Empfängnisverhütung welt­ 15 weit. Sie zeigen, dass die Anwendung von Verhütungsmitteln 14 zwar zunimmt, doch in 46 Ländern noch immer mindestensKaukasus und Zentralasien 12 20 Prozent der verheirateten oder in einer Partnerschaft 12 lebenden Frauen ihren Bedarf an Familienplanung nicht 16 decken können. Der ungedeckte Bedarf liegt in den meisten Westasien 14 Regionen seit dem Jahr 2000 auf demselben mittleren bis 12 hohen Niveau. Am höchsten ist er in Afrika südlich der 15 Sahara und in der Karibik. Südostasien 11 11 19 Nordafrika 11 10 16Lateinamerika 10 9 Anteil der Frauen mit ungedecktem Bedarf an Familien­ planung an allen 15­ bis 49­jährigen verheirateten oder in 3 einer Partnerschaft lebenden Frauen, 1990, 2000 und Ostasien 2 2 2008 (in Prozent) 14 Quelle: Millennium Development Goals Report 2011Entwicklungs- 12 regionen 11 0 5 10 15 20 25 30 1990 2000 200850 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF dIE GEBURTENRAT E
  • 57. Benachteiligung der Frauen und hohe FertilitätAna Maria, eine werdende Mutter, sitzt im Gesundheits­zentrum Boane, etwa eine Stunde von der mosambi­kanischen Hauptstadt Maputo entfernt. »Ich will dreiKinder«, sagt sie und deutet auf ihren Bauch, während sieauf die Schwangerenvorsorge wartet. »Zwei habe ichschon – einen Jungen und ein Mädchen – und dieses hiersoll mein letztes sein«, erklärt sie. Die Betreuung auf­wachsender Kinder sei teuer. Ihr Geld würde sie lieber fürden Bau eines neuen Hauses verwenden, eines Hausesmit vier Zimmern. Auch Asucena, eine 22­jährige Tomatenverkäuferinauf einem improvisierten Markt in einem der AußenbezirkeMaputos, will nur drei Kinder. Die Frauen, die an denbenachbarten Ständen arbeiten, sagen alle, sie wollten nurzwei oder drei Kinder. Trotz dieser und vieler ähnlicher Berta Chilundo, Juristin und Vizepräsidentin von MULEIDE, einer NGO, die t sich für die Frauenförderung in Mosambik einsetzt.Aussagen bekommen Frauen in Mosambik im Lauf ihres © UNFPA/Pedro Sá da BandeiraLebens durchschnittlich mehr als fünf Kinder. In einigenländlichen Gebieten sind es im Schnitt sogar fast sieben. Warum gibt es so eine große Kluft zwischen der Zahl »Die dauerhafte Benachteiligung der Frauen bedeutet,der Kinder, die manche Frauen wollen, und der Zahl, die dass Frauen und Kinder überproportional häufig Opfersie tatsächlich bekommen? Mehrere Experten für Bevöl­ von Armut, Nahrungsunsicherheit und Krankheitenkerung und Entwicklung und auch Hilfsorganisationen in sind«, heißt es im UNDAF für Mosambik für die JahreMosambik machen den schlechten sozialen Status von 2012 bis 2015.Frauen – und den damit einhergehenden Mangel an wirt­ Das bestätigt Carlos Arnaldo, Professor fürschaftlichen und gesellschaftlichen Chancen – für die Bevölkerungswissenschaften an der Eduardo­Mondlane­hohen Geburtenraten verantwortlich. Universität in Maputo. In Mosambik »haben Frauen Der Gender Inequality Index (Ungleichheitsindex keine Entscheidungsmacht« – besonders dann nicht,der Geschlechter), der im »Bericht über die menschliche wenn es um die Entscheidung über die Zahl der KinderEntwicklung 2010« des Entwicklungsprogramms der und den Zeitpunkt der Geburten gehe, sagt er.Vereinten Nationen vorgestellt wurde, misst die Ungleich­ Symptomatisch für diese Situation ist die weit ver­heit zwischen Frauen und Männern in Bezug auf die breitete häusliche Gewalt, obwohl sie seit 2009 unterreproduktive Gesundheit, politische Partizipation, Strafe steht. Berta Chilundo ist Vizepräsidentin desVerdienstmöglichkeiten und Bildung. Demnach steht Ausschusses für Frauen, Recht und Entwicklung undMosambik bei der Gleichberechtigung von Frauen arbeitet bei MULEIDE, einer NGO, die Rechtsbeistandauf dem 111. Platz von 169 Ländern. Der Index zeigt, und psychologische Unterstützung für misshandeltedass fast drei Viertel der menschlichen Entwicklung in Frauen anbietet. »Die Gewalt gegen Frauen in MosambikMosambik wegen dieser Ungleichheiten verloren gehen – hängt direkt mit der Stellung der Frau in der Gesellschaftinsbesondere im Bereich der reproduktiven Gesundheit. zusammen«, betont sie. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 51
  • 58. Maria Fatima, 43, suchte letztes Jahr Unterstützung für sie ist«, kritisiert Samo. »Die Stellung einer Fraubei MULEIDE, nachdem sie entschieden hatte, dass sie bestimmt sich durch einen Mann – den Ehemann, denmit ihrem Partner nicht länger zusammenleben wollte. Vater, einen Bruder.«Er hatte sie während der Beziehung zwei Jahre lang ge­ Samo argumentiert, dass nicht nur der Staat und dieschlagen. »Als ich ihn 1995 kennenlernte, hatte ich einen NGOs intervenieren müssen, um ChancengleichheitJob bei der Eisenbahn und studierte Wirtschaftswissen­ für Frauen und Männer herzustellen, sondern auch dieschaften an der Universität«, erzählt sie. »Aber in dem Familien. Denn die können einen enormen EinflussJahr wurde ich schwanger. Deshalb hat mein Partner mich darauf haben, wie Mädchen – und Jungen – sich selbstgezwungen, meine Stelle zu kündigen und die Schule und einander in der Gesellschaft wahrnehmen. Einerseitsabzubrechen. Dadurch bin ich völlig abhängig von ihm sei es wichtig, Mädchen in ihrer Sozialisation zu er­geworden.« Nachdem sie die häusliche Gewalt jahrelang mutigen, ihre Stärken und Möglichkeiten zu erkennen.ertragen hatte, zog Fatima aus und zeigte den letzten Andererseits sei es genauso wichtig, die Sozialisation derZwischenfall bei der Polizei an. Die einmal erstattete Jungen zu verändern. Sie müssen schon in jungen JahrenAnzeige kann nicht mehr zurückgenommen werden, nicht begreifen, dass von der Chancengleichheit zwischeneinmal, wenn das Opfer darum bittet. Denn das neue Männern und Frauen alle Seiten profitieren.Gesetz erhebt häusliche Gewalt in den Rang einer»öffentlichen Straftat«. Jungen bevorzugt Ein Grund für häusliche Gewalt in Mosambik könne In Indien machen sich Demographen, Medien, Politikerdarin bestehen, dass die Frau Familienplanung betreiben und viele andere Sorgen über die Bevorzugung vonwill oder sie ihren Partner bittet, beim Geschlechtsverkehr Jungen. Das hat Auswirkungen auf das Geschlechter­ein Kondom zu benutzen, erklärt Chilundo. verhältnis und verfestigt die geringe gesellschaftliche Viele Frauen sind sogar der Ansicht, sie hätten die Wertschätzung von Mädchen. Nach den Ergebnissen derSchläge verdient. Das hat eine Umfrage zu Demographie landesweiten Volkszählung von 2011 hat sich das Problemund Gesundheit aus dem Jahr 2003 ergeben. Landesweit noch verstärkt. Kamen in der Gruppe der 0­ bis 6­Jährigenwar mehr als ein Drittel der Frauen der Meinung, im Jahr 2001 noch 927 Mädchen auf 1.000 Jungen, istSchlagen sei aus verschiedenen Anlässen gerechtfertigt. die Zahl der Mädchen jetzt auf 914 pro 1.000 JungenDie Bandbreite der angegebenen Gründe reichte von gesunken. Damit zeigt das aktuelle Geschlechterverhältnisangebranntem Essen bis zum Verlassen des Hauses ohne bei Kindern die größte Diskrepanz seit der Unabhängig­Abschiedsgruß. In ländlichen Gegenden ist die Akzeptanz keit 1947. Als Hauptursache dieser Anomalie geltender häuslichen Gewalt weiter verbreitet. Sie nimmt ab, illegale geschlechtsselektive Abtreibungen und die zu­je höher der Bildungsgrad der befragten Frau ist. weilen tödliche Vernachlässigung von Mädchen nach der Graça Samo ist geschäftsführende Direktorin des Geburt. Die Anwendung von Ultraschall zur Geschlechts­Forum Mulher, einer Gruppe, die sich für Frauenrechte bestimmung ist billiger geworden und überall im Landund Entwicklung einsetzt. Sie sagt, die Bildung der leichter zugänglich als früher, obwohl das VerfahrenFrauen sei entscheidend für die Bekämpfung geschlechts­ gesetzeswidrig ist.spezifischer Benachteiligungen in Mosambik. Doch C. Chandramouli, Oberster Standesbeamter undBildung allein könne die Diskriminierungen nicht Volkszählungskommissar von Indien, hat die Volks­beseitigen, wenn nicht zugleich auch die Sozialisation der zählung von 2011 geleitet. Er hält diesen Trend fürMädchen in Bezug auf ihre Erwartungen verändert werde. äußerst besorgniserregend. Chandramouli sieht darin keinFrauen werde beigebracht, »dass ein Mann die Lösung demographisches, sondern ein soziales Problem. Es wird52 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF dIE GEBURTENRAT E
  • 59. durch die Unfähigkeit der Behörden verstärkt, die Gesetzegegen die Geschlechtsselektion mittels Überwachung alljener Kliniken durchzusetzen, in denen Ultraschall­untersuchungen angeboten werden. »Die Technologie istder Hauptschuldige«, fügt er hinzu. Der einzige Auswegaus dem, was Kritiker als »Genderzid« bezeichnen, isteine gesellschaftliche Kampagne, um die Stellung derMädchen zu verbessern. Diese muss durch wirkungs­vollere staatliche Anreize gestützt werden. Internationale Organisationen sehen das genauso. DieWeltgesundheitsorganisation (WHO), UNFPA, UNICEF,UN Women und das Büro des UN­Hochkommissars fürMenschenrechte haben im Jahr 2011 dazu eine gemein­same Veröffentlichung vorgelegt. Darin heißt es, dieGesundheit einer Frau werde überall dort untergraben,wo familiärer Druck in der Hoffnung auf ein männlichesKind eine Schwangerschaft nach der anderen fordert. Inmanchen Fällen, so Gayle Nelsen, Gleichstellungsexpertinvon UNFPA, wurden Frauen zu unsicheren Schwanger­schaftsabbrüchen gedrängt. Viele riskieren, geschlagen zu ▲ Graça Samo, geschäftsführende Direktorin des Forums Mulher in Maputo, Mosambik.werden, wenn sie ein Mädchen austragen. © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira »Ein Ungleichgewicht beim Geschlechterverhältnis isteine inakzeptable Erscheinung der geschlechtsspezifischenDiskriminierung von Mädchen und Frauen und eineMenschenrechtsverletzung«, heißt es in der oben genannten gESCHLECHTErgErECHTIgKEITVeröffentlichung. Es wird aber auch klargestellt, dassnicht Technologien – wie zum Beispiel Ultrasonographie Auszüge aus dem Aktionsprogramm der Kairoerund Amniozentese – die eigentliche Ursache des Problems Weltbevölkerungskonferenzsind. Wenn Regierungen versuchen, den Missbrauch Außerdem steigert die Verbesserung der Stellung der Frauenvon Technologien einzudämmen oder zu verbieten, dann ihre Entscheidungsfähigkeit in allen Lebensbereichen, ins­»zeigt die Erfahrung, dass rechtliche Einschränkungen besondere im Bereich Sexualität und Fortpflanzung. Dies wiederum ist für den langfristigen Erfolg von Bevölkerungs­ohne weiter gefasste sozialpolitische und andere Maß­ programmen wesentlich […].nahmen zur Bekämpfung tief verwurzelter sozialer Normenund zur Herbeiführung von Verhaltensänderungen Männer spielen eine Schlüsselrolle bei der Herbeiführung derwirkungslos verpuffen«. Die Organisationen warnen, dass Gleichberechtigung der Geschlechter, da sie in den meistensie sich »sogar nachteilig auf die Menschenrechte und Gesellschaften die vorrangige Machtstellung in fast allen Lebensbereichen innehaben, die von persönlichen Entschei­die reproduktiven Rechte von Frauen auswirken können«. dungen hinsichtlich der Familiengröße bis hin zu den auf Etwas Hoffnung machen Chandramouli die Ergebnisse allen Ebenen der staat lichen Verwaltung getroffenender indischen Volkszählung des Jahres 2011. Sie zeigen, Entschei dungen über Grundsatzfragen und Programmedass das Ungleichgewicht in einigen der Bundesstaaten, reichen […]. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 53
  • 60. die einst die größten Missverhältnisse zwischen Mädchen führende Direktorin der Population Foundation of India.und Jungen aufwiesen, langsam abnimmt. In vielen »Wir können zeigen, dass sowohl Jungen als auchanderen Bundesstaaten ist die Entwicklung allerdings Mädchen ihre Familien unterstützen können. Indien hatgegenläufig. Dort liegt die Zahl der Mädchen pro in der Vergangenheit nicht in Frauen und ganz allgemein1.000 Jungen zum Teil im 800er­Bereich und damit auch nicht in Bevölkerungsthemen investiert«, resümiert sie.deutlich unterhalb des Landesdurchschnitts von 914. Der ehemalige indische Gesundheits­ und Familien­ Vor allem wirtschaftliche Gründe sprechen in Indien minister Nanda hält eine Verschlechterung desdagegen, Mädchen zu bekommen. Sie gelten oft als Geschlechterverhältnisses bei Kindern für »ein sehrfinanzielle Last, weil die Eltern ihnen eine kostspielige ernstes Problem«. Es müsse jedoch im ZusammenhangMitgift mitgeben müssen, um einen guten Mann für mit den sinkenden Geburtenraten betrachtet werden.sie zu finden. Zudem können Frauen oft nur wenig zum Viele, wenn nicht die meisten geschlechtsselektivenFamilieneinkommen beitragen. Diese Argumente ließen Abtreibungen werden von wohlhabenden Menschen aussich jedoch widerlegen, so Poonam Muttreja, geschäfts­ den besseren städtischen Wohngegenden arrangiert, die sich kleinere Familien wünschen. Wenn die Präferenz für kleinere Familien und der Wunsch nach Söhnen zusammenkommen, kann das dazu führen, dass weiblicherEProdUKTIvE gESUNdHEIT Föten abgetrieben werden. Reiche Eltern ließen sich auchUNd rECHTE nicht durch Prämienzahlungen von ein paar tausend Rupien davon abbringen, so Nanda.Auszüge aus dem Aktionsprogramm der KairoerWeltbevölkerungskonferenz »Das Geld für die Erziehung und Bildung von Mädchen verkommt zu reiner Symbolik, wenn dieReproduktive Gesundheit bedeutet […], dass Menschen […] Gesetze gegen Mitgift oder Eigentumsüberschreibungendie Fähigkeit zur Fortpflanzung und die freie Entscheidungdarüber haben, ob, wann und wie oft sie hiervon Gebrauch nicht durchgesetzt werden«, betont er. Als oberstermachen wollen. In diese letzte Bedingung eingeschlossen Beamter im Gesundheitsministerium schickte er Lock­sind das Recht von Männern und Frauen, informiert zu werden vögel in Kliniken, um Ärzte zu ermitteln, die zu illegalenund Zugang zu sicheren, wirksamen, erschwing lichen und Geschlechtsbestimmungen bereit sind. Einige von ihnenakzeptablen Familienplanungsmethoden sowie zu anderen ließ er verhaften. »Sie müssen ein ordnungsgemäßesMethoden der Fertilitätsregulierung ihrer Wahl zu haben,die nicht gegen die rechtlichen Bestimmungen verstoßen Strafverfahren bekommen«, sagt er. Bislang ist das nochund das Recht auf Zugang zu angemessenen Gesundheits­ nicht die Regel.diensten, die es Frauen ermöglichen, eine Schwangerschaftund Entbindung sicher zu überstehen und die für Paare die großfamilien bedeuten soziale Sicherheitbestmöglichen Voraussetzungen schaffen, ein gesundes Kind In Mosambik, besonders im ländlichen Norden, sindzu bekommen […]. Kinder ein Zeichen von Reichtum. Mehr Kinder bedeuten[R]eproduktive Rechte [umfassen] bestimmte Menschen­ mehr Hilfe im Haushalt und mehr Hände für dierechte […]. Diese Rechte stützen sich auf die Anerkennung Feldarbeit. Mehr Kinder bedeuten für die Eltern auchdes Grundrechtes aller Paare und Individuen, frei und verant­ mehr Sicherheit im Alter. »Kinder sind das Kapital einerwortlich über die Anzahl, den Geburtenabstand und den Familie«, sagt Graça Samo, Exekutivdirektorin des ForumZeitpunkt der Geburt ihrer Kinder zu entscheiden und überdie diesbezüglichen Informationen und Mittel zu verfügen Mulher. »Kinder zu bekommen gilt als Möglichkeit,einschließlich des Rechts, den höchsten Standard der sexuellen Macht zu erlangen.«und reproduktiven Gesundheit zu erreichen […].54 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF dIE GEBURTENRAT E
  • 61. In einem Land, in dem es kaum finanziellen Reich­tum gibt, erscheint es sinnvoll, Kinder als Reichtum zubetrachten. Mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopfvon 440 US­Dollar steht Mosambik auf der Liste derärmsten Länder auf Rang 14. Drei Viertel der Bevölke­rung leben von bis zu 1,25 US­Dollar pro Tag. Dem United Nations Development Assistance Frame-work für 2012 bis 2015 zufolge leben etwa 70 Prozentder mosambikanischen Bevölkerung im ländlichenRaum. Die meisten sind von der Subsistenzlandwirtschaftabhängig: »Eine extrem niedrige landwirtschaftlicheProduktivität gepaart mit großer Anfälligkeit für Klima­katastrophen führt dazu, dass ein sehr großer Teil derBevölkerung chronisch von Nahrungsunsicherheit bedrohtist. Die Einkommen, die mit landwirtschaftlichenProdukten generiert werden, sind niedrig und unsicher.« In eben jenen ländlichen Gebieten sind die Geburten­ t Kindergarten für die Gemeinschaft der Roma in Skopje in der Ehemaligenraten am höchsten, die Bildungsniveaus am niedrigsten, jugoslawischen Republik Mazedonien. © VII/Antonin Kratochvilist die frühe Heirat am weitesten verbreitet, und hierplanen nur relativ wenige Menschen ihre Familien.Darüber hinaus bringt die Armut eine kürzere Lebens­ Wenn mehr Kinder gebraucht werdenerwartung und höhere Sterblichkeitsraten von Müttern In Europa ist man nicht über das Bevölkerungswachstum,und ihren Kindern mit sich. »Wenn die Kindersterblich­ sondern über die niedrigen Geburtenraten alarmiert.keit hoch ist, bekommen die Menschen mehr Kinder«, Einige Länder haben Programme aufgelegt, um die Zahlgibt Samuel Mills zu bedenken. Mills ist oberster der Geburten mithilfe finanzieller Anreize zu erhöhen.Gesundheitsexperte der Weltbank. »Ist die Kindersterb­ Solche politischen Strategien werden als pronatalistischlichkeit gering, ist auch der Wunsch der Menschen nach bezeichnet. Sie werden oft mit Appellen an Familiengroßen Familien weniger ausgeprägt.« verbunden, sie mögen mehr Kinder bekommen, um das António Francisco, Rosimina Ali und Yasfir Ibraimo nationale Wirtschaftswachstum zu sichern. Befragt manvom Institut für Sozial­ und Wirtschaftswissenschaften in Frauen im geburtenschwachen Europa dazu, scheinen sieMaputo sagen: »Zu viele Kinder zu haben, war lange Zeit das für einen ungewöhnlichen, wenn nicht gar unzumut­und ist noch heute die wichtigste Form des Sozialschutzes baren Grund zu halten, um eine Familie um ein oderin Mosambik.« Die meisten Menschen können sich nicht zwei Kinder zu vergrößern – auch wenn dafür Geld­darauf verlassen, dass die Regierung ihnen ein Einkommen prämien oder andere Anreize winken.verschafft, wenn sie alt oder arbeitsunfähig sind. Indem Spiro Ristovski ist stellvertretender Minister fürsie Kinder bekommen, schlussfolgern die Wissenschaftler, Arbeits­ und Sozialpolitik in Skopje, der Hauptstadt derschafften sie sich ihre eigenen Sozialversicherungssysteme. Ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien. Er»Für den Großteil der Bevölkerung in Mosambik bleiben bringt einige Zahlen zur Sprache, die hinter einer neuenKinder die wichtigste Form sozialer Sicherung.« pronatalistischen Politik stehen. Beispielsweise brauchen manche Arbeitgeber sechs bis neun Monate, um vakante W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 55
  • 62. Stellen neu zu besetzen. Gleichzeitig versucht das Land,seine Wirtschaft zu stärken und in die EU und dieWeltwirtschaft zu integrieren. Aus dem ZusammenbruchJugoslawiens in den 1990er Jahren ist das Land relativarm hervorgegangen. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen ist dieGeburtenrate Mazedoniens auf 1,5 Kinder pro Frauzurückgegangen. Die Regierung gibt in einigen Berichteneine Zahl von 1,3 an. Zudem wandern junge Menschenauf der Suche nach besserer Arbeit und einem besserenLebensstandard nach Westeuropa und Nordamerika ab.Beide Entwicklungen haben das Arbeitskräfteangebotverringert. In ganz Süd­ und Osteuropa einschließlichRusslands liegen die Geburtenraten bei 1,5 Kindern proFrau oder darunter. Einzige Ausnahme ist Montenegromit durchschnittlich 1,6 Kindern pro Frau. Auch dieGeburtenraten in Westeuropa sind niedrig, durchschnitt­ ▲ Spiro Ristovski, stellvertretender Minister für Arbeits- und Sozialpolitik in der Ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien.lich liegen sie bei 1,6 Kindern pro Frau. Nur in Frankreich © VII/Antonin Kratochvilund Irland liegen sie höher, nämlich bei 2,0. Ristovski sagt, es werde fünf bis sieben Jahre dauern,um festzustellen, ob die Prämienzahlungen für ein drittes kommt, die ohnehin schon größere Familien planen.Kind wirklich zu einem deutlichen Anstieg der Bevölke­ Frauen, die berufstätig sind und vorhaben, wenigerrungszahlen geführt hätten. Frauen, die im ganzen Land Kinder zu bekommen, werden die Geburtenprämie fürzu dem Prämienprogramm befragt wurden, äußerten sich nicht als lohnend empfinden. Dragovic gibt auch zugemischte Gefühle. Sie fragen sich, ob das zusätzliche bedenken, dass der Plan zur Geburtenförderung wenigEinkommen die Kosten für die Erziehung eines dritten oder nichts zur Stärkung der Frauen beitrage.Kindes decken würde. Dabei haben viele Familien nicht »Junge Menschen finden es besser, weniger Kinder zueinmal zwei Kinder. haben«, sagt eine junge Frau in Bogovinje, einem Dorf In den vergangenen zwei Jahren wurde das Prämien­ im Norden des Landes. In einer überwiegend albanisch­programm von 5.000 Familien in Anspruch genommen. muslimischen Wohngegend sitzt sie bei einem Treffen mitDen Zahlen der Regierung zufolge leben die meisten von älteren Frauen zusammen, bei dem sie über ihr Lebenihnen in Skopje. 54 Prozent der Menschen, die die sprechen. »Der Wirtschaft geht es schlecht. Aber wirPrämie erhalten, sind ethnische Albaner, deren Familien wollen auch mehr Zeit für uns selbst haben.«ohnehin eher größer sind. 31 Prozent sind ethnische In der Gegend von Bogovinje kommt die WirtschaftMazedonier und fast zehn Prozent sind Roma. langsam in Gang, und die Fertilität liegt bereits knapp Anica Dragovic ist Bevölkerungswissenschaftlerin am unterhalb des Ersatzniveaus. Doch solange sich dieInstitut für Soziologie an der Universität Ss. Cyril und Einstellung der Männer nicht ändere, sagen die Frauen,Methodious in Skopje. Sie äußert Zweifel, ob der Plan werde von Frauen immer noch erwartet, dass sie diemit den Zahlungen funktioniert, und sie fragt sich, ob gesamte Hausarbeit erledigten. Darüber hinaus müsstendas Geld nicht möglicherweise den Leuten zugute sie sich um die Alten kümmerten. Mehr Kinder würden56 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF dIE GEBURTENRAT E
  • 63. ihnen nur noch mehr Arbeit machen. Selbst wenn eine Andere argumentieren, dass die Frauen in den Städten dieFrau durch ihren Mann nicht entmutigt oder abgehalten Heirat hinauszögerten und die Scheidungsraten stiegen.werde, außerhalb des Hauses arbeiten zu gehen, und Es sei wichtiger, Frauen auszubilden und weiblichesselbst wenn sie eine Arbeit fände, fehlen immer noch Unternehmertum zu fördern. Die wirtschaftliche Stärkungkostenlose oder subventionierte Kindertagesstätten oder der Frauen sei Bestandteil der Entwicklungspläne undKindergärten. Dieser Mangel ist in großen Teilen des ­programme der Staatsregierung, sagt Ristovski vomLandes spürbar. Ministerium für Arbeit und Sozialpolitik. Auch die Frauen in Bogovinje, die in mittlerem Alter Blagica Novkovska ist Direktorin des staatlichen Amtssind und von denen einige nur über sehr geringe Bildung für Statistik in Skopje. Sie hebt hervor, dass Frauen jetztverfügen, suchen nach Möglichkeiten, Geld zu verdienen. zunehmend Arbeit in der Privatwirtschaft finden. DadurchSie sagen, dass sie sich über Angebote zur Erwachsenen­ verändere sich das überkommene Muster weiblicherbildung freuen würden. Sie wünschen sich mehr Jobs für Beschäftigung: Bisher waren 80 Prozent der berufstätigenFrauen und eine bessere wirtschaftliche Unterstützung für Frauen beim Staat angestellt. Auch die Studentinnendiejenigen, die sich selbstständig machen wollen. brechen laut Novkovska mit der Tradition, indem sie sich Die jüngeren, noch unverheirateten Frauen in ihrer immer mehr in technische und naturwissenschaftlicheUmgebung haben ihren Weg in eine Reihe von Berufen Studiengänge der Universität und seltener in den Geistes­gefunden, von der Lehrerin bis zur Bürosachbearbeiterin – wissenschaften einschreiben. Zusätzlich absolvieren sieeine ist Arzthelferin bei einem Kieferorthopäden, andere Managementkurse an privaten Wirtschaftsschulen. Ihrarbeiten in privaten Unternehmen. Sie suchen sich Fort­ Amt beobachtet diese Entwicklung und wird in denbildungsmöglichkeiten in privaten Bildungseinrichtungen. nächsten Jahren weitere Daten dazu veröffentlichen. BleibtDort eignen sie sich technische Fähigkeiten und Sprachen die Frage, ob die größeren beruflichen Chancen füran und bereiten sich so auf die zukünftige wirtschaftliche Frauen die Bemühungen konterkarieren werden, sie dazuEntwicklung mit mehr ausländischen Investoren vor. In zu bringen, mehr Kinder zu bekommen.dieser gebirgigen Gegend stecken sowohl in der Industrieals auch im Tourismus Wachstumspotenziale. t Im Dorf Bogovigne in der Ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien Im südlichen Teil des Landes gibt es bereits rund um unterhält sich eine Frauengruppe darüber, dass die Neugründung von Unternehmen wirtschaftlich gefördert werden muss.den Ohridsee und die einzigartigen historischen Stätten © VII/Antonin KratochvilTourismus. Er trägt zum Fortbestand der lokalenWirtschaft in den Städten Struga und Ohrid sowie in denDörfern und auf den Höfen in der Umgebung bei. Zwarist die Arbeitslosigkeit immer noch ein Problem, unddie Löhne von Frauen sind niedriger als die der Männer,doch finden viele junge Frauen Jobs im Gastgewerbe. In Struga haben sich die Vertreterinnen mehrerer aktiverFrauengruppen und berufstätige Frauen versammelt, umüber ihr Leben und ihre Anliegen zu sprechen. Sie sindunterschiedlicher Meinung darüber, ob die Strategie derRegierung etwas bringen wird, finanzielle Anreize für eindrittes Kind zu schaffen. Einige sagen, dadurch würde dasFamilieneinkommen »nicht unerheblich« aufgestockt. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 57
  • 64. Familiengründung leicht gemacht Städtische Krippen sind großzügig mit Personal aus­Seitdem es in allen Gemeinden Finnlands Ganztags­ gestattet, je nach Alter der Kinder. Das reicht von einerbetreuung für Kinder gibt, ist die Entscheidung, Kinder Betreuerin bzw. einem Betreuer für nur zwei Kinder unterzu bekommen, für arbeitende Frauen und Paare viel einem Jahr bis hin zu einer Betreuerin bzw. einem Betreuerleichter geworden. Die Geburtenrate in Finnland liegt für 13 Kinder im Vorschulalter. Da die Zahlen der nicht­seit den 1970er Jahren unterhalb des Ersatzniveaus von finnischen Einwandererkinder langsam steigen, gibt es indurchschnittlich 2,1 Geburten pro Frau. Auch hat das Helsinki multikulturelle Fortbildungen für Lehrkräfte. InLand nur eine geringe Einwanderung zu verzeichnen. den Kindertagesstätten wird Finnisch unterrichtet. FürDaher wuchs zum Ende des letzten Jahrhunderts die Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen oder Lern­Besorgnis, dass ein ernstzunehmender Arbeitskräftemangel behinderungen gibt es besondere Fördergruppen.entstehen könnte. Alle Mütter in Finnland haben Anspruch auf 105 Tage Pekka Martikainen von der Universität Helsinki zu­ bezahlten Mutterschaftsurlaub und das Recht auf Rück­folge wurden die großzügigen Sozialprogramme jedoch kehr an ihren Arbeitsplatz oder in einen vergleichbarennicht aufgelegt, um die Fertilität zu steigern. Es gehe eher Job. Schwangere erhalten einen finanziellen Zuschussdarum, Familien auf verschiedene Weise zu unterstützen, über 140 Euro oder eine Säuglingsausstattung mit Baby­damit sie sich frei und ohne Furcht vor negativen wirt­ pflegeartikeln zur Vorbereitung auf die Geburt und fürschaftlichen Konsequenzen entscheiden können. »Ein die späteren Bedürfnisse des Babys. Nach dem Ende desgroßer Teil der finnischen Frauen bleibt im Arbeitsmarkt«, Mutterschaftsurlaubs zahlt die Regierung beiden Elternsagt Martikainen. »Der Anteil der Frauen ist fast so hoch ein Elterngeld für 158 Tage. Dessen Höhe wird auf diewie der der Männer. Es gibt nur eine kleine Delle bei der jeweiligen Bedürfnisse und Ressourcen der EmpfängerBerufstätigkeit der Frauen in einem bestimmten Alter. abgestimmt. Väter erhalten 18 Tage Vaterschaftsurlaub,Und das sind in der Regel Frauen, die mit ihren Klein­ die, zusammen mit den zwölf Tagen Elterngeld für Väter,kindern zu Hause bleiben. In Finnland bleiben die Frauen den von den Finnen so genannten »Papa­Monat« ergeben.normalerweise bis zum Ende der Stillzeit zu Hause.« Das alles spielt möglicherweise eine Rolle bei dem Die kinderbezogenen Vergünstigungen für berufstätige Anstieg der Geburtenrate in der letzten Zeit – vor allemFrauen sind besonders im städtischen Raum großzügig aufgrund der unterstützenden Atmosphäre, auf dieund gelten als gesetzlich verankerte Rechte. In Helsinki werdende Mütter und Väter zählen können. Doch hat es,zum Beispiel gehört dazu das Recht auf einen kostenlosen wie in den meisten Ländern Europas, nicht unbedingtKrippenplatz für fünf Stunden täglich für alle Kinder. dazu geführt, dass die Familien größer werden.Darüber hinaus werden Ganztags­, Abend­, Wochenend­ Anneli Miettinen forscht für Väestöliitto, den finnischenund Rund­um­die­Uhr­Betreuungen für ein Entgelt Familienbund, über Fertilität und Unfruchtbarkeit. Siebereitgestellt, das einkommensabhängig abgestuft ist und macht sich weniger Sorgen über niedrige Geburtenraten254 Euro pro Monat nicht übersteigt. Darin sind die als vielmehr über den späten Zeitpunkt der erstenMahlzeiten immer inbegriffen. Eltern von Kindern unter Schwangerschaft. »Wir brauchen eine stabile Bevölke­drei Jahren, die nicht in einer städtischen Krippe sind, rung«, sagt sie. »Wir brauchen zwei Kinder pro Familie,erhalten ein Familiengeld. In Helsinki beträgt es zwischen und mit der Geburtenrate von 1,85 sind wir ungefähr448 Euro und 746 Euro pro Monat. Auch die privatwirt­ an diesem Punkt.«schaftlich organisierte Tagesbetreuung durch Tagesmütter »Aber da gibt es mehrere Probleme«, gibt sie zu be­wird mit öffentlichen Mitteln gefördert. denken. »Dazu gehört, dass das Alter gestiegen ist, in dem die Frauen durchschnittlich ihr erstes Kind bekommen.58 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF dIE GEBURTENRAT E
  • 65. Derzeit liegt es bei etwa 28 bis 29 Jahren. Betrachtet mannur das Gebiet um die Hauptstadt, dann liegt es bei etwa30 Jahren. Frauen sind heute nicht mehr jung, wenn sieeine Familie gründen oder darüber nachdenken. Ichglaube, wir haben noch nicht begriffen, dass viele dieserjungen Erwachsenen, die ihren Kinderwunsch auf späterverschieben, irgendwann ein Problem mit der Unfrucht­barkeit bekommen.« »Mit 35 ist man, was die Fruchtbarkeit betrifft,biologisch schon ein wenig älter«, betont Miettinen.»Manche sagen, ›Ach, ich hab alle Zeit der Welt und ichmuss mir darüber keine Gedanken machen. Ich mussmeine Ausbildung abschließen und ich muss einen festenArbeitsplatz und einen guten Vater finden, bevor ichdaran denke, eine Familie zu gründen‹.« Eine Umfrage unter finnischen Frauen in den 1970erJahren ergab, dass sie der Meinung waren, 37 sei das Dank In-vitro-Fertilisation bekam Katariina Sorsa, Pastorin der evangelisch- t lutherischen Kirche, im Juni ihr zweites Kind.höchste Alter, in dem sie noch Kinder bekommen sollten. © UNFPA/Sami SallinenHeute wollen die Frauen keine Altersgrenze mehr fest­setzen. »Heute beginnen manche Leute mit 37, Kinder zubekommen«, sagt Miettinen. »Das hat das Bild komplett 2008 geboren, als sie 34 Jahre alt war; ihr zweiter Sohn,verändert.« Janne, wurde im Juni 2011 geboren. Sorsa und ihr Mann Aufgrund solcher Entscheidungen werde die Unfrucht­ haben geheiratet, als sie noch an der Universität studierten.barkeit zukünftig möglicherweise zunehmen, vermutet Erst als sie über 30 waren, merkten sie, dass sie keinesie. Frauen über 35 stellen bereits fest, dass es schwieriger Kinder bekommen können.wird, ein Kind zu zeugen. Die Zahl der Frauen, die es mit Sie dachten über Adoption nach, entschieden sichIn­vitro­Fertilisation versuchen, nimmt zu. »Wir haben aber dagegen. Eine künstliche Befruchtung hat nichtdafür keine gesetzliche Altersgrenze«, sagt Miettinen. Es funktioniert. Also wandten sie sich an den zuständigenbleibt den Ärzten überlassen, zu beurteilen, ob eine Frau Arzt beim staatlichen Gesundheitsamt. Die beidenschwanger werden kann und ob keine medizinischen erfolgreichen In­vitro­Fertilisationen wurden – für sieProbleme für Mutter und Kind auftreten werden. »Meiner kostengünstig – in einem staatlichen Krankenhaus vorMeinung nach verlässt man sich hier zu sehr auf die Ort vorgenommen. Sorsa sagt, sie hätten für verschiedeneethischen Erwägungen der Ärzte. Wenn ein Arzt ent­ Ausgaben und Medikamente rund um die Behandlungscheiden muss, ob eine 45­jährige Frau zu alt ist, um sich und Geburt nur ein paar hundert Euro aus eigeneneiner In­vitro­Fertilisation zu unterziehen, dann ist das Mitteln aufgebracht. In einer Privatklinik hätte das mehrerefür den Arzt eine wirklich schwere Bürde«, betont sie. tausend Euro gekostet. »Für meinen Mann und mich Katariina Sorsa ist eine 36­jährige evangelisch­lutherische ist alles gut gelaufen«, freut sie sich.Pastorin, die von staatlichen Gesundheitsdienstleistungen Als Pastorin stellt Sorsa fest, dass eine wachsende Zahlund der Möglichkeit der In­vitro­Fertilisation profitiert von Babys zur Taufe in die Kirche gebracht werden, undhat. Ihr erstes Kind, ein Junge namens Martti, wurde ganz allgemein begegnet sie mehr Kindern, die seit 2006 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 59
  • 66. oder 2007 geboren wurden. Und nicht nur Ehepaare, in Afrika anerkanntermaßen ein »Unfruchtbarkeitsgürtel« sondern auch unverheiratete Paare und alleinstehende von Ost nach West, von Tansania nach Gabun. Oft kann Mütter bekommen Kinder. In Finnland gibt es keine einer Frau durch einen chirurgischen Eingriff geholfen sozialen Barrieren für Fertilitätsbehandlungen. werden. Die In­vitro­Fertilisation, wie in Finnland, ist jedoch meist zu teuer. Unfruchtbarkeit unter Armutsbedingungen Der WHO zufolge haben Ägypten und Indien In Entwicklungsländern wird ungewollte Unfruchtbarkeit Pionierprogramme zur Behandlung von Unfruchtbarkeit häufig ignoriert. Wenn Familienplanung und Verhütung gestartet. Beide Länder entwickeln auch Strategien, die höhere Priorität genießen, schenkt man der Unfrucht­ Kosten zu senken. In Kairo tritt Gamal Serour von der barkeit wenig Beachtung. Kinderlose Frauen werden als Al­Azhar­Universität dafür ein, dass auch arme Frauen das Versagerinnen abgeschrieben. Ihre Probleme werden in Recht haben, ihre Unfruchtbarkeit behandeln zu lassen. der reproduktiven Gesundheitsversorgung oft gar nicht »Demographische Studien der WHO haben gezeigt, dass berücksichtigt. Im Dezember 2010 veröffentlichte die in Ländern mit knappen Ressourcen [ohne China] mehr Weltgesundheitsorganisation ein Papier mit dem Titel: als 186 Millionen Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter »Mother or Nothing: The Agony of Infertility« (Mutter oder unfruchtbar sind«, hebt er hervor. »Unfruchtbarkeit ist gar nichts: die Qual der Unfruchtbarkeit). Darin heißt es, eine Krankheit, die zu den vielen anderen Krankheiten dass die weibliche Unfähigkeit, Kinder zu bekommen, auf der Welt hinzugerechnet werden muss, die zu ge­ viele Ursachen hat. Dazu zählen ektopische Schwanger­ schlechtsspezifischem Leid führen. Sie sollte mit allen schaften, Genitaltuberkulose, Eileiterverschluss aufgrund von Mitteln eingedämmt werden, weil ihre Bekämpfung und Infektionen des Genitaltrakts, unsichere Schwangerschafts­ Behandlung ein reproduktives Recht darstellt.« In den abbrüche und sexuell übertragbare Infektionskrankheiten. Programmen zur Familienplanung werden Paare ermutigt, Fachwissenschaftlern der WHO zufolge ist zwar die Schwangerschaften auf später zu verschieben und längere Unfruchtbarkeit des Mannes bei mehr als der Hälfte der Pausen dazwischen einzulegen. Daher sollten sie eine Paare die Ursache dafür, kein Kind zeugen zu können. Absicherung beinhalten, dass Paaren gegebenenfalls »ge­ Doch meist wird die Frau dafür verantwortlich gemacht. holfen wird, schwanger zu werden, wenn sie das zu einem Viele Frauen werden gegen ihren Willen geschieden oder späteren Zeitpunkt wollen. Familienplanung bedeutet von der Gemeinschaft stigmatisiert und geächtet. Überall nicht nur Schwangerschaftsverhütung. Sie bedeutet auch, auf der Welt gibt es Unfruchtbarkeit. Doch erstreckt sich eine Familie zu planen.« Fruchtbarkeitsrate, 1950–2010 (Kinder pro Frau) Land Welt1050 Ägypten Äthiopien China1 EjRM2 Finnland2 Indien Mexiko Mosambik Nigeria 1. Aus statistischen Gründen fehlen bei den daten aus China Hongkong, Macao und Sonderverwaltungszonen. 2. Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien. 3. Schließt die Åland­Inseln ein. Quelle: World Population Prospects: The 2010 Revision, 2010, Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen 60 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF dIE GEBURTENRAT E
  • 67. Die langfristigen Auswirkungen hoher Fertilität auf das Bevölkerungswachstum in Afrika Die Staaten des afrikanischen Kontinents, Sie ist so absolut unmöglich, dass klar Bevölkerungswachstum in die Höhe trei­ von der nördlichen Region, die an das wird, dass die derzeitigen Fertilitäts­ und ben werden. »Sollten die Geburtenraten Mittelmeer grenzt, über die Sahara und Mortalitätsniveaus nicht nachhaltig sind. in Afrika in den kommenden Jahrzehnten die Länder südlich der Sahara bis zur Sieht man sich die Ergebnisse im Einzelnen unverändert bleiben, dann würde die Südspitze des Kaps der guten Hoffnung, an, stellt man fest, dass die hohe Fertilität Bevölkerung des Kontinents extrem sind sehr unterschiedlich. Es gibt der afrikanischen Länder – wenn sie 300 schnell wachsen. 2050 gäben es drei nichts, was sie alle gemeinsam haben. Jahre lang unverändert bliebe – im Jahr und 2100 bereits unglaubliche 15 Insgesamt leben heute fast 15 Prozent 2300 allein auf diesem Kontinent zu Milliarden Afrikaner. Das wäre eine der Weltbevölkerung in Afrika. einer Bevölkerung von 3,1 Billionen Verfünfzehnfachung der derzeitigen Die neuesten Weltbevöl kerung s­ Menschen führen würde.« Bevölkerung«, schrieb Chamie im Juni projektionen wurden im Mai 2011 ver­ Für die meisten Menschen ist das Jahr 2011 in »The Globalist«, einem Online­ öffentlicht. Als Bevölkerungs wissen­ 2300 zu weit entfernt, um es sich vor­ Magazin des Globalist Research Centers schaftler anfingen, die Statistiken zu stellen zu können, aber die Jahre 2050 mit Sitz in Washington. »Weltweit sieht analysieren, resümierte Thomas Buettner, oder 2100 liegen durchaus in Reichweite es heute so aus, als ob Afrika der letzte stellvertretender Direktor der Bevöl­ der Enkel oder Urenkel vieler Zeitgenossen. Kontinent sein wird, der den demogra­ kerungsabteilung der Vereinten Nationen Joseph Chamie war früher Leiter der phischen Über gang vollzieht – den die Situation so: »Was würde auf lange Bevölkerungsabteilung der Vereinten Übergang von hohen zu niedrigen Sicht passieren, wenn sich die heutigen Nationen und ist heute Forschungs­ Geburten­ und Sterb lichkeitsraten.« Geburten­ und Sterblich keits raten der direktor am Center for Migration Studies Doch Chamie merkt auch an, dass die einzelnen Länder nicht mehr ändern wür­ (Zentrum für Migrationsforschung) in derzeitige 1,2 Milliarden Menschen den? Ein solches Szenario hätte im Jahr New York. Er hat kürzlich die neuesten umfassende Bevölkerung Indiens, bis 2300 eine Weltbevölkerung von 3,5 Projektionen analysiert und darüber 2050 auf zwei Milliarden anwachsen Billionen Menschen zur Folge. Diese Zahl geschrieben, warum Afrika und ins­ könnte, wenn das Land die Geburtenraten ist zu groß, um sie zusammen mit anderen besondere Nigeria in Zukunft aller nicht senkt. Indien strebt eine Stabilisierung Szenarien in einem Diagramm darzustellen. Wahrscheinlichkeit nach das globale seiner Bevölkerungszahl bis 2045 an.die Fähigkeit, informierte Entscheidungen Unabhängig davon, ob sie es Menschen erleichternzu treffen wollen, weniger oder mehr Kinder zu bekommen, müssenDie Erfahrungen Ägyptens, Indiens und Mosambiks zeigen, die Regierungen ihre Maßnahmen auf die Prinzipien derdass es keine einfachen Erklärungen für hohe Fertilität freien Entscheidung und der Stärkung der Individuengibt. Auch existiert mehr als eine Strategie, sicherzustellen, gründen. Darauf haben sich die Nationen auf der Kairoerdass Frauen über die Informationen, die Mittel und die Weltbevölkerungskonferenz geeinigt.Freiheiten verfügen, die sie brauchen, um frei über den In den vergangenen 20 Jahren haben UntersuchungenZeitpunkt ihrer Geburten und die Abstände dazwischen wiederholt erwiesen, dass die Geburtenraten – und diezu entscheiden. Die Erfahrungen Finnlands und der durchschnittlichen Familiengrößen – zurückgehen, wennEhemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien zeigen, die Frauen gesund sind, über Bildung verfügen unddass der Weg zu höheren Geburtenraten ähnlich viel­ Zugang zu integrierten Dienstleistungen der sexuellenschichtig ist. und reproduktiven Gesundheit haben. Im Jahr 2008 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 61
  • 68. Industrieländern vergleichbar sind. Von besonderer Bedeutung war hier die langfristig angelegte und nahezu universelle Bildung für Mädchen und der leichte Zugang zu medizinischer Versorgung. Die Erfahrung Keralas zeige, so Nanda, dass deutliche Geburtenrückgänge erzielt werden können, ohne die Frauen unter Druck zu setzen, weniger Kinder zu bekommen. Mädchenbildung gilt auch als zentrales Anliegen für die Bestrebungen Mosambiks zur Senkung der zukünftigen Geburtenraten. Chavane vom Gesundheitsministerium sagt, die Bildung der Frauen stehe ganz oben auf der Tagesordnung: »Frauen brauchen Bildung, um ihr Leben meistern zu können.« In China sind einige Bevölkerungswissenschaftler der Ansicht, dass niedrige Geburtenraten nicht unbedingt das Ergebnis der momentanen Familienplanungspolitik sein müssen, die den meisten Paaren nur ein Kind zugesteht. Sie schreiben einen Großteil der Rückgänge bei den In einem Stadtteil-Krankenhaus in der chinesischen Stadt Xialian will eine Geburtenraten der wirtschaftlichen und gesellschaftlichent Frau ihr Kind impfen lassen. Entwicklung zu. Ihren Angaben nach ging die Fertilität © UNFPA/Guo Tieliu bereits zu einem Zeitpunkt zurück, bevor die derzeitige Familienplanungspolitik in Kraft gesetzt wurde. Sie sagenführte beispielsweise das Staatliche Institut für Statistik in auch, dass die meisten Familien nicht mehr KinderMosambik eine Multi­Indikator­Clusterbefragung durch. bekommen würden, als sie sich leisten können, wenn dieDabei zeigte sich, dass die Anwendung von Verhütungs­ Politik plötzlich gelockert oder zurückgenommen würde.mitteln eng mit dem Bildungsniveau und dem materiellen Denn sie hätten erfahren, wie sich die materielle SituationWohlstand einer Frau zusammenhängt. Nur zwölf Prozent der Familie durch weniger Kinder verbessert und wie dieder Frauen, die nie zur Schule gegangen sind, wenden Kinder selbst davon profitieren. Einige NachbarländerVerhütungsmittel an, gegenüber 37 Prozent der Frauen, Chinas haben niedrige Geburtenraten erreicht, ohne diedie eine Sekundarschule besucht haben. Frauen, die Zahl der Kinder pro Familie durch politische Maß­Familienplanungsdienste in Anspruch nehmen, haben nahmen zu begrenzen. Auch von der Geburtenrate Taiwansmehr Kontrolle darüber, mit wem, wann und wie viele weiß man, dass sie ohne Restriktionen bezüglich derKinder sie in welchen Abständen bekommen wollen. Familiengröße unter das Niveau der Volksrepublik gesunken Nanda, der ehemalige Gesundheits­ und Familien­ ist. Nach Angaben des Population Reference Bureau liegtminister Indiens, sagt, dass in einigen Landesteilen, in die Geburtenrate Taiwans bei 0,9 Kindern pro Frau.denen die Stärkung von Mädchen und Frauen besonders Damit ist sie vermutlich die niedrigste der Welt, auchgefördert wurde, auch die Geburtenraten zurückgegangen wenn neue Zahlen aus der chinesischen Volkszählung vonseien. Kerala in Südindien ist einer dieser Bundesstaaten, 2010 zeigen, dass die der Metropolregion Shanghai jetztdie es geschafft haben. Durch geschlechtergerechte auf 0,8 Kinder pro Frau zurückgegangen ist.politische Strategien hat Kerala eine Geburtenrate und Südkorea hat das Bevölkerungswachstum weitgehendein Entwicklungsniveau erreicht, die mit denen von ohne politische Zwangsmaßnahmen gesenkt. Das Land62 KAP IT EL 4 : E I NFLUSSFAKTO REN AUF dIE GEBURTENRAT E
  • 69. gilt auch hinsichtlich der Überwindung der Geschlechts­ die gesetzliche Stärkung der Frauenrechte innerhalb derselektion in der jungen Generation als Erfolgsgeschichte. Ehe und eine multimediale »Liebe­deine­Tochter«­Eine wachsende Wirtschaft mit mehr Arbeitsplätzen für Kampagne: Das alles sind Faktoren, die das zahlenmäßigeFrauen, die Abwanderung aus ländlichen Gebieten in die Geschlechterverhältnis bei Kindern in wenig mehr alsStädte, wirksame Gesetze gegen Geschlechtsselektion, einem Jahrzehnt deutlich verbessert haben. Die Weltbevölkerungskonferenz von Kairo und die Millennium-Entwicklungsziele Sechs Jahre nach der bahnbrechenden Bekämpfung der Armut, dem Erreichen sam mit privatwirtschaftlichen Unter­ Weltbevölkerungskonferenz in Kairo einer universellen Grundschulbildung, der nehmen, Stiftungen, internationalen, verabschiedeten die in New York versam­ Herstellung der Gleichberechtigung der zivilgesellschaftlichen und wissenschaft­ melten Mitgliedstaaten der Vereinten Geschlechter, der Senkung der Säuglings­ lichen Organisationen eine konzertierte, Nationen die Millenniums­Erklärung. und Kindersterblichkeit, der Verbesserung weltweite Anstrengung, um das Leben Darin stellten sie acht ehrgeizige und um­ d e r G e s u n d h e i t vo n M ü t t e r n , d e r von mehr als 16 Millionen Frauen und fassende Ziele (MDGs) zur Bekämpfung Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und Kindern zu retten. Bei einer Sonder­ von Armut, Krankheiten, Umweltzer­ anderen Krankheiten, der Sicherung veranstaltung der Vereinten Nationen störung und sozialen wie wirtschaftlichen ökologischer Nach haltig keit und der zum Start dieser Globalen Strategie für Ungerechtigkeiten bis 2015 auf. Mit Herstellung weltweiter Entwicklungs­ die Gesundheit von Frauen und Kindern diesen MDGs und den später ergänzten partnerschaften. Weltweit wächst das sicherten die Unterstützer Finanzmittel konkreten Zielvorgaben und entsprechen­ Bewusstsein für die entscheidende Rolle in Höhe von mehr als 40 Milliarden den Messgrößen schufen die Vereinten der Frauen in allen Aspekten der Entwick­ US­Dollar für die Gesundheit von Frauen Nationen ein Bewertungsinstrument, um lung und zur Überwindung der Armut in und Kindern zu. »Wir wissen, wie man weltweit Entwicklungsfortschritte zu re­ all ihren Dimensionen. Frauen und Kindern das Leben retten gistrieren. Ohne größere Fortschritte bei der kann, und wir wissen, dass Frauen und Die 1990er Jahre waren ein arbeits­ Förderung der reproduktiven Gesundheit Kinder für das Erreichen aller Millennium­ reiches Jahrzehnt für die Vereinten der Frauen und beim Gesundheitsschutz Entwicklungsziele entscheidend sind«, Nationen mit wichtigen internationalen für Mütter und Säuglinge ist keines dieser erklärte der UN­Generalsekretär. Konferenzen über Umwelt (in Rio de Ziele zu erreichen. Doch von allen MDGs Obwohl Jugendthemen nicht aus­ Janeiro 1992), über Menschenrechte (in sind gerade beim fünften – der Verbes­ drücklich berücksichtigt sind, haben die Wien 1993), über Bevölkerung und serung der Gesundheit von Müttern – die MDGs das Potenzial, diese zu fördern, vor Entwicklung (in Kairo) sowie über die geringsten Fortschritte zu verzeichnen. allem das erste Ziel, bei dem es um die Förderung der Frauen (in Peking 1995). Von den gesundheitsbe zogenen Zielen Reduzierung der Armut geht. Das strich Die Erklärungen und Aktionspläne all stehen für dieses die geringsten finanziel­ auch Samuel Kissi, ein junger Aktivist dieser Konferenzen sind in die Formu­ len Mittel bereit. 2007 ergänzten die aus Ghana, in seiner Rede auf einer lierung der Millenniums­Erklärung und Regierungsoberhäupter der Welt das Jugendveranstaltung beim MDG­Gipfel der MDGs mit eingeflossen. Von all dem fünfte MDG um eine weitere Zielvorgabe: 2010 heraus: »Wir sind 1,8 Milliarden und lässt das Aktionsprogramm der Kairoer den universellen Zugang zu reproduktiver wir sind bereit, uns zu beteiligen«, sagte Weltbevölkerungskonferenz vielleicht die Gesundheit. Kissi. »Wir sind nicht nur Ressourcen, wir größte Hoffnung auf Fortschritte zu. Denn Als Höhepunkt des MDG­Gipfels im sind Partner. Wir sind bereit, einen maß­ das Leben und die Rechte der Frauen – Jahr 2010 starteten der Generalsekretär geblichen Beitrag zu den Millennium­ der Hälfte der Weltbevölkerung – sind der Vereinten Nationen Ban Ki Moon und Entwicklungszielen zu leisten.« mit sämtlichen Zielen verknüpft: der die Staats­ und Regierungschefs gemein­ W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 63
  • 70. 64 KAP IT EL 5 : dI E ENTSCHEIdUNG ZU GEHEN: KRAFT UN d W IRKU NG VON MIG RAT ION
  • 71. die Entscheidung zu gehen: Kraft und Wirkung von KAPITEL FÜNF Migration Im malerischen Bergdorf Rostushe in der Ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien spiegelt sich die Dunkelheit eines grauen Wintertages in den Gesichtern der Frauen. Sie unterhalten sich darüber, wie ihrer Gemeinschaft mit der Abwan­ derung auch Herz und Geist verloren gegangen sind. Abwanderung sei in diesem Dorf kein neues Phänomen, sagen sie. Seit den 1960er Jahren sind junge Männer ins Ausland gynäkologische Versorgung, denn es gibt keinen großen gegangen, um dort zu arbeiten, erst in die Türkei, später Bedarf an Geburtshelfern. Spezielle Einrichtungen für nach Westeuropa und Nordamerika. Sie ziehen weg und ältere Menschen fehlen. »Wir überleben alleine oder mit kommen in regelmäßigen Abständen zurück, um einige Freunden«, sagt jemand. Zeit bei ihrer Familie zu verbringen. Die Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien Neu sei, berichten die Einwohner von Rostushe, dass ging als ärmster Staat aus der Aufspaltung Jugoslawiens in inzwischen auch die jungen Frauen und Kinder weg­ den 1990er Jahren und dem nachfolgenden wirtschaft­ gegangen sind. Die Frauen ziehen ihren Männern nach lichen Zusammenbruch hervor. Das beschleunigte die oder suchen sich selbst einen Arbeitsplatz und beginnen Abwanderung der jungen Leute aus dem Ort. Fabriken in anderen Ländern ein neues Leben. Die großen Häuser wurden geschlossen, darunter eine bedeutende Textil­ und Berghütten, die sie gebaut haben, stehen bis auf fabrik, in der früher Frauen beschäftigt waren. Die wenige Wochen im Jahr leer. Dann kehren die Familien Bemühungen, andere Einkommensmöglichkeiten für den zurück, um die Sommerferien darin zu verbringen. Ort zu erschließen, sind gescheitert. Es gibt ein gewisses Sanida Ismaili, Lehrerin an der Dorfschule, sagt, es Potenzial für Gebirgstourismus in Rostushe, dessen alte gebe heute in Rostushe so gut wie keine Kinder mehr. Häuser an den hügeligen Straßen vor dem Hintergrund Ihre Klasse hat nur drei Kinder; die anderen Klassenräume der bewaldeten Berge von dem Minarett mit dem stehen leer. Die Altersspanne der etwa 8.500 Einwohner glänzenden Kupferdach überragt werden. Aber es gibt der Kleinstadt liegt zwischen 45 und 90 Jahren, schätzen keine Investitionen für die touristische Erschließung. die Frauen. Das Gesundheitssystem bietet nur noch wenig Einige Einwohner haben einen Plan zur Vermarktung von Quellwasser in Flaschen entworfen. Aber die Regierung Kommen und Gehen am Hauptbahnhof von Helsinki, Finnland. wollte das Projekt nicht unterstützen, und es konntent © UNFPA/Sami Sallinen auch keine privaten Investoren dafür gewonnen werden. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 65
  • 72. »Der Sozialismus ist immer noch da«, sagt jemand. »eines der maßgeblichen globalen Probleme zu Beginn des»Die staatlichen Unternehmen gibt es nicht mehr, die 21. Jahrhunderts«. Der Impuls auszuwandern, wird durchFabriken haben geschlossen. Und es gibt keinen Ersatz das interkontinentale Transportwesen und das zunehmendedurch privatwirtschaftliche Arbeitsplätze.« Wissen über die Welt mittels der Massenmedien und Die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen sozialen Netzwerke gefördert. Der Entschluss hat vielenschätzt, dass in der heutigen Welt mit ihren sieben zu einem besseren Leben verholfen.Milliarden Menschen mindestens 214 Millionen außer­ Die Vereinten Nationen definieren Migranten alshalb des Landes leben, in dem sie geboren wurden. Eine Menschen, die für mindestens ein Jahr in einem anderenunbekannte Zahl von Menschen ist im eigenen Land Land ansässig sind. Dabei spielen die Gründe – ob frei­unterwegs. In China zeigen die kürzlich veröffentlichten willig oder unfreiwillig – und die Mittel – ob nachZahlen der Volkszählung von 2010, dass mehr als 260 Recht und Gesetz oder auf anderen Wegen – keine Rolle.Millionen Menschen – hauptsächlich aus den ländlichen Menschen, die unbefugt bzw. ohne gültige Aufenthalts­Gebieten – nicht dort wohnen, wo sie gemeldet sind. papiere in einem anderen Land leben, werden alsDies gab der Leiter des nationalen Statistikamts, Ma »irreguläre Einwanderer« betrachtet. Diejenigen, die vonJiantang, bei einer Pressekonferenz im April 2011 bekannt. einem Land in ein anderes eingeschleust oder als Opfer Die Internationale Organisation für Migration, ein von Menschenhändlern verkauft wurden, gelten alsZusammenschluss von 132 Staaten und 17 Beobachter­ »illegale Einwanderer«.ländern, bezeichnet die internationale Migration als China und Indien – die beiden bevölkerungsreichsten Nationen der Welt – verzeichnen sowohl Emigration als auch Immigration. Die meisten Einwanderer, die nacht Vertreter von Bürgerinitiativen und Aktivisten in Rostushe in der Ehemaligen Indien kommen, stammen aus den Nachbarstaaten jugoslawischen Republik Mazedonien. © VII/Antonin Kratochvil Bangladesch und Nepal. Schätzungsweise fünf Millionen Nepalesen arbeiten in Indien. Aber sämtliche Einwanderer aus allen Ländern zusammengenommen machen nur 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung Indiens aus. Die Auswanderung fällt stärker ins Gewicht. Die offizielle indische Schätzung beläuft sich auf mehr als 24 Millionen »Auslands­Inder« und »Personen indischer Herkunft«. So bezeichnet die Regierung die Menschen, die in der Diaspora leben – je nachdem, ob sie ihre Staatsbürgerschaft beibehalten oder Staatsbürger anderer Länder geworden sind. Chinas Diaspora wird auf rund 35 Millionen Menschen geschätzt. Genau wie die indische ist sie das Ergebnis jahrhundertelanger Auswanderung. die Chancen abwägen Die Entscheidung, ob Menschen ihre Heimat verlassen, kann davon abhängen, ob am Bestimmungsort Freunde, Familien oder Landsleute auf sie warten. Manchmal hängt sie auch davon ab, ob nach der Ankunft Aussicht auf66 KAP IT EL 5 : dI E ENTSCHEIdUNG ZU GEHEN: KRAFT U N d W IRKU NG VON MIG RAT ION
  • 73. einen Arbeits­ oder Studienplatz oder eine Wohnungbesteht. Viele potenzielle Migranten verlassen sich darauf,dass sie in internationalen Netzwerken Informationenfinden, die ihnen Entscheidungshilfen liefern, ob sieauswandern oder bleiben sollen. Beamte in Mexiko habenfestgestellt, dass potenzielle Migranten bei ihrer Über­legung, ob sie den Weg in die Vereinigten Staatenriskieren sollen, teilweise auf Informationen von Freundenund Verwandten jenseits der Grenze zurückgreifen. Félix Vélez ist Generalsekretär des Nationalen Bevöl­kerungsrats, einer staatlichen Behörde, die unter demNamen CONAPO bekannt ist. »Wenn sich das realeBruttoinlandsprodukt pro Kopf in den Vereinigten Staatenabschwächt, dann reagieren die Migrationsströme sehrschnell«, berichtet Vélez. »Das hat teilweise mit denVerbindungen zu tun, die zwischen Mexikanern in Mexiko Félix Vélez, Generalsekretär des Nationalen Bevölkerungsrats, Mexiko-Stadt. t © UNFPA/Ricardo Ramirez Arriolaund Mexikanern in den Vereinigten Staaten bestehen. Esgibt viele Informationen. Wenn es in den VereinigtenStaaten so gut wie unmöglich ist, Arbeit zu finden, dann wie nie.« Schließlich erinnert Vélez an die Risiken derbeschließen die Leute, nicht dorthin zu gehen«, ergänzt er. Überquerung der mexikanischen Nordgrenze zu den Doch wird die mexikanische Einwanderung in die Vereinigten Staaten: Dort habe die hohe Kriminalität imVereinigten Staaten auch noch von anderen Faktoren Zusammenhang mit Drogenschmuggel und dem Feldzugbeeinflusst. Behördenvertreter und Immigrantenanwälte der mexikanischen Regierung gegen Menschenhändlerin den USA schätzen, dass dort elf bis zwölf Millionen viele Menschen das Leben gekostet. Die »goldenen JahreAusländer ohne Aufenthaltspapiere leben, von denen die der Migration in die Vereinigten Staaten« seien vorbei,meisten aus Mexiko stammen. »Jetzt, da es in Mexiko versichert Vélez.nicht mehr so viele junge Menschen gibt, nimmt die In Finnland, wo man Migration aus Russland undWahrscheinlichkeit der Abwanderung ab, da der Großteil den Baltischen Staaten seit Jahren kennt, kommen nunder Migranten zwischen 15 und 29 Jahren alt ist«, erklärt zunehmend afrikanische Einwanderer hinzu – wennVélez. »Selbst wenn sich die amerikanische Wirtschaft auch bisher noch sehr wenige. Diese fühlen sich isoliertererholen und die Grenzkontrollen gelockert würden, fiele als europäische Einwanderer und bauen daher mithilfe vonmeine Prognose niedriger aus.« NGOs und manchmal auch staatlichen Sozialdiensten Hinzu komme, dass die Mexikaner wohlhabender ihre eigenen Netzwerke auf. Der Familienverband deswerden: »Aus der Volkszählung geht hervor, dass die Zahl finnischen multikulturellen Zentrums unterhält eineder reichen Mexikaner – die Autos, Computer, Wasch­ mehrsprachige Beratungs­Hotline. Hier schätzt man, dassmaschinen besitzen – dramatisch gestiegen ist. Das hat sich im Lauf von 20 Jahren 11.000 bis 12.000 Somaliermit der geringen Inflation und niedrigen Zinsen zu tun. im Lande angesiedelt haben. Viele von ihnen waren alsZum ersten Mal seit den 1960er Jahren genießen wir über Asylbewerber angekommen und haben später Familien­einen ziemlich langen Zeitraum hinweg makroökono­ mitglieder nachgeholt.mische Stabilität. Kredite sind so leicht zu bekommen W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 67
  • 74. Während im Hintergrund die Spaghetti fürs Mittag­ essen kochen, erzählt Shemen Sunamo, ein äthiopischer Teenager, was er alles durchgestanden hat, um nach Saudi­Arabien zu gelangen. Dort, so hatte er gehört, sollte es Arbeit als Schafhirte oder als Landarbeiter bei der Bewässerung der Felder geben. Seine Reise begann mit einem einwöchigen Fußmarsch bis an die Küste von Dschibuti am Golf von Aden. Unterwegs ernährte er sich von einem Brei aus Hirsemehl und Wasser, und nachts schlief er ohne Schutz auf der Erde. Von dort setzte er mit einem Boot in den Jemen über und wanderte weiter nach Saudi­Arabien. Drei Monate später wurde er von der saudischen Polizei gefasst und gegen seinen Willen in den Jemen zurückgeschickt. Dort fand er ein Büro der IOM und bat um Hilfe. Die größere Tragödie für ihn ist, welchen Verlust seine Familie durch diesen verhängnisvollen Auswanderungs­ versuch erlitten hat. Shemen, der aus Siltea im Süden Äthiopiens stammt, brauchte 5.500 Birr (etwa 326 US­ Dollar), um einen Schleuser für diese beschwerliche Reise Shemen Sunamo (rechts) und Abrham Tamrat (links) diskutieren in einem zu bezahlen. Seine Eltern waren von Anfang an gegent Transit-Zentrum der IOM in Addis Abeba, Äthiopien. dieses Wagnis. Sie weigerten sich, ihm zu helfen, be­ © UNFPA/Antonio Fiorente ziehungsweise sie hatten nicht die Mittel dazu. Ein älterer Bruder, der wusste, wie viel Hoffnung Shemen in seinengehen – trotz der risiken Traum setzte, verkaufte seine Ochsen, um das GeldIn Afrika dient ein Transit­Zentrum in der äthiopischen zusammenzubringen.Hauptstadt Addis Abeba als vorübergehende Zuflucht für An diesem Punkt der Geschichte verbirgt Shemen denjunge Männer und Frauen – viele von ihnen Jungen und Kopf in seinen Händen und kann nicht weitersprechen.Mädchen im Teenageralter. Sie alle haben bei ihrem Ein Ochse ist für einen äthiopischen Bauern eine großeVersuch, der Armut zu entfliehen, eine strapaziöse und Investition, und Shemen quält und schämt sich wegengefährliche Wanderung über Land und Meer auf sich dem, was seine törichte Hoffnung den Bruder gekostetgenommen. Sie alle wollten nach Saudi­Arabien, ihr hat. Als er gefragt wird, ob er noch einen weiteren VersuchTraum vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und machen will, Äthiopien zu verlassen, hebt er den Kopfsie sind gescheitert. Die Jugendlichen, die in der Unter­ und sagt entschlossen: »Niemals!«kunft etwas zu essen bekommen und medizinisch versorgt Neben ihm sitzt Abrham Tamsat, auch er noch einwerden, warten darauf, dass UNICEF sie wieder mit Junge. Auch er ist von einem fehlgeschlagenen Versuchihren äthiopischen Familien zusammenbringt. Die meisten zurückgekehrt, nach Saudi­Arabien oder sonst irgend­von ihnen wurden im Jemen gefunden und mithilfe der wohin zu gelangen, wo das gute Leben auf ihn wartet. ErIOM zurückgeholt. Mit ihnen im Transit­Zentrum leben wird es vielleicht wieder versuchen. Er hat ein bisschenSomalier, die aus ihrem verwüsteten Land geflohen sind. was Wichtigtuerisches an sich, als er sagt: »Ich will nicht68 KAP IT EL 5 : dI E ENTSCHEIdUNG ZU GEHEN: KRAFT UN d W IRKU NG VON MIG RAT ION
  • 75. in Äthiopien arbeiten; ich will mehr vom Leben.« Er hat irgendwo in der riesigen Stadt sein mussten. Als sie sievon Jungen und jungen Männern gehört, die 15.000 Birr dann doch fand, ließen diese sie zwei Jahre ohne(ungefähr 890 US­Dollar) zusammenkratzen, um sich Bezahlung in ihrem Haus arbeiten und Überstundendie ganze Strecke bis nach Südafrika schleusen zu lassen. machen. Ihr Leben verbesserte sich geringfügig, als sie inBerichten von Hilfsorganisationen für Einwanderer an der Kirche zufällig eine Frau traf, die ihr eine bessereder Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko Stelle anbot.zufolge werden einige von ihnen anschließend nachMexiko und Zentralamerika weitergeschleust. Man ver­spricht ihnen, sie in die Vereinigten Staaten zu bringen. Auch einige äthiopische Mädchen und junge Frauensetzen auf Auswanderung, um irgendwo in der FerneArbeit zu finden. Andere verlassen ihre Heimat inRichtung anderer Landesteile. Manchmal wollen sie einer Internationale Migrationvon den Eltern arrangierten Eheschließung entgehen.Ein staatliches Zentrum in Addis Abeba, das von UNFPA Internationale Migranten, 2010 (in Millionen)unterstützt wird, bietet außerschulische Bildung in Europa 69,8Mathematik, Englisch, reproduktiver Gesundheit und Asien 61,3Lebenskompetenz für Hunderte von Mädchen. Sie alle Nordamerika 50,0sind aus ihrem Elternhaus weggelaufen, um einer Afrika 19,3Frühverheiratung zu entgehen. Eine von ihnen, Mulu, Lateinamerika 7,5war erst zwölf, als sie floh, nachdem jemand aus der Ozeanien 6,0Nachbarschaft ihr erzählt hatte, dass ihre Eltern einenMann für sie gefunden hatten und ihre Hochzeit planten. Seit drei Jahren arbeitet sie als Hausangestellte. Sie Einwanderungsländer mit den meisten internationalenbeklagt sich nicht über ihr Leben, weil ihr Arbeitgeber Migranten, 2010 (in Millionen)ihr erlaubt, ins Zentrum zu gehen. Dort befindet sich Vereinigte Staaten 42,8auch der Busbahnhof der Stadt, an dem viele Mädchen Russische Föderation 12,3ankommen, die nicht wissen, was sie als Nächstes tun deutschland 10,8sollen. Die Löhne für Hausangestellte wie Mulu sind auch Saudi­Arabien 7,3nach äthiopischen Standards niedrig: Eine von ihnen, Kanada 7,2die 23­jährige Wude, verdient umgerechnet etwa dreiUS­Dollar pro Monat. Eine andere junge Frau erzählt, sie habe ein Schaf ausder Herde der Familie gestohlen, um jemanden zu bezah­ die 3 größten Herkunftsländer von Migranten undlen, der sie aus ihrer Heimat im Süden Äthiopiens nach ihre geschätzte diaspora (in Millionen)Addis Abeba bringen sollte. Unterwegs habe sie sich dann China 35,0gegen seine sexuellen Übergriffe wehren müssen. Man Indien 20,0fand sie weinend auf der Straße unweit des Busbahnhofs Philippinen 7,0der Hauptstadt. Es war ihr nicht gelungen, die Verwandtenausfindig zu machen, von denen sie wusste, dass sie Quelle: Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 69
  • 76. Leichte Beute für Schleuser und Saudi­Arabien, aber auch im Jemen, in Dubai, KuwaitMenschenhändler und Syrien, erzählt Sasu Nina. Manche werden gefasstDer Bevölkerungswissenschaftler Assefa Hailemariam ist und abgeschoben. Viele wissen nach ihrer Rückkehr nachMitherausgeber eines neuen Buches mit dem Titel »The Äthiopien nicht, an wen sie sich wenden sollen.Demographic Transition and Development in Africa: The Sasu Nina stellt die schüchterne, 19­jährige HalimaUnique Case of Ethiopia« (Demographischer Wandel und vor. Anders als viele junge Frauen, die in andere LänderEntwicklung in Afrika: der Sonderfall Äthiopien). Er be­ geschleust wurden, wurde Halimas Reise nach Dubai vonrichtet, dass Jungen zum Teil auswandern, weil das Land, einer Verwandten legal arrangiert. Sie reiste mit einemdas unter den Söhnen einer Familie aufgeteilt werden soll, gültigen Pass. Als Hausmädchen in Dubai sei sie jedochzu klein geworden ist. Indirekt hängt damit auch der Druck regelmäßig misshandelt und wie eine Gefangene ohneauf die Familien zusammen, relativ gut situierte Ehemänner Bezahlung im Haus ihres Arbeitgebers gehalten worden,für ihre Töchter finden zu müssen. Nach Angaben von berichtet sie. Da sie das Telefon nicht benutzen durfte,Migrationsbeauftragten wenden sich viele an Schleuser konnte sie weder ihre Familie noch sonst jemandenoder werden von Menschenhändlern geködert, wenn sie erreichen, dem sie ihre grauenvolle Situation hättekeine andere Möglichkeit mehr sehen, als auszuwandern. schildern können. Sasu Nina Tesfamariam unterhält Frauenhäuser für Nach fast drei Jahren fasste sie den Entschluss, weg­ältere Frauen in Addis Abeba. Sie bietet auch Mädchen zugehen. Da stieß ihr Arbeitgeber sie von einem Balkoneine Zuflucht, die ins Ausland geschleust wurden und im dritten Stock. Sie erlitt mehrere Kieferbrüche und ihrmittellos nach Äthiopien zurückgekehrt sind. Die jungen Gesicht wurde schwer entstellt. Beim Sprechen verbirgtFrauen suchen als Hausmädchen Arbeit – vorwiegend in sie die schlimmsten Partien mit ihren Händen. Ein Gericht in Dubai schickte sie zurück nach Äthiopien, wo sie von einem Cousin in ein Krankenhaus gebracht wurde, dast Bevölkerungswissenschaftler Assefa Hailemariam von der Universität Südkoreaner in Addis Abeba betreiben. Dort werden ihre Addis Abeba. © UNFPA/Antonio Fiorente Verletzungen jetzt von plastischen Chirurgen behandelt. Seit einem zufälligen Zusammentreffen mit Yoo Soon­taek, der Frau des Generalsekretärs der Vereinten Nationen Ban Ki Moon, bei einem offiziellen Besuch des Paares in Äthiopien, wird ihr Fall vorrangig behandelt. Anwälte von Migranten sagen, es sei schwierig fest­ zustellen, wie viele Äthiopier genau das Land verlassen, um im Ausland zu arbeiten. Viele gehen ohne Papiere und ohne die Behörden zu informieren. In einem äthio­ pischen Medienbericht von Anfang 2011 heißt es unter Berufung auf einen Sprecher des Ministeriums für Arbeit und soziale Angelegenheiten, es gebe 78 Arbeitsvermitt­ lungsagenturen, die eine Lizenz haben, um Arbeits­ migranten nach Dschibuti, Kuwait und Saudi­Arabien zu vermitteln. Seit September 2009 hätten demnach mehr als 26.000 Menschen Äthiopien auf legalem Weg verlassen, um im Ausland zu arbeiten.70 KAP IT EL 5 : dI E ENTSCHEIdUNG ZU GEHEN: KRAFT U N d W IRKU NG VON MIG RAT ION
  • 77. Der grenzüberschreitende Transport von Migrantendurch Schleuser und Menschenhändler ist beträchtlich –ein bedauerliches Zeichen dafür, wie lukrativ dieseskriminelle Geschäft geworden ist. Und es findet überallauf der Welt statt. Nach Angaben des Büros der VereintenNationen für Drogen­ und Verbrechensbekämpfungbeuten Schleuser jedes Jahr tausende von Frauenbeispielsweise aus Nigeria und anderen westafrikanischenLändern aus. Sie verlangen manchmal mehr als50.000 US­Dollar für eine illegale Einreise in Länderwie Italien oder die Niederlande. Ein neues Fachbuch von Aderanti Adepoju undArievan Der Weil trägt den Titel »Seeking Greener PasturesAbroad: A Migration Profile of Nigeria« (Auf der Suchenach dem besseren Leben jenseits der Grenze: ein Sasu Nina Tesfamariam (rechts) und eine Journalistin vor dem Agar-Heim t für ältere Frauen.Migrationsprofil Nigerias). Darin wird auf eine Umfrageder ILO in Nigeria verwiesen. Sie habe ergeben, dass etwaacht Millionen Kinder in Gefahr sind, innerhalb des EU­Ländern, der Verschärfung der Einwanderungs­Landes oder in der westafrikanischen Region in Zwangs­ beschränkungen und ablehnender Einstellungen gegen­arbeitsverhältnisse als Hausangestellte, Marktverkäufer, über Migranten negativ beeinflusst.Feldarbeiter oder Seeleute für die Fischindustrie verkauft »Die Rücküberweisungsströme aus Russland und denzu werden. Staaten des Golf­Kooperationsrates (GCC) waren aufgrund der hohen Ölpreise stark«, vermerkt der Bericht. »Durchrücküberweisungen als rettungsanker für die die schwachen Arbeitsmärkte in Westeuropa wird jedochdaheimgebliebenen Druck aufgebaut, die Einwanderung zu drosseln.« DieIm Mai 2011 veröffentlichte die Weltbank einen Bericht Weltbank prognostiziert weltweit zunehmende Rücküber­mit dem Titel »Outlook for Remittance Flows 2011–13« weisungen, wenn das Wachstum auch langsamer ausfällt.(Prognose für Rücküberweisungen 2011–13). Demzufolge Im Jahr 2013 sollen sie auf 404 Milliarden US­Dollarsank der Geldbetrag, den internationale Migranten in ihre steigen. 2010 beliefen sich die amtlich gemeldeten Rück­Herkunftsländer schicken, während der Wirtschaftskrise überweisungen auf 325 Milliarden US­Dollar.2008–2010 weltweit kurzfristig drastisch, um danach In dem Weltbank­Bericht wird auch darauf hinge­schnell wieder anzusteigen. Der Bericht deckt jedoch wiesen, dass einige Länder begonnen haben, »Diaspora­nur offiziell registrierte Rücküberweisungen in Entwick­ Bonds« für die Finanzierung von Entwicklungsprojektenlungsländer ab. Weiter heißt es darin, dass sich die aufzulegen, die durch Rücküberweisungen gedecktGeldströme nach Lateinamerika und in die Karibik auf­ werden. Zu den Ländern, die dieses innovativegrund der wirtschaftlichen Stabilisierung in den Instrument eingeführt haben oder darüber nachdenken,Vereinigten Staaten am stärksten erholt hätten. Rück­ gehören Äthiopien, Griechenland und Indien. Diasporasüberweisungen von Einwanderern in Europa wurden können enorm groß sein und beträchtliche Beiträge zurdagegen aufgrund hoher Arbeitslosenquoten, Kürzungen Entwicklung leisten. Dem Bericht der Weltbank zufolgeder öffentlichen Ausgaben, Finanzkrisen in mehreren leben insgesamt schätzungsweise 161,5 Millionen W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 71
  • 78. Menschen aus Entwicklungsländern in der Diaspora. Die letzten Jahren sind ihm zwei wichtige Veränderungenmeisten Migranten kommen aus Lateinamerika und der aufgefallen:Karibik, Südasien, Afrika südlich der Sahara, Ostasien »Bei der Binnenmigration in Indien sehen wir eineund dem Pazifikraum. deutliche Abwanderung mit verstärkter Mobilität Nigeria, Afrikas bevölkerungsreichstes Land, blickt zwischen verschiedenen städtischen Räumen«, sagt er.auf eine lange Geschichte der internationalen Migration »Außerdem wandern zunehmend höher gebildete undzurück, die bis in vorkoloniale Zeiten reicht. »Als Nigeria besser gestellte Einkommensgruppen vom Land in die1960 unabhängig wurde, reisten die Nigerianer weiterhin Städte. Ihre Ansprüche steigen, und im ländlichen Raumin andere Länder. Zunächst gingen sie in die Nachbar­ fehlt es an entsprechenden Möglichkeiten.« Bhagat hebtländer, später zunehmend auch nach Europa und in die hervor, dass es nicht die ärmeren Inder seien, die amVereinigten Staaten, wo sie nach Bildungs­ und Arbeits­ stärksten von der Migration profitierten.möglichkeiten suchen«, schreiben Adepoju und Der Weil Mit Blick auf die Daten der indischen Volkszählungin »Seeking Greener Pastures«. von 2011, die während der Abfassung dieses Berichts Die Zahl der Migrantinnen nigerianischer Herkunft gerade an die Öffentlichkeit gelangten, weist Bhagat aufist in den letzten Jahren gestiegen. Häufig folgen sie weder einen weiteren Trend hin: »Die vorläufigen Ergebnisseihren Ehemännern noch anderen Familienmitgliedern, zeigen eine phänomenale Abschwächung der Wachs­sondern suchen selbst nach Arbeit. Diese Entwicklung tumsraten einiger Großstädte, wie Mumbai, Delhi undzeigt auch die kosmopolitische Anpassungsfähigkeit Chandigarh«, schreibt er. »In Mumbai zum Beispielder Nigerianer. Sie stellen die größten afrikanischen betrug das Wachstum zwischen 1991 und 2001 nochEinwanderergruppen im Vereinigten Königreich, der 20 Prozent. Zwischen 2001 und 2011 ging es aufehemaligen Kolonialmacht, und sind auch in anderen 4,7 Prozent zurück.«OECD­Staaten zu finden. Bhagat ist nicht davon überzeugt, dass diese Zahlen zwangsläufig einen Rückgang der Land­Stadt­MigrationBinnenmigration bedeuten. »Möglicherweise ist die absolute Zahl derVon der IOM wird die internationale Migration als Migranten, die vom Land in die Stadt gezogen sind, nichtmaßgebliches globales Problem des 21. Jahrhunderts gesunken«, schreibt er. Seiner Meinung nach wird manbezeichnet. Doch konzentrieren sich viele Länder eher auf diese Frage besser beurteilen können, wenn mehr Volks­die Muster der Binnenmigration und darauf, welche zählungsdaten bekannt sind. Denn dann könnten diesozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen es hat, wenn Bevölkerungswissenschaftler die Bewegungsmuster desTausende von Menschen ihre angestammten Wohn­ Pendelverkehrs in Metropolregionen und die Effekte desgegenden verlassen, um nach Verdienstmöglichkeiten zu Mahatma Gandhi Rural Employment Guarantee Schemesuchen. Dabei folgen sie nicht immer der üblichen (Mahatma­Gandhi­Beschäftigungsprogramm für dieRichtung vom Land in die Stadt. Landbevölkerung) der Zentralregierung herausfiltern. Ram B. Bhagat ist Professor und Leiter für Migrations­ Dieses Programm garantiert bedürftigen Familien aufstudien und Urbanistik am Institut für Bevölkerungs­ dem Land ein Arbeitseinkommen für 110 Tage pro Jahr,wissenschaften in Mumbai, Indien. Er mahnt seit Jahren, um sie dabei zu unterstützen, auf dem Land wohnendass die Demographen sich stärker mit der Untersuchung zu bleiben.der Binnenwanderung befassen müssten, die er als In China ist die Binnenmigration jetzt Gegenstand»wichtiges Phänomen aus wirtschaftlicher, politischer und intensiver Analysen und Debatten. Sie ist rapide gewachsen,volksgesundheitlicher Perspektive« beschreibt. In den und mit ihr sind soziale Probleme verbunden. Nach den72 KAP IT EL 5 : dI E ENTSCHEIdUNG ZU GEHEN: KRAFT UN d W IRKU NG VON MIG RAT ION
  • 79. Statistiken der chinesischen Regierung umfasste die so Schwimmhallen, versuchen sich in überfüllten Fabrik­genannte floating population (A.d.Ü.: Einwohner, die sich schlafsälen Platz zu verschaffen und kämpfen darum, alsohne offizielle Aufenthalts­ oder Arbeitsbewilligung in die kultivierten Großstadtmenschen akzeptiert zu werden,einer Stadt aufhalten) des Landes im Jahr 1982 etwa die sie gern sein möchten. Viele von ihnen sagen, sie6,6 Millionen Binnenmigranten. Der jüngsten Volkszählung hätten nicht die Absicht, aufs Land zurückzukehren undzufolge war diese Zahl im Jahr 2010 auf 260 Millionen sich dort niederzulassen wie die älteren Migranten – auchMenschen angewachsen. Das Forschungszentrum für die später als Rentner nicht.Bevölkerung und Entwicklung Chinas geht davon aus, Die breite Debatte über das Schicksal der jungendass es im Jahr 2050 etwa 350 Millionen Binnen­ Binnenmigranten steht in direktem Zusammenhang mitmigranten geben wird. Diskussionen über das chinesische Meldesystem hukou. Die Mehrheit dieser Menschen zieht es in die Es fesselt die Menschen an ihren ursprünglichen Wohn­städtischen Küstengebiete im Südosten – unter anderem ort, selbst wenn jemand umgezogen ist und sich aufin die Provinzen Guangdong, Jiangsu, Zhejiang, Schantung Dauer ein neues Heim geschaffen hat. Die Migrantenund Fujian sowie in die Städte Peking und Schanghai. Chinas werden in unterschiedliche Kategorien aufgeteilt,Die Planer in der Regierung hoffen, dass die Entwicklung je nach Melde­ und/oder Wohnort. In diesem Systemder Städte im Norden und der westlichen Mitte Chinas verlieren viele ihre Wurzeln. Ma Jiantang, der Leiter deszunehmend Arbeiter in diese Regionen lockt – insbesondere nationalen Statistikamts, erklärte im April, dass allein dasdiejenigen, die ohnehin dort ansässig sind und vielleicht Ausmaß der floating population eine Herausforderunglieber in der Nähe ihrer Heimat arbeiten wollen. Die jüngste Welle der Binnenmigranten, die in Chinaals »Migranten der zweiten Generation« bezeichnet t In einem Restaurant, das von ortsansässigen Bauern im Dorf Geng Xi in der chinesischen Provinz Shaanxi betrieben wird, warten Stammgäste auf ihr Essen.werden, stellt das Land vor neue Herausforderungen. © UNFPA/Guo TieliuYuan Ye hat im August 2011 eine ausführliche undaufschlussreiche Titelgeschichte in der »China Weekly«veröffentlicht. Darin beschreibt er eine »andersartigeGruppe von etwa 100 Millionen jungen Menschen«, dieanfangen, sich auf völlig neue Art und Weise durch­zusetzen. »Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahregeboren, einer Zeit rasanten Wirtschaftswachstums inChina, treten diese jungen Migranten jetzt an dieStelle vieler hundert Millionen Arbeitsmigranten derersten Generation.« Anders als diese erste Generation sind die neuen Arbeits­migranten nicht mehr die Kleinbauern vom Land, denendas städtische Leben fremd ist. Sie sind besser ausgebildet,viel besser informiert und stärker politisch engagiert. In einer Serie von Leitartikeln über das Leben einzelnerjunger Männer und Frauen hat China Weekly diesenMigranten der zweiten Generation ein Gesicht gegeben:Sie verbringen ihre Freizeit in Internetcafés oder W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 73
  • 80. für Entwicklung und soziale Stabilität sei. Nach einem Bei Versammlungen mit jungen Migranten in derBericht in der »China Daily« räumte auch Präsident Hu Provinz Shaanxi stellte sich heraus, dass zumindest einigeJintao ein, die Sozialleistungen für Migranten müssten von ihnen das System erfolgreich umgehen: Sie betrachtenverbessert werden. die Arbeitsmigration als vorübergehenden Lebensabschnitt Unter dem derzeitigen System können zum Beispiel bzw. als Übergang zum Erwachsenwerden. Sie wollen dieselbst bestens ausgebildete Personen aus abgelegenen Zeit nutzen, um Geld zu verdienen, das in der Nähe ihresProvinzen, die einen guten Arbeitsplatz in Peking oder Wohnorts investiert werden soll. Oder sie wollen lernen,einer anderen Großstadt nachweisen können, nicht davon wollen sich neue Fähigkeiten und Großstadterfahrungenausgehen, dass ihr registrierter Wohnsitz verlegt wird. aneignen. Einige ziehen aus ähnlichen Gründen in eineVerwaltungstechnisch bleiben sie Außenseiter, die an nahe Stadt im Landesinnern, statt sich dem Treck an dieihrem neuen Wohnort keinen Anspruch auf Sozial­ und Küste anzuschließen. Die Stadt Xialiang liegt ein paarVorsorgeleistungen haben. Im neuen Wohnort wird den Autostunden östlich von Xi’an in einem ökologischKindern solcher Einwohner im Regelfall der Zugang reizvollen Waldgebiet, das derzeit zum Naturschutzgebietzu öffentlicher Bildung und medizinischer Versorgung weiterentwickelt wird. Hier diskutiert eine Gruppeverweigert. Ältere Menschen, die nicht dort leben, wo sie zurückgekehrter Migranten im Alter von 20 bis 30 Jahrengemeldet sind, können dort keine Sozialleistungen in über ihr Erwachsenwerden als Fabrikarbeiter und inEmpfang nehmen. Sie müssen dafür an ihren ursprüng­ verschiedenen anderen Jobs.lichen Wohnort zurückkehren. Es gibt zahlreiche Hua Gongmei ist 24 Jahre alt und hat – wie allesolcher Geschichten. anderen – die Sekundarschule absolviert. Sie begann ihr Arbeitsleben mit dem Einpacken von Waren für ein lokales Unternehmen. Doch schon bald beschloss sie, in die Provinz Schantung zu ziehen und dort in einer Fabrikt In Xialiang in der chinesischen Provinz Shaanxi betreibt eine Frau Arbeit zu suchen. In der Fabrik, in der sie landete, hatten zusammen mit ihrem Verlobten einen kleinen Lebensmittelladen. © UNFPA/Guo Tieliu zehn junge Leute Selbstmord begangen, erzählt Hua. Sie selbst fand ihren Job nicht sehr anstrengend. Nach einem Jahr hatte sie genug Geld, um nach Xialiang zurück­ zukehren und unweit des Eingangs zum Naturreservat ein kleines Geschäft zu eröffnen. Die 29­jährige Zhang Li hatte in der Provinz Fujian am Fließband Elektronikteile zusammengebaut. Später arbeitete sie in einem lebens­ mittelverarbeitenden Betrieb in Schantung, wo sie auch ihren Mann kennenlernte. »Durch meine Erfahrung bin ich reifer geworden und freier«, erzählt Zhang. Als Mutter eines sechsjährigen Jungen ist sie froh, wieder zu Hause zu sein. Jetzt arbeitet sie hier in einer Tofu­Fabrik. Dang Meng ist 21 Jahre alt. Er sagt, er sei letztes Jahr weggezogen, um in einem professionellen Frisiersalon zu arbeiten. Denn später, nach seiner Rückkehr nach Xialiang, will er einen eigenen Salon eröffnen.74 KAP IT EL 5 : dI E ENTSCHEIdUNG ZU GEHEN: KRAFT UN d W IRKU NG VON MIG RAT ION
  • 81. Alle jungen Migranten, die für diesen Bericht interviewt »Wenn du Heimweh hast, dann geh telefonieren«,wurden, konnten anderen Ratschläge geben. Sie wussten sagt Zhang. »Kümmere dich bei der Arbeit um deineum die ständige Gefahr, bestohlen zu werden, was häufig Sicherheit«, sagt der 21­jährige Zhu Qibo. Zhu hattevorkommt, wenn junge Menschen unter beengten einen Freund, der unter Drogen gesetzt und ausgeraubtBedingungen außerhalb eines vertrauten Umfelds leben. wurde. Dieses Ereignis hat ihn etwas fürs Leben gelehrt.Sie kannten sich mit Arbeitsunfällen und anderen Er warnt: »Nimm von Fremden nichts zu essen oder zuGefahren aus. Und sie kannten das Heimweh, die trinken an.«Einsamkeit und die Depressionen, mit denen manchejunge Migranten zu kämpfen haben. t Anwohner auf den Straßen von Skopje, Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien. © VII/Antonin Kratochvil Die Belastungen bewältigen und den Nutzen maximieren Mit 214 Millionen Menschen, die heute Entwicklungsinstrument und als wichtige wickelten Ökonomien hat die weltweite außerhalb ihres Herkunftslandes leben, Kapitalquelle betrachten. Arbeitsmigration in Gang gesetzt.« kann die internationale Migration zu Im 21. Jahrhundert wird sich die Nach Auffassung der ILO wächst die einem wichtigen Faktor der Entwicklung Migration nach Angaben der ILO durch Überzeugung, dass die Migration in werden. Migranten können dazu beitra­ die fortschreitende Globalisierung und allen Staaten ein unverzichtbarer – und gen, die wachsende Nachfrage nach Liberalisierung der Wirtschaft sogar unvermeidlicher – Bestandteil des wirt­ Arbeitskräften in den Industrieländern noch verstärken. »Das Handels­ und schaftlichen und gesellschaftlichen zu befriedigen, in denen die Geburten­ Investitionsklima hält den Strom der Lebens ist. Die Organisation schluss­ raten und die Zahl der Erwerbsfähigen Migranten aufrecht«, stellt die ILO fest. folgert, dass »eine geordnete und richtig z u r ü c kg e h e n . Po l i t i ke r s o l l t e n d i e »Der steigende Bedarf an Arbeitskräften gemanagte Migration sowohl für den Migration daher weniger als Scheitern in den entwickelten Ökonomien und Einzelnen als auch für ganze Gesell­ von Entwicklung, sondern vielmehr als ihre Verfügbarkeit in den schwach ent­ schaften vorteilhaft sein kann«. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 75
  • 82. 76 KAP IT EL 6: dAS WACHSTUM dER STädTE IM BLIC K
  • 83. KAPITEL das Wachstum SECHS der Städte im Blick In unserer Welt der sieben Milliarden Menschen hat sich die globale Balance zwischen der Land­ und der Stadtbevölkerung unumkehrbar auf die Seite der Städte geneigt. Aber was genau ist das heute, eine »Stadt«? Hania Zlotnik, Direktorin der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen, warnt davor, sich einer allzu vereinfachenden Definition zu bedienen. Denn je nach Land und urbaner Region wird der Begriff Schanghai mit 16,6 Millionen, Kalkutta mit 15,5 Mil­ »Stadt« sehr unterschiedlich definiert, und die Grenzen lionen, Dhaka mit 14,7 Millionen und Karatschi mit von Städten können sich aus politischen, demographischen 13 Millionen Einwohnern. Jeder dieser Großräume oder wirtschaftlichen Gründen verschieben. Ganze Städte spiegelt ein anderes Muster beziehungsweise einen anderen werden von Metropolregionen aufgesaugt. Die Metro­ Ansatz der Planung und Verwaltung und eine eigene polen wiederum erstrecken sich über große Gebiete und Mischung aus Wohlstand und Armut wider. verschmelzen gelegentlich mit anderen Metropolregionen Ohne Planung drohen Städte quasi automatisch zu entlang dicht besiedelter Korridore. Auch wird die urbane wachsen, sich jeden verfügbaren freien Raum einzu­ Bevölkerung von Land zu Land oder Stadt zu Stadt oft verleiben. Das sprengt die Fähigkeit der öffentlichen auf unterschiedliche Weise gezählt. Dienstleistungen – wo sie vorhanden sind –, mit der In den von der Bevölkerungsabteilung der Vereinten wachsenden Nachfrage und dem Wachstum der Slums Nationen zu den globalen Urbanisierungstrends veröffent­ Schritt zu halten. Bauträger, Unternehmen, Wanderarbeiter, lichten »World Urbanization Prospects: The 2009 Revision« Regierungsbehörden und öffentliche Einrichtungen suchen werden diese großen Bevölkerungszentren als »urbane nach Flächen, auf denen sie sich ausbreiten können. All Agglomerationen« bezeichnet. Demnach ist der Großraum diese Akteure spielen eine wichtige Rolle beim Wachstum, Tokio mit 36,7 Millionen Einwohnern und damit über der Umgestaltung und – in jüngster Zeit in mehreren einem Viertel der Gesamtbevölkerung Japans die größte Ländern – auch der Schrumpfung von Städten. Während derartige urbane Region. Auf Tokio folgen Delhi mit auf der einen Seite viele Städte vor kaum zu bewältigenden 22 Millionen Einwohnern, Saõ Paulo und Mumbai mit Herausforderungen stehen, haben andere das Potenzial, je 20 Millionen, Mexiko­Stadt mit 19,5 Millionen, der ihren Bewohnern die Vorzüge des städtischen Lebens Ballungsraum New York­Newark mit 19,4 Millionen, zu erschließen. Urbane Interessengruppen, Bürgerverbände und eine selbstbewusstere, besser informierte Einwohnerschaft Junge Ägypter versammeln sich auf der Qasr-al-Nil-Brücke in der Stadtmittet Kairos mit Blick auf den Nil. fordern immer lauter Gehör. Selbst in China drängen die © UNFPA/Matthew Cassel Menschen auf mehr Partizipation, zuletzt zum Beispiel W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 77
  • 84. bei der Festlegung von Standorten für Müllverbrennungs­ peripheren Zonen. Thane zum Beispiel ist eine 43 Kilo­anlagen im Großraum Peking. meter nordöstlich von Mumbai gelegene, jahrhundertealte Die Art und Weise, wie Stadtplaner und Politiker in Stadt im Bundesstaat Maharashtra, die vormals vondrei ausgewählten Ländern – Indien, Nigeria und der Mittelschicht geprägt war. Wie neue Daten aus derMexiko – mit der Urbanisierung umgehen, illustrieren Volkszählung von 2011 zeigen, ist die Slumbevölkerungdie Programme, mit denen sie auf das rapide urbane hier rapide angestiegen. Heute leben in der Stadt elfWachstum reagieren beziehungsweise mit denen sie Miss­ Millionen Menschen und damit 9,84 Prozent der Gesamt­stände beheben. Zwangslagen sind vor allem deshalb bevölkerung des Bundesstaates. Das ist ein Anstieg umentstanden, weil man zugelassen hatte, dass Städte ohne 36 Prozent in gerade einmal zehn Jahren. In Mumbai­oder ohne ausreichende Planung gewachsen sind. So Stadt, wo jetzt 3,14 Millionen Einwohner leben, ging dieunterschiedlich die Herausforderungen sind, die Ziele der Bevölkerung im selben Zeitraum um 5,75 Prozent zurück.Planer und Beamten sind fast überall die gleichen: Sie Amitabh Kundu ist Wirtschaftsprofessor amwollen lebenswertere und sicherere städtische Räume Studienzentrum für Regionalentwicklung und Dekan derschaffen, die Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungen Fakultät für Sozialwissenschaften an der Jawaharlalund Infrastruktureinrichtungen verbessern und Lösungen Nehru­Universität in Neu­Delhi. Er sieht einige indischefür den rasant zunehmenden Auto­ und Fußgänger­ Großstädte von einer, wie er es nennt, »degenerativenverkehr finden. Peripherisierung« erfasst. Damit bezeichnet er den Vorgang, bei dem die Menschen, wegen der hohenPerspektiven zur Urbanisierung Lebenshaltungskosten und des Mangels an ausreichendIn den vergangenen Jahren ist eine lebhafte Debatte ent­ gut bezahlten Arbeitsplätzen, aus den Zentren in Wohn­standen, in deren Mittelpunkt zwei konträre Sichtweisen siedlungen in der Peripherie der Metropolregionen ziehen.der urbanen Entwicklung stehen: Auf der einen Seite Hinter diesen Veränderungen sieht Kundu inter­stehen diejenigen, die ein weiteres urbanes Wachstum nationale ökonomische Interessen am Werk. »Insbesondereablehnen. Sie verweisen auf schnell wachsende Slums in Asien bemühen sich schnell entwickelnde Länder umohne jede sanitäre Versorgung, wo Epidemien drohten, Zugang zum globalen Kapitalmarkt, und der einzige WegMenschen ausgebeutet werden, höchste Gefahr für dazu führt über die Großstädte«, erklärt er. Mit dem Zu­Leib und Leben besteht, Gesetzlosigkeit herrscht und die fluss ausländischen Kapitals und verstärkten ausländischenAufrechterhaltung der Ordnung kriminellen Banden Investitionen steigen die Preise, und das Leben in denüberlassen bleibt. Auf der anderen Seite sind die zu finden, Stadtzentren wird immer teurer. Seiner Meinung nach istdie das Potenzial hervorheben, das das Leben in der es kein Wunder, dass von vielen der Verbesserungen in denStadt bietet – Arbeitsplätze, Zugang zu Gesundheits­ indischen Städten hauptsächlich die Mittelschicht profitiert.und Familienplanungsdiensten, Schulen und mehr »Den großen Städten laufen die Armen davon,wirtschaftliche Betätigungsmöglichkeiten für Frauen. weil die sich das Leben dort nicht mehr leisten können«,Das sind die primären Herausforderungen, vor die uns stellt Kundu klar. »Früher haben sich die Leute mitdie fortschreitende Verstädterung stellt: die Chancen zu 1.000 Rupien, rund 22 US­Dollar, in der Tasche nacherschließen und gleichzeitig die Gefahren und Probleme Delhi aufgemacht und dort einen Monat lang nach Arbeitzu minimieren. gesucht. Heutzutage reichen die 1.000 Rupien nicht Urbanisierungstrends verlaufen keineswegs einheitlich. einmal mehr für eine Woche. Deshalb ist der Anteil derIn Indien zum Beispiel nimmt die Bevölkerung in den Armen in Delhi­Stadt von 55 Prozent vor drei Jahr­traditionellen Stadtzentren ab und wächst dafür in den zehnten auf heute nur noch sieben Prozent geschrumpft.«78 KAP IT EL 6: dAS WACHSTUM dER STädTE IM BLIC K
  • 85. Was das bedeutet? »Wir sterilisieren unsere Städte«, Intercitybusse haben, wird dadurch drastisch reduziert.sagt Kundu. »Mit sterilisieren meine ich, die Umwelt »Warum müssen die Leute aus Pune nach Mumbaisäubern …, die Slums räumen, die Leute mit niedrigen pendeln?«, fragt Ram. »Pune braucht Arbeitsplätze vor Ort.«Einkommen vertreiben.« Doch damit verbauten sich dieStädte jede Chance, die Armen in den Städten zu Trägern Neue Chancen für Frauenvon Wachstum und Entwicklung zu machen. Stattdessen, Sajana Jayraj, schreibt für Media Matters, eine NGO, diebeklagt er, würden ungebildete und unqualifizierte auf dem Feld der Entwicklungskommunikation tätig istArbeitskräfte nur noch als Gefahr für Gesundheit, Hygiene und sich mit Frauen im urbanen Lebensumfeld beschäftigt.sowie Recht und Ordnung wahrgenommen. Für viele Frauen bringe die Weiterentwicklung des Innen­ Für Demographen und Ökonomen ist diese Ver­ stadtbereichs von Mumbai eine positive Seite mit sich,schiebung der gesellschaftlichen Balance in den indischen sagt sie. Durch den Boom in der DienstleistungsbrancheStädten auch deshalb ein so wichtiges Forschungsthema, und im Technologiesektor kämen viel mehr Frauen in dieweil bereits heute 410 Millionen der insgesamt 1,2 Milliarden Stadt, um dort zu arbeiten, eine Ausbildung zu machenInder ein Leben unterhalb der Armutsgrenze fristen. Damit oder neue Fertigkeiten zu erwerben. Jayraj spricht vonlebt ein Drittel der Armen der Welt in Indien. Das zeigen einem »stark wachsenden Stamm junger Frauen, dieDaten der Weltbank, die zudem darauf hinweist, dass dieEinkommensunterschiede in Indien immer größer werden. »Im Zentrum von Mumbai ist das Bevölkerungs­ UrBANISIErUNgwachstum drastisch eingebrochen«, sagt Kundu. Dasselbegelte für Chennai, für Hyderabad, für Kalkutta – für die Auszüge aus dem Aktionsprogramm der KairoerStadtzentren aller indischen Großstädte. Früher seien die WeltbevölkerungskonferenzLeute vom Land gekommen und hätten sich zunächst als Die Regierungen sollten die Möglichkeiten und Kompe­Schuhputzer oder Karrenzieher verdingt. Diese Jobs ver­ tenzen der Städte und Gemeinden erweitern, damit diese: dieschwänden in dem Maße, wie die Migration vom Land in Stadtentwicklung regeln; die Umwelt schützen; dem Bedarfdie Städte abnehme, sagt Kundu, der wie andere Demo­ aller Bürger, einschließlich städtischer Bewohner fremdengraphen auch die Ansicht vertritt, dass Indien kleine und Bodens an persönlicher Sicherheit, grundlegender Infra­ struktur und grundlegenden Dienstleistungen entsprechen;mittelgroße Städte planen muss, die für Arme leichter für gesundheitliche und soziale Probleme, einschließlichzugänglich sind und ihnen Arbeitsmöglichkeiten bieten. Drogenproblemen und Kriminalität, und für Probleme infolge Faujdar Ram ist Direktor des Indian Institute for räumlich beengter Verhältnisse und Katastrophen AbhilfePopulation Sciences in Mumbai, einer universitären schaffen sowie den Menschen Alternativen zum Leben inInstitution, die akademische Grade vergibt. Obwohl immer durch Natur­ und technologische Katastrophen gefährdeten Gebieten bieten können […].mehr Menschen mit marginalen oder sogar mittlerenEinkommen aus Mumbai­Stadt hinausgedrängt würden, [Den] Regierungen [wird] eindringlich geraten, diewollten sie weiter dort arbeiten, sagt er. Pendler kämen Eingliederung der aus ländlichen Gebieten in Städte abwan­von überall aus der Region nach Mumbai, selbst aus dernden Menschen zu fördern und deren Erwerbs mög­Pune. Diese Stadt liegt 163 Kilometer südöstlich von lichkeiten durch erleichterten Zugang zu Arbeitsstellen, Kreditfazilitäten, Produktionen, Vermarktung, Grundaus­Mumbai und verzeichnet selbst ein starkes Bevölkerungs­ bildung, Gesundheitsdiensten, Berufsbildung und Verkehrs­wachstum. Inzwischen ist Pune durch eine sechsspurige mitteln zu verbessern, wobei besonders die Lage weiblicherSchnellstraße mit Mumbai verbunden. Die Fahrtzeit für Arbeitnehmer und von Frauen, die Haushaltsvorstand sind,diejenigen, die ein Auto oder genug Geld für die schnellen zu berücksichtigen ist […]. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 79
  • 86. arbeiten und gleichzeitig studieren«. Viele von ihnen Jobs sind jedoch weder sicher, noch mit Sozialleistungennehmen täglich zwei oder mehr Stunden Fahrzeit auf verbunden. Von Tag zu Tag zu überleben, ist das Ziel dersich, um aus den inneren und äußeren Vorstädten in die meisten Menschen hier. Niemand weiß, ob oder wannInnenstadt von Mumbai zu pendeln. Bei diesen Frauen sie aus ihren Häusern vertrieben werden, die sich entlanghandelt es sich um eine spezielle Gruppe urbaner schlammiger Straßen aneinanderdrängen.Migrantinnen: Sie sind gut ausgebildet, führen ein »Slums sind komplex«, sagt Faujdar Ram vom IndianMittelschicht­Leben und nehmen häufig große Belas­ Institute for Population Sciences. »Die meisten Leute sindtungen auf sich, um Karriere und Familie zu vereinbaren. nur Mieter, und die Besitzer der Häuser sind meist lokale»Frauen, die nach Arbeitsschluss im Pendlerzug nach Führungspersönlichkeiten, gewählte Politiker.« In IndienHause sitzen und Gemüse schälen, sind ein alltäglicher benutzen Politiker Slums und Hüttensiedlungen alsAnblick«, schreibt Jayraj. Hochburgen in ihren Wahlbezirken. Deshalb sind sie Das Muster des Wachstums der Bevölkerung mit daran interessiert, dass dort möglichst viele Menschenniedrigen Einkommen in den Vorstädten und im Umland leben. Aber diesen Slumlords wird zusehends Konkurrenzwird in Thane offenkundig. Dort leben inzwischen etwa von Bauträgern gemacht. Nach Auskunft von Ram sehen30 Prozent der Einwohner in Slums. Eine dieser Ansied­ diese in gemeindefreien Flächen mit ungesicherten Grund­lungen heißt Bhim Nagar, wo sich oft zwischen zehn und besitzverhältnissen ideale Objekte für private Bauprojekte.15 Personen in den kleinen, oft nur aus einem einzigen Hat ein Bauträger einflussreiche Förderer, könne esRaum bestehenden Behausungen, drängen. Wie ein passieren, dass ein Slum ohne große Vorwarnung nieder­Bewohner erzählt, sind viele, wenn nicht die meisten, gewalzt und die dort lebenden Menschen in alle Windearbeitslos oder können in dieser Entfernung von Mumbai verstreut werden. Nur selten bekämen private Bauträgernur Gelegenheitsjobs finden. Die Frauen sind etwas besser die Auflage, auf einem Teil der Flächen Wohnungen fürdran, weil sie als Hausangestellte arbeiten können. Diese einkommensschwache Gruppen zu errichten. Obwohl die Abwanderung von ländlichen in städtische Regionen im Rückgang begriffen ist, wird der Bundesstaatt Anwohner bei der Hausarbeit in den Bengali-Colony-Slums im Gebiet von Maharashtra auch in Zukunft Ziel ungelernter Wander­ East Kidwai Nagar im indischen Delhi. © Sanjit das/Panos arbeiter bleiben. Denn in der polyglotten Metropolregion Mumbai stellt die Sprachbarriere kein unüberwindbares Hindernis dar. Deutlich schwieriger ist es nach Meinung von Ram für hindisprachige Nordinder, sich um Jobs in Städten in anderen Bundesstaaten wie Kerala, Tamil Nadu und Karnataka zu bewerben, obwohl dort Arbeitskräfte gesucht werden. der Lockruf der Arbeit Weiter nordöstlich, rund 60 Kilometer von Mumbai­Stadt – aber immer noch zur Metropolregion gehörig – bietet die Stadt Bhiwandi ein Musterbeispiel für die Industriali­ sierung und Urbanisierung in Indien: Lange Zeit hindurch war Bhiwandi eine Kleinstadt, bekannt vor allem für ihre Handweber­Werkstätten. Mit der Elektrifizierung und80 KAP IT EL 6: dAS WACHSTUM dER STädTE IM BLIC K
  • 87. Einführung mechanischer Webstühle stieg die Stadt zum»indischen Manchester« auf. Nirgendwo im ganzen Landgibt es mehr Textilfabriken als hier, und die traditionelleArbeit der Bauern, Fischer, Kaufleute und Gewürzhändlerspielt längst nur noch eine untergeordnete Rolle. Bereits heute arbeiten die meisten Einwohner derStadt an den Webstühlen. Weil die Textilfabriken rundum die Uhr in Betrieb sind und immer neue Arbeitskräfte Narendra Tiwari am Webstuhl in Bhiwandi, Indien. Er ist vor zehn Jahren t eingewandert. Zu Hause ist die ganze Familie von seinem Lohn abhängig.brauchen, sind die zahllosen Wanderarbeiter aus anderen © Atul Loke/Panosindischen Bundesstaaten längst zu einem festen Bestand­teil der Stadtbevölkerung geworden. Nach wie vorströmen vor allem junge Männer aus dem armen Norden Die Arbeiter in den Textilfabriken brennen darauf, ihreIndiens, insbesondere aus Uttar Pradesh, nach Bhiwandi. Geschichten für diesen Bericht zu erzählen. Nagendra TiwariDort schuften sie in Fabriken, in denen man sich ins ist 42 Jahre alt, kam 1988 nach Bhiwandi und stammtEngland des 19. Jahrhunderts zurückversetzt fühlt. aus Gorakhpur in Uttar Pradesh. Sein Vater, ein armer Bhiwandi könnte ein gutes Beispiel für eine öko­ Bauer, hatte kein Geld, um die Aussteuer für seine fünfnomisch nachhaltige und in sich geschlossene Stadt sein, Töchter zu bezahlen, und so schickte er seinen Sohn – derwenn die Arbeitsbedingungen in den Fabriken annehm­ selbst eine Frau und vier Kinder hat – zum Geldverdienenbarer und gesünder wären. Aber die Jobs sind schmutzig in den Süden. So konnten seine Schwestern heiraten.und gefährlich. In den großen und heruntergekommenen, Tiwari, der die Mittelschule abgeschlossen hat undmit Webstühlen voll gestellten Hallen herrscht drückende über Verwaltungserfahrung verfügt, zog von TextilfabrikHitze. Oft gibt es weder fließendes Wasser noch Toiletten. zu Textilfabrik, aber die Arbeit war überall sehr schwer.Doch die Wanderarbeiter, fast ausschließlich Männer und »Wir arbeiteten in Zwölf­Stunden­Schichten und erhieltenJungen, bleiben oft Jahrzehnte hier. Sie werden praktisch zu alle 15 Tage unseren Lohn. Arbeitsfreie Tage gab esOrtsansässigen, weil das Leben hier immer noch besser ist nicht.« Bezahlt wurde auf Akkordbasis. Tiwari verdienteals zu Hause. Außerdem sind ihre Familien und Dörfer in umgerechnet nicht einmal 20 US­Dollar im Monat.der Ferne auf das Geld angewiesen, das sie ihnen schicken. Allein für das Zimmer, das er mit drei anderen Männern In schweißdurchtränkten, ärmellosen T­Shirts und teilte, musste er monatlich 250 Rupien bezahlen, etwabilligen Hosen, an den Füßen nur Flipflops oder 5,60 US­Dollar. Als er endlich einen Arbeitgeber fand,Sandalen, sitzen sie an den klappernden Webstühlen. Der der ihm erlaubte, die vom örtlichen Büro der FamilyLärm in den Hallen ist ohrenbetäubend, und fast nichts Planning Association of India (FPA) jeden Freitagabendschützt die Männer vor der rasend schnellen Mechanik angebotenen Informationsveranstaltungen zur HIV­der riesigen Maschinen. Arbeitsunfälle seien an der Prävention zu besuchen, engagierte er sich mit FeuereiferTagesordnung und arbeitsbedingte Gesundheitsprobleme für eine Safer­Sex­Kampagne. In Bhiwandi, wo vieleweit verbreitet, sagen die Arbeiter: Stromschläge, Männer ohne ihre Familien leben, floriert die Sexindustrie.Verletzungen durch die hin und her schießenden Weber­ »Ein halbes Jahr lang konnte ich es kaum erwarten,schiffchen, Hautinfektionen und Tuberkulose. In den bis es Freitag war«, erzählt er. »Zu Hause in meinem Dorffensterlosen Unterkünften schlafen oft bis zu zehn hatte ich einen Cousin an Aids verloren. Ich wollteArbeiter in Schichten, die sich mit vielen anderen eine zurückkehren und mit den Leuten dort sprechen, dieGemeinschaftstoilette und einen Wasserhahn teilen müssen. nichts über Aids wissen.« W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 81
  • 88. Spontane und geplante Stadtentwicklung Lagos ist das Geschäfts­ und Finanzzentrum Nigerias und einer der größten Häfen in Afrika. Francisco Bolaji Abosede ist seit 2007 Stadtplanungskommissar für den Bundesstaat Lagos und damit auch für die gleichnamige Metropolregion. Nach seinem Amtsantritt nahm er sich als erstes den Stadtentwicklungsplan von 1980 vor und fragte sich: »An welcher Stelle sind wir vom Weg Francisco Bolaji Abosede, Stadtplanungskommissar in Lagos, Nigeria, beim abgekommen?«t Interview mit UNFPA-Mitarbeitern in seinem Büro. Abosede berichtet, dass schon die Militärregierungen © UNFPA/Akintunde Akinleye zwischen 1983 und 1998 den Plan und überhaupt alle stadtplanerischen Konzepte aufgegeben hatten. Und das, Beeindruckt von seinem Einsatz und seinen Kommuni­ obwohl die Stadt in dieser Zeit rapide wuchs und sichkationsfähigkeiten, bildete ihn der Familienplanungs­ die urbane Lebensqualität infolge der unzureichendenverband in Bhiwandi zuerst zum ehrenamtlichen Berater Stadtplanung drastisch verschlechterte.aus und stellte ihn später als festen Mitarbeiter ein. »Lagos war stark gewachsen«, betont er. »Der städtischeTrotzdem lebt Tiwari immer noch bei den Textilarbeitern, Lebensstil lockte viele Menschen an. Die Kriminalitätvon denen die meisten wie er aus Uttar Pradesh kommen. hatte stark zugenommen und die sozialen BedingungenVon den rund 400.000 alleinstehenden Wanderarbeitern waren unerträglich.« Nach einer Analyse der Situation desin der Region nehmen rund 20.000 an den vom indischen Stadtstaates war Abosede klar, dass sie nicht vier Jahre bisFamilienplanungsverband angebotenen Aufklärungs­, zur Verabschiedung eines neuen StadtentwicklungsplansPräventions­ und Testprogrammen zu HIV/Aids teil. warten konnten. Aber was tun? »Wir prüften den altenDabei werden sie auch über andere sexuell übertragbare Stadtentwicklungsplan, nahmen die Elemente, die nochInfektionskrankheiten und allgemeine Fragen der repro­ brauchbar waren, und dann konnten wir loslegen«,duktiven Gesundheit informiert. Die Arbeiter sagen, dass erzählt er. »Wir unterteilten Lagos in neun Bereiche mitsie von den Erfahrungen, die sie hier in der Stadt machen, bestimmbaren Eigenschaften. Dann analysierten wirprofitierten und ihr Wissen an andere weitergeben würden, ihre Stärken und Schwächen, um die Erfordernisse derwenn sie einmal im Jahr in ihre Dörfer zurückkehren. einzelnen Bereiche zu ermitteln.« Trotz der Härte und Gefahren ihrer täglichen Arbeit Nach seinem Studium der Stadt­ und Landschafts­beharren die Männer darauf, dass es in den Dörfern, aus planung an der Polytechnischen Hochschule in Ibadandenen sie kommen, keine Alternative und keine Zukunft setzte der in Lagos geborene Abosede seine Ausbildungfür sie gibt. Nur ein einziger Arbeiter, Shyam Narayan am Zentrum für Stadt­ und Regionalplanung an derPrajapati, ein 45 Jahre alter Universitätsabsolvent, ist auch Universität von Strathclyde in Schottland fort. An­nach den über 20 Jahren noch entschlossen, wieder nach schließend arbeitete er für ein britisches Planungsbüro,Uttar Pradesh zurückzukehren. Er arbeitet inzwischen bevor er nach Nigeria zurückkehrte und hier an ver­ebenfalls für das lokale FPA­Büro und sagt, dass er in die schiedenen Stellen Erfahrungen als Stadtplaner sammelte.Politik gehen und gegen die Korruption und die schlechte »Ich habe viel über die Menschen hier gelernt«, sagt er.wirtschaftliche Lage kämpfen wolle, unter der sein »Sie sind sehr ortsgebunden, und man setzt sich hin undBundesstaat leidet. fragt sie, was das Beste für sie ist.«82 KAP IT EL 6: dAS WACHSTUM dER STädTE IM BLIC K
  • 89. Eines seiner ersten Projekte als Stadtplanungskommissar Die Wiederbelebung der Altstadtfür Lagos war die Sanierung von Lagos Island. Das ist Lagos Island ist durch mehrere Brücken mit dem Festlandder älteste Teil der Stadt, der 1861 zu einem britischen verbunden und nach wie vor eine riesige Baustelle. DasProtektorat wurde. In gewisser Hinsicht liegt hier der neue Einkaufszentrum steht weitgehend leer, weil dieGeburtsort des modernen Nigeria. Lagos Island war – und Mieten, wie die Anwohner sagen, viel zu hoch für dieist immer noch – zu stark bevölkert und war lange Zeit ehemaligen Straßenhändler sind. Außerdem bestehen vieleals Hort krimineller Aktivitäten berüchtigt. In den ver- Händler auf ihren informellen Straßenständen. Einige altegangenen Jahren hat die Regierung den Bau mehrerer Häuser aus der Kolonialzeit sind inzwischen renoviert.neuer Straßen begonnen und einige der am meisten von Sie lassen erahnen, wie malerisch manche Ecken der InselKriminalität geplagten Straßenzüge abreißen lassen, mit ihren verwinkelten Straßen und ihrer einzigartigenum dort werden ein Geschäftszentrum, Wohnungen und Architektur sein könnten. Aber die Stadtplaner wollenein mehrstöckiges Einkaufszentrum zu errichten. nur Gebäude von historischer Bedeutung erhalten. Dies erinnert an die Entwicklung Singapurs. Dort ließ die Entwicklung der städtischen Bevölkerung nach Regionen (in Prozent der Gesamtbevölkerung) 95 90 85 80 75 70 65 60 55 50 45 40 35 30 25 20 15 10 5 0 1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2025 2030 2035 2040 2045 2050 Asien Lateinamerika und Karibik Nordamerika Afrika Europa Ozeanien Quelle: Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen © UNFPA/Akintunde Akinleye W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 83
  • 90. Regierung vor mehreren Jahrzehnten große Teile der alten vom Meeresboden hochgepumpt wurde, eine gemischteChinatown niederreißen, nur um dann festzustellen, dass Wohn­ und Geschäftsstadt für 250.000 Einwohner unddie Stadt damit ihren Charakter und eine der wichtigsten Büroflächen für 150.000 Angestellte entstehen. Das Pro­Sehenswürdigkeiten für Touristen verlor. Ernüchtert jekt wird von einer eigens für diese Aufgabe gegründetenmachte man sich in Singapur in der Folgezeit daran, Baugesellschaft durchgeführt und ausschließlich vonzumindest einen Teil des Viertels zu rekonstruieren. Banken und privaten Investoren finanziert. Weitere Projekte auf Abosedes Zeichenbrett sind der Obwohl Abosede davon ausgeht, dass in der Metro­Ausbau der östlich gelegenen Region Lekki zu einer polregion irgendwann bis zu 40 Millionen MenschenFreihandels­ und Industriezone. Hier sollen sich Unter­ leben werden, sieht er keine Notwendigkeit für weiterenehmen steuer­ und zollbegünstigt und unbehindert vom große Wohnbauprojekte. Sein Ziel lautet vielmehr, dieüblichen bürokratischen Filz unter Offshore­Bedingungen bestehenden Viertel wiederzubeleben und brachliegendeniederlassen können. Seine Hoffnung ist, dass mit den Flächen innerhalb der Stadt zu erschließen. »Wir wollenUnternehmen zusätzliche Arbeitsplätze im produzierenden die Fahrzeiten in der Stadt reduzieren und erreichen, dassGewerbe für die Stadtbewohner entstehen. »Die Menschen die Leute in ein­ und demselben Viertel wohnen undwerden dort leben und dort arbeiten«, ist Abosede zu­ arbeiten und sämtliche sozialen Dienstleistungen nutzenversichtlich. »Wir werden eine Modellstadt für drei bis können«, erklärt er. »Die Frage ist: Wie reduziere ich dievier Millionen Menschen aufbauen. Dort wird auch der Fahrtzeiten? Wie schaffen wir es, dass die Leute zu Fußneue internationale Flughafen von Lagos entstehen, der von ihrer Wohnung zur Arbeit und zu den Sozialzentrenvier­ bis fünfmal so groß wie der alte wird.« gehen?« In autarken urbanen Vierteln mit einer verdichteten Auch auf der angrenzenden, ebenfalls zur Metropol­ Bebauung, die Räume für Grünflächen eröffnet, leben dieregion Lagos gehörenden Victoria Island wurde ein Menschen gesünder und länger, ist Abosede überzeugt.ehrgeiziges Projekt in Angriff genommen – das Land­ Neben dem, was in bestehenden Projektvorschlägengewinnungsprojekt Eko Atlantic. Dort soll auf Sand, der vorgesehen ist, existierten für Lagos keine Pläne für den Bau großer öffentlicher Nahverkehrssysteme, erklärt er weiter. Denn das Ziel laute, die Menschen dazu zu bringen,t Frau in einem Kanu in der Gemeinde Makoko in Nigerias in möglichst unmittelbarer Umgebung ihres Wohnorts Wirtschaftsmetropole Lagos. © UNFPA/Akintunde Akinleye einer Arbeit und ihren Freizeitaktivitäten nachzugehen. Allerdings, fährt er fort, untersuche er das Potenzial für den Ausbau des Wasserverkehrs auf der an die Stadt angren­ zenden Lagune. Abosede hat sich Fährschiffe in Singapur und Malaysia angesehen und sich mit dem niederländischen Botschafter darüber unterhalten, wie dort der Nahverkehr auf dem Wasser organisiert ist. Lagos sei bereit, Lizenzen für private Fährschiffsbetreiber zu vergeben. Die Regierung des Bundesstaates hat entschieden, die neuen Wohnanlagen und Nachbarschaftszentren bevorzugt von privaten Bauträgern errichten zu lassen. Diese werden dann an den Staat verkauft, der sie anschließend über hypothekenfinanzierte Kredite an die Bewohner weiter­ veräußert. Dieses Verfahren hat unter den Fürsprechern84 KAP IT EL 6: dAS WACHSTUM dER STädTE IM BLIC K
  • 91. der ärmeren Bevölkerungsgruppen in der Stadt erheblicheBesorgnis ausgelöst. Doch Abosede sagt, dass die Regierungdie Leute an diese Art der Finanzierung gewöhnen möchte.Die derzeitige Praxis, Immobiliengeschäfte nur in barabzuwickeln, verwehrt Leuten mit geringen Einkommennach Ansicht der Stadtplaner die Chance, Wohneigentumzu erwerben. Dem widerspricht Felix Morka, Geschäftsführer desSocial and Economic Rights Action Centre (SERAC),einer bekannten nigerianischen NGO mit Sitz in Lagos.SERAC setzt sich mittels kommunaler Initiativen,Rechtsbeihilfe und Lobbyarbeit für die wirtschaftlichen, Felix Morka, Geschäftsführer des Aktionszentrums für soziale und t wirtschaftliche Rechte (SERAC), in seinem Büro in Ojodu, Lagos, Nigeria.sozialen und kulturellen Rechte ärmerer Menschen ein. © UNFPA/Akintunde AkinleyeNach Ansicht von Morka werden die Pläne der Regierungvielleicht der Mittelschicht zugute kommen, ganzbestimmt aber nicht den Armen in der Stadt. Küstenbezirken Nigerias, Benins, Togos und Ghanas nach »In Lagos fehlen vier oder fünf Millionen Wohnungen«, Lagos gekommen. Auf der Landseite klagen die kleinenklagt Morka, »aber die Regierung steckt das Geld in Händler und zumeist im informellen Sektor beschäftigtenWohnprojekte für die Mittelschicht, die sich viele Arbeiter, dass es schon mehrmals zu MassenvertreibungenMenschen nicht leisten können. Eine wirkliche Antwort gekommen sei – das letzte Mal im Dezember 2010. Aberauf das Wachstum der Slums ist nicht in Sicht.« In Lagos Vertreibungen gab es auch schon vor Amtsantritt dergehörten weniger als zwölf Prozent der Häuser und derzeitigen Regierung des Bundesstaates im Jahr 2007. ImWohnungen denjenigen, die darin wohnen, fährt er fort. Lichte dieser Erfahrungen scheinen die Einwohner von SERAC kritisiert den Sektoransatz der Stadtverwaltung. Makoko das Vorgehen der Regierung vor allem als AngriffDass in Lagos keine ganzheitliche Stadtplanung betrieben zu bewerten.wird, spiegelt sich für Morka auch darin wider, dass eskein öffentliches Nahverkehrsnetz gibt. Außerdem braucht Slumbewohner machen mobildie Stadt seiner Meinung nach bessere Gesundheits­ und Die Bewohner von Makoko sind gut organisiert undBildungsangebote. Viele junge Menschen sind arbeitslos haben eine Rechtsberatungsgruppe gegründet, das Lagosoder nur schlecht für die Jobs ausgebildet, die es gibt. Marginalized Communities Forum. Das ist schon wieder­Wenn er eine Stelle in seiner Organisation ausschreibt, holt gegen die Regierung vor Gericht gezogen. Auf einemmelden sich oft 500 Bewerber, aber davon sind höchstens brachliegenden Gelände, das sich hinter ein paar kleinenzwei so qualifiziert, dass es sich lohnt, sie zu einem Ladengeschäften erstreckt, weisen ehemalige BewohnerGespräch einzuladen. mit den Händen auf eine Fläche, auf der einmal gut Makoko ist eines der am stärksten marginalisierten 500 einfache Hütten standen. Nur 3.000 Bewohner desViertel, in denen SERAC tätig ist. Ein Teil des Slums geräumten Gebietes wurden umgesiedelt, dabei sei diebefindet sich auf dem Festland, der andere ist ein altes Zahl der Vertriebenen, sagen Anwohner, um ein Viel­Fischerdorf, dessen Stelzenhütten aus dem flachen Wasser faches höher gewesen. Ein lokaler Politiker schätzt, dassder Lagune von Lagos herausragen. Viele von den zehn­ im Laufe der Jahre insgesamt rund 300.000 Menschentausenden Menschen, die in Makoko leben, sind aus den aus ihren Hütten vertrieben worden sind. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 85
  • 92. Die Frage, wie mit dem in die Lagune hinaus gebautenDie Sanierung von Slums kommt zwar Teil Makokos verfahren werden soll, illustriert die lähmendevoran, kann aber nicht mit der Komplexität der Konflikte, die sich in vielen Entwick­wachsenden Zahl armer Menschen in lungsländern entzünden. Denn hier trifft eine von dem Wunsch nach Modernisierung und Sanierung getriebeneStädten Schritt halten Regierung auf Gemeinschaften, die an ihrer Unabhängig­Einwohnerzahl urbaner Slums und Anteil der städtischen keit festhalten und sich der Veränderung widersetzenBevölkerung, die in Slums lebt, Entwicklungsregionen,1990–2010 – selbst wenn das allmählichen Verfall bedeutet. DennSlumbevölkerung Anteil der in Slums lebenden mit Worten lässt sich das Leben im Fischerdorf von(in Millionen) städtischen Bevölkerung (in Prozent) Makoko kaum beschreiben. Hier leben die Menschen900 60 vom Fischfang oder sie arbeiten in Sägewerken und in800 den Räucherhütten, in denen der tägliche Fang für den 46.1 50 700 42.8 Verkauf auf den Märkten vorbereitet wird. 39.3600 35.7 34.3 40 Genau genommen ist Makoko eine Stadt auf Stelzen, 32.7500 deren Bevölkerung auf 50.000 Menschen oder mehr ge­ 30400 schätzt wird. Hier gibt es keinerlei öffentliche Versorgung, 300 20 keinen Trinkwasseranschluss und Strom nur dort, wo er200 illegal vom kommunalen Netz abgezweigt wird. Einzige 10 Fortbewegungsmittel sind selbstgebaute Kanus, von 100 denen Hunderte, wenn nicht Tausende durch das mit 0 0 1990 1995 2000 2005 2007 2010 Müll und Exkrementen verschmutzte Wasser pflügen. Anteil der in Slums Slumbevölkerung Ein Ortsvorsteher, der die Bevölkerung in der seit lebenden städtischen in absoluten Zahlen über 100 Jahren bestehenden Siedlung auf rund 20.000 Bevölkerung in Prozent Menschen schätzt, sagt, dass es nur eine kleine SchuleLaut dem Fortschrittsbericht der Vereinten Nationen zur gebe, die von einem Wohltätigkeitsverein unterhaltenUmsetzung der Millennium­Entwicklungsziele ist der werde. Es existieren weder Familienplanungsdienste nochAnteil der in Slums lebenden städtischen Bevölkerung inden Entwicklungsländern zwischen den Jahren 2000 und überhaupt irgendeine moderne medizinische Versorgung,2010 von 39,3 auf 32,7 Prozent gesunken. In diesen zehn lediglich eine Klinik, die von einem traditionellen HeilerJahren haben über 200 Millionen Slumbewohner Zugang zu geführt wird. Der berichtet, dass es immer wieder zueiner verbesserten Wasser­ und Abwasserversorgung oder Typhus­ und Malaria­Epidemien komme – beides ver­besseren, weniger überfüllten Unterkünften gefunden. Das meidbare Krankheiten. Trotzdem, betont der Ortsvorsteher,zeigt, dass die Länder und Kommunen sich ernsthaft um dieVerbesserung der urbanen Lebensbedingungen kümmern. habe bisher noch niemand gefordert, dass der stinkendeDamit bieten sie vielen Millionen Menschen die Möglichkeit, Sumpf, auf dem sie hier leben, trocken gelegt wird odersich aus Armut, Krankheit und Analphabetismus zu befrei­ auch nur versucht, den angesammelten Müll selbst zuen. In absoluten Zahlen gemessen, nimmt die Zahl der entsorgen. Für Verschmutzung macht der OrtsvorsteherSlumbewohner in den Entwicklungsländern jedoch zu und das Festland jenseits der Lagune verantwortlich.wird das auch in nächster Zukunft tun. Weltweit wird die Zahlder in Slums lebenden Stadtbewohner in Entwicklungsländern Die Fischergemeinde von Makoko sei polygam, be­derzeit auf rund 828 Millionen geschätzt. richtet er weiter. Allerdings dürften die Männer höchstensQuelle: »The Millennium Development Goals Report 2010«, Abteilung für zwei Frauen haben. Viele Familien haben zehn bisWirtschaft und Soziales der Vereinten Nationen 20 Kinder. Meistens teilen sie sich eine Holzhütte mit86 KAP IT EL 6: dAS WACHSTUM dER STädTE IM BLIC K
  • 93. einem Raum und einem kleinen Anlegeplatz, an dem die gab Anlass, verstärkt darüber nachzudenken, wie und Kanus vertäut werden. Auf die Frage, warum die Bewohner warum die Bevölkerung so schnell gewachsen war von Makoko die staatliche Unterstützung zurückweisen, und wie sich das Bevölkerungswachstum auf die Kultur obwohl sie doch in einer höchst ungesunden Umgebung und Geschichte der mexikanischen Städte und Regionen leben, antwortete ein Beamter der Staatsregierung, dass bezieht. »Manche Städte in Mexiko verlieren Einwohner, die Einstellung der Leute eine »ethnische Sache« sei. Er andere dagegen verzeichnen ein rapides Wachstum«, sagt vermutet, die Umweltverschmutzung könnte ein Zeichen Sara Topelson Fridman, Vizepräsidentin für Stadt­ und der Rebellion sein. Regionalentwicklung im mexikanischen Ministerium für Dabei können Stelzendörfer mit Erfolg in moderne soziale Entwicklung. Städte integriert werden. In Südostasien zum Beispiel gibt »Es gibt viele Gründe, die für das Wachstum, und es viele Menschen, die sich an die veränderten Umstände ebenso viele Gründe, die für den Rückgang der Einwohner­ angepasst haben, ohne dabei ihre traditionelle Lebens­ zahlen verantwortlich sind«, sagt Topelson. »In Mexiko weise auf dem Wasser aufzugeben. Eine der bekanntesten hängt das zumeist mit Migration zusammen, entweder in derartigen Gemeinden ist Kampong Ayer in Bandar Seri einen anderen Bundesstaat, eine andere Stadt oder in ein Begawan, der Hauptstadt von Brunei, einem wie Nigeria anderes Land, vor allem natürlich in die Vereinigten an Erdöl reichen Land. Staaten.« Topelsons Abteilung sammelt seit Jahren Daten In Kampong Ayer wurde ein Abwassersystem installiert zur Analyse des Bevölkerungswachstums in mexikanischen und alle Häuser wurden mit oberirdischen Leitungen an Städten und der Belastungen, die sich daraus für deren die Strom­ und Wasserversorgung angeschlossen. Heute Ressourcen ergeben. Dabei ist sie auf signifikante Unter­ ist das Leben dort nicht nur deutlich komfortabler als schiede zwischen seit langem bestehenden urbanen Gebieten früher, die Siedlung ist seit ihrer Modernisierung auch und vergleichsweise neuen Bevölkerungszentren gestoßen. eine beliebte Touristenattraktion. Es sei höchste Zeit, betont Topelson, darüber nach­ zudenken, wie Städte wachsen: »Angenommen, wir haben Städte wachsen – und schrumpfen eine Stadt mit 800.000 Einwohnern. Diese Stadt könnte In Mexiko ergab die Volkszählung von 2010 eine Gesamt­ um das Dreifache wachsen, was schon enorm wäre, aber bevölkerung von 112 Millionen Menschen – vier Millionen auch um das Fünf­ bis Zehnfache. Wir sind stark von mehr, als laut Hochrechnungen erwartet worden war. Das amerikanischen Wohn­ und Wachstumsmodellen geprägt Anteil der in urbanen Regionen lebenden Bevölkerung, 1950–2010 Land Welt10050 0 Ägypten Äthiopien China1 EjRM2 Finnland3 Indien Mexiko Mosambik Nigeria 1. Aus statistischen Gründen sind Hongkong, Macao und die Sonderverwaltungsregionen in den Angaben für China nicht enthalten. 2. Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien. 3. Einschließlich der Åland­Inseln. Quelle: World Population Prospects: The 2010 Revision, 2010, Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 87
  • 94. – und das bedeutet Zersiedelung. Also sind unsere Städte Stadtverwaltung den Müll einsammeln, die Straßengewuchert. Und wenn eine Stadt anfängt zu wachsen, gibt sauber halten, die Straßenbeleuchtung finanzieren, diees viele Faktoren, die eine unkontrollierte Zersiedelung Infrastruktur unterhalten – Telefonkabel, Abwasser­fördern.« Sie zieht eine Karte heraus, die das Wachstum leitungen, das Stromnetz.« Wenn die kommunalen Budgetsmehrerer mexikanischer Städte illustriert, und deutet mit überzogen werden, leidet die Sicherheit darunter.dem Finger auf zwei davon: Acapulco, ein Touristenzentrum »In Guadalajara liegt der Fall ganz anders«, sagtan der Westküste und Guadalajara im Landesinneren, Topelson und zeigt mit dem Finger auf die Stadt. Inrund 460 Kilometer nordwestlich von Mexiko­Stadt. Die Guadalajara haben die Geschichte und die geographischenKüstenmetropole Acapulco war früher eine Kleinstadt an Bedingungen eine vergleichbare urbane Wucherung ver­einer malerischen Pazifikbucht, bis sie – angetrieben hindert. Die Altstadt von Guadalajara mit ihrer prägendendurch den Touristenboom – im letzten Jahrhundert rasant Kathedrale und den umliegenden Plätzen zieht diegewachsen ist. Hotels und Wohnanlagen beherrschen die Menschen nach wie vor an. Sie ist der pulsierende KernKüstenzone. Aber Acapulco besteht auch aus Vierteln, in des städtischen Lebens. »Außerdem hat die große Schluchtdenen das ganze Jahr hindurch rund eine Million nordöstlich der Stadt jede weitere Erschließung in dieserMenschen leben. Richtung unmöglich gemacht«, erklärt Topelson. In Die Stadtverwaltung sei nicht mehr in der Lage, eine den anderen Richtungen liegen neuere Viertel in einemflächendeckende Versorgung zu gewährleisten, sagt Wagenradmuster um die Altstadt herum verteilt.Topelson. Das gelte insbesondere für öffentliche Dienst­ In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Einwohner­leistungen und den Schutz der Bürger. »Natürlich sieht zahl der Stadt nahezu verdoppelt und ihre Fläche mehr alsdas in den Touristengebieten anders aus. Dort gibt es viele verdreifacht. Acapulco, dessen Bevölkerung sich bei einemhochwertige Wohnanlagen, die nur zwischen zwei und nur leicht geringeren Wachstum im selben Zeitraumvier Monaten im Jahr genutzt werden. Trotzdem muss die ebenfalls fast verdoppelt hat, hat sich flächenmäßig fast verzehnfacht. Für Topelson besteht eine der Herausforderungent Junge Leute warten in Mexiko-Stadt auf eine U-Bahn. darin, die Zersiedelung zu beschränken und stattdessen © UNFPA/Ricardo Ramirez Arriola das Wachstum in die bereits erschlossenen Flächen einer Stadt zu tragen. »Es gibt in jeder Stadt ungenutzte Grund­ stücke, brachliegende Flächen und Industriebetriebe, die abgewandert sind. Wir müssen«, fordert sie, »den Blick in die Städte hinein wenden und dem Wachstum entlang der Stadtgrenzen durch Grüngürtel Grenzen setzen.« Informelle Siedlungen Die Entstehung und Ausbreitung informeller Siedlungen, häufig in der Form von Slums, ist seit Jahrzehnten ein Bestandteil des urbanen Wachstums in Mexiko und generell in Lateinamerika – symbolisiert vielleicht am deutlichsten durch die Favelas (Elendsquartiere) von Rio de Janeiro und anderen brasilianischen Städten. Diese Variante des urbanen Wachstums soll sich, wenn es nach88 KAP IT EL 6: dAS WACHSTUM dER STädTE IM BLIC K
  • 95. Topelson geht, in Mexiko nicht fortsetzen. Informelle saniert. Überall in der Stadt wurden die Hauptstraßen ver­Siedlungen forderten früher oder später den Anschluss an breitert und Platz für Grünflächen und Blumen entlangdie öffentlichen Versorgungsnetze. Aber auch von der Gehwege oder auf den Mittelstreifen geschaffen.privaten Bauträgern errichtete Wohngebiete belasten die Ein Kernstück der Stadtentwicklung ist das Stadtbahn­kommunalen Haushalte. »Selbst wenn private Träger system, das auf Höhe der Straße die Stadt durchzieht unddie Erschließung und die Errichtung übernehmen, ist und U­Bahn­ und Bushaltestellen miteinander verbindet.bleibt die externe Anbindung Sache der Kommunen«, Unter der Bezeichnung ecobici stehen in allen Stadt­stellt sie klar. »Die Anbindung an die Versorgungsnetze vierteln Leihfahrräder bereit, die jeder nutzen kann, derder Stadt, an das Straßennetz, der Ausbau des Schul­ und ein Jahresabo für das Leihfahrradangebot erwirbt. NachGesundheitswesens: All das kostet die Stadtverwaltungen Angaben von Mitarbeitern des Städtischen Wohnungs­sehr viel Geld.« und Stadtplanungsamts konnten durch diese und andere Der selbstverwaltete Distrito Federal Mexiko­Stadt Projekte die Treibhausgasemissionen um 37 Prozentfungiert als Hauptstadt und bildet den Kernbereich gesenkt werden. Mexiko­Stadt – lange Zeit für seine ver­der Metropolregion. Die Metropolregion zählt rund schmutzte Luft bekannt – ist heute eine andere Stadt.20 Millionen Einwohner und umfasst auch Teile der um­ Auch Toluca, die Hauptstadt des an drei Seiten an denliegenden Bundesstaaten México und Hidalgo. Hier Distrito Federal grenzenden Bundesstaates México, ver­und in den anderen Städten des Landes wird seit einiger folgt ehrgeizige Pläne zur Ausweitung und Neuanlage vonZeit verstärkt in den Ausbau und die Aufrechterhaltung Parks. »Wir haben hier einen großen Bedarf an öffentlichender öffentlichen Räume investiert. urbanen Räumen«, sagt Patricia Chemor Ruiz, technische Im Zuge dieser Bemühungen werden auf Bundesebene Sekretärin des staatlichen Bevölkerungsrats. Bislang sindöffentliche Parks und Erholungsgebiete neu angelegt oder in Toluca zwei große Parks fertiggestellt worden. Einsaniert. Nach Angaben von Topelson wurden allein in internationales Unternehmenszentrum befindet sich imden letzten vier Jahren landesweit 3.400 öffentliche Parks Bau und weitere Projekte sind geplant. Auch Vertreter dermit dem Ziel saniert und ausgebaut, die urbane Lebens­ Zivilgesellschaft sitzen in den Beratungsgremien, die inqualität zu verbessern und die Kriminalitätsrate zu senken. die Planung dieser Vorhaben eingebunden sind, betontDabei wurden die Anwohner nach ihren Wünschen Chemor Ruiz.für die Parks gefragt. Das führte zum Beispiel dazu, dass Auf einem früher vom Militär genutzten Gelände hatRampen für Skateboardfahrer, Computer­ und die Stadtverwaltung von Toluca zwölf Hektar Land begrünt,Handarbeitsräume, Radwege und Joggingpfade angelegt Wege für Jogger und Radfahrer angelegt und einen Skate­wurden. Auch der private Sektor kann sich über boardpark errichtet. In einem anderen, größeren Park gibt»Adoptiere einen Park«­Programme engagieren. es Sportanlagen und ein Kindermuseum, in dem die Die Regierung des Distrito Federal hat in mehreren Exponate ausdrücklich zum Anfassen bestimmt sind. DasStadtvierteln neue Fußgängerzonen eingerichtet, in denen Besondere daran: In beiden Fällen konnten sich diesie kostenlose Rollstühle für Behinderte anbietet. Darüber Stadtplaner mit ihren Vorhaben gegen offizielle Pläne zurhinaus bieten die Hauptstadt und lokale Verwaltungen Errichtung von Bürogebäuden auf den Flächen durchsetzen.öffentliche Räume um historisch bedeutsame Bauwerke Toluca und der ganze Bundesstaat México sind Zielund andere Sehenswürdigkeiten an, pflanzen Bäume und vieler Migranten aus anderen Teilen des Landes. Diestellen Brunnen auf. Auch der Zócalo, seit der Zeit der Entstehung neuer urbaner oder peripherer Slums sollAzteken das historische Zentrum der Stadt und weltweit jedoch verhindert werden. Darüber hinaus will man dieeiner der größten urbanen Plätze überhaupt, wurde Menschen davon abhalten, in hochwassergefährdete W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 89
  • 96. Slumleben in Indien: Was Frauen berichtenDie Erfahrungen und das Wissen armer Lebensmittelpreise, fehlende Bildungs­ Mann sucht nach Gründen, warum er sieFrauen mögen in den Plänen von Regie­ chancen, Mängel in der Gesundheitsver­ misshandelt. Er schlägt mich, sagt sie, »weilrungen, internationalen Institutionen und sorgung, allzu frühe Eheschließungen und das Essen kalt ist, weil es nicht schmecktForschungsgesellschaften keine Rolle spie­ die Androhung häuslicher Gewalt, die sie oder weil es ihm zu salzig ist«. Sich einenlen. Doch führen diese Frauen ihr von Not davon abhält, die bestehenden Familien­ oder zwei Tage von ihrer Arbeit als Putzfraugeprägtes Leben unter Bedingungen, die planungsdienste in Anspruch zu nehmen. oder Köchin freizunehmen, um die Wundenunsere Welt der sieben Milliarden Menschen Die meisten Frauen hier stammen aus zu kurieren, können sich die misshandeltenentscheidend prägen: Die meisten Kinder, Maharashtra, dem Bundesstaat, zu dem Frauen nicht leisten. Sie haben Angst ihredie im 21. Jahrhundert auf die Welt kom­ auch Mumbai gehört. Sie alle kamen mit Arbeit zu verlieren. Die Familien, die hiermen werden, werden Kinder von Frauen ihren Männern nach Bhim Nagar, wo sie leben, erhalten keine Sozialhilfe, keinesein, die in den ärmsten Dörfern und eine Zuflucht in diesen schäbigen Hütten Renten und sind nicht versichert.Vierteln der Entwicklungsländer leben. Und fanden. Die Hütten gehören nicht ihnen, Die meisten Frauen hier haben zwi­selbst wenn diese Frauen nur wenig gebil­ sondern Hausbesitzern, die sie jederzeit auf schen vier und sieben Kindern. Sie wissen,det sind und weder lesen noch schreiben die Straße setzen können. All diese Frauen was Familienplanung ist und wo es ent­können, so werden sie ihren Kindern doch wurden schon als Heranwachsende verhei­ sprechende Angebote gibt, aber es istihre Erfahrungen, ihre Denkweisen und ihre ratet. Kinderehen sind illegal in Indien. Ein ihnen verboten, sie in Anspruch zu nehmen.Ratschläge mit auf den Weg geben. Gesetz aus dem Jahr 1978 legt das Mindest­ »Die Männer erlauben es nicht«, sagt eine, Bhim Nagar ist einer der vielen Slums, alter für Mädchen bei der Eheschließung und ihre Nachbarin nickt zustimmend. »Siedie in der Umgebung von Thane entstanden auf 18 Jahre fest. Doch dieses Gesetz wird wollen nur Söhne. Und sie haben die Macht.«sind, einer einstmals von der Mittelschicht fast nirgendwo beachtet, insbesondere Auf die Frage, was ihrer Meinung nach diegeprägten Stadt im Einzugsgebiet der indi­ nicht in ländlichen Regionen. Eine der ideale Familiengröße wäre, einigen sie sichschen Finanz­ und Unterhaltungsmetropole Frauen erzählt, sie habe nicht einmal ge­ auf zwei Kinder. Das entspricht demMumbai. Heute schätzt man den Anteil der wusst, dass man sie verheiratet hatte, als Ersatzniveau von 2,1 Kindern pro Frau, demEinwohner von Thane, die in solchen schnell ihre Eltern sie einem Mann übergaben, mit Niveau, das mittelfristig zu einer Bevöl­wachsenden Siedlungen leben, auf 30 Pro­ dessen Familie sie einen Handel abge­ kerungsstabilisierung führen würde.zent. Für die Menschen aber, die in Bhim schlossen hatten. Ist eine Frau erst einmal Die sanitären Bedingungen in BhimNagar leben, ist es trotz der verbreiteten verheiratet, gibt es kein Entrinnen mehr. Nagar sind verheerend. Im gesamten SlumNot und der allgegenwärtigen häuslichen Die Frauen von Bhim Nagar, die zumeist gibt es nur zehn Latrinen – fünf für MännerGewalt ein Viertel voller Lebenskraft und als Hausangestellte oder gelegentlich auch und fünf für Frauen. Die Latrinen für dieEinfallsreichtum. Das Fundament des Viertels als Müllsammlerinnen arbeiten, sind oft Frauen werden nur sporadisch geleert undbilden hart arbeitende Frauen, die mit uner­ die einzigen in ihren Familien, die Geld ver­ gereinigt, so erzählen sie. Die Hütten habenmüdlichem Einsatz ihre großen Familien dienen. Ihre monatlichen Einkünfte über­ keinen Anschluss an das Wassernetz. Derzusammenhalten. steigen selten 50 US­Dollar. Doch bestreiten Besitzer des Slums dreht die paar gemein­ Wenn man diese Frauen über die sozialen sie damit den Großteil der laufenden Kosten, schaftlichen Wasserhähne, die es gibt, einund wirtschaftlichen Kräfte reden hört, die darunter auch die 38 US­Dollar Miete für paar Stunden am Tag auf (und das nichtsie hierher verschlagen haben, gewinnt die Unterkunft. Ihre Männer, erzählen sie, einmal jeden Tag). Damit die Familien ihreman einen guten Einblick in den gesunden sind Tagelöhner, die nur hin und wieder Wasserkrüge dort auffüllen dürfen, müssenMenschenverstand, der so vielen der unge­ eine Arbeit finden. sie ihm pro Monat 100 Rupien bezahlen,bildeten Frauen auf dieser Welt zu eigen ist. Alkoholismus und Gewalt sind in vielen umgerechnet rund 2,50 US­Dollar. Er ver­Was die Frauen von Bhim Nagar, über ihr Familien ein Problem. »Ich arbeite den gan­ kauft ihnen auch Strom, für 100 Rupien proalltägliches Leben und die größeren zen Tag, gehe nach Hause und koche. Und Monat und Anschluss. Nach Einbruch derZusammenhänge zu erzählen haben, ist ein noch bevor ich zum Essen komme, werde Dunkelheit sind die meisten Hütten dunkelSpiegelbild der Nöte und Hoffnungen vieler ich von meinem Mann schon zum ersten oder nur spärlich beleuchtet.Frauen in Entwicklungsländern: steigende Mal geschlagen«, erzählt eine Frau. Ihr90 KAP IT EL 6: dAS WACHSTUM dER STädTE IM BLIC K
  • 97. Gebiete zu ziehen. Deshalb arbeiten die Behörden gemein­ Die Urbanisierung kann eine Triebfeder für eine nach­sam mit privaten Bauträgern an der Errichtung in sich haltige ökonomische, ökologische und soziale Entwicklungabgeschlossener Neubausiedlungen mit Wohnungspreisen, sein. Das stellt ein 2011 von UNFPA veröffentlichterdie auch für einkommensschwache Familien attraktiv Bericht mit dem Titel »Population Dynamics in the Leastsind. Eine dieser Siedlungen namens Bonanza liegt ein Developed Countries: Challenges and Opportunities forgutes Stück außerhalb der Stadt und hat keinen Zugang Development and Poverty Reduction« fest. In dem Maße,zum öffentlichen Nahverkehr. Aber private Busgesell­ wie Bevölkerungen wachsen, sei es ökonomisch und öko­schaften haben diese Lücke bereits geschlossen – ein Indiz logisch sinnvoll, dass die Menschen in urbanen Gebietenfür den in ganz Mexiko erkennbaren Trend, den privaten zusammenwohnen, so der Bericht. Urbanisierung erzeugeSektor verstärkt in die Pflicht zu nehmen. Bauunter­ Arbeitsplätze und ermöglicht es, grundlegende Dienst­nehmen, die bei den Wohnbauprojekten für einkommens­ leistungen zu geringeren Pro­Kopf­Kosten bereitzustellen.schwache Bevölkerungsgruppen zum Zug kommen Darüber hinaus könne sie zu einem Rückgang deswollen, müssten sich sogar verpflichten, auch öffentliche Energieverbrauchs führen, insbesondere im Verkehrs­ undEinrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser zu bauen, Wohnungssektor, und den Bevölkerungsdruck in länd­betont Chemor. »So etwas wird sonst nicht oft gemacht.« lichen Regionen vermindern. Jeden Tag ausreichend Essen für ihre damit sie als Hausbedienstete zum Lebens­ Federation in Thane unterhält. Die Organi­Familien zu beschaffen, ist für diese Frauen unterhalt ihrer armen Familie beitragen. sation hat eine erfolgreiche Straßen­stets eine neue Herausforderung und setzt Diese Mädchen sind dazu bestimmt, das theatergruppe ins Leben gerufen, um ihresie einem immensen Stress aus. Sie wissen, Schicksal ihrer Mütter zu teilen. Andere Botschaften in arme Gemeinden zu tragen.dass sie Anspruch auf öffentliche Hilfs­ werden jung verheiratet – genau an diesem Prabha Rathor erzählt, wie ihr dasprogramme haben, über die Grundnahrungs­ Nachmittag fand in der Nachbarschaft die Frauenzentrum geholfen hat, aus einer vonmittel und Kerosin zu subventionierten Verlobungszeremonie für ein 14­jähriges häuslicher Gewalt geprägten Ehe zu ent­Preisen verkauft werden. Aber bevor diese Mädchen statt. Die Mädchen laufen Gefahr, kommen, in die sie im Alter von 14 JahrenNahrungsmittel bei ihnen ankommen, wer­ wie ihre Mütter, Opfer häuslicher Gewalt hineingezwungen worden war. Viele Jahreden sie auf den Schwarzmarkt umgeleitet. zu werden. lang war sie eine zurückgezogene und ver­Doch selbst wenn die Frauen Lebensmittel­ Wenigstens haben die Frauen in diesem schüchterte junge Frau, erzählt sie. Jetzt seikarten bekommen, sind diese nutzlos, wenn und einigen anderen Nachbarschaften der sie selbstbewusst und erwachsen. Sie ver­sie die Nahrungsmittel doch zu Markt­ Gegend einen Ort, an dem sie um Rat und diene gutes Geld mit der Zubereitung undpreisen kaufen müssen. Hilfe bitten können. Ein Büro, das mit dem Verkauf von »Tiffin­Boxen«, den Trotz dieser widrigen Umstände haben Anschubfinanzierung von UNFPA von der Lunch­Boxen aus Aluminium, für die diedie Frauen von Bhim Nagar die Hoffnung Bhartiya Mahila Federation eingerichtet Gegend um Mumbai berühmt ist. Sie lebtnicht aufgegeben. Viele schicken ihre Kinder wurde, hilft den Frauen mit Beratung und immer noch im Slum und hilft verlassenenauf informelle oder lokale staatliche Schulen, juristischer Unterstützung. Zudem vermit­ und stark benachteiligten Kindern. Um sichum ihnen so die Möglichkeit auf ein anderes, telt es ihnen eine Notunterkunft und einem von ihrem Mann scheiden lassen zu kön­besseres Leben zu eröffnen. Einige Kinder Betreuungsplatz oder eine Internatsschule nen, musste Prabha auf ihre beiden Söhneaus dem Viertel haben eine Berufsaus­ für die Kinder, sollte sich die Situation zu verzichten. »Aber wenn ich jetzt gefragtbildung gemacht oder sind auf eine weiter­ Hause extrem zuspitzen. Zahlreiche werde«, sagt sie, »sage ich immer, dass ichführende Schule gewechselt. Für Mädchen Freiwillige, darunter Lehrer, Sozialarbeiter nicht nur zwei Kinder habe. Jetzt habe ichist das Leben zumeist noch viel schwieri­ und ein professioneller Psychiater, enga­ in Bhim Nagar tausend Kinder.«ger. Einige Mädchen aus der Nachbarschaft gieren sich mit viel Zeit und Einsatz für dassind aus der Schule genommen worden, Beratungszentrum, das die Bhartiya Mahila W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 91
  • 98. 92 KAP IT EL 7: dI E RESSOURC EN dER ERdE TEILEN UNd BE WA HRE N
  • 99. KAPITEL die ressourcen der Erde SIEBEN teilen und bewahren Seit dem Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 hat das weltweite Wirtschaftswachs­ tum viele Millionen Menschen aus der Armut befreit. Aber dieses Wachstum hat seinen Preis. Es verursacht Kosten, die, wie Achim Steiner, Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen auf einer UN­Konferenz im Mai 2011 mahnte, »in zunehmendem Maße von den Armen und den Schutzlosen auf diesem Planeten getragen werden«. Das schließe viele in den am wenigsten entwickelten Unsicherheiten, die wir in den vergangenen zwei Jahren Ländern ein. Die vergangenen zwei Jahrzehnte »haben in bei den Preisen für Energie, Nahrungsmittel und andere ökonomischer, gesellschaftlicher und ökologischer Hinsicht Rohstoffe erlebt haben, aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso bemerkenswerte wie ernüchternde Veränderungen immer extremer und sozial problematischer werden«. mit sich gebracht«, konstatierte Steiner. Steiner rief zum Übergang in eine »grüne Wirtschaft« Vom Klimawandel bis zum Verlust der Artenvielfalt, auf, die nicht nur das Wirtschaftswachstum vorantreiben von der fortschreitenden Bodendegradation bis zur könne, sondern auch zur Bekämpfung der Armut beitrage. zunehmenden Verknappung der Wasservorräte: Die öko­ »Es ist möglich«, erklärte er, »Wachstum und Beschäftigung logischen Veränderungen schlagen sich in eskalierenden zu mobilisieren und dabei den ökologischen Fußabdruck gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen und der Menschheit auf ein akzeptables Maß zu begrenzen.« Engpässen nieder. Der ökologische Fußabdruck der Menschheit ist nach »Wir wissen, dass unsere Volkswirtschaften weiter Angaben des kalifornischen Forschungsinstituts Global wachsen müssen, damit mehr Menschen aus der Armut Footprint Network bereits heute zu groß: Seit den 1970er entkommen und wir ausreichend Arbeitsplätze für unter­ Jahren überschreitet die Menschheit die ökologische beschäftigte oder arbeitslose junge Menschen in den Tragfähigkeit der Erde. »Inzwischen benötigt die Erde Entwicklungsländern schaffen können – insbesondere in eineinhalb Jahre, um das zu regenerieren, was wir in den am wenigsten entwickelten Ländern«, erklärte Steiner. einem Jahr verbrauchen«, warnen die Forscher. Der Doch er betonte, dass in einer Welt der sieben Milliarden ökologische Fußabdruck gibt an, wie viel Land­ und Menschen »dieses Wachstum weitaus intelligenter erfolgen Wasserfläche eine menschliche Bevölkerung beansprucht, muss«. Wenn nicht, warnte er, »werden die Risiken und um unter Verwendung gängiger Technologien die von ihr konsumierten Ressourcen zu produzieren und die von Ein Junge verkauft Wasser in Flaschen im nigerianischen Lagos. ihr erzeugten Kohlendioxidemissionen zu absorbieren.t © UNFPA/Akintunde Akinleye W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 93
  • 100. sieben Prozent der Emissionen, mahnt Pearce in einem Beitrag für die Environment 360-Website der Universität Yale. »Das eigentliche Problem ist nicht das Bevölkerungs­ wachstum, sondern der exzessive Konsum«, argumentiert Pearce. Unter Bezugnahme auf eine Studie von Paul Murtaugh von der Oregon State University, der vom »inter­ generationalen Erbe« der heute geborenen Kinder spricht, stellt Pearce folgende Rechnung auf: Ein Kind, das heute in den USA auf die Welt kommt, wird nach Murtaughs Berechnungen im Laufe der Generationen einen Kohlendioxid­Fußabdruck hinterlassen, der siebenmal so Ein junger Mann sitzt auf der Qasr-al-Nil-Brücke in der Stadtmitte Kairos mit groß ist wie der eines Kindes, das in China auf die Weltt Blick auf den Nil. kommt, 55­mal so groß wie der eines indischen und sogar © UNFPA/Matthew Cassel 86­mal so groß wie der eines nigerianischen Kindes. Im Jahr 2007 waren gerade einmal zehn Länder für Bevölkerungswachstum und Klimawandeldie Hälfte des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit Es wird immer deutlicher, dass die Klimaveränderungen,verantwortlich, angeführt von den Vereinigten Staaten die wir seit einiger Zeit erleben, hauptsächlich die Folgeund China. Die beiden Länder verursachen 14 bzw. menschlicher Aktivitäten sind. Das wird in der Einleitung16 Prozent des ökologischen Fußabdrucks der Mensch­ zum »Weltbevölkerungsbericht 2009: Eine Welt imheit und beanspruchen damit 21 bzw. 24 Prozent der Wandel: Frauen, Bevölkerung und Klima« festgestellt. Im»Biokapazität« der Erde. Bericht heißt es, dass der Einfluss der menschlichen Der ökologische Fußabdruck eines durchschnittlichen Aktivitäten auf das Klima komplex ist: »[Der Klima­Amerikaners ist 9,5 Hektar groß, verglichen mit 2,7 Hektar wandel] hängt davon ab, was wir konsumieren, wie wirfür den durchschnittlichen Erdenbürger. In Indien und Energie erzeugen und nutzen, ob wir in einer Stadt oderden meisten afrikanischen Ländern braucht eine Person auf dem Land und ob wir in einem reichen oder armengerade einmal einen Hektar. »Würden alle Menschen Land leben, ob wir jung oder alt sind, wie wir unsauf der Erde den Lebensstil des durchschnittlichen ernähren und sogar davon, inwieweit Frauen und MännerUS­Amerikaners pflegen, bräuchten wir fünf Planeten«, gleiche Rechte und gleiche Chancen haben.« Umgekehrtlautet das Fazit des Global Footprint Networks. gilt das ebenso: »Der Einfluss des Klimawandels auf die Dass ein kleiner Teil der Weltbevölkerung den Groß­ Menschen ist komplex. Er treibt die Migration an, zerstörtteil der Ressourcen verbraucht und für den Großteil der Lebensgrundlagen, zerrüttet Volkswirtschaften, behindertUmweltverschmutzung verantwortlich ist, prangert auch die Entwicklung und verschärft die Ungerechtigkeitder Umweltjournalist Fred Pearce an. Die wohlhabendsten zwischen den Geschlechtern.«500 Millionen Menschen – rund sieben Prozent der Frauen sind stärker von Armut betroffen, haben wenigerGesamtbevölkerung der Erde – sind für rund 50 Prozent Macht über ihr eigenes Leben und ihre wirtschaftlicheder globalen Kohlendioxidemissionen verantwortlich. Produktivität wird weniger anerkannt. Als Mütter sind sieDiese stellen ein gutes Näherungsmaß für den Verbrauch zudem überproportional für die Reproduktion und diean fossilen Energieträgern dar. Auf die ärmsten 50 Prozent Kindererziehung verantwortlich. Aus all diesen Gründen,der Weltbevölkerung dagegen entfielen gerade einmal stellt der Klimawandel sie vor zusätzliche Probleme.94 KAP IT EL 7: dI E RESSOURC EN dER ERdE TEILEN UNd BE WA HRE N
  • 101. »Frauen sind am stärksten von Umweltproblemen schon oft an sozialer Infrastruktur, ausreichend Wohn­betroffen. Das gilt auch für den Klimawandel«, bestätigt raum und genügend Arbeitsmöglichkeiten.Aminata Toure, Leiterin der Abteilung für Geschlechter­ Die letzte Konferenz zur Klimarahmenkonventionfragen, Menschenrechte und Kultur bei UNFPA. »In den der Vereinten Nationen fand 2010 im mexikanischenEntwicklungsländern obliegt vor allem den Frauen der Cancùn statt. Hier wurde erstmals offiziell festgehalten,Anbau von Nahrungsmitteln und die Ernährung der dass die Staaten bei der Ausarbeitung von Strategien zurFamilie. Daher sind sie die ersten, die die Auswirkungen Anpassung an den Klimawandel demographische Datenvon Umweltproblemen wie Überschwemmungen oder und Bevölkerungstrends berücksichtigen müssen.Dürren zu spüren bekommen.« Im selben Jahr kamen in New York Vertreter von Der Klimawandel könnte, warnt die Weltbank, die 20 NGOs und UNFPA zusammen, um Bündnisse zuhart errungenen Entwicklungsgewinne der letzten Jahr­ schließen. Diese sollen sich für die Aufnahme von Bevöl­zehnte umkehren und die bisher erzielten Fortschritte bei kerungsthemen auf die Tagesordnungen der in dender Erfüllung der MDGs zunichte machen. Es drohen kommenden Jahren anstehenden internationalen Umwelt­Wasserknappheiten, stärkere tropische Stürme und Sturm­ konferenzen einsetzen. Dabei geht es insbesondere um diefluten, Überschwemmungen, der Verlust von Gletscher­ »Rio+20«­Konferenz im Mai 2012, eine Folgekonferenzschmelzwasser für die Bewässerung der Landwirtschaft, des Erdgipfels von 1992.sich verschärfende Nahrungsmittelknappheiten und Einige Experten arbeiten bereits an der Quantifizierungzunehmende Gesundheitsrisiken. Der Klimawandel drohe der Zusammenhänge zwischen Bevölkerungsdynamikendie weltweite Armut zu verschärfen und marginalisierte, und Umwelttrends wie dem Klimawandel. Brian C. O’Neill,besonders schutzlose Bevölkerungsgruppen in noch Experte für Klimawandel am Nationalen Forschungs­tieferes Elend zu stürzen. zentrum für Atmosphärenforschung in Boulder, Colorado, In Südostasien zum Beispiel leben bereits 221 MillionenMenschen unterhalb der Armutsgrenze von zwei US­Dollaram Tag. Viele arme Menschen in der Region leben in t Ein Kernkraftwerk hinter einem Weinberg in einem Vorort der chinesischen Stadt Xi’an.Küstengebieten oder tief gelegenen Mündungsdeltas von © UNFPA/Guo TieliuFlüssen. Viele von ihnen sind Kleinbauern oder Leute, dieihren Lebensunterhalt aus dem Meer beziehen. ArmeHaushalte sind Klimaveränderungen besonders schutzlosausgeliefert, da sie wenig oder keinen Zugang zu Gesund­heitsversorgung und anderen Sozialleistungen haben, diesie vor den Folgen der sich verändernden Bedingungenschützen könnten. Zugleich mangelt es ihnen an Ressourcen,der drohenden Gefahr durch Migration auszuweichen. Wenn über den Umgang mit dem – bzw. dieAnpassung an den – Klimawandel diskutiert wird, sindBevölkerungstrends besonders relevant. Gerade armenLändern mit rasch wachsenden Bevölkerungen dürfte esan den Kapazitäten fehlen, zum Beispiel durch Migrationaus tief liegenden Küstengebieten in urbane Regionen aufdie Klimaveränderungen zu reagieren. Hier fehlt es heute W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 95
  • 102. Emissionsraten von Alterung betroffen sind. »In dem Modell gehen alternde Bevölkerungen mit einer geringeren Arbeitsproduktivität beziehungsweise sinkenden Erwerbs­ tätigkeitsquoten bei den älteren Bevölkerungsgruppen einher«, legen die Wissenschaftler dar. Das führt – bei ansonsten gleich bleibenden Bedingungen – zu »einem verlangsamten Wirtschaftswachstum«, heißt es in dem Bericht. Damit wird ein bislang wenig beachteter Punkt in der Debatte über Kosten und Nutzen alternder Bevölkerung angesprochen. Aber selbst wenn das Bevölkerungswachstum gestoppt werden könnte, würde sich das kaum unmittelbar auf das Klimaproblem auswirken. Es würde auch nichts an Felismina Bacela und ihr Mann Silvestre Celestino Uele bauen in ihrem der Notwendigkeit ändern, die globalen Treibhausgas­t Garten Kohl, Kartoffeln und andere Produkte an, die sie auf einem Markt in emissionen bis Mitte des Jahrhunderts um 50 bis 80 Prozent Maputo verkaufen. © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira zu reduzieren, betont Fred Pearce in seinem Artikel. »Angesichts der bestehenden Einkommensungleichheiten bleibt der exzessive Konsum der wenigen Wohlhabendenund ein Team internationaler Wissenschaftler publizierten das Schlüsselproblem – und nicht die wachsende Zahl derzum Beispiel 2010 einen Aufsatz in den »Proceedings of vielen Armen.«the National Academy of Sciences in the United States of Die Arbeit von Professor Cai Lin vom Zentrum fürAmerica«. Darin legten sie die Ergebnisse der »ersten Bevölkerungs­ und Entwicklungsstudien an der Renminumfassenden Bewertung der Folgen des demographischen Universität in Peking ist ein weiteres Beispiel für dieWandels auf die globalen CO2­Emissionen« dar. zunehmende Erkenntnis, dass sehr viele Faktoren Bestand­ In dem Aufsatz »Global Demographic Trends and teil der Bevölkerungs­ und der EntwicklungsdiskussionFuture Carbon Emissions« werden Ergebnisse präsentiert, sind und dass sie alle mit einbezogen werden müssen.die auf einem neuen energieökonomischen Wachstums­ Laut Cai Lin arbeitet China an einer umfassenden undmodell basieren, das eine Vielzahl demographischer ganzheitlichen Sichtweise der Beziehungen zwischenFaktoren mit einbezieht. »[W]ie wir zeigen, könnten Bevölkerungsentwicklung, Umwelt und Klimawandel.durch eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums Diese neue Perspektive beziehe sich nicht nur auf16 bis 19 Prozent der Emissionsminderungen bis 2050 bevölkerungspolitische Maßnahmen, sondern auch auferreicht werden, die zur Vermeidung gefährlicher Klima­ die Neuausrichtung von Industriesektoren sowie aufveränderungen als erforderlich erachtet werden«, so Verbesserungen im Energiesektor, in der Landwirtschaft,O’Neill. In den Bericht flossen Daten aus 34 Ländern mit der Nutztierhaltung und der Forstwirtschaft.insgesamt 61 Prozent der Weltbevölkerung ein. Im Jahr 2006 veröffentlichte die Regierung in Peking Ein weiteres Ergebnis lautet, dass aufgrund der fort­ den ersten Nationalen Bericht zur Bewertung des Klima­schreitenden Alterung der Weltbevölkerung die Emissionen wandels in China, auf den zwei Jahre später ein nationalerauf lange Sicht um bis zu 20 Prozent sinken werden. Das Aktionsplan folgte. Seitdem hat das Land konkreteist vor allem darauf zurückzuführen, dass die meisten Maßnahmen ergriffen, um die industrielle VerschmutzungIndustrieländer mit vergleichsweise hohen Pro­Kopf­ zu reduzieren, die Luftqualität in den Städten zu96 KAP IT EL 7: dI E RESSOURC EN dER ERdE TEILEN UNd BE WA HRE N
  • 103. verbessern und Systeme zur Entsorgung des städtischen und Industriezonen bei. Es wird auch sichergestellt, dassMülls zu entwickeln. Entlang der großen Straßen in den der immer wohlhabenderen Bevölkerung des Landes auchStädten und der Schnellstraßen, die das Land durchziehen, in Zukunft ausreichend Strom zur Verfügung steht. Diewerden Bäume und Sträucher gepflanzt. Zudem wird in chinesische Wirtschaft ist für ihr weiteres Wachstum aufmehreren Studien die Verschmutzung des Meeres vor den eine zuverlässige Energieversorgung angewiesen.Küsten durch industrielle Abfälle und unbehandeltes Die Weltbank und die Vereinten Nationen ermutigenAbwasser untersucht. die Entwicklungsländer beim Ausbau der erneuerbaren China ist heute vor den Vereinigten Staaten weltweit Energien – sowohl für den Eigenbedarf als auch für dengrößter Emittent von Kohlendioxid aus der Verbrennung Export. Laut Solarstromexperten könnten die afrikanischenfossiler Energieträger. Das Land liegt zwischen den Länder ausreichend Solarstrom erzeugen, um damit einenschmelzenden Gletschern des Himalaja und dem sich Großteil des europäischen Energiebedarfs zu decken.erwärmenden Pazifik, von wo immer wieder schwere Ägypten, das sich seit der Revolution von 2011 in einerTropenstürme über die Küstengebiete ziehen. Auf natio­ Phase der Neuausrichtung befindet, untersucht bereitsnaler wie regionaler Ebene ist China von einer ganzen die Möglichkeiten der Solarstromerzeugung auf landwirt­Reihe weiterer Umwelt­ und Klimaänderungen betroffen. schaftlich unproduktiven Wüstenflächen.Vor diesem Hintergrund hat die chinesische Regierung in Der Klimawandel und das rapide Bevölkerungs­ihrem im März 2011 beschlossenen zwölften Fünfjahres­ wachstum gehören zu den Faktoren, die zu der aktuellenplan versprochen, den Umweltveränderungen mehr Dürre und Hungerskatastrophe am Horn von AfrikaAufmerksamkeit zu widmen. beitragen. Von dieser Notlage sind nach Angaben der In dem Plan wird die Notwendigkeit anerkannt, neue Ernährungs­ und Landwirtschaftsorganisation derWege bei der Industrialisierung des Landes zu gehen. Vereinten Nationen (FAO) inzwischen über zwölfDiese Ankündigung löste rund um die Welt positive Millionen Menschen betroffen. Die FAO konstatiert einReaktionen aus. Die Zentralregierung hat mehrere hundertMilliarden US­Dollar für eine »saubere und grüne« t Altert die Bevölkerung, sinken die CO2-Emissionen.Entwicklung zugesagt. Staatliche Stellen und chinesische © UNFPA/Antonio FiorenteWissenschaftler arbeiten schon seit einiger Zeit mit denVereinten Nationen auf Gebieten wie sauberen Kohle­technologien und einem nachhaltigen Wassermanagementzusammen. In den Diskussionen um die Bevölkerungs­größe werde der Frage der Entwicklung im weitestenSinne eine immer größere Rolle zugestanden, versichernchinesische Wissenschaftler und Regierungsbeamte. China, das von der Weltbank beim Ausbau seinererneuerbaren Energieerzeugung unterstützt wird, gehörtinzwischen weltweit zu den führenden Ländern in Sachensauberer Energie. Nach Auskunft der Weltbank sind inChina im vergangenen Jahrzehnt 90 Prozent der Energie­investitionen in diesen Bereich geflossen. Diese Entwick­lung trägt nicht nur zur Verbesserung der Luftqualität inden unter massiver Luftverschmutzung leidenden Städten W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 97
  • 104. »rapides Bevölkerungswachstum, den Rückgang der von längere Sicht darum gehen müsse, Frauen die MöglichkeitSubsistenzbauern bewirtschafteten Ackerflächen und zu geben, »dann Kinder zu bekommen, wann sieMigration in Gebiete mit marginalen Böden«. Diese dies wünschen, und frei über die Zahl der Kinder zuFaktoren, heißt es in einer Erklärung der FAO von 2011, bestimmen, die sie in ihrem Lebenszusammenhang»bewirken im Verein mit den immer deutlicher spürbaren aufziehen können«.Folgen des Klimawandels und der anhaltenden wirtschaft­lichen Marginalisierung der Volkswirtschaften am Horn Wasservon Afrika einen weiter zunehmenden Druck auf die Der Rückgang der Wasservorkommen ist das in Entwick­vergleichsweise knappen Ressourcen in der Region«. lungsländern am häufigsten thematisierte Umweltproblem. Die Krise werfe ein Licht auf das Los all jener Das liegt zum einen an der Notwendigkeit, dieMenschen, die in Regionen der Welt leben, wo das Land Produktivität der landwirtschaftlich genutzten Flächenkaum in der Lage ist, die Menschen zu ernähren, betonte zu erhalten, um den Nahrungsmittelbedarf wachsenderUNFPA­Exekutivdirektor Babatunde Osotimehin im Bevölkerungen zu decken. Zum anderen betrifft es dieAugust 2011 in einem Interview mit der Nachrichten­ Reduzierung der Gesundheitsrisiken, denen die Menschenagentur Reuters. »Wir müssen die Nahrungsmittel­ in dicht besiedelten urbanen Gebieten ausgesetzt sind.produktion verbessern (…) und gemeinsam mit den Denn dort konnte die öffentliche Wasserver­ undMitgliedsstaaten sicherstellen, dass Frauen und insbesondere Abwasserentsorgung – falls überhaupt vorhanden – mitMädchen Zugang zu Bildung einschließlich Sexual­ dem rapiden Wachstum nicht Schritt halten. Laut einemerziehung sowie zu Dienstleistungen der allgemeinen und Bericht des Weltwirtschafsforums von 2010 wird dieder reproduktiven Gesundheit einschließlich Familien­ Nachfrage nach Wasser weiter zunehmen. Bis 2030 könnteplanung erhalten.« Er verwies ausdrücklich auf die die globale Deckungslücke zwischen dem Wasserbedarf undFreiwilligkeit der von UNFPA angebotenen Familien­ den verfügbaren Wasservorkommen 40 Prozent erreichen.planungsprogramme. Osotimehin ergänzte, dass es auf Ägypten ist eines von vielen Ländern, das vor möglicherweise gravierenden Wasserdefiziten steht. Be­ völkerungswissenschaftler wie Hisham Makhlouf, dert Ein Bus in einer gesonderten Spur neben dem Individualverkehr in Vorsitzende des Verbands ägyptischer Demographen, Mexiko-Stadt. © UNFPA/Ricardo Ramirez Arriola fordern, der drohenden Wasserkrise mehr Beachtung zu schenken. Lester L. Brown, Vorsitzender und Präsident des Earth Policy Institute in Washington D.C. und Autor von »World on the Edge«, verbindet die prekäre Wasser­ versorgung in Ägypten mit dem Ankauf von Ackerland in Sudan (einschließlich dem neu gegründeten Südsudan) und Äthiopien durch Länder aus anderen Weltregionen, darunter Südkorea, China, Indien und Saudi­Arabien. In einem Aufsatz mit dem Titel »When the Nile Runs Dry« verweist Brown darauf, dass das Nilwasser­ Abkommen von 1959 Ägypten das Recht zur Nutzung von 75 Prozent des Nildurchflusses zugesteht. Doch kann Ägypten das Wasser erst nutzen, nachdem der Nil Äthiopien, den Südsudan und den Sudan durchströmt hat. »Die98 KAP IT EL 7: dI E RESSOURC EN dER ERdE TEILEN UNd BE WA HRE N
  • 105. Situation verändert sich rapide, seit wohlhabende dIE UMWELTausländische Regierungen und internationale Agrar­unternehmen im großen Stil Ackerland im oberen Auszüge aus dem Aktionsprogramm derNilbecken aufkaufen«, schreibt Brown. Die kapital­ Kairoer Weltbevölkerungskonferenz:kräftigen Industrie­ und Schwellenländer von außerhalbAfrikas bauten durch den Erwerb landwirtschaftlicher Eine gesunde Umwelt ist die Voraussetzung dafür, dass denNutzflächen in ärmeren Ländern de facto Nahrungs­ menschlichen Grundbedürfnissen entsprochen werden kann […].mittelbanken zur Absicherung gegen künftigen Mangelbei sich zu Hause auf. Neben Armut und fehlendem Zugang zu Ressourcen in »Wenn Kairo heute um seinen Anteil am Nilwasser einigen Gebieten sowie einem übermäßigen Verbrauch undkämpft, hat das mit Regierungen und wirtschaftlichen verschwenderischen Produktionsmustern in anderenInteressen zu tun, die nicht Bestandteil des Nilvertrags Gebieten sind demographische Faktoren die Ursache für Umweltverschlechterung und Raubbau oder verschärfenvon 1959 sind.« Der Kauf von Land, gibt Brown zu diese und halten somit eine nachhaltige Entwicklung auf […].bedenken, bedeute immer auch den Erwerb von Wasser.Das bleibe nicht ohne Folgen für das stromabwärtsgelegene Ägypten. Denn das Land benötige das Nilwasserdringend zum Anbau von Getreide für seine immer nochwachsende Bevölkerung. zivilgesellschaftlichen Organisationen. Bevor er nach Ghada Barsoum ist Assistenzprofessorin in der Kairo kam, hatte er sich mit Daten aus dem neuen, 2010Abteilung für öffentliche Politik und Verwaltung an der unter dem Titel »Youth in Egypt: Building Our Future«Amerikanischen Universität in Kairo. 2010 hat sie zudem erschienenen Bericht über die menschliche Entwicklungfür das Population Council als Managerin des Armut­, in Ägypten beschäftigt.Geschlechter­ und Jugendprogramms für West­ und Wadleighs Präsentation habe einen nachhaltigen Ein­Nordafrika mit technischer Unterstützung von UNFPA druck bei ihren Studenten hinterlassen, erzählt Barsoum.eine Umfrage unter ägyptischen Jugendlichen durchge­ Denn sie hatten die Bevölkerungsfrage bis dahin kaumführt. Als sie feststellte, wie wenig Interesse ihre Studenten als politisches Thema betrachtet. Nachdem sie jedoch diezeigten, als sie in ihrem Seminar auf das Bevölkerungs­ Verbindung zwischen Bevölkerungswachstum und Fertilitätwachstum in Ägypten zu sprechen kam, organisierte sie auf der einen und den Umweltanforderungen auf dereine Exkursion. Nicht in die Wüste. Vielmehr nahm sie anderen Seite – und dabei insbesondere zu den knappenihre Studenten zu einem Vortrag des Dokumentarfilmers Wasserressourcen in Ägypten – gezogen hatten, war ihrund Oscar­Preisträgers Michael Wadleigh über »The Interesse geweckt.Future of Humanity: The Future of Egyptians« mit. Die jungen Leute, mit denen es Barsoum an der Michael Wadleigh dürfte vor allem für seinen 1970 School of Global Affairs and Public Policy zu tun hat,gedrehten Film »Woodstock« bekannt sein, in dem er die studieren an einer der elitärsten und anspruchvollstendamalige Jugendgeneration in den USA dokumentierte Universitäten der Welt. Viele von ihnen werden späterund der ihm einen Oscar für den besten Dokumentarfilm einflussreiche Posten im öffentlichen oder privateneinbrachte. Seit einigen Jahren widmet er sich vor allem Sektor bekleiden.der Aufgabe, die Gefahren zu dokumentieren, die welt­weit von der Konsumgesellschaft ausgehen. Zu diesemThema hält er auch Vorträge an Universitäten und vor W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 99
  • 106. 100 KAP IT EL 8: dE R WEG VOR UNS: dIE AGENdA VO N KA IRO VOL L E N d E N
  • 107. der Weg vor uns: die Agenda von Kairo KAPITEL ACHT vollenden Heute, da auf unserer Welt sieben Milliarden Menschen leben – darunter knapp zwei Milliarden Jugendliche und Heranwachsende – ist die 1994 auf der Welt­ bevölkerungskonferenz in Kairo beschlossene Agenda wichtiger denn je. Davon ist Babatunde Osotimehin überzeugt, der seit Januar 2011 Exekutivdirektor von UNFPA, dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, ist. Der Meilenstein einer Welt der sieben Milliarden am haben«, sagt Osotimehin im Hinblick auf die globale 31. Oktober stellt eine »große Chance und eine Heraus­ Agenda. »Als erstes möchte ich, dass wir diesen Meilen­ forderung dar«, erklärt der Medizinprofessor und frühere stein als Startpunkt begreifen, von dem aus wir die Themen nigerianische Gesundheitsminister Osotimehin. Er bringt Bevölkerung, Entwicklung, reproduktive Gesundheit, in seine neue Tätigkeit umfangreiche Erfahrungen aus reproduktive Rechte und Dienstleistungen – einschließlich Afrika südlich der Sahara mit ein, einer Region, die von Familienplanung – sowie die Themen, die junge Menschen hohen Fruchtbarkeitsraten und weit verbreiteter Armut betreffen, in Angriff nehmen.« Dabei stellt er klar, dass in geprägt ist. Und er bringt einen ganzen Schatz an allen Punkten den universellen Menschenrechten oberste Erkenntnissen darüber mit, wie sich die Versprechen der Bedeutung zukommt, denn »die Frage nach den Rechten Kairoer Konferenz schneller erfüllen lassen. 1994 wurde ist es, die alles andere antreibt«. ein auf 20 Jahre angelegtes Aktionsprogramm in Gang UNFPA hat im System der Vereinten Nationen die gesetzt. In ihm spiegelte sich die Erkenntnis wider, dass Führungsrolle bei Bevölkerungs­ und Entwicklungsfragen die Entwicklung der Bevölkerung, reproduktive Gesund­ inne. Hier will Osotimehin den Fokus der Entwicklungs­ heit, Armut, Produktions­ und Konsummuster und agenturen und Geber sowie der Zivilgesellschaften und Umwelt eng miteinander verwoben sind. Deshalb können Regierungen in den von UNFPA unterstützten Ländern die Herausforderungen, die sich in jedem dieser Bereiche auf praktikable, funktionierende Maßnahmen lenken. So stellen, für sich allein genommen nicht gelöst werden. sollen die Fortschritte bei der Umsetzung der ICPD­Ziele »Weil wir vom Meilenstein der sieben Milliarden wie auch der MDGs rascher erreicht werden. Das gilt ausgehen, gibt es viele Dinge, die wir zu berücksichtigen insbesondere für das Ziel 5b, das den allgemeinen Zugang zu Leistungen der reproduktiven Gesundheit bis 2015 Junge Frauen vor dem Ausschuss des Jugendzentrums in Addis Abeba. sicherstellen soll.t © UNFPA/Antonio Fiorente. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 101
  • 108. »Wir wissen, dass wir, wollen wir die Entwicklungsziele vor Augen: »In Anbetracht der Arbeit, auf die wir bei erreichen, den Anliegen von Jugendlichen und Heran­ UNFPA so stolz sind, müssen wir uns dafür einsetzen, wachsenden mehr Beachtung schenken müssen«, stellt dass jede Schwangerschaft gewollt und jedes Kind aus­ Osotimehin klar. Denn heute leben mehr als 1,2 Milliarden reichend versorgt und in Würde auf die Welt kommt.« Heranwachsende im Alter von 10 bis 19 Jahren auf der Soll das erreicht werden, muss den Entwicklungsländern Erde, davon 90 Prozent in Entwicklungsländern. dabei geholfen werden, den ungedeckten Bedarf an Familien­ »Die Bevölkerungsdynamik wirkt sich auf die nach­ planung zu decken. »Weltweit gibt es 215 Millionen haltige Entwicklung für alle aus – von der Alterung in Frauen, die Familienplanungsdienste nutzen möchten, Ländern mit hohen und mittleren Einkommen, dem aber keinen Zugang dazu haben«, kritisiert Osotimehin. großen Anteil junger Menschen an den Bevölkerungen »Es ist sehr wichtig, dass UNFPA die Führungsrolle in der Entwicklungsländer über die Migration bis hin zur diesem Prozess übernimmt. Um damit jedoch wirklich voranschreitenden Urbanisierung«, so Osotimehin. etwas zu bewirken, muss das im Rahmen der reproduktiven Im Hinblick auf die zukünftige Politik von UNFPA Gesundheit und reproduktiven Rechte erfolgen.« und seinen Partnern unterteilt Osotimehin die Welt in Ein solcher integrierter Ansatz der reproduktiven drei Ländergruppen. Dabei unterscheidet er nach dem Gesundheit und Rechte bedeute aber auch, dass Familien­ Entwicklungsniveau und den daraus resultierenden planung nicht in einem Vakuum bereitgestellt werden Herausforderungen und Bedürfnissen: kann, so Osotimehin weiter. Die Familienplanung müsse • Entwicklungsländer, insbesondere solche, die arm also Bestandteil einer umfassenderen Bemühung zur sind und zum Teil noch hohe Bevölkerungs­ Verbesserung der reproduktiven Gesundheitsdienste sein wachstumsraten aufweisen, und darüber hinaus in die allgemeine Gesundheits­ • Länder mit mittleren Einkommen, deren versorgung integriert werden. Bevölkerungen sich bereits stabilisiert haben, aber Er verdeutlicht diesen integralen Ansatz an einem von anderen Bevölkerungsdynamiken wie Beispiel: »Wenn man auf dem Niveau der Grund­ Migration betroffen sind, versorgung Test­ und Beratungsleistungen für HIV/Aids • Länder mit hohen Einkommen, von denen sich anbietet, sollte man zugleich auch vorgeburtliche eine zunehmende Zahl mit einer alternden und Leistungen für Frauen sowie Gesundheitsinformationen schrumpfenden Bevölkerung konfrontiert sieht. zu Fragen der Prävention anbieten. Darauf kann man weiter aufbauen und umfassendere Familienplanungs­ die Herausforderungen in den Entwicklungs­ dienste integrieren. Das ermöglicht es schließlich, diese ländern und andere Dienstleistungen koordiniert und kosten­ »Zahlreiche Mitgliedsstaaten haben sich«, erklärt Osotimehin günstig bereitzustellen. Wir sehen bereits heute Beispiele, mit Blick auf die weniger entwickelten Länder, »besorgt wo genau dies geschieht.« über das Wachstum ihrer Bevölkerung geäußert. Bei Solch ein integrierter Ansatz liefert nicht nur bessere UNFPA müssen wir uns dieser Herausforderung mit Ergebnisse, er ist auch ökonomisch sinnvoll: Zum einen Maßnahmen und Programmen stellen, die die Agenda kann eine Mehrfachabdeckung oder Überlappung von von Kairo stärken. In deren Zentrum stehen die Rechte Diensten vermieden werden, knappe Ressourcen werden der Frauen und die Entscheidungen, die sie treffen.« In so effektiver genutzt. Zum anderen wird die Gefahr all diesen Ländern sollten Dienste der reproduktiven reduziert, dass einzelne Angebote auf Kosten anderer Gesundheit für alle – auch in den entlegensten Gebieten – auf­ oder ausgebaut werden. zugänglich gemacht werden. Das Ziel hat er dabei klar102 KAP IT EL 8: dE R WEG VOR UNS: dIE AGENdA VO N KA IRO VOL L E N d E N
  • 109. Osotimehin war zehn Jahre lang für das HIV/Aids­Programm in Nigeria zuständig. Er ist überzeugt, dassdie Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie mehrErfolg gehabt hätten, wenn sie mit den Bemühungenzur Verbesserung der Gesundheit der Mütter sowie dersexuellen und reproduktiven Gesundheit insgesamtkoordiniert worden wären. »Warum haben wir uns damalsnicht der reproduktiven Gesundheit und der Müttersterb­lichkeit angenommen? 20 Prozent der Müttersterblichkeitin Afrika sind HIV­bedingt. Warum haben wir uns nichtaktiver mit der Frage der Mutter­Kind­Übertragungbeschäftigt? Das sind Fragen, die ich mitbringe. Und dasist auch der Grund, warum ich jedes Mal, wenn ichdarüber nachdenke, was wir tun sollten, zu dem Schlusskomme, dass wir es mit einem integrierten Ansatzversuchen sollten. Nur so stellen wir sicher, dass wir mitunseren begrenzten Ressourcen genau diese Dingeerreichen können. Ich bin überzeugt, dass wir diese letzteMeile gehen können.« Babatunde Osotimehin, Exekutivdirektor von UNFPA (rechts), in Bangladesch. t © UNFPA/William Ryan Eine Möglichkeit, diese Maßnahmen besser zu koor­dinieren, besteht darin, die Länder bei der Integrationvon Diensten in die nationalen Haushaltspläne und Ver­ immer bestimmte Gebermittel für konkrete Maßnahmenwaltungsapparate zu unterstützen. Dazu will Osotimehin zur Neige gehen. »Man muss«, fordert Osotimehin,besonders intensiv mit den Abgeordneten in den nationalen »jährliche Budgetlinien einrichten – für alle Dienste derParlamenten zusammenarbeiten. Sie sind nicht nur ihren reproduktiven Gesundheit. Nationale Ressourcen solltenWählern verpflichtet, sondern bestimmen auch über für sie bereitgestellt werden. Gebermittel können zurdie Verwendung der öffentlichen Mittel. »Sie sind es, die Aufstockung dienen, sollten aber nicht den Löwenanteilbestimmen, wohin die Gelder fließen«, sagt er. ausmachen. Ich glaube, wir von UNFPA haben die Zusätzlich will Osotimehin in den Finanz­ und Pflicht, mit den Mitgliedsstaaten und den Gebern zuPlanungsministerien und bei Vertretern des Gesundheits­ reden und ihnen klarzumachen, dass sie das auf ihrewesens der Länder, in denen UNFPA aktiv ist, für einen Agenda setzen müssen.«integrierten Ansatz werben. »Wir sehen in den Systemen »UNFPA«, bekräftigt er, »ist und bleibt der von denvieler Entwicklungsländer ein großes Problem«, sagt er: Ländern selbst angeführten und getragenen Entwicklung»Die Gesundheits­ und Sozialpolitik haben nicht den und der Stärkung der nationalen Systeme verpflichtet.«Stellenwert, den sie verdienen.« Im Zuge der sich verschärfenden HIV/Aids­Krise sind Die Länder müssten Dienstleistungen der sexuellen weltweit – aber insbesondere in Afrika südlich der Sahara –und reproduktiven Gesundheit und Familienplanung in die Ressourcen für die sexuelle und reproduktive Gesund­ihre regulären Budgetpläne einbauen. Andernfalls bestehe heit einschließlich Familienplanung massiv unter Druckdie Gefahr, dass sie als optionale Posten betrachtet werden, geraten. Während Geber­ und Entwicklungsländer dendie man problemlos zusammenstreichen kann, wann Anteil der Mittel für HIV­Tests und die Aids­Behandlung W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 103
  • 110. aufgestockt haben, stagnieren die Ausgaben für die sexuelle Die meisten Leute scheinen vergessen zu haben, dass sie und reproduktive Gesundheit. ursprünglich der Familienplanung dienten. »Aber es geht nicht nur um das Geld«, argumentiert Manche Länder hätten in der Vergangenheit die Osotimehin. »Es geht auch darum, dass Personal abge­ Familienplanung vernachlässigt. Deshalb seien die Rechte zogen wurde, das für reproduktive Gesundheitsdienste der Frau nicht überall angemessen beachtet worden, gibt ausgebildet war. Familienplanungsexperten haben Jobs als Osotimehin zu bedenken. Aber es gebe auch Länder wie Berater für HIV­Testprogramme bekommen. Wir haben Bangladesch, die große Anstrengungen unternommen einfach alle Leute abgezogen. Im Rückblick glaube ich, hätten, um den ungedeckten Bedarf an Familienplanungs­ wir hätten damals sagen sollen: ›Ja, wir haben dieses diensten zu befriedigen. Problem und wir werden es in Angriff nehmen. Aber auch T. Paul Shultz ist Ökonom am Economic Growth das, was die Leute heute tun, ist dafür sehr relevant. Centre der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Warum also bauen wir das, was wir haben, nicht einfach Universtät Yale. Er hat sich intensiv mit dem von der aus?‹ Es sollte nicht darum gehen, sich für das eine oder Regierung in Bangladesch versuchsweise im Distrikt das andere zu entscheiden; wir müssen beides machen.« Matlab initiierten freiwilligen Familienplanungsprogramm Kondome beispielsweise sollten nicht entweder als befasst. Über die Reduzierung der Fruchtbarkeitsraten Familienplanungsmethode oder als Mittel zur HIV­ hinaus hat das Land große Fortschritte bei der Bildung Präventionen wahrgenommen werden. Sie dienten beiden von Mädchen und anderen MDG­Unterzielen erreicht. Zwecken, und deshalb sei es kaum sinnvoll, sie in ver­ Die Ergebnisse von Shultz’ Untersuchung erschienen 2009 schiedene Schubladen zu packen oder aus separaten unter dem Titel »How Does Family Planning Promote Budgets zu bezahlen. Inzwischen würden Kondome fast Development?: Evidence from a Social Experiment in überall als Mittel der HIV­Prävention wahrgenommen. Matlab, Bangladesh, 1977–1996«. Mittel für Bevölkerungsprogramme, 1998–2008 12 Schließt Mittel der Geber­ Mrd. US-Dollar länder, der Vereinten 10,1 Nationen, von Stiftungen, 10 NGOs und Entwicklungs­ banken mit ein. Rechnet man 8,2 8 die darlehen der Enwicklungs­ 7,3 7,0 banken hinzu, würden die 6 Gesamtsummen zwischen 5,2 2,1 Milliarden US­dollar im 4,2 Jahr 1998 und 10,4 Milliarden 4 US­dollar in 2008 ausmachen. 2,9 2,7 2,0 2,1 2 1,7 1,7 1,3 Einschl. HIV/Aids 0,7 Ohne HIV/Aids 0,6 0 Nur Familienplanung 1998 2000 2002 2004 2006 2008 Quelle: Financial Resource Flows for Population Activities in 2008, UNFPA, 2010104 KAP IT EL 8: dE R WEG VOR UNS: dIE AGENdA VO N KA IRO VOL L E N d E N
  • 111. Im Matlab­Programm besuchte lokal rekrutiertes unter Umständen gegen kulturelle Normen durchsetzen.Gesundheitspersonal die Dörfer und bot verheirateten Und unter Umständen müssen sie ihre VorstellungenFrauen eine Auswahl an Verhütungsmethoden sowie innerhalb ihrer Familien aushandeln. Aber das sindInformationen über ihren sicheren Gebrauch an. Im Herausforderungen, denen sich die Frauen selbst stellenVerlauf von zwei Jahrzehnten ging die Fertilität zwischen müssen. Unsere Verantwortung ist es, hochwertigezehn und 15 Prozent zurück, und die Einkommen der Dienste bereitzustellen, Dienste, auf die sie angewiesenFrauen stiegen um ein Drittel, ermittelte Shultz. Auch die sind. Mehr können wir nicht tun.«Überlebensraten der Kinder und die Schulbesuchsquotensowie die Gesundheit von Müttern und Töchtern ver­ die Herausforderungen in Ländern mitbesserten sich. Das durchschnittliche Haushaltsvermögen mittleren und hohen Einkommenin den Dörfern, die an dem Programm teilnahmen, lag In Ländern mit mittleren Einkommen ist die Fertilitätrund 25 Prozent über dem in vergleichbaren Dörfern, unter das Ersatzniveau gesunken, und die Versorgung mitdie nicht teilgenommen hatten. Abgefragt wurden die reproduktiven Gesundheitsdiensten und Familien­Ersparnisse, Schmuck, Grundbesitz, dauerhafte Konsum­ planungsangeboten ist in aller Regel gut. Hier rücken lautgüter sowie Obstgärten und Fischteiche. Osotimehin vor allem Themen wie Migration in den »Zukünftige Analysen sollten untersuchen, wie diese Vordergrund. Weitere Probleme beträfen die ungleicheInterventionen Bedingungen geschaffen haben, die Einkommensverteilung, Gewalt gegen Frauen, die Miss­entscheidend dazu beitragen, dass nachfolgende Genera­ achtung ihrer Rechte sowie die Ausgrenzung indigenertionen aus der Armut entkommen können«, schreibt Bevölkerungsgruppen. »In dieser zweiten LändergruppeShultz. »Zu diesen begünstigenden Bedingungen zählen werden wir uns vermehrt auf höherer Ebene engagierenniedrigere Fruchtbarkeitsraten, bessere Verdienstmöglich­ und insbesondere um die Sozialpolitik kümmern«,keiten für Frauen, höhere Sparquoten der privaten kündigt der neue UNFPA­Exekutivdirektor an. Gleich­Haushalte, eine ausgewogenere Zusammensetzung der zeitig soll diesen Ländern bei der Programmüberwachungprivaten Haushaltsvermögen und schließlich Verbesserungen und ­auswertung geholfen werden. So könnten sie fest­bei der frühkindlichen Überlebensrate, bei der Gesund­ stellen, ob sie die schutzbedürftigen Gruppen überhauptheit, der Ernährung und den Schulbesuchsquoten.« erreichen und Frauen und junge Menschen tatsächlich Geeta Rao Gupta ist stellvertretende Exekutivdirektorin stärken. Darüber hinaus könne UNFPA Länder mitvon UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten mittleren Einkommen beraten und sie bei der Daten­Nationen. Ihrer Auffassung nach müssen Frauen Zugang erhebung und ­analyse unterstützen, damit sie Trendszu den Diensten haben, die es ihnen ermöglichen, über besser erkennen und verstehen könnten.die Familiengröße mit zu entscheiden. Mexiko sei ein gutes Beispiel für einige der Themen, »Es ist die Entscheidung der Frau«, hebt Gupta hervor, mit denen sich Schwellenländer heute auseinandersetzendie vor dem Wechsel zu UNICEF Präsidentin des müssen, konstatiert Osotimehin. »Die Bevölkerung istInternational Center for Research on Women und wissen­ stabil und die Anwendung von Verhütungsmitteln weitschaftliche Mitarbeiterin für globale Entwicklung bei verbreitet.« Gleichzeitig gebe es in Mexiko starke Wande­der Bill und Melinda Gates­Stiftung war. »Wenn man rungsbewegungen – vom ländlichen Raum in die Städte,Frauen mit den nötigen Informationen und geeigneten von den Städten in das Umland und ganz generell auchVerhütungsmitteln ausstattet, werden sie diese auf die ins Ausland. Folglich liege ein Schwerpunkt der ArbeitWeise verwenden, die ihrer Meinung nach die beste für von UNFPA in Mexiko darauf, das Land beim Umgangsie selbst und ihre Familie ist. Dazu müssen sie sich mit der Migration und insbesondere der Zuwanderung in W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 105
  • 112. aufbauen, die Platz für ältere Menschen bieten, und sie, die ihr Leben lang gearbeitet haben, mit Würde behandeln«, fordert Osotimehin. Über 2014 hinaus Das ICPD­Aktionsprogramm läuft 2014 aus. Wie es aus­ sieht, werden viele Länder bis dahin zahlreiche der darin festgelegten Ziele nicht erreichen können. »Zum Glück gibt es eine Resolution der Generalversammlung, die es uns erlaubt, das Programm über das Jahr 2014 hinaus zu verlängern. Schließlich haben wir noch viel zu tun«, gibt Osotimehin zu bedenken. Dies gelte allerdings nicht für die MDGs, die bis 2015 umgesetzt sein müssen. Irma Guevara und Kinder in Metlatónoc, Mexiko. Guevara ist eine ehemalige Die Arbeit von UNFPA trage zur Erfüllung mehrerer t Einwanderin in die USA. MDGs bei, die auf die Bekämpfung der Armut, die © UNFPA/Ricardo Ramirez Arriola Gleichstellung der Geschlechter, die Verbesserung der Müttergesundheit und auf den universellen Zugang zu die Städte zu unterstützen. So trage UNFPA dazu bei, reproduktiver Gesundheit bezogen sind. »Im Moment«, dass das Leben der Menschen besser und die soziale so Osotimehin, »gibt es noch keine konkrete Verein­ Ungleichheit nicht weiter verschärft werde. »Wie sorgen barung darüber, wie die Entwicklungsagenda für die Zeit wir dafür, dass zum Beispiel Mexiko­Stadt trotz der an­ nach den Millennium­Entwicklungszielen aussehen wird.« haltenden Zuwanderung alle Bewohner mit Diensten der Aber unabhängig davon, was bis 2015 passiere, »werden reproduktiven Gesundheit versorgen kann? Wie sorgen wir mehr auf den globalen Süden hören müssen und vor wir dafür, dass alle Menschen in die Lage versetzt werden, allem auf junge Menschen.« wichtige Lebensentscheidungen selbst zu treffen? Wie Lola Dare ist Geschäftsführerin des African Council können wir die weit verbreitete geschlechtsspezifische for Sustainable Health Development sowie des in Nigeria Gewalt eindämmen? Wie lässt sich sicherstellen, dass junge und Großbritannien eingetragenen Centre for Health Frauen, die vom Land in die Stadt ziehen, weiterhin Sciences, Training and Research. Sie drängt auf eine Zugang zu Bildung haben und ihre Fähigkeiten voll aktivere Partizipation der Zivilgesellschaften und der einbringen können?« Entwicklungsländer bei der Meinungsbildung auf globaler Auch die Länder mit hohen Einkommen, die Ebene. Dass Mittel für die reproduktive Gesundheit Osotimehin zur dritten Gruppe zusammenfasst, sind von immer noch einfach so gekürzt werden können, ist für Migration betroffen – wobei es sich meist um grenz­ Dare »ein Versagen der Lobbyarbeit des Südens«. Die überschreitende Zuwanderung handelt. Diese versuchen Menschen in den Geberländern »hören uns nicht«, sie in ihrem Sinne zu steuern. Gleichzeitig müssen die kritisiert sie. »Sie haben vielleicht ein paar Broschüren mit meisten dieser Länder ihren alternden Bevölkerungen Bildern von unterernährten Kindern gesehen. Aber gerecht werden. Dafür müssen sie Wege finden, wie sie darüber, wie das Leben bei uns wirklich ist, wissen sie nur die Bedürfnisse der Älteren erfüllen und zugleich deren wenig. Wir müssen uns direkt an sie wenden und sagen: Engagement in den Gemeinden sicherstellen können. ›Diese und jene Themen sind uns wichtig.‹ Es geht nicht »Jede Gesellschaft und jede Kommune muss Strukturen darum, Räume zu schaffen. Die Räume sind da. Es geht106 KAP IT EL 8: dE R WEG VOR UNS: dIE AGENdA VO N KA IRO VOL L E N d E N
  • 113. darum, unsere Ansichten, die Perspektiven des Südens, zu Nach Ansicht der Autoren der Studie ist die Kategorieverdeutlichen.« »junge Menschen« zu breit gefasst. Stattdessen seien Der Exekutivdirektor von UNFPA hat den Blick altersspezifische Kommunikationsstrategien erforderlich,bereits auf mehrere anstehende große UN­Konferenzen um die einzelnen Altersgruppen mit individuellen Bot­gerichtet, wie im Jahr 2012 die Konferenz zum 20. Jahres­ schaften zu erreichen. Das gelte unabhängig davon, ob dietag des Erdgipfels von Rio und 2014 die Konferenz zum Aufklärung formell an Schulen oder anderswo erfolgt –20. Jahrestag der ICPD. Hier werden sich Gelegenheiten etwa in Jugendgruppen, jugendfreundlichen Familien­bieten, auf die beispiellos große globale Jugendbevölkerung planungszentren oder Gesundheitseinrichtungen. Jungeaufmerksam zu machen und den jungen Menschen Teenager zum Beispiel hätten die sexuell aktive Phase oftGehör zu verschaffen. noch gar nicht erreicht, erläutert Dare. Aber im Alter von Die globale Gemeinschaft müsse sich heute dafür 15 bringe einen der Körper dazu, sich zu fragen, wanneinsetzen, die nachrückenden Generationen einzubinden, und warum man vielleicht ›ja‹ sagen will. Spätestens mitund sicherstellen, dass sie eine angemessene Bildung 18 bis 22 Jahren wüssten die jungen Leute, dass sie Sexerhielten. Das meint nicht nur Bildung im traditionellen haben möchten. Und dann sollte ihnen klar sein, welcheSinne, sondern praktische Kenntnisse, die das Leben Optionen sie haben. Aber auch bereits sexuell aktiveder jungen Menschen verändern. Dazu gehört nach Heranwachsende bräuchten Informationen. »Die Sexual­Osotimehines Auffassung »eine altersangemessene Sexual­ aufklärung muss die jungen Menschen kontinuierlich bisaufklärung, die sie befähigt, über ihr eigenes Leben zu hinein ins Erwachsenenalter begleiten. Auf diese Weisebestimmen. Sie sollen entscheiden können, ob und wenn kann sie sie über die bloße Informationsvermittlungja, wie viele Kinder und in welchem zeitlichen Abstand hinaus stärken«, so Dare. Solche dem Alter angemessenensie haben möchten.« Osotimehin verspricht, dass UNFPA Strategien – für Mädchen und Jungen ebenso wie fürjungen Menschen dabei helfen werde, dass sie diese Ent­ Frauen und Männer – »können sie auf ihrem Weg durchscheidungen treffen können und besseren Zugang zu den persönlich aufwühlende Jahre unterstützen. Sie könnendazu erforderlichen Dienstleistungen erhalten. Denn: sie darauf vorbereiten, Entscheidungen zu treffen, die»Die jungen Menschen sind es, die über die Bevölkerungs­ ihnen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.«entwicklung der Zukunft bestimmen.« Rao Gupta von UNICEF sieht das genauso. Damit Wenn es um die reproduktive Gesundheit und Mädchen und junge Frauen ihre Fähigkeiten voll ein­Sexualität junger Menschen und insbesondere von Mädchen bringen und Lebensentscheidungen eigenständig treffengehe, sei die Botschaft von Kairo häufig lediglich auf ein können, bräuchten sie »Schutz vor Gewalt, Bildung und»Sag einfach nein« reduziert worden, so Dare. Tatsächlich all die anderen Dinge, die ein lebenswertes Leben aus­aber gehe es darum, junge Menschen durch die turbulente machen«. Das sei von der internationalen GemeinschaftZeit zu helfen, in der sie sich selbst und ihren Körper auf der ICPD versprochen worden. »Mit der Agenda vonentdecken. Wie eine auf fünf Jahre angelegte Studie in Kairo haben wir Familienplanung als Bestandteil derNigeria ergab, an der Osotimehin beteiligt war, nahmen Rechte der Frau anerkannt. Daher haben wir die Pflicht,die Jugendlichen zwar sehr viele Informationen über die Bedingungen zu schaffen, die erforderlich sind, damitreproduktive Gesundheit auf. Aber Dare gibt zu bedenken, Frauen dieses Recht wahrnehmen können und sie nichtdass »vor allem junge Mädchen klagten, dass sie zwar länger auf vielfältige Weise diskriminiert werden.«lernen, wann sie ›nein‹ zu Sex sagen sollen, aber nicht, Laut einem Bericht des Generalsekretärs der Vereintenwann und wie sie ›ja‹ sagen können«. Nationen zu den Umsetzungskosten des Aktionsprogramms von Kairo würden allein 2011 rund 68 Milliarden W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 107
  • 114. US­Dollar gebraucht, um die Kosten für sexuelle und »ist es unwahrscheinlich, dass wir die auf der Kairoer reproduktive Gesundheitsinitiativen, Familienplanung, Konferenz und dem Milleniumsgipfel festgelegten Ziele HIV­Prävention und Aids­Bekämpfung sowie Forschung und Vorgaben erreichen werden«. und Datenerhebung zu decken. Osotimehin erklärte auf einem Treffen der Kommission Dabei wird von den ärmeren Ländern erwartet, dass für Bevölkerung und Entwicklung des Wirtschafts­ und sie 34 Milliarden US­Dollar selbst schultern. Rechnet Sozialrats der Vereinten Nationen im April 2011, dass man die 10,8 Milliarden US­Dollar hinzu, die von »Investitionen, die die Menschen dazu befähigen, ihre internationalen und bilateralen Gebern bereitgestellt eigenen Entscheidungen zu treffen«, sich am nachhaltigsten werden sollen, bleibt eine Finanzierungslücke von nahezu auf demographische Entwicklungen, wie das Bevölkerungs­ 25 Milliarden US­Dollar. Ohne ein entschlossenes wachstum, auswirken würden. »Schlussendlich sind es Engagement für Fragen der Bevölkerung und der repro­ die Chancen und Möglichkeiten, die jedem einzelnen duktiven Gesundheit sowie für Themen der Geschlechter­ offen stehen, die über die Entwicklung der Bevölkerung gerechtigkeit, warnt der Bericht des UN­Generalsekretärs, bestimmen«, betonte er. Die Arbeit von UNFPA Seit Gründung der Organisation im Jahr • mit politischer Arbeit Ressourcen und Asien und dem Pazifikraum mit 96 1969 ist UNFPA an führender Stelle für politisches Engagement zu mobilisie­ Millionen US­Dollar. Lateinamerika und die von den Vereinten Nationen geleistete ren, die für die Erreichung dieser Ziele die Karibik erhielten 38,8 Millionen US­ Hilfe im Bereich der Bevölkerungs­ erforderlich sind. Dollar an Zuwendungen, die arabischen programme verantwortlich. Als weltweit Länder 27,3 Millionen sowie Osteuropa größte internationale Hilfsorganisation in Die Arbeit von UNFPA ist an den Prinzipien und Zentralasien 16,9 Millionen US­ dem Bereich arbeitet UNFPA mit Ent­ des Aktionsprogramms der Kairoer Welt­ Dollar. Die regulären Gesamtausgaben wicklungsländern, Schwellenländern und bevölkerungskonferenz ausgerichtet. Die von UNFPA verteilen sich wie folgt: 174,1 anderen Ländern zusammen, die um Hilfe Ziele von Kairo sind ein integraler Bestand­ Millionen US­Dollar Finanzhilfen für die in Bezug auf Fragen der reproduktiven teil im Bemühen, die Lebensqualität aller reproduktive Gesundheit, 76,7 Millionen Gesundheit und Bevölkerung bitten. Menschen zu verbessern und eine nach­ für Bevölkerung und Entwicklung, 43,5 UNFPA setzt sich in allen Ländern dafür haltige soziale und wirtschaftliche Entwick­ Millionen für die Gleichstellung der ein, das Bewusst sein für Bevölkerungs­ lung zu erreichen. Das gilt insbesondere für Geschlechter und die Stärkung von Frauen themen zu stärken. Ziele, die auf die reproduktive Gesundheit sowie 72,1 Millionen US­Dollar für Pro­ und Rechte, auf die Gleichstellung der Ge­ grammkoordination und ­unterstützung. Die Hauptaufgaben des Bevölkerungs­ schlechter, die Stärkung von Frauen und auf UNFPA ist die führende UN­Organi­ fonds sind es, die Bildung von Mädchen gerichtet sind. sation bei der Umsetzung des Kairoer • den universellen Zugang zu reproduk­ Im Jahr 2010 war UNFPA in 123 Län­ Aktions programms und für den Folg e­ tiver Gesundheit, Familienplanung dern, Gebieten und Territorien der sich prozess. In diesem Kontext strebt UNFPA und sexueller Gesundheit für alle Paare entwickelnden Welt aktiv; davon 45 in eine umfassende partnerschaftliche und Individuen herzustellen. Afrika südlich der Sahara, 14 in den arabi­ Zusammenarbeit mit Regierungen, dem • Bevölkerungs­ und Entwicklungs­ schen Ländern, 20 in Osteuropa und System der Vereinten Nationen, Entwick­ strategien zu unterstützen, die den Zentralasien, 21 in Lateinamerika und der lungsbanken, bilateralen Hilfsorganisa­ Aufbau von Kompetenzen in der Karibik sowie 23 in Asien und dem Pazifik­ tionen, NGOs und der Zivilgesellschaft Programmdurchführung fördern, raum. Mit 135,9 Millionen US­Dollar floss an, um sicherzustellen, dass die Ziele und • das Bewusstsein für Bevölkerungs­ der Großteil der regulären Mittel nach Vorgaben der Kairoer Weltbevölkerungs­ und Entwicklungsthemen zu stärken, Afrika südlich der Sahara, gefolgt von konferenz erreicht werden.108 KAP IT EL 8: dE R WEG VOR UNS: dIE AGENdA VO N KA IRO VOL L E N d E N
  • 115. HIV-Aktivisten und Jugendberater bei Geração Biz in Maputo, Mosambik t (von links nach rechts): Katarina Muzima, Celeste Alberto, Ancha Daniel, Adriano Andrade, Lina Tivane, Maria Salomé. © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira »Wenn es um die Bevölkerung geht, dann geht es um genug entwickelt sind, solange Frauen und Paare dieMenschen und darum, ihre Rechte und Würde zu Zahl ihrer Kinder und den zeitlichen Abstand zwischenschützen. Dann geht es darum Bedingungen zu schaffen, Geburten nicht so planen können, wie sie es sichdie es jedem erlauben, auf einem intakten Planeten zu wünschen, solange Frauen an Scheidenfisteln leiden oderleben und seine Möglichkeiten vollständig zu verwirklichen.« infolge von Komplikationen während der Schwanger­ Osotimehin unterstrich auf dem Treffen, dass es das schaft oder bei der Geburt sterben, solange jungeZiel von UNFPA ist, die sexuelle und reproduktive Menschen hohen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind undGesundheit und Rechte zu fördern, die Müttersterblich­ keinen Zugang zu angemessenen Informationen undkeit zu senken und die Fortschritte bei der Umsetzung Dienstleistungen haben und solange sich Menschender ICPD­Agenda und insbesondere des fünften MDGs weiter mit HIV infizieren, wird UNFPA für das Rechtzu beschleunigen. Denn bei der Gesundheit von Müttern jedes Einzelnen auf sexuelle und reproduktive Gesundheitsei bislang am wenigsten erreicht worden. »Wir müssen streiten. Wir werden uns dafür einsetzen, den allgemeineninsbesondere Frauen, Jugendliche und Heranwachsende Zugang zu reproduktiver Gesundheit bis 2015 zustärken und ihr Leben verbessern.« Bei der Umsetzung verwirklichen.« UNFPA werde die Länder bei der Samm­solcher Maßnahmen werde UNFPA von seiner »Über­ lung, Analyse und Nutzung von Bevölkerungsdaten alszeugung des Zusammenhangs zwischen Bevölkerungs­ Richtschnur für die Gestaltung von Maßnahmen,entwicklung, Menschenrechten und der Gleichstellung Programmen und Budgets unterstützen. »Die Zukunftder Geschlechter« geleitet, betonte Osotimehin. hängt von den Entscheidungen ab, die wir heute treffen.« »Solange Mädchen als Kinderbräute verheiratet undschwanger werden, bevor sie geistig und körperlich weit W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 109
  • 116. Überwachung der ICPD-Ziele:ausgewählte Indikatoren Mütter- und Kindergesundheit Bildung sexuelle und reproduktive Gesundheit Kindersterb- Müttersterb- Geburten Betreute Brutto- Brutto- Alphabeti- Anteil der Benutzer von Ungedeckter Anteil der 15- bis HIV- lichkeit lichkeitsrate pro 1.000 Geburten einschulungs- einschulungs- sierungsrate bei Verhütungsmitteln in % Bedarf an 24-Jährigen mit InfektionsrateLand, (< 5 J.) pro pro 100.000 Frauen im in % raten in der raten in der den 15- bis 24- (1990/2010)* Familien- umfassendem, bei den 15- bis 1.000 Lebend- Alter von (1992/ Primarstufe Sekundarstufe Jährigen in % planung korrektem Wissen 24-JährigenTerritorium Lebend- geburten 15–19 J. 2009)* (1991/2009)* (1999/2010)* (1991/2008)* in % über HIV/Aids in % in % geburten (2008) (1996/ irgendeine moderne (1992/2009)* (2000/2008)* (2009)oder Gebiet (2009) 2008)* männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl. Methode Methode männl. weibl. männl. weibl.Afghanistan 198,6 1.400 151 14 38 15 23 15Ägypten 21,0 82 50 79 97 93 73 69 88 82 60 58 9 18 5 < 0,1 < 0,1Albanien 15,3 31 17 99 91 91 75 73 99 100 69 10 13 6Algerien 32,3 120 4 95 96 95 65 68 94 89 61 52 13 0,1 < 0,1Angola 160,5 610 165 47 81 65 6 5 0,6 1,6Antigua & Barbuda 11,7 67 100 91 87 89 87Äquatorialguinea 145,1 280 128 65 72 65 98 98 10 6 4 1,9 5,0Argentinien 14,1 70 65 99 75 84 99 99 65 64 0,3 0,2Armenien 21,6 29 26 100 92 94 86 89 100 100 53 19 13 15 23 < 0,1 < 0,1Aserbaidschan 33,5 38 42 88 97 95 91 94 100 100 51 13 23 5 5 < 0,1 0,1Äthiopien 104,4 470 109 6 82 76 17 11 62 39 15 14 34 33 21 1Australien 5,1 8 18 100 97 98 87 89 71 71 0,1 0,1Bahamas 12,4 49 44 99 91 93 83 87 1,4 3,1Bahrain 12,1 19 14 98 100 99 87 91 100 100 62 31Bangladesch 52,0 340 133 18 88 89 40 43 73 76 56 48 17 18 8 < 0,1 < 0,1Barbados 11,0 64 53 100 0,9 1,1Belgien 4,6 5 11 98 99 89 85 75 73 3 < 0,1 < 0,1Belize 18,0 94 91 95 100 100 62 68 76 77 34 31 21 40 0,7 1,8Benin 118,0 410 114 74 99 87 26 13 64 42 17 6 30 35 16 0,3 0,7Besetzte Palästin. Geb. 29,5 60 99 77 78 82 87 99 99 50 39Bhutan 78,6 200 46 71 87 90 46 49 80 68 31 35 0,1 < 0,1Bolivien 51,2 180 89 66 95 95 69 69 100 99 61 34 20 28 24 0,1 0,1Bosnien & Herzegowina 14,4 9 15 100 100 99 36 11 44Botswana 56,9 190 51 94 88 91 56 64 94 96 44 42 33 40 5,2 11,8Brasilien 20,6 58 56 97 96 94 78 85 97 99 80 77 6Brunei 6,7 21 26 99 97 97 88 91 100 100Bulgarien 10,0 13 42 99 97 98 85 82 97 97 63 40 30 15 17 < 0,1 < 0,1Burkina Faso 166,4 560 131 54 68 61 18 14 47 33 17 13 29 23 19 0,5 0,8Burundi 166,3 970 30 34 91 89 10 8 77 75 9 8 29 30 1,0 2,1Chile 8,5 26 51 100 95 94 83 86 99 99 64 58 0,2 0,1China 19,1 38 5 98 99 99 85 84 2Costa Rica 10,6 44 69 99 87 88 44 49 98 99 80 72 5 0,2 0,1Dänemark 4,0 5 6 95 97 88 92 0,1 0,1Deutschland 4,2 7 10 99 99 70 66 0,1 < 0,1Dominica 9,8 47 94 72 80 88 91 110 I NDI K ATORE N
  • 117. Überwachung der ICPD-Ziele: ausgewählte Indikatoren Mütter- und Kindergesundheit Bildung sexuelle und reproduktive Gesundheit Kindersterb- Müttersterb- Geburten Betreute Brutto- Brutto- Alphabeti- Anteil der Benutzer von Ungedeckter Anteil der 15- bis HIV- lichkeit lichkeitsrate pro 1.000 Geburten einschulungs- einschulungs- sierungsrate bei Verhütungsmitteln in % Bedarf an 24-Jährigen mit Infektionsrate (< 5 J.) pro pro 100.000 Frauen im in % raten in der raten in der den 15- bis 24- (1990/2010)* Familien- umfassendem, bei den 15- bis 1.000 Lebend- Alter von (1992/ Primarstufe Sekundarstufe Jährigen in % planung korrektem Wissen 24-Jährigen Lebend- geburten 15–19 J. 2009)* (1991/2009)* (1999/2010)* (1991/2008)* in % über HIV/Aids in % in %Land, Territorium geburten (2008) (1996/ irgendeine moderne (1992/2009)* (2000/2008)* (2009)oder Gebiet (2009) 2008)* männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl. Methode Methode männl. weibl. männl. weibl.Dominikanische Republik 31,9 100 98 98 82 83 58 65 95 97 73 70 11 34 41 0,3 0,7Dschibuti 93,5 300 27 61 51 44 28 20 18 17 22 18 0,8 1,9Ecuador 24,2 140 100 99 98 100 59 60 95 96 73 59 7 0,2 0,2Ehem. jugosl.Rep. Mazedonien 10,5 9 21 99 92 92 82 81 99 99 14 10 27El Salvador 16,6 110 68 92 95 97 54 56 95 97 73 66 9 27 0,4 0,3Elfenbeinküste 118,5 470 111 57 64 51 72 60 13 8 28 28 18 0,7 1,5Eritrea 55,2 280 85 28 43 37 32 23 91 84 8 5 27 37 0,2 0,4Estland 5,5 12 25 100 96 97 88 91 100 100 70 56 0,3 0,2Fidschi 17,6 26 30 99 90 89 76 83 0,1 0,1Finnland 3,2 8 9 100 96 96 96 97 0,1 < 0,1Frankreich 3,9 8 11 99 99 99 98 99 77 75 2 0,2 0,1Gabun 68,9 260 144 86 82 81 98 96 33 12 28 22 24 1,4 3,5Gambia 102,8 400 104 57 69 74 43 42 70 58 18 13 39 0,9 2,4Georgien 29,1 48 44 98 96 93 82 79 100 100 47 27 16 15 < 0,1 < 0,1Ghana 68,5 350 70 57 77 78 48 44 81 78 24 17 35 34 28 0,5 1,3Grenada 14,5 54 99 98 99 93 85 54 52Griechenland 3,4 2 11 99 100 91 91 99 99 76 46 0,1 0,1Großbritannien 5,5 12 26 99 100 100 92 95 84 84 0,2 0,1Guatemala 39,8 110 92 41 98 95 41 39 89 84 43 34 28 0,5 0,3Guinea 141,5 680 153 46 77 67 36 22 67 51 9 4 21 23 17 0,4 0,9Guinea-Bissau 192,6 1.000 170 39 61 44 12 7 78 62 10 6 18 0,8 2,0Guyana 35,3 270 90 83 99 99 43 40 47 50 0,6 0,8Haiti 86,7 300 69 26 21 22 32 24 38 40 34 0,6 1,3Honduras 29,7 110 108 67 96 98 93 95 65 56 17 30 0,3 0,2Indien 65,6 230 45 47 97 94 88 74 56 49 13 36 20 0,1 0,1Indonesien 38,9 240 52 79 69 68 97 96 61 57 9 15 10 0,1 < 0,1Irak 43,5 75 68 80 93 81 48 38 85 80 50 33 3Iran 30,9 30 31 97 95 92 97 96 73 59 < 0,1 < 0,1Irland 4,2 3 17 100 96 98 86 90 65 61 0,1 0,1Island 3,0 5 15 98 98 89 91 0,1 0,1Israel 4,4 7 15 97 98 85 88 0,1 <0,1Italien 4,0 5 7 100 99 94 95 100 100 63 41 12 < 0,1 < 0,1Jamaika 30,9 89 60 97 82 79 75 78 92 98 69 66 12 60 1,0 0,7Japan 3,3 6 5 100 98 98 54 44 < 0,1 < 0,1Jemen 66,4 210 80 36 80 66 49 26 95 70 28 19 39 2Jordanien 25,3 59 28 99 93 94 80 84 99 99 59 41 12 13Kambodscha 87,5 290 52 44 90 87 36 32 89 86 40 27 25 45 50 0,1 0,1Kamerun 154,3 600 141 63 94 82 88 84 29 12 20 34 32 1,6 3,9Kanada 6,1 12 14 98 99 100 74 72 0,1 0,1 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 111
  • 118. Überwachung der ICPD-Ziele: ausgewählte Indikatoren Mütter- und Kindergesundheit Bildung sexuelle und reproduktive Gesundheit Kindersterb- Müttersterb- Geburten Betreute Brutto- Brutto- Alphabeti- Anteil der Benutzer von Ungedeckter Anteil der 15- bis HIV- lichkeit lichkeitsrate pro 1.000 Geburten einschulungs- einschulungs- sierungsrate bei Verhütungsmitteln in % Bedarf an 24-Jährigen mit Infektionsrate (< 5 J.) pro pro 100.000 Frauen im in % raten in der raten in der den 15- bis 24- (1990/2010)* Familien- umfassendem, bei den 15- bis 1.000 Lebend- Alter von (1992/ Primarstufe Sekundarstufe Jährigen in % planung korrektem Wissen 24-Jährigen Lebend- geburten 15–19 J. 2009)* (1991/2009)* (1999/2010)* (1991/2008)* in % über HIV/Aids in % in %Land, Territorium geburten (2008) (1996/ irgendeine moderne (1992/2009)* (2000/2008)* (2009)oder Gebiet (2009) 2008)* männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl. Methode Methode männl. weibl. männl. weibl.Kapverden 27,5 94 92 78 86 84 97 99 61 57 17 36 36Kasachstan 28,7 45 31 100 99 100 90 91 100 100 51 49 9 22 0,1 0,2Katar 10,8 8 16 99 99 98 65 96 99 99 43 32 < 0,1 < 0,1Kenia 84,0 530 103 44 82 83 51 48 92 93 46 39 26 47 34 1,8 4,1Kirgisistan 36,6 81 29 98 91 91 79 80 100 100 48 46 12 20 0,1 0,1Kiribati 46,2 39 63 64 71 36 31Kolumbien 18,9 85 96 96 94 94 71 77 98 98 78 68 6 0,2 0,1Komoren 104,0 340 95 62 79 67 86 84 26 19 35 10 < 0,1 < 0,1Kongo 128,2 580 132 83 66 62 87 78 44 13 16 22 10 1,2 2,6 2Kongo, Dem. Rep. 198,6 670 127 74 34 32 69 62 21 6 24 21 15Korea 4,9 18 2 100 100 98 97 94 80 70 < 0,1 < 0,1Korea, Dem. Volksrep. 33,3 250 1 97 100 100 69 58Kroatien 5,4 14 14 100 98 100 87 89 100 100 < 0,1 < 0,1Kuba 5,8 53 44 100 100 99 82 83 100 100 73 72 52 0,1 0,1Kuwait 9,9 9 13 98 94 93 77 80 98 99 52 39Laos 58,6 580 110 20 84 81 39 33 89 79 38 29 27 0,1 0,2Lesotho 83,5 530 98 55 71 75 22 36 86 98 47 46 31 18 26 5,4 14,2Lettland 8,0 20 18 100 99 98 100 100 68 56 17 0,2 0,1Libanon 12,4 26 18 98 92 90 71 79 98 99 58 34 0,1 < 0,1Liberia 112,0 990 177 46 85 66 25 14 70 80 11 10 36 27 21 0,3 0,7Libyen 18,5 64 4 94 100 100 45 26Litauen 6,2 13 19 100 96 96 91 92 100 100 51 33 18 < 0,1 < 0,1Luxemburg 2,6 17 10 100 97 98 82 85 0,1 0,1Madagaskar 57,7 440 148 51 99 100 23 24 73 68 40 28 19 16 19 0,1 0,1Malawi 110,0 510 177 54 89 94 26 24 87 85 41 38 28 42 42 3,1 6,8Malaysia 6,1 31 12 98 96 96 66 71 98 99 55 30 0,1 < 0,1Malediven 12,7 37 14 84 97 95 47 54 99 99 35 27 < 0,1 < 0,1Mali 191,1 830 190 49 84 70 37 23 47 31 8 6 31 22 18 0,2 0,5Malta 6,7 8 17 98 91 92 79 82 98 99 86 46 < 0,1 < 0,1Marokko 37,5 110 18 63 92 88 37 32 85 68 63 52 10 12 0,1 0,1Martinique 21Mauretanien 117,1 550 88 61 74 79 17 15 71 63 9 8 32 14 5 0,4 0,3 3Mauritius 17,0 36 35 98 93 95 79 81 95 97 76 39 4 0,3 0,2 4Melanesien 57,7 222 66 58 83 82 55 57 67 70 36 21 11 15 0,3 0,7Mexiko 16,8 85 90 93 99 100 71 74 98 98 71 67 12 0,2 0,1 5Mikronesien 29,9 51 80 73 72 59 65 52 46 8 39 27Moldawien 16,7 32 26 100 91 90 79 80 99 100 68 43 7 39 42 0,1 0,1Mongolei 28,8 65 19 99 99 99 79 85 93 97 66 61 5 31 < 0,1 < 0,1Montenegro 9,0 15 17 99 39 17 30 112 I NDI K ATORE N
  • 119. Überwachung der ICPD-Ziele: ausgewählte Indikatoren Mütter- und Kindergesundheit Bildung sexuelle und reproduktive Gesundheit Kindersterb- Müttersterb- Geburten Betreute Brutto- Brutto- Alphabeti- Anteil der Benutzer von Ungedeckter Anteil der 15- bis HIV- lichkeit lichkeitsrate pro 1.000 Geburten einschulungs- einschulungs- sierungsrate bei Verhütungsmitteln in % Bedarf an 24-Jährigen mit Infektionsrate (< 5 J.) pro pro 100.000 Frauen im in % raten in der raten in der den 15- bis 24- (1990/2010)* Familien- umfassendem, bei den 15- bis 1.000 Lebend- Alter von (1992/ Primarstufe Sekundarstufe Jährigen in % planung korrektem Wissen 24-Jährigen Lebend- geburten 15–19 J. 2009)* (1991/2009)* (1999/2010)* (1991/2008)* in % über HIV/Aids in % in %Land, Territorium geburten (2008) (1996/ irgendeine moderne (1992/2009)* (2000/2008)* (2009)oder Gebiet (2009) 2008)* männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl. Methode Methode männl. weibl. männl. weibl.Mosambik 141,9 550 185 55 82 77 17 15 78 62 17 12 18 33 14 3,1 8,6Myanmar 71,2 240 17 57 49 50 96 95 41 38 19 0,3 0,3Namibia 47,5 180 74 81 88 93 49 60 91 95 55 54 21 62 65 2,3 5,8Nepal 48,2 380 106 19 81 66 86 75 48 44 25 44 28 0,2 0,1Neuseeland 6,2 14 32 100 99 100 90 92 75 72 < 0,1 < 0,1Nicaragua 25,6 100 109 74 93 94 42 48 85 89 72 69 8 22 0,1 0,1Niederlande 4,4 9 4 100 99 99 88 89 69 67 0,1 < 0,1Niger 160,3 820 199 33 60 48 11 7 52 23 11 5 16 16 13 0,2 0,5Nigeria 137,9 840 123 39 66 60 29 22 78 65 15 8 20 33 22 1,2 2,9Norwegen 3,3 7 9 99 99 96 96 88 82 < 0,1 < 0,1Oman 12,0 20 8 99 71 73 83 81 98 98 32 25 < 0,1 < 0,1Österreich 4,1 5 11 100 97 98 51 47 0,3 0,2Ost-Timor 56,4 370 59 18 79 76 22 21 4Pakistan 87,0 260 20 39 72 60 36 29 79 59 27 19 25 3 0,1 < 0,1Panama 22,9 71 83 92 99 99 63 69 97 96 0,4 0,3Papua Neuguinea 68,3 250 70 53 65 69 36 20 0,3 0,8Paraguay 22,6 95 65 82 91 91 57 62 99 99 79 70 5 0,2 0,1Peru 21,3 98 59 71 97 98 75 75 98 97 73 50 7 19 0,2 0,1Philippinen 33,1 94 53 62 91 93 55 66 94 96 51 34 22 18 12 < 0,1 < 0,1Polen 6,7 6 14 100 95 96 93 95 100 100 73 28 < 0,1 < 0,1 6Polynesien 20,5 26 98 95 94 62 73 99 100 30 28 35Portugal 3,7 7 17 100 99 99 84 92 100 100 87 83 0,3 0,2Ruanda 110,8 540 43 52 95 97 77 77 36 26 38 54 51 1,3 1,9Rumänien 11,9 27 36 98 96 97 74 72 97 98 70 38 12 1 3 0,1 < 0,1Russland 12,4 39 29 100 100 100 80 65 0,2 0,3Salomonen 35,8 100 70 70 67 67 32 29 90 80 35 27 11Sambia 141,3 470 151 47 96 97 82 68 41 27 27 37 34 4,2 8,9Samoa 25,3 29 100 94 94 60 68 99 100 29 27 46Sao Tome & Principe 77,8 91 82 88 87 30 35 95 96 38 33 37 44Saudi Arabien 21,0 24 7 91 85 84 70 76 98 96 24 29Schweden 2,8 5 6 95 94 99 99 75 65 < 0,1 < 0,1Schweiz 4,4 10 4 99 100 87 83 82 78 0,2 0,1Senegal 92,8 410 96 52 75 76 24 18 58 45 12 10 32 24 19 0,3 0,7Serbien 7,1 8 22 99 96 96 89 91 99 99 41 19 42 0,1 0,1Seychellen 12,4 59 94 96 95 99 99 99Sierra Leone 192,3 970 143 42 30 20 66 46 8 6 28 28 17 0,6 1,5Simbabwe 89,5 790 101 80 90 91 98 99 60 58 13 46 44 3,3 6,9Singapur 2,8 9 5 100 100 100 62 55 < 0,1 < 0,1Slowakei 6,9 6 21 100 80 66 < 0,1 < 0,1 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 113
  • 120. Überwachung der ICPD-Ziele: ausgewählte Indikatoren Mütter- und Kindergesundheit Bildung sexuelle und reproduktive Gesundheit Kindersterb- Müttersterb- Geburten Betreute Brutto- Brutto- Alphabeti- Anteil der Benutzer von Ungedeckter Anteil der 15- bis HIV- lichkeit lichkeitsrate pro 1.000 Geburten einschulungs- einschulungs- sierungsrate bei Verhütungsmitteln in % Bedarf an 24-Jährigen mit Infektionsrate (< 5 J.) pro pro 100.000 Frauen im in % raten in der raten in der den 15- bis 24- (1990/2010)* Familien- umfassendem, bei den 15- bis 1.000 Lebend- Alter von (1992/ Primarstufe Sekundarstufe Jährigen in % planung korrektem Wissen 24-Jährigen Lebend- geburten 15–19 J. 2009)* (1991/2009)* (1999/2010)* (1991/2008)* in % über HIV/Aids in % in %Land, Territorium geburten (2008) (1996/ irgendeine moderne (1992/2009)* (2000/2008)* (2009)oder Gebiet (2009) 2008)* männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl. Methode Methode männl. weibl. männl. weibl.Slowenien 3,0 18 5 100 98 97 91 92 100 100 79 63 9 < 0,1 < 0,1Somalia 180,0 1.200 123 33 15 1 4 0,4 0,6Spanien 4,1 6 13 100 100 93 97 100 100 66 62 12 0,2 0,1Sri Lanka 14,7 39 28 99 99 100 97 99 68 53 7 < 0,1 < 0,1St. Kitts & Nevis 14,9 67 100 93 98 85 92St. Lucia 19,8 50 98 94 93 77 82St. Vincent &die Grenadinen 12,4 72 100 100 97 85 95Südafrika 61,9 410 54 91 92 94 59 65 96 98 60 60 14 4,5 13,6Sudan 108,2 750 72 49 46 38 89 82 8 6 26 0,5 1,3Suriname 26,3 100 66 90 91 90 55 74 96 95 46 45 41 0,6 0,4Swasiland 73,0 420 111 69 82 84 31 26 92 95 51 47 24 52 52 6,5 15,6Syrien 16,2 46 75 93 99 93 70 69 96 93 58 43 7Tadschikistan 61,2 64 27 88 99 96 88 77 100 100 37 32 2 < 0,1 < 0,1Tansania 107,9 790 139 43 96 95 79 76 34 26 22 42 39 1,7 3,9Thailand 13,5 48 43 97 91 89 68 76 98 98 81 80 3 46Togo 97,5 350 89 62 98 89 30 15 87 80 17 11 32 15 0,9 2,2Trinidad & Tobago 35,3 55 33 98 96 95 72 77 100 100 43 38 54 1,0 0,7Tschad 209,0 1.200 193 14 72 50 16 5 54 37 3 2 21 20 8 1,0 2,5Tschechien 3,5 8 12 100 88 91 72 63 11 < 0,1 < 0,1Tunesien 20,7 60 6 95 99 100 67 76 98 96 60 52 12 < 0,1 < 0,1Türkei 20,3 23 51 91 96 94 77 70 99 94 73 46 6 < 0,1 < 0,1Turkmenistan 45,3 77 21 100 100 100 62 45 10 5Tuvalu 35,1 23 98 31 22 24Uganda 127,5 430 159 42 96 99 16 15 89 86 24 18 41 38 32 2,3 4,8Ukraine 15,1 26 30 99 89 90 84 85 100 100 67 48 10 43 45 0,2 0,3Ungarn 6,3 13 19 100 96 95 91 91 98 99 81 71 7 < 0,1 < 0,1Uruguay 13,4 27 60 100 98 98 66 73 99 99 77 75 0,3 0,2USA 7,8 24 41 99 93 94 88 89 79 73 7 0,3 0,2Usbekistan 36,1 30 26 100 92 90 93 91 100 100 65 59 14 7 31 < 0,1 < 0,1Vanuatu 16,3 92 74 99 97 41 35 94 94 38 37 15Venezuela 17,5 68 101 95 92 93 67 75 98 99 70 62 19Ver. Arab. Emirate 7,4 10 22 99 99 99 82 84 94 97 28 24Vietnam 23,6 56 35 88 97 92 97 96 80 69 5 50 44 0,1 0,1Weißrussland 12,1 15 22 100 94 96 87 89 100 100 73 56 34 < 0,1 0,1Zentralafrik. Republik 170,8 850 133 53 77 57 13 8 72 56 19 9 16 26 17 1,0 2,2Zypern 3,5 10 5 100 99 99 95 97 100 100 114 I NDI K ATORE N
  • 121. Überwachung der ICPD-Ziele: ausgewählte Indikatoren Mütter- und Kindergesundheit Bildung sexuelle und reproduktive Gesundheit Kindersterb- Müttersterb- Geburten Betreute Brutto- Brutto- Alphabeti- Anteil der Benutzer von Ungedeckter Anteil der 15- bis HIV-Globale und lichkeit (< 5 J.) pro lichkeitsrate pro 100.000 pro 1.000 Frauen im Geburten in % einschulungs- raten in der einschulungs- raten in der sierungsrate bei den 15- bis 24- Verhütungsmitteln in % (1990/2010)* Bedarf an Familien- 24-Jährigen mit umfassendem, Infektionsrate bei den 15- bisregionale 1.000 Lebend- Lebend- geburten Alter von 15–19 J. (1992/ 2009)* Primarstufe (1991/2009)* Sekundarstufe (1999/2010)* Jährigen in % (1991/2008)* planung in % korrektem Wissen über HIV/Aids in % 24-Jährigen in %Daten 15 geburten (2009) (2008) (1996/ 2008)* männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl. irgendeine Methode moderne Methode (1992/2009)* (2000/2008)* männl. weibl. (2009) männl. weibl.Weltweit 61,7 265 49 66 89 86 61 61 91 86 63 56 22 31 19 0,4 0,7stärker entwickelte 8Regionen 7,1 18 24 99 96 96 90 91 99 100 72 62 12 29 32 0,2 0,1weniger entwickelte 9Regionen 66,9 293 53 63 88 85 53 53 90 84 61 55 23 31 19 0,4 0,8am wenigsten 10entwickelte Länder 122,4 597 120 39 76 73 31 24 75 65 30 24 27 28 20 0,8 1,7Afrika südlich 11der Sahara 130,1 638 122 47 76 72 30 25 76 67 25 19 26 32 25 1,6 4,0 12Arabische Staaten 50,7 247 45 72 86 80 63 59 91 84 47 39 21 18 7 0,2 0,3 13Asien & Ozeanien 50,0 193 34 64 93 89 22 56 93 86 67 61 21 32 18 0,1 0,1Lateinamerika & 14Karibik 22,4 85 74 89 94 94 72 76 97 98 73 67 17 34 30 0,3 0,2Osteuropa & 15Zentralasien 19,7 30 31 97 94 94 85 83 99 99 70 50 13 20 26 0,1 0,2 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 115
  • 122. Demographische, soziale undwirtschaftliche IndikatorenLand, Gesamt- Gesamt- Bevölkerungs- Städtische Gesamtfrucht- Lebenserwartung Bevölkerung mit Anteil der Bevöl- bevölkerung bevölkerung 2011 wachstum Bevölkerung in % barkeitsrate, (2010–2015) Zugang zu sanitärer kerung, der vonTerritorium 2011 (in Mio.) in % (2010) Frauen 15–49 J. Grundversorgung weniger als 1,25 US-$ (in Mio.) (2010–2015) (2010–2015) in % pro Tag lebt in %oder Gebiet männl. weibl. männl. weibl. (2000/2008)* (1992/2008)*Afghanistan 32,4 16,7 15,6 3,1 23 6,0 49 49 37Ägypten 82,5 41,4 41,1 1,7 43 2,6 72 76 94 2Albanien 3,2 1,6 1,6 0,3 52 1,5 74 80 98 2Algerien 36,0 18,2 17,8 1,4 66 2,1 72 75 95 7Angola 19,6 9,7 9,9 2,7 59 5,1 50 53 57 54Antigua & Barbuda 0,0 0,0 0,0 1,0 30 95Äquatorialguinea 0,7 0,4 0,4 2,7 40 5,0 50 53 51Argentinien 40,8 19,9 20,8 0,9 92 2,2 72 80 90 3Armenien 3,1 1,4 1,7 0,3 64 1,7 71 77 90 4Aserbaidschan 9,3 4,6 4,7 1,2 52 2,1 68 74 45 2Äthiopien 84,7 42,2 42,6 2,1 17 3,8 58 62 12 39 1Australien 22,6 11,3 11,3 1,3 89 1,9 80 84 100Bahamas 0,3 0,2 0,2 1,1 84 1,9 73 79 100Bahrain 1,3 0,8 0,5 2,1 89 2,4 75 76Bangladesch 150,5 76,2 74,3 1,3 28 2,2 69 70 53 50Barbados 0,3 0,1 0,1 0,2 44 1,6 74 80 100Belgien 10,8 5,3 5,5 0,3 97 1,8 77 83 100Belize 0,3 0,2 0,2 2,0 52 2,7 75 78 90 13Benin 9,1 4,5 4,6 2,7 42 5,1 55 59 12 47Besetzte Palästinensische Gebiete 4,2 2,1 2,0 2,8 74 4,3 72 75 89Bhutan 0,7 0,4 0,3 1,5 35 2,3 66 70 65 26Bolivien 10,1 5,0 5,1 1,6 67 3,2 65 69 25 12Bosnien & Herzegowina 3,8 1,8 1,9 -0,2 49 1,1 73 78 95 2Botswana 2,0 1,0 1,0 1,1 61 2,6 54 51 60 31Brasilien 196,7 96,7 99,9 0,8 87 1,8 71 77 80 5Brunei 0,4 0,2 0,2 1,7 76 2,0 76 81Bulgarien 7,4 3,6 3,8 -0,7 71 1,5 70 77 100 2Burkina Faso 17,0 8,4 8,5 3,0 26 5,8 55 57 11 57Burundi 8,6 4,2 4,4 1,9 11 4,1 50 53 46 81Chile 17,3 8,5 8,7 0,9 89 1,8 76 82 96 2China 1347,6 699,6 647,9 0,4 47 1,6 72 76 55 16Costa Rica 4,7 2,4 2,3 1,4 64 1,8 77 82 95 2Dänemark 5,6 2,8 2,8 0,3 87 1,9 77 81 100Deutschland 82,2 40,3 41,9 -0,2 74 1,5 78 83 100Dominica 0,0 0,0 0,0 0,0 67 81 116 I NDI K ATORE N
  • 123. Demographische, soziale und wirtschaftliche Indikatoren Gesamt- Gesamt- Bevölkerungs- Städtische Gesamtfrucht- Lebenserwartung Bevölkerung mit Anteil der Bevöl- bevölkerung bevölkerung 2011 wachstum Bevölkerung in % barkeitsrate, (2010–2015) Zugang zu sanitärer kerung, der von 2011 (in Mio.) in % (2010) Frauen 15–49 J. Grundversorgung weniger als 1,25 US-$Land, Territorium (in Mio.) (2010–2015) (2010–2015) in % pro Tag lebt in %oder Gebiet männl. weibl. männl. weibl. (2000/2008)* (1992/2008)*Dominikanische Republik 10,1 5,0 5,0 1,2 69 2,5 71 77 83 4Dschibuti 0,9 0,5 0,5 1,9 76 3,6 57 60 56 19Ecuador 14,7 7,3 7,3 1,3 67 2,4 73 79 92 5Ehem. jugosl. Rep. Mazedonien 2,1 1,0 1,0 0,1 59 1,4 73 77 89 2El Salvador 6,2 3,0 3,3 0,6 64 2,2 68 77 87 6Elfenbeinküste 20,2 10,3 9,9 2,2 51 4,2 55 58 23 23Eritrea 5,4 2,7 2,7 2,9 22 4,2 60 64 14Estland 1,3 0,6 0,7 -0,1 69 1,7 70 80 95 2Fidschi 0,9 0,4 0,4 0,8 52 2,6 67 72Finnland 5,4 2,6 2,7 0,3 85 1,9 77 83 100Frankreich 63,1 30,7 32,4 0,5 85 2,0 78 85 100Gabun 1,5 0,8 0,8 1,9 86 3,2 62 64 33 5Gambia 1,8 0,9 0,9 2,7 58 4,7 58 60 67 34Georgien 4,3 2,0 2,3 -0,6 53 1,5 71 77 95 13Ghana 25,0 12,7 12,3 2,3 51 4,0 64 66 13 30Grenada 0,1 0,1 0,1 0,4 39 2,2 74 78 97Griechenland 11,4 5,6 5,8 0,2 61 1,5 78 83 98Großbritannien 62,4 30,7 31,7 0,6 80 1,9 78 82 100Guatemala 14,8 7,2 7,6 2,5 49 3,8 68 75 81 12Guinea 10,2 5,2 5,1 2,5 35 5,0 53 56 19 70Guinea-Bissau 1,5 0,8 0,8 2,1 30 4,9 47 50 21 49Guyana 0,8 0,4 0,4 0,2 29 2,2 67 73 81 8Haiti 10,1 5,0 5,1 1,3 52 3,2 61 64 17 55Honduras 7,8 3,9 3,9 2,0 52 3,0 71 76 71 18Indien 1241,5 641,0 600,5 1,3 30 2,5 64 68 31 42Indonesien 242,3 120,8 121,5 1,0 44 2,1 68 72 52 29Irak 32,7 16,4 16,3 3,1 66 4,5 68 73 73Iran 74,8 37,9 36,9 1,0 71 1,6 72 75 83 2Irland 4,5 2,3 2,3 1,1 62 2,1 78 83 99Island 0,3 0,2 0,2 1,2 93 2,1 80 84 100Israel 7,6 3,7 3,8 1,7 92 2,9 80 84 100Italien 60,8 29,8 31,0 0,2 68 1,5 79 85Jamaika 2,8 1,4 1,4 0,4 52 2,3 71 76 83 2Japan 126,5 61,6 64,9 -0,1 67 1,4 80 87 100Jemen 24,8 12,5 12,3 3,0 32 4,9 65 68 52 18Jordanien 6,3 3,3 3,1 1,9 79 2,9 72 75 98 2Kambodscha 14,3 7,0 7,3 1,2 20 2,4 62 65 29 26Kamerun 20,0 10,0 10,0 2,1 58 4,3 51 54 47 33Kanada 34,3 17,0 17,3 0,9 81 1,7 79 83 100 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 117
  • 124. Demographische, soziale und wirtschaftliche Indikatoren Gesamt- Gesamt- Bevölkerungs- Städtische Gesamtfrucht- Lebenserwartung Bevölkerung mit Anteil der Bevöl- bevölkerung bevölkerung 2011 wachstum Bevölkerung in % barkeitsrate, (2010–2015) Zugang zu sanitärer kerung, der von 2011 (in Mio.) in % (2010) Frauen 15–49 J. Grundversorgung weniger als 1,25 US-$Land, Territorium (in Mio.) (2010–2015) (2010–2015) in % pro Tag lebt in %oder Gebiet männl. weibl. männl. weibl. (2000/2008)* (1992/2008)*Kapverden 0,5 0,2 0,3 0,9 61 2,3 71 78 54 21Kasachstan 16,2 7,8 8,4 1,0 59 2,5 62 73 97 2Katar 1,9 1,4 0,5 2,9 96 2,2 79 78 100Kenia 41,6 20,8 20,8 2,7 22 4,6 57 59 31 20Kirgisistan 5,4 2,7 2,7 1,1 35 2,6 64 72 93 3Kiribati 0,0 0,0 0,0 1,5 44 35Kolumbien 46,9 23,1 23,8 1,3 75 2,3 70 78 74 16Komoren 0,8 0,4 0,4 2,5 28 4,7 60 63 36 46Kongo 4,1 2,1 2,1 2,2 62 4,4 57 59 30 54 2Kongo, Dem. Rep. 67,8 33,7 34,1 2,6 35 5,5 47 51 23 59Korea 48,4 24,1 24,3 0,4 83 1,4 77 84 100Korea, Dem. Volksrep. 24,5 12,0 12,5 0,4 60 2,0 66 72 59Kroatien 4,4 2,1 2,3 -0,2 58 1,5 73 80 99 2Kuba 11,3 5,7 5,6 0,0 75 1,5 77 81 91Kuwait 2,8 1,7 1,1 2,4 98 2,3 74 76 100Laos 6,3 3,1 3,1 1,3 33 2,5 66 69 53 44Lesotho 2,2 1,1 1,1 1,0 27 3,1 50 48 29 43Lettland 2,2 1,0 1,2 -0,4 68 1,5 69 79 78 2Libanon 4,3 2,1 2,2 0,7 87 1,8 71 75 98Liberia 4,1 2,1 2,1 2,6 48 5,0 56 59 17 84Libyen 6,4 3,2 3,2 0,8 78 2,4 73 78 97Litauen 3,3 1,5 1,8 -0,4 67 1,5 67 78 2Luxemburg 0,5 0,3 0,3 1,4 85 1,7 78 83 100Madagaskar 21,3 10,6 10,7 2,8 30 4,5 65 69 11 68Malawi 15,4 7,7 7,7 3,2 20 6,0 55 55 56 74Malaysia 28,9 14,6 14,2 1,6 72 2,6 73 77 96 2Malediven 0,3 0,2 0,2 1,3 40 1,7 76 79 98Mali 15,8 7,9 7,9 3,0 36 6,1 51 53 36 51Malta 0,4 0,2 0,2 0,3 95 1,3 78 82 100Marokko 32,3 15,8 16,5 1,0 58 2,2 70 75 69 3Martinique 0,4 0,2 0,2 0,3 89 1,8 77 84Mauretanien 3,5 1,8 1,8 2,2 41 4,4 57 61 26 21 3Mauritius 1,3 0,6 0,7 0,5 42 1,6 70 77 91 4Melanesien 8,9 4,6 4,4 2,1 18 3,7 63 67 44 36Mexiko 114,8 56,6 58,2 1,1 78 2,2 75 80 85 4 5Mikronesien 0,5 0,3 0,3 1,1 67 2,7 72 76 65Moldawien 3,5 1,7 1,9 -0,7 47 1,5 66 73 79 2Mongolei 2,8 1,4 1,4 1,5 62 2,4 65 73 50 2Montenegro 0,6 0,3 0,3 0,1 61 1,6 73 77 92 2 118 I NDI K ATORE N
  • 125. Demographische, soziale und wirtschaftliche Indikatoren Gesamt- Gesamt- Bevölkerungs- Städtische Gesamtfrucht- Lebenserwartung Bevölkerung mit Anteil der Bevöl- bevölkerung bevölkerung 2011 wachstum Bevölkerung in % barkeitsrate, (2010–2015) Zugang zu sanitärer kerung, der von 2011 (in Mio.) in % (2010) Frauen 15–49 J. Grundversorgung weniger als 1,25 US-$Land, Territorium (in Mio.) (2010–2015) (2010–2015) in % pro Tag lebt in %oder Gebiet männl. weibl. männl. weibl. (2000/2008)* (1992/2008)*Mosambik 23,9 11,7 12,3 2,2 38 4,7 50 52 17 75Myanmar 48,3 23,8 24,5 0,8 34 1,9 64 68 81Namibia 2,3 1,2 1,2 1,7 38 3,1 62 63 33 49Nepal 30,5 15,1 15,4 1,7 19 2,6 68 70 31 55Neuseeland 4,4 2,2 2,2 1,0 86 2,1 79 83Nicaragua 5,9 2,9 3,0 1,4 57 2,5 71 77 52 16Niederlande 16,7 8,3 8,4 0,3 83 1,8 79 83 100Niger 16,1 8,1 8,0 3,5 17 6,9 55 56 9 66Nigeria 162,5 82,3 80,2 2,5 50 5,4 52 53 32 64Norwegen 4,9 2,5 2,5 0,7 79 1,9 79 83 100Oman 2,8 1,7 1,2 1,9 73 2,1 71 76 87Österreich 8,4 4,1 4,3 0,2 68 1,3 78 84 100Ost-Timor 1,2 0,6 0,6 2,9 28 5,9 62 64 50 37Pakistan 176,7 89,8 86,9 1,8 36 3,2 65 67 45 23Panama 3,6 1,8 1,8 1,5 75 2,4 74 79 69 10Papua Neuguinea 7,0 3,6 3,4 2,2 13 3,8 61 66 45 36Paraguay 6,6 3,3 3,3 1,7 61 2,9 71 75 70 7Peru 29,4 14,7 14,7 1,1 77 2,4 72 77 68 8Philippinen 94,9 47,6 47,3 1,7 49 3,1 66 73 76 23Polen 38,3 18,5 19,8 0,0 61 1,4 72 81 90 2 6Polynesien 0,7 0,3 0,3 0,7 22 2,9 70 76 98Portugal 10,7 5,2 5,5 0,0 61 1,3 77 83 100Ruanda 10,9 5,4 5,6 2,9 19 5,3 54 57 54 77Rumänien 21,4 10,4 11,0 -0,2 57 1,4 71 78 72 2Russland 142,8 66,1 76,8 -0,1 73 1,5 63 75 87 2Salomonen 0,6 0,3 0,3 2,5 19 4,0 67 70 32Sambia 13,5 6,8 6,7 3,0 36 6,3 49 50 49 64Samoa 0,2 0,1 0,1 0,5 20 3,8 70 76 100Sao Tome & Principe 0,2 0,1 0,1 2,0 62 3,5 64 66 26 28Saudi Arabien 28,1 15,5 12,6 2,1 82 2,6 73 76Schweden 9,4 4,7 4,7 0,6 85 1,9 80 84 100Schweiz 7,7 3,8 3,9 0,4 74 1,5 80 85 100Senegal 12,8 6,3 6,4 2,6 42 4,6 59 61 51 34Serbien 9,9 4,9 5,0 -0,1 56 1,6 72 77 92 2Seychellen 0,0 0,0 0,0 0,3 55 2Sierra Leone 6,0 2,9 3,1 2,1 38 4,7 48 49 13 53Simbabwe 12,8 6,3 6,5 2,2 38 3,1 54 53 44Singapur 5,2 2,6 2,6 1,1 100 1,4 79 84 100Slowakei 5,5 2,7 2,8 0,2 55 1,4 72 80 100 2 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 119
  • 126. Demographische, soziale und wirtschaftliche Indikatoren Gesamt- Gesamt- Bevölkerungs- Städtische Gesamtfrucht- Lebenserwartung Bevölkerung mit Anteil der Bevöl- bevölkerung bevölkerung 2011 wachstum Bevölkerung in % barkeitsrate, (2010–2015) Zugang zu sanitärer kerung, der von 2011 (in Mio.) in % (2010) Frauen 15–49 J. Grundversorgung weniger als 1,25 US-$Land, Territorium (in Mio.) (2010–2015) (2010–2015) in % pro Tag lebt in %oder Gebiet männl. weibl. männl. weibl. (2000/2008)* (1992/2008)*Slowenien 2,0 1,0 1,0 0,2 50 1,5 76 83 100 2Somalia 9,6 4,7 4,8 2,6 37 6,3 50 53 23Spanien 46,5 22,9 23,5 0,6 77 1,5 79 85 100Sri Lanka 21,0 10,4 10,7 0,8 14 2,2 72 78 91 14St. Kitts & Nevis 0,0 0,0 0,0 1,2 32 96St. Lucia 0,2 0,1 0,1 1,0 28 1,9 72 78 89 21St. Vincent & die Grenadinen 0,1 0,1 0,1 0,0 49 2,0 70 75Südafrika 50,5 25,0 25,5 0,5 62 2,4 53 54 77 26Sudan 44,6 22,5 22,1 2,4 40 4,2 60 64 34Suriname 0,5 0,3 0,3 0,9 69 2,3 68 74 84 16Swasiland 1,2 0,6 0,6 1,4 21 3,2 50 49 55 63Syrien 20,8 10,5 10,3 1,7 56 2,8 74 78 96Tadschikistan 7,0 3,4 3,5 1,5 26 3,2 65 71 94 22Tansania 46,2 23,1 23,1 3,1 26 5,5 58 60 24 89Thailand 69,5 34,2 35,4 0,5 34 1,5 71 78 96 2Togo 6,2 3,0 3,1 2,0 43 3,9 56 59 12 39Trinidad & Tobago 1,3 0,7 0,7 0,3 14 1,6 67 74 92 4Tschad 11,5 5,7 5,8 2,6 28 5,7 49 52 9 62Tschechien 10,5 5,2 5,4 0,3 74 1,5 75 81 98 2Tunesien 10,6 5,3 5,3 1,0 67 1,9 73 77 85 3Türkei 73,6 36,7 36,9 1,1 70 2,0 72 77 90 3Turkmenistan 5,1 2,5 2,6 1,2 50 2,3 61 69 98 25Tuvalu 0,0 0,0 0,0 0,2 50 84Uganda 34,5 17,3 17,3 3,1 13 5,9 54 55 48 52Ukraine 45,2 20,8 24,4 -0,5 69 1,5 64 75 95 2Ungarn 10,0 4,7 5,2 -0,2 68 1,4 71 78 100 2Uruguay 3,4 1,6 1,7 0,3 92 2,0 74 81 100 2USA 313,1 154,6 158,5 0,9 82 2,1 76 81 100Usbekistan 27,8 13,8 14,0 1,1 36 2,3 66 72 100 46Vanuatu 0,2 0,1 0,1 2,4 26 3,8 70 74 52Venezuela 29,4 14,8 14,7 1,5 93 2,4 72 78 91 4Ver. Arabische Emirate 7,9 5,5 2,4 2,2 84 1,7 76 78 97Vietnam 88,8 43,9 44,9 1,0 30 1,8 73 77 75 22Weißrussland 9,6 4,4 5,1 -0,3 75 1,5 65 76 93 2Zentralafrikanische Republik 4,5 2,2 2,3 2,0 39 4,4 48 51 34 62Zypern 1,1 0,6 0,5 1,1 70 1,5 78 82 100 120 I NDI K ATORE N
  • 127. Demographische, soziale und wirtschaftliche Indikatoren Gesamt- Gesamt- Bevölkerungs- Städtische Gesamtfrucht- Lebenserwartung Bevölkerung mit Anteil der Bevöl-Globale und bevölkerung 2011 bevölkerung 2011 (in Mio.) wachstum in % Bevölkerung in % (2010) barkeitsrate, Frauen 15–49 J. (2010–2015) Zugang zu sanitärer Grundversorgung kerung, der von weniger als 1,25 US-$regionale Daten 16 (in Mio.) männl. weibl. (2010–2015) (2010–2015) männl. weibl. in % (2000/2008)* pro Tag lebt in % (1992/2008)*Weltweit 6.974,0 3.517,3 3.456,8 1,1 50 2,5 68 72 61 26 8stärker entwickelte Regionen 1.240,4 603,1 637,3 0,4 75 1,7 75 82 97 1 9weniger entwickelte Regionen 5.733,7 2.914,2 2.819,5 1,3 45 2,6 67 70 53 27 10am wenigsten entwickelte Länder 851,1 425,4 425,7 2,2 29 4,2 57 59 36 54 11Afrika südlich der Sahara 821,3 410,5 410,8 2,4 37 4,8 54 56 31 53 12Arabische Staaten 360,7 185,0 175,7 2,0 56 3,1 69 73 76 5 13Asien & Ozeanien 3.924,2 2.008,0 1.916,2 0,9 41 2,1 69 72 52 27 14Lateinamerika & Karibik 591,4 292,1 299,3 1,1 79 2,2 72 78 80 7 15Osteuropa & Zentralasien 473,7 226,6 247,0 0,3 65 1,8 68 76 90 5 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 121
  • 128. Anmerkungen zu den Indikatoren* Neueste verfügbare Daten. Jahreszahlen, die durch 9 Weniger entwickelte Regionen umfassen alle Laos, Malaysia, Malediven, Marshallinseln, ein »/« getrennt sind, geben das erste und das Regionen Afrikas, Lateinamerikas und der Karibik, Mikronesien, Mongolei, Myanmar, Nauru, Nepal, letzte Jahr wieder, aus dem Quellen für die Asiens (ohne Japan) sowie Melanesien, Niue, Ost-Timor, Pakistan, Palau, Papua Neuguinea, betreffende Spalte herangezogen wurden. Mikronesien und Polynesien. Philippinen, Samoa, Salomonen, Sri Lanka, Thailand, Tokelau, Tonga, Tuvalu, Vanuatu, Vietnam.** Die Gesamtbevölkerung wurde durch Addition der 10 Am wenigsten entwickelte Länder nach der männlichen und weiblichen Bevölkerung errechnet. Definition der Vereinten Nationen. 14 Schließt nur Länder, Territorien oder andere Die Summen können aufgrund von Rundungen Gebiete mit UNFPA-Programmen ein: Anguilla, 11 Schließt nur Länder, Territorien oder andere abweichen. Antigua und Barbuda, Argentinien, Bahamas, Gebiete mit UNFPA-Programmen ein: Angola, Barbados, Belize, Bermudas, Bolivien, Brasilien,1 Einschließlich Weihnachtsinseln, Kokosinseln und Äquatorialguinea, Äthiopien, Benin, Botswana, Britische Jungferninseln, Cayman-Inseln, Chile, Norfolk-Insel. Burkina Faso, Burundi, Demokratische Republik Costa Rica, Dominica, Dominikanische Republik, Kongo, Elfenbeinküste, Eritrea, Gabun, Gambia,2 Früher Zaire. Ecuador, El Salvador, Grenada, Guatemala, Guyana, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Kamerun,3 Einschließlich Agalesa, Rodrigues und St. Brandon. Haiti, Honduras, Jamaika, Kolumbien, Kuba, Kapverden, Kenia, Komoren, Kongo, Lesotho, Mexiko, Montserrat, Niederländische Antillen,4 Einschließlich Fidschi, Neukaledonien, Papua Liberia, Madagaskar, Malawi, Mali, Mauretanien, Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru, St. Kitts und Neuguinea, Salomonen und Vanuatu. Mauritius, Mosambik, Namibia, Niger, Nigeria, Nevis, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen, Ruanda, Sambia, Senegal, Seychellen, Sierra Leone,5 Einschließlich Mikronesien, Guam, Kiribati, Surinam, Trinidad und Tobago, Turks und Simbabwe, Südafrika, Swasiland, Tansania, Togo, Marshallinseln, Nauru, Nördliche Marianen und Caicosinseln, Uruguay, Venezuela. Tschad, Uganda, Zentralafrikanische Republik. Palau. 15 Schließt nur Länder, Territorien oder andere 12 Einschließlich Ägypten, Algerien, Bahrain, Besetzte6 Einschließlich Amerikanisch-Samoa, Cook-Inseln, Gebiete mit UNFPA-Programmen ein: Albanien, Palästinensische Gebiete, Dschibuti, Irak, Jemen, Johnston-Insel, Pitcairn, Samoa, Tokelau, Tonga, Armenien, Aserbaidschan, Bosnien und Jordanien, Katar, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Midway-Inseln, Tuvalu sowie den Wallis und Herzegowina, Bulgarien, Ehemalige jugoslawische Oman, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan, Syrien, Futuna-Inseln. Republik Mazedonien, Georgien, Kasachstan, Tunesien und Vereinigte Arabische Emirate. Kirgisistan, Moldawien, Rumänien, Russland,7 Einschließlich des Gebiets, das jetzt den Südsudan 13 Schließt nur Länder, Territorien oder andere Serbien, Tadschikistan, Turkmenistan, Ukraine, bildet. Gebiete mit UNFPA-Programmen ein: Afghanistan, Usbekistan, Weißrussland.8 Stärker entwickelte Regionen umfassen Nord- Bangladesch, Bhutan, China, Cook-Inseln, 16 Regional aggregierte Daten sind gewichtete amerika, Japan, Europa und Australien-Neuseeland. Demokratische Volksrepublik Korea, Fidschi, Durchschnittswerte aller Länder, in denen Daten Indien, Indonesien, Iran, Kambodscha, Kiribati, zur Verfügung standen.Technische Hinweise: Quellen und DefinitionenÜberwachung der ICPD-ZieleMüttern und KindersterblichkeitKindersterblichkeit (< 5 J.) pro 1.000 Lebendgeburten (2009) von geschultem Gesundheitspersonal durchgeführt wurden. DiesesQuelle: Statistikbüro der UN-Abteilung für Wirtschaft und Soziales. muss lebensrettende Geburtenbetreuung durchführen können. DasMDG-Indikatoren-Website (http://mdgs.un.org/unsd/mdg/). Kinder- schließt die nötige Betreuung, Pflege und Beratung der Frauen währendsterblichkeit ist die Wahrscheinlichkeit (ausgedrückt als Anteil pro der Schwangerschaft, der Geburt und danach mit ein. Das Gesundheits-1.000 Lebendgeburten), mit der ein Kind, das in einem bestimmten Jahr personal muss in der Lage sein, eigenständig Geburten zu betreuen undgeboren wird, stirbt, bevor es das Alter von fünf Jahren erreicht (sofern die Neugeborenen zu versorgen. Traditionelle Geburtshelfer – auch wennes Gegenstand aktueller altersspezifischer Sterblichkeitsraten ist). sie ein kurzes Training absolviert haben – sind in dieser Zahl nicht erfasst.Müttersterblichkeitsrate pro 100.000 Lebendgeburten (2008)Quelle: Statistikbüro der UN-Abteilung für Wirtschaft und Soziales. BildungMDG-Indikatoren-Website (http://mdgs.un.org/unsd/mdg/). Bruttoeinschulungsraten in der Primarstufe (1991/2009)Müttersterblichkeit beziffert die jährliche Zahl der Frauen pro 100.000 Quelle: Statistikbüro der UN-Abteilung für Wirtschaft und Soziales.Lebendgeburten, die im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft MDG-Indikatoren-Website (http://mdgs.un.org/unsd/mdg/). Diesterben – während der Schwangerschaft, der Entbindung oder innerhalb Bruttoeinschulungsrate in der Primarstufe beziffert die Zahl der Kinder,von 42 Tagen nach dem Ende der Schwangerschaft. die offiziell im Grundschulalter sind und nach dem International StandardGeburten pro 1.000 Frauen im Alter von 15–19 J. (1996/2008) Classification of Education (ISCED97) in die Primarstufe eingeschultQuelle: Statistikbüro der UN-Abteilung für Wirtschaft und Soziales. wurden als Prozentsatz aller Kinder im offiziellen Grundschulalter. DieseMDG-Indikatoren-Website (http://mdgs.un.org/unsd/mdg/). Dieser Rate schließt auch Kinder im Grundschulalter ein, die in der Sekundar-Indikator gibt die jährliche Zahl der Geburten pro 1.000 Frauen im stufe eingeschult sind. Wenn in einem Land mehr als ein System derAlter von 15 bis 19 Jahren an. Primarbildung existiert, wird die an weitesten verbreitete Struktur heran-Betreute Geburten in % (1992/2009) gezogen, um die offizielle Altersgruppe zu ermitteln.Quelle: Statistikbüro der UN-Abteilung für Wirtschaft und Soziales. Bruttoeinschulungsraten in der Sekundarstufe (1999/2010)MDG-Indikatoren-Website (http://mdgs.un.org/unsd/mdg/). Der Quelle: Website des Datenzentrums des UNESCO-Instituts für StatistikIndikator weist den Prozentsatz der Geburten aus, die in Anwesenheit (http://stats.uis.unesco.org/unesco/TableViewer/document.aspx?122 TECHNI SCHE HINWEISE
  • 129. ReportId=143). Die Bruttoeinschulungsrate in der Sekundarstufe beziffert häufigsten Missverständnisse in Bezug auf die Übertragung von HIVden prozentualen Anteil der Kinder, die im offiziellen Alter für eine als solche erkennen und die wissen, dass auch ein gesund aussehenderweiterführende Schule sind und nach dem International Standard Mensch HIV übertragen kann.Classification of Education (ISCED97) in die Sekundarstufe eingeschult HIV-Infektionsrate bei den 15–24-Jährigen in % (2009)wurden. Wenn in einem Land mehr als ein System der Sekundarbildung Quelle: UNAIDS, (2010). »Global report: UNAIDS report on the globalexistiert, wird die an weitesten verbreitete Struktur herangezogen, um AIDS epidemic 2010.« Dieser Indikator beziffert den geschätztendie offizielle Altersgruppe zu ermitteln. prozentualen Anteil von Männern und Frauen im Alter von 15 bisAlphabetisierungsrate bei den 15–24-Jährigen in % (1991/2008) 24 Jahren, die mit HIV leben.Quelle: Statistikbüro der UN-Abteilung für Wirtschaft und Soziales.MDG-Indikatoren-Website (http://mdgs.un.org/unsd/mdg/). Die Demografische, soziale und wirtschaftlicheAlphabetisierungsrate gibt den prozentuellen Anteil der Bevölkerung im IndikatorenAlter von 15 bis 24 Jahren an, der in der Lage ist, eine kurze, einfache Gesamtbevölkerung 2011 (in Mio.)Darstellung des täglichen Lebens zu lesen und aufzuschreiben. Quelle: UN-Bevölkerungsabteilung (2011). »World Population Prospects: The 2010 Revision.« Dieser Indikator gibt die Bevölkerung eines Landes,Sexuelle und reproduktive Gesundheit einer Region oder einer Gegend zum 1. Juli des angezeigten Jahres an.Anteil der Benutzer von Verhütungsmitteln in % (1990/2010), Die Zahl basiert auf dem mittleren Bevölkerungsszenario.irgendeine Methode/moderne Methode Bevölkerungswachstum in % (2010–2015)Quelle: UN-Bevölkerungsabteilung (2011). »World Contraceptive Use Quelle: UN-Bevölkerungsabteilung (2011). »World Population Prospects:2010.« Diese Daten beziffern den Anteil der verheirateten Frauen The 2010 Revision.« Das Bevölkerungswachstum ist die durchschnitt-(einschließlich derjenigen in nichtehelichen Lebensgemeinschaften), liche prozentuelle Wachstumsrate einer Bevölkerung während einesdie zum gegenwärtigen Zeitpunkt irgendeine, bzw. eine moderne bestimmten Zeitraums. Die Zahl basiert auf dem mittleren Bevöl-Verhütungsmethode anwenden. Zu den modernen und klinischen kerungsszenario.Methoden zählen die Sterilisation des Mannes und der Frau, die Spirale, Städtische Bevölkerung in % (2010)die Pille, Injektionen, Hormonimplantate, Kondome und von der Frau Quelle: UN-Bevölkerungsabteilung (2010). »World Urbanizationbenutzte Barrieremethoden. Die Zahlen der einzelnen Länder sind nur Prospects: The 2009 Revision.« Dieser Indikator gibt den Anteil derteilweise vergleichbar. Die Gründe hierfür sind Abweichungen im Alter nationalen Bevölkerung an, der in Gebieten lebt, die im entsprechendender Untersuchungsgruppe (in der Regel 15 bis 49-jährige Frauen), Staat als »städtisch« definiert sind. Typischerweise wird die Bevöl-Unterschiede im Untersuchungszeitraum sowie bei der Formulierung kerung, die in Orten mit mehr als 2000 Einwohnern oder in nationalender vorgelegten Fragen. und Provinzhauptstädten lebt, als »städtisch« klassifiziert.Ungedeckter Bedarf an Familienplanung in % (1992/2009) Gesamtfruchtbarkeitsrate, Frauen 15–49 J. (2010–2015)Quelle: UN-Bevölkerungsabteilung (2011). »World Contraceptive Use Quelle: UN-Bevölkerungsabteilung (2011). »World Population Prospects:2010.« Dieser Indikator bezieht sich auf Frauen, die verheiratet sind The 2010 Revision.« Die Gesamtfruchtbarkeitsrate gibt die durch-oder in nichtehelichen Lebensgemeinschaften leben. Frauen mit einem schnittliche Anzahl der Kinder an, die eine Frau im Laufe ihres Lebensungedeckten Bedarf an Familienplanung schließt alle Schwangeren mit bekommt, wenn die heutigen altersspezifischen Geburtenratenein, deren Schwangerschaft zum Zeitpunkt der Empfängnis unerwünscht während ihrer fruchtbaren Jahre konstant bleiben.war; alle nachgeburtlich amenorrhoischen Frauen, die keine Familien- Lebenserwartung (2010–2015)planung nutzen und deren letzte Geburt unerwünscht war oder zu Quelle: UN-Bevölkerungsabteilung (2011). »World Population Prospects:einem nicht gewünschten Zeitpunkt erfolgte sowie alle fruchtbaren The 2010 Revision.« Die Lebenserwartung gibt die durchschnittlicheFrauen, die weder amenorrhoisch noch schwanger sind und entweder Zahl der Jahre an, die ein Neugeborenes bei gleichbleibendenkeine weiteren Kinder mehr wünschen (also die Familiengröße begrenzen Gesundheits- und Lebensbedingungen erwartungsgemäß leben würde.wollen) oder die die Geburt eines Kindes für mindestens zwei Jahre Bevölkerung mit Zugang zu sanitärer Grundversorgung in %hinauszögern wollen bzw. nicht wissen, ob und wann sie ein weiteres (2000/2008)Kind wünschen (also die Abstände zwischen den Geburten vergrößern Quelle: Statistikbüro der UN-Abteilung für Wirtschaft und Soziales.möchten) aber keine Verhütungsmittel verwenden. Frauen, die ungeplant MDG-Indikatoren-Website (http://mdgs.un.org/unsd/mdg/). Dieserschwanger wurden, weil die Verhütungsmethode versagt hat, werden Indikator beziffert den prozentualen Bevölkerungsanteil, der Zugangnicht als Frauen mit einem ungedeckten Bedarf an Familienplanung erfasst. zu sanitären Einrichtungen hat, die die menschlichen Exkremente aufAnteil der 15–24-Jährigen mit umfassendem, korrektem Wissen über hygienische Weise von menschlichem Kontakt fernhalten.HIV/Aids in %, (2000/2008) Anteil der Bevölkerung, der von weniger als 1,25 US-$ pro Tag lebtQuelle: Statistikbüro der UN-Abteilung für Wirtschaft und Soziales. in % (1992/2008)MDG-Indikatoren-Website (http://mdgs.un.org/unsd/mdg/). Dieser Quelle: Statistikbüro der UN-Abteilung für Wirtschaft und Soziales.Indikator misst den Prozentsatz der 15 bis 24-Jährigen, die die beiden MDG-Indikatoren-Website (http://mdgs.un.org/unsd/mdg/). Dieserwichtigsten Möglichkeiten kennen, einer HIV-Infektion vorzubeugen Indikator beziffert den prozentualen Bevölkerungsanteil, der von(den Gebrauch von Kondomen und die Beschränkung der Sexual- weniger als 1,25 US-Dollar am Tag leben muss. Grundlage der Berech-kontakte auf einen treuen und nicht infizierten Partner), die die beiden nungen sind Preise von 2005, ausgedrückt in Kaufkraftparitäten (KKP). W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 123
  • 130. ImpressumHerausgeber Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW)der deutschen Fassung: Göttinger Chaussee 115 30459 Hannover Telefon: 05 11 9 43 73-0 Fax: 05 11 9 43 73-73 E-Mail: info@dsw-hannover.de Internet: www.weltbevoelkerung.de Spendenkonto: 38 38 380 | Commerzbank Hannover | BLZ 250 400 66Übersetzung: Thomas PfeifferRedaktion: Uwe Kerkow, Matthias Stockkamp (Stiftung Weltbevölkerung) und Ute Stallmeister (Stiftung Weltbevölkerung)Gestaltung/Satz: grafik.design, Simone Schmidt, HannoverHerausgeber des Berichts: UNFPA, Bevölkerungsfonds der Vereinten NationenRedaktionsteam: Leitende Autorin und Recherche: Barbara Crossette Redaktion und Recherche-Assistenz: Richard Kollodge Redaktionelle Assistenz: Robert Puchalik Mitarbeit in Redaktion und Verwaltung: Mirey ChaljubUNFPA-Expertenteam: Rune Froseth, Werner Haug, Aminata Toure, Sylvia WongLeitung des Vertriebs: Jayesh GulrajaniDas Redaktionsteam dankt dem UNFPA-Expertenteam für die Betreuung bei der Konzepterstellung und Entwicklung des Berichtsund für die wertvollen Rückmeldungen zu den Entwürfen.Die Vorsitzenden bzw. die amtierenden Leiter von sieben UNFPA-Außenstellen (und ihre Mitarbeiter) vereinbarten Interviews,arrangierten die Logistik, steuerten Ideen für Geschichten bei und leiteten die Berichterstattung vor Ort: Bernard Coquelin (China),Ziad Rifai (Ägypten), Benoit Kalasa (Äthiopien), Marc Derveeuw (Indien), Diego Palacios (Mexiko), Patricia Guzmán (Mosambik),Agathe Lawson (Nigeria) sowie François Farah und Tatjana Sikoska (Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien).Die Regionalleiter von UNFPA haben bei der Entwicklung des Berichts wertvolle Unterstützungsarbeit geleistet: Hafedh Chekir(Arabische Staaten), Thea Fierens (Osteuropa und Zentralasien), Nobuko Horibe (Asien und Pazifikraum), Bunmi Makinwa (Afrika)und Marcela Suazo (Lateinamerika und Karibik).Hilkka Vuorenmaa, oberste Lobbyistin von Väestöliitto, des finnischen Familienverbands, leistete die Vorarbeiten für dieBerichterstattung in diesem Land.Für wertvollen Rat danken wir außerdem Safiye Çagar, Leiterin der Abteilung für Information und Außenbeziehungen; Neil Ford,Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, sowie Delia Barcelona, Saturnin Epie, Ann Erb-Leoncavallo, Antti Kaartinen, Bettina Maas,Purnima Mane, Niyi Ojuolape, Elena Pirondini, Sherin Saadallah und Mari Simonen vom Büro des Exekutivdirektors von UNFPA.Weitere Kollegen aus den UNFPA-Abteilungen für Technik und Programm – die zu zahlreich sind, um sie an dieser Stelle alleaufzuführen – lieferten ebenfalls erhellende Kommentare zu Entwürfen, sorgten für die Genauigkeit der Daten und derenZusammenstellung gemäß den im Bericht angesprochenen Themen.Die Quelle der meisten Daten, die in diesem Bericht enthalten sind, ist die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen. Siestand bei der Analyse und Präsentation der Bevölkerungsprojektionen beratend zur Seite. Ohne ihre Unterstützung wäre dieErstellung dieses Berichts nicht möglich gewesen. Auch das Institut für Statistik von UNESCO, UNICEF, die Weltgesundheits-organisation, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die Weltbank, das UNFPA/NIDI ResourceFlows Project sowie das Statistikbüro der UN-Abteilung Wirtschaft und Soziales haben wichtige Daten beigesteuert. EdilbertoLoiaza von der Abteilung Bevölkerung und Entwicklung von UNFPA danken wir für seine Beratung bei der Auswahl undDarstellung der Indikatoren.Dank der großzügigen finanziellen Unterstützung durch die Abteilung Technik von UNFPA enthält dieser Bericht alle Originalfotosder im Text erwähnten Personen und Orte. Originalfotos vor Ort lieferten Guo Tieliu (China), Matthew Cassel (Ägypten), AntonioFiorente (Äthiopien), Sami Sallinen (Finnland), Sanjit Das und Atul Loke (Indien), Ricardo Ramirez Arriola (Mexiko), Pedro Sa DaBandeira (Mosambik), Akintunde Akinleye (Nigeria) und Antonin Kratochvil (Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien).Das Redaktionsteam bedankt sich auch bei den Personen, die ihre Geschichten für diesen Bericht erzählt haben.124 I M PRE SSUM Gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier – fördert die nachhaltige Waldbewirtschaftung.
  • 131. UNFPA, der Bevölkerungsfonds der Vereinten NationenUNFPA, der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, ist die größte internationale O  rganisation, die Bevölkerungsprogramme in Entwicklungsländern fördert und umsetzt. UNFPA setzt sich für das Recht jeder Frau, jedes Mannes und jedes Kindes auf ein Leben in Gesundheit und Chancengleichheit ein. Der UN-Bevölkerungsfonds unterstützt Länder dabei, anhand von aktuellen Bevölkerungsdaten Politiken und Programme zu entwickeln, die die Armut verringern und sicherstellen, dass jede Schwangerschaft gewollt und jede Geburt  sicher ist, dass sich kein junger Mensch einer Ansteckung mit HIV/Aids aussetzt und jedes Mädchen und jede Frau mit Respekt behandelt wird. UNFPA – because everyone counts.Mehr Informationen unter www.unfpa.org Stiftung WeltbevölkerungDie Stiftung Weltbevölkerung ist eine international tätige Entwicklungshilfeorganisation.  Die Stiftung ist Partner von UNFPA in Deutschland. Sie hilft jungen Menschen in Afrika und Asien, sich selbst aus ihrer Armut zu befreien. U  ngewollte Schwangerschaften und Aids verschärfen die Armut und bedeuten für viele Jugendliche den Tod. Deshalb unterstützt die Stiftung Weltbevölkerung Aufklärungs-  und Familienplanungsprojekte sowie Gesundheitsinitiativen in Entwicklungsländern.  In Deutschland informiert die Stiftung über den engen Zusammenhang zwischen Bevöl-kerungsentwicklung, Armut, Gesundheit und Umweltschutz. Stiftung Weltbevölkerung – Aufklärung schafft Zukunft.Mehr Informationen unter www.weltbevoelkerung.de 
  • 132. Sieben Chancen für die Welt der sieben Milliarden 1 Die Bekämpfung von Armut und Ungleichheit kann das Bevölkerungswachstum verlangsamen. 2 Mehr Macht für Frauen und Mädchen kann den Fortschritt in allen Bereichen beschleunigen. 3 Junge Menschen, die voller Energie und offen für neue Technologien sind, können Politik und Kultur der ganzen Welt verändern.4 Wenn jedes Kind ein Wunschkind und jede Geburt sicher ist, können Familien kleiner und stärker werden. 5 Wir alle sind abhängig von einem gesunden Planeten, daher müssen wir alle zum Schutz der Umwelt beitragen. Durch die Förderung der Gesundheit und Produktivität der älteren 6 Menschen lassen sich die Herausforderungen, vor denen die alternden Gesellschaften stehen, besser bewältigen. 7 Die nächsten zwei Milliarden Menschen werden in Städten leben, für diese müssen wir heute vorausplanen.United Nations Population Fund Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW)605 Third Avenue Göttinger Chaussee 115New York, NY 10158 USA 30459 HannoverTel. +1-212 297-5000 Telefon: 05 11 9 43 73-0www.unfpa.org Fax: 05 11 9 43 73-73©UNFPA 2011 E-Mail: info@dsw-hannover.de Internet: www.weltbevoelkerung.de www.7billionactions.org