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01. Angela Merkel
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Mode. Macht. Politik. – Masterthesis
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  1. 1. ZHdKZürcherHochschulederKünsteMasterofArtsinDesign MODE. FieldofExcellenceTrendsBiancaTraub2013 MACHT. POLITIK. MODE. MACHT. POLITIK. NO. 01 M o d e . M a c h t . p o l i t i k . VISUELLE ANALYSE DES MEDIALEN DISKURSES IM SPANNUNGSFELD VON POLITIK UND WEIBLICHER INSZENIERUNG.
  2. 2. 03 VORWORT X Die Erfahrungen am eigenen Körper waren Anstoß für viele innerliche Re- flektionen. Wieso nahmen mich Kunden an einem Tag als kompetente, vollwerti- ge und ernstzunehmende Mitarbeiterin wahr und an einem anderen Tag als je- manden, dem sie milde lächelnd die Ja- cke über den Arm werfen konnten und nach einem Kaffee mit Milch und zwei Stück Zucker fragten? Als ich die amüsante Frage „Erfolg macht chic, aber Chic auch erfolgreich?“ als Einleitung in der Rubrik „Stil Leben“ eines SZ Magazins (2011) las, wurde mir bewusst, dass ich nicht die Einzige war, die in diesem Gedankenkarussell kreiste, sondern öffentliche Diskussio- nen statt finden. Die Medien, allen vo- ran Magazine und Blogs, propagieren, dass es immer mehr junge Frauen gibt, die mit Eifer und Intelligenz die Kar- riereleitern erklimmen. Dem kreativen Modevolk haben sie es seit neuesten zu verdanken, dass sie dabei auch noch gut aussehen dürfen und frischen Wind in die – modisch betrachtet – verstaubten Chefetagen bringen. Die Arbeitswelt scheine sich allmählich von modischen Konventionen und kleidungstechni- schen Gesetzen zu lösen. Ambitionierte und modebewusste Karrierefrauen dür- fen durchaus in feinsinnigeren und inno- vativeren Outfits erscheinen, die für den strengen Arbeitsalltag gut geeignet sind und gleichzeitig nicht auf modische Raf- finesse verzichten. Eine weitere Befrei- ung von modischen Konventionen also? Nicht wirklich, denn Extravaganz und Avantgarde stehen weiterhin stramm vor den strikten Regeln der seriösen Ar- beitswelt. Auf modische Innovation und Individualität mit charmanten, wenn nicht sogar humorvollen Details reagiert man zuweilen allergisch und mit Un- verständnis. Also keine Emanzipation in der Berufskleidung (vgl. Beermann, 2011: S. 1)? Modebewusstsein wird größtenteils im- mer noch mit beruflicher, beziehungs- weise fachlicher Inkompetenz gleichge- setzt, da es im Allgemeinen immer noch für dümmliche Oberflächlichkeit steht. Es ist zuweilen ein Spagat, die eigene „modische Weiblichkeit so öffentlich zu inszenieren, ohne sich selbst sofort den Vorwurf der Inkompetenz zuzuziehen: Entweder kompetent oder betont mo- disch weiblich“ (Prinz, 2012: S. 5), wie es die Kulturwissenschaftlerin Barba- ra Vinken in einem Interview auf den Punkt brachte. Ich persönlich halte es seit jener lehrreichen und erfahrungs- intensiven Zeit wie Karl Lagerfeld, der einmal sagte „Emanzipierte Frau- en sollten sich merken: Wer Ellenbogen zeigt, kann auch Knie zeigen.“ (Suter, 2012: S. 8) und öffne seitdem lächelnd jeden Morgen meinen Kleiderschrank im Bewusst- sein, dass es kein Manko ist, sondern eine Herausforderung. Alltägliches Perpetuum Mobile, das während meiner ersten Studienzeit mehr oder minder gedankenverlor- en vor sich ging – ein intuitiver Griff in den Kleiderschrank und der Tag konnte beginnen. Ein Wasser-und- Seife-Typ war ich zwar noch nie, aber während der Zeit in der Agentur ist der morgendliche Blick in den Spie- gel zum ‚Big Deal‘ geworden, die Entspanntheit in Sachen Stilfragen wieverflogen:Waswirktangemessen, was übertrieben? Scheine ich wie ich bin? Welches ästhetische Konzept er- füllt ein professionelles Auftreten und verleiht gleichzeitig Selbstbewusst- sein in vielen, meist von Männern, dominierten Arbeitsumfeldern? 7.30 Uhr Der Wecker klingelt. Aufstehen, ins Bad huschen, eine Tasse Kaffee als Frühstück und sich anschließend anziehen für das Praktikum in einer renommierten Agentur. CLOTHES MAKE THE MAN.NAKED PEOPLE HAVE LITTLE OR NO INFLUENCE ON SOCIETY. Mark Twain ” „
  3. 3. 01 EINLEITUNG 02 SOZIOHISTORISCHE BETRACHTUNG 03 METHODE 04 ANALYSE UND DECODIERUNG 05 ERKENNTNIS-TRANSFER 06 GESTALTERISCHE ARBEIT 07 SCHLUSSWORT UND AUSBLICK 08 ANHANG 04 01 01.1 Abstract S. 07 01.2 Relevanz und Verortung S. 07 01.3 Schlüsselbegriffe S. 08 Power Dressing Erotisches Kapital Pictorial Turn 01.4 Forschungsfragen S. 10 01.5 Zielsetzung S. 11 02 02.1 Die Vermessung des weiblichen Körpers S. 13 02.2 Politik und Weiblichkeit im 19.Jahrhundert S. 13 02.3 Margaret Thatcher: Die Ära der Iron Lady S. 14 02.4 Power Dressing und die kulturelle Inszenierung des Körpers S. 16 03 03.1 Im Fokus der Linse: Die Macht der Bilder S. 19 03.2 Hermeneutische Bildanalyse S. 20 03.2.1 Bildarchiv und Auswahl- kriterien S. 21 03.2.2 Zirkulärer Prozess und Kategorisierung S. 24 03.2.3 Interpretation S. 24 03.3 Visueller Workshop und Diskussionsrunde S. 25 04 04.1 Frisur – Gesicht – Identität S. 28 04. 2 Erotisches Kapital: Sexappeal und Charme S. 30 04.3 Schal/Tuch: Die weibliche Krawatte S. 33 04.4 Die Farbe Rot: Wirkung und Kontrast – Here I am S. 34 04.5 Schwarz und grafische Strenge: Die neue weibliche Männlichkeit. S. 36 05 S. 41 06 S. 43 Gestaltungskonzept Format Raster und Satzspiegel Text- und Bildkonzept Typografie Farbkonzept 07 S. 45 08 08.1 Forschungs- und Arbeitsmaterial S. 48 08.2 Quellenverzeichnis S. 54 Bildnachweis 08.3 Eidesstattliche Erklärung S. 61 VISUELLE ANALYSE DES MEDIALEN DISKURSES IM SPANNUNGSFELD VON POLITIK UND WEIBLICHER INSZENIERUNG.
  4. 4. 06 0701 Einleitung NO. 01 E I N 01 L e i t U n g 01.1 Abstract Mode an sich ist nicht nur äußere Hülle, Mode inter- agiert im Wandel mit ihrer Zeit, der Gesellschaft, Poli- tik, Wirtschaft und Kultur. Das Power Dressing ist ein Dresscode, der eine bewusste Haltung von Autorität, Kompetenz und Intelligenz in Machtpositionen nach außen transportieren soll. Ein Begriff, der in der Ära von Margaret Thatcher geprägt wurde. Der Einfluss von Frauen nimmt in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur massiv zu und hat enorme Folgen für die Geschlechterrollen und bisherigen Machtgefüge. Im Kontext des aktuel- len Megatrends Female Shift findet eine Verlagerung von Entscheidungskompetenzen und Einflussmög- lichkeiten statt. Eine neue Generation erfolgreicher Frauen in der Politik und ihre Darstellung in den Me- dien zeigt, dass Authentizität, als wichtigstes Kriterium der Außenwirkung, die rein männliche Vorstellung von Hierarchie ablöst. Das Power Dressing und das Eroti- sche Kapital als Unterform des Körperlichen, sind nicht frei von Macht, sie manifestieren sich nur anders und sind nicht länger gleich männlich. Spiegelt dieser Aufbruch wider, welche Mode die weib- liche Macht heute trägt und ob und welchen Zwän- gen sie noch unterlegen ist? Wie bewusst wird das Erotische Kapital wirklich eingesetzt und gibt es ver- schiedene Charakterisierungen und länderspezifische Unterschiede im Selbstverständnis der Kleiderwahl der Frauen in der Politik? Braucht es in Zukunft, bedingt durch diese neue Generation von Politikerinnen, eine Neudefinierung des Power Dressings? In dieser Masterarbeit wird im Kontext von Mode und Politik geforscht. Die Thematik birgt wegen der perma- nenten Beobachtung, unter der Politikerinnen stehen und des Diskurses in Medien und Öffentlichkeit eine hohe Brisanz. Die Beeinflussung weiblicher Führungs- 01.2 Relevanz und Verortung Meine Masterarbeit „Mode. Macht. Politik.“ verortet sich im Kontext des aktuellen Megatrends Female Shift, der in den nächsten Jahrzehnten einen großen Wandelskizziert.IndemJahresberichtundTrendreport (2010) des Vereins 2020 – Der weibliche Blick auf die Zu- kunft, gegründet von alliance F, dem Bund der Schwei- zerischen Frauenorganisationen, wird er als der wahr- scheinlich wichtigste Trend bezeichnet, der sich schon in den verschiedensten Bereichen abzeichnet: „Der Einfluss von Frauen in Wirtschaft und Ge- sellschaft, in Politik Wissenschaft und Kultur nimmt massiv zu; insbesondere bei der höheren Bil- dung laufen Frauen inzwischen in vielen Ländern den Männern den Rang ab. Höhere Bildung und verbesserte berufliche Möglichkeiten für Frauen haben enorme Folgen: Frauen werden ökonomisch unabhängiger und damit auch als Konsumentinnen immer wichtiger. ‚Female Shift’ bedeutet einerseits, dass der Einfluss von Frauen steigt, andererseits den Trend zum ‚Neuen Mann’. Beides wird in Zukunft Gesellschaften, Märkte und Unternehmen entscheidend prägen“ (2020 – Der weibliche Blick auf die Zukunft, 2010: S. 6). Dieser Ansicht ist ebenfalls die Trendforscherin Mo- nique R. Siegel, eine Feministin mit Feinsinn, „im Sinne von für Frauen, aber nicht gegen Männer“ (Breiner, 2010: S. 76). Einer ihrer Buchtitel lautet Vom ‚Lipstick zum Laptop!‘ und versteht sich sowohl als Programm als auch Prognose. Betrachtet man aufmerksam die Medienberichterstat- tung während der letzten zwei Jahre, bekommt man ein Gespür für diesen besagten Wandel. So titelte erst vor kurzem Der Spiegel im Zuge der Diskussion um die Frauenquote: „Jetzt wird zurückdiskriminiert“ (Werle, 2012: S. 1). Die Zeit befindet eine Chefin als Glücksfall persönlichkeiten durch die disziplinierende Macht der Mode, sowie durch den ständigen Imperativ der Selb- stbeobachtung und -optimierung, ist ebenfalls von Be- deutung. Anhand einer hermeneutischen Bild- und Medienanalyse von interkulturellen politischen Milieus wird die Mode als Seismograph gelesen & der gesells- chaftliche Wertewandel untersucht. Die interpretativen Erkenntnisse werden mittels einer Zeitung und einer Plakatkampagne visualisiert. und traut ihr sogar die Möglichkeit zu, den Kapitalis- mus zu verändern (Heuser, 2012: S.1). Ganz ohne Frau- enquote hat die Anwältin Constanze Ulmer-Eilfort den Sprung an die Spitze der deutschen und österreichis- chen Büros der internationalen Großkanzlei Baker & McKenzie geschafft (Von Münchhausen, 2012: S. 28). Die Macht wird weiblich in Deutschland und die Welt am Sonntag zählt die htBundesrepublik weltweit zur Avantgarde, der von Politikerinnen geführten Staaten und attestiert Vorbildfunktion (Siems, Crolly, Frigelj, 2012: S. 4-5). Aber auch die jüngsten Wahlergebnisse aus den USA senden mutige Signale, indem zum ersten Mal ein US-Staat eine ausschließlich weibliche Delega- tion in den US-Kongress schickte und somit eine er- ste Präsidentin für Amerika durchaus denkbar macht (Rothenberg, 2012: S. 1). Man darf also durchaus auf die weiteren Entwicklungen gespannt sein. MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung. NO. 01MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung.
  5. 5. 08 0901 Einleitung NO. 01 01.3 Schlüsselbegriffe WER VOM WEG ABKOMMT, ENTDECKT ZUWEILEN DINGE, NACH DENEN ANDERE VERZWEIFELT EIN LEBEN LANG SUCHEN. Franz Kern ” „ MitdiesenWortenvonFranzKern,einemdeutschenklassischenPhilologenund Germanisten(1830-1894),imGedächtnisbegannichmeinebreitgefächertenRecherchen. MeineintensivenNachforschungeninMagazinen,Zeitungen,Büchernunddem fluktuierendenInternetbrachtenmichaufimmerneueGedanken,HinweiseundWege, diesichschließlichineinerBegriffsmatrixverdichteten.Anhanddieservertiefteich meineRechercheundkonzentriertemichaufeinzelne,zusammenhängende Themenfelder.DieseFokussierungenführtenzufolgendenSchlüsselbegriffen,derenkurze DefinitionenfürdasVerständnisunddieDiskussionderArbeitwichtigsind: Mit dem Begriff des Power Dressing ist ein Dresscode in der Mode gemeint, der in den späten 1970er Jahren von John T. Molloy geprägt wurde und den bewussten Einsatz der Wirkung von Kleidung auf den beruflichen Erfolg impliziert. Er setzt sich mit der Frage ausei- nander wie man sich anziehen soll, um sich selbst am besten zu verkaufen und umfasst das gesamte Spektrum der Business-Kleidung: Vom klassischen Hosenan- zug und dem Kostüm bis hin zu Schuhen, Frisur und Accessoires: „We designed uniforms to send specific messages“ (Molloy, 1996: S. 4). Mit dies- er Art von Kleidungsstil als ‚Uniform’ soll Autorität, Kompetenz und Intelligenz im beruflichen Alltag ausgestrahlt werden und zum Erfolg der Karriere beitragen: „Part of the message you send every day when you walk into the office is sent by what you wear“ (Molloy, 1996: S. 10). Heutzutage hat Power Dressing ein neues Gesicht und verfügt über verschiedene Interpretationsweisen. POWER DRESSING.POWER DRESSING. Der Begriff des Erotischen Kapitals wurde erstmals 2011 von der Soziologin Catherin Hakim in ihrem gleichnamigen Buch verwendet. Damit beschreibt sie die schwer fassbare Synthese aus sozialer, optischer und sexueller Anziehungskraft mit Wirkung in den verschiedensten sozialen Kontexten als viertes persön- liches Humankapital neben dem wirtschaftlichen, kul- turellen und sozialen Kapital (vgl. Hakim, 2011: S. 27). Dabei geht die Autorin davon aus, dass Frauen in der Regel mehr Erotisches Kapital besitzen als Männer und daran auch aktiver arbeiten. Sie bezieht sich in ihren Thesen auf Pierre Bourdieus Artikel in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ (1987) über die drei Formen von Persönlichem Kapital, zur Ausstattung des Einzel- nen mit potenziell gewinnbringenden Persönlichkeits- attributen (vgl. Hakim, 2011: S. 29-31). Laut Hakim ist Erotisches Kapital nicht weniger bedeutend als Geld, Bildung und gute Beziehungen, da es sich nutzen lässt, „die gesellschaftliche Leiter emporzuklettern, Macht und Einfluss auszuüben oder Geld zu ver- dienen“ (Hakim, 2011: S. 30). Genau wie das Politische Kapital wird auch das Erotische Kapital hierbei als eine Sonderform des Sozialen Kapitals betrachtet und gewinnt durch die stark zunehmende Medialisierung unserer Gesellschaft immer mehr an Bedeutung wegen seines Inszenierungscharakters. Das Präsidentenpaar Barack und Michelle Obama ist hierfür ein bemerkens- wertes Beispiel. EROTISCHES KAPITAL.EROTISCHES KAPITAL. Die modernen Massenmedien haben schon seit langem die Grenzen öffentlicher und privater Räume aufge- hoben und überflüssig gemacht. Wir werden damit tagtäglich konfrontiert mit Bildern aus den Bereichen der Werbung, Wirtschaft, Politik und Kultur. Die rasante Zirkulation von Informationen in unserer glo- balisierten Wissensgesellschaft führt zu einer Zunahme von gesellschaftlicher und technologischer Komplex- ität, die die Wahrnehmungskapazitäten und Kompe- tenzen zur Deutung durch einzelne Individuen auf Dauer überfordert (vgl. Schade, Wenk, 2011: S. 7-8). Diese Dominanz der Bildlichkeit, der ‚Bilderfluten’, wird von dem Kunsthistoriker W. J. T. Mitchell als Pictorial Turn (auch Visual Turn oder Iconic Turn genannt) proklamiert und ist der fundamentale Bezugs- punkt aller Visual Culture Ansätze (vgl. Maasen, Mayerhauser, Renggli, 2006: S. 16). Das Verhältnis von Bild und Sprache in dieser ‚visuellen Revolution’ hat für Mitchell zuletzt auch eine außerordentliche politische Dimension angenommen, die als Kehrseite der Medaille auch Ängste, beziehungsweise Gefahren und entsprechende Reaktionen hervorruft (vgl. Breck- ner, 2010: S. 25). PICTORIAL TURN.PICTORIAL TURN. Power Dressing Erotisches Kapital Pictorial Turn X KEYWORDS MATRIX MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung.
  6. 6. 10 NO. 01 01.4 Forschungsfragen 01.5 Zielsetzung Die Masterarbeit „Mode. Macht. Politik.“ setzt sich zusammen aus der Thesis als Grundgerüst und Fundament und einer daraus resultierenden und aufbauenden Print-Publikation. Diese Publikation wird in konzeptionaler Anlehnung an die Ästhetik von politischen Wahlkampagnen mit Slogans und einer Plakatserie gestal- tet, die sowohl informierend als auch provokativ sein soll. Dabei liefert die Theo- rie wichtige Impulse und ausschlaggebende Rahmenbedingungen für das Design der Ausgabe und der Ausstellung, um dem Publikum den Inhalt der Masterarbeit visuell zu vermitteln. Thesis und Design werden übergreifend verknüpft und sind ineinander verwoben. Die Zielgruppe umspannt hauptsächlich Feministinnen, junge Frauen vor oder während des Berufseinstiegs, aber auch Frauen, die bereits jahrelange Berufserfahrung mit sich bringen, sowie Stylisten, Modeinteressierte beziehungsweise Modefachpub- likum und nicht zuletzt Politikerinnen. Darüber hinaus ist natürlich auch gerne offenes und neugieriges Männerpublikum willkommen. Ich vertrete bewusst einen Standpunkt und möchte ein Statement setzen. Bei dieser Vorgehensweise ist von vornherein ersichtlich, dass diese Masterarbeit nicht alle Be- trachter abholen kann und wird, was aber auch nicht das gesetzte Ziel darstellt. Sie ImLaufemeinerRecherche,inderichzunächstbreitgefächertdasFeldabgesucht undmichindieverschiedenstenThemengebieteeingelesenhatte,fandichAnknüpfungspunkte undWendungen,mitdenenichmichmehrauseinandersetzteundtieferindieMaterie eintauchte.HierbeifielenmirimmerwiederKernfragenauf,fürdieichAntwortensuchte, aberkeinebefriedigendenfand.DiesesInteressewurdesozumMotormeinerfortlaufenden Nachforschungen.DierelevantenForschungsfragen,diemichinmeinerArbeit antreiben,lassensichindreiwesentlicheAspekteeinteilen: Spiegelt der bereits oben erwähnte Umbruch in der Gesellschaft durch den Female Shift einen Wandel in der Mode wider, die die weibliche Macht heute trägt? Welchen Zwängen des Dresscodes ist sie immer noch unterworfen? Wie bewusst wird das Erotische Kapital wirklich eingesetzt und wird mit seiner Außenwirkung in den Medien gespielt? Treten dabei verschiedene Charakter- isierungen und länderspezifische Unter- schiede im Selbstverständnis der politi- schen weiblichen Kleiderwahl auf? Braucht es mit Ausblick auf die Zukunft, bedingt durch eine neue Generation weiblicher Führungspersönlichkeiten und derer medialen Darstellung, ein Überdenken des Power Dressings bezie- hungsweise eine damit verbundene Forderung nach einem entspannten Umgang mit dem Kulturgut Mode? soll sich vielmehr als ein Plädoyer für mehr Erotisches Kapital und Selbstbewusstsein der Frauen verstehen – nicht nur auf dem rutschigen politischen Parkett, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Das Power Dressing darf nicht als ein Manko und notwendiges Übel, sondern bewusst als eine positive Chance wahrgenommen werden. Die vielfältigen Möglichkeiten, die die Mode den Frauen in jeglicher Hinsicht bietet, sind in den Augen des Großteils von Männern ein Privileg und sollten auch als ein solches von uns angenommen werden können. Zum anderen soll diese Thesis in Verbindung mit der Publikation auch den oftmals divergenten öffentlichen und medialen Diskurs hinterfragen und verdeutlichen, mit welcher Kritik Politikerinnen zu kämpfen haben. Die steten Beurteilungen von Jour- nalisten in Zeitungen, Magazinen und im Netz kippen größtenteils viel zu schnell in den emotionalen Bereich, was in spezifischen Fällen dem außenstehenden Betrachter eine Anmutung von einer modernen Hexenjagd vermitteln kann. Eine letztendliche Veränderung im Verhalten, in der Beurteilung und im Umgang mit dem Kulturgut Mode im Kontext von Macht und Weiblichkeit in den öffentlichen Massenmedien wäre demnach wünschenswert. “Women don’t want to be noticed for what they wear but for what they say.” (Young, 2011: S.00.), wie einst die australische Politikerin Mary Crawford formulierte. 1101 Einleitung MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung.
  7. 7. 12 1302 Soziohistorische Betrachtung NO. 01 S o z i o 02 B E 02.1 Die Vermessung des weiblichen Körpers Ein Zuviel an Weiblichkeit, ein Zuviel an Körperli- chkeit galt als vulgär (vgl. Prüfer, 2013: S. 35). Der Architekt Adolf Loos bezieht zum Beispiel in seinem Werk „Ornament ist ein Verbrechen“ weibliche For- men mit ein (vgl. Harms, 2012: S. 2). Selbstbewusste Weiblichkeit in der Körperkultur war der Moderne im Aufbruch nicht ganz geheuer. Auch patriarchalische Ideenlehren haben mit ihren Moralvorstellungen ver- sucht die Kleidung, das Auftreten in der Öffentlichkeit und die Körperkultur der Frau zu dominieren und das weibliche Erotische Kapital konsequent zu schwächen (vgl. Hakim, 2011: S. 10 und 12). Ulrike Döcker belegt durch die Manierenliteratur des 19. Jahrhunderts, dass die Körperlichkeit der Frau regelrecht aus dem bürgerlichen Denken verschwin- det. Für die Literaten der Manierenliteratur besitzt der weibliche Körper etwas Irritierendes und Bedrohliches, das nicht nur aus den Gedanken, Gefühlen und Tex- ten, sondern auch aus dem Leben verdrängt werden Frauen haben heutzutage die Möglichkeit weitest- gehend ihre eigene Silhouette zu bestimmen. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt wie sehr die weibliche Erscheinung durch die Jahrhunderte hin- weg von vielen Faktoren bestimmt wurde. Möchte man Mode verstehen, ist das weibliche Bild einer Ge- sellschaft ausschlaggebend. Körperlichkeit entsteht in einem Wechselspiel aus erotischen Signalen, gesell- schaftlichen Konventionen und Machtverhältnissen. Lange Zeit lag der Fokus auf der Optimierung durch Deformierung des Körpers der Frau, erst mit der fran- zösischen Revolution erblühte die Idee, dass Mode den natürlichen Körper zeigen könnte (vgl. Prüfer, 2013: S. 32). Durch die Industrialisierung ist in der Moderne Mode nicht nur mehr ausschließlich Ausdruck von Sta- tus und gesellschaftlichen Eliten: Die Kurzlebigkeit löst das prächtige Kleid ab und die ästhetische Optimierung der Silhouette der Frau propagierte einen genormten Frauentyp, der kaum noch als weiblicher identifizier- bar war und lediglich für eine Form der Identität stand. muss (vgl. Stein, 2006: S. 4). Als Folge der Industrie- produktion wurde die Mode durch und durch „von der Kleidung auf den Körper übertragen“, wie es die Modehistorikerin Gertrud Lehnert formuliert. Durch die Standardisierung müssen Frauen in die Kleidung passen, die ihnen vorgegeben wird. In der modernen Gesellschaft ist nicht mehr die Silhouette der Kleider vorbestimmt, aber die des Körpers. Das erweckt Hoff- nung, dass sich die Mode nun erstmals seit geraumer Zeit anderen, weiblicheren Körperformen widmet. Ein neues Spiel der Formen ist in der Entstehung und lässt ahnen, dass die Mode sich wieder der ganzen Vielfalt der weiblichen Körperlichkeit öffnet (vgl. Prüfer, 2013: S. 35). Auch auf dem Gebiet der Kultursoziologie stellt Karin Ludewig in ihrem Werk „Die Wiederkehr der Lust“ (2002) allgemein gültige Normen der Körperkul- tur in Bezug auf die feministische Theorie nach der Körperpolitik Foucaults und Butlers in Frage und plädiert für mehr Gelassenheit im Umgang mit den Geschlechtern. 02.2 Politik und Weiblichkeit im 19. Jahrhundert Die Vorstellung der Körperlichkeit der Frau wurde stark von dem bürgerlichen Moralkodex und Frauen- bild des 19. Jahrhunderts geprägt, dem wir zum Teil immer noch anhaften. Das gesellschaftliche Bild der Frau erlebte zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert einen fundamentalen Wandel, der sich mit der Tren- nung von Arbeits- und Wohnbereich vollzog und eine starke Privatisierung des Wohnens und damit gleichzeitigen Ausschluss der Frau aus dem öffentli- chen Teil des bürgerlichen Lebens nach sich zog (vgl. Stein, 2006: S. 1). Ulrike Döcker verdeutlicht in ihrer Arbeit „Die Ordnung der bürgerlichen Welt“ (1994), ausgehend von den sexualpessimistischen und anti- emanzipatorischen Rousseauisten, wie die Rational- isierung der Weiblichkeit in der Spätaufklärung mit der Entsinnlichung, beziehungsweise der Entsexual- isierung der Frau einhergeht. Nicht nur im öffentlichen und geistigen bürgerlichen Leben fand dieser Auss- chluss statt, sondern auch systematisch in den politisch- en Bereichen, besonders seit der Revolution von 1848 (vgl. Stein, 2006: S. 1). Die Definition und Rolle der Frau war eng verbunden mit der gesamten bürger- lichen Selbstdefinition. Um diese Rollenzuweisung zu verteidigen und zu legitimieren, entflammten im 19. Jahrhundert Diskussionen unter Zuhilfenahme von Biologie, Moral und Philosophie. Peter Gay formulierte in seiner Untersuchung „Erziehung der Sinne: Sex- ualität im bürgerlichen Zeitalter.“ (1986) äußerst treffend: „Dem bürgerlichen Jahrhundert wurde das Weib zum Problem.“ In der Einteilung der Geschlech- ter Mann und Frau an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert trat eine grundlegende Veränderung ein. So wurde schließlich im 19. Jahrhundert auf rein biolo- gischer Ebene argumentiert. „Mit der bürgerlichen Ge- sellschaft beginnt sich nach Laquer im 18. Jahrhundert ein ‚Zwei-Geschlechter-Modell’ zu entwickeln, demzu- folge Frau und Mann biologisch völlig different sind, was sich – daraus ableitbar – auch geistig ausdrückt“ (Stein, 2006: S. 2). Wie Peter Gay macht auch Laquer deutlich, wie sich die Brisanz und die Problematik der Geschlechter- definition und der weiblichen Rollenzuweisung in der durch die Aufklärung gewandelten Gesellschaft in Angstreaktionen manifestiert: Der Hintergrund für die Formulierung einer solchen Zwei-Geschlechter- Gesellschaft war keinesfalls eine Theorie des Wissens oder Zuflusses wissenschaftlicher Erkennt- nisse, sondern der Kontext war politisch. So entwick- elte sich in der enorm verbreiterten Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts und über das postrevolutionäre 19. Jahrhundert hinaus eine andauernde Auseinander- setzung um Macht und Rang zwischen und durchaus auch unter Männern und Frauen (vgl. Stein, 2006: S. 2). Die Natur, das biologische Geschlecht wurde für die Ordnung der Geschlechterrollen instrumentali- siert. Dazu wurde die unterschiedliche Sexualanatomie herangezogen, um Aussagen jeglicher Form in einer Unmenge von spezifischen, sozialen, ökonomischen, politischen, kulturellen oder erotischen Kontexten zu festigen oder von sich zu weisen (vgl. Stein, 2006: S. 2-3). Diese Art der Diskussionsweise ist auch heute noch vorzufinden und viele, nicht nur politisch enga- gierte Frauen haben dagegen anzukämpfen. Eine jener Frauen nimmt eine – bis in die heutige Zeit – herausra- gende Rolle für das Power Dressing ein. H i s t o r i s c h e Trachtung MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung.
  8. 8. 14 1502 Soziohistorische Betrachtung NO. 01 02.3 Margaret Thatcher: Die Ära der Eisernen Lady Margaret Thatcher wuchs als Tochter eines Kaufmannes und einer Hausfrau in einem bürgerlichen England auf und gehörte zur ersten Nachkriegsgeneration. Gegen Ende der siebziger Jahre betrat sie plötzlich die politische Bühne einer streikgeplagten Nation und wurde letztendlich dreimal auf- einander folgend Premierministerin, die das Land spaltete und selbst heute noch stark polarisiert. Die achtziger Jahre, in denen Thatcher auf enormen Widerstand stieß, waren ihre große Zeit. Viele empfanden ihre Art der weiblichen Machtpolitik abschreckend und ihre Gnadenlosigkeit ist unver- gessen. Die legendäre Konfrontation mit streikenden Bergarbeitern brachten Margaret Thatcher den Ruf als Eiserne Lady (vgl. McElvoy, 2012: S. 58 und S. 60) ein. Robb Young (2011: S. 34) schreibt über sie: „Margaret Thatcher became arguably the most powerful woman in the world, and it was her take on power dressing that became a key template for women rising in the political and professional ranks.“ Wie kam es zu so einem Aufstieg und dazu, dass ihr Name bis heute für Machtbewusstsein und politische Langlebigkeit steht? Dem lag ein einfacher Grund nahe: Thatcher war anders als alle der- zeitigen Politiker. Die Ära der achtziger Jahre war eine Zeit der mächtigen Männer in grauen unförm- igen Anzügen, die das Gesicht der Macht repräsentierten und den gleichen Politjargon sprachen. Dann betrat die Eiserne Lady das politische Parkett: Sie pflegte ihre eigenen Bonmots zu prägen, die bis heute gern zitiert werden und auf Fotografien aus jener Zeit ist ihre gelebte Lust an der Macht offensichtlich. Das war lange vor Angela Merkel, Condoleezza Rice und Hilary Clinton. Margaret scheute nicht ihre Weiblichkeit strategisch einzusetzen (vgl. McElvoy, 2012: S. 58). Bei den vielen politischen männlichen Kollegen und Gegnern und dem mitunter rauen Gegenwind wollte sie ihre Rolle als Frau – als eine der Ersten auf Führungsebene – bewusst nicht aufgeben. Thatcher selbst spielte oft mit dieser Ambivalenz, was ein Zitat aus einer ihrer Reden aus dem Jahr 1976 verdeutlicht: „I stand before you tonight in my green chiffon evening gown, my face softly made up, my hair gently waved. The Iron Lady of the Western World? Me? A Cold War warrior? Well, yes...“ (Robb, 2011: S. 35). Die britische Presse erfand den Ausdruck Handbagging, eine humoristische Referenz, um ihre Art der Führung zu charakterisieren, die sogar Eingang in das Oxford English Dictionary fand. Thatcher legte viel Wert auf die kleinen Symbole konservativer Macht. Deswegen trug sie ihre nüchtern- eleganten Handtaschen wie eine Rüstung, mit der sie andere auf Distanz hielt und Moral, Zuver- lässigkeit und Selbstdisziplin signalisierte (vlg. McElvoy, 2012: S.63). Nicht wenige ihrer konservativen Kollegen und Gegner glaubten damals, sie sei eine Fehlbeset- zung, Thatcher war jedoch weitaus scharfsinniger als viele annahmen. Ihre Durchsetzungskraft und Streitlust waren faszinierend und vieles in ihrem Verhalten erklärt sich aus der Herkunft aus dem bürgerlichen Milieu. Margaret besaß Sexappeal und wirkte doch prüde, als sie 1979 an die Macht kam, in einem Großbritannien, das mit den Rolling Stones, Glamrock und rebellischen Punk versuchte, alle damaligen Konventionen über Bord zu werfen. Die Eiserne Lady legte Wert auf konservative, gute Kleidung. Jene disziplinierte und perfektionierte Sorgfalt, die sie auf ihr Äußeres verwendete, hatte mit der Erkenntnis zu tun, dass nicht nur politische Führung von der Öffentlichkeit erwartet wurde, sondern auch eine repräsentative Erscheinung (vgl. McElvoy, 2012: S. 61). „Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen.“ Das ist wahrscheinlich die offenste feministische Aussage innerhalb ihrer politischen Karriere. Die Historikerin Amanda Foreman vertritt die Meinung, dass bisher Thatchers feministische Seite unterschätzt worden sei, da sie in einer Männer dominierten Welt eine Vorreiter- rolle inne hatte und den Frauen den Weg aufzeigte (vgl. McElvoy, 2012: S. 62). Georgia May Jagger als Margaret Thatcher, Terry Richardson. Harper’s Bazaar 09/2011 MY HANDBAGS DID GOOD SERVICE IN CABINET AND I AM PLEASED THEY ARE STILL HAVING THE RIGHT EFFECT. Margaret Thatcher ” „ MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung.
  9. 9. 16 1702 Soziohistorische Betrachtung NO. 01 02.4 Power Dressing und die kulturelle Inszenierung des Körpers Margaret Thatcher wurde mit ihrem markanten Stil – ihr Lieblingslabel war Aquascutum, die Handtasche musste von Ferragamo sein, das Perlenduett an Ohr und Hals – zur Ikone des Power Dressing und daran anschließend zur Vorreiterin für die exzessiven Schulterpolster und kastigen Kostüme der Achtziger (vgl. Young, 2011: S. 34-35). Der Begriff des Power Dressing fand seinen Eingang in Modelexika in den Achtzigern und definiert sich gebräuchlich als eine Adaption maskuliner Dresscodes zur weiblichen Art der Kleidung. Durch das Erscheinen von John T. Molloys Buch „Dress for Success“ (1975) formte sich der Begriff des Power Dressing. Der Bestseller und sein Nachfolger „The Women’s Dress for Success Book“ (1977) popularisierten dieses Modekonzept. Es dauerte nicht lange, bis 1985 die Massenmedien den Fachaus- druck verwendeten. Die Modeindustrie zog nach und inte-grierte den Dresscode spielerisch in Modekollek- tionen und Fashionshows (vgl. Young, 2011: S. 9-10). Ab 2010 konnte man eine Art langsame Neuerfindung und Überdenkung des bis zu diesem Zeitpunkt kaum erneuerten Power Dressings wahrnehmen. Ein Para- digmenwechsel innerhalb des Power Dressing vollzog sich, als Frauen nicht mehr länger das Gefühl hatten, für den Job eindeutig feminin anmutende Kleidung im Schrank hängen lassen zu müssen (vgl. Young, 2011: S. 10). Die Möglichkeit subtile Aussagen zu transportieren und Stimmungen durch die Mode zu vermitteln, ist gegenüber der statischen politischen Kleiderordnung der Männer ein herausragender Vorteil auf Seiten der Frauen. Überspitzt formuliert liegt die wahre Macht der männlichen Anzüge darin, nicht aufzufallen. Mode ist politisch und es ist noch nicht so lange her, dass Poli- tikerinnen vermieden über Mode zu sprechen, weil al- les, was sie tragen, ein gewisses Risiko in sich bergen kann. Der Grad zwischen Unverwechselbarkeit im äu- ßeren Auftreten und unangenehmem Auffallen ist sehr schmal. Politikerinnen sind faszinierende Charaktere: Sie sollen gleichzeitig mit Macht und Ansehen umge- hen können und dabei ihren persönlichen Stil im Schein der Medienöffentlichkeit entwickeln und kultivieren. Die Mode ist sicherlich weder fair noch narrensicher, aber ein fester Bestandteil des politischen Barometers, denn sie spielt eine große Rolle in der Steuerung der Karriere und des Emporkommens (vgl. Young, 2011: S. 153). Durch die ständige Präsenz moderner Massenme- dien und dem ständigen Blick der Öffentlichkeit begreifen wir unseren Körper längst als Statussymbol zur kulturellen Inszenierung. Durch äußerst spezifi- sche Körperpraxen und -modellierungen werden wir erst ein kompetentes Mitglied einer Gesellschaft oder Berufsgruppe. Kleidung spielt dabei eine wesentliche Komponente der kulturellen Körperkonstruktionen. Je nach Anlass und hierarchischer Strukturierung muss man für eine Dazugehörigkeit die subtilen Spielregeln von Kleidung, Körperhaltung und körpergebundene Handlungsweisen verstehen und mit ihnen umgehen können (vgl. Villa, 2007: S. 2). Im professionellen Han- deln stellt der Körper ein grundlegendes Werkzeug zur Inszenierung von beruflichen Ordnungen dar. Nach dem Verständnis von Erving Goffman besteht unser Handeln zum Großteil aus Impression Manage- ment, der Imagepflege gegenüber der Gesellschaft als Publikum (vgl. Villa, 2007: S. 3). Jeder Mensch agiert auf der Bühne des sozialen Lebens und dabei ist der Körper das wesentlichste Interaktionsinstrument. Die Geschlechterrollen des Weiblichen und des Männli- chen sind hierfür unterhaltsame Paradebeispiele jener Inszenierungen, für die man immer seltener konkrete Regieanweisungen aus unserer Gesellschaft bekommt und die dennoch äußerst stereotypisiert und normativ gelagert sind (vgl. Villa, 2007: S. 4). IT’S ALL ABOUT FINDING MARGARET THATCHER SEXY. Marc Jacobs Amerikanischer Modedesigner über die Inspiration für seine Kolletkion Herbst/ Winter 2004/5. ” „ WHAT MAKES THIS HOLE BUSINESS SO TRICKY IS THAT SOMETIMES YOUR CLOTHES CAN SEND A MESSAGE THAT IS DIAMETRI- CALLY OPPOSED TO THE ONE THAT’S COMING OUT OF YOUR MOUTH. Lynn Yaeger Ehemalige Modekolumnistin für New York’s Village Voice. MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung.
  10. 10. NO. 01 M 03 o d e n kein tröstliches“ (Schade, Wenk, 2011: S. 38). Die Globalisierung der Wirtschaft, der weltweite Aus- tausch von Informationen im Internet und interna- tionale Auseinandersetzungen führten Anfang des 21. Jahrhunderts zu einem rasanten weltweiten Anstieg migratorischer Bewegungen einzelner Individuen und ethnischer Gruppen, die es so zuvor noch nie gab. Somit wandern einerseits Bilder der jeweiligen hetero- genen Kulturen des Westens und andererseits Bilder der genauso heterogenen nicht-westlichen Kulturen um den Erdball und agieren als Projektion des Eigenen sowie des Anderen oder als Mischformen. Bedenkt man dies, muss man die Vorstellung von homogenen Kulturen verneinen, bestenfalls kann noch von hetero- genen kulturellen Komplexen gesprochen werden. Die unmittelbare Verständlichkeit von Bildern ist also ein Mythos. Bilder erwecken den Anschein, die Fähigkeit zu besitzen, Sprachdifferenzen zu überwinden. Außer- dem scheinen sie universal verständlich. Diese An- nahme der „Unmittelbarkeit des Zugangs zu Bildern“ ist bereits tief in unserem Alltagsverständnis verwur- zelt und als selbstverständlich erachtet. Der Glaube in diese unmittelbare Verständlichkeit einer sogenannten Bildsprache manifestiert sich in den Versuchen, in der globalisierten, modernen Welt etwas Ähnliches wie eine universale Zeichensprache zu entwerfen (vgl. ebd.: S. 13-14). Im Rückblick auf die vorhergehende soziohistorische Betrachtung im Zusammenhang mit dieser „Hegemo- nie des Sichtbaren“, existieren nicht nur massenhaft zirkulierende Bildwelten im Alltag, in Werbung und Berufen, sondern auch auf der politischen Ebene (vgl. Die allgegenwärtige, überbordende Dominanz von Bildern in unseren informationsübermittelnden, kul- turellen Prozessen geht einher mit einem offensicht- lichen gleichbleibenden oder scheinbar nachlassenden Austausch vom geschriebenen Wort in Textform. Die neuen Möglichkeiten durch den Computer und das World Wide Web als Medien haben diese Entwicklung entfacht und fördern diese. Bildproduktionen für den alltäglichen Gebrauch in sämtlichen Bereichen unserer Kultur entspringen weitgehend der „Sphäre des Massenkonsums und der Warenökonomie und –ästhetik“ (Schade, Wenk, 2011: S. 36). Die dabei außerordentliche Geschwindigkeit, in der sich mittler- weile Bildproduktionen bewegen, befeuert das Ham- sterrad weiter. Wurde zunächst noch von einer ‚Bilderflut’ gesprochen, entwickelte sich mittlerweile aus dem fortschreitenden Prozess eine ‚Bilderangst’, die schließlich als nächste prophezeite Stufe in einen regelrechten ‚Bilderkrieg’ münden soll (vgl. Schade, Wenk, 2011: S. 36). Phänomene wie Flickr, Pinter- est, Tumblr oder auch Instagram für Facebook können mittler- weile einen solchen Eindruck erhärten. W. J. T. Mitchell ist international einer der führenden Theoretiker im Bereich der Bildwissenschaft und sein Name verknüpft mit der Formung des Begriffes Pictorial Turn. 1992 schrieb er: „Die Fiktion eines Pictorial Turn, einer Kultur, die voll- ständig von Bildern beherrscht wird, ist nunmehr zu einer realen techni- schen Möglichkeit in globalen Ausmaß geworden. Marshall Mc Luhans ‚globales Dorf’ist heute ein Faktum und beileibe ebd.: S. 35 und 41). Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Bildlichkeit des Herrscherkörpers vorran- gig als weibliche Allegorien der Freiheit, des Sieges, der Republik, oder der Nation generiert. Weibliches verkörperte die Werte einer ganzen politischen Ge- sellschaft, nicht die wirkliche ausübende Macht selbst. Diese Art der Repräsentation von ausschlaggebenden Werten der Gemeinschaftsbildung durch Bilder von Weiblichkeit wurde bis in unsere Gegenwart getra- gen und durch die neuen Medien und das Internet auf eine neue Weise konserviert. Die öffentliche visuelle Omnipräsenz von Feminität in Allegorien, Skulp- turen, Gemälden und Reproduktionen – lange bevor Frauen als politische Subjekte wieder anerkannt wur- den – stellt ein Paradoxon dar, da es eine gleichzeitige Abwesenheit von Frauen in der direkten politischen Kultur über einen langen Zeitraum impliziert. Dies markiert einen Ausgangspunkt für feministische Kritik an der Repräsentation als ein System, das Machtstruk- turen und hierarchische Relationen verinnerlicht. Frau- en durften versinnbildlicht erscheinen für die Politik, aber keinesfalls war es ihnen erlaubt, mitzuwirken und Macht auszuüben. Generell ist der Anstieg an Sicht- barkeit in den Massenmedien kein Garant für einen damit verbundenen automatischen Zuwachs an Macht (Schade, Wenk, 2011: S. 107-108). Es ist interessant zu beobachten und zu verfolgen, wie sich seit der Eman- zipation die Situation der visuellen öffentlichen Om- nipräsenz der Frauen als rein schmückendes Beiwerk verändert hat. Wie geht die massenmediale visuelle Zeitenwende und Kultur mit Politikerinnen in Macht- positionen um? E T H 03.1 Im Fokus der Linse: Die Macht der Bilder 18 1903 Methoden ASPIRING MEMBERS OF PARLIAMENT BE WARNED. DRESS IN THE DARK AT YOUR OWN PERIL. WE LIVE IN A LOOKS-OBSESSED SOCIETY AND FOR MANY YOU ARE WHAT YOU WEAR. Audrey Gatawa Südafrikanische Organistorin des Style Survey on women politicans ” „ WHAT BETTER ENDORSEMENT FOR OUR INDUSTRY THAN TO HAVE A WONDER- FULLY WELL-DRESSED FIRST LADY? Oscar de la Renta Amerikanischer Modedesigner MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung.
  11. 11. 03.2 Hermeneutische Bildanalyse Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Diese allgemeine Weisheit trifft in vielerlei Hinsicht zu, da ein Foto eine geradezu unglaubliche Menge von Mitteilungen in sich selbst trägt. Es kann von vielschichtigen gesellschaftli- chen Ereignissen oder komplexen materiellen Begeben- heiten zeugen und in unzähligen Seiten beschrieben, gedeutet und in einen Kontext gesetzt werden. Foto- grafien sind dadurch als sozialwissenschaftliche Daten die wohl bekannteste Form der visuellen Soziologie (vgl. Harper, 2005: 403). In meiner Masterarbeit wende ich eine hermeneutische Bildanalyse an, um durch Beobachtung, Zuordnung und Interpretation zu meinen Erkenntnissen zu gelan- gen, indem ich das Power Dressing unter Politikerinnen in ihrer medialen öffentlichen Darstellung untersuche. Ich habe mich bewusst für einen Reduktionismus in meiner Herangehensweise entschieden, da ich aktuelle Phänomene innerhalb des politischen Power Dress- ings von Frauen durch Erstellung einer übergreifen- den Ordnung erkennen möchte, um diese anschließend deuten zu können. Die Hermeneutik als Theorie und praktische Methode der Auslegung und des Verstehens in Bezug auf die Medien scheint mir hierfür am geeig- netsten zu sein. Barbara Vinken verkündete einst: „Ein besonders gelungenes Kleid kann man so lesen wie ein Gedicht; beides kann dieselbe Inter- pretationsneugier anstacheln“ (Prinz, 2012: S. 1). Genau wie Bilder kann auch „Mode manchmal nur ein Moment, nur ein optisches Ereignis sein“ (Baum, Rechenberg, 2012/13: S. 256). Mode in gesellschaftlicher Hinsicht ist auch ein Ausdruck der jeweilig vorherr- schenden „menschlichen Hackordnung“ (Jessen, 2003: S 5.). Dies macht begreiflich, warum dem Körper in un- terschiedlichster konzeptioneller Weise innerhalb der Bilderzeugung eine solche Relevanz zugemessen wird (vgl. Breckner, 2010: S. 122). Durch das Verständnis für das Lesen und Deuten von Bildern und der körperge- bundenen und dazugehörigen Zeichen in ihnen, erfährt der Betrachter etwas über den sozialen Rang (vgl. Villa, 2007: S. 34). Das Gesehen-Werden, die visuelle Präsenz, ist eng mit Anerkennung gekoppelt, zugleich kann man sich aber auch normativer Beurteilung, negativer Beeinflussung und voyeuristischen Eingriffen in die Privatsphäre aussetzen (vgl. Schade, Wenk, 2011: S. 9). Im Sinne von Roland Barthes stellen Repräsentationen immer Mitteilungsarchitekturen dar. Mediale Präsenz wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte zu einem wichtigen Bestandteil sozialer und politischer Bewe- gungen (vgl. ebd.: S. 104-105). Beim Interpretieren sollte immer auch der eigenen Blick auf die Dinge, ebenso wie die eigene Verortung bedacht werden, um einen verantwortungsvollen Umgang mit visueller Kultur zu schaffen (vgl. ebd.: S. 7-10). NO. 01 20 2103 Methoden Um den Prozess der Einteilung in Kategorien und einer anschließenden hermeneutischen Bildana- lyse durchlaufen zu können, legte ich zuerst ein aus- sagekräftiges Bildarchiv an, das die Grundlage für meine weiteren Forschungen bildet und mir erlaubt, mit dem gesammelten Bildmaterial sinnvoll zu ar- beiten. Indem ich nach folgenden Kriterien nach Bildern systematisch im Netz suchte, vermied ich die wahl- und ziellose Durchforstung des Internets: 1) Verschiedene Nationalitäten der westlichen, europäischen Welt unter Einbezug von Amerika für einen heterogenen Querschnitt durch die Kul- turen: Deutschland, Schweiz, Frankreich, Groß- britannien, Italien, Spanien, Niederlande, Schwe- den, Ukraine/Russland, Vereinigte Staaten von Amerika (Insgesamt 11 Länder). 2) Politikerinnen in Führungspositionen von heute 03.2.1 Bildarchiv und Auswahlkriterien und der frühen Vergangenheit, die einen Verant- wortungsposten inne und Entscheidungsgewalt haben. Außerdem: Medienpräsenz und öffent- licher Diskurs für ausreichend vorzufindendes Bildmaterial im Internet. Ausschluss von Politiker- Gattinnen, da sie noch wesentlich in das patriar- chalische System eingebettet sind und hauptsäch- lich schmückendes Beiwerk darstellen, sowie keine direkte Macht besitzen (Insgesamt 44 Politiker- innen). 3) Verschiedene politische Strömungen als Querschnitt durch die Parteienlandschaft: Liberale, Konservative, Sozialdemokraten, Grüne, Piraten. 4) Kontext von verschiedenen öffentlichen, sowie privaten Auftritten: Im Parlament, Staatsbesuche, Empfänge, Interviews, Fernsehauftritte, Demon- strationen, Wahlkampagnen, Bälle, Charity Events. Nach diesen Punkten, die ich bei meiner Suche sys- tematisch verfolgte, entstand eine Bildsammlung von insgesamt 2.399 Fotografien, deren Auflistung im Folgenden im Detail zu sehen ist: JUST BECAUSE WE WEAR EAR- RINGS DOESN’T MEAN WE CAN’T THINK. Madeleine Albright Erste ehemalige US-Außenministerin ” „ MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung. UNSERE SELBSTLIEBE NIMMT DIE VERURTEILUNG UNSERES GESCHMACKS UNWILLIGER HIN ALS DIE UNSERER ANSICHTEN. Pierre Bourdieu Die feinen Unterschiede ” „
  12. 12. 22 2303 Methoden DEUTSCHLAND 01. Angela Merkel CDU/CSU – christlich-konservativ Fotos: 79 02. Claudia Roth Bündnis `90 – ökologisch, ökonomisch, sozial Fotos: 74 03. Hannelore Kraft SPD – sozialdemokratisch Fotos: 74 04. Sabine Leutheusser- Schnarrenberger FDP – liberal Fotos: 71 05. Marina Weisband Piraten – sozial-liberal-progressiv Fotos: 56 Summe: 354 SCHWEIZ 01. Micheline Calmy-Rey SP – sozialdemokratisch Fotos: 70 02. Eveline Widmer-Schlumpf BDP – bürgerlich-demokratisch Fotos: 57 03. Karin Keller-Sutter FDP – freisinnig-demokratisch Fotos: 52 04. Marlies Bänziger Grüne Partei – ökologisch Fotos: 35 Summe: 214 FRANKREICH 01. Cécile Duflot Europe Écologie-Les Verts – ökologisch, ökonomisch Fotos: 66 02. Marielle de Sarnez Mouvement démocrate – zentristisch- liberal Fotos: 52 03. Marine Le Pen Front National – rechtspopulistisch Fotos: 52 04. Rachida Dati Union pour mouvement populaire – christlich-konservativ Fotos: 89 05. Ségolène Royal Parti socialiste – sozialdemokratisch Fotos: 93 Summe: 352 GROßBRITANNIEN 01. Caroline Lucas Green Party of England and Wales – ökologisch, ökonomisch, republikanisch Fotos: 65 02. Diana Wallis Liberal Democrats – linksliberalistisch Fotos: 53 03. Margaret Beckett Labour Party – sozialdemokratisch Fotos: 53 04. Marina Yannakoudakis Conservative Party – konservativ Fotos: 26 04. Mary Mc Aleese Fianna Fáil – konservativ Fotos: 73 Summe: 270 ITALIEN 01. Daniela Santachè Alleanza Nazionale – national -konservativ Fotos: 81 02. Mara Carfagna Forza Italia – wirtschaftsliberal Fotos: 55 03. Mariastella Gelmini Popolo della Libertà – christlich- demokratisch Fotos: 54 Summe: 190 SPANIEN 01. Carme Chacón Partit dels Socialistes de Catalunya – sozialdemokratisch Fotos: 49 02. María Teresa Fernandez de la Vega Partido Socialista Obrero Español – sozialdemokratisch Fotos: 71 03. Rita Barberá Partido Popular – konservativ, wirtschaftsliberal Fotos: 41 04. Rosa Díez González Unión Progreso y Democracia – zentristisch-liberal Fotos: 41 Summe: 202 NIEDERLANDE 01. Femke Halsema GroenLinks – ökologisch, ökonomisch Fotos: 41 02. Marja van Bijsterveldt Christen Democratisch Appèl – christdemokratisch Fotos: 33 03. Marleen Barth Partij van de Arbeid – sozial- demokratisch Fotos: 26 04. Neelie Kroes Volkspartij voor Vrijheid en Democratie – rechtsliberal Fotos: 44 Summe: 144 SCHWEDEN 01. Annie Lööf Centerpartiet – grün-bürgerlich Fotos: 55 02. Beatrice Ask Moderata samlingspartiet – bürgerlich-konservativ Fotos: 46 03. Cecilia Wikström Folkpartiet liberalerna – linksliberal Fotos: 32 04. Margot Wallström Socialdemokraterna – sozial- demokratisch Fotos: 49 Summe: 182 UKRAINE/ RUSSLAND 01. Julija Tymoschenko Allukrainische Vereinigung „Vater- land“ – sozialdemokratisch Fotos: 73 02. Swetlana Chorkina Einiges Russland – konservativ Fotos: 31 03. Lola Woronina Piraten – sozial-liberal-progressiv Fotos: 45 04. Walerija Iljinitschna Nowodworskaja Demokratische Union – radikal liberal Fotos: 26 05. Walentina Iwanowna Matwijenko Russische Föderation – kommunistisch Fotos: 25 Summe: 155 VEREINIGTE STAATEN 01. Condoleezza Rice Republikanische Partei – konservativ Fotos: 109 02. Hillary Clinton Demokratische Partei – progressiv Fotos: 75 03. Jill Stein Green Party of the United States – ökologisch, ökonomisch Fotos: 32 04. Nancy Pelosi Demokratische Partei – liberal Fotos: 58 05. Sarah Palin Republikanische Partei – neokonservativ Fotos: 62 Summe: 336 2.399 a b c 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 14 13 15
  13. 13. Nachdem ich genügend unterschiedliches Bildmaterial für die Sammlung und Einteilung aus dem Internet gesammelt hatte, um Aussagen generieren zu können, war das Archiv abgeschlossen. Als nächster Schritt in meiner Forschung begann ein mehrstufiger Prozess der Bildsortierung, bis sich die wichtigsten Hauptkategorien mit den frappierendsten Auffälligkeiten am Ende heraus kristallisierten. 1) Phase: Sichtung des gesamten Bildmaterials, um mich damit vertraut zu machen und Anfertigung erster Notizen dazu. 2) Phase: Anhand dieser Notizen, der Hilfe meiner betreuenden Dozenten und im Gespräch mit den Teilnehmern meines Workshops ergab sich eine erste detaillierte Kategorisierung, mit der ich mich bewusst auf eine kleinteilige Untersuchung einließ und nah am Objekt blieb. Für abstraktere Begrifflichkeiten bestand die Gefahr in die Richtung der Manierenliteratur zu gehen, was ich explizit vermied, um der Semantik der Kleidung mehr Bedeutung zu schenken. In der Manierenliteratur wird nach dem ‚Was’ und ‚Wie’ gefragt, während ich mich auf das ‚Was’ und ‚Warum’ konzentrierte. Es fand eine erste Sortierung nach folgenden Punkten statt, die im bisherigen Power Dressing-Dresscode eine Rolle spielten: 01. Steigendes, fallendes Revers; 02. Männliche Attribute; 03. Weibliche und männliche Kragenformen (rund, eckig); 04. Dekolleté; 05. Grad der Taillierung, -betonung, Hüftbeto- nung; 06. Rocklänge; 07. Farben und Muster; 08. Sichtbarkeit des Schlüsselbeines, Hochgeschlossenheit; 09. Schulterpol- ster (Rund-, Flach-, Kantpolster); 10. Zweireiher, Einreiher; Hoch-, Tiefgeschlossenes Revers; 11. Schmuck, Uhr;12. Frisur, Make Up; 13. Schal, Tücher; 14. Absatzhöhe (spitze Schuhe, Stiefel, Pumps, Schnürschuhe); 15. Hosen: weites, gerades, umspielendes, enges Bein; 16. Farbkontraste und Farbharmo- nien; 17. Taschen; 18. Taschenformen auf Jacken; 19. Applika- tionen, Stickereien, Verzierungen; 20. Marken, Logos. 3) Phase: Nach dieser ersten Sortierung sichtete ich das Bildmaterial in seinen ein- zelnen Einteilungen ein weiteres Mal und ging dabei nach der deduktiven Meth- ode vor, dem Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere. Diese Methode ließ mich die Kategorisierung in der zweiten Phase überdenken und überarbeiten, wodurch eine zweite Kategorisierung stattfand. Innerhalb dieses neuen Durchgangs zeichnete sich schließlich eine komprimierte Ordnung ab, die ich nach folgenden Clusterings vollziehe: 01. Die Farbe Rot; 02. Pastell; 03. Schwarz-weiß ; 04. Mus- ter; 05. Schal/ Tuch; 06. Handtasche; 07. Perlen-Set; 08. Frisur, 09. Schuhe, 10. Tweedkostüm, 11. Grafisch-strenge Schnitte, 12. Bordierung. 03.2.2 Zirkulärer Prozess der Kategorisierung NO. 01 24 2503 Methoden Dass die kontemporäre Mode weitaus mehr ist als nur ein bloßes Oberflächen- phänomen verdeutlicht die Aussage des Philosophen Walter Benjamin: „Wer die Mode zu lesen versteht, kann lesen, was kommt“ (Prinz, 2012: S. 3). Wer das Verständnis für dieses Lesen besitzt, für den kann die Mode wahrschein- lich der gesellschaftliche Seismograf überhaupt sein. Es bedarf bei der Bildanalyse allerdings einer subtileren Umgangsweise und eines größeren Weitblicks, als es zum Beispiel diese Parole veranschaulicht: „Wenn die Kurse krachen, werden die Röcke kürzer und die Lippen röter“ (ebd.: S. 3). Die Mode wird vom Soziologen Georg Simmel als soziales Phänomen charakterisiert, da sie die Macht der Erscheinun- gen, die Oberfläche zeigt (vgl. ebd.: S. 5). Wird die Mode im Detail angesehen, folgt die Erkenntnis, dass sie nicht flüchtig oder beliebig ist, sondern die von ihr selbst errichteten Codes durchschreitet (vgl. ebd.: S. 1). In meiner Interpretation des Bildmaterials und der Kategorien hielt ich mich an die Worte von W. J. T. Mitchell: „The meaning of the picture does not de- clare itself by a simple and direct reference to the object it depicts. It may depict an idea, a person, a ‚sound image‘ (in the case of the rebus), or a thing“ (Breckner, 2010: S. 23). Auf ihre eigene Art und Weise entwickeln Bilder selbstständig Gehalt und Sinn. Das passiert in dieser Hinsicht zwischen „– materiellen Bild-Gegenständen und imaginären Vorstellungen; – der Wahrnehmung und Darstellung von Körpern und Figuren; – den medialen Gestalten und technischen Apparaten der Bilderzeugung; – institutionellen Kontexten; – kulturhistorischen und fachdisziplinären Diskursen; – Bildern und ihren blickenden, begehrenden Zuschauern.“ Die gesellschafts-historische und kulturelle Bedeutung von Bildern ist nicht zuletzt ein politisches Phänomen bzw. ein Phänomen des Politischen“ (ebd.: S. 27). Das Konzept Mitchells möchte interessante Betrachtungsweisen gesellschaftlicher und geschichtlicher Realitäten in unterschiedlichen Arten von Bildern aufzeigen und die Möglichkeit der Erörterung geben. Die Mischung aus historischer Herlei- tung, vergleichender Aufgliederung, Betrachtung des öffentlichen Diskurses und letztendlich auch Hermeneutik beinhaltet ein hohes, konzeptionales Potential des Austausches und des Auf-Sich-Gegenseitig-Beziehens im Kontext verschiedenster Ebenen (vgl. Breckner, 2010: S. 27-28). 03.2.3 Interpretation Nachdem ich zu ersten Annahmen und Vermutungen gekommen war, wollte ich diese mit Hilfe eines Work- shops überprüfen lassen. Dazu wählte ich einen kleinen Kreis von fünf Protagonisten aus, zum einen Mode- fachleute und zum anderen Fachfremde. Eine Auswahl von ausgedrucktem Bildmaterial aus meinem Archiv legte ich großflächig in einem seperaten Raum aus und ließ der Gruppe zunächst genügend Zeit, das Bildma- terial zu sichten und sich damit vertraut zu machen. Danach stellte ich gezielte Fragen, um eine Diskussion innerhalb der Gruppe zu generieren und zu moder- ieren. Dabei hielt ich mich allerdings bewusst im Hinter- grund und nahm mehr den beobachtenden Charakter ein, um Notizen zum Gesprächs- und Erkenntnisver- lauf zu machen. Während des Workshops kristallisierte sich heraus, dass die Identität von Politikerinnen und ihre damit verbundene Wahrnehmung in der Öffentlichkeit eine wichtige Rolle spielen. Die US-Politikerin Sarah Pa- lin wurde zum Beispiel von den Teilnehmenden als negativ bewertet, da sie in ihren Augen etwas ‚Aufge- setztes’ in ihrem Äußeren an sich hatte, während die deutsche Politikerin Claudia Roth positiv auffiel, da ihre Identität, bedingt durch ihre Kleidung und Frisur, als unverwechselbar wahrgenommen wurde und ihren eigenen Stil transportiere. Es hieß, die Wähler wüssten, wer sie sei. Auch die Erscheinung von Hillary Clinton wurde äußerst gelobt, da sie im direkten optischen Ver- gleich der letzten Jahre ihrer politischen Karriere von der Politikergattin des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton bis zur eigenständigen Laufbahn als Außen- politikerin in ihrem Stil gewachsen sei und eine gewisse unaufgeregte ‚Klasse’ ausstrahle. Insgesamt wurde eine Tendenz festgestellt, dass je höher die Position der Politikerin sei, desto gedeckter beziehungsweise monochromer die Farbwahl verlief. Auffällige Muster wurden nur wenig und dezent vorgefunden, genauso wie Schmuck, der ebenfalls zurückhaltend und dezent seinen Einsatz fand. Bei den Farben nahmen die Teil- nehmer in der Übersicht der gesamten heterogenen Masse der Bilder eine starke Tendenz zu Rot, Schwarz, Grün, Weiß und Orange wahr. Starke Kontraste fanden sie mehr vor als Pastelltöne, die kaum merklich in der Masse auffielen. Überraschend wenig klassische Hemden tauchten als Adaption männlicher Attribute auf. Diese suchte man mehr oder minder vergebens. Es wurde heraus gearbeitet, dass männliche Attribute eher durch eine grafische, formale Strenge als Verweis auf Männ- liches eingesetzt werden. Die schweizerische Politikerin Micheline Calmy-Rey strahlte für die danach befragten Teilnehmer durch ihre Neutralität und Strenge, so- wohl in der Kleidung als auch im Äußeren, am meisten ‚Power’ und Macht aus. Muster hingegen hätten den Anschein des Vertrauten-Hausmütterlichen. Die Ergebnissen aus dem Workshop bekräftigten mich in meinen bereits vorher gefassten Annahmen und auf dieser Basis führte ich meine Bearbeitung fort, die schließlich in eine letzte, abschließende Phase mündeten. 4) Phase: Aufgrund der Diskussionsergebnisse aus dem Workshop konzentrierte ich mich auf fünf Clusterings beziehungsweise Themenfelder, mit der höchsten Vorkommensrate und Auffällig- keit in der Masse meines gesamten Bildarchives: 1. Frisur – Gesicht – Identität. 2. Erotisches Kapital: Sexappeal und Charme. 3. Schal/Tuch: Die weibliche Krawatte. 4. Die Farbe Rot: Wirkung und Kontrast – Here I am. 5. Schwarz und grafische Strenge: Die neue weibliche Männlichkeit. In Anbetracht von soziokulturellen Hintergründen, Farbpsychologie beziehungsweise -symbolik und der Geschichte der Mode ging ich zu der hermeneutischen Bildanalyse über und knüpfte Verbindungen. 03.3 Visueller Workshop mit Diskussionsrunde MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung. DISKURS UND FIGUR HABEN JEWEILS IHRE EIGENE SEINS- WEISE; ABER SIE UNTERHALTEN KOMPLEXE, VERSCHACHTELTE BEZIEHUNGEN. IHR WECHSEL- SEITIGES FUNKTIONIEREN GILT ES ZU BESCHREIBEN. Michael Foucoult Worte und Bilder ” „
  14. 14. NO. 01 A N A L Y S E 04 D E U N D 26 2704 Analyse und Decodierung CODIERUNG MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung. X MODISCHE INDIVIDUALITÄT ON-TREND MEDIEN,FASHION SHOWS, MAGAZINE ON-MESSAGE DISZIPLIN,AUTORITÄT, STABILITÄT Der amtierende US-Präsident Barack Obama gestand einem Autor der Vanity Fair: „Ich entscheide nicht mehr was ich anziehe oder esse. Dafür muss ich einfach zu viele Entscheidungen treffen“ (Exner, 2012). Diese Aussage enthält zwei Seiten: Einerseits hinterlässt sie den Eindruck einer Ab- sage an die Mode, aber andererseits kann sie genauso als eine Anerkennung ihrer Macht verstanden werden. Möchte man mit seiner Kleidung eine explizite Botschaft vermitteln, erst recht während eines Wahlkampfes, zieht man diese nicht einfach aus dem Schrank (vgl. Exner, 2012). „Power Dressing war das Schlagwort für ehrgeizige berufstätige Frauen, die der Männerwelt ihren Stempel aufdrücken wollten“ (Worsley, 2011: S. 83), so erläutert ein Modefachbuch den Begriff des Power Dress- ing. Doch wie sieht das heutzutage wirklich aus? Ist aus dem vorgefertigten Stempel eine eigene Handschrift entstanden? Für die nachfolgende Analyse wählte ich un- terschiedliche Fotografien aus den Medien von Politikerinnen aus und sortierte diese nach den auffälligen Themenfeldern: 1. Frisur – Gesicht – Identität. 2. Erotisches Kapital: Sexappeal und Charme. 3. Schal/Tuch: Die weibliche Krawatte. 4. Die Farbe Rot: Wirkung und Kontrast – Here I am. 5. Schwarz und grafische Strenge: Die neue weibliche Männlichkeit.w Ich möchte dabei meine Sichtweise zu den jeweiligen Erscheinungen und Zusam- menhänge zwischen Garderobe und Person beschreiben und interpretativ meine Thesen ableiten. Indem ich durch diese fünf Felder leite, möchte ich ein aktuelles Portrait von Power Dressing vermitteln. LOOKING AT OUR POLITICIANS SWANNING IN, I COULDN’T HELP BUT WONDER HOW THE OPENING OF PARLIAMENT BECAME ONE OF THE MOST WATCHED EVENTS ON THE FASHION CALENDAR. Therese Owen Südafrikanische Journalistin ” „
  15. 15. NO. 01 28 2904 Analyse und Decodierung MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung. Einer der meist diskutierten Köpfe – zumindest in Hinblick auf die Frisur – ist der Kopf der ehemaligen US-Außenministerin Hillary Clinton. In der von 2008 bis 2013 aufgereihten bildlichen Abfolge ihrer Frisurenfindung lässt sich sehr gut do- kumentieren, wie entscheidend die richtige Frisur bei Politikerinnen zur eigenen Identitätsbildung beiträgt. In der ersten Reihung von 2008 bis 2010 (04.1.1-6) trägt Hillary Clinton ihre Haare klassisch kurz. Deutlich zu erkennen sind der gerade strenge Seitenscheitel und die aufgeföhnten, hinter den Ohren zurück genommenen Seitenpartien, die im Nack- en kurz auslaufen. Zu dieser Zeit war sie amtierende Senatorin für den Bundesstaat New York und kandidierte bei den Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl für die Nominierung ihrer Partei, unterlag jedoch Barack Obama nach einem langen Vorwahlkampf. Diese Kurzhaarfrisur steht in der Tradition des berühmten „Kur- zhaarhelm aus Beton“ von Margaret Thatcher, wie die Medien gerne schreiben. Diese bei Politikerinnen (siehe auch Angela Merkel, Mary McAleese) allgemein sehr beliebte und praktische Frisur gewährleistet zuverlässig einen permanenten souveränen Auftritt vor den Augen der Öffentlichkeit. Sie scheint auf den zweiten Blick aber auch die alte Akzeptanztheorie zu unterstreichen: Nur wer sich in äu- ßerer Erscheinung ähnelt, wird in die eigenen Kreise gleichwertig aufgenommen. Aufgrund dessen passen sich auch heute noch Frauen dem männlichen Ideal in der Politik an: Anzug und Kurzhaarfrisur. Diese Gesetzmäßigkeit der Ähnlichkeit wird nun aber immer mehr durchbrochen, indem beispielsweise lange Haare und sehr weibliche Schnitte und Konturen zur Schau gestellt werden, um sich äußerlich von den männlichen Kollegen stärker abzugrenzen. So auch gesehen bei Hillary Clinton. Sie wich vom Ideal der Kurzhaarfrisur ab und liess ihre Haare auf Schulterlänge wachsen. Nachdem Hillary Clinton gegen Ba- rack Obama im Vorwahlkampf verloren hatte, wurde in den Medien darüber dis- kutiert, ob das sogenannte „Haarreif-Debakel“ bei ihren öffentlichen Auftritten eine entscheidende Rolle dabei gespielt hätte und der eigentliche heimliche Grund für die Niederlage gewesen wäre. Ihre bis dahin in Übergangslänge gewachsenen Haare schob sie mit einem schwarzen, samtigen Haarreif von der Stirnpartie nach hinten (04.1.7). Dies wirkt einerseits für ihr Alter äußerst mädchenhaft und andererseits auch gutgläubig. Äußerliche Attribute also, die man nicht mit einer starken Führ- ungspersönlichkeit verbindet. Hillary Clinton scheint aus dieser Begebenheit gelernt zu haben und gab den Rat auch als Schlusssatz bei einer Rede vor Absolventen der Eliteuniversität Yale weiter: „Achten Sie auf ihre Frisur, denn jeder andere wird es auch tun.“ In der zweiten und dritten Reihung von 2010 bis 2013 (04.1.8-13) ist zu erkennen, dass Hillary Clinton zu ihren persönlichen, weiblich-modernen Stil findet. Sie trägt zunächst ihr Haar vor allem bei Auslandsreisen und Reden streng zurück genom- men – vom klassischen Dutt bis zum tiefen Pferdeschwanz – und strahlt damit Sou- veränität und Vertrauen in ihre Fähigkeiten aus. Wenig später präsentiert sie ihr Haar 04.1 Frisur – Gesicht – Identität Kampagne „Hillary 2016“ in regelmäßigen Abständen offen mit weichen, weiblichen Wellenbewegungen – eine neue Ausstrahlung und Anerkennung ihrer Weiblichkeit in ihrem Amt der US-Aus- senministerin (04.1.14-19). Dies zeigte Wirkung: Bis zum Ende ihrer Amtszeit galt sie als beliebteste Politikerin Amerikas und belegte von 2011 bis 2012 nach Angela Merkel Platz zwei der World’s 100 Most Powerful Women des Forbes Magazine. Ob- wohl sie sich im Februar 2013 aus dem politischen Geschehen zurückzog, sehen viele Hillary Clinton als mögliche Präsidentschaftskandidatin und es kursieren im Internet diverse Kampagnen für „Hillary 2016“ (04.1.20). Diese Beliebtheitsentwicklung fußt letztendlich auch auf ihrer optischen Entwicklung von einer First Lady hin zu einer ernstzunehmenden Politikerin, die ihre Identität gefunden hat. Warum ist das Thema der Frisur so ausschlaggebend in den Medien und damit für die Politikerinnen? Politikerinnen müssen immer bereit sein für die Kamera, deshalb kursiert das Thema der gut oder schlecht sitzenden Frisur immer in den Medien und stellt gleichermaßen ein ernstzunehmendes „Big Business“ dar. Die Frisur ist die Rahmung für das Gesicht: Hierbei werden Politiker eher als Charak- terköpfe wahrgenommen und Politikerinnen avancieren zu Ikonen, unter ander- em dank ihrer Frisuren. Dabei geht es aber um Genauigkeit, um einen perfekten geradlinigen Schnitt, der gepflegt aussieht. Weitere Beispiele für identitätsprägen- de Frisuren in hohen Machtpositionen neben Hillary Clinton und Angela Merkel (4.1.21-24) sind auch Claudia Roth (4.1.25-28) und Micheline Calmy Rey (4.1.29-32). Zunehmende öffentliche Auftritte von Politikerinnen, die das Haar offen und läng- er tragen zeigen, dass der Code, dass nur geschlossenes Haar Ernsthaftigkeit und Seriösität ausstrahle, aufgebrochen wird. Dadurch entwickelt sich das offene Haar zum visuellen Zeichen für eine Befreiung von alten Konventionen und für mehr Weiblichkeit und Individualität. Ein weiterführendes Experiment mit dem Ver- decken der Gesichtern bei sowohl männlichen, als auch weiblichen Politikern ver- deutlicht: Die Frauen lassen sich anhand ihrer Frisur immer noch durch ihre Indi- vidualität erkennen und auch schneller wahrnehmen. Die Männer hingegen „ver- schwinden“ in einer Masse von Gleichförmigkeit. Während bei den Herren grafisch heruntergebrochen nur zwei Formen von Frisuren vorherrschen, erreichen die Frauen eine vielfältigere Formenvariation. Die Frisur ist demnach neben dem Ein- satz von Farbe eine weitere Möglichkeit, sich aus einer Gruppe von Politikern ab- zusetzen. Anstatt einer althergebrachten Gesetzmäßigkeit des Ähnlichen zu folgen, tritt die neue weibliche Erscheinungsform des Individuellen. Politikerinnen können mit der Wirkung ihres Gesichtes und der umrahmenden Frisur in Verbindung mit Hintergrundwissen aus den Medien über ihre Person Empathie beim Betrachter und schließlich auch beim Wähler erzeugen. Eine weitere Option, die dem Power Dressing eine neue Dimension verleiht. Hillary Clinton Haarreif-Debakel “I’m fabulous!” 04.1.7 04.1.20 ACHTEN SIE AUF IHRE FRISUR, JEDER ANDERE WIRD ES AUCH TUN. Hillary Clinton Ehemalige US-Außenministerin ” „
  16. 16. NO. 01 30 3104 Analyse und Decodierung MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung. 04.2 Erotisches Kapital: Sexappeal und Charme Ästhetisch souverän mit der eigenen Weiblichkeit umzugehen und sie bewusst zu präsentieren, ist ein weiteres Anzeichen für den Female Shift. Dieses neue Selbstbe- wusstsein der Politikerinnen macht sich international in der Kleiderwahl bemerkbar. Seinen natürlichen Sexappeal mit Charme nach außen zu kehren, ist sicherlich nicht die schlechteste Taktik. Eine Frau, die dies auf dem politischen Parkett einsetzt, muss auch vorsichtig sein und Fingerspitzengefühl beweisen. Nach Catherin Hakims gleichnamigen Buch geht das Erotisches Kapital weit über die Rocklänge und die Ab- satzhöhe hinaus. Es setzt sich vielmehr aus sozialer Kompetenz, Intelligenz und Cha- risma zusammen – einer Ausstrahlung, die man nur schwer fassen kann und sowohl von Frauen als auch von Männern gleichermaßen eingesetzt werden kann. Das beste Beispiel hierfür ist Barack Obama und zeigt auf, dass die äußere Wirkung eines Men- schen uns viel mehr beeinflussen kann, als man das zunächst zugeben möchte. Bei einem ersten Überblick über die ausgewählten Fotografien kann man Humor, Provokation und sogar eine Prise Verruchtheit wieder erkennen. Dabei umfasst die Spannweite der neuen Betonung der Weiblichkeit mit Hilfe der Kleiderwahl ein- ige Facetten: Von a) hausmütterlich-aufdringlich wie Sarah Palin, die mit einem schwarzen Bleistiftrock, roter Satinbluse und passender roter Aktentasche eher die adrette Vorstellung einer Sekretärin wiederspiegelt, als einer seriösen Politikerin (04.2.1-2). Ihre Erscheinung wirkt auf den Betrachter im Gesamtbild unangenehm. Über b) spielerisch-natürlich mit einem Zwinkern wie Cecile Duflot und Neelie Kroes. Klassische modische Weiblichkeit wird hier erfrischend unaufgeregt mit A-förmigen Kleidern und Pumps im Stil der fünfziger Jahre unterstrichen (04.2.3, 04.2.8). Zu c) betont businesslike wie Mara Carfagna und Mariastella Gelmini. Die Strenge klassischer geradliniger Schnitte wird aufgebrochen durch weiche, fließende Stoffe und hochwertige Materialien (04.2.26-29, 04.2.33). Bis hin zu einer d) Femme Fatale wie Daniela Santachè. Ihre von Natur aus typische italienische Erscheinung und Sanduhrfigur unterstreicht sie mit enganliegender, figurbetonender Kleidung, die entweder Bein vom Knie abwärts oder Ausschnitt zeigt, die jedoch trotz aller Of- fensivität einen gewissen Chic behält (04.2.18-25). Bei diesen unterschiedlichen Facetten und deren individuellen Inszenierungen des Erotischen Kapitals steckt oftmals das Ausschlaggebende im Detail. Die Details werden visuell wie modische Zitate eingesetzt, deren Wirkungen dem Betrachter oft- mals erst auf den zweiten Blick bewusst werden. So kleidet sich eine Rachida Dati bei einer öffentlichen Rede zwar ganz in schwarz und klassisch mit Blazer, durchbricht dieses aber mit leuchtend roten Highheels, die schließlich auch noch in der letz- ten Reihe wahrzunehmen sind (04.2.13-14). Oder die roten Fingernägel der Neelie Kroes. In reinem weiß ist dagegen die Tweedjacke gehalten, mit zeitlosem Perle- nohrschmuck. Das hebt wiederrum den starken Kontrast zu den roten Fingernägeln nochmals hervor (04.2.6). Oder die Betonung des V-Ausschnittes bei Mara Carfagna und Daniela Santachè (04.2.18, 24, 25, 27). Auch die hohen schwarzen Stiefel, die knapp unter das Knie reichen bei Rachida Dati und Cécile Duflot und zu einem femininen Kleid mit Mantel kombiniert sind, strahlen unverhohlen weibliches Selb- stbewusstsein aus (04.2. 4, 10, 15). Der Einsatz von nur einzelnen Elementen mit einer wohl dosierten Portion Sexappeal in der Garderobe wie den auffälligen Schuhen, Accessoires, weichen und fliessenden Stoffen, der Betonung des Ausschnittes und dem spielerischen Umgang damit, verschafft eine nötige Balance, damit das Gesamt- bild nicht in das Vulgär-spießige kippt wie bei Sarah Palin, sondern wie bei Carmen Chacón (04.2.38-42) erfrischend wirkt. Der berechtigte Einwand, dass Erotisches Kapital nur zum Grossteil funktioniert, wenn die Politikerinnen verhältnismässig jung sind, entkräften anschaulich Neelie Kroes (04.2.5-9) und Maria Teresa Fernandez de la Vega (04.2.43-46). Als „ältere Se- mester“ in der Politik zeigen diese Damen, was der Mut zu und das Interesse an weiblicher Mode bewirken kann. Sie beweisen Lust zur Farbe, hohen Absätzen und schmückenden Accessoires sowie Make Up. Auch an einen kräftigen Farbeinsatz, wie leuchtendes Pink zu roten Fingernägeln, wagt sich Neelie Kroes und zeigt so, dass man sich im Alter nicht modisch zurücknehmen muss (04.2.5). Einen großen länderspezifischen Unterschied innerhalb des Nutzens des eigenen Erotischen Kapitals fällt auf, wenn man im Verhältnis deutsche oder Schweizer Poli- tikerinnen den Kolleginnen aus südlichen Ländern wie Spanien, Italien und Frank- reich gegenüberstellt. Im optischen Vergleich sind sich die spanischen, italienischen, französischen, aber auch niederländischen Politikerinnen der Wirkung ihrer weib- lichen Ausstrahlung bewusster und setzen ihr Erotisches Kapital deutlich intensi- ver und besser ein, so dass deutsche und Schweizer Politikerinnen ein eher biederes Bild abgeben. In dieser Hinsicht besteht Nachholbedarf für Deutschland und die Schweiz. Dieses Gefälle lässt sich durch den geschichtlichen Hintergrund der ver- schiedenen Länder, der modischen Tradition, aber auch dem jeweiligen Verständnis von Alter erklären. Dass sich hier aber bereits eine Veränderung anbahnt, zeigt eine Wahlplakatkampagne aus Berlin von Vera Lengsfeld (2009). Hier greift die Lokal- politikerin das Thema um Angela Merkels tiefes Dekolleté auf und verbindet dies mit dem Slogan „Wir haben mehr zu bieten“. Die Richtung, die damit eingeschla- gen wird, verläuft zwar noch in falsche, plumpe Bahnen, zeigt jedoch, dass auch mit jüngst durchgeführten Umfragen zum Politiker und zur Politikerin mit dem meisten Sexappeal aus dem Jahr 2013 in Deutschland Erotisches Kapital thematisiert wird. Die Eloquenz und Eleganz von spanischen, italienischen, französischen, nie- derländischen und auch amerikanischen Kolleginnen wird zwar noch nicht erreicht, aber ein Anfang ist gemacht, der sicherlich voranschreiten wird, je mehr Frauen in politische Spitzenpositionen gewählt werden. Ikonen vs. Charakterköpfe 2 Hauptformen: 1 2 Verschiedenste Formen: Plakatkampagne Berlin, 2009. 1 2 3 4 5 ...
  17. 17. NO. 01 32 3304 Analyse und Decodierung MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung. Fallen die länderspezifischen Unterschiede beim Erotischen Kapital stark in das op- tische Gewicht, ist beim Schal oder auch Tuch als Accessoire sehr schnell deutlich, dass dieser in allen Ländern bei Politikerinnen gleich viel und gleich beliebt einge- setzt wird unabhängig von der Jahreszeit. Betrachtet man Hillary Clinton (04.3.1-2), Ségolène Royal (04.3.17-18), Eveline Widmer-Schlumpf (04.3.25) oder auch Margaret Beckett (04.3.20-21), kann man die Tendenz wahrnehmen, dass je höher die eigene Machtposition ist, desto mehr mono- chrome Farben und teure Stoffe bevorzugt werden für den Einsatz des Schals oder Tuches. Und dies auch immer in Abstimmung zur restlichen Erscheinung. Dabei werden klare Farben von klassisch weiss oder schwarz, über flieder und pink, zu sig- nalleuchtend orange und rot bevorzugt eingesetzt. Kältere Töne wie Blau und Grün sieht man dagegen nur wenig, was dazu dient mit dem Schal oder Tuch Akzente im Outfit zu setzen. Diese Monochromität der Farben wird lediglich hin und wieder spielerisch durch weiche Farbverläufe in derselben Farbfamilie aufgebrochen, wie zum Beispiel bei Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von Orange zu Gelb auf einen zurückhaltenden anthrazitfarbenen Blazer oder bei Ségolène Royal von Pink zu Lila auf der weißen Hemdbluse (04.3.13, 04.3.16). Betrachtet man nun gezielt die wenigen Muster, findet man sich im Bereich von klas- sisch-zeitlosen Karos (Margaret Beckett 04.3.19, Carme Chacón 04.3.2), dem Burb- erry- (Sarah Palin 04.3.8) und dem Paisleymuster (Nancy Pelosi 04.3.5, Maria Teresa Fernandez de la Vega 4.3.27) wieder. Ein schwarz-weißes Leopardenmuster wurde sogar von Micheline Calmy-Rey vor dem UN-Sicherheitsrat getragen (04.3.30). Wird ein Schal oder Tuch zur Garderobe verwendet, so tritt das restliche Outfit optisch zurück, der Schwerpunkt der Wahrnehmung liegt dann sowohl auf der Farbe, bezie- hungsweise dem Muster, als auch der Trageart oder Bindetechnik. Diese auffälligen Parallelen in Bezug zur männlichen Krawatte, lässt die Schlussfolgerung zu, dass der Schal oder das Tuch das weibliche Pendant darstellt. Es verleiht Politikerinnen aber auch eine Note des unkonventionellen Charmes und den Eindruck der Funk- tion eines Schutzschildes, da es die Trägerin in ihrer Statur größer und voluminöser wirken lässt. In der Auswertung des ausgewählten Bildmaterials lassen sich insge- samt fünf Tragevariationen erkennen und grafisch reduziert aufzeigen: a) Die Schlinge (Hillary Clinton 04.3.1, Nancy Pelosi 04.3.6, Daniela Santachè 04.3.23): Ähnelt der Krawatte in der Form mit der Schleife am ehesten. Der Hals und der Ausschnitt beziehungsweise Dekolleté werden ganz verdeckt. Ausstrahlung der Geschlossenheit und des Bedeckten. b) Das U (Hillary Clinton 04.3.2, Jill Stein 04.3.3, Nancy Pelosi 04.3.5, Sarah Palin 04.3.8, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger 04.3.12,13, Daniela Santachè 04.3.22): Beim U wird der Fokus besonders auf das Dekolleté beziehungsweise den Aus- schnitt gelenkt, da er diesem einen Rahmen links und rechts verleiht. Des Weiteren streckt diese Variante die Silhouette durch Betonung der Körperlänge und schützt gleichzeitig den Nacken. Strahlt einerseits Geradlinigkeit und Standhaftigkeit aus, andererseits erinnert es an etwas Religiöses. Ähnlich wie die Variante über die Schulter umspielt es das Alter. c) Der einfache Knoten (Nancy Pelosi 04.3.4, Micheline Calmy-Rey 04.3.30, Carme Chacón 04.3.26, Rachida Dati 04.3.14, Maria Teresa Fernandez 04.3.28): Diese Vari- ante ist vorrangig mit einem Tuch wiederzufinden, das auch gerne in der Jacke oder den Blazer verschwindet. Der Ausschnitt wird verdeckt und signalisiert eine Strenge, vor allem bei öffentlichen Reden oder Diskussionen als Anzeichen für Standhaftig- keit. d) Über die Schulter (Claudia Roth 04.3.9, Ségolène Royal 04.3.17, Margaret Beckett 04.3.20): Wie bei der Variante des U wird hier das Alter umspielt. Es verleiht der Trägerin eine würdevolle Ausstrahlung und Eleganz. Die Betonung liegt auf einer Schulterseite und die zusätzliche Unterstreichung der Länge. Der Blick auf das De- kolleté wird nicht ganz verdeckt, sondern öffnet sich halb gegenüber dem Betrachter. e) Tiefer Knoten (Rachida Dati 04.3.15): Beim tiefen Knoten wird der Schal einmal um den Hals gewickelt, so dass dieser bedeckt ist und die beiden Enden anschlies- send unterhalb der Brust einmal verknotet werden. Diese junge Variante spielt mit Verhüllung und Betonung, da hier das besondere Augenmerk auf den V-Ausschnitt fällt. Ein Spiel der Gegensätzlichkeit. 04.3 Schal/ Tuch: Die weibliche Krawatte.
  18. 18. NO. 01 34 3504 Analyse und Decodierung MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung. Betrachtet man die voran gegangene Untersuchung, so stellt man fest, dass Rot die dominierende und auffälligste Farbe ist. Rot ist eine der drei Urfarben und ihre Sym- bolik gekennzeichnet von elementaren Erfahrungen (Heller, 2008: S. 51-52). Die Farbe des Blutes ist auch die Farbe des Krieges und soll dem Träger Kraft verlei- hen. Bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert war Rot eine beliebte Farbe für Soldaten- uniformen, da sie weithin sichtbar die Stärke des Heeres demonstrierte (ebd.: S. 54). Heutzutage soll sie die Stärke einer Politikerin präsentieren. Betrachtet man die Fotografien kann man sehen, dass Rot in reiner Farbe, groß- flächig und ohne Durchbrechung durch ein Muster getragen wird. Hierfür stehen zum Beispiel Hillary Clinton 04.4.7, Condoleezza Rice 04.4.6, Angela Merkel 04.4.22, Margaret Beckett 04.4.28 und viele mehr. Rot dominiert das gesamte Outfit und wird lediglich in den starken Kontrast zu Schwarz (Rachida Dati 04.4.36, Micheline Calmy- Rey 04.4.45, Angela Merkel 04.4.23) oder Weiß (Cécile Duflot 04.4.35, Ségolène Royal 04.4.38, Maria Teresa Fernandez de la Vega 04.4.47) gesetzt. Rot gilt auch als Farbe der Materie, des Realen und des Männlichen, da sie Kraft, Aktivität und Aggressivität ausstrahlt. Das Feuer ist männlich, diese Aussage ist in vielen Kulturen allgemein gültig. In der Studie von Eva Heller wurde aber eher Rot als weibliche Farbe eingeschätzt (vgl. ebd.: S. 54). Solange die Farbe der Kleidung von sozialer Bedeutung war, galt Rot als Farbe des Prestiges (vgl. ebd.: S. 63). „Erst lange nachdem die Kleiderordnungen abgeschafft waren, kamen die psychologischen Deutungen von Kleiderfarben auf. Erst die Moral der Durchschnittlichkeit, die Mo- ral der ‚Normalität’ setzt unauffällige Farben mit charakterlicher Seriosität gleich und lehnt auffällige Kleidung als unseriös ab“ (ebd.: S. 64). Rot bedeutet Aktivität, in Bewegung sein, impliziert Dynamik. Als Signalfarbe mit ebensolcher Signalwirkung ist Rot allgegenwärtig, nicht nur in der Reklamewelt (ebd.: S. 65). Es ist die unnatür- lichste und damit auffälligste Farbe in der Umgebung und wenn man so wichtig ist, dass man unbedingt von allen Menschen beachtet werden muss, dann wird es durch diese nicht-farbgebundene Symbolik verstärkt (ebd.: S. 62). Um diese Wirkung wis- sen hochrangige Politikerinnen und setzen diese für sich ein. Am besten zeigt sich dies unter anderem bei Fotografien von Angela Merkel in Verbindung mit männ- lichen Politikern wie Barack Obama oder Nicolas Sarkozy (04.4.21, 23, 24, 25). Die deutsche Bundeskanzlerin sticht aus der Uniformität ihrer Kollegen hervor. Ein Vor- teil, der so großflächig und direkt nur von Politikerinnen genutzt werden kann und auch im großen Umfang bewusst genutzt wird. a) Die Schlinge: b) Das U: c) Der einfache Knoten: d) Über die Schulter: e) Der tiefe Knoten: 04.4 Die Farbe Rot: Wirkung und Kontrast – Here I am.
  19. 19. NO. 01 36 3704 Analyse und Decodierung MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung. Die Kategorie der männlichen Attribute innerhalb des weiblichen Power Dressings und der Umgang damit muss ebenfalls näher betrachtet werden. Allgemein wird angenommen: „Die weibliche Mode wird modern, indem sie sich jedes männliche Detail Stück für Stück aneignet“, wie die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken oft zitiert wird (Prinz, 2012: S. 2). Dies scheint bei Politikerinnen aber offenkundig nicht mehr unbedingt der Fall zu sein. Ich sehe hier eher eine Referenz zu dem Auf- satz des österreichischen Architekten Adolf Loos über Damenmode (1902), der darin die These formulierte, dass die Selbstbefreiung der Frau nur möglich sei über die Männermode. Diese solle aber nicht eins zu eins adaptiert und übernommen werden, sondern von den Frauen reflektiert und transformiert werden und so zur Emanzipa- tion durch sie selbst beitragen. Auf politischer Machtebene besteht immer noch eine Ablehnung der Dekoration als Ausdruck des Weiblichen. Ornamente scheinen nach wie vor ein ‚Verbrechen’ zu sein und werden durch grafische, formale Strenge in der Kleidung verdrängt. Wie sieht nun die aktuelle Reflektion und Transformation männlicher Attribute aus? Zum einen wird die Hemdbluse als weibliches Pendant zum männlichen Hemd punktuell eingesetzt, aber leger getragen. Hier wird offensiv mit der Strenge gespielt, die gleichzeitig durch weiche und unsteife Stoffe aber gebrochen wird. Des Weiteren formt die Hemdbluse ein spitzes längliches Dekolleté, was den Ausschnitt sehr be- tont (Mara Carfagna 04.5.29). Betrachtet man dazu den Schal als weibliche Krawatte, wird mit einem weiteren Bestandteil des männlichen Anzuges gespielt (Neelie Kroes, 04.5.35). Diese Transformation der männlichen Uniformität eines Anzuges wird so aufgebrochen und mit Erotischem Kapital aufgeladen. Die grafische Strenge findet sich ebenfalls in kastigen Kostümen und deren äußerst betonte Bordierung wieder als Basisuniform (Hillary Clinton 04.5.7, Micheline Calmy-Rey 04.5.45, Ségolène Royal 04.5.27). Diese grafische Linienführung leitet das Auge über die Silhouette und be- tont damit ebenfalls das spitze, tiefe V-Dekolleté. Frauenrechtlerinnen trugen sie als Kampfansage an die feminine Kleidermode. Heute ist es bei erfolgreichen Frauen Standard als das Pendant zum Herrenanzug, da dieses Kostüm durch emanzipierte Eleganz gepflegt wirkt und schmeichelt ohne arrogant zu wirken (vgl. Worsley, 2011: S. 13). Es gewährt der Trägerin auch viel Bewegungsfreiheit. Durch seinen einfachen Purismus ist es weltweit das meist zitierte Kleidungsstück (04.5.28). Über dieser grafischen Linienführung und Schnitte steht die Klammer der Farbe Schwarz: Konservatismus und Anarchismus in Eleganz. Wir sehen Schwarz als eigenständige Farbe und verbinden mit ihr eine Symbolik, die mit keiner anderen Farbe vergleichbar ist. Schwarz ist eine unbunte Farbe und kann die positive Symbo- lik jeder anderen Farbe ins Gegenteil verkehren (Heller, 2008: S. 90). Nirgends zeigt sich Eitelkeit so deutlich wie in der Kleidung. Wer seine Individualität darstellen will, trägt Schwarz, es wirkt abgrenzend. Schwarz verleiht Würde – oder zumind- est Unnahbarkeit (04.5.5). Die schwarze Kleidung der Reformationszeit konzentri- erte die Wirkung eines Menschen auf sein Gesicht, das Zentrum der Individualität (04.5.41, 44). Es ist ein großer Sprung zur modernsten Philosophie der Individualität, zum Existentialismus, aber die Ziele gleichen sich, und die modischen Mittel wieder- holen sich. Der Existentialismus wurde um 1950 im doppelten Sinn zur Modephilos- ophie: Die Weltanschauung liess sich auch in der Kleidung zum Ausdruck bringen (vgl. ebd.: S. 101). „Christian Dior sagte, Eleganz sei eine Mischung aus Vornehmheit, Natürlichkeit, Sorgfalt und Einfachheit. Eleganz verlangt den Verzicht auf Pomp, auf exaltierte Auffälligkeit. Wer Schwarz trägt, verzichtet sogar auf Farbe. Schwarz ist Eleganz ohne Risiko“ (ebd.: S. 102-103). Die Lieblingsfarbe der Designer. ‚Form follows function’ – ist das Leitmotiv des klassisch-modernen Designs. Das bedeutet Verzicht auf Schnörkel, überflüssige Muster, überflüssige Farben, wo wir wieder bei Adolf Loos Aufsatz „Ornament ist ein Verbrechen“ wären (04.5.45). Trotzdem ist Schwarz eine Farbe des Modernen, nicht des Modischen. Durch den Verzicht auf Buntheit entsteht der Anspruch auf Sachlichkeit und Funktionalität. Schwarz-Weiß ist die Farbkombination, die wir mit Eindeutigkeit, sogar mit Wahrheit verbinden. Schwarz und Weiß sind die Farben objektiver Tatsachen (vgl. ebd.: S. 109-110). Weiß oder Schwarz, Ja oder Nein, dazwischen soll es nichts geben (vgl. ebd.: S. 150). Der Kontrast von Schwarz und Weiß steht mit der Wirkung von Rot auf einer Ebene und wird vor allem von starken weiblichen politischen Persönlichkeiten geschätzt und in ihrer Garderobe instrumentalisiert (04.5.26, 31,43). 04.5 Schwarz und grafische Strenge: Die neue weibliche Männlichkeit
  20. 20. NO. 01 38 3904 Analyse und Decodierung MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung. Die hermeneutische Bildanalyse vermittelt sehr gut eine Vorstellung, was im interna- tionalen Vergleich von Politikerinnen vornehmlich getragen wird und wie diese auf modisch-politische Konventionen reagieren. Eine visuell gebotene Sicherheit bedingt durch eine Konstanz im Styling von Politikerinnen bei Frisur und Kleidung wird dabei besonders geschätzt. Das Ausschlaggebende für die positive beziehungsweise negative Beurteilung einer Politikerin und ihrer medialen Darstellung kann auf ein- en Punkt gebracht werden: Identität versus Schema F. Das blinde, unreflektierte Be- folgen des Power Dressing-Dresscodes allein verleiht einer Frau demnach noch keine Autorität. Erst der bewusste, reflektierte Umgang damit und die Pflege eines eigenen Stils, einer unverwechselbaren Identität mit hohem Wiedererkennungsfaktor über Klei- dung, Frisur und Accessoires bleibt prägend im Gedächtnis des Betrachters und kann somit ein wichtiger Schritt auf dem Weg hin zur Macht sein. Die Regeln und Vor- stellungen des gesetzten Power Dressings aus den Siebzigern und Achtzigern wurden nicht fundamental verändert, da jener Dresscode in letzter Instanz nicht gänzlich frei von Konventionen ist. Es hat aber eine Verschiebung von Grenzen und Auslegungen stattgefunden, die den modischen Dogmatismus in Führungsebenen durchbricht – es wird weiblicher. Diese Durchbrechung und neuer spielerischer Umgang benötigen eine modische Aktualisierung des Power Dressing 2.0, vor allem da immer mehr Frau- en durch den Female Shift Führungspositionen belegen und dies auf längere Sicht Veränderungen mit sich bringen wird. A YOUNG ATTRACTIVE SOUTHERN ITALIAN WOMAN WITH GOLDEN TAN AND A PLUNGING NECKLINE IS CONSIDERED UNFIT FOR CERTAIN OFFICES OF POWER AND RESPONSIBILITY. THIS IS WHY SHE USES FASHION AS A MASK. BUT SOME PREJUDICES ARE TOO DIFFICULT TO HIDE AWAY, NO MATTER HOW LONG YOUR SKIRT OR HOW CONSERVATIVE YOUR SUIT. Alessandra Pellegrino Editor der Italienischen Glamour ” „ I LOVE PINK AND I HAVE A BEAUTIFUL PINK OUTFIT. BUT RARELY WILL WEAR THAT TO HIGH POWERED MEETINGS, BECAUSE I DON’T WANT THE FIRST IMPRESSION TO BE “HOW SWEET”, BECAUSE I’M NOT THERE TO BE SWEET. Valerie McDonald-Roberts Amerikanische Politikerin HER (SÉGOLÈNE ROYAL) STRATEGY, WHICH SHE EXERCISES WITH NO SCRUPLES, IS ONE OF SEDUCTION, AND THAT’S A NEW THING IN FRENCH POLITICS... SHE HOLDS UP A MIRROR TO FRENCH WOMEN THAT THEY FIND VERY AGREEABLE: TO KNOCK MEAN DEAD WHILE BEING A WOMAN OF POWER. SHE’S PROOF THAT YOU DON’T HAVE TO ABANDON YOUR FEMINITY TO MAKE IT. Régine Lemoine-Darthois Co-Autorin von “An age called Desire”, 2006 ” „ DARE I SUGGEST THAT DISTRESSING RECURRING IMAGES OF HEADBANDS AND HAIR SCRUNCHIES MAY HAVE PLAYED A ROLE IN DENYING HILLARY CLINTON THE DEMO- CRATIC PARTY NOMINATION? UNFAIR? MAYBE. BUT LIFE’S LIKE THAT. Audrey Gatawa Südafrikanische Organisatorin des “Style Survey on women” I WAS TOLD BY MY PREDECESSOR, ÉLISABETH GUIGOU, A VERY PRETTY WOMAN, THAT IT WOULDN’T BE LONG UNTIL I GAVE UP MY HIGH HEELS. WELL, I NEVER WANTED TO DO THAT. Rachida Dati Ehemalige Justizministerin von Frankreich ” „ X
  21. 21. 40 41 NO. 01 05 05 Erkenntnis-Transfer T R A N S - FER KENNTNIS E R Unter Verwendung meiner bis dahin erbrachten Recherche und Forschung für meine Masterarbeit „Mode. Macht. Politik.“, ging ich dazu über, die Einsichten und Erkenntnisse in Beziehung zu einer Gestaltungsweise zu setzen. Die wichtigste Frage, die dabei im Raum stand, war: Was möchte ich mit meinem Designobjekt aussagen, das dem Inhalt meiner Thesis gerecht wird? Um mir meiner theoretischen Arbeit nochmals in aller Prägnanz und Deutlichkeit bewusst zu werden und eine visuelle Sprache dafür zu entwickeln, war die Methode der Mesmerization, von der man prozesshaft vom Wort zum Symbol zum Bild gelangt, ein guter Weg. Dazu fand im Vorfeld ein Brainstorming zu neun Themen- feldern statt: Der Wert der Arbeit; die Zielgruppe; die emotionale, soziale und persönliche Ebene; das Versprechen und Verkaufen; die kritische Würdigung; visuelle Motive, Zeichen und Symbole; Farben; Materialien; Formate. Nach dem Sammeln und Sortieren der Begriffe, Sätze und Wörter konzipierte ich daraus ein Prozess- Mindmapping mit Slogans zu dem Wert der Arbeit, Zielgruppe, emotionalen, sozialen und persönlichen Ebene, dem Versprechen und der kritischen Würdigung. Diese erste Visualisierung war Startpunkt und Hilfestellung für die Übertragung der Erfahrun- gen und Feststellungen in die gesamte darstellende Arbeit. Hieraus entstanden drei Moodboards mit unterschiedlichen gestalterischen Herangehensweisen und Umsetzungen. Ich entschied mich für das visuell stärkste davon, das auch als Leitfaden das Fundament für die Gestaltung von Schrift und Layout darstellt und darauf aufbaut. Die Entscheidung fiel aus inhaltlichen Gründen auf das dominant- aggressive Moodboard, da ich in meiner Zielsetzung der Arbeit bewusst ein Statement setzen möchte, das für mehr Selbstbewusst- sein der Frauen auf beruflich-modischer Ebene wirbt und die Ge- staltung dementsprechend gesehen werden soll. Dabei soll nicht wieder ein Weg vorgegeben, sondern nur aufgezeigt werden, da sich diese Masterarbeit nicht in die Geschichte der Manierenliteratur einreihen soll, die den vorherrschenden Tenor des Fingerzeigs inne hat. Da die Arbeit sich im Kontext von Mode, Politik und der damit verbundenen Medienlandschaft bewegt, wird das Design an die Ästhetik von Wahlkampagnen, Slogans und Plakatserien an- gelehnt, die zugleich Information und Provokation vermitteln. Die Prozessvisualisierungen, beziehungsweise Clusterings der Bildkategorien wurden für die analytische Bearbeitung in der Optik von schweizerischen Wahlzetteln gestaltet. Die sonst zurück- haltende Farblichkeit des Moodboards in Verwendung auf Schwarz, Weiß und dem Papiertons, wird durch die leuchtend auffallende Farbe Rot durchbrochen. Rot steht hier als Farbe des weiblichen Geschlechts im politischen Kontext schlechthin, wenn man die inhaltliche Aufladung von rotem Lippenstift oder Nagel- lack in Kombination mit dem Erotischen Kapital bedenkt. Rot will gesehen werden und spielt auch in der Analyse- und Decodierungs- arbeit eine große Rolle. Des Weiteren hat eine serifenlose Schrift, in starkem Kontrast zu einer Serifenbetonten, ein optisches Gewicht für ‚Straightness’ und Aussagekraft. Für einen visuellen Input zum Layout sah ich mich bei den Magazinen Esquire, Missy Magazine, Gentlewomen und GQ Style um. Ein weiteres gestalterisches Element wird das kräftige Durch- oder Unterstreichen von Wörtern und ganzen Sätzen sein. Dies steht als visuelles Anzeichen dafür, dass etwas nicht mehr stimmt, es aber im Begriff ist, sich zu verändern, das Alte jedoch darunter noch durchscheint. Das Durch- oder Unterstreichen kann mit schwarzer Wimpertusche und rotem Lippenstift vollzogen werden. Diese ästhetischen Grundsätze werden sich als Elemente durch das gesamte Design des Objekts der Publikation ziehen. Die Qualität der Arbeit liegt zwar hauptsächlich in der Sammlung der Masse an Bildern – dieser Eindrucksbibliothek – aber darüber hinaus wird innerhalb der Gestaltung der öffentliche mediale Diskurs berücksichtigt. Auf Textebene wird aufgezeigt, wie diskutiert wird. Zitate werden für ‚Insights’ mit dem Text der Thesis als für sich selbststehender Nebenerzählstrang verknüpft und meinerseits unkommentiert stehen gelassen. Dem Leser ist somit die Freiheit gegeben, selbst Verbindungen zwischen dem Inhaltlichen und dem Öffentlichen herzustellen und diese in den Kontext der eigenen Erfahrungen zu setzen. Dabei beziehe ich mich auf den Grundsatzder„StudienzurVisuellenKultur“:„Bilder wie Worte [können] nie isoliert zirkuleren und nur eingebunden in ein Verweisungssystem funktionieren (...),das aus schriftlichen, ikonischen und anderen Zeichen, aus sichtbaren und unsichtbaren Bestandteilen besteht“ (Schade, Wenk, 2011: S. 38). Für die Anreicherung der Publi- kation und der Ausstellung sind noch eine Sammlung von Interviews und Kolumnen, sowie ein optisches Spiel mit der Identität von Politikerinnen und dadaistischen Collagen angedacht. X PROCESS SIMPLIFIED 1 VALUE MACHT & MODE: WELCHE ZWÄNGE ZIEHEN MICH AN? 2 TARGET SHEVOLUTION ON THE POLITICAL PARQUET OF FASHION 3 EXPLOITS IKONEN VS. CHARAKTERKÖPFE ODER DIE LUST AN DER MACHT STUTENBISSIGKEIT & EMANZIPIERTE SELBST- VERLEUGNUNG 4 PROMISE WER ELLENBOGEN ZEIGT, KANN AUCH KNIE ZEIGEN IDENTITY MAKE UP & MAKE OVER 5 REWARD SENDING OUT A MESSAGE IN A BOTTLE: THE LADY IS NOT FOR TURNING. IF YOU HAVE A GREAT IDEA, IT WILL TELL YOU HOW TO EXECUTE IT. JACK H. SUMMERFORD ” „ MODE. MACHT. POLITIK. Bild- und Medienanalyse im Spannungsfeld von Politik & weiblicher Inszenierung.

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