Der unvermeidbare EInfluss der Informationsarchitektur auf die User Experience jenseits der Usablity

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    Der unvermeidbare EInfluss der Informationsarchitektur auf die User Experience jenseits der Usablity - Presentation Transcript

    1. 1 Der unvermeidbare Einfluss der Informationsarchitektur auf die User Experience jenseits der Usability IA Konferenz 2007, Stuttgart
    2. 2 Henrik Arndt Diplom Industrial Designer seit mehr als 10 Jahren aktiv in der Konzeption und Definition interaktiver Anwendungen in verschiedenen Agenturen und Design-Büros, seit über 7 Jahren mit dem Titel Information Architect zurzeit als Senior Information Architect bei
    3. 3 Konzeption und Definition von Websites, Intranets und Mobile Applications für international führende Marken
    4. 4 Autor eines Buches
    5. 5 Zwei allgemein anerkannte Definitionen der Informationsarchitektur „We define information architecture as the art and science of organizing and labeling websites, intranets, online communities and software to support usability.“ (The Information Architecture Institut) „1. The combination of organization, labeling, and navigation schemes within an information system. 2. The structural design of an information space to facilitate task completion and intuitive access to content. 3. The art and science of structuring and classifiying web sites and intranets to help people find and manage information. 4. An emerging discipline and community of practice focused on bringing principles of design and architecture to the digital landscape.“ (Rosenfeld, Morville: Information Architecture, 2nd Edition)
    6. 6 Laut der Definitionen ist das ausschließliche Ziel der Informationsarchitektur Usability „We define information architecture as the art and science of organizing and labeling websites, intranets, online communities and software to support usability.“ (The Information Architecture Institut) „1. The combination of organization, labeling, and navigation schemes within an information system. 2. The structural design of an information space to facilitate task completion and intuitive access to content. 3. The art and science of structuring and classifiying web sites and intranets to help people find and manage information. 4. An emerging discipline and community of practice focused on bringing principles of design and architecture to the digital landscape.“ (Rosenfeld, Morville: Information Architecture, 2nd Edition)
    7. 7 Ist es, theoretisch und praktisch betrachtet, überhaupt möglich, sich als integraler Bestandteil in einem so komplexen Entwicklungsprozess wie der Konzeption interaktiver Anwendungen ausschließlich auf die Usability zu konzentrieren?
    8. 8 Diese Frage stellte sich vor 100 Jahren schon einmal Bei der Entstehung einer anderen gestalterischen Disziplin, dem Industrial Design, gab es bereits Anfang des letzten Jahrhunderts die Idee, Industrie-Produkte ausschließlich nach Usability-Kriterien zu gestalten. In Europa gab es drei maßgebliche Gruppierungen, in denen diese Idee propagiert wurde. 1907 Gründung des Deutschen Werkbunds in München 1917 Gründung von DeStijl in Leyden (Niederlande) 1919 Gründung des Bauhaus in Weimar
    9. 9 „Revolte gegen Äußerlichkeiten, gegen unsachlichen Auf- putz und nichts sagende Ornamentierung“ (Riemerschmid) Maschinenstuhl Nr. 1, Richard Riemerschmid, Deutscher Werkbund
    10. 10 „Wahrheit statt Schönheit“, „logische Konstruktion statt lyrische Konstellation“ (van Doesburg) Red and Blue Chair, Gerrit Rietveld, De Stijl
    11. 11 „Ein Ding [...] soll seinem Zweck vollendet dienen – das heißt, seine Funktion praktisch erfüllen.“ (Gropius) Sessel B3, Marcel Breuer, Bauhaus
    12. 12 „Die Grundidee des Funktionalen war und ist, über alle Stile hinauszukommen.“ (Dieter Rams) Für diese Designauffassung setzt sich in den 1930er Jahren der Begriff des Funktionalismus durch. Ziel war die Überwindung jedes gestalterischen Stils zugunsten einer ausschließlich an praktischen Bedürfnissen ausgerichteten Form.
    13. 13 „Daher der Argwohn, was dem Stil absagt, sei bewusstlos selber einer.“ (Adorno) Der Funktionalismus wird seit Anfang 1960er Jahren, auf dem Höhepunkt seiner Verbreitung, besonders in Deutschland und Italien als Formalismus kritisiert. Zu dieser Zeit bilden sich Gegenbewegungen wie das Radical Design durch die Gründung von Gruppen wie Archizoom und Superstudio in Florenz, sowie in den 1980er Jahren das Antidesign unter anderem durch Alchemia und Memphis in Mailand und das Neue Deutsche Design in Berlin durch Volker Albus, Stefan Borngräber, Kunstflug, Stiletto, GINBANDE und viele andere.
    14. 14 Gegenentwürfe zum funktionalistischen Stil Sessel Bel Air, Peter Shire, Memphis
    15. 15 Identische Usability bei unterschiedlicher Erscheinung „Redesign“ von Designklassikern durch Gruppen wie Memphis und Kunstflug. Sessel B3, Marcel Breuer, Bauhaus Sessel „Wassily“, Alessandro Mendini, Alchemia
    16. 16 Einen reinen Funktionalismus kann es nicht geben Bewusst oder unbewusst werden im Namen des Funktionalismus gestalterische Entscheidungen getroffen, die nicht nur Einfluss auf die praktische Funktion eines Produkts haben, sondern auch auf andere Aspekte der Benutzung.
    17. 17 Der Funktionalismus wird erweitert 1973 entwickelt Jochen Gros in seiner Diplomarbeit an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig sein Modell des Erweiterten Funktionalismus. Er versucht dabei, möglichst viele produktbestimmende Faktoren auszumachen und zu bewerten, um damit die absolute Qualität eines Produkts zu bestimmen. Basis ist die Theorie und dem Zeichenbegriff des Prager Strukturalisten Jan Mukarovsky
    18. 18 praktische, ästhetische und symbolische Produktfunktionen der Erweiterte Funktionalismus, Jochen Gros, 1973, SHBK Braunschweig
    19. 19 Ergänzung durch die Anzeichenfunktion „Offenbacher Ansatz“, Jochen Gros, 1983, HfG Offenbach
    20. 20 Die praktischen Funktionen eines Produkts erzeugen eine unmittelbare physikalische oder physiologische Wirkung Telefonieren Musik spielen SMS versenden An einen Termin erinnern
    21. 21 Die ästhetische Funktionen vermitteln die Gestalt eines Produkts automobil- Automobil ähnlich wertig warm robust
    22. 22 Die Anzeichenfunktionen vermitteln die Benutzung des Produkts hier wird etwas angezeigt hier kann man drücken hier kann man schrauben hier kann man reinsprechen
    23. 23 Die Symbolfunktionen vermitteln die geistigen und sozialen Aspekte eines Produkts Exklusivität Wohlstand Tradition Stil
    24. 24 Alle Produktfunktionen sind unvermeidbar und treten simultan auf Jedes Produkt erfüllt immer praktische, ästhetische und symbolische Funktionen, unabhängig davon, ob diese explizit gestaltet wurden. Jedes Produkt kann alle diese Funktionen gleichzeitig erfüllen.
    25. 25 Produkte „sprechen“ mit ihren Nutzer Wegen seiner semantischen und symbolischen Dimension und wegen der Verknüpfung mit der Semiotik nach Charles Sanders Peirce sowie mit der Symboltheorie von Susanne K. Langer wird der Erweiterte Funktionalismus auch als „Theorie der Produktsprache“ bezeichnet.
    26. 26 Ausstellungsstück No. 50, Machine Art Exhibition, 1934 „efficient“ „pleasing to the eye“ „emblem of the machine age“ (MoMA Highlights, New York) 8 1/2\" Kugellager, S.K.F. Industries, Inc., Hartford, CT, 1907
    27. 27 Thematisierung der ästhetischen und symbolischen Produktfunktionen von Maschinenteilen, MoMA, 1934
    28. 28 Die Theorie der Produktsprache ist im Industrial Design seit den 1970er Jahren anerkannt und wird international für verwandte Disziplinen weiterentwickelt praktische Funktionen – ästhetische Funktionen – symbolische Funktionen (Jochen Gros 1973) praktisch-instrumentell – sinnlich-ästhetisch – sozial-kommunikativ (Horst Oehlke 1992) Behavioral Design – Visceral Design – Reflective Design (Donald Norman 2004) sowie Klaus Krippendorff, Susan Vihma, Rune Monö, usw.
    29. 29 Gesucht: die „neutrale ästhetische Qualität“ (Dieter Rams) Um Produkte dennoch nach ausschließlich funktionalen Aspekten zu entwerfen, wird versucht, ihre Erscheinung in Hinblick auf alle über die praktischen Funktionen und die Anzeichenfunktionen hinausgehenden Aspekte neutral zu gestalten.
    30. 30 „Verzicht auf eine willkürliche, beliebige Gestaltung“ durch „geometrische Grundformen“. (Dieter Rams) Radio RT 20, Braun
    31. 31 Naturnahe Gestaltung (Philippe Starck) Hocker W. W., Vitra
    32. 32 Die Gestaltung eines Produkts ist neutral, wenn sie „von der Komplexität des Lebens in der heutigen Welt ausgeht und vehement auf sie reagiert“. (Stefano Marzano) new objects – new media – old walls, Philips Design
    33. 33 Produkte können nicht ästhetisch neutral sein. Vielfalt und Verschiedenartigkeit der Vorschläge zeigen, dass eine neutrale Produktästhetik weder zu definieren noch zu realisieren ist. Eine Anpassung der Ästhetik eines Produkts an die seiner Umgebung relativiert sich in dem Moment, in dem das Produkt in einen anderen Kontext verwendet wird.
    34. 34 Die Produktfunktionen bestehen uneingeschränkt auch bei interaktiven Anwendungen
    35. 35 Praktische Funktionen Musikdateien abspielen Musikdateien anzeigen Musikdateien sortieren
    36. 36 ästhetische Funktion flüssig abgrundet metallisch
    37. 37 Anzeichenfunktionen hier wird die Lautstärke beeinflusst hier kann man hier wird was verschieben etwas angezeigt hier kann man drücken
    38. 38 Symbolfunktionen MacOS- Enthusiasmus Jamie T Fan
    39. 39 Windows Media Player Skins mit offensichtlicher Symbolfunktion
    40. 40 Die Symbolfunktion ist bei personalisierbaren interaktiven Anwendungen besonders ausgeprägt Betriebssysteme Web-Browser Media Player Widgets Websites Intranets
    41. 41 Versuche der „ästhetisch neutralen“ Gestaltung im WWW
    42. 42 useit.com ist Usability pur: „I didn't want to spend money to hire an artist.“ (Nielsen 1995)
    43. 43 „On the reflective level – what does it say about you – my site stands out like a protest against the overly glamorous, flashy sites. So it scores really high.“ (Nielsen 2007) Die Website useit.com von Jakob Nielsen wurde ausschließlich nach (den von ihm selbst definierten) Usability-Kriterien gestaltet. Dennoch erfüllt sie seine Anforderungen an das Reflective Design (vgl. Symbolfunktionen) sehr gut. Es wird deutlich: Auch für das Webdesign gilt die Theorie der Produkt- sprache uneingeschränkt.
    44. 44 Klassifikation, Strukturierung, Organisation und Benennung beeinflussen die Usability von interaktiven Anwendungen „We define information architecture as the art and science of organizing and labeling websites, intranets, online communities and software to support usability.“ (The Information Architecture Institut) „1. The combination of organization, labeling, and navigation schemes within an information system. 2. The structural design of an information space to facilitate task completion and intuitive access to content. 3. The art and science of structuring and classifiying web sites and intranets to help people find and manage information. 4. An emerging discipline and community of practice focused on bringing principles of design and architecture to the digital landscape.“ (Rosenfeld, Morville: Information Architecture, 2nd Edition)
    45. 45 Klassifikation, Strukturierung, Organisation und Benennung beeinflussen alle Aspekte einer interaktiven Anwendung
    46. 46 Unterschiedliche Benennung und Strukturierung führen zu einer unterschiedlichen Wahrnehmung des gleichen Inhalts Für welches dieser beiden Produkt aus einem deutschsprachigen Online-Shop entscheiden Sie sich? Sport Damen-Sportmode Pullies und Sweats Kapuzensweatshirt, Adidas wollweiß Women Streetwear ADIDAS D Trefoil Hood II white-gold
    47. 47
    48. 48
    49. 49 Wie sollte man den Menüpunkt nennen, über den ein Formular zum versenden einer Nachricht aufgerufen wird? Nach dem Prinzip der Erwartungskonformität, das allgemein als Voraussetzung für eine optimale Usability gilt: Kontakt Auf der Website opel.de heisst der Menüpunkt Dialog
    50. 50 Ein Test ergab in Bezug auf die Usability keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Benennungen Getestet wurden 2 Varianten der Website, die sich nur durch die Benennung des Menüpunkts zum Aufrufen eines Nachrichtenformulars unterschieden („Kontakt“ bzw. „Dialog“). Alle Probanden, die gefragt wurden, was ihrer Vermutung nach über den Menüpunkt aufgerufen wird, erwarteten sowohl bei „Kontakt“ als auch bei „Dialog“ ein Formular zum versenden einer Nachricht. Alle Probanden, die aufgefordert wurden, ein Formular zum versenden einer Nachricht aufzurufen, wählten unmittelbar den entsprechenden Menüpunkt aus, sowohl wenn er mit „Kontakt“ benannt wurde, als auch wenn er „Dialog“ hieß.
    51. 51 Aber er ergab Unterschiede auf anderen Ebenen der User Experience Die Mehrheit der Probanden verband mit der Benennung „Dialog“ die Vorstellung eines wechselseitigen Austauschs zwischen sich und dem Unternehmen, im Gegensatz zu der sehr einseitigen Aktion der „Kontakt“- Aufnahme. Diese Erwartung deckte sich mit ihrem grundsätzlichen Anspruch an einen Fahrzeugkauf. Einige der Probanden erwarteten aufgrund der Benennung „Dialog“ eine höhere Qualität der Antworten auf eine Anfrage mit dem dadurch aufgerufenen Formular, im Vergleich zu einer Benennung des Menüpunkts als „Kontakt“.
    52. 52 Der Fahrzeug-Konfigurator auf der Website von Opel
    53. 53 Unzufriedenheit der User trotz herausragender Usability und Utility In der Zeit nach dem Launch nahm der Fahrzeug-Konfigurator der Website von Opel im Vergleich mit denen der Websites anderer Automobilhersteller in Hinblick auf die Usability eine führende Rolle ein. Die gute Bewertung der Usability wurde auch durch separate Tests bestätigt. Als einer der wenigen Fahrzeug-Konfiguratoren dieser Zeit hatte derjenige auf der Website von Opel eine Baubarkeitsprüfung. D.h. der Nutzer kann jedes tatsächliche erhältliche Ausstattungsmerkmal online auswählen aber nur so kombinieren, wie es an einem tatsächlich lieferbaren Fahrzeug erhältlich ist. Dennoch zeigte sich etwa die Hälfte der Probanden dieses Tests unzufrieden mit dem Fahrzeug-Konfigurator.
    54. 54 Unzufriedenheit durch zu geringe Komplexität und Herausforderung „Ich bin doch nicht blöd!“ „Das ist was für Anfänger.“ „Ich kenn‘ mich aber aus mit Autos.“
    55. 55 Eine weitere Strukturierung der selben Inhalte unter Berücksichtigung der selben Regeln und Abhängigkeiten
    56. 56 Der Erweiterte Funktionalismus ist dennoch nicht aus- reichend für die Beschreibung interaktiver Anwendungen Der Aspekt der praktischen Nützlichkeit (Utility) ist darin überhaupt nicht berücksichtigt. Die Trennung zwischen Anzeichenfunktionen und praktischen Funktionen ist bei interaktiven Anwendungen in der Form nicht sinnvoll.
    57. 57 Die Aspekte der System Acceptability Jakob Nielsen, 1993
    58. 58 Modell der User Experience
    59. 59 Vielen Dank henrik.arndt@yahoo.de http://informationarchitecture.blogspot.com

    + arndtarndt, 3 years ago

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