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Der kleine Mann im Ohr
 

Der kleine Mann im Ohr

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Diplomarbeit "Der kleine Mann im Ohr" von Antoine Léchevin

Diplomarbeit "Der kleine Mann im Ohr" von Antoine Léchevin
Mediengestaltung, Bauhaus-Universität Weimar, 2006.
Betreut durch Robin Minard und Wolfgang Kissel

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    Der kleine Mann im Ohr Der kleine Mann im Ohr Document Transcript

    • der kleine mann im ohr
    • Dokumentation zur Diplomarbeit Fakultät Medien/Mediengestaltung Bauhaus Universität Weimar Sommersemester 2006 betreut von: Prof. Wolfgang Kissel Prof. Robin Minard
    • inhaltsverzeichnis___________________________________________________ ___________________________________________________ einleitung  7 organisation  25___________________________________________________der weg zum diplom  9 Die Sprecher 25 ___________________________________________________Das Studium 9 die nachbearbeitung  27Das erste Exposé 6 die Dialoge und Gespräche 27Die Recherche 10 die Komposition 27___________________________________________________ Die „andere Atmos“  28martin hagemeier und das manuskript  11 Ableton live 29Martin Hagemeier 11 Beispiel  30 ___________________________________________________Das Manuskript 13 schlusswort  31Inhalt  14  Exposé  14  Die Geschichte  14 ___________________________________________________Themen  14  Das Hören  14  Der Tinnitus  14 der kleine mann im ohr (manuskript)  33 ___________________________________________________Inhalt & Form im Manuskript 16 credits  53Die Sprache  17 ___________________________________________________Die Sprachverfremdungen  18 bibliografie  54Die Stimmverfremdung  18 ______________________________________________________________________________________________________ ehrenwörtliche erklärung  57mein gestaltungskonzept  21 ___________________________________________________ein Hörspiel im Hörspiel 21Die Stimme 22Mein Konzept 24___________________________________________________
    • einleitung Als Diplomarbeit stelle ich die akustische Umsetzungdes Hörspielmanuskripts „der kleine Mann im Ohr“ vonMartin Hagemeier vor. Meine Arbeit besteht aus der Produktion des Hör-spiels (Organisation, Aufnahme, Bearbeitung, Vertonungund die Klangkompositionen) und dieser beiliegendenDokumentation. Dieser versteht sich als Einleitungzum Hörspiel: ich werde Ihnen erstens beschreiben,wie ich zu meinem Diplomthema kam, dann werde ichIhnen den Autor Martin Hagemeier vorstellen und dasManuskript analysieren. Im Anschluss daran werde ichmeine Interpretation des Manuskripts und mein Ge-staltungskonzept erläutern, gefolgt von einem Einblickin die Organisation und die Technik und endlich dietechnische Bearbeitung des Hörspieles.In dem Stück „der kleine Mann im Ohr“ geht es umakustische Kommunikation und Wahrnehmungsstörung:Ein junger Mann wird von der alltäglichen Informations-flut überwältigt. Er schafft es nicht mehr Informationenvon außen aufzunehmen. Um sich vor der realen Welt zuschützen, bildet er einen Filter - einen kleinen Mann - inseinem Ohr, der die eingehenden Informationen von derAußenwelt dekonstruiert und neu zusammensetzt.Die Hörspielproduktion geht über eine simple Verto-nung des Manuskripts hinaus. Sie stellt auch Fragen zurGrundlage der Kommunikation und der Sprache, desHörens und Verstehens, der Subjektivität und der Ob-jektivität. Sie ist eine akustische Auseinandersetzung mitder Stimme in ihrer Funktionalität als Informationsträgerder Sprache (Sinnvermittelnd) und in ihrer Materialität(als Klangerzeuger).
    •   der weg zum diplom Das Studium Einige Projekt- und Fachkursarbeiten an der Universität Bevor ich Ihnen „der kleine Mann im Ohr“ vorstelle, können durch die verwendeten Techniken und Konzepte möchte ich an dieser Stelle einen kurzen Einblick in meine als Grundlagen meiner Diplomarbeit gelten. Ich möchte bisherigen Arbeiten anbieten. Die Suche nach einem Di- sie Ihnen kurz beschreiben. plomthema ist auch ein großer Teil der Arbeit gewesen und Mit verfremdeter Sprache habe ich bereits im Rahmen eine Entscheidung zu treffen fiel nicht so leicht: die Arbeit des Projektes „Erfahrungsaustausch: die D.D.R. in der sollte möglichst viele Facetten meiner Fähigkeiten und aktuellen Kunst“ bei Katharina Tietze experimentiert. Kenntnisse wiedergeben können. Wie sollte ich am besten Ich realisierte den Remix eines französischen Sprach- in einer Abschlussarbeit darstellen, was ich während kurses aus der D.D.R. Die Stimmen der Lehrer aus der meines Studiums an der Bauhaus-Universität erlernt habe? Tonbandaufnahme wurden digitalisiert, in Wörter und Silben zerlegt und neu zusammengesetzt. Der Text hatte Das Studium der Mediengestaltung an der Bauhaus-Uni- einen gewöhnlichen Arbeitstag in einer Fabrik zum Ge- versität-Weimar umfasst ein breites Lehrangebot. Es wird genstand, daher komponierte ich einen Techno-artigen dem Studierenden viel Freiheit in Hinsicht der Wahl seiner Song mit repetitivem Rhythmus und entsprechender Werkzeuge und Themen gelassen. Daher fand ich es wich- Dynamik.1 tig, mit gut ausgearbeiteten Konzepten an die praktischen Entscheidend war auch die Abschlussarbeit „as Bill Arbeiten heranzugehen. Es geht für mich nicht um tech- walks through the cities of OS“2, entstanden im Projekt nische Performance oder reine theoretische Forschung, „Open Cultures“ bei Cornelia Sollfrank, ein Hörspiel über sondern um eine gute Balance zwischen der künstleri- künstlerisches Eigentum und Urheberrechte. Ich bear- schen/technischen Praxis und einer medientheoritischen beitete die Stimmen der Hörspielsprecher live (während Fragestellung. Das Studium hat es mir ermöglicht vieles der Sendung im Radio). Ergebnis war eine atmosphä- auszuprobieren, Konzepte zu entwickeln und umzusetzen. rische Klangcollage, die wiederum die Stimmen der Sprecher begleitete. Es sind Themen und Techniken, die mich schon lange vor meinem Studium interessiert haben. Die Suche nach An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich mich auch Formen der Kommunikation zum Beispiel: wie kann man außerhalb der Universität mit Vertonung von Filmen3 und am besten eine Idee mitteilen? Welche Prozesse finden Musik beschäftige. Mein Musikprojekt „sta:ry 6“4 mit bei der sprachlichen Kommunikation statt und welche Tobias Blumtritt, der für „der kleine Mann im Ohr“ einige Möglichkeiten der Darstellung bieten sich an? Wie Geräusche und die Hintergrundmusik der Fernsehsen- werden Informationen vermittelt? In meinem Studium dung zur Verfügung gestellt hat, entwickelte sich zu einer habe ich erst in Seminaren, Vorlesungen, praktischen spielerische Plattform für unterschiedliche musikalische Übungen und Projekten nach Antworten gesucht. Bei Zusammenarbeit. Einerseits komponiere und produziere dieser Suche nach Antworten eröffneten sich immer ich Songs im Popformat, andererseits remixe (Neuabmi- weitere neue Fragen, denen nachzugehen mir wesent- schung und Neustrukturierung) ich Titel anderer Künstler: lich interessanter erschien. ich arbeite dann ausschließlich mit den originalen Ton-
    • spuren, die ich durch Cut & Paste und Effektfilter neu gestalte und anders zusammensetze, um eine andereKomposition zu erhalten. Oft wird dabei das Eingangs-material ganz anders verwendet als beim Original-Titel(die Stimme wird zum rhythmischen Part, die Rhythmenwerden zu Gesang, usw…). Des Weiterem startete ich imSommer 2005 eine Zusammenarbeit mit Martin Hagemei-er, der Texte für neue Musikstücke schreibt.Neben den praktischen Übungen habe ich mich inSeminaren und Vorlesungen mit Semiotik, Linguistikund Akustik beschäftigt. In der Medientheorie seheich die Möglichkeit, die praktische Arbeit förmlich undinhaltlich zu verfestigen und zu vertiefen. Gleichzeitigkann sie auch Anregungen für neue praktische Arbeitenliefern. Die Veranstaltungen von Prof. Dr. Lorenz Engellüber Semiotik, Dr. Sonja Neef über Theorie und Ge-schichte der Schrift so wie von Dr. Ute Holl „Inszenie-rung der Stimme“ um nur einige zu nennen, haben einemedientheoretische Grundlage für meine Diplomarbeitgeschaffen. Auf diese Theorie werde ich später im Lau-fe der Dokumentation genauer zu sprechen kommen.Dank der Fachkurse von David Moufang (experimen-telles radio: „sounds, politics and poetry“ und „BauhausJingles“) von Dieter Kemter „Computerklänge“ und vonJoachim Müller „Tonstudiotechnik“ wurde ich mit Auf-nahme- und Klangbearbeitungstechniken sicherer.Das erste Exposé.All diese Erfahrungen bilden die Grundlage für meineDiplomarbeit. Diese Arbeit sollte meine Fähigkeitenim technischen Bereich verbinden mit den im Studium 1 http://www.uni-weimar.de/~lechevin/monsieurbrunetbehandelten medientheoristischen Fragestellungen. (remix2004).mp3Ich wollte ein Diplomthema finden, bei dem ich mit 2 http://www.uni-weimar.de/~lechevin/as-bill-walks.mp3Klängen, Stimmen und Sprache (und dem Prozess der 3 http://gonzo.uni-weimar.de/~lechevin/musik_film.htmKommunikation) arbeiten konnte. 4 http://www.stary6.com
    • 10 Meine ersten Gedanken gingen in Richtung eines um, Klanggestaltung und Klanginstallation, Poesie, Mu- menschlichen Interfaces: Ein Mensch als Schnittstelle sik und Hörspiele. Nicht alle meine Recherchen haben zwischen Körper, Sprache und Stimme. Ich wollte ein mir direkt für meine Arbeit geholfen, meistens waren sie Projekt finden, in welchem der Mensch nicht nur als aber interessante Anregungen für weitere Forschung und Sender und Empfänger von Informationen verstanden die Entwicklung neuer Ideen. werden konnte, sondern darüber hinausgehend als Kommunikation selbst. Ein Subjekt, das gleichzeitig Objekt seiner Kommunikation sein kann. Womit ich arbeiten und was ich damit erreichen wollte, war mir schon ziemlich klar, aber das konkrete Umsetzungskonzept musste ich noch entwickeln. Sollte es eine Klanginstallation werden? Eine Komposition? Mein erstes Exposé, das ich zur Diplomanmeldung vor- legte, lautete: […] Was ich vor habe? Ich möchte an einer Audiokomp- osition arbeiten. Als Soundquelle werde ich Stimmen (In- terviewausschnitte von Prominenten…?, Politikerreden…? -- jedenfalls Aussagen zum Thema Echtheit/ Realität/ Wahrheit) verarbeiten, die durch eine Art „Klanglabora- torium“ und durch verschiedene Verfahren verfremdet werden. Untersucht wird dabei die Beziehung von Inhalt (Sprache/Rede) und Form (Stimme), sowie die Interaktion zwischen Information und Informationsträger (inwiefern der Informationsträger die Information beeinflusst) […] Was passiert denn, wenn die durch das Medium übertra- genen Informationen gedehnt und verfremdet werden, bis sie ihre grundsätzliche Substanz verloren haben und nur noch Form sind? Ob meine Arbeit statisch (Vorführung) oder dynamisch (interaktive Installation) sein wird, steht noch nicht fest. […]5 Die Recherche. Ich sammelte zunächst Literatur und Dokumentationen zu diesen Themen: Akustik und Phonetik, Linguistik und Semiotik, Sprache und Psychoanalyse, Stimme als Medi-
    • martin hagemeier und das manuskript 11Auf der Suche nach Inspiration und Material traf ichmich mit meinem Freund, dem Schriftsteller MartinHagemeier und berichtete ihm von meinen Vorstel-lungen. Er schlug mir vor sein Hörspielmanuskript „derkleine Mann im Ohr“ zu lesen, das viele Themen, die ichbearbeiten wollte, beinhaltet. Ich las den Text und warso begeistert, dass ich mich nach kurzer Zeit entschied,für meine Diplomarbeit das Manuskript als Hörspielumzusetzen. Bei der ersten Lektüre flossen die Ideen füreine akustische Interpretation. Ich fand es erstaunlich, wie die im Hörspiel aufgegrif-fenen Themen mit jenen Ideen meines ersten Diplomex-posés übereinstimmten und sah in der akustischen Um-setzung des Textes eine sehr interessante Möglichkeit,das Spiel zwischen Inhalt und Form zu betonen und zuerweitern. In diesem Abschnitt möchte ich Ihnen MartinHagemeier und sein Manuskript vorstellen.Martin HagemeierMartin Hagemeier, geboren 16, ist Schriftsteller undarbeitet als Werbetexter. Bereits vor seinem Studiumder Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation mitHauptfach verbale Gestaltung an der Universität derKünste in Berlin und der Semiotik an der TechnischeUniversität veröffentlichte er Kurzgeschichten in Litera-turzeitschriften6. 13 erhielt er das Alfred-Döblin-Sti-pendium der Preußischen Akademie der Künste Berlinund 14 die Berliner Künstlerförderung. Martin Hagemeier versteht Literatur nicht als eineVerschriftlichung der Welt, ein politisches Werkzeugoder belehrendes Objekt, sondern er sieht in ihr eineKunstform: das Schreiben ist eine Suche nach und eineEntwicklung von Formen und Strukturen und soll sich 5 In einer privaten E-mail vom 24. März 2006 an Prof. Minardmit seiner Zeit auseinandersetzen. und Prof. Kissel.
    • 12 Er setzt seine Arbeiten deutlich als Gegenpol zur aktu- der Sprache und die Strukturen des Romans vermittelt ellen vorherrschenden Literatur, die sonst gerne Stories wird. Vor allem bekommt der Leser eine besondere Po- und Plots mit Sensation und Spektakel aufbaut, die neue sition: ihm bleibt die Auffindung von Sinn überlassen. Stories entwickelt, aber in altbekannten Denkmustern, Alain Robbe-Grillet definiert die Funktion der Kunst in welche die Leser in ihren Wahrnehmung rückversichern. „Argumente für einen neuen Roman“: Statt dessen stellt Martin Hagemeier lieber Fragen, möchte die Wahrnehmungsgewohnheiten der Leser „… Denn die Funktion der Kunst ist niemals, eine Wahr- aufbrechen und die Form und Struktur des Textes auch heit zu illustrieren - oder auch eine Frage-, die man schon zur Vermittlung von Information nutzen. kennt, sondern Fragen aufzuwerfen (und vielleicht auch Diese Auseinandersetzung mit der Form und der zur rechten Zeit Antworten zu geben), die sich selbst noch Sprache geht weit über ein einfaches Spiel mit dem Text nicht kennen. …“ und den Wörtern hinaus, sie stellt eine Auseinanderset- zung mit der Wirklichkeit dar. Es wird bei Martin Ha- Neben dem Nouveau Roman zählt die Beatliteratur, mit gemeier die Skepsis an der eigenen Wahrnehmung und ihrer Spontaneität, ihrem Rhythmus, ihrer Musikalität Haltung gegenüber (oder Zweifel an) der Wirklichkeit und dem Wegwerfen von Prinzipien und traditionellen entwickelt, so dass sich die persönlichen Grenzen des Strukturen zu den Vorbildern von Martin Hagemeier. Lesers erweitern können und er sich in Konfrontation Auch die Konkrete Poesie spielt für ihn eine wichtige mit dem Text selbst bilden kann. Rolle: die Sprache dient nicht mehr nur einer Be- schreibung, sondern wird auch selbst zum Zweck des Die neuen Literaturformen der Nachkriegszeit, wie der Gedichtes. Die phonetischen, visuellen und akustischen Nouveau Roman haben seine Arbeiten am stärksten Komponenten der Sprache werden zum literarischen beeinflusst. Das Experimentieren mit der Form steht Mittel. Die Poesie besteht aus der Konstruktion des im Vordergrund der neue Literaturbewegung aus dem Gedichtes, aus seiner Zusammensetzung von Sprach- Frankreich der 50er Jahre. Die Nouveau Roman-Schrift- elementen und nicht nur aus dem sinnvermittelnden steller wenden sich gegen die überlieferten Erzähl- Inhalt. formen des traditionellen Romans. Sie möchten nicht Dem Klang der Wörter, auch wenn sie zunächst nur durch narrative Texte eine Wahrheit vorstellen, eine niedergeschrieben werden, kommt eine große Bedeu- Ideologie vertreten oder ihre Weltansicht durchsetzen. tung zu. Wie eng das Schreiben und Lesen bei Martin Sie sehen keine moralische oder politische Kraft in Hagemeier an das Akustische gebunden ist, wird in der Literatur, zumindest wollen sie diese nicht durch einem kritischen Text über die heute vorherrschende Erzählungen vermitteln. Das gilt auch für die Arbeiten Literatur und ihre „sensationellen Stories“ auf dem Buch- von Martin Hagemeier: die Themen, die dargestell- markt deutlich: ten Situationen, die Charaktere und die Struktur des Schreibens selbst sprechen aktuelle soziale Themen an, „Das ist eine Beleidigung des Lesers: Wird diesem doch werden aber meist ironisch und satirisch aufgegriffen. unterstellt, dass er taub für die feinen Töne ist und daher Weit wichtiger ist die Aussage, die durch die Form viel Radau gemacht werden muss, damit er überhaupt
    • noch etwas mitbekommt. Als litte jener Leser, an denen 13jene Schriftsteller so viel denken, unter einer Art geistigenGehörschaden. Auf diese Weise ist die vorherrschende gegenwärtigeLiteratur zu einem Jahrmarkt voller Schreihälse verkom-men, die mit lautem Gekreische und Getöse versuchen, dasPublikum für ihre persönliche Schaubude zu gewinnen.[…]“Wir können seine Ansichten folgendermaßen zusam-menfassen: Die Literatur soll die Konstruktion der Wahr-nehmung fördern. Sie soll es dem Leser ermöglichen,sich selbst ein Bild zu machen, statt ihm vorgefertigteAntworten zu geben. Außerdem sind seine Texte inrealistischen Situationen verankert. Keine unglaublichenCharakteren oder außergewöhnlichen Ereignisse. Es gehtum eine Auseinandersetzung mit unserer Wirklichkeitund Welt, ohne sich hermetisch und selbstrückbezüglichabzuschotten.Das ManuskriptInhalt | Exposé9Junior leidet an einem Tinnitus, einem dauerhaften Oh-rensausen. Eine Auseinandersetzung mit der Gesellschaftfällt ihm schwer. Er möchte gerne einen Job finden, er istbemüht, sich gut zu präsentieren, möchte dazu gehören.Nur fehlt ihm an Selbstbewusstsein, an Selbstvertrauen.Er traut sich nicht die Dinge zu hinterfragen, sich mitProblemen zu konfrontieren. Wenn er in Konfliktsituati-onen kommt, wenn zu viele oder unangenehme Infor-mationen auf ihn einströmen, verzerrt und verfremdet erdurch seinen kleinen Mann im Ohr die Welt und verän- 6 Siehe Bibliografie.dert auf dieser Weise seine Wahrnehmung der Welt. Er  Robbe-grillet, 165fühlt sich wie Sender und Empfänger gleichzeitig.  Martin Hagemeier, einige Anmerkungen zur Literarischen Mono- kultur von Heute, 2004, unveröffentlicht.  Vollständiges Manuskript, siehe Kapitel VIII.
    • 14 Inhalt | Die Geschichte und wissenschaftlicher Sicht erläutere, möchte ich kurz über das Ohr, das Hören und das Hörsystem berichten. Die Rahmenhandlung des Hörspiels ist das Vorstellungs- gespräch von Junior bei einem Arbeitgeber. Der Chef Themen | Das Hören stellt die Motivationen und das Selbstbewusstsein des Hören ist die Fähigkeit vieler Lebewesen Schall wahr- jungen Mannes in einer unerhörten Art auf die Probe. Er nehmen zu können: Luftdruckveränderungen stimulieren mit ihm spielt. Aus seiner Machtposition heraus drängt ein Sinnesorgan - das Ohr - und werden in elektrische er Junior zu Stellungnahmen, will ihm aber auch helfen. Impulse über das Nervensystem an das Gehirn weiter- Junior, der von Natur aus nicht selbstsicher ist, weiß sich geleitet. Das Ohr besteht aus drei Hauptelementen: Das nicht zu helfen und flüchtet immer wieder in seine eige- Außenohr, das die Luftschwingungen einfängt und ihre nen Gedanken. Eine Welt der verzerrten Wahrnehmung. Einfallsrichtung kodiert, das Mittelohr, das die Signale Er weigert sich Informationen aufzunehmen, schützt des Außenohres mechanisch an das Innenohr überträgt sich vor der Realität, indem er sich seine eigene kreiert, und das Innenohr, das den Schall in Nervenimpulse durch seinen Tinnitus. In diese Haupthandlung sind an- umwandelt und an das Gehirn sendet. Die Verarbeitung dere Szenen eingebettet: ein Besuch bei der Ärztin, ein im Gehirn erfolgt in drei Takten: erstens kommt die Telefonat mit der Sekretärin der Firma, Junior am Bahn- Information an, dass etwas zu hören ist: der Schall wird hof und im Zug auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch, wahrgenommen. Zweitens wird das Hörereignis identifi- Erinnerungen an ein Frühstück mit seinem Vater, ein ziert (im Fall der Sprache heißt es z. B. das Wort „Hallo“ Abend in einer Bar, eine Fernsehsendung… Nicht nur wird phonetisch gehört, nämlich die Laute [ha’lo ]) und wegen des Chefs bekommt Junior den Tinnitus, sondern endlich werden die Laute [halo ] als Zeichen der Begrü- auch wegen seiner Lebenseinstellung: wo immer er ist, ßung erkannt und verstanden. wird er von der Menge der Kommunikation überwältigt. Themen | Der Tinnitus Themen Unter dem Begriff „Tinnitus“ (auf deutsch „das Klin- „Der kleine Mann im Ohr“ steht, wie die Redensarten- geln“) versteht man eine akustische Wahrnehmung, der Index-Seite im Internet berichtet, für spinnen, verrückt keine äußere für andere Personen wahrnehmbare Quelle sein, wird aber auch als Bezeichnung für einen Tinnitus entspricht. Der Tinnitus ist eine Störung der Hörfunk- verwendet. Dieser umgangssprachliche Ausdruck leitet tion, jedoch ist er keine Krankheit an sich, sondern das sich aus folgender Vorstellung ab: Wenn jemand etwas Symptom einer oder mehrerer anderer Krankheiten, Unsinniges oder Verrücktes sagt, wird es damit erklärt, also das Zeichen einer Krankheit: er kann nur durch den dass ein Männchen in seinem Ohr sitzt, das ihm dies Betroffenen wahrgenommen werden. Lärmtrauma und eingeflüstert hat. Auch der Fall von jemandem, der an zahlreiche Krankheiten wie z. B. eine Entzündung des Ohrgeräuschen leidet, geht auf die Vorstellung eines von Ohres können einen Tinnitus verursachen, allerdings einem kleinen Mann Besessenen zurück.10 wird häufig von den Betroffenen der Stress als Auslöser Der Tinnitus spielt eine zentrale Rolle im Hörspiel. erkannt. In solchen Fällen ist ein psychosomatischer Bevor ich den Tinnitus als Krankheit aus medizinischer Einfluss nicht auszuschließen.
    • Die Klangeigenschaften des Tinnitus sind sehr varia- 15bel: er wird mit Brumm- oder Pfeiftönen, Zischen undRauschen verglichen, deren Frequenzen zwischen 0 und1000 Hz bzw. bei 000 Hz liegen und mit gleichmäßigerIntensität oder rhythmisch-pulsierendem Charakter.Jedoch ist auch anzumerken, dass der Tinnitus nichtimmer einem realen Geräusch entspricht. Als Folgeneines Tinnitus können Schlafstörungen, Angstzustände,Depressionen und Arbeitsunfähigkeit auftreten.11Da der Tinnitus eine subjektive Wahrnehmung ist,haben Wissenschaftler keine Möglichkeit ihn zu messen.Über seine Lokalisierung im Hörsystem gibt es auch nurHypothesen. Ich möchte jetzt nicht über die mecha-nischen Hypothesen berichten (physische Beschädigungder Hörnerven oder der Hörzellen im Innenohr), lieberkonzentriere ich mich auf die psychischen Störungender Prozesse des Hörsystems entlang oder während derVerarbeitung im Gehirn, die für meine Arbeit entschei-dend sind. Die Luftschwingungen, die das Ohr betreten, könnenim Innenohr falsch verarbeitet werden. Das Innenohr istvon Haarzellen bedeckt, die durch den aus dem Außen-und Mittelohr mechanisch weitergeleiteten Schall ge-kippt werden können. Dabei werden Poren geöffnet, indenen elektrisch geladene Teilchen die Schallinformati-onen als Impulse an den Hörnerv übergeben. Ob dieserMechanismus gestört ist oder erst die Interpretation derImpulse im Gehirn, ist nicht bekannt. Jedoch wurde fest-gestellt, dass Leute mit geschädigtem Hörnervensystemauch unter Tinnitus leiden können. Eine akustische Fehlinformation allein ist aber nochkein Tinnitus. Im Gehirn gerät sie in einen Regelkreishinein und selbst wenn die Ursache im Ohr aufhört, 10 http://www.redensarten-index.de/läuft sie als Wahrnehmungsschleife im Zentralnervensys- 11 http://de.wikipedia.org/wiki/Tinnitustem weiter: man redet nun vom zentralisierten Tinnitus.12 12 Zenner, 1.
    • 16 Das Hörsystem ist auch eng mit dem emotionalen zu verstehen, was der Tinnitus bedeutet, was er zu sagen Bereich des Gehirns verbunden, daher sind die Tinnitus- hat, was der kleine Mann im Ohr zu sagen hat. Junior Betroffenen schnell emotional belastet und umgekehrt setzt seine Unfähigkeit sich sozial zu integrieren kör- kann eine emotionale Belastung wie Stress den Tinnitus perlich um, in Form eines Tinnitus, die Materialisierung unterstützen. seiner inneren Stimme. Es sind für den zentralen Tinnitus keine seriösen wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse bekannt, Dass Junior fähig ist oder sich zumindest für befähigt die die Wirksamkeit einer Behandlung belegen. Manche hält, Nachrichten und Signale zu senden und zu empfan- Wissenschaftler und Mediziner empfehlen eine Retrai- gen, stellt die Frage der Grenze zwischen dem eigenen ning Therapy des Hörens: bei chronischem Tinnitus muss Körper und der Außenwelt, zwischen dem Subjekt und der Betroffene lernen, mit seinem Ohrgeräusch umzuge- dem Objekt, der Verkörperlichung des Mediums. Junior hen. Wenn man hörgesund ist, werden alle Schallwellen ist empfindlich und sensibel, besonders in sozialen der Umgebung aufgenommen und unbewusst gefiltert. Kontexten, und reagiert körperlich darauf. Er schafft es Also entscheidet man sich, was man hören möchte oder nicht, sich in seine soziale Umgebung zu integrieren. Er braucht. Wenn man sich auf ein Geräusch konzentriert, ist Sender und Empfänger von Botschaften und zugleich wird es im Gehirn verstärkt. Wer unter chronischem die Botschaft selbst. Medium und Information treffen Tinnitus leidet, sollte wieder lernen sich auf andere sich in seinem Ohr. Er kann die Außenwelt nicht mehr Geräusche zu konzentrieren, die Klänge der realen Welt von seiner Innenwelt unterscheiden. Sein Körper ist erneut hören lernen. Es geht darum sich für etwas zu nicht mehr Akteur im Kommunikationsprozess, sondern entscheiden und nicht gegen etwas: Hören wählen statt Materie der Kommunikation. Junior findet seinen Platz weghören.13 in der Realität nicht mehr. Wenn wir diesen Prozess andersherum betrachten, Inhalt & Form im Manuskript. könnte man den Tinnitus als Schutz gegen die Außen- Die Ideen, die auf der inhaltlichen Ebene vermittelt welt verstehen, als Filter, um die echten Geräusche der werden, spiegeln sich auch in der Form des Manusk- Realität nicht wahrnehmen zu müssen. Der Tinnitus ripts wieder. Das Spiel mit der Struktur findet man in kann also als eine Art innerer Störsender oder Informati- der Struktur der Sprache des Textes und im Rhythmus onswandler begriffen werden. zwischen den Repliken wieder. Der Aufbau der Szenen Und genau das ist das Problem von Junior im Hör- missachtet die Chronologie: das Vorstellungsgespräch spiel. Er weigert sich Informationen aufzunehmen, wird durch Erinnerungen oder Ereignisse unterbrochen. etwas in sich eindringen zu lassen, stellt sich gegen den Der Rhythmus zwischen den Repliken innerhalb einer Chef, schirmt sich von der Welt ab, statt sich mit der Szene ist abwechslungsreich: die Dialoge zwischen Chef Wirklichkeit auseinanderzusetzen: er entwickelt einen und Junior bestehen aus kurzen Repliken nach dem Tinnitus, um seinen Mangel an Kraft die Welt wie sie ist Muster Frage/Antwort, die immer wieder von Mono- zu akzeptieren, zu kompensieren. Also geht es in dem loge begleitet oder durch den Auftritt der Sekretärin Hörspiel um das Hören, um das Besserhören, um somit unterbrochen werden. Junior fasst sich während des
    • Gesprächs eher kurz, der Chef verfällt gerne in längere, 1belehrende Monologe. Allein, verträumt in seine Weltzurückgezogen, entwickeln sich Juniors Monologe zuAufzählungen, Wiederholungen und Gedankenassoziati-onen. Sie scheinen nicht mit der Zeit verbunden zu sein.Seine Gedanken laufen quer durch seinen Kopf, ohneLinearität.„der Kleine Mann im Ohr“ wurde für das Radio geschrie-ben. Der Autor hat bereits mit dem Wort als Klangträ-ger gearbeitet. Die Sprache und die Stimmen, die dieverschiedenen Rollen verkörpern, haben im Text ihrebestimmten Eigenschaften. Schon die Regieanweisungenim Manuskript stellen eine (durch verschiedene Verfah-ren bewirkte) Verfremdung dar. Einerseits wird die Spra-che selbst verfremdet – durch die Art und Weise, wiesich ein Charakter im Hörspiel ausdrückt; andererseitswird die Stimme durch Technik (Telefon, Sprechanlage,Durchsagen…) moduliert.Die SpracheDie Sprache stellt ein Zeichensystem dar. Nach Ferdin-and de Saussure wird die Sprache als Verbindung vonLautbild und Vorstellung gefasst. In der „Cours de lingu-istique générale“14 hat er die Prozesse des Sprechens un-tersucht. Er unterscheidet die langue, ein Regelsystem,einen Zeichenvorrat, von der langage, der allgemeinenSprachfähigkeit der Menschen, und von der parole, denSprechakt selbst. Er erforscht die Konventionalität unddie Arbitrarität des Zeichens: die Laute, die wir beimSprechen mitteilen, verweisen auf die Vorstellung einesObjekts und nicht auf das Objekt selbst. Die Spracheist das Bild eines Objekts, ein Designationprozess: dasNennen. Das Zeichen hat zwei Seiten: einerseits den Na-men, das signifiant (Bezeichnende), das image acoustique 13 http://www.tinnitus.org(Lautbild) und andererseits die Vorstellung eines Ob- 14 Saussure, 16, S. 2
    • 1 jekts, das signifié (Bezeichnete). Die Beziehung zwischen zung der Wörter schafft eine neue Ebene der Bedeu- dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten ist beliebig, tung. Junior hat wenig Selbstbewusstsein und ihm arbiträr. Innerhalb einer langue (Sprachsystem) werden fehlen die Eigenlaute. diese sprachlichen Zeichen konventionell benutzt, man kann sich untereinander verstehen, weil ein Lautbild auf Die Stimmverfremdung dieselbe oder eine ähnliche Vorstellung verweist. Die Stimme, Vehikel der Sprache, wird in den Manus- Das Bezeichnende ist von der Zeit bestimmt. Saussure riptanweisungen durch Technik und Mediengeräte ver- redet von der Linie der Zeit, in der man sich akustisch zerrt. Diese Stimmen werden durch Telefon, Sprechanla- ausdrücken kann. ge, Radio, Fernseher wiedergegeben, sie finden jedoch „Das Bezeichnende, als etwas Hörbares, verläuft aus- in der Realität statt, im Gegensatz zu den Stimmen, die schließlich in der Zeit und hat zwei Eigenschaften, die Junior in seinen Verwirrungen hören kann. von der Zeit bestimmt sind: a) es stellt eine Ausdehnung dar, und b) diese Ausdehnung ist meßbar in einer einzigen Szene 1: bei der Ärztin. Dimension: es ist eine Linie.“15 Dialog: Während eines Besuchs bei einer Ärztin erfährt Junior, dass sein Ohrensausen, unter dem er leidet, ein Die Sprachverfremdungen Tinnitus ist: eine psychosomatische Krankheit, die meis- Bei Junior wird der Prozess des Entzifferns der Sprache tens durch Stress verursacht wird. Nur er allein kann sich gestört. Er verbindet das Lautbild nicht mehr mit dem von der Krankheit befreien. Der Tinnitus ist ein Teil von Bezeichneten. Die Linearität der Sprache wird durch ihm, mit dem er sich auseinandersetzen soll. die Schleife des Tinnitus unterbrochen. Die surrealis- tischen Aufzählungen, Gedankenassoziationen und Monolog: Junior ruft die Sekretärin der Firma, bei der er Träumereien ähneln der Redeweise der Pennerin am sich vorstellen soll, an – und verliert sich in der Telefon- Bahnhof. Auch der Chef, Auslöser vieler Versenkungen leitung. (Telefon) von Junior, spielt mit der Sprache: Er benutzt gern Metaphern („Ich habe ja nur ihr eigenes Bild weiterge- Szene 2: mit der Sekretärin, am Telefon. malt! Ich bin kein Frosch, sie sind kein Wurm“, Szene 5.) Dialog: Junior erkundigt sich telefonisch bei der Sekretä- und Wortspiele („Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein rin der Firma, wie er zum Vorstellungsgespräch antreten Franzos, jeder Tritt ein Britt“, „Sie haben eine Vorstel- soll. (Telefon) lung, ich habe eine, und wir haben ein Vorstellungsge- spräch.“, Szene ). Die deutlichste Verfremdung der Monolog: Weil Junior neue Informationen aufnehmen Sprache findet man in der Szene 10: Junior, angetrun- muss, versinkt er wieder in Gedanken: er ist ein Sender, ken in einer Bar, redet ohne Vokale (auch Selbst-laute ein Empfänger, ein Medium. genannt). Dieser Effekt erinnert an den Lettrismus, eine französische Literaturbewegung der Nachkriegszeit. Die Szene 3: der Vater und das Radio. Wörter werden atomisiert, das heißt, in Stückchen, in Junior sitzt am Frühstückstisch mit seinem Vater, der ihm Buchstaben oder Laute geteilt. Die Neuzusammenset- ständig grundlos Vorwürfe macht: Er habe sein Radio
    • verstellt, esse zu langsam. Junior, während er isst, kann 1nur unverständliche Wörter erzeugen. (Radio)Szene 4: Junior am S-Bahnhof mit einer Pennerin.Am S-Bahnhof und im Zug, auf dem Weg zu der Firmamacht sich Junior Gedanken über das Vorstellungsge-spräch. Im Hintergrund brabbelt eine Pennerin wirresZeug vor sich hin. Junior ist von den Zugdurchsagenverwirrt. (Zugdurchsage)Szene 5: das Vorstellungsgespräch I.Junior erst voller Enthusiasmus wird von dem Arbeitge-ber gedemütigt. Dieser testet auf sadistisch-spielerischeWeise die Selbstwahrnehmung des Kandidaten. Juniorflüchtet in seine Welt. (Sprechanlage)Szene 6: Junior verträumt.Junior in Gedanken während des Vorstellungsgesprächs.(Gesang/Kanon)Szene 7: das Vorstellungsgespräch II.Der Chef hat Juniors Wahrnehmungsprobleme erkanntund versucht, sie ihm zu erläutern. Nur redet er inRätseln: Junior ist verloren und zieht sich wieder in seineeigene Welt zurück.Szene 8: vor dem Fernseher.Junior kommentiert eine Fernsehsendung über Sinneund Wahrnehmung. (Fernseher)Szene 9: das Vorstellungsgespräch III.Der Chef verliert seine Geduld angesichts Juniors Unfä-higkeit, die Aussagen des Chefs zu empfangen.Szene 10: in der Bar.Junior angetrunken in einer Bar – ihm fehlen die Selbstlaute. 15 Ebd.
    • 20 Szene 11: das Vorstellungsgespräch IV. Dass Junior nichts von der Rede des Chefs begriffen hat, macht den Chef wütend. Er regt sich auf, stolpert und stürzt. Junior hat wieder keine Stelle bekommen. (Wechselsprechanlage) Szene 12: Schluss. Ein Konzert von Weck- und Morgengeräuschen weckt Junior auf. Er entscheidet sich diesmal aber, im Bett zu bleiben. Da das Hörspiel sich mit unterschiedlichen Formen der Sprache und der Stimme auseinandersetzt, ist es inhalt- lich direkt mit dem Medium Radio verbunden. Es ist für ein akustisches Medium geschrieben worden. An „der kleine Mann im Ohr“ gefällt mir, dass der Text all diese Verfremdung nicht direkt vorstellt, sondern dass Sprach- und Formspiele in einen klassischen Rahmen eingebettet sind und immer mit einer konkreten Situa- tion verbunden werden. Es wird dem Zuhörer nicht auf plakative Weise eine Kunst vorgestellt, mit der er sich allein auseinandersetzen soll. Die künstlerische Arbeit wird ausgehend von realistischen, bekannten Situati- onen entwickelt, vorbereitet und langsam eingeleitet. Die im Hörspiel behandelte Frage nach der Form und der Substanz der Kommunikation spiegelt sich im Inhalt und in der Form des Textes wieder und bietet daher eine sehr interessante Vorlage für eine akustische Inszenie- rung.
    • mein gestaltungskonzept 21Ein Hörspiel im Hörspiel.Es wurden viele Definitionen von Hörspiel seit seinerGeburt in den 20er Jahren geliefert. Christian Hörburgerschlägt folgende Definition vor:„Hörspiel umreißt im Kontext des öffentlich-rechtlichenund des privaten Rundfunks und im Sortiment der Verlageein fiktionales oder non-fiktionales akustisches Ereig-nis, das mittels elektromagnetischer Wellen von einemSender (Rundfunkanstalt) zu einem Empfänger (Hörer)abgestrahlt werden kann. […] Technische Voraussetzungdes Hörspiels ist die Umwandlung von Schallenergie inelektrische Energie.“16Das Hörspiel kann sich auch als „Zusammentreffensignifikanter akustischer Signale (oder Pausen)“1 ver-stehen: Menschliche Sprachsignale (mit der Stimme alsInstrument der Verlautbarung des Wortes), Musik undGeräusche, die durch das Medium Radio gesendet undempfangen werden. Das gesprochene Wort ist im Hör-spiel mehr als nur Informationsträger. Die Form, der Klangdes Wortes durch die Stimme des Sprechers, die Insze-nierung und die technische Verarbeitung sind auch Sinnvermittelnd – und genau das wird in „der kleine Mann imOhr“ thematisiert: Junior nimmt akustische Signale auf,wandelt sie in elektrische Signale um. Er fühlt sich wieeine Maschine, wie ein Radio, das sendet und empfängt. „Mit dem Eingang ins Mikrofon wird das Schallereig-nis herausgenommen, herausgelöst aus seiner natürlichenUmgebung, in elektrische Spannungen umgewandelt unddamit in verschiedener Weise verfügbar und modellierbargemacht. Es wird ein neuer Aggregatzustand erreicht, der, 16 Hörburger, 1.ästhetisch-dramaturgisch gesehen, eine völlig neue Dar- 1 Ebd.stellungsebene eröffnet.“1 1 Klippert, 1. S. 15
    • 22 Im Manuskript sind Juniors Monologe mit „ab hier Klangkomposition aus Stimmen. Die dargestellte reale abgleiten in den Monolog mit anderer Atmo“ gekenn- Welt, Basis der Handlung, wird zugleich Audio-Rohma- zeichnet. Diese „andere Atmos“ bedeutet für das Hör- terial für die „anderen Atmos“: es ist keine Neuschöpfung spiel, was die oben zitierte neue Darstellungsebene für – es ist eine Neuverwendung oder eine Andersverwen- Hörspiele meint: Modellierte, verfremdete Stimmen in dung. Die Gesetzte der Sprache entgehen Junior. Die neuem Aggregatzustand. Und diese neue Darstellungs- Stimmen sind da, er kann sie empfangen. Aber ihre ebene möchte ich für diese „anderen Atmos“ akustisch Zusammenstellung, das System, das ermöglicht, sie zu umsetzen in eine elektro-akustische Komposition für kombinieren, zu dekodieren und zu verstehen, fehlt ihm. Stimme. Aus den Wortspielen des Textes zum Hörspiel. Ich nutze den Spannungsbogen der Haupthandlung, der „Wird Musik als Hörspiel deklariert, dann ist man grund- klassischen, vertrauten, narrativ erzählten Geschichte, sätzlich vom Zwang befreit, alles Sprechbare singen zu um in Juniors Welt hineinzugleiten. Ich lade die Zuhörer lassen, oder die Worte so zu artikulieren, daß Verzerrungen ein, nachdem ich ihnen nach bekanntem Muster eine unvermeidbar sind. Das Komponieren von Hörspielen soll Story vorgestellt habe, in Juniors verfremdete Wahrneh- kein Ersatz für alle anderen Möglichkeiten der Verwen- mung mitzukommen. Hinter dem kleinen Mann, hinter dung von Sprache in der Musik sein, sondern eine legitime dem Filter: die Zuhörer müssen selbst den Filter deko- Form mehr, welche allerdings eine semantische Entschär- dieren. Die Stimmen, verzerrt, verfremdet, verweisen fung des Wortes vermeidet. Das musikalische Material nicht mehr auf erkennbare, vertraute Worte. Das System kann im Kontakt mit dem Hörspiel bereichert werden und der Sprache ist gestört, unbekannt: dem Hörer ist die vice versa.“1 Interpretation der Kompositionen überlassen. Ich habe mich dazu entschlossen, nahe an den Grund- Die Stimme. ideen und dem Schreibstil von dem Autor zu bleiben. Das Benutzen einer Sprache enthält zwei Aspekte: die Seine Art zu schreiben, sein Umgang mit Sprache und Produktion und das Verstehen. Wenn wir sprechen, den- Wörtern werden zu meiner Art mit Stimmen zu arbeiten: ken und formulieren wir einen Satz, den wir durch eine da es auf der Beziehung zwischen Inhalt und Form oder Lautfolge wiedergeben. Das Verstehen erfolgt in der an- besser gesagt, auf der Gleichstellung von Inhalt und deren Richtung: Klänge werden aufgenommen, an einen Form als Informationsvermittelnde beruht, möchte ich Sinn angeknüpft und verstanden. Wir unterscheiden bei diese Charakteristik in mein Gestaltungskonzept aufneh- diesem Kommunikationsprozess drei Ebenen: die Syntax men: die Stimmen sollen die Hauptrolle übernehmen. (die Sätze, das System in dem Wörter miteinander Die Dualität im Text, zwischen den „realen“ line- kombiniert werden können), die Wörter und Morpheme aren Dialoge einerseits und den „Atmos“ von Juniors (bedeutende Lautzusammensetzung) und die Phoneme Monologe andererseits, soll im Akustischen erhalten (gesprochene Laute). bleiben. Das Hörspiel folgt zwei Arbeitsverfahren: die Die gesprochene Sprache wird durch die Stimme „klassische“ Inszenierung realer Situationen (die Dialoge übertragen. Die Stimme erlaubt die Materialisierung der mit Geräuschvertonung) und Juniors verträumte Welt als Sprache durch Kombination von Zeichen. Das durch die
    • Stimme erzeugte akustische Phänomen (Lautfolge) wird 23erst Sprache, semantisches Phänomen durch die Wahr-nehmung anderer. Wie andere analoge Medien, stelltdie Stimme kein neutrales Werkzeug der Sinnübertra-gung dar. In dem Text „Sechs Lektionen über Stimme undBedeutung“ beschreibt Mladen Dollar, was die Stimmeüber den Sinn hinaus vermittelt. Auf einer Seite hat mandie Ebene der Bedeutung: die Laute werden kombiniertund ergeben Sinn. Auf der anderen Seite, gibt es dieMaterialität der Stimme, ihre Musik, eine Lautkunst, dienichts mit der Bedeutungsebene zu tun hat. Ein schönesBeispiel dafür ist die Übersetzung des Titels einer Vorle-sung von Roman Jakobson ins Französische „Six leçonssur le son et le sens“20. Die S-Alliteration trägt nichtszu der Bedeutung der Wörter bei, sie ist Material fürpoetische Wirkung. Dieser Überschuss kann außerhalbdes linguistischen Codes inszeniert werden, auf eineranderen Bedeutungsebene, wie es beim Gesang der Fallist. Sehr interessant sind auch die Bemerkungen vonMladen Dollar über die Beziehungen zwischen Stimmeund Körper. Die Stimme braucht einen Körper um zu senden undzu empfangen. Sie gehört jedoch eigentlich nicht demKörper, sondern sie ist Schnittstelle zwischen Körper undSprache. Sie signalisiert die Anwesenheit des Sprechers.Dadurch, dass man seine Stimme erklingen lässt, dassman seine Sprache vermittelt, wird man zu einer Person ¯ ¯ ¯(von lateinisch persona von per = durch und sonare =tönen)21. Wenn aber eine Stimme nicht geortet werdenkann, wenn ihr Ursprung nicht lokalisierbar ist, scheintsie von überall her zu kommen, sie gewinnt dann anKraft, sie scheint omnipotent. Die innere Stimme (so derkleine Mann im Hörspiel) ist an der Schnittstelle zwi-schen dem Subjekt und dem Anderen, spielt die Rolle 1 Zitiert in Hörburger, 16. S. 11des innerlichen Anderen. 20 Six lectures on sound and sense. Ebd. 21 Krämer, 2003. S.2
    • 24 Mein Konzept Stimmen handelt. Meine Verfremdung der Stimmen befindet sich nicht an der Quelle des Klangs, bei den „Versuchen sie doch erst einmal, aus dem Ohrensausen Sendern, sondern bei den Empfänger. etwas herauszuhören. Es ist ihr Ohrensausen, ihr ganz eigenes. Es hat ihnen mehr zu sagen als jeder Mensch.“22 Ein der wichtigsten Bestandteile meiner Arbeit, jenseits der Inszenierung der Stimmen im Raum und den Re- gieanweisungen an die Sprechern, ist die Komposition des Tinnitus, eine technische Verarbeitung der Stimme selbst. Die „bedeutenden“ Stimmen, die Stimmen, die Sprache übertragen, sind im Hörspiel zugleich Rohma- terial für den Aufbau der im Manuskript markierten „Atmos“ („ab hier mit anderer Atmo“). Sie werden in ihrer Substanz auseinandergenommen (von Sätzen zu Wörtern zu Morphemen zu Phonemen und sogar noch weiter) und neu zusammengesetzt. Die Stimmen, die Junior empfängt, verlieren durch ihre Dekomposition ihre Rolle als Sprachvermittler, nur der Überschuss, die Materialität der Stimme bleibt erhalten. Die Stimmen weisen nicht mehr auf Sprache hin. Sie brechen die Verbindung zwischen Objekt, Wörtern und Ideen ab. Sie werden in ein neues unbekanntes semiotisches System eingebettet, das die Welt neu ordnet. Die Dekomposition/Komposition ist ein klassischer Prozess des Verstehens, z. B. in der Lösung von Rätseln oder mathematischen Problemen. Ich setze sozusagen den kleinen Mann im Ohr ein, den Filter, den Parasiten, das Element im Junior, das seine Wahrnehmung der Welt verzerrt. Wie ich konkret mit den Stimmen der jeweiligen Szenen umgegangen bin, werden Sie in Kapitel die nachbearbeitung näher erfahren. Ich möchte noch betonen, dass diese Verarbeitung der Stimmen nicht aus einer Arbeit mit den Sprechern resultiert, sondern, dass es sich um Nacharbeitung der
    • organisation 25Parallel zur Literaturrecherche und Analyse des Manusk-ripts startete ich die Suche nach Sprechern und Aufnah-memöglichkeiten. Ich meldete mich bei unterschied-lichen Online-Plattformen und bei Hörspielforen an, umSprecher und Schauspieler zu finden, und erhielt einigeRückmeldungen.Bei Tesla23 in Berlin, Labor für mediale Performance, Mu-sik, Klang- und Medienkunst, wo ich 2005 ein Praktikumabsolvierte, besuchte ich eine Radioveranstaltung vonLars Feistkorn mit Séamus O‘Donnell und Jürgen Eckloffzum Thema „Sprache/sprechen“ über Samuel Beckett:„Samuels Hintergrund Strahlen“. Diese Live-Performancefür Stimme und Stimmklänge, Cut-ups und Elektro-nics begeisterte mich so sehr, dass ich Kontakt zu demklassisch ausgebildeten Opernsänger und Performer LarsFeistkorn aufnahm. Er sollte bald für die Rolle des Chefszusagen. Die Suche nach einem Sprecher für Junior erfolgteauf der Grundlage eines Castings. Auf Lars FeistkornsEmpfehlung hin, lud ich den Schauspieler ChristianRodenberg ein.Für die Nebenrollen Ärztin/ Stimme in der Bar/ Sekretä-rin und Pennerin entschied ich mich für Maren Krüger.Ich hatte das Glück, Annemarie Thiede einladen zukönnen, um den Fernsehbericht einzusprechen.Das Hörspiel wurde im Juni und Juli 2006 im Broadcast-studio der T.U. Berlin (Radio 100000) aufgenommen. 22 Der kleine Mann im Ohr, Die Ärztin, Szene 1. 23 http://www.tesla-berlin.de
    • 26 Die Sprecher Maren Krüger [die Ärztin/ die Pennerin/ die Sekretärin/  Christian Rodenberg [junior] Stimme in der Bar] Christian Rodenberg, geboren 1, ist Schauspieler, Mu- Studium der Anglistik und Romanistik und Soziologie an siker und Synchronsprecher. Er studiert an der Transform der Universität Rostock und Mediengestaltung an der Schauspielschule in Berlin. Bauhaus Universität Weimar. Theater (Auswahl): _Berichtete für TV Rostock 1 – 1 _Felix in „Methusalem oder Der ewige Bürger“ von Ivan _NDR Radiosprecherin 1 Goll mit Ensemble Vorgang / StudioBühne Mitte, Berlin. _Zahlreiche Videovertonungen und Radiobeiträge im _Clov in „Endspiel“ von Samuel Beckett im Theaterdock Rahmen ihres Studiums an der Bauhaus-Universität. in der Kulturfabrik, Berlin. _Musikerin und Sängerin in der Band „die Ramonas“ _“Go with the flow (Die Wahrheit über „Vom Winde verweht“)“ mit MARS_productions Ltd. im Theaterdock, Annemarie Thiede [die Fernsehstimme] Berlin. _zwischen 1 und 1 bei verschiedenen Radiosen- _Benjamin in „Die Weiße Ehe“ von Tadeusz Rozewicz im dern (Radio 10.1 in Bremen, Radio TON in Heilbronn), Teatr Studio am Salzufer, Berlin. wo sie Reportagen, Werbung, Nachrichten und weitere Beiträge realisierte und einsprach. Aktuelle Bands/Musikprojekte: _Diplom in Mediengestaltung an der Bauhaus-Universi- _Rupert‘s Kitchen Orchestra tät- Weimar, 2005. _Equilibrium Slim _Mitglied der Band „die Ramonas“ und Sängerin für _Engelstiere „sta:ry 6“. _Aj Chrazy _Zahlreiche Beiträge für das „Studio B11“ das experi- _Gourmets du Groove (Gast) mentelle Radio der Bauhaus-Universität-Weimar und für Radio Funkwerk in Erfurt und Weimar (Station ID, Lars Feistkorn [der Chef] Jingles, Trailer…). Lars Feistkorn ist Sänger und Performer. Nach einigen Theater-Produktionen in seiner Heimatstadt Essen, stu- dierte er Operngesang in Berlin. Teilnahme an diversen Opernproduktionen als Solist (Bass). Aktives Interesse auch an Experimentellem Musiktheater, Improvisation, Schauspiel, Lesung, Performance, eigener Lyrik und Prosa immer in begleitung von diversen Körperarbeits- techniken und Tanz. Seit 2005 intensivere Arbeit in experimenteller improvisierter, insbesondere elektro- akustischer Musik.
    • die nachbearbeitung Tätigkeiten und Bewegungen wurden mit Geräuschen 2 vertont, die man leicht einordnen kann (Tür auf und zu,Im Studio sind zwischen 3 und 10 Takes für jede Szene Schritte, Sesselgeräusche…).aufgenommen worden. Der nächste Schritt war es die Damit die Zuhörer sich in den verschiedenen Or-Aufnahmen auszusortieren. Die Auswahl fiel nicht im- ten zurechtfinden können, haben ich unterschiedlichemer leicht: feine Betonungsvariationen, unterschiedliche akustische Räume gestaltet, einem einfachen Muster fol-Atemzüge und Pausesetzungen, jede Aufnahme klingt gend. Es handelt sich bis auf den Bahnhof um geschlos-anders, bedeutet anders als ein andere. Der gesamte sene Räume (Büro, Arztpraxis, Küche, Wohnzimmer,Rhythmus und die Melodie einer Replik waren meis- Bar), die bestimmten bekannten Geräuschen zuzuordnentens das entscheidende Kriterium um eine Auswahl zu sind. Junior als Hauptdarsteller wurde auf die Seite dertreffen. Zuhörer gesetzt, mittig. Die anderen Rollen wurden ihm gegenübergestellt, leicht auf der linken oder rechtenDie variable Lautstärke unter den Sprecher (Selbstver- Seite.trauter Chef und schüchterner Junior) wurde angegli- Am Bahnhof läuft die Pennerin auf dem Gleis herum,chen. Da die Stimmen auch Klangmaterial für die Kom- nähert und entfernt sich wieder.position sind, habe ich sie in ihrem Ganzen behaltenmit ihren Nebengeräuschen (Ein-/ Ausatmen, Räuspern, Während des Schnittes an den Repliken habe ich eineVersprecher, Lachen…). Dynamik eingefügt. Die „reale Welt“ startet meistens mit einem ruhigen Tempo, das durch die UnterhaltungDas Hörspiel basiert auf den Gegensätzen der zwei zwischen dem Chef und Junior beschleunigt wird, bisWelten. Einerseits die vertrauten Situationen (das der junge Mann den Bezug zur Realität verliert und inVorstellungsgespräch, bei der Ärztin, am Bahnhof, in seine verträumte Welt gerät.der Bar…) und andererseits Juniors verträumte Welt. Die Zuhörer sollen mit Junior in seine Welt der ver-Sie wurden entsprechend unterschiedlich bearbeitet. In zerrten Wahrnehmung eingeführt werden, daher habediesem Kapitel stelle ich Ihnen erst einmal vor, wie die ich die „anderen Atmos“ langsam eingeblendet, so dassDialoge und Gespräche des Hörspiels produziert wurden man nur durch intensives und aufmerksames Zuhören,und dann werde ich Ihnen eine detaillierte Beschreibung die Trennung zwischen die zwei Welten erkennen kann.der „anderen Atmos“ präsentieren. Die KompositionDie Dialoge und Gespräche. Wenn Junior sich von der realen Welt trennt, agiert derDie Dialoge und Gespräche wurden in einer möglichst Tinnitus oder der „kleine Mann“ als Filter in seinemklassischen Art produziert. Unter dem Begriff „klas- Ohr. Das gilt durchgehend im ganzen Hörspiel. Nursisch“ verstehe ich eine simple Vertonung, die nach die Verfahren, nach denen dieser Filter funktioniert,gewöhnlichen Konventionen die Realität wiederzugeben variiert je nach Situation. Ich habe die Komposition derversucht. Die Charaktere wurden realistisch in den Raum unterschiedlichen „anderen Atmos“ an den Inhalt dergesetzt, ohne übermäßige, unecht wirkende Effekte. Ihre vorhergehenden Dialoge bzw. Monologe angeknüpft:
    • 2 was Junior wahrnimmt, besteht ausschließlich aus den Bearbeitung: die Klänge bewegen sich im Raum von Stimmen, die gerade vorgekommen sind. außen nach Innen, und von Innen nach Außen. Auch die Räumlichkeit Juniors verfremdeter Wahrneh- Szene 4: Im Zug. mung wurde erarbeitet. Nur folgt sie keiner bestimmten Junior ist im fahrenden Zug. Er selbst bewegt sich nicht. Regel: die Klänge können extrem wandern, sich verdop- Die Situation soll Juniors Verwirrung in der Kommuni- peln und sich mischen und wieder von einandertrennen. kation darstellen. Er steht mitten in einem kommunika- Die Stereoeffekte dienen nicht mehr der Lokalisierung tiven Element (dem Zug), mitten in einem Netz, zwi- der Klänge. schen Bahnhöfen, aber er selbst bleibt statisch. In diesem Kapitel möchten ich Ihnen meine Arbeits- Bearbeitung: Kommunikation als Weg und Zug- verfahren für die jeweiligen Szenen vorstellen. durchsage als Lokalisierung („nächste Station“), die er nicht versteht. Nicht nur die Stimmen werden hier Die „andere Atmos“ verarbeitet, sondern auch die Zuggeräusche als Me- Szene 1: Die Leitung tapher der Verwechslung zwischen Information und Für die erste Szene habe ich mich für ein klares und Informationsträger. deutliches Verfremdungsverfahren entschieden: es ist die Einleitung im Hörspiel, daher soll an dieser Stelle der Szene 5: Vorstellungsgespräch. Prozess der Sprach- und Stimmverzerrung einen leichten Bei der ersten Begegnung mit dem Chef wird Juniors Einstieg in mein Gestaltungskonzept anbieten. Nachdem Tinnitus kräftiger. Er greift ihn als Strahlen und Krach an Junior den Namen und den möglichen Ursprung seiner bis Junior richtig destabilisiert ist. Krankheit erfährt, führt er einen Monolog, in dem er sich an das Telefonat mit der Sekretärin erinnert. Die Szene 6: Junior verträumt bei dem Vorstellungsgespräch. Stimme Juniors entwickelt sich langsam zu dem geschei- Junior stellt fest, dass er sich eigentlich nicht mehr mit terten Kommunikationsversuch. Seine Stimme verwan- allem beschäftigen sollte und Ruhe erst in der Isolati- delt sich selbst zu Zeichen des gescheiterten Telefonats. on finden könnte. Nur wird er von fremden Stimmen Bearbeitung: kurze Schleife. überholt. Hier nutze ich unterschiedliche Aufnahme der Szene Szene 2: Strahlen Empfangen. um einen Kanon aufzubauen. Die fremden Stimmen sind Aller Anfang des Vorstellungsgesprächs… Hier erfährt Juniors verfremdete innere Stimme. man, dass Junior ein grundsätzliches Problem mit dem Empfang und dem Aufnehmen von Informationen Szene 7: Vorstellungsgespräch. hat: sie werden zu Kakophonie und als Sprache nicht Junior kann nur wiedergeben, er kann die Infos empfan- mehr erkannt. Er kann die unterschiedlichen Arten von gen und sie weiterleiten. Der Tinnitus herrscht über sei- Strahlen nicht mehr von einander unterscheiden. Er ne Fähigkeit zu senden. Die Stimmen drängeln in seinem verwechselt das Senden mit dem Wiedergeben, versucht Ohr. Die Atmosphäre ist hier gespannt, so dass Junior allerdings noch auszusortieren. sich zum ersten Mal gegen seinen Tinnitus wehrt.
    • Bearbeitung: die Stimme von Junior im Monolog 2musst gegen den Fluss der Geräusche kämpfen.Szene 11: das Ende des Vorstellungsgesprächs.Junior wehrt sich nicht mehr gegen seinen Tinnitus, erversucht ihn zu verstehen. Die Stimmung ist ruhig undgelassen.Ableton live.Für die gesamte Arbeit habe ich die Software „Live“ derBerliner Firma Ableton24 verwendet. Das Projekt wirddurch elektronische Live-Performer, Musiker und Pro-grammierer geleitet und ist innerhalb von fünf Jahren zueinem sehr beliebten und geschätzten Tool für Bühnen-auftritte geworden. Die innovative Seite der Software,die 2001 auf den Markt gebracht wurde, besteht in derOption, während der Aufnahme oder der Wiedergabeeines Songs die Audio-Dateien „live“ ohne Qualitätsver-lust zu bearbeiten.Die Software ist ein Audiosequenzer, der für Echtzeit-Verfremdung optimiert wurde. Das heißt: es ist möglicheinen Song abzuspielen, dabei einzelne Audiodateien(Clips) durch Effekte zu manipulieren und das Ganze(mit den Drehen an Effektparametern) aufzuzeichnenfür eine spätere Bearbeitung. Außerdem kann „AbletonLive“ auch wie ein klassisches Musikstudioprogramm mitMischpult, Effekten, Send/ Aux benutzt werden.Jede Audiodatei ist ein eigenständiger Clip und kannbeliebig, unabhängig vom Songablauf, durch Mausklick,externe Controller oder durch Computertaste getriggertwerden. Ich kann einer Taste [a] meiner Tastatur einenbestimmten Klang zuweisen und [b] einen Effektpara-meter usw. die Bedienung der Software ähnelt sich dieeinem Musikinstrument. 24 http://www.ableton.com
    • 30 Beispiel Ich starte das Programm und schließe mein Mikrofon an der ersten Spur an und nehme den Satz „der kleine Mann im Ohr“ auf. Die Audio-Datei [der kleine Mann im Ohr] wurde aufgezeichnet – und ich kann sie (zum Bei- spiel als Schleife) bereits wiedergeben. Also wiederholt sich der Satz. Während der Wiedergabe trenne ich den Satz in fünf Wörter und weise jedem Wort eine Taste meiner Tastatur zu ([d] für „der“; [k] für „klein“, usw…). Jetzt kann ich mit meiner Tastatur beliebig spielen: [d] [k] [m] [i] [o] [k] [m] [d] [i] [o] [k] [m] [d] [o] [i] [i] [i] – Wir hören: „der kleine Mann im Ohr kleine Mann der im Ohr kleine Mann der Ohr im im im“. Es ist nun möglich, jedem einzelnen Wort durch Kürzen, Dehnen, Beschleunigen u.a. zu verfremden: von „der“ behalte ich nur das „d“ Ansatz, vom „kleine“ das Ausatmen, vom „Mann“ die Vokale „a“… also hören wir durch die selbe Tastenfolge wie vorhin „d/hum/aaaaa/iiiiiiiii/r/hum/d/i/ r/hum/aaaaaaaa…“: ich habe ein Instrument program- miert, dessen Klang aus Wörtern, Silben, Morphemen und Phonemen besteht und dessen Farbe durch Modu- lation von Effekten nuanciert werden kann. Ableton Live ist also einerseits ein klassisches Musikstudio Programm, mit linearer Bedienung und Zeitablauf, ande- rerseits ein Sampler (jeder Zeit ist jede Datei abrufbar und als Schleife abspielbar). Das ermöglicht eine Arbeit auf zwei Ebenen mit einer Grundspur, auf der eine Improvisa- tion aus den selben Audiodateien gesetzt wird. Die spielerische und intuitive Bedienung der Software bietet viel Freiheit bei der Komposition, das ständige Aufzeichnen ermöglicht späteren Zugriff für weitere Bearbeitung. Durch diese Eigenschaften eignet sich Ab- leton Live perfekt, um mit ihm mein Gestaltungskonzept umzusetzen: nicht linear arbeiten, die Klänge beliebig schneiden, modulieren und neu zuordnen.
    • schlusswort 31Der kleine Mann im Ohr ist ein Spiel mit dem Hören,mit der Sprache, mit der Stimme, mit der innerenStimme. Der kleine Mann im Ohr ist der Tinnitus, einepsychosomatische Störung der Hörfunktion, die Klängefängt, verfremdet und sie als neu codiertes Signal inendloser Schleife an den Verstand sendet. Er kann denEmpfang von Informationen so beschädigen, dass dieKommunikation mit dem Anderen durcheinanderge-bracht wird. Oder vielleicht anders herum. Die Verwei-gerung Informationen aufzunehmen, die Unfähigkeitsich in seiner Umwelt zu integrieren, sich mit der Weltauseinanderzusetzen fördern die Entwicklung eines Tin-nitus, eines Filters, der vor der Realität schützen soll. Der kleine Mann im Ohr im Hörspiel zerlegt dieStimmen bis in ihre kleinste Einheit. Sie werden als In-formationsträger empfangen, die getragenen Informati-onen selbst aber nicht mehr. Die Verknüpfung zwischengesprochenem Laut und Vorstellung, die Linearität derSprache, beide wesentliche Konventionen der sprach-lichen Kommunikation, werden durch die Verzerrunggebrochen. Die verfremdeten Stimmen können ihre Funktion alsZeuge der Anwesenheit, als Schnittstelle zwischen demKörper und der Sprache, als Verbindung zu dem Ande-ren, nicht mehr erfüllen: sie trennen von der Welt ab.Der Bezug zur Realität geht verloren. Was empfangen wird, ist was von den Stimmen übrigbleibt: alles was der Sinnvermittlung nicht dient. DieserÜberschuss, in neuer Form und in neuer Zusammen-setzung, bildet eine andere Ebene der Wahrnehmung,neue Zeichen in einem fremden System. Wie diese zuinterpretieren sind, wird den Zuhörern überlassen, siewerden zum Zeichendeuter.
    • 33der kleine mann im ohr (manuskript)
    • 1. Szene Junior: Was soll denn das heißen? 35Ärztin: durch den Lautsprecher Der nächste, bitte! Ärztin: Das soll heißen, daß sie und ihr Ohrensausen eins sind. Es gehört zu ihnen. Es ist ein Teil von ihnen wieKleine Pause. ihre Hand. Sie möchten doch auch nicht, daß ich ihnen die Hand abschneide.Ärztin: Sie haben sich also ein Ohrensausen ins Hausgeholt. Das nennen die Mediziner Tinnitus, damit es Junior: Fangen sie jetzt auch so an.niemand sonst versteht. Die meisten Ärzte würden ih-nen dagegen Infusionen verschreiben. Die sollen ihr Blut Ärztin: Versuchen sie doch erst einmal, aus dem Ohren-verdünnen. sausen etwas herauszuhören. Es ist ihr Ohrensausen, ihr ganz eigenes. Es hat ihnen mehr zu sagen als jeder Mensch.Junior: Ist es denn zu dick?Ärztin: Zu dick, um gut zu fließen. Bei ihnen stockt der Junior: Was soll ich denn da heraushören? Es spricht keinFluß. Das bedeutet: So geht´s nicht weiter. Deutsch! Es ist einfach nur ein eintöniges Summen!Junior: Ich habe aber Angst vor Infusionen. Das heißt Ärztin: Ja schon, aber warum ist es da?ich habe Angst vor der Nadel. Bei Blutabnahmen bin ichschon zweimal ohnmächtig geworden. Es ist ja gar nicht Junior: Was weiß ich! Dafür bin ich ja hier - damit sie´sder Schmerz, so zimperlich bin ich nicht. Nur kann ich mir sagen.es einfach nicht ertragen, wenn Fremdkörper in micheindringen. Ärztin: Ich vermute, genau das ist ihr Problem. Sie erwarten stets, daß andere es ihnen sagen. Obwohl sieÄrztin: Sie sagen es. Sie haben etwas gegen Fremdkör- die Antwort mit sich herumtragen. - Seit wann haben sieper. Bei Nadeln verlieren sie das Bewußtsein. Und wenn das Geräusch denn?Menschen ihnen zu nahe kommen, verlieren sie dasGehör. Junior: Hhhhm … schon seit längerer Zeit. Aber vor ein paar Tagen ist es plötzlich lauter geworden. RichtigJunior: Gibt es dagegen denn keine Tabletten oder so- aufdringlich.was? Bloß keine Infusionen! Ärztin: Ist ihnen in der letzten Zeit irgendetwas zugesto-Ärztin: Es ist die Frage, ob ich ihnen überhaupt etwas ßen? Hat sich etwas Besonderes ereignet?gegen das Ohrensausen geben sollte. Denn damit würdeich ihnen etwas geben, das gegen sie wirkt. Junior: Hm? Was meinen sie denn? Einen Unfall hatte ich keinen.
    • 36 Ärztin: Na, so weit sind sie noch nicht! Lassen sie mich Nummer der Firma getippt, als wären es Lottozahlen … mal anders fragen: Haben sie in der letzten Zeit unter ab hier abgleiten in den Monolog mit anderer Atmo besonderen Belastungen gelitten, hatten sie Ärger oder … und dann hatte ich eine Leitung, eine freie Leitung, großen Streß … ein freies Zeichen … Ja … ja … Hallo, hallo. Hallooooo … aber es meldet sich niemand … es ist eine freie Lei- Junior: Streß hab ich immer. tung, aber leider auch eine lange Leitung, und ich muß lange aushalten - durchhalten, besser gesagt, denn es Ärztin: Was geht denn so in ihrem Kopf vor. Was be- knistert in der Leitung, es knuspert, es tutet in der Lei- schäftigt sie. tung, tut - tut macht es, tut - tut, tut - weh … es knackt, als würde etwas brechen … und ich horche … und ich Junior: lacht auf Was mich beschäftigt? - Daß mich nie- ho … und ich … oh … meine Oh … meine Ohren … es mand beschäftigt! Das ich arbeitslos bin! Und obendrein schneidet in meine Ohren … was ist das … was sticht verarscht werde! da in meine Ohren … das frage ich … es ist ja nur eine Frage, die tut doch nicht weh … Ärztin: Wer verarscht sie? Junior: Na zum Beispiel der Chef von dieser Firma da, wo ich letzte Woche war, zum Vorstellungsgespräch … 2. Szene Der hat mich nur zu sich bestellt, um mich zu quälen … Telefonat. Die Sekretärin spricht durch den Hörer. Einblendung: Junior erinnert sich an den Chef; er hört die Stimme des Chefs im Kopf, sie klingt traumhaft ver- Junior: Bitte verstehen sie die Frage nicht falsch, ich bin schwommen mir einfach nicht ganz sicher … Chef: Sie suchen Arbeit? Sie sie sicher, daß sie nicht etwas Sekretärin: Das überlassen sie mal am besten mir, was anderes suchen? Etwas viel Schöneres und Wertvolleres? ich wie verstehe. - Wenn sie ganz sicher gehen möchten, tragen sie am Junior: Ich hab mir soviel Mühe gegeben. Also ich mei- besten einen dunkelblauen Anzug. Dunkelblau ist seine ne, ich hätte mir Mühe gegeben, hätte ich die Chance Lieblingsfarbe. Außerdem wirkt es seriös und paßt damit gehabt. Ich hab mich so gut auf das Vorstellungsge- ideal zu einem Vorstellungsgespräch. Ach ja, was noch spräch vorbereitet, hab sogar mein letztes Geld für wichtig ist: Es muß ein Einreiher sein. Bloß keinen Zwei- einen Anzug ausgegeben. Weil ich einen guten Ein- reiher! Zweireiher kann er nicht ausstehen. druck machen wollte. Aber der hat mich kaum zu Wort kommen lassen, und mein Anzug war ihm auch egal! Ich Junior: Aha … und die Krawatte? Sollte die Krawatte hab extra die Sekretärin gefragt, was für Sachen er am auch eine bestimmte Farbe haben? liebsten hat … ich hab sie extra angerufen … ich hab die Sekretärin: Nun … da gönnen sie sich ruhig ein wenig
    • Freiheit. Vielleicht überlegen sie sich, ob sie nicht besser bin auf Empfang, ja bin ich denn ein Radio, ja muß ich 3eine Fliege tragen. Er trägt nur Fliegen. Andererseits … denn wiedergeben, was andere ausstrahlen, und es gibtwenn sie mit einer Fliege ankommen, könnte er meinen, ja so viele Sorten von Strahlen. Alle treffen sie sich insie wollten sich bei ihm beliebt machen. meinen Ohren zu einem Schwatz. Das nennt man Kako- phonie, glaube ich, oder Scheißophonie. Ja bin ich dennJunior: Eigentlich ist das ja auch mein Ziel. ein Ort der Begegnung. Immerzu dieses Singen aus den Sendern, und dann noch dieses Rauschen aus den Atom-Sekretärin: Das muß man ja nicht so plump anstellen! kraftwerken, Strahlen, Strahlen, ich werde noch ganzWenn sie meine Meinung wissen wollen: Lassen sie blöd. Es gibt keine Stille, nie. Weil: Ich bin empfänglichdas ganze Gebinde weg und kommen sie mit offenem für Strahlen. Für Strahlen aller Art. Ich bin ein Medi-Hemdkragen, das sieht sportlich aus und frisch. um. Ich mache Strahlen hörbar. Allerdings nur für mich selbst. Ich bin mein eigenes Radio. Ich bin mein eige-Junior: Auch gut. Wie finde ich denn am besten zu ner Geigerzähler. Hallo? Hallo? Wie bitte? Ist das deineihnen? Stimme oder ist es ein anderer Sender? Woher kommen sie? Verstehe. Jedenfalls ist es nicht meine eigene Stim-Sekretärin: Kommen sie mit dem Auto? me. Hab ich mir schon gedacht. Inzwischen hab ich den Dreh raus. Ich erkenne sie schon an der Strahlung. IchJunior: Nein, ich habe kein Auto. erkenne sie schon, ich habe sie schon gehört, jetzt hab ich sie, jetzt hab ich ihre Frequenz, einen Moment noch,Sekretärin: Na, dann nehmen sie die S-Bahn, die hält gleich bin ich auf sie eingestellt …hier fast vor der Haustür …Junior: Dann sagen sie mir doch bitte noch den Namender Haltestelle. 3. SzeneSekretärin: Rödelheim müssen sie raus. Das Rauschen eines verstellten Radios.Junior: … Aha … vielen Dank … Rödelheim … so also Vater: Du hast meinen Sender verstellt! Meinen Senderheißt die Station … muß mir den Namen einprägen … an meinem Radio!muß an dieser Station raus …ab hier abgleiten in den Monolog mit anderer Atmo Das Radio wird eingestellt, aus dem Rauschen wird… ach, schon wieder muß ich einen Namen aufnehmen, Schlagergesang: „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ vonschon wieder muß ich etwas in mich reinlassen, muß ich Christian Anders.hinhören, was die Stimme aus dem Lautsprecher sagt: Aufdringlich-vordergründiges Gurgeln einer Kaffeemaschi-Nächste Station: … - die Stimme ist ein Sender mit einer ne kommt hinzu.Sendung, und ich, ich bin auf die Station eingestellt, ich
    • 3 Vater: vehement, fordernd Wirst du wohl dein Brötchen 4. Szene aufschneiden! Ich will es knuspern hören! Atmo unterirdische S-Bahn-Station Hauptwache in Frank- Ich will die Krümel spritzen sehen! furt am Main. Menschenmassen, Rolltreppen, ein- und ausfahrende Züge, Durchsagen. Junior: verzweifelt Welches Messer soll ich denn neh- Während der ganzen Szene brabbelt die Pennerin wirres men? Zeug vor sich her. Schrille Stimmlage, hysterisch, belustigt. Juniors Stimme überlagert ihre, doch ist sie im Hinter- Vater: Das da! - Schau mal auf die Uhr! Schau gefälligst grund weiterhin - ununterbrochen! - deutlich zu hören. mal auf die Uhr! Willst du etwa zu spät kommen? Dann Die Szene beginnt mit der Durchsage! kannst du es gleich vergessen! Durchsage: Auf Gleis 3 fährt ein: S 5 nach Friedrichsdorf. Laut: Ein Messer schneidet ein knuspriges Brötchen Pennerin: Ich hab mich sterilisieren lassen. Wegen der Vater: Hier, Butter! Los, schmieren! Einfetten! Mäuse. Ach herrje, die haben an mir geknabbert mit ihren spitzen kleinen Zähnchen. Es hat immer so gejuckt. Junior: winselt Ach Zähnchen haben die! Das zwickt. Aber das kann man ja wegmachen. Vater: Ich hasse Menschen, die das Haus ohne Frühstück verlassen. Junior: höhnisch, im Vorübergehen Es hat so etwas von Verweigerung. Hört euch mal die bekloppte Alte an! Junior: grunzt Pennerin: Dafür habe ich die Kneipe geerbt, Endstation heißt die, am Bahnhof von Bad Vilbel. Da braucht man Vater: Los, reinbeißen! Mach schon! Hoppla! Hopp! ja ne Ausschankgenehmigung. Sie lachen! Sie lachen! Und dann gab´s Ärger. Hottehü! Hottehü! Da hat´s mich gesattelt. So schnell geht das. Hoppla hopp. Junior: mit vollem Mund So etwa? Ist das richtig so? Durchsage: Am Gleis 3 bitte zurücktreten. Vater: Kauen jetzt! Und jetzt sag, daß es dir schmeckt! - Hallo! Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Junior: besorgt Bestimmt wird er mich löchern. Er wird mich anbohren mit seinen Fragen. Junior: erzeugt unverständliche Worte mit vollem Mund verstellt seine Stimme Wie lange waren sie für ihren letzten Arbeitsgeber tätig? Elf Monate? Aus welchen Gründen ist der Arbeitsvertrag aufgelöst worden?
    • Pennerin: Du dumme Sau! Mach das du verschwindest! Konzession. Rattatamm, rattatamm, wo ist denn bitte 3Da war´s dann aus. Da hat´s mich in die Beete gepfef- schön der nächste Luftschutzkeller. Gleich kommt einefert. Kraut und Rüben. Nu ja, was soll´s. Hoppel hopp V2 auf uns nieder, da werden sie schon sehen, hopplada kamen die Hasen ohne zu fragen. Ja, Süße, deine hopp. Weg da! Geh beiseite, du Aas, ich will das sehen!Bügelfalten stechen mir in die Augen, geh weg! Nein, ich sitze, wo ich bin! Ich könnte dich anfassen!Junior: wieder mit seiner eigenen Stimme Durchsage: Am Gleis 3 bitte zurücktreten!Was soll ich denn darauf antworten? Ich kann dochnicht lügen, das merkt man mir sofort an. Junior: ab hier abgleiten in den Monolog mit anderer Atmo Was hat die Stimme gesagt? Was sagt sie? Sie sagtDurchsage: Auf Gleis 2 fährt ein: S 2 nach Südbahnhof. es ja noch … die Stimme ist ja noch in meinem Ohr … hallo? Hallo? Ja … aber ja doch … ich höre sie sehr gutPennerin: Als sie ihm die Haare abgeschnitten hatten, … ich brauche doch nicht zurücktreten, ich bin dochwußte ich gar nicht mehr, was ich sagen sollte. Außer- schon eingetreten, ich bin doch schon drin, im Zug, derdem taten mir die Zähne weh, ja ich hab auch Zähne, bringt mich hin, rattatam, rattatam, jetzt bin ich auf demHasenzähne, ach die Schmerzen, wegen der schlechten richtigen Weg, jetzt brauch ich nur noch hinhören, bisFüllungen. Da waren schon Risse drin, in denen haben die Stimme die Station ansagt, aber nicht die Endstation,sich Würmer eingenistet. Hoppsassa, haben sie die raus- ich fahre ja nicht nach Bad Vilbel … ich fahre ja nach ….gezogen, dass es nur so flutschte. Nun da bin ich heute wie heißt sie noch, die Station …angekommen, oder da drüben. Also Haarspray konnteich noch nie riechen. Am vorigen Tage hatte ich noch Durchsage im S-Bahn-Zug, fließend einfügen: Nächsterwas in Aussicht, aber das geht vorüber. Meine Güte, Halt Galluswarte.müssen die denn die Sitze aus so nem Draht zusammen-biegen, da holt man sich ja ein Karomuster am Arsch. Junior: Muß ich jetzt aussteigen?… war es diese Station?Ich hab nämlich keinen Schlüpfer an, den mußte ich War es diese Station … muß ich hier raus? …wegwerfen, der war schon verbraucht.Durchsage: Auf Gleis 3 fährt ein: S  nach Wiesbadenüber Frankfurt Flughafen. 5. SzeneJunior: In einer halben Stunde muß ich da sein. In zwei Im Zimmer des Chefs.Stunden hab ich es hinter mir. So ungefähr. Vielleichtdauert es auch gar nicht so lange. Sekretärin: spricht durch die Wechselsprechanlage Soll ich ihn hereinlassen?Pennerin: Und wie sie weitergegangen sind, dachte ichmir so: Ohne mich! Ohne mich! Ich krieg ja doch keine Chef: eifrig, voller Vorfreude Ja! Ja! Lassen sie ihn herein!
    • 40 Es klopft an der Tür. Chef: Wie? Haben sie etwas gesagt? - Ich seh ihnen doch an, daß sie sich nach etwas sehnen! Chef: räuspert sich mehrmals, laut und übertrieben, ohne Stille.Sie möchten bestimmt ein paar Kekse knabbern, Einlaß zu gewähren stimmt´s? spricht in die Wechselsprechanlage Bitte bringen sie noch Nach einer Pause klopft es wieder. Kekse mit! Chef: flötend, übertrieben freundlich Sekretärin: Jawohl. Herein! Ja bitte! Treten sie ein! Chef: Sie gestatten, daß ich mich endlich setze? Junior: spielt den freundlichen, gelassenen Bewerber, ist in Penetrant knarzendes Leder; es begleitet seine Äußerungen Wirklichkeit eingeschüchtert Sie bleiben bitte stehen. Ich möchte die Perspektive Guten Tag! Da bin ich! genießen. Ich möchte zu ihnen aufschauen. Ich möchte zu allen meinen Mitarbeitern aufschauen können. Wie Chef: herzlich Kommen sie näher! Setzen sie einen heißt doch gleich diese Perspektive … Schritt vor den anderen! Verringern sie den Abstand! Junior: Froschperspektive? Die Wechselsprechanlage piept. Chef: Ach was! Da müßte ich ja platt auf dem Boden Chef: flötet in die Wechselsprechanlage liegen! Möchten sie das? Stellen sie sich das insgeheim Nur keine Scheu! Nur keine falsche Bescheidenheit! vor: Wie ich platt auf dem Boden liege? Sekretärin: Möchten sie Kaffee oder Tee? Junior: Nein, nein, auf keinen Fall! Chef: Kaffee oder Tee? Kaffee oder Tee? Meine Lie- Chef: Sie möchten mich auf dem Boden sehen. Sie be, die Frage stellt sich ganz anders. Das eine soll das möchten mich mit ihrem Fuß zerquetschen wie einen andere niemals ausschließen. In unserem Hause gilt das kleinen, ekligen, glitschigen Frosch. Prinzip Sowohl-Als Auch, nicht das Prinzip Entweder- Oder. Wann werden sie das endlich lernen? Junior: Aber nein! Sekretärin: gelangweilt Mit Milch und Zucker? Chef: Warum geben sie nach? Stehen sie zu ihren Fan- tasien! Ich habe volles Verständnis für solche Vorstel- Chef: Mit braunem Kandiszucker! Und mit Zitrone! lungen. Sie kommen hier herein als Wurm. Kein Wun- an Junior Haben sie einen besonderen Wunsch? der, daß sie sich nach Macht und Größe sehnen. Aber bedenken sie: Der Frosch frißt den Wurm, haha! Na Junior: Nun … Also … nun beruhigen sie sich, ich habe ja nur ihr eigenes Bild
    • weitergemalt! Ich bin kein Frosch, sie sind kein Wurm. Sekretärin: kommt hustend herein 41Abgemacht? Hier sind ihre Schokokekse. Passen sie auf, daß ihnen die Schokolade nicht zwischen den Finger zerläuft. Wenn sieDie Tür geht. Sekretärin tritt ein. die Soße wieder auf den Sessel schmieren, können sie ihn diesmal selbst saubermachen.Sekretärin: Hier kommt das Sowohl-Als Auch. Chef: Was sind sie heute wieder biestig!Chef: Ah, wie der Kaffee duftet! - Aber was ist das? Wie-der diese trockenen Krümeldinger! Wo sind denn meine Sekretärin: Was haben sie nur mit dem Jungen gemacht.saftigen Schokokekse? Die mag ich doch so gern! Der guckt ja so belämmert.Sekretärin: Mal schaun. Chef: Noch habe ich gar nichts mit ihm gemacht, haha. Das kommt erst noch!Sekretärin geht. Sekretärin: Na, na, na! Setzen sie ihm bloß keine FlausenChef: Stört es sie, wenn ich rauche? in den Kopf!Junior: Nein, bestimmt nicht. Chef: Flausen? In den Kopf? Ich werde ihm einen kleinen Mann setzen! Und zwar ins Ohr!Chef: Sie wissen, daß Rauchen ungesund ist? Tür geht zu.Junior: Ja, das schon, die EU Gesundheitsminister war-nen davor … Chef: Bleiben wir bei ihnen. Was stört sie am Rauchen?Chef: pafft genüßlich Die Zigaretten selbst sind völlig Junior: Nichts! Gar nichts! Rauchen sie nur. Früher hatharmlos. Ungesund ist das, was mich zum Rauchen man Zimmer aus hygienischen Gründen ausgeräuchert!antreibt. Es wird also sein Gutes haben.Junior: Ach so! Chef: Erzählen sie doch keinen Quatsch! Ich weiß genau, daß sie Zigaretten ekelhaft finden! Ich weiß auch, daßChef: Da staunen sie, was? Das ist ihnen neu! Nun, hier sie vom Rauch nach kurzer Zeit Augenreizungen, ver- änderte Geschmacks-empfindungen sowie neurotischewerden sie noch einiges erfahren, das ihnen ganz neu Atembeschwerden bekommen!vorkommen wird.Tür geht. Junior: Es stimmt, Rauch brennt in meinen Augen, aber das ist auch alles.
    • 42 Chef: Wenn ihnen die Augen weh tun, warum weinen Junior: ab hier abgleiten in den Monolog mit anderer sie dann nicht? Das spült die Schadstoffe aus! Atmo Harthörig … harthörig … hart … hartherzig finde ich das, mich zu stören, diese Stimme, seine Stimme, Junior: Ich kann nicht so einfach auf Befehl weinen. noch eine, als hätte ich nicht genug in mir, finde ich denn nie mehr zur Ruhe, nicht bei Tag, nicht bei Nacht, Chef: Das ist mir klar. Sie haben eine Verhaltung, da in keiner Nacht, auch nicht in der letzten, wir hatten kommt halt nichts bei raus. Sie können weder weinen Neumond letzte Nacht, wir alle hatten Neumond, noch scheißen. Ist ihnen die Ähnlichkeit dieser Symp- aber ich, wieder nur ich hatte sein Tönen im Ohr, bei tome aufgefallen? Neumond sind es Photonen und Neutronen, die da so aufdringlich klingen, kann aber auch sein eine Radon- Junior: Heute morgen hatte ich wirklich eine Verstopfung quelle, ganz in der Nähe, das Gas Radon, es strömt aus, zischend, rauschend, aus einer Gasflasche, aus einer Chef: Eben! Weil sie mir was scheißen wollten, aber sich Lunge, aus einem Mund, was weiß ich, jedenfalls ist nicht trauten! Ha! Zu feige zum Scheißen! es da, machen sie nicht so einen Krach, ich möchte schlafen, es ist Neumond, es ist Radon, es ist radioaktiv, Junior: Warum reden sie so mit mir? Wollen sie mich es ist Biblis. Biblis ist nicht weit, nur ein paar Stationen verletzen? mit der Regionalbahn, nächste Station Biblis, Biblis hat ein Wahrzeichen, es hat zwei Kuppeln. Der Petersdom Chef: Mein Junge! Sie denken falsch von mir! Es ist mein hat nur eine Kuppel. Sie sind eines der größten Atom- Ziel, ihre Wahrnehmung zu schärfen - genauer gesagt: kraftwerke der Welt, in jeder ihrer Kuppeln glühen Ihre Selbst-wahrnehmung. Dafür gibt es ein Organ, das einhundertdreiundneunzig Brennelemente, sie erzeugen heißt nicht Auge, auch nicht Ohr, sondern Bewußtsein, sechzehn Milliarden Kilowattstunden Strom im Jahr, und sein Ziel ist Bewußtheit! Ich begleite sie nur auf dem das ist eine Leistung, da staunt man mit offenem Mund, Weg dahin. Der Weg kann hart sein. Aber bitte schieben da verschlägt es einem die Sprache, mir verschlägt es sie mir nicht die Härte des Weges in die Schuhe! Der Weg die Sprache, aber sie, sie reden und reden, nun las- kann auch lang sein. Sie haben bereits eine lange Strecke sen sie mich endlich in Ruhe! Weg! Hauen sie ab! Ich zurückgelegt. Eine Durststrecke, haha! Da können sie beschwere mich! Hallo? Hallo? Ist dort die Personen- noch so viel Kaffee bei Vorstellungsgesprächen trinken: dosismeßstelle? Bitte nehmen sie zur Kenntnis, daß ich Wenn sie sich nicht ändern, geht die Durststrecke weiter. eine strahlenexponierte Person bin. Ich verlange eine Kann nicht einmal zugeben, dass ihm die Augen brennen! dosimetrische Überwachung, darauf habe ich Anspruch. Das gleiche Theater spielt er mit den Ohren: Gibt nicht Näheres zur Personendosis regeln die Paragraphen einmal zu, dass sie ihm klingen! Noch nicht, noch nicht. zweiundsechzig folgende der Strahlenschutzverordnung. Das kommt erst, wenn er den Vertrag in der Tasche hat! Weiteres lesen sie unter Paragraph fünfunddreißig der Aber nicht mit mir! Hallo! Hören sie mir überhaupt zu? Röntgenverordnung … der Schlafschutzverordnung … Hallo, junger Mann, sind sie schwerhörig? Oder wie sagte man früher, ha-ha … harthörig …
    • 6. Szene Hätte ich mir bloß die Decke über den Kopf gezogen. 43 Hätte ich doch einen verständnisvollen Vater.Junior: Wäre ich bloß im Bett geblieben Ach, mein schönes Bett. Ach, meine schöne Bettdecke.Chef: Haben sie etwas gesagt? Hier versuchen sich die beiden Fremdstimmen wiederJunior: flötet Nei - hein, ich höre ihnen zu - hu! einzumischen:Junior gleitet ab in Gedanken. Evtl. leichter Hall. Seine 1. und 2. Fremdstimme im Chor: Wäre ich bloß im BettGedanken denkt er melodiös, wie einen Sprechgesang. geblieben …Da mischen sich fremde Stimmen ein, die versuchen, ihmeinen Kanon aufzuzwingen. Junior: Ruhe!Junior: Wäre ich bloß im Bett geblieben. Es herrscht Stille. Junior beginnt wieder von vorn.Hätte ich mir bloß die Decke über den Kopf gezogen.Hätte ich doch einen verständnisvollen Vater. Junior: Wäre ich bloß im Bett geblieben.Ach, mein schönes Bett. Hätte ich mir bloß die Decke über den Kopf gezogen.Ach, meine schöne Bettdecke. Hätte ich doch einen verständnisvollen Vater. Ach, mein schönes Bett.Hier setzt der Kanon ein: Ach, meine schöne Bettdecke.1.Fremdstimme: Wäre ich bloß im Bett geblieben … Ab hier begleiten ihn die beiden Fremdstimmen, sprechen synchron mit ihm. Er unternimmt nichts mehr gegen sie.Nach der 2. Strophe setzt die 2. Fremdstimme ein: Junior: So viele Kassetten.2. Fremdstimme: Wäre ich bloß im Bett geblieben. Ich könnte Deckenkassetten zählen.Hätte ich mir bloß die Decke über den Kopf gezogen. Ich könnte Daunenfedern zählen. Ich könnte Staubmilben zählen.Die 2. Fremdstimme schafft noch die 2. Strophe, dann Alles wärmer als das hier.wird sie von Junior unterbrochen: Alles besser als das hier.Junior: Aufhören!Er beginnt von vorn.Junior: Wäre ich bloß im Bett geblieben.
    • 44 7. Szene Junior: Wenn ich also krank werde, dann auch nur, weil mir etwas unklar ist? Wieder im Vorstellungsgespräch. Chef: Richtig. Chef: Hallo? Hallo! Träumen sie? Meinen sie, ich möchte ein Selbstgespräch führen? Junior: Das wirft ja ein ganz neues Licht auf das Leben. Da kann man so einiges in einem ganz neuen Licht Junior: Aber nein, ich höre ihnen doch zu, ich finde sehen. es faszinierend, was sie mir zu sagen haben. Ich kann noch viel von ihnen lernen. Keine Sorge, das hier ist das Chef: Falls man Augen zum Sehen hat. Falls man Ohren richtige Programm. Ich bin ganz auf Empfang … ich höre zum Hören hat, wenn sie wissen, was ich meine. ihnen zu … ich sehe ihnen zu … Junior: Als kleines Baby wäre ich beinahe an der Ruhr Chef: Wo wir gerade beim Sehen sind: Kehren wir zu- gestorben. Was mag das bedeuten? rück zu den Zigaretten und dem Qualm. Wirklich schäd- lich ist Zigarettenqualm aus einem einzigen Grund: Weil Chef: Wem stellen sie die Frage - mir oder sich? er die optischen Eigenschaften der Luft verändert. Licht- brechung, Reflektion und so, davon haben sie bestimmt Junior: Ja … eigentlich frage ich sie. Sie scheinen sich da in der Schule gehört. Das Licht wird an den Rauchparti- auszukennen. keln reflektiert, und so gespiegelt dringt es ins Auge ein. Rauch führt also zu einer verzerrten Sicht. Der Mensch Chef: Sie stellen die Frage dem Falschen. Um ihre Krank- erfährt eine vom Rauch entstellte Wirklichkeit, und das heiten müssen sie sich selbst kümmern. brennt in den Augen, nicht der Rauch selbst! Ein paar verbrannte Fitzelchen getrockneten Laubs! Als ob das Junior: Aber sie haben doch damit angefangen! in den Augen brennen könnte! So ein Unsinn. Aber verzerrte Wahrnehmung, das ist echtes Leid, das brennt Chef: Stimmt. Ich wollte ihnen einen kleinen Wink in den Augen. Ihr Körper muß ausbaden, wofür sich ihr geben, oder meinetwegen auch einen kleinen Finger. Su- Bewußtsein verschließt. Das gilt übrigens grundsätzlich. chen sie in sich. In anderen werden sie sich nie finden. Und das gilt auch für sie! Junior: Das ist heftig. Junior: Sie meinen: Es geht mir nur dann schlecht, wenn ich mir über etwas im Unklaren bin? Chef: Ja, das ist es. Es könnte ganz leicht sein, irgend- wann, aber noch ist es heftig für sie. Fällt ihnen auf, daß Chef: Genau. Der Körper drückt klar aus, wofür das sie immer das gleiche anstellen, immer mit dem glei- Bewußtsein keine Worte findet. chen Ziel, doch ohne es jemals zu erreichen? Ist ihnen aufgefallen, daß sie mit jedem dieser hilflosen Versuche
    • sich ein Stück weiter weg von dem entfernen, nach dem Junior: Los jetzt, machen sie´s nicht so spannend. 45sie sich sehnen? Chef: Ihnen wird hören und sehen vergehen.Junior: Meinen sie meine vielen Versuche, eine Arbeit zufinden? Junior: Ich kann´s kaum erwarten.Chef: Ja und nein, ja und nein. Beides gehört zusammen, Chef: Sie sind ungeeignet. Sie sind unfähig. Sie könnendas eine spricht aus dem anderen. nichts. Nicht in dieser Welt. Nicht in dieser Gesellschaft. Sie passen nicht, sie fügen sich nicht, und wenn sie sichJunior: Sie sprechen in Rätseln. noch so sehr verstellen, und wenn sie sich noch so sehr bemühen, mir nach dem Mund zu plappern. Sehen sieChef: Ach wo! Haha! Sie hören in Rätseln! Sie hören in das endlich ein. Oder sollte ich besser sagen: Hören sieRätseln! Machen sie doch mal die Ohren auf! Das heißt das endlich ein.machen sie sich selbst auf! Ganz weit auf! Hören sie insich hinein! Junior: Einen Moment, bitte.Junior: Ich versteh gar nichts mehr. Entfaltet geräuschvoll ein Taschentuch, schnauft hinein.Chef: Also gut. Also schön. Ich werde ab jetzt eine Chef: Haben sie schon die Nase voll! Müssen sie michdeutliche Sprache sprechen, vor der sie sich nicht mehr schon unterbrechen!drücken können. Junior: Neeee … reden sie ruhig weiter, ich werde sieJunior: Dafür brauchen sie aber nicht laut werden! auch nicht mehr stören!Chef: Ich kann ganz leise sprechen, und dennoch wird es Chef: Gut, gut. Fein. Kommen wir zu den Vorstellungen.ihnen laut und gewaltig in den Ohren klingen! Sie haben eine Vorstellung, ich habe eine, und wir haben ein Vorstellungsgespräch. Sie haben eine Vorstellung vonJunior: Na denn, flüstern sie mir was. Schießen sie los. Arbeit, ich habe eine Vorstellung von Arbeit. Auf diese Begegnung habe ich mich natürlich vorbereitet. Ich wollteChef: Wie sie wünschen. wissen, wer mich da besuchen kommt. Und wer wissen will, der fragt. Der fragt Menschen, die ihm AuskunftJunior: Jeder Schuß ein Treffer. geben können. Sicher, ich brauche sie nur mit einem fra- genden Blick mustern, schon weiß ich eine ganze MengeChef: Jeder Schuß ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder über sie. Aber das reicht mir nicht. Deshalb habe ich michTritt ein Britt. bei ihren früheren Arbeitgebern über sie erkundigt. Sie waren ja so freundlich, mir die entsprechenden Unterneh-
    • 46 men in ihrem Bewerbungsschreiben zu verraten. Was soll Sie wissen ja, elektromagnetische Felder beeinflussen ich sagen? Mir ist so einiges zu Ohren gekommen. Ent- den Organismus. Wegen der elektrischen Ströme in den schuldigen sie diese kleine Anspielung. Sie wissen, wovon Nervenbahnen. Die steuern die Körperfunktionen. Oh ich spreche? Hallo? Hören sie mir überhaupt zu - oder ich spüre sie. Ich sehe sie, ich rieche sie, ich höre sie … sind sie schon wieder in ihren Träumereien versunken? Hallo! Hören sie mich oder ihre Geräusche? Sind sie über- haupt hier? Sind sie hierhergekommen, um sich gleich wieder in ihre Innereien zu verdrücken? Hallo! Antworten 8. Szene sie mir! Sagen sie was! Junior sieht fern. Junior: Wie bitte? Was? Ich soll ihnen sagen, wovon sie Die Stimme der Sprecherin kommt aus dem Fernseher. Sie reden? … wird begleitet von Hintergrundmusik und Sound-Effects. ab hier abgleiten in den Monolog mit anderer Atmo Ich soll ihnen sagen … aber ich kann nichts sagen … Sprecherin: Mit unseren Sinnen nehmen wir die Welt ich kann nur wiedergeben, ich bin ein stummes Echo, wahr. Das stimmt natürlich nur teilweise, denn unsere ich bin auch ihr Echo, ich kann nichts sagen, ich kann Sinne nehmen nur teilweise wahr. Unsere Augen sehen, nur hören, Ich höre ein Lied, ein Lallen, ein Scherzen, aber doch nicht alles. Das gleiche gilt für Ohren, Nasen, ein Räuspern, eine Durchsage, einen Dialog, höre ich Zungen, Finger. Harmonien, Bässe, Quintette, Konzerte, Madonna, es herrscht Flut in meinen Ohren, immerzu, und meine ei- Junior: Gut gesprochen. Ich kann ihnen nur zustimmen. gene Stimme ist längst abgesoffen. Hallo? Hallo? Hören Darf ich bitte ihre Ausführungen illustrieren. Ihnen ist sie mich? Nehmen sie bitte zur Kenntnis, daß parasitäre sicher auch aufgefallen, daß ich ein wunderschöner jun- elektromagnetische Phänomene auf mich Einfluß haben, ger Mensch bin. Die Augen sehen meine vollkommene die sich mir aufdrängeln und unablässig dazwischen- Gestalt, die Ohren hören meine angenehme Stimme und quatschen. Soeben sucht mich ein Fünfzig-Hertz-Brum- den Wohlklang meiner Schritte. Nasen riechen meinen men heim. Oh, guten Abend, es war doch gar nicht so köstlichen Duft, und Zungen lieben es, an mir zu lecken. gemeint, nein, ach was, treten sie nur ein, bitte sehr, Meine harten Muskeln begeistern jeden Finger, der nehmen sie platz, ach, sie haben eine Netzrückwirkung mich betastet. Doch könnte ein Sinn in mein Inneres mitgebracht? Dann sind sie ja schon zu zweit. Na ja, eindringen, würden sich die Menschen angewidert von lassen wir die Erdschleife noch herein, zu dritt geht mir abwenden. Weil´s in mir drin ganz übel aussieht. Die alles besser, aber jetzt mache ich zu, nein, es reicht Sinneseindrücken sind Schuld daran. Ich habe Dinge ge- nun wirklich, aber da hat etwas seinen Fuß in die Tür sehen, die haben mich innerlich ganz fertig gemacht. Ich geklemmt, soll hier etwa Skat gespielt werden? Wer sind hab mir Sachen angehört, die haben mir tiefe Wunden sie? Die Überspannung sind sie? Was sich da so alles beigebracht. Worte können ja schneiden wie Messer. ins Haus drängelt. Aber es ist mein Haus! Raus aus mir! Wunden können heilen, das schon, aber die Narben Verschwindet! Ich verlange einen störungsfreien Betrieb! bleiben und sehen so häßlich aus.
    • Sprecherin: Zu jedem Sinnesorgan gehört ein Loch. Das tem Wege ins Gehirn weitergeleitet. Dort wird der 4Licht fällt durch die Pupille ins Auge, der Schall dringt Sinneseindruck ausgewertet: Entspricht der Eindruckdurch ein Loch in den Gehörgang ein. Gerüche strömen einer angenehmen Erinnerung? Oder war ein ähnlicherin Nasenlöcher. Die Zunge wartet darauf, daß ihr etwas Reiz in der Vergangenheit mit einer Gefahr verknüpft? Jedurch die Mundöffnung zugeschoben wird. Auch der nachdem, wie die Antwort ausfällt, wird das Gehirn eineTastsinn macht da keine Ausnahme. Ein gutes Beispiel Reaktion des gesamten Organismus auslösen. Angesichtsist der Anus, der von einem Nervenkranz eingerahmt einer Hornisse ergreifen wir panisch die Flucht, währendwird. Der nimmt wahr, ob etwas eindringt oder ins Freie wir uns zu einer schönen Blume herabbeugen, um an ihrdrängt. zu schnuppern und ihre zarten Blütenblätter zu befühlen.Junior: Auch wenn sie mir ein Endoskop hinten rein- Junior: Wahrscheinlich fühlen sich meine Organeschieben, mehr als ein paar Darmzotteln und ein paar ganz zart an, weich und warm sind sie auf jeden Fall.Köttel werden sie doch nicht entdecken. Gott sei Dank Kann sein, daß sie sogar gut riechen, doch was nutztbekommt niemand den ganzen Schlamassel in mir mit. das, wenn sie schlecht aussehen. Meine Nieren sindDa müßte man mich schon aufmachen wie eine Dose. schrumplig wie ein paar alte Kartoffeln. Auf der Leber hab ich Narben, die müßten abgeschliffen werden. DasSprecherin: Hier sehen sie ein Auge im Querschnitt. Die kommt alles von alten Verletzungen. Die sieht man zwarfeinen Striche sollen Lichtstrahlen darstellen, die durch nicht, weil sie unter meiner glatten, schönen Außenhautdie Pupille in das Auge eindringen und auf die Netzhaut verborgen liegen. Trotzdem. Mich stört´s. Aber wie esfallen. Dort entsteht ein spiegelverkehrtes Bild. Doch mich stört! Ich weiß es ja, und Wissen ist wie Sehen,lernen wir schon als Babies, das Bild unseren Bedürfnis- oder? Und es werden immer mehr Verletzungen. Hörensen anzupassen, also noch einmal zu drehen, damit es sie sich das doch mal an!direkt der Wirklichkeit entspricht. Hier wird deutlich,daß der Sinneseindruck von psychischen Prozessen ab-hängig sein kann. Er erreicht unser Bewußtsein dann erstgefiltert oder modifiziert. 9. SzeneJunior: Genau! Eben! Sie sagen es! Schrunden oder Chef: Lassen sie die Ausflüchte! Sie wissen genau, wo-Falten, dem Auge an sich sind sie egal. Aber da gibt es ja von ich rede! Ich rede von ihrer geistigen Abwesenheit!psychische Prozesse, und nach dem psychischen Prozess Ich rede von langen Stunden am Schreibtisch, in denenist die Schrunde eine eklige Schrunde und ist die Falte sie sich mit wer weiß was beschäftigen auf ihren innereneine häßliche Falte. Wanderungen, nur nicht mit dem, was ihnen aufgetra- gen wurde!Sprecherin: Jedes Sinnesorgan verfügt über Nerven-bahnen, die es mit dem Gehirn verbinden. Die Reize Stille.werden, verwandelt in elektrische Impulse, auf schnells-
    • 4 Es pocht an der Tür. Tür geht auf. lich, daß ich ihnen etwas zu sagen habe! Sekretärin: Möchten sie noch Kekse? Junior. Ich habe Geräusche in den Ohren, das ist keine Ausrede. Junior: Oh ja, bitte! Gerne! Chef: Haha, wußte ich´s doch, dass es so kommen wür- Chef: Nein! Keine Kekse! Es gibt keine Kekse! de! Jeder Schuß ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jedes Wort ein Ohrenmord. Sekretärin: Nu lassen sie ihn doch! Der Junge hat Hun- ger! Junior: Ich gehe jetzt. Chef:Ja, hat er, aber nicht auf Kekse! Raus jetzt und Tür Chef: Sie können sich jederzeit selbst entlassen. Bis sie zu! wieder einmal rausfliegen. Gehen sie nur. Sie werden Sekretärin geht. immer in den Windungen ihrer Gehörgänge herauskom- - Halt, mein Freund! Sie bleiben noch hier! Ich habe men. ihnen noch einiges zu sagen! Wieder Stille. 10. Szene Chef: Überdies habe ich erfahren, dass sie ausgesprochen empfindlich reagieren, sobald die berechtigten Forde- Bar-Atmo. Im Hintergrund Soul-Musik, am besten von rungen ihrer Arbeitgeber an sie herangetragen werden. Marvin Gaye, „I heard it through the Grape Vine“ . Selbst wenn man sie freundlich und verständnisvoll an Junior angetrunken. Die Stimme ist weiblich, einschmei- ihre Pflichten erinnert, beklagen sie sich über den Ton, chelnd-süß, wie eine von denen, die für Sex-Hotlines den man ihnen gegenüber anschlägt. Über den Ton! Werbung macht. Kann auch eine feminine Männerstimme Am Tag nach der Ermahnung fehlen sie in der Regel mit sein. der Begründung, sie litten unter schmerzhaften Ohrge- räuschen und müßten sich zu Hause entspannen, um der Junior: R ht gsgt, ds s vrstndnsvll wrn. Ds ht r gsgt, ds Gefahr eines drohenden Hörsturzes zu entgehen. Schwn. Stille. Stimme: Sag es noch einmal, Schatz. Junior: Ich mache mich jetzt besser auf den Weg. Junior: Vrstndnsvll. Chef: Wohin wollen sie eigentlich noch gehen, junger Stimme: Klingt gut. Aber da fehlt doch noch was, Schat- Mann? Wohin? Herrgottnocheinmal! Erkennen sie end- zi.
    • Junior: D Pflchtn fhln. S hbn mch vrstndnsvll n mn für eine armselige Schau sie geboten haben, als ich das 4Pflchtn rnnrt. Zimmer vollqualmte! Warum haben sie nicht ehrlich zugegeben, dass es sie stört? Warum stecken sie immerStimme: Nicht doch! Das doch nicht, mein Schatzi! zurück? Warum stecken sie immer ein? Sagen sie doch klar und deutlich, was sie wollen! Sie wollen keinenJunior: Mr fhlt ws. Mr fhlt ws! Qualm, denn ihnen brennen die Augen davon! Sie wollen keinen Chef, der das Sagen über sie hat! DennStimme: Du bist krank, ich weiß. Dir fehlt was. vom Chef bekommen sie Ohrensausen! Erkennen sie das endlich! Leben sie das endlich! - Ich will ihnen garJunior: S snd d Hrn. nicht verschweigen, dass mich ihre ganze Art aufbringt. Jawohl, aufbringt. Ich bin wütend. Ich bin wütendStimme: Das würde ich nicht sagen. Weißt du nicht, was nicht nur darüber, dass sie mir die Zeit stehlen. Ich bindir fehlt? Dann sag ich dir, was dir fehlt. Dir fehlen die auch wütend, dass sie sich selbst die Zeit stehlen. MirEigenlaute. Komm her, Schatzi, ich tröste dich. ist noch niemand unter die Augen gekommen, der sichSchmatzt ihm einen Kuß auf die Wange. selbst so wenig verstanden hat wie sie. Kapieren sie endlich, dass sie arbeitsunfähig sind. Aber nicht wegenJunior: entsetzt Iiiiiiihhhhhhh! ihrer Ohrgeräusche. Die Ohrgeräusche sind Wirkung, nicht Ursache. Verstehen sie? Mit ihnen ist keine nor- male Kommunikation möglich. Sie tun nicht, was man ihnen sagt. Und wenn man es ihnen eindringlicher sagt,11. Szene haben sie´s an den Ohren. Wenn sie auch nur einen Funken Einsicht in sich selbst besäßen, dann würdenWieder Vorstellungsgespräch. sie sich nicht mehr bewerben. Dann wären sie heute nicht hier. Dann wären sie auf dem Sozialamt. DennJunior: Iiiiich … sie taugen nur für eines: Zum Sozialhilfeempfänger, für sonst gar nichts!Chef: Ich? Ich? Das klingt doch gut. Sagen sie etwas.Nehmen sie Stellung. Junior: verzweifelt Aber ich bin doch schon ein Empfän- ger! Ich empfange doch schon …Junior: Und wenn das nun alles übertrieben ist, was manihnen da erzählt hat. Chef: Jetzt behalten sie mal bitte schön die Fassung! Beruhigen sie sich, sonst kreiden sie mir noch einen Hör-Chef: Das habe ich schon bedacht. Deshalb habe ich sie sturz an. - Lassen sie mich mal eines darlegen. Ich habeja herbestellt. Um mal nachzuschauen, um mir einen lediglich festgestellt, dass ich über gewisse Kenntnisseeigenen Eindruck zu bilden. Der ist leider alles andere verfüge, die sie betreffen. Meine Meinung ist: Sie sindals günstig ausgefallen, mein Junge, alles andere. Was absolut unfähig, einer geregelten Arbeit nachzugehen.
    • 50 Und sie weigern sich, das einzusehen. Ich sage nicht, ist längst stumpf. Ich muß hart ackern. Mir bricht der daß sie ein schlechter Mensch sind. Ich stelle lediglich Schweiß aus, wegen der Wärmeinduktion. Die entsteht fest, dass sie ungeeignet sind, irgendwo, geschweige durch die Strahlung starker Sender, wissen sie, mein denn in meinem Betrieb, zu arbeiten. Das ist alles. Gewebe erwärmt sich. Was für ein Sender mag das sein? Sie können schalten und walten, hören und lauschen, Ein Radiosender etwa? Aber natürlich, es läuft ganz wie und was sie wollen. Nur nicht unter diesem Dach. heiße Musik, meine Moleküle schwingen ihre Hüften Suchen sie sich ein anderes. Probieren sie es unter einer und tanzen ganz wild. Oder ist es ein Radar? Ist hier Brücke. Das paßt viel eher zu ihnen. ein Flughafen in der Nähe? Höre ich das Donnern von Kampf-flugzeugen? Es ist doch nicht etwa der Ernstfall Die Wechselsprechanlage piept. Chef springt auf. eingetreten! Das wäre zu dumm. Im Ernstfall werden auch Atomkraftwerke nicht verschont. Einhundertdrei- Chef: Muß denn das jetzt sein! undneunzig Brennelemente. Zwei Kuppeln. Zweitau- sendfünfhundert Megawatt. Oh auch der Petersdom Auf seinem Weg zum Schreibtisch stolpert und stürzt er wird nicht verschont. Hallo? Hallo? Oder ist es nur das geräuschvoll. Er kann nach dem Sturz nicht mehr sprechen Wetterradar. Wie bitte? … fünf Grad in Malmö, bewölkt, und gibt gequälte Laute von sich. drei in Kristianstad, ein Grad in Stockholm, beide heiter … In der Nacht leuchtet der Neumond am Himmel. Junior: Ist das nicht die Froschperspektive? Aber kann ich den denn sehen? Hallo? Hallo? Ist dort der Neumond? Ist das der Krater Tycho? Sind sie das Sekretärin sprengt ins Zimmer. Meer der Stille? Sind sie das Fünfzig-Hertz-Brummen? Hallo? Ist das ihre Stimme? Hallo? Sekretärin: Ach du lieber Gott! Was sage ich nur dem Hallo? … nächsten Bewerber? Sie eilt ans Telefon. 12. Szene Sekretärin: Kommen sie schnell, hier ist jemand schwer gestürzt. Ich glaube, er hat sich den Unterkiefer gebrochen. Die mehrfach wiederholte Aufforderung „Aufwachen!“, mal süß-säuselnd, mal als Befehl vorgetragen, wird be- Rettungswagen-Tatü-Tata mit Dopplereffekt. gleitet von einem wilden Konzert aus Weck- und Mor- gengeräuschen. Es fängt leise und schwach an und wird Junior: ab hier abgleiten in den Monolog mit anderer gewaltig und erdrückend. Atmo Hab also wieder keine Arbeit bekommen. Hab also Im Konzert ertönen verschiedene Wecker - mechanische wieder keine Stelle bekommen. War es also wieder die wie elektronische und Radiowecker; Glockengebimmel ge- falsche Station. Muß ich also Bauer bleiben. Ein armer hört dazu, das Rauschen einer Klospülung, eine rasselnde Bauer auf einem hochfrequentem Feld. Mein Pflug Straßenbahn, eine penetrante Zeitansage.
    • Mit Juniors wütendem Aufschreien enden sowohl die 51Aufforderungen aufzuwachen als auch das Konzert abrupt.Frauenstimme: Aufwachen!Männerstimme: Aufwachen!Junior: Maul halten!Stille.Diesmal bleibe ich liegen!Vollkommene Stille.Ende.
    • credits 53Der kleine Mann im OhrAutorMartin HagemeierRegie/Produktion/Schnitt Antoine LéchevinSprecherChristian RodenbergLars FeistkornMaren KrügerAnnemarie ThiedeMusik„what you need, what you want“ von Antoine LéchevinFernsehsendung Hintergrundmusik von Tobias BlumtrittAufgenommen im Juni und Juli 2006 in der Broadcast-studio der T.U. Berlin (Radio 100000) besonders Dank anFabian Gawlik.Technikausleihe für outdoor Sounds: Folkmar Hein.Software: Ableton Live und Sound Forge.
    • 54 bibliografie Hörburger, Christian, Hörspiel, in “Historisches Wörter- buch der Rhetorik. Band 3“ hrsg. von Gert Ueding, Max Atkinson, Rita, Atkinson, Richard, Smith, Edward, Niemeyer Verlag, Tübingen, 16. Hilgard, Ernest, Pensée et langage, in „Introduction à la http://www.mediaculture-online.de Psychologie“, Edition Vilgot, 1. S. 301-333 Klippert, Werner, „Elemente des Hörspiels“, Reclam, Dollar, Mladen, Das Objekt Stimme, in „Zwischen Stuttgart, 1. Rauschen und Offenbarung“, zur Kultur- und Medien- geschichte der Stimme, hrsg. von Friedrich Kittler, Krämer, Sybille, Negative Semiologie, in „Medien/Stim- Akad.-Verl., Berlin, 2002. S. 233-256 men“ hrsg. von Cornelia Epping-Jäger, Erika Linz, 1. Aufl., DuMont, Köln, 2003. S. 2-2 Dollar, Mladen, Sechs Lektionen über Stimme und Bedeutung, in „Phonorama: eine Kulturgeschichte der Minard, Robin, „Silent music, zwischen Klangkunst und Stimme als Medium“, ZKM, Zentrum für Kunst und Akustik-Design“, hrsg. von Bernd Schulz, Kehrer Verlag, Medientechnologie Karlsruhe, Museum für Neue Kunst; Heidelberg, 1. [1. September 2004-30. Januar 2005], hrsg. von Brigitte Felderer, Ausstellung «Phonorama» (Karlsruhe), Matthes Möbius, Hanno, Montage für das Radio. Hörspiel- & Seitz, München, 2004. S. 1-222 Montage, in „Montage und Collage, Literatur, bildende Künste, Film, Fotografie, Musik, Theater bis 133”, Fink, Erbe, Markus, Sprachliche und Sprachlose Stimmen in der München, 2000. S. 405-42 Elektroakustischen Musik, in “Medien/Stimmen“ hrsg. von Cornelia Epping-Jäger, Erika Linz, 1. Aufl., DuMont, Robbe-Grillet, Alain, „Argumente für einen neuen Köln, 2003. S. 235-24 Roman”, [Aus dem Franz. von Marie-Simone Morel …] hrsg. von Marie-Simone Morel, Hanser, München, 165. Göttert, Karl-Heinz, “Geschichte der Stimme“, Fink, München, 1. Sarkis, Mona, „Blick, Stimme und (k)ein Körper: der Einsatz elektronischer Medien im Theater und in interak- Hazell, Jonathan, und Sheldrake, Jacqueline, “The Tinnitus tiven Installationen”, M & P, Verlag für Wissenschaft und and Hyperacusis Centre“, London, http://www.tinnitus.org Forschung, Stuttgart, 1. S. 3-45 Hoenig, Uwe G, Audio-Sequencer Ableton Live, Flüssige Saussure, Ferdinand de, „Grundfragen der Allgemei- Klänge, in „Keys“, Ausgabe 10/01, PPV, Bergkirchen, 2001, nen Sprachwissenschaft” hrsg. Charles Bally und Albert S. 2-6. Sechehaye unter Mitwirkung von Albert Reidlinger, übersetzt von Herman Lommel, 2. Auflage mit einem neuen Register und einem Nachwort von Peter v.Polenz, Walter de Gruyter&Co, Berlin, 16.
    • Schafer, Murray R., „Der Klang der Dinge: Akustik 55– eine Aufgabe des Design”, [Referate des vom DesignZentrum München veranstalteten Symposiums „DerKlang der Dinge: Akustik - eine Aufgabe des Design“vom 2. und 2. November 11 in München], hrsg.von Arnica-Verena Langenmaier, Schreiber, München,13.Sievers, Eduard, „Grundzüge der Phonetik zur Einfüh-rung in das Studium der Lautlehre der indogermanischenSprachen”, Eduard Sievers, Hildesheim [u.a.], Leipzig,16.Straebel, Volker, Klangraum und Klanginstallation in„Katalog zu Sonambiente. Festival für Hören und Sehender Akademie der Künste Berlin”, hrsg. Von Helga de laMotte- Haber, München, 16. S. 21-221.Zenner, H.P., „Die Entstehung von Ohrgeräuschen,Hypothesen und Modelle”, Vortrag anläßlich des 5. BadMeinberger Tinnitus-Symposiums der Deutsche Tinnitus-Liga e.V., November 1.http://www.tinnitus-liga.deProf. Tillmann, Dr. Ing. F.Schiel, Akustische Phonetik:„Einführung“ und „Was ist Sprachschall?“.http:/www.phonetik.uni-muenchen.dehttp://www.olats.orghttp://www.phonetik.uni-muenchen.dehttp://www.tinnitus-liga.dehttp://www.mediaculture-online.de
    • 56 martin hagemeier Die Venus, Text in Edit, Leipzig, Dezember 2004. Veröffentlichung mehrerer kurzer Prosatexte in Antholo- Butter, Text in Am Erker, Münster, Juni 2005. gie Echos, U. Mathiak Verlag Dortmund/Hamburg, 1. Der kleine Mann im Ohr, Text in Lichtungen, Nr. Veröffentlichung kurzer Prosatexte in Artikel, 1. 01/2006, Graz, März 2006. Veröffentlichung kurzer Prosatexte in Minerva, 10. Das Schaumbad, Text in Am Erker,Nr. 51, Münster, April 2006 Ein verwunschener Ort, Text in Titel-Magazin, Karlsru- he, September 2003. Ein verwunschener Ort, Text in sic, Nr. 2, Aachen und Berlin, Mai 2006. Der Keller, Text in Neue Deutsche Literatur, Ausgabe 05/2003, Aufbau Verlag Berlin, Oktober 2003. Il Corte Ingles, Text in Neue Deutsche Literatur, Ausgabe 02/2004, Aufbau Verlag Berlin, März 2004. Der ein wenig abgelegene und überdies versteckte Garten, Text in Sand am Meer, Wien, April 2004. Der Mann, Text in Neue Deutsche Literatur, Ausgabe 03/2004, Schwartzkopff Buchwerke, Hamburg und Ber- lin, Mai 2004. Das öffentliche Bad, Text in Neue Deutsche Literatur, Ausgabe 06/2004, Schwartzkopff Buchwerke, Hamburg und Berlin, Oktober 2004. Der Mann, Text in Entwürfe – Zeitschrift für Literatur, Ausgabe 3, Zürich, Oktober 2004. Independence Avenue, Text in Neue Deutsche Literatur, Ausgabe 0/2004, Schwartzkopff Buchwerke, Ham- burg und Berlin, November 2004.
    • ehrenwörtliche erklärung 5Ich erkläre hiermit ehrenwörtlich, dass ich die vor-liegende Arbeit selbständig angefertigt habe; die ausfremden Quellen direkt oder indirekt übernommenenGedanken sind als solche kenntlich gemacht. Die Arbeit wurde bisher keiner anderen Prüfungsbe-hörde vorgelegt und auch noch nicht veröffentlicht.Berlin, September 2006.Antoine Léchevin.