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Caros Wunsch

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  • 1. Albert Griesmayr Caros Wunsch 1
  • 2. Caro hat einen Wunsch. Sie möchte eine Zeichnung malen, auf der sie alles sieht, was in ihrem Leben wichtig ist. Fragend blickt sie durch ihr Zimmerfens- ter auf den Sternenhimmel. Da begegnet sie dem Pro- fessor Jonathan, der sie auf eine Entdeckungsreise in die Welt mitnimmt. Eine Reise beginnt, die das Leben beider grundlegend verändert... Albert Griesmayr studierte Internationale Betriebs- wirtschaft an der WU-Wien und der Oregon State University. Bereits während der Schulzeit und des Studiums kam er auf die Idee, Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens zu suchen und diese in einer phantastischen Reise zu verpacken. So entstand Caros Wunsch. Wenn Albert gerade nicht schreibt, so ist er in der Werbebranche tätig. Besonderer Dank gebührt: Klemens Schillinger, Ca- roline Zimm, Karina Griesmayr, Clara Huber und Stefan Jakoubi 2
  • 3. Albert Griesmayr Caros Wunsch 3
  • 4. Impressum: © 2008 Albert Griesmayr Illustration & Umschlaggestaltung: Klemens Schillinger Deutsche Erstausgabe November 2008 Herstellung: Books on Demand GmbH, Norderstedt Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN-13: 9783837080827 www.caroswunsch.at 4
  • 5. Gewidmet all jenen, die diese Welt ein Stückchen schöner machen und im Besonderen Alberts Oma, die ihn daran erinnert hat, dass die einfachen und schönen Dinge die wichtigsten im Leben sind. 5
  • 6. 6
  • 7. Inhalt Prolog 9 Caros Welt I 11 Die Welt von oben 17 Jardin de niños del arbol 30 Ein skandinavischer Abend 39 Caros Glück 43 Madame Ribery 51 Ein himmlischer Professor 65 Seesterne 76 Die Weggabelung 96 Der Architekt und seine Freunde 100 5 Uhr Tee 107 Tokio 110 Jonathans Entscheidung 122 Wasserkristalle und Bio Äpfel 127 Hokuspokus 134 Der Fallschirmsprung 143 Der Club der toten Schüler 153 Das kosmische Dinner 162 Unwetter am See 171 Caros Welt II 177 Epilog 180 7
  • 8. 8
  • 9. Prolog Hallo, mein Name ist Jonathan. Eigentlich bin ich ein ganz gewöhnlicher Wissen- schaftler, mit einer Brille und auch schon einigen grauen Haaren. Die grauen Haare lassen mich zwar schon ein wenig älter aussehen, aber innerlich fühle ich mich eigentlich noch recht jung. Also ich würde sagen: 50 wäre ein faires Alter für mich. Ich muss zugeben, ich habe mich aber auch schon ein wenig älter gefühlt. Es war die Zeit, bevor ich Caro kennen gelernt habe. Ich war damals mit einer ziemlich großen wissen- schaftlichen Theorie beschäftigt gewesen und ich sage euch, diese war wirklich kompliziert. Sie war so kompliziert, dass ich manchmal das Gefühl hatte, als wäre ich von großen Braunbären umgeben, weil mein Schädel so brummte. Stundenlang saß ich über meinen Theorien und verließ die Bibliothek nur sel- ten, um mir einen Spaziergang an der frischen Luft zu gönnen. Und selbst auf meinen Spaziergängen, war ich in Gedanken meistens noch ganz woanders. Ein wenig Entspannung verlieh mir eigentlich nur mein täglicher 5 Uhr Tee, am liebsten Schwarztee mit einem Löffel Honig. Den trank ich gerne in schönen Caféhäusern oder auch einmal in einem ruhigen Gar- 9
  • 10. ten. Wichtig war mir, dass es nicht zu laut war und zusätzlich Zeitungen gab. Denn dann konnte ich in Ruhe lesen oder auch einfach über meine Theorien nachdenken. So verging die Zeit und es sammelten sich einige Jahre an. Eigentlich tue ich die meisten Sachen von damals noch immer gerne. Aber seit ich Caro kennen gelernt habe, ist alles ein wenig anders geworden. Manche Dinge vielleicht sogar sehr anders… Im Laufe der Zeit werdet ihr mich sicherlich noch besser kennen lernen, aber wer jetzt viel wichtiger ist, das ist Caro. Wenn ich mich auf zwei Dinge festlegen müsste, die Caro so besonders machten, dann wären das ihr feinfühliges Wesen und die kleinen Geheim- nisse, mit denen sie einen immer wieder überraschte. Caro kennen zu lernen hat mich verändert und ich glaube, dass auch ich, ihr Leben ein wenig verändert habe. Diese Geschichte liegt mir wirklich am Herzen und ich hoffe, dass sie euch gefällt. Also macht es euch bequem, denn jetzt geht es richtig los. 10
  • 11. Caros Welt I Als ich Caro zum ersten Mal traf, lag sie auf dem Bauch am Teppich ihres Zimmers und blickte grü- belnd auf einen großen Zettel, auf den sie mit Bunt- stift gemalt hatte. Das Ganze sah so aus: Oben auf dem Blatt stand dick unterstrichen Caros Welt. Grübelnd saß sie vor ihrer Zeichnung: Das war sie nun, ihre Welt … Sie blickte auf den Stapel mit Büchern neben sich, Schulbüchern aus Geographie, Biologie, Religion und vielen anderen Fächern. Dann gab es da auch einen Stapel sonstiger Bücher, die sie sich einmal selbst gekauft oder die sie geschenkt bekommen hat- te. Oberhalb des Blattes lagen jede Menge Fotos von Freunden, Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse. Und dann gab es da noch ihr kleines goldenes Büch- lein. All diese Gegenstände wollte sie verwenden, um endlich ihre Welt zu malen. Ein ganzes Jahr lang hat- 11
  • 12. te sie es schon versucht, unzählige Papiere hatte sie zu bemalen begonnen, nur um sie dann enttäuscht wieder in den Papierkorb zu werfen. Vor den Feri- en hatte sie sich ganz fest vorgenommen, die letzte Ferienwoche im August für ihre Zeichnung zu nüt- zen, denn während ihres letzten Schuljahres würde sie bestimmt wenig Zeit haben und den ganzen Juli und halben August war sie bereits mit ihren besten Freunden Hannah und Georg auf einer Rucksacktour in Dänemark gewesen. So war es nun endlich an der Zeit, ihr Werk zu voll- bringen. Und jetzt, wo sie so vor ihrer Zeichnung saß, fühlte sie sich vollkommen blockiert. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihr ganzes Leben mit allem was ihr wichtig war, auf ein Blatt Papier bringen könnte und es beschlich sie das leise Gefühl, es wieder nicht hinzubekommen. Fragend blickte sie durchs große Fenster neben ih- rem Bett auf den Sternenhimmel. So lernte ich Caro kennen: Mit großen Augen blickte sie mich an und fragte: „Wie kann ich das schaffen? Wie kann ich alles was mir wichtig ist, was mir wirklich viel bedeutet, wie ich leben und was ich machen will, auf einem Blatt Papier darstellen? Es wäre so toll, wenn ich das schaf- fen würde. Dann könnte ich immer, wenn ich mich ein wenig verloren fühlte, einfach auf meine Zeich- nung blicken und wüsste wieder, was mir wichtig wäre. Kannst du mir helfen?“ Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. Ein 12
  • 13. ganzes Leben zu verstehen und auf ein Blatt Papier zu bringen, das erschien mir schon sehr anspruchsvoll zu sein. Und außerdem hatte ich so etwas ja selbst noch nie gemacht. Während ich in ihre fragenden Augen blickte, wurde mir bewusst, dass ich jetzt nicht lange überlegen konnte. So sagte ich kurzum „Ja“. Dann zögerte ich jedoch, um danach fortzufahren: „Ja, …ich will es versuchen, aber versprechen, dass es funktioniert, kann ich nicht.“ „Macht nichts“, antwortete Caro. „Hauptsache, du hilfst mir.“ Als würde sie nach den richtigen Worten suchen, drückte und knetete sie ihre Lippen aneinander, um dann fortzufahren: „Weißt du, das Problem ist, dass ich das Gefühl habe, so viele Antworten auf Fragen schon zu ken- nen, die ich nie gestellt habe. Die Fragen jedoch, die mir wirklich wichtig sind, deren Antworten kenne ich nicht. Zum Beispiel weiß ich ganz genau, was eine Quadratwurzel ist, aber ich habe keine Ahnung, was den Menschen allgemein im Leben wichtig ist und ob das bei allen Menschen mehr oder weniger gleich ist oder nicht. Oder ich lerne in der Schule etwas, zum Beispiel alle möglichen Dinge aus Physik, ohne je zu erfahren, warum diese überhaupt so wichtig sind. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich überhaupt nicht weiß, wie die Welt funktioniert und wie die Din- ge zusammenhängen. Das frustriert mich.“ Für einen Moment senkte Caro ihren Blick, dann fuhr sie auch schon fort: „Aber warte einen Augen- blick, ich hol’ noch schnell ein paar Notizen aus 13
  • 14. meinem Rucksack, die für meine Zeichnung noch helfen könnten.“ Caro sprang auf und wirbelte mit ihrem dunklen Lockenkopf durch das Zimmer, um noch mehr ihrer Notizen heranzuschaffen. Das waren ja eine ganze Menge Fragen gewesen, dachte ich mir. Ich über- legte, wie ich Caro am besten helfen könnte. Vor allem musste ich entscheiden, womit wir am besten beginnen sollten. Da fiel mir ein erster Plan ein und ich war zufrieden. Während Caro noch in ihrem Rucksack kramte, hatte ich Zeit sie genauer zu betrachten. Sie hatte schulterlange braune Locken, grüne aufmerksame Augen und um ihren Hals baumelte eine dünne Kette, an der ein kleines viereckiges Holzamulett befestigt war. Sie machte einen lebendigen, zufriedenen Ein- druck und dennoch schien sie ihren Kopf voller Fra- gen zu haben. Caro bemerkte nun, dass ich noch immer wie an- gewurzelt im Zimmer stand und deutete mir, mich auf den großen Teppich in der Mitte zu setzen. Ich nahm Platz und sah mich im Zimmer um. Mein Blick fiel gleich auf ein wunderschönes Fernrohr, welches durch das Fenster auf die Sterne gerichtet war. Wie gut man die Sterne wohl dadurch sehen könnte, über- legte ich für einen Moment, dann beschloss ich auch schon, meinen Blick durch Caros Zimmer weiter- schweifen zu lassen. Neben dem Fernrohr, unterhalb des Fensters, stand ein kleinerer Holzschreibtisch, auf dem noch einige Schulsachen aus dem letzten Jahr lagen. Gleich anschließend war Caros Bett, an dessen 14
  • 15. Fußende ein großes Aquarium stand. Darin tummel- ten sich einige Fische, in schillernden, bunten Farben. Schräg hinter mir befand sich die Eingangstüre und anschließend große Kästen voll mit Büchern, CD’s und Kleidern. Vor dem Schrank lag ein halbfertiges Puzzle. Es sah nach dem Bild einer Tänzerin in einem großen Theater aus, aber ganz konnte man es noch nicht erkennen. Dann gab es noch eine Korkwand, auf die vielerlei Eintrittskarten und Notizzettel ge- pinnt waren. Und als ich gerade das Aquarium näher inspizieren wollte, lenkte Caro wieder meine Auf- merksamkeit auf sich und legte los: „Also, ich habe jetzt noch einige Blätter geholt, auf denen ich mir im letzten Jahr Notizen gemacht habe, die wir hoffentlich verwenden können. Dann hab` ich da noch einige meiner Bücher und zusätzlich Fotos von meinen Freunden und …“ Caro begann zu erzählen und ich besann mich mei- ner ersten Idee, um ihr zu helfen, doch dafür musste ich sie erst einmal stoppen. „Warte mal“, ich spürte ihren ein wenig verunsi- cherten Blick und fuhr fort: „Ich denke, wir können die Reise entweder von Innen oder von Außen be- ginnen, aber irgendwo in der Mitte, das funktioniert nicht. Also wofür entscheidest du dich?“ Caro blickte mich fragend an. Ich erklärte ihr: „Von Außen bedeutet, dass wir die Welt, wie von einem Hubschrauber aus, ansehen und uns überle- gen, wie die Dinge auf der Welt zusammenhängen. Von Innen hingegen bedeutet, dass wir bei uns selbst beginnen und uns überlegen was für uns wichtig ist. 15
  • 16. Das, was in den Schulbüchern steht, beschreibt zum Beispiel eher die Welt von Außen, deine Wünsche hingegen, die Fotos deiner Freunde und wie gern du sie hast, gehören zur Welt von Innen.“ Caro überlegte kurz, dann sagte sie: „Von Außen, von der Welt, das gefällt mir für den Anfang gut.“ „Einverstanden“, entgegnete ich, „dann geht die Rei- se morgen früh los.“ Caro war beinahe schon eingeschlafen, als ich mich von ihr verabschiedete und durch das Fenster ins Freie stieg. Nach einer Weile drehte ich mich nocheinmal nach ihr um, sie lag bereits in ihrem Bett und ich be- merkte, dass sie ihr Amulett in den Händen hielt, um es ganz fest an sich zu drücken. Ich dachte an Caros Wunsch ihre Welt zu malen. Bestimmt würde es nicht einfach werden. Vorallem war mir klar, dass ich ihr nicht alleine dabei helfen können würde, aber ich hatte schon eine Idee für mor- gen und langsam aber sicher begann mir die bevorste- hende Reise zu gefallen. 16
  • 17. Die Welt von oben Alles lag noch im sanften Licht des Morgens, als ich über eine ausgedehnte Wiese in Richtung Caros Haus marschierte. Hinter mir lag ein großer See, auf dem bereits einige Fischerboote tuckerten und die spärlichen Häuser an den Ufern verrieten mir, dass ich in einer eher ländlichen Gegend sein musste, ir- gendwo in Südskandinavien, soviel war sicher. Das Haus, welches ich gestern Abend im Dunkeln noch fast gar nicht sehen konnte, rückte nun immer näher und es gefiel mir sehr gut. Es war ein schlichtes zwei- stöckiges Landhaus mit einer schönen Holzveranda davor, auf der zwei Schaukelstühle der aufgehenden Sonne entgegen zu lachen schienen. Ich war mir si- cher, dass man von der Veranda über den See auf die dahinter liegenden Hügel im Morgendunst sehen konnte und ich spürte, dass der Ort etwas Besonderes an sich hatte. Ich stieg die drei Stufen auf die Veranda empor und stand nun an der Eingangstüre. Ich hielt kurz inne und hörte das Summen einer Melodie aus dem Inneren des Hauses. Für einen Mo- ment überlegte ich, wer sonst noch aller im Haus sein könnte, dann läutete ich auch schon an. Als sich das Summen der Haustür näherte, merkte ich, dass es Caro war. Fröhlich öffnete sie mir die Türe und be- grüßte mich: „Hallo, ich bin schon abmarschbereit.“ „Du hast doch hoffentlich keine Angst vor dem Fliegen?“, fragte ich. Caro blinzelte mich erwartungsvoll an und so ver- 17
  • 18. ließen wir wenig später die Veranda und machten uns auf in die Lüfte, in Richtung eines kleinen Planeten, der nicht weit von der Erde entfernt lag. Schon von weitem sah ich Dr. Bionicus mit ange- strengter Miene vorne übergebeugt auf seinem Pla- neten stehen, um ja keinen Blick auf die Erde zu verpassen. Hinter ihm waren fünf Flip Charts in den Boden gesteckt, auf denen die verschiedensten Mo- delle gezeichnet waren. Und von weitem sah ich auch schon Yin und Yang, die beiden Agaporniden, kleine Papageien, in ihrem Käfig, welcher mindestens ein Fünftel des kleinen Planeten einnahm. Das Ganze sah in etwa so aus: „Hallo, Dr. Bionicus“, begrüßte ich ihn, als wir auf dem Planeten ankamen. „Hallo Jonathan, schön, dass du mal wieder vorbei- kommst“, erwiderte Dr. Bionicus und rückte schnell 18
  • 19. seine Brille zurecht. „Wen hast du mir denn da mitgebracht?“, fragte er etwas überrascht. „Das ist Caro“, erwiderte ich „sie hat mich gefun- den, weil sie ihr Leben auf ein Blatt Papier zeichnen möchte. Und dabei möchte ich ihr natürlich helfen. Am besten ist, Caro erzählt dir selber mehr.“ Caro stand noch etwas ehrfürchtig auf dem kleinen Planeten und blickte sich staunend um. Doch dann fasste sie sich und sagte: „Ich möchte eine Zeichnung meines Lebens malen, sie soll Caros Welt heißen. Sie soll alles enthalten, was für mich eine Bedeutung hat und was mir wich- tig ist. Und außerdem soll sie mir zeigen, wie ich die Dinge angehen soll! Aber irgendwie habe ich gerade gar keine Ahnung. Ich weiß auch nicht wirklich, was es in der Welt alles gibt und wie alles funktioniert.“ Dr. Bionicus rückte wieder seine Brille zurecht, dann sagte er: „Lass mich das einmal wiederholen. Du möchtest auf einem Blatt Papier dein Leben dar- stellen. Das hört sich nach einer ziemlichen Heraus- forderung an. Aber mir gefällt die Idee.“ Dr. Bionicus ging grübelnd auf dem kleinen Pla- neten auf und ab und es schien, als müsste er das erst einmal verarbeiten. Nach einer Weile drehte er sich zu mir und fragte: „Was ich noch nicht ganz verstehe, ist, wie ich Caro dabei helfen kann?“ Caro und ich erklärten ihm, dass wir für die Reise von Außen zu ihm gekommen waren und mehr über seine Flip Charts erfahren wollten. Da erhellte sich seine Miene und er begann zu erzählen: 19
  • 20. „Bevor wir mit der Reise von Außen beginnen kön- nen, möchte ich dich mit dem Grundsatz Jonathans, Dr. Quantums und mir bekannt machen. Du kennst den Grundsatz doch noch nicht oder?“ Caro blickte den Professor und mich fragend an. Kein Wunder, hatte ich ihr ja vom Grundsatz auch noch nicht erzählt und so kam Dr. Bionicus zu einem kleinen Auftritt. „Vorhang auf, Popcorn und Cola gefällig?“, rief der Professor mit etwas dünner Stimme aus und proji- zierte mit goldener Schrift seinen Grundsatz auf den Erdball unter uns. Caro beugte sich gespannt nach vorne, so dass ihre braunen Locken schon beinahe senkrecht zur Erde standen und der Professor las: „Sähet viele Samen, aber überlasst das Gießen den Schülern.“ Caro strich sich ihre Locken aus dem Gesicht und blickte Dr. Bionicus fragend an. „Damit ist gemeint, dass es unsere Aufgabe als Wis- senschaftler und Lehrer ist, die Menschen und Schü- ler auf möglichst viele verschiedene Dinge aufmerk- sam zu machen und ihr Interesse zu wecken, aber sie in der Folge selbst wählen zu lassen, was für sie besonders interessant ist. Ich gebe dir ein Beispiel: Ich bin mir sicher, du hast in der Schule schon einen Professor erlebt, der stundenlang, ohne dich vorher zu fragen, über bestimmte Dinge gesprochen hat, die dich überhaupt nicht interessiert haben. Und in der Folge hast du dich dann auch nicht mehr mit ihnen beschäftigt. Stimmts? Dabei soll Lehren eben wie eine Austellung sein, in der man zunächst an den vie- 20
  • 21. len Gemälden nur vorüberschreitet, bevor man eines davon genauer betrachtet. Denn sobald das Interesse da ist, wird der Samen von selber gegossen.“ Als der Professor die letzten Worte gesprochen hat- te, verschwand die Schrift auf dem Erdball und Caro drehte sich wieder zu ihm. Dr. Bionicus war mitt- lerweile zu seinen Flip Charts weitergegangen und sagte: „Ich meine es ernst mit meinem Grundsatz und des- halb sollen diese Flip Charts wie meine Ausstellung für dich sein. Betrachte sie einfach und dann sag mir, worüber du mehr wissen möchtest.“ Caro ging ein paar Schritte zu den Flip Charts hi- nüber und betrachtete sie aufmerksam. Auf dem er- sten waren ein paar undefinierbare Skizzen zu sehen, auf dem zweiten gleitete ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln über das Meer, auf dem dritten und dem vierten gab es jeweils eine Liste, die Überschrift auf der einen war Naturgesetze und auf der anderen Men- schengesetze und auf dem fünften Chart schließlich, war eine Abbildung der Kontinente zu sehen. Nachdem Caro jede Chart genau betrachtet hatte, sagte sie zu Dr. Bionicus: „Ich glaube, ich brauche für alles noch eine genauere Erklärung, denn so richtig schlau bin ich nicht geworden. Aber es sieht alles sehr interessant aus.“ Dr. Bionicus lächelte, dann rückte er sich seine Bril- le zurecht und sagte: „Ja so ist das mit der Welt von Außen. Die meisten Dinge erkennt man eben erst, wenn man ihre Bedeutung kennt. Auch wenn man vieles von Außen gut erkennen kann, so bleibt im In- 21
  • 22. neren noch immer viel verborgen. Also nun zu meinen Bildern. Auf dem ersten, fin- den sich meine Gedanken und Notizen, in ihnen kann man von Außen noch nicht viel erkennen, aber das zweite Bild ist für mich das perfekte Symbol für die Welt von Außen.“ Während Caro und ich das Bild des Vogels, der über das Meer gleitete, genauer betrachteten, fuhr der Pro- fessor fort: „Wer möglichst hoch über der Welt schwebt, der hat den besten Aussichtspunkt für die Welt von Außen gefunden. Er sieht die ganze Bühne. Der Albatros, den ich gezeichnet habe, hat aber noch eine besonde- re Gabe. Sobald er ins Meer eintaucht, sieht er auch die Welt von Innen. Denn wie ich schon gesagt habe, ist es nicht genug, die Welt nur von Außen zu sehen. Um sie verstehen zu können, muss man sie von bei- den Seiten betrachten.“ Nach einer kleinen Pause fügte Dr. Bionicus hinzu: „Ich hoffe, der Gedanke und das Bild des Albatros helfen dir auf dem Weg zu deiner Zeichnung, Caro.“ Caro nickte und dennoch schien sie ein wenig in Gedanken versunken zu sein. Auch ich grübelte und so standen Caro und ich nachdenklich auf dem besten Logenplatz der schönsten Bühne Namens Welt. Dr. Bionicus war mittlerweile zu den nächsten Bil- dern weitergegangen und riss uns aus unseren Gedan- ken: „Drei spannende Charts hätte ich noch für dich. Bist du bereit?“ Caro war schnell wieder Feuer und Flamme und so 22
  • 23. begann Dr. Bionicus zu erzählen: „Mit meinen letzen drei Charts habe ich versucht darzustellen, welche Gleichmäßigkeiten es auf der Welt gibt. Denn wer die Welt von Außen betrachtet, der sieht das Ganze und stellt fest, dass es bestimmte Regeln und Gleichmäßigkeiten gibt. So siehst du auf meinem dritten Chart eine Liste der Naturgesetze. Dazu gehören zum Beispiel die Gravi- tation, die Thermodynamik oder die Lichtgeschwin- digkeit. Die Naturgesetze kann niemand auf der Erde ändern, ein Poet würde sagen, dass sie einfach sind. So verhindert zum Beispiel die Schwerkraft, dass du wie ein mit Gas gefüllter Luftballon plötzlich ins All fliegst. Viel spannender noch sind aber die Menschenge- setze. Das sind die Gesetze, welche die Menschen selber schaffen, wie zum Beispiel die juristischen Gesetze oder die Festlegung auf ein bestimmtes Wirt- schaftssystem. Die Menschengesetze sind nicht über- all gleich auf der Erde, zusätzlich können sie sich im Laufe der Zeit verändern und dennoch sind sie häufig so beständig wie die Naturgesetze. Das ist doch eine spannende Unterscheidung, oder?“ „Daran habe ich noch nie gedacht, das gefällt mir“, antwortete Caro und schüttelte sich ein paar Locken, die in ihr Blickfeld gefallen waren, aus dem Gesicht. Gespannt drehte sie sich bereits zum nächsten Chart, auf dem eine Abbildung der Kontinente zu sehen war. „Das ist mein letztes Bild. Auch wenn es nur eine Abbildung ist, so wirst du gleich bemerken, dass man zumindest gleich vier verschiedene Dinge darauf se- 23
  • 24. hen kann, nämlich auf welchen Teilen der Welt, wel- che Religionen vorherrschen, wo es Krieg gibt und wie wohlhabend und glücklich die Menschen sind. Eigentlich komme ich ja ohne große Technik auf meinem Planeten aus, aber dieses Bild war mir sehr wichtig, sodass ich eine kleine Ausnahme gemacht habe. Innerhalb des Bildes liegt nämlich ein kleiner Speicher, der mit Daten gefüttert ist. So kann ich auf einer kleinen Anzeige auf der Rückseite des Bildes, meine gewünschten Dimensionen einstellen und dann leuchten die Länder in den entsprechenden Far- ben auf.“ Ich war überrascht, dass Dr. Bionicus ein solches Bild auf seinem Planeten hatte, vorallem weil ich wusste, dass er nur mehr sehr selten auf die Erde kam und sich mit Technik eigentlich nicht gut auskannte. So blickte ich ein wenig verwundert auf den Profes- sor, der bereits angestrengt durch seine Brillengläser auf die kleine Anzeige blickte und Caro fragte: „Welche Dimensionen interessieren dich beson- ders? Wohlstand, Kriege, Religionen oder Glück?“ „Glück und Wohlstand“, erwiderte Caro. Dr. Bionicus drückte ein paar Tasten, dann sagte er: „Gib Acht, was passiert, wenn ich nun Glück und Wohlstand einstelle, … ,wie du siehst, leuchten jetzt die besonders wohlhabenden Regionen der Erde grün auf und die glücklichsten Regionen haben rote Quer- striche.“ Caro und ich beugten uns zum Chart und bemerk- ten, dass die wohlhabendsten Regionen nicht unbe- dingt auch die glücklichsten waren und die Ärmsten 24
  • 25. nicht die Unglücklichsten. Das brachte Caro ins Grübeln und sie begann sachte auf ihrer Unterlippe herum zu knabbern. Nach eini- gen Augenblicken fragte sie: „Wie wird man eigentlich glücklich?“ Es entging mir nicht, dass Dr. Bionicus kurz den Blick senkte und sich für einen Moment an seine Bril- le griff. Dann sagte er: „Auf diese Frage gibt es sehr viele individuelle Ant- worten. Ich kann dir gerne ein anderes Mal mehr da- rüber erzählen. Aber jetzt geht es sich nicht mehr aus. Ich habe nämlich schon vorhin bemerkt, dass wir die Zeit ganz übersehen haben und meine Vögel Yin und Yang dringend etwas zu trinken brauchen.“ Caro wirkte ein wenig verdutzt über den plötzlichen Schwenk des Professors, aber es schien, als würde sie jetzt nicht nachbohren wollen, denn sie stand schwei- gend da. Da schlug Dr. Bionicus vor: „Besucht doch in der Zwischenzeit Sofia, ich bin mir sicher, sie hat wich- tige Antworten auf diese Frage.“ Als ich den Namen Sofia hörte, wurde mir ein we- nig mulmig. Doch gleichzeitig merkte ich, wie mich Caro und Dr. Bionicus erwartungsvoll anblickten. „…Es ist wichtig für Caro“, hörte ich den Professor sagen. Also gab ich klein bei. „Kein Problem, wir besuchen Sofia. Danke, dass du uns geholfen hast, wir zwei werden uns jetzt schnell auf den Weg zur Erde machen, um Mittag zu essen.“ Caro nickte zustimmend, dankte Dr. Bionicus und wir machten uns auf den Weg. 25
  • 26. „Es war mir ein Fest“, sagte Dr. Bionicus noch schnell und als wir schon fast an der Krümmung, un- ter der wir ihn nicht mehr sehen könnten, angelangt waren, blickte ich mich noch einmal vorsichtig nach ihm um. Er stand bei Yin und Yang und blickte gedan- kenverloren durch die Käfigstäbe. Ich hatte Recht ge- habt, dass Caro mit ihrer letzten Frage einen wunden Punkt in ihm getroffen hatte. Und Caro war es auch nicht entgangen. Denn als wir uns der Erde langsam näherten be- merkte Caro: „Vorhin hat Dr. Bionicus plötzlich so abwesend gewirkt. Als wir wegflogen, hat er ganz traurig seine Vögel angesehen. Warum lässt er sie nicht einfach frei fliegen, genauso wie seinen Alba- tros?“ „Ich glaube er hat Angst, dass sie vielleicht nicht mehr zu ihm zurückfinden würden“, entgegnete ich, aber innerlich wusste ich, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Wir sahen nun bereits unter uns den See, der in der Sonne glitzerte und näherten uns rasch Caros Haus. Ich spürte die Wärme der Sonne auf meiner Haut und mir gefiel dieser Ort immer besser. Eine friedvolle Stimmung lag in der Luft, als wir kurz darauf die paar Treppen auf die Veranda empor stiegen und das Haus betraten. In meine Nase stieg eine Mischung aus frisch lasier- tem Holz und Leder, als ich den Eingangsbereich bet- rat, welcher gleich in ein großes geräumiges Wohn- zimmer überging. Mein Blick fiel schnell auf die 26
  • 27. Couchbank vor dem großen Fernseher, ich vermutete, dass sie neu sein musste. Durch die großen Fenster flutete das Sonnenlicht in den Raum und ich kam zu dem schnellen Urteil, dass hier alles sehr wohnlich und gemütlich war. Caro führte mich in die Küche und wir beschlossen Spaghetti zu kochen, um für den Nachmittag gerüstet zu sein. Den schwierigeren Part der Sauce übernahm Caro, während ich darauf aufpasste, dass die Nudeln nicht zu lange kochten. So stand ich vor dem Topf und überlegte, wann ich das letzte Mal gekocht hatte. Mir fiel auf, dass es schon lange her gewesen sein musste. Ich versuchte mich zu erinnern, da schweiften meine Gedanken auch schon zu Sofia. Und als ob Caro meine Gedanken lesen konnte, sagte sie plötzlich: „Jonathan, darf ich dich fragen, warum das mit So- fia ein wenig schwierig ist?“ Ich hielt kurz inne, weil ich nicht so recht wusste, was ich sagen sollte. Warum es mit Sofia schwierig war? Eigentlich war es ja gar nicht schwierig, ich hatte sie nur schon länger nicht gesehen, dachte ich. Und natürlich fiel mir auch ein, dass sie einmal meine Freundin gewesen war. Ich entschied mich, Caro folgendes zu sagen: „Sofia und ich haben einmal eine besondere Bezie- hung gehabt, wenn du verstehst was ich meine.“ „Klar verstehe ich“, entgegnete sie. „Wenn es dir lieber ist sie nicht zu besuchen, dann gehen wir nicht.“ Das kam für mich in dieser Situation aber nicht in 27
  • 28. Frage, also sagte ich: „Wir besuchen Sofia. Es ist ja keine große Ge- schichte. Und ich bin mir sicher, sie wird dir bei dei- ner Zeichnung weiterhelfen können.“ So setzten wir uns an den Küchentisch, um uns für das nächste Abenteuer zu stärken. Während ich Caro beobachtete, wie sie geschickt die Nudeln aufrollte und in ihren Mund schob, fiel mir noch etwas An- deres ein, was ich mich schon heute Morgen gefragt hatte: Wo waren eigentlich Caros Eltern? Ich wollte Caro jetzt nicht danach fragen, es war ja noch genügend Zeit und sie sah gerade so zufrieden aus. Während wir nach dem Essen alles verstauten, summte Caro die ganze Zeit eine Melodie, wie schon heute Morgen. Jetzt hatte ich Zeit mich auf die Melo- die zu konzentrieren und tatsächlich, ich erkannte sie. Es war der Refrain eines U2 Liedes, Beautiful Day. Ich freute und wunderte mich zugleich, dass ich das Lied erkannt hatte, denn eigentlich hatte ich mit die- ser modernen Musik ja weniger zu tun. Ich versuchte mich zu erinnern, wo ich das Lied gehört hatte, da fiel es mir ein. Ich musste lächeln. Es war bereits sehr viele Jahre her, ich war damals nach einem Kongress mit einem japanischen Geschäftsmann in einer Moskauer Flug- hafencafeteria gesessen. Auf Grund eines Schnee- sturms hatten alle Flüge große Verspätung und so saßen wir mehrere Stunden in diesem Café fest und warteten. Nicht zu übersehen war eine riesige Lein- wand gewesen, auf der dieses Lied in einer Endlos- schleife gespielt wurde. 28
  • 29. Und während Caro das Lied vor sich hin summte, dachte ich mir, dass so kein 16 oder 17 jähriges Mäd- chen aussah, das keine Eltern mehr hatte. Vielleicht waren sie ja einfach nur auf Urlaub! Ich ärgerte mich darüber, immer gleich so düstere Gedanken zu haben und sagte: „Dann kann’s jetzt los gehen, es ist höchste Zeit.“ „Wohin geht es diesmal?“, fragte Caro und verzog ihren Mund zu einem breiten erwartungsfreudigen Lächeln. „Nach Südamerika“, entgegnete ich und wenig spä- ter nahmen wir unsere Fahrt durch die Lüfte auf und ließen das sonnige Südskandinavien hinter uns. 29
  • 30. Jardin de niños del arbol Caro und ich waren bereits im Landeanflug auf Ar- gentinien und wir merkten schnell, dass es hier richtig kühl war. Starker Wind jagte die Wolkenfetzen über das hügelige Land, es roch nach Regen. Die Bäume und Sträucher waren vom Wind ganz gebogen. Nach dem vielen Sonnenschein am Vormittag waren Caro und ich nicht darauf gefasst gewesen. Eigentlich dumm, denn in der Eile hatten wir ganz darauf ver- gessen, dass in Argentinien derzeit natürlich Winter war. Nun standen wir ein wenig fröstelnd vor der großen Metallpforte des Jardin de niños del arbol; was über- setzt so viel wie Kindergarten der Bäume bedeutete. Ich blickte durch die Pforte in den Garten und mir wurde bewusst, dass ich wirklich eine halbe Ewigkeit nicht mehr hier gewesen war. Ich konnte mein Herz leicht klopfen hören und atmete die kühle aber erfri- schende Luft tief ein. „Mr. Jonathan, welch Überraschung!“, rief Señora Abraldes und öffnete die Tore des Kindergartens. „Ich bringe euch zu Sofia!“ Caro und ich folgten Señora Abraldes durch den Garten zum Sonnenhaus, wie So- fia seinerzeit das Hauptgebäude des Jardin de niños del arbol genannt hatte. Das Sonnenhaus war ein aus Holz gebautes und mit Efeu überzogenes längliches Oval mit großen Glasfenstern. „Die Kinder sollten sich hier nie eingesperrt füh- len“, hatte Sofia einst gesagt, als wir die Pläne für den Kindergarten entworfen haben. 30
  • 31. Wir betraten das Sonnenhaus und blickten auf drei Dutzend Kinder, die kreuz und quer im Raum verteilt waren. Manche malten Bilder oder kritzelten einfach auf ihren Blättern herum, andere bastelten mit Kas- tanien oder Tannenzweigen und der Rest spielte mit Bällen oder lief aufgeregt um die Tische im Sonnen- haus herum. Das Stimmengewirr der Kinder erfüll- te den Raum. Ganz so wie in einem völlig normalen Kindergarten, aber dennoch fühlte es sich hier ein wenig anders an: Ein wenig freier und friedvoller. Mein Blick fiel auf Sofia, die gerade über die Schul- tern eines kleinen Jungen blickte, welcher versuchte, eine Berglandschaft zu malen. Ihre dunklen glatten Haare verdeckten ihr Gesicht ein wenig, doch ich er- kannte sofort, was ich schon immer in ihr gesehen hatte. Wie wenig sich das Wesen von Menschen doch änderte, dachte ich. Sie war zwar älter geworden, doch es waren keine tiefen Spuren der vergangenen 30 Jahre zu sehen und ein nahezu jugendlicher Aus- druck lag auf ihrem Gesicht. „Sofia“, rief Señora Abraldes, „du hast Besuch.“ Als Sofia zu uns aufsah, wurde mir klar, wie un- vorbereitet ich auf diesen Moment eigentlich gewe- sen war. Ich merkte noch, dass Sofia leicht zuckte, als sie aufstand, um dann gefasst auf mich zuzusteuern und mit klarer Stimme zu sagen: „Schön, dass du da bist.“ Ich wusste nicht so recht was ich sagen sollte, da blickte sie auch schon auf Caro und scherzte: „Hast du Zuwachs bekommen?“ Darauf hin gab ich ein wenig verlegen zurück: „Ja, 31
  • 32. so könnte man es auch nennen, …, nein, das Wichti- ge ist“, ich räusperte mich und fand meine gewohnte Stimme wieder: „Caro hat ihren Kopf voller Fragen und ich helfe ihr dabei, Antworten zu finden. Wir wa- ren schon bei Dr. Bionicus und auf der Suche nach dem Glück hat er uns geraten, zu dir zu kommen, da du die Expertin des Glücks bist. Und nun sind wir hier.“ „Ah, das scheint ja nun einmal ein vernünftiges Pro- jekt zu sein“, entgegnete Sofia und blinzelte Caro zu. „Na, dann kommt.“ Wir nahmen an einem kleinen runden Holztisch inmitten des Sonnenhauses Platz. Sofia fragte Caro, was genau am Glück sie nun am meisten interessiere und Caro antwortete: „Ich möchte wissen, wie man glücklich wird.“ Da lächelte Sofia und entgegnete: „Da hast du dir ja bereits die spannendste Frage von allen ausgesucht. Ich will versuchen, dir eine Antwort darauf zu geben. Aber zuerst frage ich dich: Zähle mir ein paar Men- schen auf, die du kennst, von denen du annimmst, dass sie glücklich sind.“ Caro knabberte auf ihrer Unterlippe und blickte durch die großen Glasfenster ins Freie. Nach einigem Grübeln antwortete sie: „Ich glaube, meine beste Freundin Hannah ist sehr glücklich. Aber sonst fallen mir eigentlich keine Men- schen ein, die so richtig glücklich wirken. Außer den Kindern da, sie wirken sehr glücklich.“ Sofia antwortete: „Warum, glaubst du, sind deine beste Freundin Hannah und diese Kinder hier glück- lich?“ 32
  • 33. Caro dachte angestrengt nach, dann sagte sie: „Hannah singt gerne und sie mag Georg. Und sie verbringt viel Zeit mit Georg und mit dem Singen. Sie hat Spaß an diesen Sachen. Und die Kinder hier, die haben auch Spaß. Sie sind lebendig.“ Sofia blickte auf die Kinder und lächelte. So ei- nigten sich die beiden darauf, dass Glück etwas mit Spaß haben und Lebendig sein zu tun hatte. Dann fügte Sofia hinzu: „Glück ist aber sehr individuell. Nicht jedem ma- chen die gleichen Dinge Freude. Obwohl Menschen letztlich fast immer die gleichen Dinge brauchen, wie zum Beispiel Geliebt und Verstanden zu werden, so sind sie im Inneren dennoch ganz verschieden. Ich vergleiche die Psyche der Menschen gerne mit Korallenriffen im Meer. Alle Korallen benötigen die gleichen Bedingungen zum Überleben und dennoch sind sie ganz verschieden aufgebaut. Manche sind verwinkelt und haben richtige Stockwerke, andere wiederum sind einfacher und man kann sie gut erfor- schen. Das hängt nicht nur mit dem Alter der Riffe zusammen, sondern natürlich auch damit, was ihnen im Laufe der Zeit widerfährt. So kann es sein, dass sich Riffe durch ein ungünstiges Klima in ihrer Ge- stalt verändern oder Teile sogar ganz zerstört werden. Wenn man die Korallenriffe dann genauer ansehen möchte, gibt es Tage und Zeiten, da ist das Meerwas- ser richtig trüb und man kann das Innere der Riffe kaum erkennen. Und manchmal ist das Wasser rich- tig klar und dann strahlen die Riffe in den schönsten Farben.“ 33
  • 34. Mittlerweile hatte es draußen zu regnen begonnen und die Tropfen prasselten gegen die Scheiben. Se- ñora Abraldes brachte uns warmen Tee und ich fühlte mich zum ersten Mal seit langem so richtig wohl. Caro nippte an ihrem Tee, dann sagte sie: „Dr. Bionicus hat Jonathan und mir auf einer Kar- te gezeigt, dass die Menschen in manchen Regionen glücklicher sind als in anderen. Die müssen doch si- cher einen bestimmten Weg zum Glück entwickelt haben, oder?“ „Das kann schon sein. Wahrscheinlich liegt das an der Kultur in bestimmten Regionen, daran, welche Religion es dort gibt, welchen Stellenwert Familie oder der Beruf hat oder auch einfach, wie wichtig Feste und Fröhlich sein in einer Kultur sind. Aber trotzdem ist Glück sehr individuell, davon bin ich überzeugt.“ Ich beobachtete Caro, wie sie ihren Kopf auf ihre Hand stützte und nachdenklich ins Freie sah. Viel- leicht dachte sie darüber nach, ob es nicht doch einen bestimmten Weg zum Glück gab. Einige der Kinder waren bereits neugierig auf uns geworden und stan- den um unseren Tisch herum. Sie interessierten sich jedoch weniger für unsere Gespräche, als für Caro. Besonders ihre Locken hatten es den Kindern angetan und ein mutiges Mädchen ertastete bereits mit ihren Fingern die Struktur der Locken. Mich hingegen be- obachteten die Kinder eher aus der Ferne, mit mehr Ehrfurcht, was in diesem Moment recht nützlich war. Caro jedoch schien ihre besondere Lockenbehand- lung in keinster Weise zu stören, sie drehte ihren Kopf 34
  • 35. wieder zu Sofia und sagte: „Kannst du mir nicht noch ein paar Ratschläge über das Glück geben?“ Sofia nickte. Dann stand sie auf, stellte sich auf ihre Zehenspitzen und ließ ihren Blick über den Kinder- garten schweifen. Plötzlich hielt sie inne und forderte uns auf, in ihre Richtung zu sehen. Wir drehten un- sere Köpfe und sahen zwei ungefähr fünf Jahre alte Burschen, die auf einem Bein herum hüpften und an die Decke starrten. Da fiel von oben auch schon ein Ball herab und einer der beiden ergatterte ihn. Dann warf er den Ball wieder so weit er konnte Richtung Decke und das Spiel ging von Neuem los. Die bei- den Burschen lachten dabei, sie schubsten einander, sprangen aufgeregt auf und ab und es war kein Ende des Spiels ab zu sehen. Sofia sagte: „Merke dir einfach das Bild dieser beiden und ver- giss es nicht. Sie sind glücklich, weil sie Spaß haben bei dem was sie tun, weil geteiltes Glück das Glück noch größer macht und weil sie vollkommen in ihr Spiel eingetaucht sind. Sie sind wie in ihrer eigenen Welt, dadurch haben sie alles was sie brauchen und kommen auch nicht auf die Idee, sich mit anderen zu vergleichen und vielleicht darüber nachzudenken, ob sie etwas nicht haben, das jemand anderer hat. Das ist schon das ganze Geheimnis.“ Wir sahen den beiden Burschen noch eine Weile zu, dann sagte Sofia: „Wenn es eine bestimmte Art gibt, das Glück zu fin- den, dann ist sie, dass du in dir selber suchen musst. Nur du kannst heraus finden, was dir Freude macht, denn so wie kein Korallenriff einem anderen gleicht, 35
  • 36. so ist auch jeder Mensch verschieden. Du musst die Antwort in dir selber suchen.“ Caro lächelte und nippte an ihrem Tee. „Die Reise nach Innen“, murmelte sie leise vor sich hin und blicke mich mit funkelnden Augen an. Caro hatte verstanden, was die Reise nach Innen war und ich wusste, dass wir bald damit beginnen würden. Während wir langsam den Tee austranken, wurden die Kinder um uns immer mutiger. Mittlerweile hat- ten sie sich sogar schon an mich heran getraut und begannen an meinen Ärmeln zu zupfen. „Ihr müsst aufpassen“, lächelte Sofia, „wenn ihr noch länger hierbleibt, lassen sie euch nicht mehr ge- hen. So ist das nun einmal.“ Caro lachte und sagte: „Eine Frage habe ich noch, Sofia. Gibt es etwas, das dich besonders glücklich macht? Oder kannst du dein Glück in wenigen Sätzen zusammenfassen?“ Sofia lächelte und sagte: „Ja, das kann ich. Ich habe sogar einen Glückssatz. Eigentlich ist er nur für mich bestimmt, denn er ist etwas abstrakt, aber ich hoffe, du verstehst ihn den- noch. Ich werde ihn aber nicht näher erklären, einver- standen!?“ Caro nickte und blickte gespannt auf Sofia, die ih- ren Blick mit einem Lächeln auf den Lippen durch den Kindergarten schweifen ließ und dabei sagte: „Das ist es. Das ist alles, was da ist. Also worauf warten wir?“ Die Art und Weise wie Sofia diesen Satz sagte be- rührte mich. Ich saß da und fühlte mich plötzlich ein 36
  • 37. wenig seltsam, richtig ungewohnt, aber ich konnte das Gefühl nicht einordnen, welches sich irgendwo tief in mir bemerkbar gemacht hatte. Um uns herum waren mittlerweile immer mehr Kinder, die uns interessiert anblickten. Ich überlegte kurz, ob sie verstanden worüber wir redeten. Ich beo- bachtete ihre Gesichter genauer und dachte mir, dass es ihnen wahrscheinlich vollkommen egal war, wo- rüber wir redeten, aber dennoch war ich mir sicher, dass sie alles ganz genau verstanden. Auf ihre Art und Weise, eben wie Kinder verstehen. Señora Abraldes näherte sich dem Tisch und machte Sofia darauf aufmerksam, dass in Kürze einige Eltern kommen würden, um ihre Kinder abzuholen. So öffnete Sofia noch eine kleine Lade, welche ganz versteckt unter der Holzplatte des Tisches ange- bracht war und holte eine Ansichtskarte hervor. Auf der Karte war ein wunderschöner üppiger, tief in der Erde verwurzelter grüner Baum zu sehen. Am unte- ren Ende des Bildes stand in geschwungener Schrift: Jardin de niños del arbol. „Ich hoffe, das Bild gefällt dir. Ich finde, der Baum mit seinen Wurzeln passt auch sehr gut zum Men- schen. Nur wenn er kräftig und gesund verwurzelt ist, können sich seine Äste und Blätter in den Himmel strecken. Das Bild ist für dich, ein Geschenk.“ Caro bedankte sich herzlich, während wir durch den Eingang auch schon die ersten Eltern in das Sonnen- haus kommen sahen. Sogleich wirbelten einige Kin- der aufgeregt durch den Raum und Señora Abraldes und Sofia hatten alle Hände voll zu tun. 37
  • 38. „Bist du zufrieden?“, fragte ich Caro. „Sehr zufrieden“, erwiderte sie, mit der Ansichts- karte in ihren Händen. In all dem Trubel verabschiedeten wir uns von Sofia und als ich mich gerade wegdrehen wollte, fragte sie noch: „Und Jonathan, wie geht es dir mit deinen Theori- en?“ „Gut, gut“, sagte ich hastig und drehte mich Rich- tung Ausgang. Ich bemerkte noch wie sie Caro etwas ins Ohr flüsterte, dann waren wir auch schon wieder im Freien. Mittlerweile hatte es zu regnen aufgehört, aber der Wind pfiff noch immer über das Land. Das Sonnen- haus wurde bereits immer kleiner unter uns, da wollte ich von Caro noch wissen: „Was hat dir Sofia ins Ohr geflüstert?“ Caro lächelte und sagte: „Vergiss nicht, worauf es ankommt, ich liebe, was ich tue und die Kinder geben es mir tausendfach zurück.“ 38
  • 39. Ein skandinavischer Abend Ich hatte das Gefühl, dass ich nachdenklicher als Caro war, als wir nebeneinander auf der Veranda in den Schaukelstühlen saßen und die letzten Lichtstrah- len des Tages beobachteten. Die Vögel zwitscherten dem Tag Gute Nacht zu und der See lag bereits in der Dämmerung. Ich dachte an Sofia, an die Worte, die sie mir beim Abschied gesagt hatte und an den ganzen verrückten Tag. Noch vor 24 Stunden war ich auf ei- ner irischen Universität gewesen, hatte nach einem Gespräch mit einem Wissenschaftler vor der Biblio- thek gesessen, an meinen Theorien getüftelt und in die Sterne geblickt, um eine Antwort zu finden. Und jetzt saß ich auf der Veranda eines skandinavischen Hauses mit einem Lockenkopf von 16 Jahren, hatte vielleicht den verrücktesten Tag meines Lebens hin- ter mir und dennoch: Etwas in mir war aufgebrochen, aber ich konnte dieses Was noch nicht einordnen. So saßen Caro und ich auf der Veranda und wippten in unseren Schaukelstühlen, während sich die Nacht langsam über der Landschaft ausbreitete. „Das war ein irrer Tag“, sagte Caro, „Danke“, und nach einer Weile fügte sie hinzu: „Geht es dir gut?“ „Ja“, sagte ich und lächelte ein wenig. „Ich hab noch so viele Fragen“, sagte Caro und blickte mich mit einer Mischung aus Freude und Angst an. „Du kannst ruhig fragen“, entgegnete ich, „wir sind noch lange nicht am Ende unserer Reise angelangt.“ Caro holte eine mit Früchten gefüllte blaue Tonscha- 39
  • 40. le aus der Küche. Schwungvoll setzte sie sich wieder neben mich, nahm ein paar Trauben aus der Schale, hielt sie in die Höhe, betrachtete sie und sagte: „Woraus besteht das Glück eigentlich so wirklich, ich meine so richtig, biologisch? Wenn ich eine dieser Trauben esse, dann werde ich doch auch glücklicher.“ Genussvoll schob sich Caro eine Traube in den Mund und grinste mich an. Ich lachte und suchte nach einem guten Vergleich, um mehr über das Glück zu erklären, da fiel mein Blick auf die letzten von der Abendsonne beleuchteten Hügel am Horizont. Ich sagte: „Stell dir vor, du besteigst einen Berg, und nach stundenlangem anstrengendem Aufstieg gelangst du an den Gipfel. Du streckst deine Arme aus und ge- nießt die Aussicht. Jetzt empfindest du Glück. Bio- logisch gesehen sind das Hormone, die dein Körper dabei ausschüttet. Aber Glück ist nicht gleich Glück, es gibt das kurzfristige Glück, das du schnell einfan- gen kannst und das langfristige, das schwieriger zu erreichen ist. Wenn du zum Beispiel eine Traube isst, dann ist das kurzfristiges Glück, wenn du hingegen ein Ziel er- reichst, für das du sehr lange arbeiten musstest, dann wird dein Glück langfristiger sein.“ Nachdenklich wippte Caro auf ihrem Schaukel- stuhl, dann fragte sie: „Glaubst du, dass es das ewige Glück überhaupt gibt?“ „Ich weiß es nicht“, erwiderte ich, „auf jeden Fall ist es sehr schwierig zu erreichen.“ Nachdenklich saßen wir auf der Veranda und hielten Ausschau nach den ersten Sternen, die am Himmel zu funkeln begannen. 40
  • 41. Caro legte ihren Kopf leicht zur Seite und sagte: „So- fia hat erzählt, dass Vergleiche nicht gut für das Glück sind. Aber würden wir Menschen, ohne uns mit an- deren zu vergleichen, nicht viel weniger erreichen?“ Ich sagte: „Du hast schon Recht. Aber dennoch sind Vergleiche ganz gefährlich. Stell dir zum Bei- spiel einen Indianer vor, der abgeschieden mit sei- nem Stamm auf einer kleinen Insel lebt. Eines Tages taucht ein großes Schiff auf und legt auf der Nach- barinsel an. Menschen steigen aus und beginnen dort Häuser, Bars und Discos zu bauen. Plötzlich sieht der Indianer jeden Tag, wenn er auf das Meer blickt, die Menschen auf der Insel feiern und tanzen, er hört sie lachen und lärmen. Er kann erkennen, dass sie dort exotische Gerichte essen und mit schnellen Motor- booten über das Meer jagen. Was glaubst du, wie sich dieser Indianer jetzt fühlt? Das Schlimmste an Vergleichen ist für mich jedoch, dass sie für manche Menschen nie aufhören. Es gibt sechs Milliarden Menschen auf der Welt. Glaubst du nicht auch, dass wenn du es versuchst, du immer noch einen Menschen finden wirst, der scheinbar mehr hat, dem es scheinbar besser geht oder der glücklicher ist als du? Für das Glück können Vergleiche wie Gift sein. Man muss nicht alles haben, um glücklich zu sein.“ Nachdenklich wippte Caro auf ihrem Schaukelstuhl hin und her und schob sich noch eine Traube in den Mund. Vom See wehte eine sanfte Brise zu uns herauf und die Sterne funkelten immer heller. Meine Gedanken schweiften weiter und mir fiel auf, 41
  • 42. dass ich schon lange nicht mehr so viel gesprochen hatte wie gerade eben. Da glänzte in meinem Augen- winkel Caros Amulett und ich fragte: „Woher hast du eigentlich dieses schöne Amulett?“ „Von meinen Eltern, sie haben es mir geschenkt als ich noch kleiner war. Sie haben gesagt, dass ich es immer fest drücken soll, sobald ich mich alleine fühle oder vor einer Herausforderung stehe und dann wür- den meine Sorgen verfliegen.“ Ein Wolkenband zog langsam vor den Mond und es wurde dunkler. Ich bemerkte, dass Caro noch etwas auf ihrem Herzen hatte und nach einer Formulierung rang. Dann sagte sie: „Ich habe heute so viele tolle Dinge gelernt, aber irgendwie weiß ich nicht, wie ich das mit mir verknüpfen soll. Ich meine, bei Dr. Bio- nicus war mir klar, dass es die Reise nach Außen war, aber bei Sofia, hat da schon die Reisen nach Innen begonnen?“ „Es war ein Vorfühlen auf die Reise nach Innen“, erwiderte ich. „Morgen früh geht es dann richtig los.“ Caro lächelte und wir vereinbarten, dass ich morgen in der Früh wieder zu ihr kommen sollte. Ich stieg die paar Stufen von der Veranda hinunter und überquerte die Wiese in Richtung des Sees. Dann drehte ich mich noch einmal um, das schwache Licht des Sternenhim- mels schien auf Caros Haus und ich hoffte, dass Caro nach all den Erlebnissen gleich eingeschlafen war. Ich setzte meinen Weg fort und verschwand im Dun- keln der Nacht. 42
  • 43. Caros Glück Das Morgenlicht flutete durch die Fenster in Caros Zimmer, als wir am nächsten Morgen auf dem großen Teppich in der Mitte des Raumes saßen. Caro wirkte augeschlafen und sah mich erwartungsvoll an. Ich fragte: „Bist du bereit für die Reise nach Innen?“ Caro nickte. Schon beim Herkommen hatte ich mir überlegt, wel- che Fragen ich Caro stellen könnte, damit die Reise möglichst weit gehen würde. Da war mir eingefallen, dass mir vor langer Zeit ein Professor von einer Tech- nik erzählt hatte, bei der man mit Hilfe verschiedener Fragen mehr über sich erfahren könnte. Obwohl ich mich nicht mehr haargenau an jede der Fragen erin- nern konnte, gelang es mir doch sie zu rekonstruieren. Schließlich kannte ich mich mit Techniken gut aus, zumindest in der Theorie. Also sagte ich zu Caro: „Wir brauchen zuerst ein- mal einen Block und einen Bleistift.“ Sekunden später saß Caro mit den Utensilien be- waffnet wieder neben mir auf dem Teppich. „Ich werde dir jetzt sieben Fragen stellen, eine nach der anderen natürlich und du schreibst einfach drauf- los. Denk nicht daran, was die Dinge heißen, die du schreibst, schreib einfach, was tief aus dir kommt. Natürlich musst du mir nachher nicht erzählen, was du geschrieben hast, schließlich ist es nur für dich.“ Caro nickte mir zustimmend zu und zückte ihren Stift. Ich sagte: „Die erste Frage lautet: 43
  • 44. „Was sind die Dinge, die dich inspirieren und dir Energie geben? Was sind die Dinge, die du wirk- lich liebst?“ Caro schrieb, sie schrieb bestimmt drei Minuten lang, ohne auch nur aufzublicken. Während Caro nach- dachte, ließ ich meinen Blick ein wenig schweifen. Caro hatte die Karte des Jardin de niños del arbol be- reits auf ihrer Wand gleich neben dem großen Schrank befestigt. Ich musste an Sofia denken und wie sie mich beim Abschied angesehen hatte. Ich konzen- trierte mich wieder auf Caro. Ich stellte ihr die näch- ste Frage und so ging es dann weiter bis zur siebten: „Was macht dich traurig? Welche Hindernisse liegen auf deinem Weg?“ „Stell dir vor, du wärst ein Adler und könntest von oben auf deine Lebensreise sehen. Wo bist du gerade?“ „Wenn du dein Leben von außen betrachtest, was fragt es dich, zu tun?“ „Wenn du deine Lebensreise vorspulst und dann zurückschaust, wofür möchtest du in Erinnerung behalten werden?“ „Stell dir vor, du könntest dich mit den besten Teilen deiner Selbst verbinden und eine Frage stellen. Welche Frage wäre das?“ „Und was ist deine Antwort?“ Caro schrieb, schrieb und schrieb, bestimmt vier Seiten voll. Nachdem sie geendet hatte, fragte ich sie: 44
  • 45. „Und wie war die Reise zu dir selbst?“ „Spannend“, sagte sie, „ein wenig aufgewühlt fühle ich mich und ich glaube, ich weiß jetzt viel mehr über mich selbst.“ Ich wollte nicht weiterfragen, denn Caros Antwor- ten waren nur für sie bestimmt und schließlich kannte ich sie auch noch nicht so gut. Dennoch vermutete ich, dass wir im Laufe unserer Reise noch über einige Antworten stolpern würden. Momentan waren ohnehin die vielen Fotos, die rund um Caro auf dem Teppich lagen, viel wichtiger. Vielleicht war ja dort jemand zu sehen, der eine wich- tige Rolle für Caros Zeichnung spielen könnte. Caro beugte sich über die Fotos und murmelte: „Hier sind Hannah und Georg, sie sind meine be- sten Freunde, dann habe ich hier ein Foto meiner Schulklasse und eines meiner Theaterklasse und dann natürlich auch eines von meinen Eltern und meinem kleinen Bruder.“ Gespannt blickte ich auf das letzte Foto. Tatsäch- lich, hier war Caros Familie vergnügt am Strand und sogar Caro war darauf zu sehen. Ich fragte vorsichtig: „Wo ist denn eigentlich deine Familie?“ Caro grinste ein wenig und sagte: „Ich dachte schon du würdest nie danach fragen. Die junge Caro ganz allein in einem großen Haus, ... , nein natürlich nicht, meine Eltern sind nur gerade zu Besuch bei Verwand- ten in England. Und meinen kleinen Bruder haben sie mitgenommen. Ich durfte da bleiben, um mich auf die erste Schulwoche vorzubereiten. Und wie du siehst, tu ich das.“ 45
  • 46. Caro lächelte und mir fiel ein kleiner Stein vom Herzen, weil sich das Rätsel um ihre Familie vorerst gelöst hatte. Aber ich wollte vorsichtig sein, denn das Leben war stets voller Überraschungen. „Wer ist dir sonst noch wichtig?“, fragte ich. Für einen Moment fasste sie sich an ihr Amulett, presste die Unterlippen zusammen und ich hatte das Gefühl, als würde sie meiner Frage am liebsten aus- weichen wollen. Dann sagte sie zögernd: „Na ja, Cle- mens gibt es da auch noch.“ Ich wollte nicht nachbohren, da fuhr sie fort: „Er war mein Freund, aber jetzt ist er, …, keine Ahnung, wir waren früher auch sehr eng befreundet, aber jetzt hab ich das Gefühl, als wäre von unserer Freundschaft nicht mehr sehr viel übrig geblieben. Aber ich will gerade nicht darüber reden.“ Caro knabberte am Ende ihres Bleistifts und blickte zum Fenster, wie sie es schon getan hatte, seit sie Clemens zum ersten Mal erwähnte. Ich wollte Caro schnell auf andere Gedanken bringen, also fragte ich: „Gibt es auch Dinge und Gegenstände, die für dich und deine Zeichnung wichtig sein könnten?“ Caro wandte ihren Blick vom Fenster ab und ließ ihn durch das Zimmer gleiten. Dann stand sie auf und holte aus dem Kleiderschrank ihre Lieblingsweste und ihre Tanzschuhe, von der Kommode brachte sie ihr Schmuckkästchen und schließlich stolperte sie in ihren Flip Flops, die sie unter dem Bett gefunden hat- te, wieder zu mir auf den Teppich. Außer Atem sagte sie: „So, jetzt habe ich einige der Dinge, die mir wichtig 46
  • 47. sind hergebracht. Was hältst du davon, wenn ich nun eine erste Zeichnung wage, mit den Dingen und Men- schen darauf, die mir besonders wichtig sind?“ Ich war einverstanden und nickte, während Caro bereits ein neues Blatt nahm und mit Buntschift zu malen begann. Nach einer Weile begutachtete Caro ihre fertige Zeichnung und sagte: „Ich glaube auf dem Blatt sind nun die wichtigsten Dinge und Menschen. Aber ich frage mich, wie ich alle Antworten aus den sieben Fragen in meine Zeich- nung einbauen kann? Die Dinge, die mich aufhalten und meine Lebensreise sind doch auch irgendwie wichtig.“ Ich entgegnete: „Was alles auf deine Zeichnung kommt, dann kannst nur du wissen. Aber ich glaube, dass die Dinge, die dich aufhalten, auch wichtig sind. Schließlich gehören sie ja zu dir und du musst deinen Weg und deine Art finden, ihnen gegenüberzutreten. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie auf deine Zeich- 47
  • 48. nung müssen, aber für dich persönlich spielen sie si- cher eine Rolle.“ Caro nickte. Dann stand sie plötzlich auf, ging zu ihrem Aquarium und drehte mir den Rücken zu. Ich konnte erkennen, dass sie in Gedanken versunken war. Sie biss auf ihrem Bleistift herum und sah den Fischen zu, wie sie langsam und still ihre Kreise im Wasser zogen. Es sah so aus, als würde Caro mit et- was kämpfen, mit einer Frage tief in ihrem Innern. Und mit einem Ruck drehte sie sich um, sah mich an und sagte: „Weißt du Jonathan, manchmal hab ich das Gefühl, dass ich eigentlich nicht wirklich weiß, wer ich bin. Manchmal hab ich das Gefühl, dass ich gar keinen richtigen Charakter habe.“ Mit einem zweiten Ruck drehte sie sich wieder zum Aquarium zurück. Ich war überrascht über den plötz- lichen Ausbruch und suchte nach den richtigen Wor- ten. Dann sagte ich: „Ich kenne dich erst zwei Tage lang und dennoch weiß ich schon von so vielen Din- gen, die dich besonders machen. Denkst du, dass es viele Menschen gibt, die ihr Leben auf nur ein Blatt Papier malen möchten? Ich glaube nicht. Aber Cha- rakter entsteht über die Zeit, es nützt nichts, sich vor- zunehmen, wer man sein und was man tun wolle, man muss es tun. Stell dir einen Gärtner vor, der seine Blu- men gießt. Die Blumen, die er immer wieder gießt, blühen auf, die anderen gehen verloren. Da nützt es nicht, dass er sich nur vornimmt sie zu gießen.“ Caro beobachtete ihre Fische und sah mich nicht an. Sie grübelte. Dann ging sie zu ihrem Fernrohr, blieb dort ein paar Sekunden stehen, drehte sich wieder um 48
  • 49. und sagte: „Lassen wir das einmal. Ich glaube, ich weiß, was ich gerade will. Ich will noch mehr darüber erfahren, wer ich bin und was ich will. Und ich habe eine Idee.“ Sie ging zum Teppich, hob geschwind ihr goldenes Büchlein auf und begann darin herumzublättern. „Ich will mein eigenes Glück einmal aufschreiben, beschreiben, was Glück für mich ist. Hannah hat mir in der Schule einmal einen Spruch auf eines meiner Schulhefte geschrieben, den ich dann in mein gol- denes Büchlein übertragen habe.“ Nie verlerne so zu lachen wie du jetzt lachst froh und frei, denn ein Leben ohne Lachen ist wie ein Frühling ohne Mai. „Und weil mir der Spruch damals so gut gefallen hat, hat sie mir noch ein kurzes Gedicht über das Glück dazugeschrieben.“ Glück ist, wenn man etwas tut was man liebt, Glück ist, wenn man tut was man liebt mit den Menschen die man liebt, Glück ist, wenn es von Herzen kommt. Und wieder begann Caro in ihrem Zimmer ihre Run- den zu drehen. Ein wenig tat sie es den Fischen in ihrem Aquarium gleich. Ich musste schmunzeln. Da hörte ich Caro auch schon: „Wie fange ich an mein Glück zu beschreiben, was hat Sofia gesagt? Mit et- was, dass mir Spaß macht. Glück ist, Glück ist für 49
  • 50. mich …“, murmelte Caro vor sich hin, „Glück ist, wenn es von Herzen kommt. Ich hab’s, ich schreibe jetzt mein eigenes Glück ist - Gedicht.“ Triumphierend nahm Caro einen neuen Zettel. Dann schrieb sie bestimmt 50 Glück ist – Sätze aus denen sie folgendes Gedicht formte: Glück ist, wenn ich mit Hannah und Georg lustige Dinge unternehme. Glück ist, wenn ich mit meinen Eltern und meinem Bruder einen tollen Ausflug mache. Glück ist, wenn ich mit dem Ruderboot auf dem See fahre, Glück ist, wenn mir ein Spruch viel bedeutet und ich ihn in mein Büchlein schreibe. Glück ist, wenn ich andere zum Lachen bringe. Glück ist, wenn ich tanze bis zum Umfallen. Glück ist, wenn ich mich lebendig fühle. Zufrieden blicke Caro auf das Blatt Papier: „Das kommt sofort in mein goldenes Büchlein. Und jetzt essen wir was!“, lachte sie. Als ich gerade den letzten Bissen der Lasagne in meinen Mund schob, sagte Caro: „Glaubst du eigent- lich, dass ich aus dem was mich glücklich macht, auch meinen Traumberuf entwerfen kann?“ „Ich hab schon daran gedacht“, entgegnete ich, „und weiß auch schon, wer uns dabei helfen wird. Wir werden Madame Ribery besuchen, sie ist Karriere- forscherin und zwar eine wirklich gute.“ 50
  • 51. Madame Ribery Als Caro und ich in Rabat, der Hauptstadt Marokkos, ankamen, war es bereits später Nachmittag. Es war noch immer angenehm mild und eine sanfte Brise wehte vom Meer zu Madame Riberys Haus. Wir saßen im Vorgarten bei einem kleinen Holztischchen umge- ben von Palmen und warteten auf sie. Noch vor we- nigen Minuten hatte sie uns überschwänglich begrüßt und war dann im Inneren des Hauses verschwunden, um ihren Gatten Matthieu lautstark anzuweisen uns ein Abendessen zuzubereiten. Ich musste lächeln. Madame Ribery war einer jener Menschen, die eine unglaublich offene und gewin- nende Art hatten und zur gleichen Zeit genau wussten, was sie erreichen wollten. Sie hatte Matthieu beim Studieren in Marseille kennen gelernt, schnell be- schlossen zu heiraten und eine Familie zu gründen, um nach einigen Jahren mit ihren beiden Kindern nach Rabat, ihrer Heimatstadt, zurückzukehren. Dort hatte ich sie dann auch kennen gelernt. Mein Interesse für Karriereforschungen hatte mich damals zu ihr geführt und ich merkte rasch, dass Ma- dame Ribery eine besondere Gabe hatte, wichtige Dinge einfach und anschaulich darzustellen. Sie hatte eine harte Schale und einen weichen Kern und ihr war wichtig, dass sie und ihre Arbeit von Nutzen waren. Sie beschäftigte sich mit Karrieren und Berufsbildern und ihrer Veränderung im Laufe der Zeit. Ich war mir sicher, dass sie Caro helfen konnte und gleichzeitig freute ich mich, wieder in Rabat zu sein. 51
  • 52. „Da bin ich schon wieder“, lächelte sie, „alles un- ter Dach und Fach. Ich bin bereit für dich und deine Wünsche, Caro.“ Caro nahm ihr goldenes Büchlein heraus und zeigte ihr persönliches Glück ist Gedicht. Sie sagte: „Jona- than hat gemeint, wir schaffen es, daraus zu kreie- ren, was ich später in meinem Leben einmal machen möchte.“ „Später?“, sagte Madame Ribery etwas vorwurfs- voll und stemmte demonstrativ die Hände in die Hüf- ten. „Später ist gar nicht gut, das Leben findet im Hier und Jetzt statt, aber da ich weiß, wie du es meinst, will ich nicht streng sein. Und schließlich hast du ja auch noch viel Zeit. Auf die Frage, was du später ein- mal machen möchtest, sage ich dir, dass du genau das machen solltest, was du in deinem Gedicht beschrie- ben hast.“ Caro sah Madame Ribery zweifelnd an. „Genau das und zuerst das und ja nichts anderes“, fuhr Madame Ribery fort. „Du magst mich jetzt vielleicht für ein wenig ver- rückt halten, aber ich sage dir eins: Wenn man älter wird, gibt es meistens zwei Möglichkeiten, entweder man wird ernster oder man wird verrückter. Und ich bevorzuge eher die zweite Variante.“ Madame Ribery klatschte in die Hände und lachte vergnügt. „Deshalb habe ich auch beschlossen meine For- schungen etwas greifbarer zu machen, sagen wir handfester. Ich bin kurz davor meine erste Ausstellung zu eröffnen. Matthieu und ich haben an der Rückseite des Hauses ein Atelier eingerichtet, seht selbst.“ 52
  • 53. Wir gingen durch den Garten zur Rückseite des Hauses. Als Madame Ribery die Türe zum Atelier öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Vor mir lag eine riesige Halle mit einem Glasdach, der Boden be- stand aus diesen typischen marokkanischen bunten Kacheln und im ganzen Raum verteilt befanden sich große und kleine Statuen und Figuren. Da gab es von Solarzellen betriebene Fischerboote, überdimensio- nale Golfschläger, Gitarren, von deren Saiten Men- schen aßen und unzählige weitere sonderbare phan- tasievolle Figuren. Und alle waren aus Ton gefertigt. Ich war überwältigt. Bei meinem letzten Besuch hat es dieses Atelier noch nicht gegeben. Damals war ich mit Madame Ribery noch über dicken Dokumenten gesessen, um mehr über ihre Forschungen erfahren zu können. Obwohl ich schon damals begeistert über ihre einfache Sprache und ihre vielen Abbildungen gewesen war, dieses Atelier überraschte mich nun wirklich. Wer hatte all diese Skulpturen getöpfert, fragte ich mich. Bevor ich weiterdenken konnte, füllte Madame Riberies Stimme den Raum auch schon aus: „Im Großen und Ganzen gibt es in meinem Atelier zwei Bereiche, der eine ist der akademische und der andere der praktische. Ich würde vorschlagen, wir beginnen mit dem akademischen. Ich habe hier die wichtigsten Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Karrieren dargestellt. Hier seht ihr zum Beispiel die Veränderung des Managers über den Zeitraum der letzten 50 Jahre.“ Wir blickten auf zehn große Statuen, von denen keine einer anderen glich. Auf der ersten Statue war 53
  • 54. ein Schild befestigt, auf dem stand: Jahr 1960. Auf der nächsten ein Schild mit Jahr 1965 und so ging es in Fünferschritten bis ins Jahr 2010. Jede Statue war aus Ton gefertigt. Dennoch konnte man klare Unter- schiede im Gesichtsausdruck, der Körperhaltung, der Kleidung und auch der Gegenstände erkennen, wel- che die Manager in ihren Händen hielten. „Hier seht ihr zum Beispiel, dass der Manager aus dem Jahr 2005 einen Laptop trägt. Der Laptop ist sein Symbol. Im Jahr 1985 hingegen musste ein Manager einen Taschenrechner herumtragen, um als Manager gesehen zu werden. So ist das mit Symbolen“, kicher- te Madame Ribery. „Am besten an den Managern gefällt mir jedoch, dass wir beim Töpfern sogar das mathematische Mit- tel der Rückenkrümmungen abgebildet haben. Das heißt, die Manager hier sind bis zum Jahr 2010 im- mer weiter nach vorne gebeugt. Die Krümmung ist stets ein wenig stärker geworden und das entspricht exakt den wissenschaftlichen Daten“, ergänzte Ma- dame Ribery. „Dann gibt es hier noch Darstellungen von Karriere- pfadeffekten und neuerer Trends aus der Forschung. Aber im Moment ist das gar nicht so wichtig. Für uns ist der praktische Teil viel wichtiger, er liegt mir auch mehr am Herzen. Kommt mit.“ Madame Ribery führte uns vor eine große Wand aus weichem Ton, auf der tausende verschiedene kleine Abdrücke zu sehen waren. Die Wand war in drei ver- schiedene Bereiche unterteilt. Wir marschierten an der Wand entlang, bis wir ganz links vor dem ersten 54
  • 55. Bereich standen. Madame Ribery erklärte: „Für den ersten Bereich habe ich eine Universitäts- klasse eingeladen. Ich habe sie gebeten, gemeinsam alle Berufe zu sammeln und aufzuschreiben, die sie sich vorstellen konnten. Sie sammelten Beispiele wie Feuerwehrmann, Polizist, Immobilienmakler, Manager, Kellner, Gärtner, Musiker und so weiter. Anschließend bat ich sie sich auf eine Abbildung für jeden Beruf zu einigen. Für einen Gärtner entstand zum Beispiel die Abbildung einer Frau in Gummistie- feln und einer Gießkanne in der Hand. Die Universi- tätsklasse sammelte ungefähr hundert Berufe, deren Abbildungen dann getöpfert wurden. Anschließend wurden die Figuren in den weichen Ton der Wand gedrückt, welcher vorher zusätzlich noch ein wenig erwärmt worden war, damit die Figuren in der Fol- ge auch hielten. Unter jede Figur kam dann noch ein kleines Schild, auf dem der Beruf stand, damit es auch keine Verwechslungen gab. Ist so weit alles klar?“ Caro und ich standen vor der Wand und blickten auf all die verschiedenen Figuren. Manche der Berufe konnte man leicht erkennen, wie zum Beispiel den Gondoliere, der mit seinem Ruder auf einer riesigen Gondel stand und sofort an Venedig erinnerte. Andere Berufe hingegen waren schwierig zu erkennen, doch dabei half dann das Schild darunter. Nachdem Caro und ich die vielen Figuren angesehen hatten, waren wir bereit für den zweiten Bereich. Madame Ribery führte uns zehn Meter nach rechts und wir blickten nun auf eine ganze Reihe neuer Fi- guren. Noch auffallender als die Figuren waren je- 55
  • 56. doch die Beschreibungen auf den Tafeln darunter. Da gab es den Facility Manager, den Feng Shui Berater, den Privatkundenbetreuer, den Risikoprodukttester, den Inhouse-Consultant und viele ausgefallene Be- schreibungen mehr. Zusätzlich fanden sich jedoch auch alle Berufe aus dem ersten Bereich wieder, wie zum Beispiel Polizist oder Kellner. Insgesamt gab es ungefähr vier mal so viele Figuren wie noch im ersten Bereich. Caro und ich waren neugierig auf eine Er- klärung und so erzählte Madame Ribery: „Für den zweiten Bereich habe ich Firmenchefs aus verschiedensten Arbeitsfeldern eingeladen. Sie be- kamen die Aufgabe, jene Berufe zu töpfern, die sie selbst anbieten, um anschließend die Figuren in die Wand zu drücken. Wie ihr sehen könnt, entstanden wesentlich mehr Figuren als im ersten Bereich. Mitt- lerweile ist er schon randvoll, es sind ungefähr 500 und ich habe beschlossen, keine Firmenchefs mehr einzuladen. Bevor ich euch jetzt sage, was diese Wand aussagen soll, erkläre ich noch den dritten Bereich. Für diesen habe ich wieder Universitätsklassen eingeladen. Aber diesmal habe ich sie gebeten, all ihre Traumberufe zu sammeln und aufzuschreiben, unabhängig da- von, ob es diese bereits gibt oder nicht. Nachdem die Studenten eine lange Liste erstellt hatten, sollten sie nachsehen, ob ihre Traumberufe bereits in den ersten beiden Bereichen vorkamen. Manche kamen vor und deshalb haben wir sie nicht mehr getöpfert. Doch es gab auch einige, die nicht vorkamen und diese finden sich nun im dritten Bereich. Der Bereich der Wün- 56
  • 57. sche, sozusagen.“ In der Zwischenzeit waren Caro und ich in den drit- ten Bereich weitergegangen. Ich blickte auf eine gan- ze Reihe neuer Figuren und Berufe. Da gab es den Pflanzenheiler, den Verkäufer von solarbetriebenen Kleinflugzeugen, den Redenschreiber oder den Erfin- der von gesundem Alkohol. Ich war überrascht, dass es so viele zusätzliche neue Figuren gab. Madame Ribery beobachtete uns, wie wir beein- druckt vor dieser riesigen Wand standen. Daraufhin sagte sie: „Ich liebe diese Wand und bin stolz auf sie, weil sie so viele Ergebnisse meiner Forschungen ab- bildet. Die Wand sagt sehr vieles aus, aber am wich- tigsten ist folgendes: Auf der einen Seite ist die Kre- ativität der Menschen grenzenlos, wenn man sie nur lässt. Das sieht man an den vielen fantastischen und kreativen Berufen im zweiten und dritten Bereich. Vor 20 Jahren hat es noch nicht so viele Berufe ge- geben und es macht mich froh zu sehen, dass immer mehr junge Menschen die Möglichkeit bekommen, ihre Zukunft noch individueller zu gestalten. Auf der anderen Seite zeigt diese Wand, dass viele jun- ge Menschen noch immer unter dem Druck stehen, sich in eine vorgefertigte Welt einpassen zu müssen. Nimmt man ihnen ihre Träume, so geben sich viele schnell mit etwas einfachem zufrieden. So kann es sein, dass jemand der immer davon geträumt hat ei- nen Spezialfrisiersalon für ausgefallene Hochsteck- frisuren zu eröffnen, bereits in jungen Jahren, aus welchen Gründen auch immer, seine Träume begräbt und ein normaler Friseur wird. Nicht dass ihr denkt, 57
  • 58. ich hätte etwas gegen Friseure, das ist ein schöner Be- ruf, aber ich hoffe, ihr versteht was ich meine.“ Ich dachte über das Beispiel mit dem Friseur nach, da riss mich Caro auch schon wieder aus meinen Gedanken: „Aber ist das nicht traurig, dass es für so viele Menschen keine Berufe gibt? Ich bin mir sicher, wenn ich versuche mit meinem Glücksgedicht mei- nen Glücksberuf zu finden und ihn dann töpfere, so wird er nur eine Form mehr im dritten Bereich. Und womöglich werde ich dann nie einen Beruf finden. Da ist es doch gleich besser, man erspart sich das alles und sieht sich in den ersten beiden Bereichen um.“ Madame Ribery, die wie ein Fels in der Brandung vor ihrer Wand stand, hatte aufmerksam zugehört: „Du hast sicherlich in vielem Recht. Ich liebe di- ese Wand so sehr, weil sie so viele Fragen und Ant- worten aufwirft, so dass man wochenlang darüber reden könnte und noch immer auf neue Aspekte sto- ßen würde. Zu deiner Frage: Unter dem Strich haben Menschen viele gute Gründe so zu sein wie die Welt sie sehen will, denn schließlich ist das ja häufig auch nicht ganz schlecht und erspart ihnen so einiges an Ärger und Zeit. Und dennoch vergessen viele Men- schen bei all diesem Streben, dass es nicht nur diese hundert Standardberufe gibt und sie fragen sich nicht, was und wer sie eigentlich wirklich sein wollen. Diese Wand zeigt so vieles, aber mir zeigt sie voral- lem, wie viel von der unglaublich fantastischen Krea- tivität der Menschen in unserem System noch auf der Strecke bleibt.“ Madame Ribery schnappte kurz nach Luft. Caro 58
  • 59. knabberte auf ihrer Unterlippe und mittlerweile wusste ich schon, dass sie dann stark nachdachte. Auch ich musste nachdenken. So standen wir drei vor der großen Wand mit den vielen Figuren und es schien, als würde uns die Wand mit ihren vielen Fra- gen und Antworten erdrücken. Nach einigem Grübeln sagte Caro: „Das heißt du meinst, jeder solle zuerst einmal ver- suchen, seine Träume zu verwirklichen?“ „Ja, der Meinung bin ich“, entgegnete Madame Ri- bery bestimmt. Doch Caro hatte einen Einwand: „Und was ist mit den Menschen, die es sich nicht leisten können, darauf zu warten, dass ihre Träume in Erfül- lung gehen. Die Geld benötigen, um sich etwas zu essen zu kaufen? Diese Menschen müssen doch den erstbesten Beruf nehmen, den sie bekommen können. Und in der Schule mit dem Lernen ist das ähnlich. Die Lehrer und sicher auch meine Mitschüler werden nicht einverstanden sein, wenn ich immer das lerne, was ich für richtig halte. So funktioniert das doch nicht.“ Caro war nun auf dem besten Weg sich mit Madame Ribery anzulegen, doch so bestimmt Madame Ribery bei ihren Ausführungen auch manchmal war, so auf- merksam war sie auch, wenn sie einmal einen interes- sierten Gesprächspartner gefunden hatte. So sagte sie: „Du hast natürlich Recht. Es ist nicht immer einfach seine Träume zu verwirklichen. Man ist nicht alleine auf der Welt und muss häufig Kompromisse schlie- ßen. Es ist eben schwer möglich und oft auch nicht sinnvoll, totale Freiheit zu ermöglichen. Nicht jeder 59
  • 60. Schüler kann in der Schule immer das lernen, was er möchte. Aber trotzdem denke ich, dass es prinzipiell sehr wichtig ist zu versuchen, das umzusetzen, was man schaffen möchte. Wenn man dann merkt, dass etwas nicht so geht wie man es sich gewünscht hat, kann man noch immer einen Kompromiss schließen oder auch ganz umdenken. Unter dem Strich wird man aber auf jeden Fall besser dran sein, als wenn man von Haus aus gesagt hat, dass sein Glück sowie- so nicht möglich sei und deshalb nur auf die Möglich- keiten gesehen hat, die es schon gab. Deshalb rate ich dir: Gib deine Träume nicht auf.“ Caro war zu einer der Tonfiguren weitergegangen und fragte: „Darf ich versuchen, aus meinem Glücks- gedicht meinen Traumberuf zu töpfern?“ „Dafür ist dieses Atelier da. Lass deiner Kreati- vität freien Lauf“, entgegnete Madame Ribery und klatschte in die Hände. Caro wollte noch in Ruhe töp- fern, so beschlossen Madame Ribery und ich bereits zum Abendessen vorzugehen und verließen das Ate- lier. Draußen war es schon fast ganz dunkel geworden, aber es war noch immer angenehm mild. Wir gingen zurück in den Vorgarten, wo Matthieu mittlerweile mit den Kindern auf uns wartete. Schon von weitem roch ich frischen Pfefferminztee, sah das Holzkohle- feuer und wusste, wir würden eine Tajine essen, ein traditionelles marokkanisches Gericht, welches in ei- ner Tonschüssel über dem Feuer gegart wird. Als hätte Caro das Essen gerochen, kam sie auch schon wenig später mit ihrem getöpferten Glücksbe- 60
  • 61. ruf gelaufen. Da ich ihr Gedicht kannte, ahnte ich, was sie getöpfert hatte: Hannah, Georg und sich selbst, lachend beim Tanzen. Und mir war klar, dass Caro noch viel mehr in dieser Figur sah, als ich oder jeder andere sehen konnte. Während wir uns alle im Dunkeln der marokka- nischen Nacht bei Kerzenschein über die Tajine her- machten, uns über alte Zeiten austauschten und Caro und ich Matthieu und auch die Kinder näher kennen lernten, wurde mir wieder bewusst, was Madame Ri- bery für eine tolle Frau war. Und ich hatte das Gefühl, mich heute Abend sehr lebendig zu fühlen. Ich blickte auf Caro und dachte mir, dass es ihr genauso ging. Die dünne Sichel des Mondes lag über Rabat, als wir uns voneinander verabschiedeten. Caro und ich machten uns auf die Heimreise durch die Lüfte. Als sich gerade die Lichter der Stadt unter uns im Dunk- len verloren, zog mich Caro am Ärmel. „So sehr ich mich schon auf Zuhause und mein Bett freue, so mag ich jetzt noch kurz weg bleiben, irgend- wo anders, …“ Ich blickte auf die Mondsichel über uns und deutete hinauf: „Wie wär’s mit einem kurzen Abstecher?“ Caro lächelte und so setzten wir uns auf den Mond, gerade so, dass wir nicht im Licht waren, aber der Schein noch ausreichte, um es ein wenig hell zu ha- ben. Wir blickten auf die Lichter der Erde und saßen lange schweigend da. Dann sagte ich zu ihr: „Du bist jetzt so richtig drin- nen in deiner Welt, hab ich recht?“ 61
  • 62. „Ja, das bin ich“, sagte sie und seufzte. „Das war wirklich ein aufregender Tag.“ Ich war lange nicht hier gewesen und als ich so da saß und den Erdball unter meinen Füßen sah, konnte ich eigentlich nicht verstehen, weshalb ich in der letz- ten Zeit so wenig Blick für all diese Dinge gehabt hat- te. All meine Gedanken und mein Leben kamen mir plötzlich viel kleiner und weniger bedrohlich vor. Wie auf einem Satellitenbild der Erde bei Nacht, strahlten die Lichter der großen bewohnten Städte und hüllten den Erdball in ein samtiges Licht. In die Stille sagte Caro: „Ich fühle mich gerade ganz seltsam, es ist schwer zu beschreiben. Das al- les ist wie ein Traum, wie ein unglaublicher Traum und ich habe Angst, plötzlich aufzuwachen. Alles ist so neu und hört sich doch so einfach an. Ich glaube, wenn ich weiter träume, dann bleibt es auch einfach. Aber wenn ich aufwache, dann fürchte ich, dass es ganz schwierig werden wird.“ Wir saßen eine Weile nebeneinander, dann fuhr Caro mit ihrer Glücksfigur in der Hand fort: „Ich mei- ne, zum Beispiel meine getöpferte Figur, jetzt einmal ganz ehrlich, Jonathan, wie soll ich das jemals um- setzen?“ Nach einer kleinen Pause sagte ich: „Wer weiß schon, wie viel Unterschied zwischen Traum und Realität wirklich ist? Sieh den Stern da drüben. Du siehst ihn an. Und dann willst du ihn angreifen und ehe du dich versiehst, hast du durch ihn durchgegrif- fen. Ich glaube nicht, dass das die wichtige Frage ist. Das was jetzt gerade ist, ist. Du hast heute deine Fi- 62
  • 63. gur getöpfert und in dem Moment, in dem du sie ge- schaffen hast, war es für dich möglich, dass du deinen Traum auch umsetzen kannst. Wenn es heute möglich ist, so auch morgen, warum sollte es je aufhören? Ich glaube, es ist wichtig zu wissen was man will, auch wenn man oft nicht weiß, wie die Dinge letztendlich entstehen werden.“ Die Erde lag ruhig unter uns, ich atmete die frische Luft und suchte nach Worten. „Sieh auf die Erde und stell sie dir als großes Spielfeld vor. Siehst du die vie- len Spieler und die vielen Ereignisse, die rund um die Uhr geschehen? Ich finde, wenn man hier oben sitzt, bekommt man ein Gefühl dafür, wie groß und uner- gründlich dieses Spiel doch eigentlich ist. Wer kann schon sagen, wie viele Spieler auf nur einen einzigen Spielzug Einfluss haben. Alles entscheiden zu können ist einfach nicht möglich. Aber du kannst dein Bestes tun. Und wenn ich hier so sitze, frage ich mich was real oder nicht real schon für eine große Rolle dabei spielen.“ Caro dachte lange über meine Worte nach. Dann meinte sie: „Aber selbst wenn ich vieles entscheiden kann, so ist das Spiel doch so groß, dass ich nie alles überblicken werde können. Was ich meine ist, dass nicht jeder Tag einfach ist, manchmal gelingen Dinge nicht, es regnet oder Menschen verletzen einen. Ich hab dir doch von meinen besten Freunden Han- nah und Georg erzählt. Hannah ist wirklich fröhlich, aber Georg kann manchmal wirklich böse werden. Ich kenne den Grund dafür nicht und es macht mich manchmal richtig traurig.“ 63
  • 64. „Ich verspreche dir auch nicht, dass alles leicht ist oder dass es für alles eine Antwort gibt. Aber in einem bin ich sicher: Erinnerst du dich an das, was ich heute Vormittag über den Gärtner gesagt habe, der die Wahl hat, seine Blumen zu gießen oder nicht? Es geht darum, was du tust oder eben nicht tust. Und um deine Einstellung zu den Dingen. Siehst du das Wolkenband dort unten? Bestimmt sagen dort die Menschen, dass es regnet und ungemütlich ist. Aber ich bin mir sicher, es gibt jemanden der sagt, dass die Sonne scheint. Und dieser Jemand macht es richtig.“ Caro stützte ihren Kopf auf ihre Hände, sie wirkte ein wenig verzweifelt. Deshalb sagte ich: „Ich glaube, wir haben für heute genug erlebt und geredet. Lass uns einfach noch ein wenig auf dem Mond sitzen und der Erde zusehen, dann fliegen wir heim und legen uns hin. Denn morgen besuchen wir einen Freund. Ich glaube, dann wirst du noch besser verstehen.“ Caro sah auf die vielen Lichter der Erde und ihre Augen fielen ihr schon zu. Ich stützte sie, denn um ein Haar wäre sie vom Mond einfach herunter gepurzelt. 64
  • 65. Ein himmlischer Professor Am nächsten Morgen machten wir uns gleich auf in Richtung eines kleinen Planeten, ähnlich dem von Dr. Bionicus. Auch diesmal wollten wir einen Professor besuchen, einen Doktor, aber einen der sich mit Ge- hirnen und Quantenphysik gut auskannte. Dr. Quantum winkte uns schon von weitem zu. Ich er- kannte sein Micky Maus T-Shirt und musste lächeln. Seine Haare standen noch ein bisschen mehr zu Berge als normalerweise und er grinste bis über beide Oh- ren. Ich freute mich, Dr. Quantum zu sehen. Obwohl ich in meinem Leben viele Wissenschaftler getroffen hat- te, war er wirklich einer derer, die einen immer wie- der verblüfften. Ich war mir sicher, er würde es auch diesmal tun. 65
  • 66. „Seid gegrüßt ihr zwei, in meiner kleinen galak- tischen Welt, was führt euch zu mir?“, lächelte Dr. Quantum und spielte mit seiner Brille. Caro und ich erzählten ihm von unserer bisherigen Reise, von Ca- ros Wunsch und baten ihn, uns mehr über das Denken zu erzählen. Dr. Quantum schnippte mit dem Finger und legte auch schon freudig los: „Himmlisch, ja dann werde ich euch einmal einfüh- ren in die Geheimnisse des menschlichen Gehirns. Aber bevor ich beginne, hat dir Jonathan schon von unserem Grundsatz erzählt?“ Caro musste grinsen, offensichtlich erinnerte sie sich an Dr. Bionicus und sagte: „Ja, ich weiß schon bestens Bescheid.“ „Großartig“, fuhr der Doktor fort: „Ich sage im- mer, in unserem Gehirn ist es wie mit einem großen Spielzeugeisenbahnsystem, in dem du der Bahnhofs- direktor bist. Du bestimmst, wo und wohin die Gleise verlegt werden, wie oft Züge fahren, wie die Land- schaft aussieht und welche Städte Hauptverkehrskno- tenpunkte werden. Dort wo häufig Züge fahren, dort entwickelt sich sehr viel und dort wo keine fahren, wachsen mit der Zeit langsam Gräser über die Gleise und irgendwann verschwinden diese ganz.“ Caro drehte sich zu mir und fragte: „Ist das wie mit den Blumen, die ich gieße oder eben nicht?“ „Ja genau, das ist wie mit den Blumen“, antwortete ich und blickte Caro etwas überrascht an. Sie hatte die Geschichte mit den Blumen schnell verstanden und ich bekam die Vorahnung, ihr bald nicht mehr viel beibringen zu können. 66
  • 67. Da fuhr Dr. Quantum auch schon mit Begeisterung fort: „Nun streiten sich die Wissenschaftler ja immer darüber, ob du wirklich der Architekt deines Bahn- systems bist. Sie wollen erforschen, welche und wie viele der Strecken schon von Geburt oder von Kind- heit an da sind und wie viele Strecken überhaupt er- richtet werden können. Das sind alles spannende Fra- gen. Ich will sie aber nur kurz streifen. Am besten nehmen wir als Beispiel gleich Jona- than. Er ist ja schon ein wenig älter. Also überlegen wir uns, ob wir ihm das Fahrradfahren auch jetzt noch beibringen könnten. Was denkst du?“ Klar, dass Dr. Quantum gleich seinen Spaß mit mir haben wollte. Spitzbübisch sah er mich an und mir fiel auf, dass er der Micky Maus auf seinem T-Shirt schon ziemlich ähnelte. Caro grinste, doch bevor sie antworten konnte, fuhr Dr. Quantum auch schon fort: „Es ist schon okay, dass du nicht gleich Nein ge- sagt hast, aber wenn du es gesagt hättest, dann hättest du den jüngsten Forschungen auf diesem Gebiet ent- sprochen. Wir wollen nicht zu hart zu Jonathan sein, aber es ist auf jeden Fall so, dass je älter man wird, es sich immer schwieriger gestaltet, neue Dinge zu lernen. Mit viel Mühe würde Jonathan es wahrschein- lich noch schaffen, aber generell ist es so, dass man in jungen Jahren noch alles leicht und schnell erlernen kann, während es später im Leben viel schwieriger wird. Also solange du jung bist, kannst du noch nahe- zu alles lernen. Genauso liegen die Menschen falsch, die immer über Talente und Begabungen sprechen. Sie sehen 67
  • 68. Menschen die etwas gut können, zum Beispiel Gei- ge spielen und sogleich sagen sie: Die haben aber Talent! Das kann man nicht lernen. Gott muss ihnen schon ein Talent mitgegeben haben. So ein Blödsinn, sage ich dir. Sie haben von klein auf geübt und daran Gefallen gefunden. Also lass dir von niemandem ein- reden, du hättest kein Talent für irgendwas. Eine spannende Frage ist natürlich, wie viel und was wir nun tatsächlich alles lernen können. Wenn man bedenkt, dass wir Menschen vielleicht zehn Pro- zent all unserer geistigen Ressourcen nutzen, so er- kennt man, dass die Grenzen unseres Gehirns so weit entfernt sind, dass wir noch nicht einmal eine Ahnung haben, wie weit sie wirklich weg sind. Also abgese- hen davon, dass manche Menschen aus ihrem Gehirn vielleicht sogar Superman machen könnten, glauben manche Wissenschaftler sogar, dass es möglich sei, durch die Kraft seines Gehirns, auch angeborene Krankheiten noch abwenden oder verändern zu kön- nen. Aber damit wird es auch schon sehr kompliziert. Der Punkt ist: Deine Gedanken sind viel mächtiger als du denkst. Und das Schöne ist, du kannst viele faszinierende Dinge mit ihnen machen, solange du darauf Acht gibst, dass sie frei sind. Soll ich dir sagen, wie man das macht?“ Caro nickte und es schien, als würde sie den For- scher in seinem Micky-Maus T-Shirt überaus amü- sant finden. „Ich habe mich auf der Universität fast nie gelang- weilt, ich habe auf die Wörter des Professors geachtet und daraus lustige Reime geformt, habe mir angese- 68
  • 69. hen, welche Gesten er macht und mir überlegt, wel- che Sportarten er mit diesen ausüben könnte. Oder ich bin in meinen Gedanken mit Freunden durch New York City spaziert oder auf Skiern über unverspur- te Tiefschneehänge gesaust. Deshalb sage ich dir: Deine Gedanken sind sehr mächtig. Du schaffst dir dein Universum. So etwas wie Langeweile, das kann es doch gar nicht geben. Hast du schon einmal ein kleines Kind gesehen dem langweilig war? Ich sage dir, die sichersten und gefährlichsten Gefängnisse sind die, die wir uns selber schaffen. Niemand wird dich in dieser Hinsicht so bestrafen können wie du dich selbst bestrafen kannst oder belohnen …“, und wieder kicherte Dr. Quantum. Jetzt nahm er aus einer Schale, in der ein paar Zwie- bel, Äpfel und Steine waren, einen grünen Stein und fragte Caro: „Was siehst du?“ Caro überlegte und erwartete, dass jetzt irgendwas kommen würde, aber da sie bloß einen Stein sah, sag- te sie: „Einen Stein.“ „Du siehst einen Stein und ich sehe ein Schwein“, kicherte der Professor. „Und jetzt würden sicher viele denken, dass ich verrückt sein müsse. Doch ich wette mit dir, es gibt bestimmt mehr Verrückte, die einen Stein sehen, als es Verrückte gibt, die ein Schwein sehen!! Hahaha.“ Dr. Quantum fand das überaus lustig, aber er hatte noch nicht genug: „Und welche Farbe hat das Schwein? Pink oder grün? Pink. Nein: Grün!“ Dr. Quantum lachte schallend und Caro und ich 69
  • 70. blickten ihn etwas entgeistert an. Ein wenig ernster sagte er dann: „Ob pink oder grün, ob orange oder rot, jede Farbe ist nur eine Sichtweise von vielen. Ich weiß, bei Farben hört sich das schon recht verrückt an. Aber ich habe auch ein einfacheres Beispiel, vielleicht kennst du es ja schon. Dr. Quantum griff jetzt zu seinem Wasserglas und trank es bis zur Hälfte leer. Dann sagte er: „Was denkst du? Ist das Glas halb voll oder ist das Glas halb leer?“ Caros Gesicht hellte sich auf. Offensichtlich kannte sie das Beispiel mit dem Wasserglas schon. Aber sie war nicht ganz zufrieden. „Aber ob etwas pink oder grün ist, ist schon etwas anders, als ob ein Glas halb voll oder halb leer ist.“ „Hihihi“, kicherte Dr. Quantum. „Natürlich ist das nicht ganz das Gleiche. Aber für dein Gehirn ergibt es keinen großen Unterschied. Stell dir den Stein geistig vor. Dann male ihn rosa an und betrachte ihn. Jetzt ist er rosarot. Auch wenn er für alle anderen grün ist, für dich ist er noch immer rosarot. Und wenn du findest, dass das Glas halb leer ist, so siehst du die Dinge wahrscheinlich nicht so far- benfroh, als wenn du meinst, dass es halb voll sei. Deshalb sage ich dir, es ist wichtig, wie du die Dinge siehst. Denn deine Gedanken beeinflussen auch wie du dich fühlst. Wenn du traurige Dinge denkst, dann wirst du dich sehr wahrscheinlich schlecht fühlen und umgekehrt genauso.“ Caro grübelte ein wenig und knabberte auf ihrer Unterlippe herum. Dann sagte sie: „Ich werde das jetzt auch öfter ausprobieren, was du 70
  • 71. über die Schule gesagt hast. Also, dass dir nie lang- weilig war, weil du an andere Dinge gedacht oder dir verrückte Dinge vorgestellt hast. Das finde ich sehr gut und es ist sicherlich lustiger. Aber ich finde, dass es nicht immer geht, Dinge lustig oder zumindest nicht so traurig zu sehen und manchmal will ich das auch gar nicht, weil es ein- fach nicht ehrlich ist. Wenn es zum Beispiel meinen Freunden schlecht geht, dann möchte ich nicht darü- ber lachen können.“ Caro scharrte mit dem Fuß auf dem Boden des klei- nen Planeten herum, als würde sie ihren Worten noch mehr Gewicht verleihen wollen. Caros Worte erin- nerten mich daran, was sie gestern über Georg gesagt hatte und wie kompliziert die Welt doch oft war und ich wurde ein wenig nachdenklicher. Dr. Quantum hingegen freute sich, mit Caro disku- tieren zu können und spielte angeregt mit der Brille in seiner Hand. Er sagte: „Natürlich wollen wir nicht darüber lachen, wenn es Freunden schlecht geht. So weit kommt es aber gar nicht, so lange dir deine Freunde viel bedeuten. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ganz im Gegenteil. Du sollst deinen Freunden helfen. Wie? Indem du lernst, dich in dei- ne Freunde hineinzuversetzen und die Welt mit ihren Augen zu sehen. Dafür muss man nämlich fühlen und zusätzlich auch denken können. Und anschließend kannst du ihnen helfen, nicht so traurig zu sein, das Glas eben halb voll anstatt halb leer zu sehen und dann könnt ihr gemeinsam Lösungen für ein Problem finden. 71
  • 72. Und damit du deinen Freunden helfen kannst nicht so traurig zu sein, musst du es vorher selbst lernen. Und dabei kann dir das Beispiel mit dem halb vollen Glas helfen. Und auch der rosa Stein, weil er dich fröhlich macht und dir zeigt, dass du für das, was du denkst, selbst verantwortlich bist. Und fröhlich zu sein und umdenken zu können kann für manche Menschen das Wichtigste überhaupt sein, wenn sie zum Beispiel sehr krank sind, Schmerzen haben oder wenn sie gerade ein wichtiger Mensch verlassen hat. In diesen Momenten kann für sie die Welt untergehen. Dann kann es ihnen helfen, dass sie daran denken, wie lang ihr Leben noch ist oder was sie in ihrem Leben noch alles machen können. Und dadurch geht die Welt dann häufig doch nicht ganz unter. Es ist nicht leicht und dennoch gehören auch diese Dinge zum Leben. Und noch etwas: Alles in deinem Gehirn braucht Zeit. Niemand kann sofort alles lernen oder gleich al- les vergessen. Erinnere dich an die Gleise. Erinnere dich an das Gras, das über die Gleise wächst. So ist es mit dem Vergessen. Und du vergisst häufig schneller, wenn du dem Gras nicht dabei zusiehst, sondern dich stattdessen um neue Gleise, bessere und schönere Verbindungen, kümmerst. Das menschliche Gehirn ist permanent damit be- schäftigt Probleme zu lösen. Deshalb ist es ganz nor- mal, dass der Mensch die natürliche Neigung hat zu grübeln und sich auf traurige Dinge zu konzentrieren. Allein schon deshalb sage ich dir, wenn du bei klarem Verstand bist und versuchst zu denken und Dinge 72
  • 73. fröhlich zu sehen, bist du noch immer weit davon entfernt über die Probleme deiner Freunde zu lachen. Das ist gut so und es soll dir auch nie passieren. Ein wenig mehr Fröhlichkeit bringt dich noch nicht in dein eigenes rosarotes Gefängnis, …, rosarotes Ge- fängnis, das gefällt mir, wahrhaft himmlisch“, kicher- te Dr. Quantum. Er blickte auf den Himmel und freute sich. Es sah ganz danach aus, als hätte er gerade viel Spaß bei einem geistigen Ausflug in ein rosarotes Gefängnis. Caro und ich hatten vorerst genug gehört, deshalb be- schlossen wir, den Professor mit seinem neuen Wort- spiel alleine zu lassen. Wir bedankten uns sehr herzlich bei ihm und da mich bereits die ganze Zeit die Äpfel in der Schale angelächelt hatten, fragte ich, ob ich für den Rückweg noch einen haben könnte. Dr. Quantum war einver- standen. Ich ging schnell zur Vase, griff mir einen Ap- fel, da hörte ich im Hintergrund den Professor sagen: „Caro, eine Geschichte muss ich aber unbedingt noch erzählen.“ Ich hatte es geahnt und er legte bereits los: „Es ist eine Geschichte zu den verschiedenen Sicht- weisen. Da ich mich ja ein wenig als der Botschafter des Lachens, der Verrücktheit und des Perspektiven- wechsels in der manchmal ernsten Welt der Gehirn- forschung und der Physik zähle, starte ich die erste Stunde des Semesters einer Vorlesung an der Uni im- mer folgendermaßen. Ich laufe lachend in den Raum, trage ein Micky-Maus Kostüm und bin bewaffnet mit Bonbons. Dann male ich einen speziellen Gegenstand 73
  • 74. an die Tafel, der sich von Semester zu Semester än- dert. Da gab es schon Kirchtürme, Unterhosen, Gir- landen oder simple Kreise. Dann sage ich den Stu- denten, dass sie mir so viele Geschichten oder Witze wie möglich zu den Gegenständen in Verbindung mit Micky Maus erzählen müssen. Zwei kleine Ge- schichten zu Micky Maus habe ich nun für dich: Die kleine Micky war noch ein Baby, als sie über den Rand von Dagobert Ducks Geldspeicher spähte und auf die glänzenden Goldmünzen darin blickte. Da die Münzen so schön funkelten und sie unbedingt mit ihnen spielen wollte, krabbelte sie über den Rand und rutschte auf einer Girlande in den Geldspeicher. So wurde sie zur Micky Maus. oder: Micky Maus krabbelt in der Geschichten- werkstatt herum. Da findet sie einen kleinen Kirch- turm aus Karton. Sie setzt sich den Kirchturm auf ihre Nase und simsalabim: Pinocchio ist geboren. Die Studenten sind richtig kreativ und es macht je- des Mal großen Spaß. Dann sage ich ihnen, dass ich mir wünsche, dass sie es das ganze Semester lang mit den Theorien, wie mit den Gegenständen machen sollen. Das heißt, dass sie sich alles in persönlichen Bildern vorstellen und nie damit aufhören sollen, im- mer an neue humorvolle Sichtweisen zu denken. Ich glaube, die Studenten lernen bei mir wirklich einiges, denn für mich ist der Schlüssel zum Wissen eine Art zu denken, aus hunderten Sichtweisen ausgewählt. 74
  • 75. Mein Auftritt hat sich schon herumgesprochen. Deshalb verpasst nie auch ein einziger Student die er- ste Vorlesung und oft bilden sich regelrechte Trauben vor den Eingangstüren. Da manche meiner Kollegen davon Wind bekommen haben und seither glauben, dass ich verrückt geworden sei, setze ich von Zeit zu Zeit meine Brille auf, ziehe einen Pullover über mein T-Shirt, blicke ernst und veröffentliche eine neue wis- senschaftliche Theorie. Dann sind sie immer beruhigt und nehmen mir meinen Lehrstuhl nicht weg. Wie lu- stig diese Welt doch ist!“ Jetzt lachte Dr. Quantum und ich hörte sein Lachen noch lange durch das All schallen, als Caro und ich bereits in die Erdatmosphäre in Richtung Skandina- vien eingetaucht waren. Und dann hörte ich entfernt Dr. Quantum noch ru- fen: „Aber offensichtlich ist dein Gehirn doch nicht ganz alleine!“ 75
  • 76. Seesterne „Hast du das gehört?“ wollte Caro wissen, als wir be- reits wieder in ihrer Küche standen. Wir waren schon dabei Kartoffel, Schinken und Zwiebel zu schneiden und ich war richtig hungrig geworden. „Ich habs gehört“, nickte ich und warf die Kartof- feln in die Pfanne. „Deshalb habe ich zu Dr. Quantum ja auch gesagt, dass wir uns bald wieder sehen wür- den. Ich kenne ihn ja schon lange und wusste, dass er uns noch ein Rätsel mit auf die Reise geben würde.“ „Na fantastisch“, sagte Caro und runzelte die Stirn. Wir sahen unserem Mittagessen beim Fertigwerden zu. Nach einer Weile sagte Caro: „Da sagt Dr. Quantum die ganze Zeit, dass ich für mein Gehirn allein verantwortlich bin und dann sagt er plötzlich das Gegenteil. Was für einen Reim soll ich mir darauf machen?“ „Da steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor, so hat es doch schon Goethe gesagt“, scherzte ich und wir mussten beide lachen. Mittlerweile war das Essen fertig, und so setzten wir uns an den Küchentisch. Da fiel mir zum ersten Mal ein kleiner Wandkalender neben dem Tisch auf, einer der Kalender, die man nach jedem Monat um- blättert, um ein neues Bild zu sehen. Monat August: Ein großer Seestern im Sand. Die Kartoffelpfanne war richtig gut geworden und ich überlegte, wie ich Caro eine gute Antwort auf ihre Frage von vorhin geben könnte. „Vielleicht meint Dr. Quantum, dass es doch nicht 76
  • 77. so ist, dass unser Gehirn theoretisch alles steuern kann, was wir uns vornehmen. Vielleicht will er darauf aufmerksam machen, dass es da noch ande- re Dinge gibt, die wir nur schwer verstehen können, die aber trotzdem einen Einfluss auf uns haben. Viele Wissenschaftler haben bei ihren Forschungen heraus gefunden, dass es Dinge gibt, die sie nicht belegen oder nicht ganz verstehen können. Dr. Bionicus und Dr. Quantum ist es in manchen Bereichen ähnlich ergangen. Beim Versuch, die Welt zu erklären, he- rauszufinden, woraus alle Dinge bestehen, woher sie kommen und nach welchen Regeln sie funktionieren, haben sich dann plötzlich ganz neue Fragen eröffnet. Das liegt auch daran, dass die Wissenschaft viel vernetzter geworden ist. So haben Wissenschaftler heute Zugang zu Wissen aus ganz anderen Bereichen der Welt. Inder, Chinesen und Europäer gehen ge- meinsam essen und dabei treffen sich Indische Meta- physik, Chinesische Medizin und Klassische Mecha- nik. So leben wir in einer spannenden Welt mit vielen neuen Sichtweisen und manchmal auch ganz neuen Fragen. Aus diesem Grund werden wir Dr. Quantum auf dem Weg zu deiner Zeichnung sicher noch einmal besuchen. Aber momentan wollen wir uns nicht ver- wirren lassen.“ „Böser Dr. Quantum“, scherzte Caro, „aber ich glau- be, ich bin meiner Zeichnung wieder näher gekom- men“, lächelte sie. „Lass uns jetzt in den Garten ge- hen.“ Ich war einverstanden. Caro holte noch schnell den Entwurf ihrer Welt aus ihrem Zimmer, dann gin- gen wir an die frische Luft in den Garten. Wir setzten 77
  • 78. uns auf die Wiese vor der Veranda unter einen kleinen Baum. Caro legte ihre Zeichnung ins Gras und als ich sie so ansah, wurde mir bewusst, dass wir schon viel miteinander erlebt hatten. Noch vor zwei Tagen hat- ten mir Caro, das Haus und die ganze Landschaft hier nichts gesagt. Wie viel doch in zwei Tagen gesche- hen kann. Ich merkte, wie sehr mir Caro schon ans Herz gewachsen war. Ich wollte, dass sie es schaffte, ihre Welt zu zeichnen, vorher wollte ich nicht gehen. Der kleine Baum spendete uns den Schatten den wir suchten, denn es war einer der späten Tage im Au- gust, an denen der Sommer noch einmal ein kräftiges Lebenszeichen von sich gibt. Caro hatte ihre Stifte im Anschlag und blickte auf ihre Zeichnung. „Ich hab eine Idee. Bis jetzt habe ich alle Personen und Gegenstände gemalt, die mir wichtig sind, also Georg, Hannah, meine Familie, meine Tanzschuhe, meine Fische, mein goldenes Büchlein, meinen Lieb- lingspullover, mein Amulett und meine Schul- und Theaterklasse. Aber das Ganze hat noch keine Ord- nung. Dr. Quantum hat gesagt, dass es mein Universum ist, deshalb könnte ich mich in die Mitte stellen und dann die Dinge, die mir besonders wichtig sind, näher um mich anordnen. Wie hört sich das an?“, fragte sie. Ich merkte, dass Caro auf ihrer Reise weiterkam, also war ich zufrieden. Während sie ihre Zeichnung weitermalte, schweiften meine Gedanken ab. Ich dachte an Madame Ribery, an ihr Atelier, an Dr. Bi- onicus und an Dr. Quantum. Ich dachte darüber nach, wie wir uns verändert hatten. Einst waren wir Drei 78
  • 79. ein verschworenes Team gewesen und jetzt waren wir uns irgendwie fern. Dr. Quantum ging es gut, fand ich, aber ich machte mir Sorgen um Dr. Bionicus. Ich erinnerte mich, wie er bei Caros und meiner Abreise gedankenverloren Yin und Yang gefüttert hatte. Bei dem Gedanken wurde ich traurig. Ich dachte auch an Sofia und die Herzenswärme der Kinder im Jardin de niños del arbol. All das war ein wenig viel für mich gewesen, in so kurzer Zeit und ich wollte und konnte das jetzt nicht an mich heranlassen. Deshalb dachte ich darüber nach, was Caro und ich als Nächstes un- ternehmen könnten. Da fiel mir der Wandkalender in Caros Küche ein und ich sah den Seestern darauf. Da machte es Klick. Ich wusste, was wir als näch- stes machen würden. Sofort bekam ich Appetit auf Galettes und Cidre. Caro riss mich aus meinen Gedanken und zeigte mir ihre neue Zeichnung. „Sieht schon gut aus“, sagte ich. „Und ich weiß auch schon, was wir als Nächstes machen werden.“ 79
  • 80. Caro wollte sich überraschen lassen. Sie wollte nur wissen, ob wir wieder fliegen würden. Da ich auf ihre Frage nur grinsen konnte, war alles klar und schon flogen wir los in Richtung Südwesten. Wenig später wanderten Caro und ich über eine ausgedehnte Wiese einen Hügel hinauf. Die Gräser waren vom Wind ganz flach gedrückt und wirkten schon ein wenig matt. Am Horizont sahen wir das strahlende Blau des Meeres und der Wind trieb den Geruch der Gischt bis zu uns auf den Hügel hinauf. Die Sonne neigte sich bereits dem Meer zu, es würde nur mehr ein paar Stunden hell sein. Wir waren am nordwestlichen Zipfel Frankreichs in der Bretagne gelandet. Wir beschleunigten unsere Schritte in Rich- tung der höchsten Stelle des Hügels, auf der wir be- reits einen Kreis aus Steintafeln sehen konnten. Wir hatten noch ein paar hundert Meter zu gehen und so hatte ich noch genügend Zeit die Geschichte der Ta- feln der Einheit zu erzählen. Ich sagte: „Die Steinta- feln die dort oben stehen, haben eine Geschichte. Es geht um neun Franzosen, die einander ursprünglich nicht kannten, aber ohne es zu wissen, ihr Schicksal gegenseitig prägten. Wie Dominosteine, die in einer Reihe stehen, bei denen der erste Stein, der umfällt, alle anderen mitnimmt. Alles begann mit einem Floristen Namens Joel. Joel war ein selbstloser Mann. Er liebte es, Menschen zu helfen und so entschied er eines Tages, eine Niere zu spenden. Er wusste nicht, wem er sie spenden würde, er wollte auch keine Gegenleistung, sondern einfach nur Gutes tun. So bekam der Schüler Noah, der ohne 80
  • 81. die Spende gestorben wäre, Joels Niere. Der Schüler Noah lernte ein paar Jahre später eine junge Frau Namens Anna kennen und verliebte sich in sie. Kurz darauf heirateten die beiden. Nun kam es, dass Anna, genauso wie Joel auch Flo- ristin war. Eines Tages gab es eine große Floristen- messe, bei der sich Anna und Joel zufällig kennen lernten. Sie kamen ins Gespräch und merkten rasch, dass sie ähnliche Pläne hatten, wie man ein neues Blumengeschäft errichten könnte. Dieses Geschäft hatte eine besondere Idee. Es sollte frisch Verliebte durch Blumen verbinden und all das zu einem sehr günstigen Preis. Die Paare sollten sich einen besonde- ren Blumenstrauß als Zeichen ihrer Liebe aussuchen. Dieser Strauß sollte dann fotografiert werden, damit er immer wieder neu hergestellt und an die Verliebten versandt werden könnte. Dadurch würden die Ver- liebten stets an ihre frische Liebe erinnert werden. Anna und Joel beschlossen ihre Geschäftsidee tat- sächlich umzusetzen und so entstand Love Flowers. Zu Beginn hatte Love Flowers finanzielle Proble- me. Die Geschäftsidee war zwar gut, jedoch war der Ort in dem das Geschäft war, einfach zu klein und es gab nicht genug Verliebte. Doch Anna und Joel lieb- ten ihre Geschäftsidee und so half ihnen der Zufall. Eines Tages betrat ein Internet-Unternehmer Na- mens Thierry, der gerade auf Urlaub in dieser Gegend war, das Geschäft. Er war begeistert und schlug Anna und Joel vor, ihre Geschäftsidee auch im Internet an- zubieten. Plötzlich florierte Love Flowers und Joel und Anna hatten wieder Geld. Sie stellten eine neue 81
  • 82. Floristin Namens Mathilde ein, um sich ausreichend auf die neuen Internet Bestellungen konzentrieren zu können. Da Mathilde ihre Aufgabe liebte, war sie ein weiterer Segen für Joel und Anna. Eines Tages kam ein Mann Namens Arnaud in den Blumenladen. Der in Gedanken versunkene Mann rang mit einer wichtigen Entscheidung. Mathilde be- merkte das, sprach Arnaud an und die beiden gerieten in eine Unterhaltung, bei der Arnaud Mathilde um Rat bat. Es stellte sich heraus, dass Arnaud vor Jahren eine uneheliche Tochter gezeugt hatte. Ein paar Mo- nate vor der Geburt, hatten er und seine Freundin sich so heftig gestritten, dass er in der Folge aus der ge- meinsamen Wohnung ausgezogen war. Seitdem hatte er weder seine damalige Freundin noch seine Tochter gesehen. Es war ihm ein Bedürfnis seine Tochter zu sehen, dennoch hatte er Angst. Nachdem Mathilde Arnaud zugeredet hatte, sie un- bedingt zu suchen, traf Arnaud schließlich auf seine Tochter Alice. Alice war sehr glücklich nach vielen Jahren endlich ihren Vater kennen zu lernen und auch Arnauds damalige Freundin verzieh ihm letztendlich. Alice war bereits eine junge Frau als sie beschloss, ihre Geschichte auf einem Internetblog zu erzählen. Dieser Blog war Geschichten von Kindern gewidmet, die ihre Eltern nicht kannten. So kam es, dass Sarah, eine junge Frau, die ihren Vater selbst nie kennen gelernt hatte, Alices Geschichte las. Die Geschichte ermutigte sie und sie beschloss ihrerseits ihren Vater Romain zu suchen. Als Sarah Romain schließlich ge- funden hatte, stellte sich heraus, dass auch Romain 82
  • 83. sie seit Jahren erfolglos gesucht hatte. Sarah war so überwältigt und glücklich ihren Va- ter gefunden zu haben, dass sie beschloss, Alice auf- zusuchen. Sie wollte ihr dafür danken, dass sie ihre Geschichte online gestellt und sie dadurch ermutigt hatte. Wenige Tage später betrat sie die Bank, in der Alice arbeitete. Der Portier sagte ihr, dass Alice gera- de Richtung Tiefgarage geeilt sei. Alice hatte schon den Motor ihres Wagens angelassen, als Sarah an die Scheibe klopfte. Alice hatte es sehr eilig und so kam Sarah nur dazu, ihr einen kleinen Brief zu geben und Danke zu sagen. Da fuhr Alice auch schon los in Richtung Ausfahrt. Die fünf Sekunden des Dankesagens retteten Joel das Leben, der wenige Augenblicke zuvor gedanken- verloren über den Gehsteig vor der Ausfahrt gegan- gen war. Und damit schloss sich der Kreis. Vor vielen, vielen Jahren hat der Florist Joel einen Stein ins Rollen gebracht, indem er einem Unbe- kannten seine Niere gespendet hatte. Dieser Stein ist weitergerollt, bis schließlich Sarah Alice Danke sagte und dadurch, ohne es zu wissen, Joel vor einem bösen Unfall bewahrt hat.“ „Eine unglaubliche Geschichte“, staunte Caro. Wir standen nun ehrfürchtig am Rande der Steintafeln, die in Kreisform aufgestellt waren. Caro fragte: „Aber wer hat diese Tafeln aufgestellt? Und vor allem, wer hat die Geschichte überhaupt herausge- funden? Joel konnte ja nicht wissen, dass Alice ihn beinahe überfahren hätte. Oder ist die Geschichte ein- 83
  • 84. fach erfunden?“ „Nein, nein“, erwiderte ich. „Die Geschichte ist wahr, und sie ist auch noch nicht ganz zu Ende. Es kommt noch besser.“ So standen Caro und ich am Rand der Tafeln der Einheit, hörten die Seemöwen entfernt kreischen und ich erzählte weiter: „Eines Tages veranstalteten Joel und Anna eine Feier anlässlich des 25-jährigen Bestehens von Love Flowers. Die Feier fand in einem bretonischen Haus unweit von hier statt, Freunde und Bekannte, die mit- geholfen hatten, Love Flowers zu dem zu machen, was es mittlerweile geworden war, waren eingeladen. Natürlich waren Thierry und Mathilde eingeladen. Thierry hatte ihnen ja geholfen, ihre Blumen auch über das Internet zu verkaufen, Mathilde war noch immer eine treue Mitarbeiterin. Nachdem Mathilde Arnaud damals ermutigt hatte, seine Tochter zu su- chen, war er auch ein treuer Kunde von Love Flow- ers geworden und wurde auch eingeladen. Er kam mit seiner Tochter Alice. Alice hatte mittlerweile den Dankesbrief von Sarah gelesen und die beiden Frauen, die das gleiche Schicksal verband, waren gute Freun- dinnen geworden. Sie waren sogar regelmäßig mit ihren Vätern Romain und Arnaud zu Viert essen. So kam es, dass Arnaud bei einem Abendessen einmal erzählte, warum er seinerzeit beschlossen hatte, seine Tochter Alice zu suchen. Er erzählte von Love Flow- ers und dem Gespräch mit Mathilde. Daraufhin wa- ren Romain und Sarah so begeistert gewesen, dass sie beschlossen Love Flowers unbedingt einmal zu besu- 84
  • 85. chen. Als nun Arnaud die Einladung zum 25-jährigen Jubiläum von Love Flowers in Händen hielt, dachte er gleich daran, Romain und Sarah mitzunehmen. Und Noah, dem Joel seine Niere gespendet hatte, war ohnehin als Mann Annas mit von der Partie. Somit kamen alle neun Personen dieser Geschichte zur Feier. Kein einziger fehlte. Und wie es das Schick- sal so wollte, waren am Ende einer schönen und lan- gen Jubiläumsfeier diese neun die letzten, die noch da waren. Sie saßen alle an einem Tisch und nach eini- gen Gläsern Wein erzählten sie über ihr Leben. Langsam enthüllten sich die Zusammenhänge der Geschichte und es flossen viele Tränen, Tränen der Freude und Tränen der Überwältigung. Sie beschlos- sen noch an diesem Abend ein Zeichen zu setzen. Und so planten sie auf diesem Hügel zehn Steinta- feln in Kreisform als Zeichen der Verbundenheit zu errichten. Das Zeichen sollte ein ewiges sein. Jede Steintafel wurde von einer Person, die einen Spruch in die Tafel meißeln ließ, gespendet. Noch heute tref- fen sie sich einmal im Jahr auf diesem Hügel. Dann sitzen sie in der Mitte des Kreises bei einem kleinen Lagerfeuer, singen, tanzen und reden. Sie werden mit Sicherheit nie vergessen, dass ohne den anderen ihr Leben in anderen Bahnen verlaufen wäre.“ Caro schüttelte beeindruckt den Kopf. „Aber warum sind es zehn Tafeln, es waren doch nur neun Personen?“ „Die zehnte Tafel widmeten sie all jenen, die ihr Schicksal beeinflusst hatten, ohne dass sie es wussten.“ 85
  • 86. Wir gingen in die Mitte der Tafeln der Einheit und blickten auf die in Stein gemeißelten Sprüche. Die Sonne war beinahe im Meer versunken und tauchte den Hügel nur noch in ein schwaches Abendlicht. Der Wind schlich sanft über die Gräser, während Caro von Tafel zu Tafel ging und vorlas: Ich ließ einen Tropfen ins Meer fallen, um Leben zu schenken. Dieser Tropfen löste eine kleine Wel- le aus. Die Welle kam wieder zu mir zurück und schenkte mir mein Leben. Danke Joel Ich frage dich: Würdest du zögern deinem Bruder neues Leben zu schenken? Wahrscheinlich nicht. Würdest du das gleiche für einen Unbekannten am anderen Ende der Welt tun? Wahrscheinlich nicht. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir endlich un- sere Grenzen überwinden. Danke Noah Zwei wunderbare Männer haben mein Leben voll- kommen gemacht. Der zweite wurde mein Mann, den ersten traf ich erst später. Danke Anna Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan. Danke Mathilde 86
  • 87. Eine kleine Geste öffnete mein Herz, weil sie selbst von Herzen kam. Danke Arnaud Und wenn die ganze Welt in sich zusammenfällt, dann werde ich eine Blüte sein und du wirst neben mir blühen. Danke Alice Das Glück ist unendlich. Es wird immer größer, wenn man es nur lässt. Danke Thierry Jemand ging den Weg vor mir – und teilte, Ich ging ihn nach – und danke. Danke Sarah Manchmal will man etwas unbedingt, aber man findet keinen Weg. Und dann findet ihn jemand anderer, nur für dich. Danke Romain Die letzte Steintafel war ein wenig größer. Caro las: Es war einmal ein junges Mädchen, das am Strand stand und immer wieder einen der tausend See- sterne, welchen die Wellen anspülten, weit zurück ins Meer warf. Da kam ein Mann und sagte ihr, sie solle das doch lassen, denn die Seesterne wür- den ohnehin wieder angespült werden. Da sagte das Mädchen: Du hast Unrecht. Für den einen 87
  • 88. Seestern den ich werfe, zumindest für den einen, macht es einen großen Unterschied. Für alle die wir nicht kennen. Danke - Der Kreis der Einheit Wir standen noch eine ganze Weile auf dem Hügel und blickten nachdenklich auf die Sonne, die nun endgültig am Horizont verschwand. Ich dachte noch einmal an die Geschichte hinter den Tafeln der Ein- heit. Wie oft beeinflusste man andere, ohne es zu wis- sen? Wie viele Dinge beeinflusste man eigentlich? Wohl eine sehr große Menge. Ich musste noch ein- mal an Dominosteine denken, die nebeneinander ste- hen und die der Reihe nach umfallen, sobald einer angestoßen wird. Da sich die Nacht langsam ausbreitete, beschlossen wir die Tafeln der Einheit hinter uns zu lassen. Ich schnappte Caro und wir begaben uns in die nächst- beste Crêperie. Das Lokal lag in einem kleinen Ort, der eher spärlich beleuchtet war. Man sah kaum Men- schen auf der Straße, es schien, als wäre die Crêperie der einzige Platz, an dem um diese Zeit noch Gäste willkommen waren. Ich bestellte Galettes und Caro Crêpes, beides ty- pisch bretonische Speisen. Es fehlte nur noch der Ci- dre, ein Apfelwein und ich bestellte zwei Gläser für Caro und mich. Außer uns waren keine Gäste mehr da, so saßen wir in der verlassenen Crêperie und warteten auf das Es- sen. Nach einiger Zeit sagte Caro: „Die Steintafeln vorhin haben mich sehr beein- 88
  • 89. druckt. Vor allem die mit Joels Spruch: Ein Tropfen, der eine kleine Welle auslöst und wieder zurück- kommt.“ Caro machte eine kleine Pause. Dann sagte sie: „Ich glaube, ich möchte etwas davon für meine Zeichnung verwenden. Ich könnte doch versuchen, als Hintergrund lauter Kreise zu malen, die immer größer werden. Also ein kleiner Kreis in der Mitte, in dem ich bin und dann werden die Kreise immer grö- ßer. Wie Baumringe. Dann könnte ich die Gegenstän- de und Personen, die mir wichtig sind, je nachdem, wie nah sie mir stehen, in die Kreise um mich herum malen, also Hannah als meine beste Freundin in einen ganz nahen Kreis, dafür meine Tanzschuhe in einen äußeren Kreis.“ Caro spielte mit ihren Locken und dachte über ihre Zeichnung nach. Da kam auch schon unser Essen und ich freute mich endlich wieder Galettes zu essen. Nach einer Weile sagte Caro vorsichtig: „Ich hab eine Frage, Jonathan. Du musst sie natür- lich nicht beantworten, wenn du nicht möchtest. Also, wir kennen uns ja jetzt schon recht gut, aber trotz- dem weiß ich nicht, wo du herkommst oder was du machst. Du hast mich zu Dr. Bionicus und Dr. Quan- tum gebracht, aber ich weiß nicht, woher ihr euch kennt. Oder auch Sofia und Madame Ribery? Willst du mir nicht ein wenig mehr erzählen?“ Jetzt saß ich da. Plötzlich schmeckten mir meine Galettes nicht mehr so gut und ich wusste nicht so recht was ich sagen sollte. Wo sollte ich nur anfan- gen? 89
  • 90. Irgendwie hatte ich mich vor dieser Frage gefürch- tet. Jahrelang hatte ich an meinen Theorien gearbei- tet, immer davon geträumt, sie abzuschließen und da- bei auf vieles verzichtet. Auch auf viele Dinge, von denen ich wusste, dass sie wichtig für mein Leben waren. Noch vor drei Tagen war ich mir sicher ge- wesen, dass es richtig von mir war, weiterzuarbeiten, im Dienste der Wissenschaft und der Welt und jetzt, wo ich wieder an so vieles erinnert worden war, war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich auf dem richtigen Weg war. Über all das konnte ich jetzt aber nicht mit Caro sprechen. Ich musste mir zuerst selber über vieles klar werden. Ich selbst hatte mir ja noch keine Gedanken darüber gemacht, was die letzten Tage für mich be- deuteten. Irgendetwas musste ich Caro erzählen und belügen wollte ich sie natürlich auch nicht. Ich fuhr mir kurz durch meine Haare, wie ich es häufig tat, wenn ich nach Worten suchte. Dann sagte ich: „Woher ich Dr. Bionicus und Dr. Quantum kenne? Ich habe mit ihnen gemeinsam studiert, in den USA, Dr. Bionicus Biologie und Geographie, Dr. Quantum Physik und ich Psychologie. Eigentlich waren wir die besten Freunde. Als wir dann mit dem Studium fertig waren, haben wir beschlossen diese Welt ein wenig zu verändern, tiefer zu graben. Wir wollten noch mehr Antworten finden. Deshalb haben wir einen befreundeten Astro- nomen nach freien Planeten gefragt. So ist jeder von uns auf einem kleinen Planeten ge- 90
  • 91. landet. Wir haben uns versprochen uns regelmäßig zu sehen. Dr. Bionicus und Dr. Quantum unterrichteten nebenbei an der Universität, Dr. Quantum macht das heute noch. Ja und ich habe nach ein paar Jahren meinen Pla- neten verlassen, weil ich erkannt habe, dass ich für meine Theorien die Menschen sehr gut kennen lernen und viel mit ihnen reden muss. Über die Jahre haben wir uns dann weniger und weniger gesehen. Ja und jetzt sehen wir uns nur mehr selten.“ Caro hatte mir aufmerksam zugehört, dann fragte sie vorsichtig: „Wenn ihr drei alle auf Planeten gegangen seid, wie habt ihr das dann mit euren sonstigen Freun- den gemacht? Oder mit euren Freundinnen? Und an welchen Theorien arbeitest du eigentlich?“ Als Caro die Fragen ausgesprochen hatte, begann sie an ihrer Unterlippe zu knabbern und legte ihren Kopf leicht zur Seite. Es schien, als würde sie ahnen, dass diese Fragen mir sehr viel bedeuteten. Ich mus- ste jetzt reden: „Natürlich war es keine leichte Entscheidung auf die Planeten zu gehen. Es war klar, dass wir auf ei- niges verzichten mussten, aber wir waren ja auch nicht immer dort. Dr. Quantum hat das alles sehr lo- cker gesehen. Er hatte keine fixe Freundin und war ohnehin eher nicht der Typ dafür. Ich bin mir gar nicht sicher, ob er jemals so richtig verliebt war. Er lebte eben immer schon ein wenig in seiner eigenen Welt, aber wichtig ist, dass es ihm dabei gut geht. Bei Dr. Bionicus war das schon schwieriger. Er hat schon an der Uni seine Frau kennen gelernt und auch 91
  • 92. geheiratet. Jahrelang sind die beiden gemeinsam zwi- schen dem Planeten und der Erde hin und her gepen- delt. Um ehrlich zu sein, ich habe selten ein so glück- liches Paar gesehen. Sie waren einander sehr verbun- den. Doch dann, eines Tages, ist seine Frau gestorben, an Krebs. Ich glaube, dass war ein sehr harter Schlag für ihn. Von ihr geblieben sind ihm Yin und Yang, die beiden Agaporniden, welche ihm seine Frau an einem Hochzeitstag als Zeichen ihrer Liebe geschenkt hatte. Ja und ich, um ehrlich zu sein, ich war die meiste Zeit meines Lebens allein. Zumindest in den letzten Jahren. Ich hatte schon eine Freundin, aber das ist lange her. Ich hab dir schon von ihr erzählt: Sofia. Ich habe sie kennen gelernt, als sie auf Austauschse- mester an unserer Universität war. Wir haben gemein- sam an Modellen gearbeitet, mit dem Ziel, verschie- dene psychologische Krankheiten besser heilen zu können. Wir sind damals ziemlich schnell ein Paar geworden und ich war sehr verliebt. Nach ihrem Aus- landssemester ging sie wieder nach Argentinien zu- rück. Kurz danach waren Dr. Bionicus, Dr. Quantum und ich auch mit dem Studium fertig und wir schmie- deten unsere Pläne für die Zukunft. Ich wusste, dass ich eine wichtige Entscheidung zu treffen hatte. Sofia wollte unbedingt ihren Kindergarten aufbauen. Für sie wäre es auch in Ordnung gewesen, wenn wir eine Zeit lang gependelt wären. Aber ich wollte eine klare Entscheidung. Ich habe mich gegen Sofia und für meine Theorien 92
  • 93. entschieden. Ich wollte ein komplettes Modell der menschlichen Psyche schaffen und um das zu schaf- fen, wusste ich, dass ich mich voll darauf konzentrie- ren müsste. Mein Traum war seit jeher eine Welt ohne psychische Krankheiten. Ich habe diesen Traum noch immer. Auch wenn ich heute weiß, wie schwer es ist, ihn zu verwirklichen und mir vielleicht nur mehr 20 Jahre bleiben, so glau- be ich noch immer, dass ich es schaffen kann. Ich ar- beite seit 30 Jahren an diesen Modellen. Ja und das mit den Freunden, das funktionierte am Anfang ganz gut. Freunde muss man ja nicht so häu- fig sehen. Aber irgendwie haben wir uns alle ein we- nig aus den Augen verloren, aber das ist eben oft so wenn man älter wird.“ Caro saß vor mir und ich hatte Angst, dass das, was ich erzählt hatte, etwas verändern würde. Ich hatte das Gefühl, dass Caro meine Angst spürte. Wir rede- ten noch ein wenig über meine Theorien, dann sagte sie plötzlich: „Ich habe dir noch etwas verschwiegen, Jonathan. Ich habe nämlich ein Gefühl, das Gefühl, dass es bei meiner Zeichnung noch um irgendetwas anderes geht, etwas, das auch mit Clemens zu tun hat. Ich hab dir ja von Clemens erzählt, und dass wir einmal zusammen waren.“ Sie machte eine Pause und ich nickte still. Dann griff sie an ihr Amulett, kippte es leicht nach oben und öffnete es. Ich hatte nie vermutet, dass in dem Amulett noch etwas verborgen war, aber jetzt sah ich, dass der Hohlraum zur Hälfte mit Sand gefüllt war. 93
  • 94. „Den Sand hat mir Clemens geschenkt. Er hat ihn mir von einer Reise ans Meer mitgebracht und seit- dem trage ich ihn mit mir herum. Ich war nicht ganz ehrlich zu dir, weil ich dir nicht gesagt habe, wie wichtig Clemens mir noch immer ist. Vor dem Som- mer waren wir noch zusammen und dann hat er mit mir Schluss gemacht. Es ist noch immer schwer für mich, ich muss oft an Clemens denken. Als du mir die sieben Fragen gestellt hast, ist mir das bewusst geworden. Ich weiß nicht, ob ich noch in ihn verliebt bin und vor allem weiß ich nicht, was das für meine Zeichnung bedeutet.“ Caro blickte zum Fenster. Wir saßen still da und tranken unseren Cidre, dann sagte sie noch: „Weißt du Jonathan, es sind jetzt noch vier Tage bis die Schule wieder beginnt, bis dahin will ich meine Zeichnung fertig haben. Während der letzten Tage habe ich vieles gesehen, gehört und gelernt, vor allem über mich. Als du mir die sieben Fragen gestellt hast, ist mir klarer geworden, was ich liebe und was mich aufhält. Das Leben fragt mich, meine Zeichnung fer- tigzustellen und einfach zu leben. Meine Frage ist, ob ich es schaffe, meine Welt zu zeichnen und darauf alle Dinge unter einen Hut zu bringen. Und ich glaube, dann werde ich auch meine Antwort sehen. Ich denke, ich muss jetzt einfach loslassen und dann wird meine fertige Zeichnung vielleicht von selber entstehen.“ Nun war es Caro, die mich ein wenig ängstlich anblickte. Ich wusste nicht genau, was sie damit ge- meint hatte, dass es bei ihrer Zeichnung noch um et- was anderes ging, aber ich hatte verstanden, dass sie 94
  • 95. jetzt mehr mit ihren Freunden erleben wollte und eine Frage begann in mein Hirn zu schießen. Aber ich hatte Angst zu fragen. Caro erzählte mir noch von Hannah und Georg und dass sie sich morgen am Vormittag treffen wollten, um ihren Rucksackurlaub nach zu besprechen. Es war ein komischer Moment. Der erste Moment, seit ich Caro kennen gelernt hatte, in dem ich fühl- te, dass wir uns voneinander entfernten. Die Galettes und der Cidre, auf die ich mich so gefreut hatte, schmeckten mir in diesem Moment gar nicht mehr. Und wieder schoss die eine Frage in meinen Kopf. Da es schon spät geworden war, zahlten wir beim Kellner und machten uns auf den Weg zurück nach Südskandinavien. Als wir vor Caros Haustür standen, sagte sie: „Ich glaube, ich muss heute ein wenig ausschlafen. Mor- gen Vormittag kommen dann Hannah und Georg zu mir. Aber dann, ungefähr um Eins, kommst du zu mir und dann arbeiten wir weiter an meiner Zeichnung, in Ordnung?“ Ich bejahte und verschwand rasch im Dunkeln der Nacht. Ich ging hinunter zum See, legte mich neben einen alten Baum am Ufer und blickte auf den Himmel. Die Frage, die mir während des Essens in der Bretagne in den Kopf geschossen war, hämmerte nun. Ich begann nachzudenken, schließlich schlief ich ein. 95
  • 96. Die Weggabelung Ich schlief lange und erwachte erst als die Sonne schon weit oben am Himmel stand. Mir taten meine Knochen weh und ich dachte an den harten Waldbo- den unter mir. Ich beobachtete ein Eichhörnchen, wie es unter einem großen abgebrochenen Ast versch- wand. Draußen auf dem See fuhren ein paar Boote. Ich dachte an den gestrigen Abend und das Essen mit Caro und wieder, schoss mir die eine Frage durch den Kopf: Brauchte mich Caro überhaupt noch? Mir war klar, dass Caro jetzt Zeit brauchte, Zeit mit ihren Freunden und Zeit, um die Erlebnisse der letz- ten Tage zu verarbeiten. Hatte sie mich deshalb ge- stern Abend bereits weggeschickt? Ich dachte an unsere Verabschiedung und an mein Gefühl in diesem Moment. So richtig euphorisch war Caro nicht gewesen, anders als in den Tagen davor. Vielleicht sollte es das wirklich schon gewesen sein, meine Zeit mit Caro und dem Arbeiten an ihrer Zeich- nung. Meine Gedanken schweiften zu meinen The- orien. Ich dachte an mein letztes Gespräch mit dem irischen Professor und daran, dass ich unbedingt ei- nen neuen Aspekt in mein Modell einbauen wollte. Ich beschloss zu gehen, nicht zu Caros Haus, son- dern in eine andere Richtung. Caro brauchte mich nicht mehr wirklich. Ich merkte, dass es mir schwer fiel zu gehen. Dann erinnerte ich mich jedoch daran wie schwer mein Abschied von Sofia damals gewesen war. Ich ärgerte mich über mich selbst, darüber wie schwer es mir nun fiel zu gehen. 96
  • 97. Reiß dich zusammen, dachte ich mir. Ich kannte Caro doch erst drei Tage lang, Sofia hingegen hatte ich geliebt. Ich stand auf. Noch einmal blickte ich über den See, der ruhig vor mir lag. Ich drehte mich um und begann langsam zu gehen. Plötzlich hörte ich eine Stimme hinter mir rufen. „Jonathan, wohin gehst du? Ich hab dich schon überall gesucht.“ Ich drehte mich um und blickte auf Caro, die er- schöpft und außer Atem vor mir stand und mich ängstlich anblickte. Was sollte ich ihr sagen? „Wolltest du gehen?“ fragte sie leise. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, in diesem Moment konnte ich gar nichts sagen. „Du kannst nicht gehen, Jonathan. Ich brauche dich. Willst du wegen deiner Arbeit gehen?“ Ich fuhr mir durch die Haare. Dann rang ich mich zu einer Antwort durch: „Nein, ich dachte du brauchst mich nicht mehr.“ Caro sah mir in die Augen und sagte: „Es tut mir leid. Gestern Abend als du von deinen Theorien erzählt hast, habe ich gemerkt, wie wichtig sie dir waren und wie viel du für sie geopfert hast. Und dann dachte ich daran, wie unwichtig ich im Ge- gensatz dazu bin und dass ich es mir nicht herausneh- men durfte dich aufzuhalten. Deshalb wollte ich dich auf keinen Fall drängen. Ich habe dann im Bett noch lange darüber nach- gedacht und hatte Angst, dass zwischen uns etwas passiert war. Und jetzt, zu Mittag, als ich auf dich 97
  • 98. gewartet habe, wurde die Angst größer und ich bin losgerannt um dich zu suchen. Ich brauche dich, Jo- nathan.“ In diesem Moment wurde mir klar, wie dumm ich doch gewesen war. Beinahe hätte ich Caro einfach so zurückgelassen. Ohne ein Wort, ohne eine Nachricht. Ich ärgerte mich über mich selbst und gleichzeitig war ich sehr glücklich, dass Caro wieder da war. Ich sagte: „Jetzt muss ich mich bei dir entschuldi- gen. Ich werde nicht gehen. Was sind meine Theorien schon im Vergleich zu vier Tagen, in denen ich dir helfen kann und wir so viel erleben können. Es tut mir leid.“ Wenig später spazierten Caro und ich die Wiese zu ihrem Haus hinauf und ich hatte das Gefühl, jetzt noch viel stärker mit ihr verbunden zu sein als jemals zuvor. Die Spannung war wie weggeblasen und ich fühlte mich voller Tatendrang. Caro sprudelte los: „Es war sehr lustig mit Hannah und Georg. Wir haben uns Fotos aus Dänemark an- gesehen und ich konnte nicht anders als von dir zu erzählen. Sie wollen dich unbedingt kennen lernen. Ich hab` ihnen gesagt, dass ich dich noch fragen müs- se, aber wenn du einverstanden bist, dann kommen sie am späten Nachmittag auf einen Tee zu uns. Was sagst du, Jonathan?“ Ich dachte an Hannah und Georg, daran, dass zu viert wohl alles etwas kompliziert werden würde. Aber ich hatte es schon mit Caro aufgenommen und so würde ich es mit Hannah und Georg sicherlich 98
  • 99. auch schaffen. „Klar“, sagte ich, „ich bin schon sehr gespannt auf sie, nach all dem, was ich über sie gehört habe.“ Caro freute sich und wir marschierten ins Haus, stie- gen die Treppen hinauf und setzten uns in ihr Zimmer auf den Teppich. „So, was machen wir jetzt, wir haben noch drei Stunden, bis Hannah und Georg auftauchen. Ich habe so viele Fragen an dich, aber vor allem will ich end- lich wissen, was es mit dem Architekten und seinen Freunden auf sich hat.“ Ich blickte Caro verwundert an und rätselte, woher sie von diesem Modell wusste. Caro lachte und sagte: „Dr. Quantum hat mir davon zugeflüstert, als du dir einen Apfel aus der Schale geholt hast.“ Typisch Dr. Quantum, dachte ich und musste la- chen. „Klar erzähle ich dir davon, aber vorher muss ich unbedingt noch etwas essen, ich hab nämlich heute noch nicht einmal gefrühstückt.“ „Typisch Jonathan“, lachte Caro „der Apfel hat dich gleich ans Essen erinnert!“ Lachend gingen wir in die Küche. Wir grillten uns einen Lachs und verspeisten ihn mit Dill-Senf Sauce, Toastbrot und Salat. Nachher telefonierte Caro mit Hannah und Georg, um sie für 5 Uhr einzuladen. Dann gingen wir wieder in Caros Zimmer. Wir wollten uns jetzt dem Architekten und seinen Freunden widmen. 99
  • 100. Der Architekt und seine Freunde Über das Leben aus der Sicht eines Künstlers hatte mir eine Dame auf einem der Seminare auf denen ich das Modell präsentiert hatte einmal vorgeschwärmt, aber ich fand, dass diese Beschreibung etwas zu lite- rarisch für mein Modell war. Schließlich hatte ich ja nur möglichst anschaulich versucht darzustellen, wie der Mensch mit Hilfe seines Gehirns seine Ziele er- reichen konnte. Aber ein wenig geschmeichelt hatten mir die Worte der Dame schon und so kam es, dass ich im Laufe der Zeit doch ein wenig stolz auf den Architekten und seine Freunde wurde. Ich wusste, dass es nicht leicht war das Modell zu verstehen, ohne es gesehen zu haben und so setzte ich mich auf den Teppich, nahm mir ein Blatt Papier und begann zu zeichnen. 100
  • 101. Caro sah mir gespannt zu und setzte sich zu mir auf den Teppich. Während die letzten Striche auf das Pa- pier kamen, begann ich zu erklären: „Vielleicht hast du schon einmal irgendwo von einem Stimulus-Response Modell oder einer Input- Output Maschine gehört? Beide sind eigentlich das Gleiche und ich erkläre dir kurz worum es geht. Stell dir vor, deine Mutter bittet dich darum, den Müll hinauszutragen. Ihre Stimme ist der Input. Du nimmst ihre Stimme wahr und automatisch überlegst du dir, wie du auf sie reagieren wirst. Ob du nun den Müll hinausträgst, verweigerst oder etwas anderes tust, all das wäre der Output. So funktionieren diese Modelle. Ein Reiz kommt in deinen Körper und dann überlegst du, wie du auf ihn reagierst. Das Spannende bei den Menschen ist nun, dass sie selten gleich auf bestimmte Inputs reagieren. Wenn du an das Beispiel mit dem Müll denkst, kannst du dir das sicherlich gut vorstellen. Es hängt von sehr vielen Dingen ab, wie du reagieren wirst: In welcher Stimmung du bist, wie viel Zeit du hast, wer dich um den Gefallen bittet, und und und. Wie du reagieren wirst, hängt eben von dir, deinem Gehirn, ab. Der Architekt und seine Freunde ist nun ein Input- Output Modell, bei dem es darum geht, wie man seine Ziele erreichen kann. Aber genug der Theorie. Pro- bieren wir es gleich in der Praxis aus. Sag mir eines deiner Ziele, Caro.“ Caro grübelte eine Weile, spielte mit ihren Locken, dann sagte sie: „Ich will glücklich sein.“ 101
  • 102. „Nun gut, versuchen wir nun mit dem Architekten und seinen Freunden dein Ziel zu erreichen: Stell dir vor, du bist der Architekt, der große Planer im Modell. Als erstes würdest du den Visionär damit beauftragen, durch sein Fernrohr zu sehen, um he- rauszufinden, was dich glücklich macht. Der Visionär sieht durch sein Fernrohr in die Zu- kunft, stellt sich verschiedene Ereignisse vor und versucht zu fühlen, wie es wäre, wenn er die Ereig- nisse erleben würde. Stell dir vor, der Visionär würde herausfinden, dass ein Bestandteil deines Glücks sei, viel mit Hannah und Georg zu unternehmen. Darauf- hin sagt er es dir und du weißt nun, was zu tun ist. Du musst also viele Dinge mit Hannah und Georg unter- nehmen und dir überlegen, wie ihr viel Spaß mitei- nander haben könnt. Nun gehst du zum Goldwäscher. Der Goldwäscher hat ein Sieb in der Hand und ist den ganzen Tag da- mit beschäftigt, Gold zu waschen. Er versucht dich zu schützen und nur die Dinge durch sein Sieb durchzu- lassen, die für deine Ziele hilfreich sind. Wenn du dem Goldwäscher also gesagt hast, dass es dich glücklich macht viel mit Hannah und Georg zu unternehmen, so wird er versuchen, Einflüsse, die dich von diesem Ziel abhalten, nicht durch sein Sieb zu lassen. Gegen eine große Hausaufgabe zum Bei- spiel, würde er sich mit seinem Sieb sträuben, denn sonst hättest du ja kaum mehr Zeit für Hannah und Georg. Dein nächster wichtiger Gehilfe ist der Gärtner. Er ist sehr weise und weiß genau, dass man seinen Gar- 102
  • 103. ten täglich gut pflegen muss, damit schöne Blumen in ihm wachsen. Wie gut er seinen Garten pflegt, hängt jedoch von dir ab. Je nachdem, welche Dinge du tust, gießt der Gärtner die Blumen oder er lässt sie verdorren. Unternimmst du etwas mit Hannah und Georg, wachsen sie, ver- gisst du auf sie oder bist nicht gut zu ihnen, so verdor- ren sie und Unkraut beginnt zu wuchern. Dein letzter Freund ist der Maler. Er malt in deiner Umgebung alle Dinge, die du tust. Gehst du ins Kino, so bemalt er dort die Umgebung für dich und wenn du tanzen gehst, dann malt er dich in den schönsten Far- ben auf die Tanzfläche. Er malt dein Leben, genauso wie es ist. Was du Tag für Tag machst, das malt er.“ Caro blickte auf das Bild des Architekten und seinen Freunden. Sie knabberte auf ihrer Unterlippe herum und es sah aus, als würde sie versuchen, sich alles ganz genau vorzustellen. Ich wusste, dass das Modell nicht einfach war und ich überlegte, wie ich es noch besser darstellen könnte. Aber Caro war offensichtlich bereits auf eine Idee gekommen, denn sie rief aus: „Hey, wenn ich das auf meine Zeichnung umlege, ..., dann könnte ich eine Gießkanne über die Dinge zeichnen, die ich gerne mache, dann könnte ich ein Fernrohr zeichnen, durch welches ich meinen Berufs- wunsch sehen kann und ich könnte in meine Hände ein Maßband für den Architekten legen. Und schließ- lich ein Sieb und Malpinsel um mich herum.“ Aufgeregt kramte Caro nach ihrem letzen Entwurf und dann begann sie zu malen: 103
  • 104. „Das gefällt mir schon sehr gut“, freute sich Caro und bewunderte ihre Zeichnung. „Eine Frage habe ich jetzt aber noch. Ich möchte nämlich wissen, wie viel der Goldwäscher eigentlich sieben kann? Mit seinem Sieb kann er zum Beispiel versuchen, nur die Dinge an mich heranzulassen, die mich auch fröhlich machen. Also, wenn ein Lehrer in der Schu- le schon seit Stunden über die Dinge redet, die mich gar nicht interessieren, so wird er mit der Zeit nicht mehr viel durch das Sieb bis zu mir durchlassen. Aber wenn mich jemand am Arm berührt, dann ist das ja auch ein Input, aber den kann er ja wohl schwer nicht zu mir durchlassen, oder?“ „Da hast du natürlich recht“, lachte ich. „Oft hat es der Goldwäscher sehr schwer und er lässt auch sehr viele Dinge durch, die du gar nicht möchtest. Für diese Dinge gibt es dann aber dich als Architekten. 104
  • 105. Stell dir nur einen Psychotherapeuten vor, der sehr oft mit Menschen zu tun hat, die unglücklich sind. Er hört den ganzen Tag von Problemen und er sieht sehr viel Leid. Diese Probleme kann der Goldwäscher unmöglich alle aussieben. Der Psychotherapeut muss sich ja mit ihnen beschäftigen und Lösungen dafür finden. Damit der Therapeut aber am Ende nicht selbst ganz unglücklich wird, muss er lernen, mit den Problemen seiner Patienten gut umzugehen. Er muss Abstand nehmen können und sich immer wieder daran erin- nern welchen wichtigen Beruf er doch hat und wie viel er hilft. Aber leicht ist das sicher trotzdem nicht. Generell ist das Sieb des Goldwäschers eben nicht sehr engmaschig. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns mit Dingen umgeben, die uns Freude machen und gut für uns sind.“ Caro grübelte, stand auf und begann in ihrem Zim- mer ein paar Runden zu drehen. „Das ist aber ein wichtiger Punkt, Jonathan. Und das ist ja voll blöd für bestimmte Berufe wie Psychi- ater, Fließbandarbeiter, Müllmänner oder auch Ärzte, die den ganzen Tag mit nicht so schönen Dingen kon- frontiert sind. Das ist sicher nicht leicht für die. Und vor allem sind diese Berufe notwendig für die Welt. Das finde ich eigentlich unfair. Dafür sollten sie ja viel mehr Geld verdienen.“ „Ich finde das auch unfair, sehr unfair sogar“, sagte ich, “aber zumindest ist mir gerade ein Freund ein- gefallen, der uns mehr über dieses Thema erzählen kann.“ 105
  • 106. „Ein neuer Freund“, lächelte Caro, „juhu, wie, wo und wann?“, grinste sie. „Wenn du willst noch heute, aber jetzt kommen Hannah und Georg gleich“, sagte ich. Caro blickte auf die Uhr. „Ah ja, wie die Zeit vergeht, wenn man spannende Dinge macht“, grinste sie, „können wir Hannah und Georg zu deinem Freund mitnehmen?“ „Mmh, ich weiß noch nicht, sehen wir einmal“, ent- gegnete ich. 106
  • 107. 5 Uhr Tee Ich war ehrlich gespannt auf Hannah und Georg. Schließlich hatte ich ja bereits einiges über sie ge- hört und schon eine gewisse Vorstellung von ihnen. Meine Neugier wurde aber gar nicht auf die Folter gespannt, denn es läutete bereits an der Eingangstüre. Caro und ich gingen die Treppen hinunter und öffneten den beiden. Hannah hatte schulterlanges blondes Haar, ein lustiges, freundliches Wesen und lächelte mich gleich neugierig an. Georg wirkte ein wenig ernster. Mit einem unsicher klingenden „Hal- lo“ musterte er mich zunächst einmal vorsichtig. Mir fiel sofort sein Haarschnitt auf. Er erinnerte mich an jenen von John Lennon, die gekürzte Version, und in Kombination mit der runden Brille wirkte das Ganze ein wenig amüsant. Beide waren mir gleich sympathisch. Ich wollte, dass die Drei einmal Zeit für sich hatten und so schlug ich vor, in der Küche Tee zuzubereiten. Durch das of- fene Küchenfenster konnte ich ihre Stimmen hören. Sie lachten über Geschichten aus ihrem gemeinsamen Dänemarkurlaub. Während ich gerade überlegte, ob ich schwarzen oder grünen Tee machen sollte, erinnerte ich mich an meine 5 Uhr Tees in Irland. Brütend über meinen Theorien war ich dort meistens ganz gedankenverlo- ren beim Tee gesessen und hoffte, dass er mich zu neuen Gedanken inspirierte. Hier bei Caro war ich viel entspannter und die Stim- men der Drei beruhigten mich. Ich entschied mich für 107
  • 108. grünen Tee und ging mit der Kanne und vier Tassen über die Veranda in den Garten. Natürlich hatte ich Caros Lieblingstasse nicht vergessen. Caro hatte Gartenmöbel aus dem Schuppen geholt und sie auf der Wiese aufgestellt. Ich stellte den Tee auf dem kleinen Gartentischchen ab und gesellte mich zu ihnen. Hannah und Georg sahen mich gleich erwartungsvoll an und ich merkte, dass sie doch ein wenig Respekt vor mir hatten. Deshalb begann ich schnell über mich zu erzählen und mir fiel es diesmal schon leichter, als es mir noch vor kurzem bei Caro gefallen war. Ich erzählte von meiner Vergangenheit an der Uni- versität, von Dr. Bionicus, Dr. Quantum, Madame Ri- bery und vom Jardin de niños del arbol. Hannah und Georg wollten natürlich auch wissen, wie Caro und ich uns kennen gelernt hatten. Sie kannten bereits Ca- ros Version, aber meine kannte ja nicht einmal Caro selbst. Deshalb hörten mir alle Drei gespannt zu, als ich erzählte: „Ich befand mich gerade noch vor einer irischen Bibliothek und blickte grübelnd in die Sterne. Im nächsten Moment saß ich in Caros Zimmer. Ich kann zwar verrückte Sachen machen, wie Planeten besu- chen und um die Erde fliegen, aber auf alle Fragen habe ich auch keine Antwort, sie müssen wohl in den Sternen liegen.“ Hannah, Georg und Caro sahen mich etwas verdutzt an, fragten aber nicht weiter. Offensichtlich gefiel ih- nen meine Antwort. 108
  • 109. Wir schlürften an unserem Tee und ich dachte bereits an unseren nächsten Ausflug. Es würde zu meinem Freund Makoto gehen. Makoto war jener Mann, mit dem ich vor vielen Jahren nach einem Kongress am Moskauer Flughafen gesessen war, und in Endlosschleife Beautiful Day von U2 gehört hatte. Beim Gedanken daran musste ich lächeln. Caro wollte wissen, warum ich lächelte und so er- zählte ich die Geschichte vom Flughafen. Caro be- gann das Lied zu summen, da kam ich auf eine Idee. Ich erzählte sie Caro, Hannah und Georg, und die Drei waren gleich Feuer und Flamme. Wir wollten dem Gedächtnis Makotos auf die Sprünge helfen, aber mehr verrate ich euch noch nicht. Langsam mussten wir los, um Makoto noch zu er- wischen, aber was sollte ich nun mit Hannah und Ge- org machen? Sollte ich sie mitnehmen? Während wir so im Garten saßen und unseren Tee schlürften, schien es mir nicht so, als würden die bei- den heute noch bald gehen wollen. Ich stellte mir vor, wie ich mit drei Teenagern bei Makoto ankommen und was er sich dann wohl von mir denken würde. Vermutlich nichts Schlechtes, beschloss ich. Ich fragte Hannah und Georg, ob sie nicht mitkommen wollten. Als ob Caro, Hannah und Georg darauf ge- wartet hätten, grinsten sie einander an und damit war die Entscheidung auch schon gefallen. Wenige Augenblicke später rauschten wir durch die Lüfte in Richtung Osten … ganz ans andere Ende der Erde. 109
  • 110. Tokio Als wir in Tokio ankamen, war es auf Grund der Zeit- verschiebung natürlich schon dunkle Nacht. Dennoch ließen die vielen beleuchteten Werbebanner und Lich- ter der Hochhäuser die Stadt noch ziemlich lebendig erscheinen. Das ist es eben, das Schöne an Großstäd- ten, sie schlafen niemals wirklich. Mein Freund Makoto war in dieser Hinsicht ein richtiger Großstädter. Er schlief fast nie und wenn, dann häufig in seinem Büro. Aber die Art seiner Ar- beit hatte sich in den letzten 30 Jahren, seit ich ihn in Moskau kennen gelernt hatte, stark verändert. Makoto heißt soviel wie die Aufrichtigkeit, die Wahrheit. Und sein Name hat sehr viel mit seiner Ver- wandlung zu tun. Über all die Jahre war mir Makoto ein wirklich guter Freund geworden. Auch wenn wir uns manchmal nur alle zwei Jahre sahen, so stimmte die Chemie zwischen uns und ich war jedes Mal froh ihn wieder zu sehen. Hannah, Georg und Caro waren sehr aufgeregt, als wir im Finanzzentrum von Tokio vor einem riesi- gen Wolkenkratzer standen. Es brannten noch einige Lichter und so betraten wir das Gebäude. Wir gingen zum Portier, ich fragte nach Makoto und wie ich es erwartet hatte, war er bei der Arbeit. 50. Stock West 212, hatte es geheißen. Wir Vier fuhren im Fahrstuhl in den 50. Stock, gingen einen langen geschwungenen Korridor entlang zur letzten Türe im West-Flügel, wo noch Licht brannte. Makoto machte uns die Türe auf und blickte mich 110
  • 111. freudig-überrascht an: „Jonathan, welch` Freude dich wieder einmal hier zu haben. Und wen hast du mir denn da aller mitgebracht?“ Makoto führte uns in sein geräumiges Büro. Es gab dort eine kleine Couchecke für Gäste und im hinteren Teil des Raumes war Makotos gläserner Arbeitstisch. An den Wänden hingen einige große Gemälde. Die Motive waren abstrakt, sie sprangen nicht ins Auge: Geschwungene Linien und Kreise in sanften Farb- tönen. Neben dem Glastisch stand eine große grüne Pflanze. Das ganze Zimmer wirkte ruhig und sanft, man hörte im Hintergrund nur das leichte Surren der Klimaanlage. Makoto bat uns, in der Couchecke Platz zu nehmen. Es war gerade genug Platz für uns alle. Wir mussten uns ein wenig aneinander schmiegen, aber das störte uns nicht. Makoto war für einen Japaner durchschnittlich groß, was sofort ins Auge stach, war seine ruhige ge- winnende Art. Er wirkte zwar ein wenig müde, den- noch lag ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht. Makoto fragte uns natürlich nach dem Grund unse- res Besuches und so erzählte ich von Caros Wunsch, ihre Welt zu zeichnen und davon, dass wir wissen wollten, warum manche Menschen mit ihren Berufen so wenig Geld verdienten, obwohl ihre Arbeit doch so wichtig war. Ich erzählte Makoto von Caros und meinem Gespräch heute Nachmittag und dass wir es unfair fanden, dass Krankenschwestern oder Müll- männer weniger verdienten als zum Beispiel manche Manager. Wir wollten einen Grund dafür wissen. 111
  • 112. Und zusätzlich bat ich Makoto, etwas über sein Le- ben zu erzählen, was er arbeitete und womit er sich beschäftigte. Makoto begann seine aufregende Ge- schichte zu erzählen und so lauschten wir gespannt. Er war ziemlich bald nach seinem Studium Mana- ger in einer großen Pharmafirma geworden und hatte dort jahrelang sehr viel Geld verdient. Er hatte keine finanziellen Sorgen, bekam ein riesiges Büro, eine Sekretärin und sogar einen Chauffeur. Aber dennoch war er nicht wirklich glücklich. Je- den Tag saß er in seinem Büro und arbeitete hart. Ein paar Mal am Tag blickte er aus dem Fenster, welches hoch über den Dächern Tokios lag, auf eine Hor- de von Kindern, die in einem kleinen Fußballkäfig spielten. Makoto hatte schon immer viel über das Le- ben nachgedacht und so kam es, dass er sich immer öfter darüber Gedanken machte, ob sein Beruf im Pharmakonzern überhaupt der Richtige für ihn war. Sein Büro war mindestens so groß, dass er die Kinder zum Fußball spielen zu sich hätte einladen können, anstatt sie jeden Tag in ihrem kleinen Käfig vor sei- nem Bürogebäude spielen sehen zu müssen. Makoto war unglücklich. Nicht so sehr wegen der Kinder, sondern viel mehr darüber, welche Entschei- dungen er als Manager treffen musste. Er musste Mit- arbeiter entlassen, obwohl sie gute Arbeit leisteten, Medikamente auf den Markt bringen, obwohl nicht sicher war, dass sie den Menschen wirklich helfen würden. All das musste er nur machen, damit sein Pharmakonzern Gewinne schreiben konnte. Denn die anderen Pharmakonzerne hatten auch sehr gute Ma- 112
  • 113. nager und so musste sich Makotos Konzern sehr an- strengen genug Geld zu verdienen. Deshalb beschloss Makoto nach drei Jahren als Manager in die Politik zu wechseln. Er hatte das Ziel, bessere Gesetze zu ver- anlassen, die auf der einen Seite den Unternehmern genügend Freiraum ließen, um Gewinne zu erzielen und auf der anderen Seite Arbeitnehmer und Arbeiter ausreichend schützten. Doch Makoto musste bald erkennen, dass es in der Politik nicht viel anders als in der Wirtschaft war. Denn der Staat Japan brauchte wie sein Pharmakon- zern viel Geld, damit Japan wirtschaftlich gesund blieb. Irgendwer musste ja für größere Parks für die Kinder und für eine gute Gesundheitsversorgung für die armen Menschen bezahlen. Das viele Geld konnte ja nur von den großen Firmen in Form von Steuern zum Staat kommen und deshalb war es auch im Interesse des Staates, dass die großen Firmen sehr effizient arbeiteten. Außerdem gab es auf der Welt noch viele andere Länder und sobald ein Staat noch netter zu den Firmen war, indem er zum Beispiel die Firmensteuern senkte, bekamen alle Po- litiker Angst, dass die Firmen einfach in ein anderes Land gingen. Sobald das passierte, würde dann Japan plötzlich weniger Geld bekommen und dann würde es viele arme Menschen geben. So wurde Makoto auch in der Politik nicht glück- lich. Es war für ihn sogar noch ein wenig schlimmer, da er viel lügen musste, um den Menschen zu gefal- len. Sonst hätten sie ihn nämlich nicht gewählt und dann hätte er gar keinen Einfluss mehr gehabt. 113
  • 114. Makoto beschloss zu kündigen, er ging viele Aben- de durch die Straßen Tokios und überlegte, was er nun tun sollte. Er hatte verstanden, dass, egal ob in der Politik oder in der Wirtschaft, er noch immer in diesem System gefangen war, welches nicht alle glücklich machte. Er überlegte sich sogar kurz, ganz auszusteigen. Er hätte sich ja vom restlichen Geld aus seiner Zeit als Manager einfach eine kleine Wohnung irgendwo weit weg von Tokio kaufen können, damit wäre er wohl bis an sein Lebensende über die Runden gekommen. Mit kleinen Nebenjobs zwar, aber das wäre ja kein großes Problem gewesen. Aber Makoto war kein solcher Mensch. Er wollte etwas ändern, zu seinen Idealen stehen. Und so be- schloss Makoto eine Organisation zu gründen, wel- che Ideen entwickeln sollte, wie Politik, Wirtschaft und soziale Organisationen zum Wohle aller zusam- menarbeiten könnten. Makoto nützte seine Kontakte aus der Politik und der Pharmaindustrie und konnte im 50. Stock eines hundert stöckigen Hochhauses, welches einem groß- en internationalen Pharmakonzern gehörte, sehr gün- stig ein Büro mieten. Dieses Büro wurde seine neue Heimat und seit vielen Jahren arbeitet Makoto nun an einer neuen integrierten Moralökonomie für Japan. Ja und in diesem Büro saßen wir nun. Hannah, Georg und Caro staunten nicht schlecht über die aufregende Lebensgeschichte Makotos und stell- ten viele Fragen. Sie hatten verstanden, dass man in 114
  • 115. der Politik viel lügen musste, um gewählt zu werden und auch, dass jeder Manager als erstes darauf achten musste, für seine Firma Gewinne zu machen. Aber Georg hackte hier noch mal nach: „Herr Makoto, aber es muss doch funktionieren, dass man als Manager viel Geld für die Unternehmen verdient und gleichzeitig gut zu seinen Mitarbeitern ist. Warum sollte das nicht gehen?“ Makoto antwortete: „Prinzipiell hast du recht und es gibt viele Manager, die das ja auch versuchen. Sie tun ja auch viel Gutes. Sie schaffen Arbeitsplätze und erfinden tolle Sachen. Aber der Wettbewerb ist härter geworden und viele Firmen machen immer kleinere Gewinne. Damit sie überleben können, müssen sie dann irgendwo einsparen. Und häufig tun sie das bei den Kosten für die Mitarbeiter. Hier hat auch der Staat seine Rolle. Um die Arbeit- nehmer zu schützen und um dem Wettbewerb gewisse Grenzen zu setzen, handelt der Staat Mindestlöhne aus. Und zusätzlich sorgt er für ein Sozialsystem mit Arbeitslosengeld, Krankenversicherung, Krisenfonds und ähnlichem.“ Georg war mit dieser Antwort noch nicht glücklich. Er erzählte, dass sein Vater gerade gekündigt worden war. Er hatte für einen großen Möbelhersteller gear- beitet und obwohl die Firma viele Gewinne machte, war sein Vater trotzdem entlassen worden. Georg wirkte plötzlich sehr unglücklich und es schien, als würde er seine Augen hinter seinen runden Brillengläsern verstecken wollen. Makoto hatte auch keine Lösung für das Problem. 115
  • 116. Wir wurden alle ein wenig ratlos. Dann sagte Makoto: „Leider hat unser Wirtschafts- system eben auch viele dunkle Seiten. Mit meiner Organisation versuche ich an solchen Problemen zu arbeiten. Aber es ist nicht einfach.“ So kamen wir dann auch zu unserer ursprünglichen Frage. Wir wollten wissen, warum manche Manager so viel verdienten, während andere so wenig beka- men. „Das liegt daran, dass für viele Firmen ein guter Manager Gold wert ist. Er ist wie der Kapitän auf einem großen Schiff, dafür verantwortlich den Kurs zu bestimmen. Häufig hängt es nur von ihm ab, ob eine Firma Gewinne macht oder nicht. Ich gebe euch ein Beispiel: Stellt euch vor, eine Firma macht fast keine Gewinne mehr, weil sie einen schlechten Ma- nager hat. Deshalb stellt sie einen neuen ein. Im näch- sten Jahr macht diese Firma plötzlich 100 Millionen Euro Gewinn. Da ist es dann für die Firma doch ganz klar, dass sie ihrem Manager sehr viel Geld zahlt, wie zum Beispiel 20 Millionen Euro. Denn im Vergleich zum Gewinn, ist es noch immer wenig und die Fir- ma will in Zukunft ja noch weitere Gewinne machen. Falls sie ihrem Manager nicht genug zahlt, so kann es sein, dass eine andere große Firma den Manager einfach wegkauft. Das wäre dann sehr bitter. Deshalb sind Managergehälter oft so hoch. Die Angestellten bekommen dann vergleichsweise viel, viel weniger, weil man andere Arbeiter leicht bekommt. Oder es arbeiten so viele Arbeiter für eine Firma, sodass all ihre Löhne zusammen dann doch sehr viel sind. Stellt 116
  • 117. euch vor, ein Arbeiter bekommt 30 000 Euro pro Jahr. Und in dieser Firma gibt es 10 000 solcher Arbeiter. Zusammen erhalten diese Arbeiter dann schon 300 Millionen Euro. Und jetzt stellt euch vor, die Arbeiter wollten höhere Löhne, sagen wir um 5000 Euro mehr pro Jahr. Würde die Firma die Löhne erhöhen, wären das 50 Millionen! Ich hoffe ich habe euch jetzt nicht verwirrt mit mei- nen Zahlenspielen. Aber sie zeigen, dass manchmal ein hochbezahlter Manager, der der Kapitän des gan- zen Schiffes ist, der Firma weniger kostet, als wenn sie die Löhne für sehr viele Arbeiter auch nur ein wenig erhöht. Nicht dass ich das gut finde, ganz im Gegenteil. Aber diese Dinge entstehen einfach in un- serem Wirtschaftssystem.“ Wir saßen in Makotos Büro und waren alle ein we- nig nachdenklich. Ich blickte in die grübelnden Ge- sichter von Hannah, Georg und Caro und begann ein wenig daran zu zweifeln, ob es gut gewesen war, sie zu Makoto mitzunehmen. Nicht wegen Makoto, aber wegen der teilweise frustrierenden Antworten. Insgesamt hatten alle Drei schon wichtige Antwor- ten auf ihre Fragen bekommen. Auch Hannah ver- stand jetzt besser, warum ihre Mutter als Behinder- tenbetreuerin vom Staat nicht sehr viel Geld bekam. Es lag einfach daran, dass der Staat damit nicht sehr viel Geld verdienen konnte. Mit den Steuern der Phar- makonzerne konnte er mehr verdienen. Und der Wett- bewerb, der überall herrschte, also auch zwischen den einzelnen Ländern, machte es noch schwieriger, ge- nug Geld in das Sozialsystem zu investieren. 117
  • 118. So hatten wir zwar einiges von Makoto erfahren, waren aber nicht wirklich glücklicher geworden. Caro, Hannah und Georg sanken immer tiefer in die Couchbank, wohl auch vor Müdigkeit. Der Morgen graute schon und die Dämmerung schien leicht durch die Fenster von Makotos Büro, es wurde langsam Zeit zu gehen. Da wollte Caro noch mehr über ein Bild Makotos erfahren, das hinter seinem Schreibtisch an der Wand hing. „Das ist eine meiner Lieblingszeichnungen“, sagte Makoto. Wir blickten alle auf das Bild und Makoto erzählte: „Der Fluss stellt das große System dar, in dem wir alle leben, also vor allem unser Wirtschafts- system, über das wir heute schon viel gesprochen haben. Der Fluss ist sehr stark und es ist schwer ge- gen den Strom zu schwimmen oder den Fluss in neue Bahnen zu lenken. Solange das System gleich bleibt, kommt immer neues Wasser den Fluss herunter ge- ronnen, scheinbar unaufhaltsam. 118
  • 119. Man kann die Strömung des Flusses nur auf zwei Arten verändern: Einmal durch eine große Verände- rung, indem man große Staudämme errichtet oder ganze Teile des Flusses neu reguliert. Darin sehe ich die Aufgabe meiner Organisation. Ich versuche eben neue Lösungen gemeinsam mit Politik, Wirtschaft und sozialen Organisationen zu finden, damit neue Gesetze und neue Richtlinien ent- stehen können. Man kann einen großen Staudamm errichten, damit für längere Zeit eine größere Gruppe von Menschen dahinter geschützt ist, zum Beispiel ärmere Menschen. Aber solange man nicht wirklich große Flussregu- lierungen vornimmt, kommt das Wasser immer nach und deshalb ist es sehr schwer den Fluss zu stoppen. Die zweite Art das große System zu ändern, ist die kleine Veränderung. In meiner Zeichnung ist sie durch die vielen kleinen Staudämme, die einzelne Menschen bauen, dargestellt. Auch wenn sie häufig nicht lange halten und nur kurze Zeit helfen, so sind die kleinen Veränderungen mindestens ebenso wich- tig wie die großen. Warum? Weil die kleinen Veränderungen von ganz vielen Menschen kommen können, während es nur ganz wenigen Menschen vorbehalten ist, die großen Ver- änderungen zu bewirken.“ Caro blickte auf die Zeichnung, dann drehte sie sich zu mir und sagte aufgeregt: „Weißt du, woran mich das erinnert, Jonathan? Es erinnert mich an die große letzte Tafel beim Kreis der Einheit. An die Geschich- te mit den Seesternen. Daran, dass das Meer die gan- 119
  • 120. ze Zeit neue Seesterne an Land spült und das klei- ne Mädchen sie dennoch immer wieder zurückwirft, weil sie sagt, dass zumindest für einen Seestern, für einen einzigen, es einen Unterschied macht. Obwohl er nach einiger Zeit wieder angespült kommt, hilft ihm das Mädchen zumindest für eine gewisse Zeit, in dem sie ihn ins Meer zurückwirft. Und wer weiß, vielleicht kann er deshalb sogar überleben.“ Ich erinnerte mich an die Geschichte und musste lächeln. Genau das war mit den kleinen Veränderun- gen gemeint, von denen Makoto gerade gesprochen hatte. Wir sammelten alle gemeinsam noch einige Bei- spiele für kleine Veränderungen. Uns fielen Dinge ein, wie jemandem über die Straße helfen, jemandem Guten Tag sagen, etwas zu verschenken und viele mehr. Wir waren jetzt alle wieder fröhlicher, dennoch war es nun wirklich Zeit geworden zu gehen. Wir dankten Makoto und er gab uns noch eine Abschieds- geschichte mit auf den Weg. Er sagte: „Bei den Dingen die man gerne tut, vergisst man schnell die Zeit. Es war wirklich schön, dass ihr da ward. Zum Abschluss habe ich noch eine Geschichte. Es geht um die kleinen Veränderungen: Es war einmal ein sehr reicher Mann. Er war zwar sehr reich, aber auch sehr unglücklich. Er wusste nicht genau warum, vermutete aber, dass etwas in der Einrichtung seiner Villa sein Glück störte. Da erfuhr er von einem Freund, dass es einen gelehrten Mann gab, welcher auch Meister des Feng Shuis, der Wohn- raumkunst, war. 120
  • 121. Der reiche Mann reiste ans andere Ende der Welt, um den Weisen zu suchen. Als er den Weisen fand, erzählte er ihm von seiner Situation. Dieser verlangte: „Gib mir zuerst dein Hemd, dann bekommst du einen Rat.“ Der Reiche war gar nicht erfreut, doch er gab dem Weisen sein Hemd. Dann sagte er: „Jetzt geh zur Ar- beit, dreh den Sessel in deinem Arbeitszimmer um und dann bring mir all deine Anzüge. Ich werde auf dich warten.“ Der reiche Mann war wütend über die Antwort. Er ärgerte sich, dass er dafür so weit gereist war und machte sich auf den Weg zurück nach Hause. Er war sicher, nie mehr zurückzukehren. Als er zu Hause ankam und sich wieder seiner Ar- beit widmete, fielen ihm die Worte des Weisen ein. Er drehte seinen Sessel um, blickte auf seine grauen Jalousien. Frustriert sah er sie an. Und da ging ihm ein Licht auf. Er öffnete die Jalousien und sah auf das wunderschöne Bergpanorama vor seinem Fenster. Und mit einem Mal erkannte er, dass er in allen Räu- men seines Hauses stets die Jalousien geschlossen hatte. Er erkannte, dass er nie auf seinem Balkon war und viel zu viel arbeitete. Zwei Jahre später brachte er dem Weisen schließlich all seine Anzüge.“ Caro, Hannah, Georg und ich grübelten noch über die Geschichte, als wir schon viele Kilometer weiter westlich über den Morgenhimmel flogen. Schnur- stracks in die dunkle Nacht. 121
  • 122. Jonathans Entscheidung Wir flogen so schnell, dass wir es beinahe noch schafften, das Sonnenlicht einzuholen. Was uns blieb, war ein schwacher Silberstreif am Horizont, als wir in Caros Garten landeten. Wir setzten uns auf die Gar- tenstühle, auf denen wir einige Stunden zuvor unse- ren 5 Uhr Tee genossen hatten, lehnten uns zurück und schauten auf die Sterne über uns. Die meisten leuchteten erst ganz schwach und trotzdem würde die Nacht nicht mehr lange auf sich warten lassen. „Glaubt ihr, dass die Sterne deshalb funkeln, damit es nie ganz dunkel wird?“, sagte Hannah plötzlich in die Stille. Wir sahen uns nicht an, sondern blickten weiter auf den Himmel. „Ich glaube eher, sie wollen uns daran erinnern, dass wir nicht alleine sind“, sagte Caro nach einer Weile, „und daran, dass viele wichtige Antworten irgendwo da oben zu finden sind.“ „Ich weiß nicht“, sagte Georg. Wir blickten noch immer auf den Himmel, aber in meinem Augenwinkel bemerkte ich, wie Georg sei- nen Blick von den Sternen abwandte und ihn auf den Boden vor sich richtete. Er wirkte angespannt und ich hatte wieder das Gefühl, als würden sich seine Au- gen ganz tief hinter seiner Brille vergraben. Und mit einem Ruck fuhr er plötzlich fort: „Ich weiß nicht. Ich versteh nicht, warum wir im- mer glauben, dass da draußen noch irgendetwas an- deres ist. Tag für Tag passieren so viele schreckliche 122
  • 123. Dinge auf der Welt. Und dann tun wir immer so, als hätten wir nichts damit zu tun. Viele Dinge auf der Welt müssen sich ändern. Ma- koto, zum Beispiel, er versucht etwas zu verändern. Aber wie viel Zeit bleibt ihm noch? Die Welt ändert sich so schnell. Wir sind doch schon ganz anders aufgewachsen als Makoto. Heute gibt es das Internet und es kommt auf ganz andere Dinge an. Die älteren Menschen können das gar nicht mehr ver- stehen. Seht euch nur unsere Schule an. Unser Klas- senvorstand Frau Nielsen unterrichtet wahrscheinlich noch immer die gleichen Sachen wie vor 30 Jahren auch. Und ich glaube nicht einmal, dass sie es böse meint. Aber sie weiß einfach nicht mehr, was wir brauchen. Sie hat keine Ahnung davon. Und deshalb nervt es mich, dass wir in die Sterne schauen und überlegen, was sie uns sagen wollen. Währenddessen dreht sich die Erde immer weiter, die Probleme von heute sind morgen schon wieder ganz andere. Wer soll etwas verändern, wenn nicht wir, wir die noch jung sind.“ Georg sah nun weg. Er wirkte böse und enttäuscht. So saßen wir auf Caros Gartenmöbel in dunkler Nacht und keiner wusste, was er sagen sollte. Caro und Hannah schienen überfordert von Georgs Aus- bruch und mir erging es nicht anders. Mir gingen einige Fragen durch den Kopf und ich spürte, dass ich heute Nacht noch ein wenig Zeit für mich brauchen würde. Georgs Worte blieben einfach so stehen und wir be- schlossen alle nach Hause zu gehen. Aber wir wollten 123
  • 124. uns morgen Vormittag wieder treffen. Schließlich waren es nur mehr ein paar Tage bis Schulbeginn und Caros Zeichnung war nicht fertig. Ich ging nachdenklich hinunter zum See, legte mich neben meinen Baum und begann zu grübeln. Bereits bei Makoto war mir aufgefallen, dass Georg sehr nachdenklich geworden war. Die Entlassung sei- nes Vaters musste ihn hart getroffen haben, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass dieser Tag so einen Ausgang finden würde. Noch am Nachmittag waren wir alle so euphorisch gewesen. Wir hatten uns auf Makoto gefreut, es war schön gewesen, nun Hannah und Georg auch mit da- bei zu haben und ich hatte mich richtig gut gefühlt. Da fiel mir der Morgen wieder ein. Noch vor zwölf Stunden hatte ich Caro beinahe zurückgelassen. Ein- fach so. Ich versuchte mich daran zu erinnern, warum ich gehen wollte. Als ich darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass ich Angst bekommen hatte, Angst, dass mich Caro nicht mehr brauchte, Angst, dass sie mich nicht mehr so schätzte wie noch am Beginn un- serer Reise, als sie mich noch nicht so gut kannte. Ich ärgerte mich über mich selber. Wie ein kleines Kind hatte ich mich benommen. Dabei gab es noch so wichtige Dinge zu erledigen. Ich blickte auf die dunkle Wasseroberfläche, in der sich nur von Zeit zu Zeit ein paar helle Wolken spie- gelten. Die Welt brauchte Veränderungen. Wer soll- te sie bewirken, wenn nicht Leute wie Makoto oder ich? 124
  • 125. Ich dachte an Georgs Ausbruch und an seine Ge- danken, dass die Veränderung von den jungen Men- schen kommen müsse, weil die älteren Menschen die Probleme nicht mehr verstünden. Ich war nicht Ge- orgs Meinung. Ich verstand zwar, was er meinte und worauf es ihm ankam, aber er hatte etwas Wichtiges nicht beachtet: Nämlich die vielen Jahre die man oft für große Veränderungen benötigte. Wie viel Zeit blieb mir noch? Mir war heute wieder klar geworden, warum mir meine Theorien einst so wichtig gewesen waren. Weil ich nicht zusehen wollte, wie es anderen Menschen schlecht ging. Ich wollte nicht einer jener sein, die immer nur darüber klagten, was auf der Welt nicht gut lief. Ich wollte stattdessen selbst meinen Beitrag leis- ten. Deshalb hatten Dr. Bionicus, Dr. Quantum und ich damals entschieden, auf die Planeten zu gehen. Und Georg hatte mich heute daran erinnert, wie wichtig Veränderung war. In diesem Moment fällte ich eine Entscheidung: Ich wollte, gleich nachdem Caros Welt fertig sein würde, an meinen Theorien weiterarbeiten. Das schuldete ich mir und der Welt. Und dafür musste ich auch meinen Stolz hintanstel- len. Ich hatte die letzten Jahre auf einiges verzichten müssen. Viele dieser Dinge waren mir während der letzten Tage mit Caro schmerzlich bewusst geworden. Ich hatte gemerkt, dass mir meine Freundschaft zu Dr. Bionicus, Dr. Quantum oder Makoto fehlte. Oder auch eine Familie wie die von Madame Ribery. Und natürlich auch Sofia. Vielleicht war mein Wiederse- 125
  • 126. hen mit ihr sogar ein wenig schlimmer gewesen, als ich erwartet hatte, aber ich konnte mich davon nicht abbringen lassen. Ich hatte vor 30 Jahren eine Entscheidung getrof- fen und ich musste sie wieder treffen. Für das kom- plette Modell der menschlichen Psyche fehlten mir vielleicht noch zwei oder drei Variable und ich wollte nicht, dass mir dieses Modell unter den Fingern weg glitt. Dafür war es zu wichtig. Und die Welt brauchte Veränderungen. Aber ich wollte auch Caro auf keinen Fall alleine lassen. Bis ihre Zeichnung fertig war, wollte ich nicht mehr gehen. Und vielleicht konnte ich dadurch auch Georg, Hannah und Caro helfen, selbst kleine Verän- derungen in die Welt zu setzen. Veränderungen, die nur sie bewirken konnten, weil sie die Jungen waren. So hatte ich meine Entscheidung für die Zukunft ge- troffen. Die nächsten drei Tage bis Schulbeginn soll- ten jedoch ganz Hannah, Georg und vor allem Caro gehören. 126
  • 127. Wasserkristalle und Bio Äpfel Die Sonne schien hell durch Caros Wohnzimmerfens- ter, als wir am nächsten Morgen zu Viert auf der gro- ßen Ledercouch saßen, um den Tag zu planen. Unsere Stimmung machte es der Sonne gleich, die gestrige Anspannung war verflogen. Georg wirkte wieder zufrieden und freute sich auf den Tag. Er wollte bereits heute beginnen, manche kleine Veränderungen in die Tat umzusetzen. Er er- zählte Caro und Hannah von seinem Plan und die Drei erinnerten sich an die Beispiele, welche sie sich bei Makoto überlegt hatten. Sie wollten heute vor allem ausprobieren, zu allen Menschen, die sie während des Tages trafen, freundlich zu sein und öfter zu lächeln. Und es sollte sich auch gleich eine perfekte Gelegen- heit ergeben, denn Caro hatte festgestellt, dass der Kühlschrank beinahe leer war und wir alle gemein- sam in den Supermarkt einkaufen gehen müssten. Am Nachmittag wollten wir noch einmal Dr. Quan- tum besuchen, um herauszufinden, was er meinte, als er uns beim Abschied: „Aber dein Gehirn ist offen- sichtlich nicht ganz alleine!“, nachgerufen hatte. Caro glaubte, dass dieser Besuch für ihre Zeichnung wich- tig sein könnte, und Hannah und Georg waren sehr neugierig auf den ein wenig „verrückten“ Professor, wie ihn Caro von Zeit zu Zeit nannte. Somit war un- ser Tag geplant und wir waren voller Tatendrang. Wir stellten die Einkaufsliste zusammen, bewaffne- ten uns mit großen Einkaufstaschen und machten uns auf den Weg, zum großen Supermarkt am Rande des 127
  • 128. Ortes. Es war so ein Supermarkt, wie ihn die großen Lebensmittelbetreiber heute überall hinbauten, aber für Caros Ort war er eigentlich viel zu groß geraten. Dennoch standen auf dem überdimensionalen Parkplatz bereits viele Autos und es herrschte reges Treiben. Man merkte, dass sich die Ferien dem Ende zuneigten und der Sommerurlaub für viele Familien schon vorüber war. Wir marschierten in den Supermarkt, nahmen uns einen großen Einkaufswagen und Caro zückte die Einkaufsliste. Zunächst wollten wir in die Obstab- teilung und so rollten wir mit dem Wagen durch die Gänge. Dort angekommen standen wir gleich vor ei- ner spannenden Entscheidung: Bio- oder nicht Bio- Äpfel. Caro und Hannah begannen die Äpfel von allen Sei- ten zu betrachten, um herauszufinden, ob die Bio-Äp- fel nun zufriedener wirkten als die Nicht Bio-Äpfel. Sie diskutierten eifrig darüber, ob nun Äpfel, welche gut behandelt worden waren, auch besser schmeckten als andere. Georg schlug vor, die Äpfel gleich vor Ort zu kosten, aber ich war froh, dass schließlich doch die Vernunft siegte. Ohne zu einem Geschmacksurteil gekommen zu sein, entschieden wir uns für die Bio- Äpfel. Beim Eierregal standen wir vor der gleichen Ent- scheidung. Hannah hatte einmal Urlaub auf einem Bauernhof gemacht und deshalb bestand sie darauf, die teureren Freilandeier zu kaufen. Sie argumentierte damit, dass Tiere ein Gehirn hätten und fühlen konn- ten. Deshalb war für sie die Entscheidung noch viel 128
  • 129. klarer als bei den Äpfeln. Caro wollte das aber nicht gelten lassen. Sie meinte, dass Äpfel, Birnen oder Tomaten mit Sicherheit auch ein wenig fühlen konnten und dafür kein Gehirn not- wendig wäre. So standen wir vor dem Eierregal und diskutierten darüber, ob die Bio-Äpfel, für die wir uns vorhin entschieden hatten, nun fühlen konnten oder nicht. Ich war mir in dieser Frage auch nicht sicher. Ich glaubte zwar nicht wirklich, dass Äpfel fühlen konn- ten, aber mir fielen die Forschungsarbeiten eines Ja- paners ein. Dieser hatte nachzuweisen versucht, dass Wasser die Fähigkeit habe, Gefühle und Informati- onen aufzunehmen und zu speichern. Er versuchte mit dem Wasser zu kommunizieren, es dann zu Kri- stallen zu gefrieren und Fotos davon zu machen. Da- bei stellte er zum Beispiel fest, dass Wasser, dem man wohlklingende Töne vorspielte, schönere Kristalle bildete als umgekehrt. Der Wissenschaftler war ganz begeistert von seinen Ergebnissen gewesen. Viele an- dere Wissenschaftler haben danach versucht die Er- gebnisse zu überprüfen, aber sie kamen nicht immer zu den gleichen Ergebnissen. So richtig wissenschaft- lich untermauert wurden seine Theorien also nie, aber vielleicht gab es dafür ja noch ganz andere Gründe. Ich wusste, dass Dr. Quantum uns mehr darüber er- zählen könnte. Caro, Hannah und Georg gefiel die Geschichte des Wassers und sie entschieden, in Zukunft noch mehr Bio Produkte zu kaufen, auch wenn sie dafür ein paar Cent mehr zahlen müssten. Caro sagte: 129
  • 130. „Egal ob die Äpfel nun fühlen können oder nicht, ich kann fühlen und ich fühle mich auf jeden Fall viel besser, wenn ich weiß, dass es den Äpfeln gut gegan- gen ist und das zählt ja schon sehr viel.“ Georg, Hannah und Caro waren einer Meinung und so rollten wir Vier mit unserem Einkaufswagen wei- ter durch die Gänge. Plötzlich erspähte Georg in der Getränkeabteilung eine ältere, streng aussehende Dame. „Aaaah“, sagte er leise und verzog das Gesicht. „Da ist Prof. Nielsen, schauen wir schnell dass wir weiterkommen.“ Aber Caro fiel sofort ihr gemeinsamer Vorsatz ein, heute alle Menschen freundlich anzulächeln und hin- derte Georg und Hannah an der Flucht. „Was haben wir uns heute vorgenommen? Also dür- fen wir bei Prof. Nielsen keine Ausnahme machen”, sagte Caro und mimte einen Lehrer mit erhobenem Zeigefinger. Georg und Hannah machten kehrt. Sie spazierten lächelnd an Frau Nielsen vorbei und sagten freundlich im Chor: „Hallo Frau Nielsen, einen wunderschönen Tag noch.“ Die Professorin war richtig überrascht und schaute verwundert. Dann sagte sie schnell: „Danke, euch auch“, bevor sie sich wieder dem Ge- tränkeregal zuwandte. Wir rollten weiter durch die Gänge und unser Ein- kaufswagen füllte sich immer mehr. Durch die Laut- sprecherboxen des Supermarkts schallte Kaufhaus- musik und unser voller Einkaufswagen war ein Indiz dafür, dass die Musik ihre Wirkung nicht verfehlte. 130
  • 131. Gerade war ein besonders aufmunterndes Lied zu hören, als Caro ausrief: „Wisst ihr, was ich bei Mako- to vergessen habe!? Na was glaubt ihr?“ Georg, Hannah und ich blickten Caro fragend an. „Hört auf die Musik und dann denkt daran, was wir bei Makoto vergessen haben!“ Da ging uns allen ein Licht auf. Euch wahrscheinlich nicht, denn ich habe euch etwas vorenthalten. Könnt ihr euch noch an die Ge- schichte mit dem Lied am Moskauer Flughafen er- innern? Makoto und ich haben es ja damals in der Cafeteria in Endlosschleife gehört. Bevor Caro, Han- nah, Georg und ich zu Makoto geflogen sind, habe ich mich ja daran erinnert, weil Hannah ein Lied ge- summt hatte. Und daraufhin kam mir eine Idee: Ich wollte nämlich, dass Caro während des Besuches bei Makoto irgendwann das Lied aus der Cafeteria vor sich her summte, bis Makoto es bemerken würde. Ich wollte sehen, ob er sich noch daran erinnerte. Und ich war mir sicher, dass er sehr gelacht hätte. Aber leider hatten wir bei all unseren spannenden Gesprächen mit Makoto darauf vergessen. Hoffent- lich würde sich die Gelegenheit noch einmal ergeben. So ärgerten wir uns kurz über die verpasste Gelegen- heit. Dann rollten wir auch schon in Richtung Kassa, da auf der Einkaufsliste nun schon fast alles abgehakt war. Ein paar Leute wirkten richtig abgehetzt und sie sahen uns Vier immer ein wenig irritiert an, weil wir sie so freundlich anlächelten. Am schlimmsten wurde es jedoch bei der Kassa. Georg begann nämlich fürchterlich zu lachen, als 131
  • 132. er beim letzten Regal über dem Förderband einen Schokoriegel mit dem Namen Get horny entdeckte. Die Kassiererin blickte uns daraufhin etwas seltsam an, aber als Caro dann auch noch den ganzen Einkauf selbst zahlte, während ich nur danebenstand, wun- derte sie sich wirklich. Hannah und Caro bemerkten schnell, dass mir die Szene ein wenig peinlich war und setzten noch etwas darauf, indem sie mir Fragen stellten, wie: „Papa, dürfen wir heute zumindest für 15 Minuten fernsehen?“ Oder: „Papa, kommst du heute Abend einmal früher aus der Bar nach Hause?“ Die ganze Szene war mir furchtbar peinlich, Caro, Hannah und Georg hatten jedoch am Heimweg noch lange ihren Spaß. Jeder von uns hatte eine große Einkaufstüte in der Hand und wir waren froh, zu Viert unterwegs zu sein. Allein hätte Caro den Einkauf wahrscheinlich nicht nach Hause gebracht. Ich wollte noch wissen, wie zu- frieden sie mit dem Versuch gewesen war, alle Men- schen anzulächeln. Caro sagte: „Prof. Nielsen ist ein wenig komisch gewesen, aber das ist ja nichts Neues. Aber sonst wa- ren alle gleich viel freundlicher. Vor allem die Kassie- rerin.“ Bei der Erinnerung an die Szene mit der Kas- siererin mussten Caro, Hannah und Georg lachen, ich hingegen dachte gar nicht gerne daran zurück. Die Drei diskutierten noch eine Weile über Prof. Nielsen und machten sich Gedanken, unter welchen Voraussetzungen der Funke des Lächelns übersprin- gen könne. Ich dachte an die Begegnung mit Prof. Nielsen. Sie hatte richtige Angst gehabt ihre Schüler 132
  • 133. zu treffen. Was für eine komische Beziehung Lehrer und Schüler doch manchmal haben, dachte ich. Wir waren nun bei Caro angekommen und verstauten alle Lebensmittel. Nach einem guten Mittagessen in Caros geräumigen Wohnzimmer machten wir uns zu Dr. Quantum auf. Wir wollten mehr darüber erfah- ren, was er Caro und mir bei unserem letzten Besuch nachgerufen hatte und Hannah und Georg freuten sich darauf, den „verrückten“ Professor nun persön- lich kennen zu lernen. 133
  • 134. Hokuspokus Wir waren bereits in Sichtweite des kleinen Planeten und sahen den Professor freudig winken. Die Haare standen ihm zu Berge und er hatte auch wieder eines seiner Micky Maus T-Shirts an. Es schien als hätte er uns bereits erwartet, denn als wir wenige Sekunden später auf dem Planeten standen, sagte er: „Ich wusste doch, dass ihr kommen würdet, aber womit ich nicht gerechnet habe, war, dass ihr Verstär- kung mitbringen würdet. Wollt ihr mich überfallen, falls ich euch nicht alle Antworten gebe?“, lachte der Doktor und blickte schon neugierig auf Hannah und Georg. Wir machten ihn mit den beiden bekannt und er war begeistert noch mehr interessierte Zuhörer zu haben. „Ich vermute schon, warum ihr hier seid, meine letzten Worte bei eurem Besuch haben euch nicht ganz losgelassen. Habe ich Recht? Gleich bekommt ihr eure Antworten. Aber zuerst noch etwas Anderes. Heute Abend halte ich einen Vortrag in einem Lon- doner Hotel: Quantenphysik für Manager. Ich bin sicher, es wird sehr amüsant werden, wollt ihr mich nicht begleiten?“ Natürlich wollten wir. Caro, Hannah und Georg waren sogar begeistert und freuten sich darauf, nach London zu kommen. Die Pläne für den Abend waren somit geschmiedet und Dr. Quantum bat uns auf seinem kleinen Planeten Platz zu nehmen. Da es keine Sessel oder ähnliches gab, setzten wir uns auf den Boden und machten es 134
  • 135. uns so gut es ging gemütlich. Eigentlich muss der Planet mit uns darauf wirklich ein verrückt ausge- sehen haben: Ein Professor mit einer lustigen Frisur und einem noch lustigeren T-Shirt, ein Tisch und eine Schale mit Äpfeln, Steinen und Zwiebeln und natür- lich wir Vier. Dr. Quantum fing an zu erzählen: „Meine letzten Worte bei eurem Besuch waren: Viel- leicht ist euer Gehirn doch nicht ganz alleine. Damit habe ich ausgedrückt, was wahrscheinlich die größte Frage überhaupt ist. Die Frage nach dem großen My- sterium. Es geht gar nicht so sehr um euer Gehirn, sondern darum, ob es nicht vielleicht noch irgendwel- che andere Dinge in diesem Universum gibt, die wir nicht verstehen können, Dinge die uns beeinflussen und die uns das Gefühl geben, letztendlich doch nicht so alleine zu sein. Und vielen dieser Phänomene ist die Quantenphysik auf der Spur. Ich bin ja Professor der Quantenphysik und hoffe, sie hilft euch beim Finden eurer Antwor- ten. Als erstes erzähle ich euch vom berühmten Dop- pelspaltexperiment der Quantenphysik. Bei diesem Experiment hat man kleinste Teilchen von Materie durch einen Doppelspalt auf eine dahinter liegende Wand geschossen, um zu sehen, welches Muster dort auftaucht. Da man Teilchen auf die Wand schoss, er- wartete man auch Teilchenabdrücke zu sehen. Aber zur großen Überraschung tauchten auf dieser Wand plötzlich Abdrücke wie von einer Welle auf, richtige Interferenzmuster. Die Wissenschaftler frag- ten sich wie es möglich sei, dass Teilchen sich plötz- 135
  • 136. lich wie Wellen benehmen. Deshalb kamen sie auf eine schlaue Idee. Sie wollte die Teilchen nun beobachten und genau sehen, ob sie sich veränderten, wenn sie durch die Spalten durch- gingen. Also beobachteten sie einen Spalt und siehe da, sie wurden noch überraschter: Denn sobald die Wissenschaftler auch nur einen Spalt beobachteten, wurde auf der Wand plötzlich wieder ein ganz norma- les zweigeteiltes Muster, wie es von Teilchen kom- men müsste, sichtbar. Die Wissenschaftler waren sehr überrascht und ka- men mit ganz genauen Messgeräten. Aber alles nütz- te nichts. Sie beobachteten mit den Geräten beide Spalte, aber es schien, als würden die Teilchen das merken und sich deshalb nicht als Teilchen verhalten. Komisch, komisch, oder!?“ Caro, Hannah und Georg hatten aufmerksam zuge- hört. Es war ihnen nicht alles klar und so wollten sie von Dr. Quantum noch mehr erfahren. Der erklärte: „Meiner Meinung nach ist es aber jetzt gar nicht so wichtig, das Experiment ganz genau zu verstehen, viel wichtiger ist es, es zu deuten. Die Frage ist: Wie machen das nun die Teilchen? Im Großen und Gan- zen gibt es zwei Erklärungen. Die eine ist, dass die Partikel in einer Parallelwelt verschwinden und dann wieder zurückkommen. Die andere Deutung ist, dass erst durch die Beobachtung das Ergebnis des Ver- suchs verändert wird. Also dass wir, wenn wir etwas beobachten, etwas verändern, einen Einfluss haben. Ja sogar, dass erst durch die Beobachtung etwas real wird.“ 136
  • 137. Jetzt waren Caro, Hannah und Georg noch verwirr- ter. Sie wollten wissen, was das nun mit Dr. Quan- tums letztem Satz, dass sie nicht ganz alleine waren, zu tun hatte. Dr. Quantum antwortete: „Das Problem ist, dass wir den Beobachter, von dem ich gesprochen habe, nicht finden können. Wir wissen nicht wer er ist, aber wir wissen, dass er da ist. Er muss da sein. Aber wo ist er? Und die Quanten- physik sagt nun, dass es möglich sei, dass dieser Be- obachter zumindest auch in allen Menschen zur glei- chen Zeit sein könnte. Das würde dann heißen, dass alles auf der Welt miteinander verbunden, irgendwie verschränkt sei. Viele Phänomene der Quantenphysik zeigen das. Es gibt zum Beispiel Partikel, die sich ge- genseitig beeinflussen, obwohl sie in großen Räumen weit voneinander getrennt sind. Es könnte also sein, dass ich eine Zwiebel aus meiner Schale nehme, diese teile und weit auseinander werfe und die Teile trotz- dem noch immer eine Wirkung aufeinander haben.“ Jetzt waren wirklich alle verwirrt, und ich muss sa- gen, obwohl ich in der Vergangenheit schon oft mit Dr. Quantum über diese Dinge gesprochen hatte und die Grundideen verstand, so war es für mich immer wieder von Neuem kaum vorstellbar. Georg rückte sich seine Brille zurecht und sagte kritisch: „Aber in der Schule habe ich das nie gelernt. Ich kann mir das alles nur schwer vorstellen. Ist das nicht irgendein Hokuspokus?“ Dr. Quantum lächelte: „Ja, das mit dem Hokuspo- kus ist ein guter Punkt. Aber sind alle Wissenschaften vielleicht letztendlich ein Hokuspokus? Es kommt 137
  • 138. wohl darauf an, von welchen grundlegenden Geset- zen man ausgeht. Wenn etwas innerhalb bestimmter Gesetze beweisbar ist, so sagen wir, dass es kein Ho- kuspokus ist. Wir kennen bis jetzt eben bestimmte Gesetze, die für uns klar und beweisbar sind. Zum Beispiel die Schwerkraft: Wir sitzen auf dem Planeten und fliegen nicht weg. Für uns ist klar, dass das kein Hokuspokus sein könne. Aber offensichtlich gibt es Phänomene, die wir innerhalb unserer Gesetze nicht erklären können. Wir können diese Phänomene nicht beweisen, aber bedeutet das, dass sie deshalb nicht da sind? Wohl eher nicht. Wahrscheinlich können wir sie mit unserem bishe- rigen Weltbild nur einfach nicht verstehen. Wir sind wie der Fisch, der sich Gedanken über das Wasser macht, das ihn umgibt. Der Fisch ist ein Teil davon und deshalb kann er das Wasser nie ganz überblicken. Außer natürlich, es ist ein fliegender Fisch.“ Wir lächelten und grübelten über den Fisch im Was- ser. Während wir nachdachten, ging Dr. Quantum über den Planeten zu seiner großen Schale und nahm eine Zwiebel heraus. Er kam zu uns zurück, hielt uns die Zwiebel triumphierend vor die Nase und sagte: „Jetzt kann ich endlich mein Zwiebelbeispiel er- klären. Manche Wissenschaftler versuchen die Welt zu verstehen, in dem sie immer alles in kleine Teile zerlegen und dann in noch kleinere. Diese Methode hat oft sehr gut funktioniert. Aber um das Ganze zu verstehen funktioniert sie offenbar nicht. Es ist eben wie mit dieser Zwiebel. Man kann sie zerlegen und alle Teile zu beschreiben versuchen. 138
  • 139. Wenn man nicht klug daraus wird, kann man sie noch weiter zerlegen und hoffen sie irgendwann ganz zu verstehen. Aber jetzt verrate ich euch das Geheimnis: Je mehr die Zwiebel zerlegt wird, desto mehr brennt sie in den Augen der Wissenschaftler und macht ihre Sicht immer verschwommener. Es funktioniert einfach nicht, das sage ich euch. Ich habe mich 40 Jahre mit diesen Dingen beschäftigt und glaubt mir, ich bin ein guter Wissenschaftler. Al- les können wir derzeit nicht erklären und ich entdecke immer mehr, dass das Mysterium wesentlich größer ist, als ich immer geglaubt habe. Und Vieles wird im- mer unglaublicher.“ Wir standen eine Weile da und grübelten. Dann meinte Caro: „Weißt du Dr. Quantum, Vieles was du sagst, kann ich mit meinem Verstand alleine nicht wirklich verstehen. Aber trotzdem sind mir viele Din- ge klar, es ist fast so, als würde ich manche Dinge fühlen, zum Beispiel, dass Vieles auf der Welt zusam- menhängt.“ „Ja, so ist das“, freute sich Dr. Quantum, „Wir neh- men ja auch noch viel mehr wahr, als wir eigentlich begreifen können. Und was wir fühlen ist ja wohl kein Hokuspokus, oder?“ „Die Wissenschaft hat ja auch Gott jahrelang im- mer kleiner und kleiner gemacht, einfach dadurch, dass immer mehr Dinge entschlüsselt worden sind, sodass bald nicht mehr viel übrig war, was wir nicht verstehen konnten. Aber offensichtlich ist es nicht so einfach und viele meiner Freunde, die sehr tief in di- ese Materien eingetaucht sind, sind Gott wieder viel 139
  • 140. näher gekommen. Für sie ist Gott wieder größer und größer geworden. Böse Zungen behaupteten dann: Naja, diese Wis- senschaftler sind jetzt alt geworden. Sie haben Angst vor dem Tod, sind deshalb spirituell geworden. Aber ich sage euch, ich habe und hatte nie Angst vor dem Tod. Denn wie sollte ich auch, ich habe ja immer wirklich gelebt.“ Dr. Quantum biss herzhaft in einen Apfel, grinste über beide Ohren und zeigte seine Zähne, wie man es in Werbespots für Zahncremen häufig sehen konnte. Wir mussten lachen, dann hatte Hannah aber noch eine Frage: „Aber wenn es Gott wirklich gibt, warum passieren dann so viele schreckliche Dinge auf dieser Welt?“ Dr. Quantum entgegnete: „Vielleicht ist Gott ja auch nicht der mit dem Rauschebart, sondern jemand oder etwas ganz anderes. Ich habe natürlich auch keine garantierten Antworten auf diese Frage. Ich kann dir verraten, wie ich das sehe, aber ich kann dir nie sagen, wie du es sehen sollst. Interessiert?“ Wir nickten. „Ich glaube am ehesten, dass sich Gott aufteilt auf alles, was es gibt. Das heißt, jeder von uns ist ein wenig oder sehr viel Gott. Das ist meine Sichtweise. Aber ich bin sehr demütig in diesen Fragen, weil es da eben noch sehr viele Dinge und Dimensionen der Welt gibt, die ich nicht verstehen kann, die aber auch ein wenig oder sehr viel Gott sind.“ Dr. Quantum kam nicht dazu seinen Apfel weiter zu essen, denn Caro wollte wissen: „Und was ist mit dem Sinn des Lebens?“ „Für mich ist der Sinn der Tanz im Mysterium: 140
  • 141. Einfach zu leben, trotz der Tatsache, dass wir eben doch nicht alles beeinflussen können und erkennen, dass das Leben voller Überraschungen ist. Für mich besteht das Leben aus vielen kleinen und manchmal verrückten Dingen, die Freude machen.“ Das gefiel Caro, Hannah und Georg. Dann wollte Dr. Quantum aber auch etwas wissen: „Sagt mir einmal, was sind eure verrückten Gedan- ken? Was wollt ihr unbedingt einmal erleben?“ Georg meinte, dass er unbedingt einmal über ei- nen öffentlichen See surfen wolle, am besten in einer großen Stadt und Caro und Hannah sagten, dass sie einmal gemeinsam auf einer großen Bühne Theater spielen wollten. Dr. Quantum gefielen die Ideen und er sagte, dass er sich sicher sei, dass sie diese Dinge eines Tages machen würden. Das wäre dann ein kleiner Schritt zu einem verrückten erfüllten Leben. Caro, Hannah und Georg kicherten, doch Caro grü- belte offensichtlich noch über etwas anderes, denn sie knabberte auf ihrer Unterlippe. „Es geht um meine Zeichnung, Dr. Quantum. Wenn ich mir jetzt so alles überlege, was du gesagt hast, dann gibt es zwar viele Dinge, die nur schwer zu ver- stehen sind, aber dennoch sollte mich das nicht daran hindern, dem Leben meinen Stempel aufzudrücken. Jonathan hat mir ja den Architekten und seine Freunde erklärt. Jeder ist der Architekt seines eige- nen Lebens, aber dennoch beeinflussen einen die an- deren Menschen bei ihren Plänen und den Dingen die letztendlich geschehen. Und alle diese Verbindungen 141
  • 142. und Ergebnisse ergeben dann das große Bild, das wir sehen. Wie findest du das?“ Dr. Quantum kratzte sich auf dem Kopf, aber es sah aus, als gefiele ihm, was Caro gesagt hatte. Dann fragte er: „Wie weit bist du denn mit deiner Zeich- nung?“ „Ich bin schon weit, aber ganz fassen kann ich sie noch nicht. Leider. Und in drei Tagen fängt die Schu- le auch schon wieder an.“ Caro blickte Dr. Quantum nun ein wenig niederge- schlagen an. Der Professor sagte jedoch voller Leich- tigkeit: „Mach dir keine Sorgen, …, du wirst sehen, sie wird sich fügen. Stell dir dich vor, wie du vor deiner Zeich- nung sitzt, sie anblickst und lächelst, weil du fertig bist, weil du alles darin siehst, was du sehen wolltest. Du wirst sehen, dann wird sie von selber kommen, dann wird sich alles fügen.“ Der Professor, der seinen Apfel noch immer nicht ganz fertig gegessen hatte, blickte nun auf seine Uhr und rief aus: „Jetzt ist es schon verdammt spät geworden! Mein Vortrag beginnt in zwei Stunden. Los, los, wir müs- sen nach London und davor müssen wir noch nach New York!“ „Nach New York!?“, riefen Caro, Hannah und Ge- org ungläubig aus. „Ja, nach New York. Dort ist schon vor Stunden ein wunderschöner Sommertag angebrochen, wie gebo- ren, um eure Träume Wirklichkeit werden zu lassen“, rief Dr. Quantum voller Begeisterung aus und endlich schaffte er es, auch das letzte Stück des Apfels in sei- nen Mund zu schieben. 142
  • 143. Der Fallschirmsprung Sekunden später standen wir im Central Park. Wir blickten über einen großen See, hinter dem sich die Skyline von New York im Hintergrund aufbaute. Hinter uns tummelten sich Jogger, die ihre Runden um den See liefen. „Du wolltest hier surfen. Jetzt ist es soweit!“, rief Dr. Quantum und lachte. „Der See wird dich sicher nicht aufhalten und mich auch nicht, der Wind ist perfekt.“ Dr. Quantum hatte bereits ein Bermuda Short an und zwei Surfbretter unter dem Arm. Eines davon drückte er Georg in die Hand. Schnell montierten Ge- org und der Professor die Segel auf ihre Bretter und schon rauschten die beiden begeistert los. „Das Leben ist wie ein See auf dem man surfen muss!“, hörten wir Dr. Quantum rufen, als die zwei auf ihren Brettern über den See flogen. Unglaublich, dachte ich mir, Dr. Quantum war wirklich für jeden Spaß zu haben. Hannah und Caro applaudierten begeistert und feuerten Georg vom Ufer aus an. Nach ein paar Längen kamen die beiden freudestrahlend zurück. Ganz außer Atem lachte Dr. Quantum: „Ich liebe es, mich so auf meine Vorträge vorzubereiten. Und jetzt zu euch Hannah und Caro: Ihr wolltet Theater spie- len, also auf zu den richtigen Brettern des Lebens.“ Wenige Augenblicke später standen wir in einem Theater am Broadway. Dort bereiteten sich gerade die 143
  • 144. Schauspieler einer Theatergruppe auf die Vorführung ihres Stücks vor. Die Theaterleitung und jede Menge Kritiker saßen im Publikum des Theaters. Sie würden in Kürze darüber entschieden, ob dieses Stück in das Theaterprogramm für die nächsten Monaten aufge- nommen werden würde oder nicht. Dr. Quantum stürmte auf die Regisseurin zu und unterbreitete ihr sein Anliegen. Caro und Hannah waren ganz bleich geworden und Caro flüsterte mir aufgeregt zu: „Oh mein Gott, Jonathan, ich kann das nicht. Was will denn Dr. Quantum nun?“ Wenige Augenblicke später kamen die Regisseurin und der Professor auf uns zu. Die Regisseurin sagte: “Theater ist Leidenschaft, deshalb liebe ich es so sehr. Fünf Minuten vor Beginn des Stückes ist euer Auf- tritt. Dann gehört die Bühne euch.“ Caro und Hannah waren nun endgültig kreidebleich. Nervös gingen die beiden hinter der Bühne auf und ab. Sie hatten in der Theaterklasse schon einige Stü- cke gespielt, aber diesmal hatten sie ja nicht einmal irgendeine Ahnung, was sie spielen sollten. Ich tat mein Bestes den beiden gut zuzureden, da kam Dr. Quantum auch schon mit einem breiten Lä- cheln und sagte: „Ihr könnt das. Vergesst alles um euch herum, seid nur im Moment und macht das, was ihr gerne tut. Gleich geht es los!“ Caro und Hannah hatten gar nicht viel Zeit zu überlegen, denn die Glocke, welche den Beginn des Stückes ankündigte, ertönte bereits. Die Regisseurin, Dr. Quantum, Georg, sämtliche Schauspieler und ich 144
  • 145. stürmten schnell nach vorne auf die Zuschauerplätze. Keiner wollte den Auftritt verpassen. Der Vorhang ging auf und Caro und Hannah er- schienen auf der Bühne. Das Publikum applaudierte heftig, die Schauspieler pfiffen vor Begeisterung und trampelten mit ihren Füßen auf dem Boden. Bei all dem Applaus und Jubel sah ich, wie schnell Hannah und Caro ihre ganze Nervosität abschüttelten. Die Musik setzte ein und schon legte Caro los: „O Romeo, Romeo – warum bist du Romeo?“ Hannah intonierte Romeo, die beiden spielten für wenige Minuten einen Ausschnitt aus Romeo & Ju- lia. Die Schauspieler, die Theaterleitung und die Kri- tiker applaudieren heftig, als Caro und Hannah fertig waren. Sie standen auf der Bühne, verneigten sich und strahlten über das ganze Gesicht. Der Vorhang schloss sich wieder und wir stürmten mit der Regis- seurin und den Schauspielern hinter die Bühne. Die Schauspieler mussten sofort in die Maske, aber die Regisseurin kam noch schnell zu Hannah und Caro und sagte lächelnd: „Ihr ward fantastisch, danke und wer weiß, der Zu- fall hat euch hier her gebracht und vielleicht will es der Zufall ja auch, dass wir gerade euretwegen die Zusage für unser Stück bekommen. Ein kleiner Funke Verrücktheit hat sicher nicht geschadet.“ Hannah und Caro waren ganz aufgeregt und redeten wild durcheinander. So aufgeregt und aus dem Häus- chen hatte ich Caro noch nie gesehen, ich merkte, wie sehr ich mich innerlich darüber freute. „Da sieht man wieder, was man mit Begeisterung 145
  • 146. und Leidenschaft alles erreichen kann, aber jetzt schnell los“, rief Dr. Quantum aus und klatschte in die Hände. „Europa ruft schon ganz laut nach uns!“ Es waren nur mehr wenige Minuten bis zu Dr. Quan- tums Vortrag, deshalb liefen wir Fünf wie verrückt durch die Eingangshalle eines großen modernen Lon- doner Hotels in der Nähe des Finanzzentrums. „Dr. Quantum, welch` Freude sie hier zu haben. Hier haben wir ihren Anzug vorbereitet“, säuselte eine junge Dame, die den Professor in der Eingangs- halle erwartete. „Die Veranstaltung hat bereits begon- nen, wir müssen schnell den Lift nehmen.“ So drängten wir uns alle in den Fahrstuhl. Während wir Richtung Dach fuhren, zog Dr. Quantum schnell den Anzug über sein T-Shirt. Die junge Dame lächel- te etwas angespannt, sie konnte ihre Verwunderung über Dr. Quantums personellen Anhang nicht ganz verbergen. Wir waren im 40. Stock der Dachterrasse des Hotels angekommen. Die Türe öffnete sich und wir blickten auf viele Männer, die in schicken Anzügen an Sekt- flöten nippten und sich angeregt unterhielten. Dr. Quantum ging selbstbewusst quer über die Ter- rasse in Richtung Rednerpult. Hannah, Caro, Georg und ich nahmen schnell auf einem der etwas abge- legenen Tische Platz, um nicht zu sehr aufzufallen. Mit den vielen Anzügen konnten wir optisch nicht mithalten. Dr. Quantum bestieg das Rednerpult und begann mit seinem Vortrag Quantenphysik für Ma- nager. Er wirkte sehr enthusiastisch, unterstrich sei- 146
  • 147. ne Worte mit wilder Gestik und berichtete über den Doppelspaltversuch und den Beobachtereffekt. Die Herren in den Anzügen hörten gespannt und mit ernsten Mienen zu. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen und hatte das Gefühl, dass sie den Professor unterhaltsam, aber doch ein wenig schräg fanden. Der Vortrag neigte sich seinem Ende zu und Dr. Quantum gestikulierte immer wilder. Er redete über den Kosmos und Möglichkeiten, die Schwer- kraft zu überwinden. Plötzlich riss der Doktor seinen Anzug auf, sodass alle das Gesicht von Micky Maus auf seinem T-Shirt sehen konnten. Er lief an den Rand der Dachterrasse und sprang mit einem lauten Schrei vom 40. Stock des Hotels in die Häuserschlucht. Alle Menschen auf der Dachterrasse erstarrten für ei- nen Moment. Auch mir saß der Schock in den Glie- dern, dann liefen wir alle an den Rand der Terrasse. Da leuchtete plötzlich am Dach des Nebenhauses ein überdimensionaler Screen auf. In bunter Schrift war darauf zu lesen: „Reingefallen!“ Popmusik erklang und es regnete Konfettis. Wir blickten über die Dachbalustrade in die Tiefe und sa- hen einen Fallschirm, der langsam zu Boden segelte. Daran hing Dr. Quantum und grinste vergnügt. „Typisch Dr. Quantum“, brachte ich kopfschüttelnd heraus. Die Herren in den Anzügen lachten begeistert auf und von einem Moment auf den anderen wurde es ganz laut auf der Terrasse. Schnell füllten sich die Sektflöten neu und die Herren begannen sich wieder angeregt zu unterhalten. 147
  • 148. Wenige Minuten später tauchte Dr. Quantum auf der Terrasse auf. Er hatte auch diesmal den Lift ge- nommen, wohlgemerkt. Die Herren stürmten auf ihn zu, klopften ihm auf die Schultern und gratulierten zum Vortrag und dem grandiosen Auftritt. Nachdem sich der ganze Rummel ein wenig gelegt hatte, konnte Dr. Quantum zu uns an den Tisch kommen. Wir hatten mittlerweile das hal- be Buffet der Veranstaltung verspeist und waren sehr fröhlich. „Na, wie hat euch mein Auftritt gefallen?“, rief der Professor. „Ich sage euch, das ist Showgeschäft“, lachte er. Mittlerweile hatten wir verstanden, dass der Fallschirm, den Dr. Quantum verwendet hatte, bereits im Anzug, den ihm die junge Dame in der Eingangs- halle überreicht hatte, integriert gewesen war. Wir freuten uns, dass Dr. Quantum wieder bei uns war, lachten und plauderten bei Sekt und Lachs noch bis spät in den Abend hinein. Mittlerweile wirkten viele der Herren in ihren An- zügen schon viel lockerer als noch zu Beginn des Vor- trags. Caro vermutete, dass das mit dem Sekt und dem Auftritt des Professors zu tun hatte und wir stimmten ihr alle zu. Irgendwann sagte Caro: „Hannah, Georg und ich haben einen Wunsch. Wir haben uns überlegt, ob es nicht möglich wäre, morgen Abend ein großes Abendessen zu veranstalten. Mit allen, die wir in die- ser Woche auf unserer Reise getroffen haben. Also mit Madame Ribery, Sofia, Dr. Bionicus, Makoto und natürlich euch beiden. Wir würden auch alles vorbe- 148
  • 149. reiten. Was denkt ihr?“ Dr. Quantum war sofort begeistert von der Idee, ich aber zögerte. „Bitte Jonathan“, bettelte Caro, „dann könnten auch Hannah und Georg noch bevor die Schule anfängt, all deine Freunde kennen lernen und es wäre sicher ein toller Abend.“ Alle Vier blickten mich erwartungsvoll an und ich konnte nur einwilligen. Letztendlich war es ja auch wirklich eine gute Idee. Caro, Hannah und Georg schlugen begeistert ein und freuten sich lautstark. Da sagte Dr. Quantum: „Ich habe einen Vorschlag. Ich kümmere mich darum, dass alle kommen und jeder etwas zu essen mitnimmt. Es soll ein richtiges traditionelles Thanksgiving-Dinner werden. Vom Ter- min zwar ein wenig vorgezogen, denn es ist ja noch nicht Herbst, aber sonst soll es genau so sein. Ein solches Dinner habe ich schon seit meinem Studium nicht mehr erlebt. Und ihr Drei kümmert euch um den Ort und die Dekoration.“ Freudestrahlend blickte Dr. Quantum in die Runde. „Wie sollen wir das mit dem Ort machen?“, fragte Georg nach. „Stellt euch einfach vor wie es sein soll. Vertraut mir, es ist wie damit, was ich Caro über ihre Zeich- nung gesagt habe. Stellt es euch vor, malt es auf und es wird sich fügen.“ Caro, Hannah und Georg waren ein wenig ungläubig, aber schließlich vertrauten sie dem Professor. Der musste mittlerweile immer mehr Hände schütteln, weil immer mehr Herren in Anzü- gen die Veranstaltung verließen. Er hatte wirklich 149
  • 150. einen tollen Auftritt gehabt. Aber für uns war der Abend noch nicht ganz vorbei, denn Hannah, Georg und Caro hatten offensichtlich noch eine kleine Über- raschung für uns. Mittlerweile kannte ich die Drei ja schon recht gut und ich wusste, dass sie immer wenn sie ganz ruhig wurden und mich mit großen Augen ansahen, etwas auf dem Herzen hatten. So kam es auch, dass Georg sagte: „Und wir haben uns noch etwas überlegt. Wir wollen frischen Wind in die Schule bringen. Die ganzen letzten Jahre haben wir uns immer über manche Lehrer und den Unter- richt beschwert. Nicht nur über Frau Nielsen, sondern auch über die ganze Art des Unterrichts an sich. Und während der letzten Tage haben wir viele Din- ge über das Lernen und die Schule gehört und wie man es besser machen kann. Jetzt wollen wir selbst etwas ändern. Die Veränderung muss eben manch- mal von den Jungen kommen. Und deshalb wollen wir morgen Vormittag in die Schule gehen, um dort bis zum Abendessen zu beratschlagen. Und natürlich wollen wir auch, dass ihr beide mitkommt.“ Dr. Quantum und ich waren ganz begeistert von der Idee. Ich wollte mir das auf keinen Fall entgehen las- sen und außerdem hatte ich ja beschlossen mich Caro solange zu widmen, bis sie mit ihrer Zeichnung fertig war. Dr. Quantum jedoch, konnte leider nicht mitkom- men. Er hatte sich für den morgigen Tag schon mit einer Universitätskollegin verabredet. Aber er gab Caro, Hannah und Georg noch etwas mit auf den Weg: „Wenn ihr morgen in die Schule geht, so vergesst 150
  • 151. nicht, was ich euch mit der Zwiebel gezeigt habe. Man muss nicht immer alles ganz klein zerlegen, sonst ver- liert man den Blick für das Ganze. Ich bin mir sicher ihr werdet das gut machen und ich bin schon sehr gespannt, was ihr beim Abendessen erzählen werdet. Euer Plan ist fantastisch und ihr müsst wirklich ver- hindern, dass euch die Lehrer alles Mögliche in eure Köpfe zu pressen versuchen, denn sonst verliert ihr letztendlich eure ganze Kreativität und Begeisterung. Denn die besten Ideen entspringen aus der Freiheit, das sage ich euch.“ Mittlerweile waren nur mehr wenige Herren auf der Hotelterrasse und so verabschiedeten wir uns. Die junge Dame, welche uns heraufgebracht hatte, brach- te uns auch wieder in die Eingangshalle des Hotels hinunter. Sie war jetzt viel weniger angespannt, be- dankte sich bei Dr. Quantum und lächelte bei der Ver- abschiedung freundlich. Vor dem Hotel sagten wir Dr. Quantum Gute Nacht und flogen zurück ins ruhige Südskandinavien. Als wir wieder auf der Wiese vor Caros Haus standen, waren wir noch ganz gefangen von den aufregenden Erlebnissen des vergangenen Tages. Wir plauderten noch eine Weile, dann vereinbarten wir, uns morgen Vormittag vor der Schule wieder zu treffen und ver- streuten uns in alle Winde. Ich ging hinunter zum See und meine Gedanken kreisten zum morgen bevorstehenden Abendessen: Was sollte ich mitnehmen? Zu Thanksgiving war es Tradition, eine kleine Speise mitzubringen, um dem 151
  • 152. Herrn zu danken. Ich beschloss, Preiselbeeren mitzu- nehmen, weil ich wusste, dass wir sie heute Vormittag im Supermarkt gekauft hatten. Der Gedanke an das Abendessen wühlte mich ein wenig auf. Madame Ribery, Makoto, die Doktoren und Sofia an einem Tisch, das hatte es noch nie gege- ben. Und gerade gestern erst, hatte ich mich für meine Theorien entschieden und jetzt sollte ich Sofia bereits wieder sehen. Aber eigentlich hatten Sofia und meine Theorien gar nicht mehr so viel miteinander zu tun. Diesmal war es anders, dachte ich. Obwohl ich gemerkt hatte, dass mir Sofia fehlte, als Caro und ich beim Jardin de niños del arbol gewesen waren, so hatte ich meine Entscheidung getroffen. Ja, diesmal war es anders und ich wollte bereits das ganze Abendessen in diesem Licht sehen. Dann wür- de es bestimmt einfach werden. Ich lehnte mich an meinen Baum und merkte, dass ich richtig angenehm müde war. Kurz bevor mir die Augen zufielen, dachte ich auch noch an Caros Zeich- nung. Bis übermorgen Abend sollte sie fertig sein. Ich wusste nicht wirklich, wonach Caro noch suchte, aber mir war klar, dass nur sie das wissen konnte. Dr. Quantum hatte Recht, wenn er sagte, es würde sich fügen. Aber warum fügten sich meine Theorien nicht auch so einfach? Kurz kam ich ins Grübeln, doch bald schlief ich schon tief und fest. 152
  • 153. Der Club der toten Schüler Am nächsten Tag trafen wir uns gegen Mittag vor der Schule. Da ich ein wenig vor den anderen da war, hatte ich noch Zeit, einen genaueren Blick auf das Schulgebäude zu werfen. Die Eingangstüren waren aus schönem Glas und durch die Fenster im ersten Stock konnte ich verschiedene Poster sehen, die die Wände der Klassenräume schmückten. Die Schule wirkte freundlich. Ich erinnerte mich daran, wie einst meine Schule ausgesehen hatte. Offensichtlich hatte sich alles schon ein wenig ge- bessert, denn zu meiner Zeit, durften wir noch nichts in den Klassenräumen aufhängen. Ich war schon ge- spannt auf das Innere der Schule und freute mich, nach so langer Zeit wieder eine Schule zu betreten. Caro, Hannah und Georg waren nun angekommen und wir mussten feststellen, dass die große Eingangs- türe fest verschlossen war. Es waren ja noch immer Ferien. Zum Glück kannte Georg da schon einen Geheim- weg. Wir sprangen über ein Mäuerchen zuerst in den Hof, gelangten dann über eine kleine Wiese zu einem Stiegenabgang, der Richtung Keller führte. Georg er- klärte mir, dass es von hier die Stiegen hinunter zu den Sporthallen ging und die Tür zumeist offen war, weil der Hausmeister Pausen im Hof machte und die Tür für gewöhnlich nicht verschloss. Wir drückten die Klinke hinunter und tatsächlich - die Tür öffnete sich. Georg hatte Recht gehabt. Bei dem Gedanken daran, dass wir nun doch nicht ganz alleine waren und irgendwo ein Hausmeister lauerte, 153
  • 154. wurde mir ein wenig mulmig. Caro, Hannah und Ge- org störte das aber nicht besonders und so schlichen wir auf leisen Sohlen hinauf in den zweiten Stock. Wir gingen den Flur entlang, bis wir schließlich in Caros Klasse angelangt waren. So sah sie also aus: Eigentlich eine normale Schul- klasse, mit einer Tafel, einem Lehrertisch und Klas- senbänken. An der Wand hingen auf Pinnwänden verschiedene Projektarbeiten, auch die Schulordnung und die Klassenregeln hatten dort ihren Platz. Caro, Hannah und Georg steuerten schnurstracks auf den Lehrertisch zu. Sie setzten sich darauf und blickten in die leere Klasse. „Ein lustiger Anblick“, lächelte Hannah, „so sähe also die Klasse für die Lehrer aus, wenn sie nur die Gehirne der Schüler sehen würden.“ Georg und Caro kicherten. „Die gähnende Langeweile“, ergänzte Georg und Caro nickte. So saßen die Drei am Lehrertisch, ließen ihre Beine baumeln und begannen zu überlegen, wie sie nun die Schule ändern könnten. Ich setzte mich zu ihnen und hörte aufmerksam zu. Caro wollte zuerst Ideen auf einem großen Plakat sammeln. Hannah und Georg waren einverstanden und so nahmen die Drei ein Poster von der Wand, drehten es um, damit sie auf der Rückseite schreiben konnten und legten es in der ersten Reihe auf den Tisch. „Welche Ideen fallen uns nun ein?“, fragte Caro. Innerhalb der nächsten halben Stunde füllte sich das Plakat mit den verschiedensten Gedanken, wie man 154
  • 155. die Schule verbessern könnte. Als wichtigsten Punkt sahen sie, dass sie nicht wirk- lich wussten, warum jedes einzelne Unterrichtsfach wichtig war und wie die Fächer zusammenhingen. So sagte Georg: „Prof. Nielsen kommt jedes Mal einfach in die Klasse und fängt zu unterrichten an. Dabei er- klärt sie nie, wozu wir Mathematik brauchen. Sie sagt nie, wofür etwas gut sei oder was man damit anfan- gen könne. Das muss unbedingt geändert werden.“ Hannah war derselben Meinung. „Das ist wirklich frustrierend. Da lerne ich all die Jahre Biologie, Phy- sik und Chemie, aber weiß nicht wirklich, warum die- se Fächer so wichtig sind. Die einzige Antwort der Lehrer darauf ist meistens: „Es ist wichtig, weil du es dann im Studium brauchen wirst.“ Soll das eine gute Antwort sein?“ Sie schüttelte den Kopf und Caro pflichtete ihr bei: „Außerdem hat jeder seine eigenen Gründe, warum ihn etwas interessiert. Über diese Dinge machen wir uns kaum Gedanken in der Schule. Dafür ist keine Zeit. Dabei ist es so wichtig einen persönlichen Zu- gang zu den Dingen zu haben. Sonst vergisst man sie ohnehin gleich wieder.“ Und so kamen Hannah, Georg und Caro auf eine Idee: Sie wollten ein Klassengedicht schreiben, indem jeder persönlich sagen könne wozu er ein bestimmtes Schulfach benötige. Der erste Entwurf sah so aus: Georg braucht Geographie, damit er weiß, wo er auf der Landkarte Italien suchen muss, damit er im Sommer dorthin fahren kann. 155
  • 156. Hannah findet Englisch gut, damit sie immer die neuesten Fernsehserien aus den USA verstehen kann. Caro mag den Zeichenunterricht, weil sie der Meinung ist, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt. Die Drei bewunderten ihren ersten Entwurf. Dann ka- men sie auf eine weitere Idee. Sie wollten eine gan- ze Geschichte machen, für jedes Unterrichtsfach ein oder zwei Sätze. Und so kreierten sie den kleinen Jan. Den Anfang stellten sie sich folgendermaßen vor: Der kleine Jan lernt in Geschichte über die Entste- hung der Welt und wer seine Urahnen waren. Da der kleine Jan jedoch den Sinn dahinter nicht sehen konnte, wollte er mehr über die Philosophie erfahren. Da er beim Lesen philosophischer Texte jedoch viel sitzen und lesen musste, wollte er einen Ausgleich, um nicht einzurosten. Deshalb nahm er Turnunterricht. Dort brach er sich ein Bein und lernte daraufhin etwas über die Medizin und die Biologie und wie er schneller wie- der gesund werden würde. Eines Tages verliebte er sich schrecklich und wollte unbedingt mehr über die Psychologie erfahren, … Caro, Hannah und Georg wollten unbedingt ihren Deutschlehrer in die Idee einweihen. Vielleicht er- laubte dieser ja, dass sie im Unterricht alle gemein- sam ein solches Gedicht schrieben. „Das könnten wir dann in der Klasse aufhängen“, 156
  • 157. meinte Hannah, „und natürlich wäre es auch möglich, dass jeder sein eigenes, persönliches Gedicht schrei- ben könnte.“ Der zweite große wichtige Punkt, den sie aus ihren vielen Ideen auf dem Poster herausfilterten, war, dass die Lehrer ehrlicher werden mussten. Denn nur dann würden die Schüler erkennen, dass Lehrer auch nur Menschen mit Sorgen und Problemen und nicht per- fekt waren. Dann würden sie die Schüler auch besser verstehen und alle wären viel glücklicher. Das mein- ten zumindest Hannah und Caro. Ich war auch ihrer Meinung. Denn für mich war eine wichtige Erfahrung des Lebens, dass die Pro- bleme nie aufhörten und man in dieser Hinsicht nie wirklich erwachsen wurde. Ich teilte meinen Gedan- ken mit Caro, Hannah und Georg und erzählte ihnen auch von Prof. Nielsen und meinem Eindruck im Su- permarkt: Sie hatte richtige Angst vor ihren Schülern gehabt! Georg war sich bei Prof. Nielsen jedoch nicht so sicher: „Ich weiß nicht. Ich glaube, bei ihr ist Hopfen und Malz verloren. Aber prinzipiell hast du Recht, wenn du sagst, dass die Probleme beim Älterwerden nie aufhören. Und das zu verstehen, wenn man jung ist, ist wichtig. Nicht das ich so intelligent wäre“, scherzte Georg und verdrehte die Augen, „aber ich habe das erst vor wenigen Monaten verstanden. Mei- ne Eltern haben sich letztes Jahr scheiden lassen. Da- raufhin war ich furchtbar böse und habe das nicht ver- standen. Ich war manchmal sehr gemein zu meinem Vater, bis ich ihn eines Abends weinen gesehen habe. 157
  • 158. Das war der Moment, an dem ich verstanden habe, dass er auch nur ein Mensch ist und das Leben wohl nie aufhört schwierig zu sein.“ Georgs Worte machten uns ein wenig nachdenklich. Es war ohnehin so ungewohnt still für ein Klassen- zimmer und weil jetzt gar niemand mehr etwas sagte, wurde es ganz unheimlich. Ein wenig später einigten sich die Drei dann noch auf einen dritten wichtigen Punkt. Sie wollten immer abwechslungsreiche Stunden ha- ben, also weniger Frontalunterricht, dafür mehr Spie- le, Fragen, Spaß und Diskussionen. Der vierte und letzte große Punkt war dann, dass dem Gerücht von den Begabungen ein für alle Mal ein Ende geschaffen werden müsste. Die Lehrer soll- ten die Worte Talent und Begabung aus ihrem Wort- schatz streichen. Dr. Quantum hatte das ja auch ge- sagt und außerdem hatte es in Caros Klasse schon ein Beispiel gegeben: Eine Schülerin, der man immer gesagt hatte, dass sie für Sprachen einfach unbegabt sei. Im Sommerurlaub lernte sie dann einen Franzo- sen kennen, die beiden verliebten sich ineinander. Im nächsten Schuljahr war sie dann plötzlich Klassen- beste in Französisch. Bei diesem Thema wurden Caro, Hannah und Ge- org richtig wütend, weil sie auch selbst genügend Beispiele erlebt hatten, bei denen ihnen irgendjemand gesagt hatte, dass sie etwas nicht könnten und deshalb total den Mut verloren hatten. Zu den vier großen wichtigen Punkten gesellten sich dann einige andere und schließlich entstand eine 158
  • 159. lange Liste, wie die Schule sich verändern müsse. Als die Drei fertig waren, blickten sie richtig stolz auf ihr Werk. „Und was machen wir jetzt mit unserer Liste?“, fragte Georg. Caro hatte schon einen Plan: „Wir kopieren die Liste fünf Mal. Dann bekommen das Unterrichtsministerium, Prof. Nielsen, unsere Direktorin und unsere Deutschlehrerin jeweils eine. Anschließend reden wir mit ihnen darüber. Und die fünfte hängen wir auf die Pinnwand in der Klasse, nur für uns, damit wir nie auf unser Vorhaben vergessen und auch die anderen Schüler Bescheid wissen.“ Hannah freute sich über den guten Einfall mit dem Unterrichtsministerium. „Das Unterrichtsministerium ist die große Veränderung und unsere Schule die klei- ne.“ Wir mussten alle lächeln und an Makotos kleines Bild mit dem Fluss in seinem Büro denken. Schließlich wollte Georg noch, dass sie sich einen Namen gaben. Was war ihr Team schon ohne einen guten Namen!? Wir gingen im Klassenzimmer auf und ab und such- ten nach Inspiration. Nach ein paar leeren Kilometern kam Georg dann die rettende Idee. Er hatte vor wenigen Tagen den Film Der Club der toten Dichter gesehen, und so schlug er den Namen Der Club der toten Schüler vor. Der Vorschlag gefiel uns allen gut. Der Club war getauft. Dann fehlte nur noch ein Schwur. Hannah, Caro und Georg stellten sich im Kreis auf, streckten ihre Arme in die Mitte und schworen bis zum Ende des Schuljahrs ihrem Ziel, die Schule positiv zu ver- 159
  • 160. ändern, treu zu bleiben. Sie beschlossen, sich von nichts abbringen zu lassen, auch nicht von Professor Nielsen. Und zusätzlich zu ihren ganzen gesammel- ten Vorschlägen wollten sie den Beitrag leisten, den sie bereits im Supermarkt ausprobiert hatten, nämlich immer viel zu lächeln und damit die Lehrer zu ermu- tigen. Dann verließen wir das Klassenzimmer. Auf leisen Sohlen schlichen wir hinunter in den Keller und ich dachte schon daran, wie peinlich es wäre, jetzt auf den Schulwart zu treffen. Hoffentlich kamen wir heil aus der Schule. Doch Georg wollte mir diesen Gefal- len nicht machen. Zum Abschluss des Schulbesuchs sollte unbedingt noch etwas Verrücktes geschehen, ganz in der Tradition Dr. Quantums. So fand ich mich wenige Minuten später im großen Turnsaal wieder, wo ich zum Fußballtorwart umfunk- tioniert wurde, während Caro, Hannah und Georg versuchten, mir Tore zu schießen. Ich war natürlich nicht der beste Torwart, aber den Dreien war das egal. Zu meinem Glück bekam Caro letztendlich doch ein wenig Angst vor dem Schulwart und so verließen wir die Schule wenig später wieder so, wie wir gekom- men waren. Mittlerweile war es schon später Nachmittag und höchste Zeit, die letzten Vorbereitungen für das Abendessen zu treffen. Schnell liefen wir zu Caro nach Hause und setzten uns in ihr Zimmer. Hannah dachte an Dr. Quantums 160
  • 161. Worte: „Stellt euch das Thanksgiving-Dinner einfach vor, so, wie es sein soll. Stellt es euch vor, malt es auf und es wird sich fügen.“ Hannah sagte: „Ich habe eine Idee. Dr. Quantum hat gesagt, wir sollen das Abendessen aufzeichnen, ge- nau so, wie wir es uns vorstellen. Was haltet ihr davon Malfarben zu holen?“ Georg und Caro waren einverstanden. Caro hol- te ein großes weißes Tuch und Malfarben, wenige Minuten später saßen Caro, Hannah und Georg um das Tuch herum und überlegten eifrig, wie denn ihr Traumabendessen aussehen sollte. Dann begannen sie zu malen. In der Zwischenzeit schaute ich auf die Fische, die ihre Kreise im Aqua- rium drehten und ich musste an Dr. Quantums Worte mit dem Fisch im Wasser denken: „Wir sind wie der Fisch, der sich Gedanken über das Wasser macht, das ihn umgibt. Der Fisch ist ein Teil davon und deshalb kann er das Wasser nie ganz überblicken. Außer na- türlich, er ist ein fliegender Fisch.“ Heute Abend würden wir alle vielleicht noch zu fliegenden Fischen werden, zumindest ein wenig, überlegte ich. Die Sonne ging langsam unter, als Caro strahlend sagte: „Na Jonathan, wie gefällt dir unsere Vorbereitung?“ Ich blickte auf das bunte Tuch und war begeistert. 161
  • 162. Das kosmische Dinner Alles sah genau so aus wie Hannah, Georg und Caro es gemalt hatten. Dr. Bionicus, Sofia, Madame Ribe- ry, Dr. Quantum, Makoto, Hannah, Georg, Caro und ich saßen um den reich gefüllten Tisch herum. Der Truthahn war angerichtet und roch köstlich. Und im Hintergrund hörte man die zwei Engel, die auf ihren Harfen spielten. Dr. Quantum übernahm den Vorsitz und alle Augen richteten sich auf ihn. Er sagte: „Ich freue mich, dass ihr alle gekommen seid. Be- vor ich das Essen offiziell eröffne, möchte ich aber noch denen Ehre zukommen lassen, ohne die es dieses Abendessen nicht gäbe: Caro, Hannah und Georg!“ Die Drei erröteten leicht, sahen aber sehr stolz aus. „Diese drei jungen Menschen haben den festen Wunsch gehabt, dieses Abendessen Realität werden 162
  • 163. zu lassen. Und, so ist es auch gekommen. Alles, was ihr auf dem Tisch seht, haben sie für uns vorbereitet. Ich bin glücklich sie kennen gelernt zu haben. Ich möchte aber auch Jonathan danken. Denn er hat die drei jungen Menschen zu uns geführt. Und nun zu unserer Thanksgiving Tradition: Ich weiß, es ist nicht November, aber ich frage euch: Sollte Thanksgiving nicht jeden Tag im Jahr sein?“ Alle nickten eifrig. „Lasst uns nun reihum gehen und sagen, was wir mitgebracht haben und wofür wir danken wollen. Und dann soll das Buffet auch schon eröffnet sein und einem unvergesslichen Abend nichts mehr im Wege stehen.“ Wir applaudierten und Dr. Bi- onicus eröffnete die Reihe: „Ich habe eine Leberpastete mitgebracht und ich möchte dafür danken, dass ich jeden Tag von meinem Planeten auf die wunderschöne Erde blicken kann. Auch wenn meine geliebte Frau von mir gegangen ist, so hat sie mir zwei Vögel hinterlassen. Immer wenn ich Yin und Yang sehe, fühle ich mich weniger allein und sehe einen Teil von dem, was ich gehabt habe. Sie spenden mir Trost.“ Madame Ribery setzte fort: „Ich möchte für mei- ne Familie und für die viele Zeit mit ihr danken, be- sonders für meinen Mann Mathieu, ohne den ich nie der Mensch wäre, der ich heute bin und dafür, dass er mich jeden Tag auf Neue erträgt, …“ Ich musste ein wenig schmunzeln aber Madame Ribery war noch nicht fertig: „Und ich möchte den vielen Menschen danken, die in mein Atelier kommen, um Hoffnung zu schöpfen. Auch wenn ich weiß, dass es schwer 163
  • 164. möglich ist, dass jeder die Tätigkeiten ausübt, die er liebt, so bin ich felsenfest davon überzeugt, dass mei- ne Arbeit zumindest ein bisschen etwas dazu beiträgt. Und das allein erfüllt mich mit Freude. Als Zeichen dafür habe ich eine Figur mitgebracht, die ein junger Mann in meinem Atelier getöpfert hat. Ein Mann, der mit ausgestreckten Armen nach den Sternen greift.“ Wir blickten alle auf die schöne Figur, da war auch schon Sofia an der Reihe: „Ich möchte den Kindern danken, deren Lebendig- keit mich jeden Tag mit Freude erfüllt. Für diese Kin- der zählen die Dinge, die man tut und durch sie weiß ich, dass ich die Dinge gut tue.“ Sofia lächelte und legte eine kleine Blume auf den Tisch. Dann sagte sie noch: „Das schönste Zuhause ist das, welches wir uns sel- ber schaffen.“ Makoto war der Nächste: „Ich möchte den vielen Menschen danken, die mir Mut bei meiner Arbeit ge- ben. Die nicht daran denken, wie viel etwas kostet, sondern stattdessen spüren, wie viel es wert ist. Und ich habe Sushi mitgebracht.“ Jetzt mussten alle lachen. Etwas Passenderes hätte Makoto wohl kaum mitbringen können. Hannah war als Nächste dran: „Ich möchte dafür danken, dass ich viel von meiner Angst verloren habe, als ich mit Georg, Caro, Jonathan und Dr. Quantum auf dem Broadway in New York war. Und ich habe einige Saucen mitgebracht.“ Dann kam Georg an die Reihe. „Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich mich dieses Jahr richtig auf 164
  • 165. die Schule freue, weil ich darauf gespannt bin, was Caro, Hannah und ich verändern können. Und ich habe Chips und Soletti mitgebracht.“ Nun war Caro an der Reihe: „Ich habe Apfelstrudel mitgebracht und ich möchte Jonathan für die ganze letzte Woche danken. Für al- les!“ Da ich neben Caro saß, war ich als Nächster an der Reihe. Soeben noch, hatte ich mir einen weisen Spruch zu Recht gelegt, nach Caros Worten war er mir jedoch entfallen. Ich stand auf und stotterte: „Im Moment weiß ich gar nicht was ich sagen soll. Aber ich denke, dass ich dafür danken sollte, dass ich nach so vielen Jahren mit euch allen, mit denen ich so viel Lebenszeit verbracht habe, an einem Tisch sitze.“ Mit weichen Knien nahm ich Platz und merkte, dass alle Augen auf mich gerichtet waren. Etwas war mit mir passiert. Ich sah noch, wie Sofia die Augen leicht niederschlug, da sagte Dr. Quantum: „Danke, Jonathan. Er hat uns übrigens Preiselbee- ren mitgebracht, ja und ich habe hier einen bunten Schmetterling für euch.“ Auf Dr. Quantums Hand- rücken saß nun ein kleiner bunter Schmetterling, der seine Flügel bereits zum Abflug ausgebreitet hatte. „Ich danke der kosmischen Wahrscheinlichkeit und dem Zufall, denn ob es die Wahrscheinlichkeit oder der Zufall gewesen ist, der uns alle hier hergebracht hat, werden wir wohl nie erfahren. Überhaupt weiß ich eigentlich gar nichts sicher und diesem Umstand möchte ich am meisten danken. Und nun lasst uns endlich essen.“ Alle stürzten sich auf den Truthahn und ein heftiges 165
  • 166. Durcheinander entstand. Saucen wurden quer über den Tisch gereicht und alle begannen miteinander zu reden. Über uns strahlten viele Sterne am kosmischen Himmel und unter uns lag die Erde in seliger Ruhe. Der Schmetterling Dr. Quantums flatterte mittlerwei- le um den Tisch herum und unser Dinner war wahr- lich ein schöner Anblick. Caro, Hannah und Georg erzählten von den Er- lebnissen der Woche, vor allem vom Surfen und vom Bühnenauftritt in New York, so wie dem Fall- schirmauftritt Dr. Quantums. Madame Ribery erzähl- te von ihrem Atelier und Makoto präsentierte die neu- esten Ergebnisse seiner integrierten Moralökonomie. Caro und Hannah unterhielten sich lange mit Dr. Bionicus. Sie schlugen vor, Yin und Yang frei herum- fliegen zu lassen, da sie sich sicher waren, dass die Vögel immer wieder zurückkommen würden. Doch Dr. Bionicus wirkte ein wenig skeptisch und obwohl ich mich freute, dass Caro und Hannah mit ihm über Yin und Yang sprachen, so war ich mir nicht sicher, ob er sich jemals trauen würde. Ich selbst hatte mir ja vorgenommen, selbstbewusst über meine Theorien zu sprechen und auch Sofia mehr darüber zu erzählen, aber es kam nicht dazu. Zu viele andere Gespräche wollten geführt werden und so amüsierten sich alle prächtig. Ich merkte, ein klein wenig stolz darauf zu sein, Caro, Hannah und Georg mit allen bekannt gemacht zu haben. Beson- ders freute ich mich darüber, dass man schon sehen konnte, dass die Erlebnisse der letzten Tage sie ver- ändert hatten. 166
  • 167. Als zum Beispiel Dr. Quantum seine Geschichte von der Zwiebel erzählte, kam er sehr in Fahrt. Er machte sich über die Wissenschaftler lustig, die, um die Rätsel der Erde zu lösen, die Zwiebel in immer kleinere Teile zerschnitten, so dass ihnen ihre Augen immer mehr brannten. Dr. Quantum lachte darüber fürchterlich. Da sagte Sofia: „Aber eigentlich ist das doch auch sehr traurig?“ Dr. Quantum sagte schnell: „Nein, lustig“ und dann fragte er Georg: „Was ist es?“ Georg antwortete: „Je nachdem, wie man es betrachtet, also eine Sichtweise auf die Dinge.“ Da lachten wir alle, weil wir wussten, dass Georg das nur von Dr. Quantum gelernt haben konnte. Als wir schon bei der Nachspeise waren, hörte ich durch all die Gespräche hindurch, Dr. Quantums Stimme: „Wollt ihr die Geschichte Jonathans hören? Sozusagen von seinen Ursprüngen?“ „Ja“, riefen Georg, Hannah und Caro. Ich ahnte schon was nun kommen würde. „Habt ihr euch schon jemals gefragt, warum Jona- than nicht so wie Dr. Bionicus und meine Wenigkeit einen Doktor vor dem Namen hat?“ Ich konnte die Vorfreude in den Augen aller sehen und wusste bereits, dass ich gleich im kosmischen Erdboden versinken würde. „Die Geschichte ist fol- gende: Nachdem wir mit der Uni fertig waren, suchte sich jeder von uns Dreien einen Namen. So auch Jonathan. Er hatte zu dieser Zeit schon sein Modell Der Architekt und seine Freunde fertig gestellt und viele Wissenschaftler und Experten auf der ganzen 167
  • 168. Welt waren begierig darauf, es kennen zu lernen. Auch Makoto war dabei. So wurde Jonathan auf viele Kongresse eingeladen. Zunächst nach Moskau in Russland. Was Jonathan nicht wusste, war, dass es ein medizinischer Kongress war, auf dem die neues- ten Pillen, sogenannte Psychopharmaka, vorgestellt wurden. Jonathan betrat voller Stolz den Raum und ließ das Bild vom Architekten und seinen Freunden als Hintergrund projizieren. Voller Überzeugung ver- kündete er: „Willkommen, ich bin Dr. Psychicum.“ Nun begann Dr. Quantum furchtbar zu lachen und alle anderen stimmten ein. Sich auf einem Kongress für Pillen für psychisch Kranke Dr. Psychicum zu nennen, war wohl nicht die beste Idee gewesen. „Ja, damals beschloss Jonathan, von nun an wieder Jonathan zu heißen“, schloss Dr. Quantum die Ge- schichte. Alle amüsierten sich prächtig und letztend- lich musste auch ich ein wenig schmunzeln. Der Abend nahm seinen Lauf und so setzte ich mich auch zu Makoto. Ich erzählte ihm gerade von den Er- eignissen der letzten Tage, als ich neben mir plötzlich Caro summen hörte. Zu meinem Glück begriff ich schnell, dass sie nun das nachholen wollte, was wir bei Makoto vergessen hatten: Das Lied von U2 zu summen. Ich redete weiter und beobachtete Makoto, wie ihn Caros Summen plötzlich irritierte. Er blickte ange- strengt durch seine Brille, plötzlich rief er: „Jonathan, erinnerst du dich!? Caro summt das Lied vom Mos- kauer Flughafen!“ Ich grinste bis über beide Ohren und Makoto erkannte, das alles geplant gewesen war. 168
  • 169. Im Hintergrund machten sich nun auch Hannah und Georg durch ihr Lachen bemerkbar und wir freuten uns, dass es nun doch noch mit dem Lied und Makoto geklappt hatte. Nach der Nachspeise sorgten Madame Ribery und Dr. Quantum auch noch für einen Konfet- tiregen. Alle lachten und redeten bis spät in die Nacht hinein. Als ich merkte, dass Caro, Hannah und Georg nach all den Erlebnissen doch etwas müde geworden waren, begann ich mit dem Verabschieden. Da so et- was bekanntlich länger dauert, standen wir alle um den Tisch herum. Dr. Bionicus und Dr. Quantum ver- abredeten mit Hannah und Georg, einander sehr bald wieder zu sehen. Sofia wollte unbedingt nach Rabat, um das Atelier Madame Riberys zu besichtigen und Dr. Bionicus wollte ehest möglich nach Tokio kom- men. So wurde eine Reihe von Plänen geschmiedet. Schließlich verabschiedete ich mich auch noch von Sofia. Dann zerstreuten wir uns in alle vier Winde. Diesmal setzen wir Hannah und Georg noch ab, be- vor wir bei Caros Haus ankamen. Ich stand mit ihr auf der Wiese, als sie mich am Ärmel zupfte und sagte: „Sofia hat uns auch noch ihren Glückssatz erklärt. Willst du wissen, was er bedeutet?“ Ich erinnerte mich an Sofias Satz: Das ist es. Das ist alles, was da ist. Also worauf warten wir? Ich hatte eine Vermutung, da legte Caro auch schon los: „Ich habe mir ja gedacht, sie bezieht das auf die Kinder im Jardin de niños del arbol. Als hätte sie dort schon alles gefunden, was sie für ihr Glück bräuchte. Aber sie meinte das ganz anders. Für sie gehört zum 169
  • 170. Leben, dass es nicht immer nur schön ist. Es ist so- wohl süß als auch sauer. Und manchmal tut das Le- ben sehr weh. Aber es ändert nichts daran, dass jeder Moment, den wir erleben, nun einmal der einzige ist, den wir in diesem Moment haben. Und deshalb, will sie je- den Augenblick auskosten und keine Zeit verlieren.“ Caro lächelte mich an und ich dachte an den Satz. Das ist es. Das ist alles, was da ist. Also worauf warten wir? Im Hintergrund begann der Morgen bereits zu grau- en. Wir wollten beide einmal richtig lange ausschla- fen und so beschlossen wir, dass ich erst im Laufe des Nachmittags wieder zu ihr kommen sollte. Caro sah nun wirklich todmüde aber glücklich aus. Als ich dann am See lag und mir beinahe schon die Augen zufielen, musste ich noch an das Abendessen denken. Es war wahrhaft ein fantastischer Abend ge- wesen. Da fiel mir die Verabschiedung von Sofia ein. Ich hatte einfach „Tschüss, viel Glück und wir sehen uns sicher bald“, gesagt. In diesem Moment habe ich ihren traurigen Blick gespürt. Vielleicht hatte sie ge- fühlt, dass ich mich verändert und mich endgültig für meine Theorien entschieden habe. Vielleicht hatte es sie auch verletzt, dass ich ihr einfach so in die Augen sehen konnte, ganz normal, freundschaftlich. Letzt- endlich war das auch gut für Sofia, tröstete ich mich, die Würfel waren gefallen und Sofia wusste, woran sie war. Dann schlief ich ein. 170
  • 171. Unwetter am See Ich erwachte am frühen Nachmittag und merk- te gleich, dass eine Schwüle über dem See lag. Der Himmel war bereits trüb und trotzdem war es furcht- bar warm. Ich hatte schlecht geschlafen und verwor- rene Dinge geträumt. Als ich aufstand und in Richtung Caros Haus ging, fühlte ich mich müde. Vielleicht lag es auch am Wein von gestern Abend, auf jeden Fall war ich sehr er- schöpft. Caro öffnete mir die Tür und im Gegensatz zu mir, sah sie schon sehr munter aus. Ich fragte: „Du wirkst schon so wach, wie das?“ „Ich war schon kurz im Ort“, sagte sie, „mir war so heiß, da hab ich mir von der Strandpromenade ein Eis geholt.“ „Jonathan, lass uns raus auf den See zum Rudern fahren.“ Ich war ein wenig skeptisch, denn es sah nach Un- wetter aus, aber Caro war nicht abzubringen: „Ich hab` so ein Gefühl, ich muss unbedingt raus auf den See.“ Wir stiegen in ein kleines Ruderboot, welches Ca- ros Familie gehörte. Langsam glitten wir hinaus, die Ruder waren das einzige, das die völlig glatte Ober- fläche des Wassers für kurze Zeit aufbrach. Der Him- mel war noch ein wenig dunkler geworden, außerdem war es mittlerweile unerträglich schwül. Ruhig glitt das Boot in Richtung Seemitte. Nach einer Weile sagte Caro: „Lass uns nichts re- den, lass uns jetzt einfach eine Weile hier sitzen.“ 171
  • 172. Ich konnte wenig dagegen sagen. Wir waren weit und breit das einzige Boot, das noch draußen war und ich war sicher, dass heute noch ein Unwetter aufziehen würde. Caro machte keine Anstalten zu reden. Ich hatte das Gefühl, dass sie gerade mitten in der Reise zu sich selbst war. Und so begann auch ich nachzu- denken. Ich ließ die Woche Revue passieren, dachte daran, wie ich Caro kennen gelernt hatte, an unsere Besuche bei Madame Ribery, Sofia, Dr. Quantum, Dr. Bioni- cus, dachte an New York, Tokio, die Bretagne, die Gespräche mit Caro und meine Abende am Seeufer. Ich fragte mich, was das alles zu bedeuten hatte und ich versuchte, mich auch an die vielen Gefühle zu erinnern, die ich in der vergangenen Woche gehabt hatte. Aber aus irgendeinem Grund konnte ich nicht füh- len. Es war wie als läge eine schwere Decke aus Blei auf mir. Ich schaute auf den See, blickte auf Caro und wusste nicht was ich fühlen sollte. Ich fuhr mir durch die Haare und überlegte, wie lange es noch dauern würde, bis das Unwetter aufzieht. Plötzlich sagte Caro hinein in die Stille: „Ich hab Clemens gesehen.“ „Oh, …“, entgegnete ich nur. „Ich hab dir ja erzählt, dass ich heute schon an der Seepromenade war.“ Sie machte eine Pause, dann fuhr sie fort: „Ja und da hab ich ihn gesehen. Er spazierte auf der Prome- nade und zwar nicht allein. Er war mit einem anderen Mädchen und hatte seinen Arm um sie gelegt.“ 172
  • 173. Als ich sie so anblickte, merkte ich, dass ich ein we- nig Angst bekam. Angst, dass Caro verletzt worden war. Nach einigen Sekunden Stille sagte sie: „Und weißt du, es hat gar nicht mehr sehr wehgetan, es war mehr so ein kurzer Stich ins Herz, aber dann war er auch schon vorüber.“ Wieder machte sie eine Pause. „Erinnerst du dich daran, was ich in der Bretagne zu dir gesagt habe? Dass ich das Gefühl habe, dass es bei meiner Zeichnung noch um etwas anderes geht.“ Ich nickte. „Ich glaube, ein neues Tor hat sich in mir geöff- net.“ Nachdenklich blickte ich Caro an. Dann war ich er- leichtert, denn offenbar hatte sie ihm verziehen, sie hatte Clemens losgelassen. Wieder saßen wir eine Weile stumm da. Langsam zog Wind auf und die glatte Oberfläche des Sees be- gann sich plötzlich in ein kleines Wellenmeer zu ver- wandeln. „Du siehst nicht ganz glücklich aus. Was ist los?“, wollte Caro wissen. Ich wusste nicht so recht was ich sagen sollte. War ich glücklich? Und plötzlich sprudelte es aus mir hervor: „Ich hab keine Ahnung Caro. Ich habe wirklich keine Ahnung. Diese ganze Woche war so viel für mich, sie hat mir so viel bedeutet, ich habe das Gefühl seit Jahrzehnten nicht so viel erlebt zu haben. Weißt du, mein ganzes Leben bestand aus meinen Theorien, seit 30 Jahren und dann, in nur einer Woche, erlebe ich so viele Dinge. Und in manchen Momenten erschienen mir 173
  • 174. meine Theorien plötzlich so klein, so unbedeutend. Es war für mich, als hätte es Momente gegeben, in denen ich meinen Körper verlassen hätte und mich und mein Leben wie ein Beobachter von außen habe sehen können. Und das hat mir schrecklich Angst gemacht. Auch meine vielen Freunde wiederzusehen, zu sehen wie sie sich verändert haben, wie sich das ganze Leben um mich verändert hat, das zu sehen hat mich aufge- wühlt. Dr. Bionicus, Dr. Quantum und ich waren einst bes- te Freunde. Und jetzt? Freundschaften verändern sich zwar, trotzdem habe ich das Gefühl, einiges falsch gemacht zu haben. Du, Hannah und Georg, manch- mal denke ich, ihr habt so viel mehr als ich. Natürlich wisst ihr nicht so viel und ihr werdet noch viel Er- fahrung sammeln, aber wofür eigentlich das Ganze? Dafür, dass ihr einmal so wie ich an Theorien arbei- tet? Ich glaube nicht. Ihr seid ja auch anders, du bist anders als ich, Caro. Und ich fühle mich allein Caro, irgendwie fühle ich mich alleine.“ Caro saß mir gegenüber und blickte mich lange an. Was hatte ich gesagt? Ich hatte meine Worte losge- lassen. Ich fühlte mich nun richtig aufgewühlt. Der Wind wurde stärker und die Wellen immer hö- her. Das Boot schaukelte hin und her. Caro sagte: „Ich weiß nicht, was ich dir antworten soll, Jona- than. Ich weiß nicht, was das alles für dich zu bedeu- ten hat. Aber ich weiß, wie ich mich jetzt fühle. Ich weiß, was ich will, ich sehe es für mich so klar. Auch wenn sich mein Leben wieder verändern wird, mo- 174
  • 175. mentan sehe ich alles so klar. Die Woche mit dir war unglaublich. Ich habe so viele Dinge gelernt, ich habe so viele faszinierende Menschen getroffen, ich habe so vieles erlebt, was mich glücklich gemacht hat. Und weißt du, was ich jetzt gerade fühle?“ Caro stellte sich auf die Kante des Bootes und be- gann darauf zu balancieren. Dann sagte sie: „Ich fühle mich so frei. Ich trotze dem Wind und tanze meinen eigenen Tanz im Wet- ter.“ Caro begann hin und her zu schaukeln und mit dem Wind zu pfeifen. Und plötzlich griff sie nach ihrem Amulett, öffnete es, drehte es um und streute den Sand in den Wind. Dann sagte sie: „Willst du mit mir schreien, Jona- than, willst du mit mir das Wetter anschreien?“ Ich verstand, was Caro wollte, aber ich konnte nicht. Ich fühlte mich nicht danach. „Ich kann gerade nicht. Aus irgendeinem Grund geht es nicht“, sagte ich traurig. Caro sah mir tief in die Augen. Dann sagte sie: „Erinnerst du dich daran, als du mir die sieben Fra- gen gestellt hast, bei der Reise zu mir selbst?“ Ich erinnerte mich. „Was war deine Frage, Jonathan, was ist deine Fra- ge?“ Caros Worte hämmerten in meinem Kopf. Was war meine Frage? Mittlerweile fielen schon erste Regentropfen, der Wind pfiff fürchterlich und dunkelgraue Wolken wa- ren über den Hügeln hinter dem See aufgezogen. 175
  • 176. Wir mussten schnell zurück und ich begann zu ru- dern. „Lass dir noch ein wenig Zeit“, rief Caro lachend. „Lass uns auf das Gewitter warten.“ Caro sprang aufgeregt im Boot hin und her. Der erste Donner erschallte und entfernt sah ich Blitze über den Himmel zucken. Ich ruderte schneller. Als wir am Steg anlegten und das Boot fixierten, prasselten dicke Regentropfen auf das Holz und das Gewitter wurde immer lauter. „Schnell! Laufen wir los“, jubelte Caro. Wir liefen so schnell wir konnten über die Wiesen Richtung Haus. Der Donner grollte und der Himmel über uns wurde von Blitzen durchzuckt. Plötzlich hielt Caro inne, packte mich am Ärmel und fragte: „Willst du jetzt schreien?“ Schreien, dachte ich, und plötzlich schrie ich. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib. Caro und ich schrien. Es schüttete, donnerte und blitzte, der Regen lief uns über Gesicht und Körper und wir schrien so laut wir konnten. Plötzlich fühlte ich mich so leben- dig. 176
  • 177. Caros Welt II Erschöpft stellten wir uns auf der Veranda unter. Wir waren zwar völlig durchnässt, aber in diesem Mo- ment war es uns egal. Wir standen da und sahen dem Gewitter zu, das über die Landschaft zog. Als sich das Wetter ein wenig beruhigt hatte, ging Caro hinauf, um sich etwas Trockenes anzuziehen. Sie brachte mir ein Hemd mit, das sie einmal für ein Theaterstück ge- braucht hatte. Ich setzte mich auf den Schaukelstuhl auf der Ve- randa und wippte sachte hin und her. Ich blickte über den See, die Hügel und den Himmel. Das Unwetter war vorüber gezogen, dicke Wolkenfetzen hingen über den Hügeln hinter dem See und dazwischen lug- te schon das Blau der Abenddämmerung hervor. Die Luft roch frisch und kühl und es war, als hätte sich die Natur von einer großen Spannung befreit. Ich hatte gerade geschrien, so laut, dass Fenster hät- ten springen können. Ich fühlte mich befreit. Ausatmen, dachte ich und ließ meinen Atem strö- men. Da schlichen sich wieder Caros Worte in mei- nen Kopf. „Was ist deine Frage, Jonathan?“ Was war meine Frage? Als ich weiterdenken wollte, setzte sich Caro auch schon neben mich. Sie hatte das Hemd und zwei Tas- sen Tee mitgebracht. Da saßen wir nun, Caro und Jonathan. Vor einer Woche waren wir noch unbekannte Farbkleckse im großen Gemälde des Lebens gewesen. Jetzt hatte ich das Gefühl, dass wir gegenseitig unser Leben verän- 177
  • 178. dert hatten. Die Dämmerung brach immer mehr herein, lang- sam konnte ich nur mehr die Silhouette der Hügel ausmachen. Es war eigentümlich still und dennoch war etwas Befreiendes, etwas Gelöstes in dieser Stil- le. Das einzige was zu hören war, war das monotone Tropfen der Dachrinne in eine Lacke direkt vor uns. Ich blickte zu Caro und bemerkte, dass sie die Trop- fen, die in die Lacke fielen, regelrecht mit ihren Au- gen fixierte. Dann schloss sie die Augen. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich plötzlich ein Lächeln ab. Sie sprang auf, drehte sich zu mir und sagte: „Ich hab’s, komm mit“, und schon lief sie die Stiegen in ihr Zim- mer hinauf und ich hatte Mühe nachzukommen. Sie holte ihre Malfarben und ein großes Blatt Papier aus ihrer Kunstschachtel, die unter ihrem Bett stand. Dann legte sie alles in der Mitte des Raumes auf und begann zu malen. Ich setze mich auf einen kleinen Sessel neben das Aquarium und sah zu, wie immer mehr Kreise, Figuren und Farben auf Caros weißem Blatt entstanden. Die Nacht war nun endgültig hereingebrochen, ich schaltete die Stehlampe ein, öffnete das Fenster einen Spalt und atmete die frische Luft ein. Ich blickte auf die Fische im Aquarium, die ruhig ihre Kreise zogen und wurde wieder ein wenig nachdenklich, aber dies- mal auf eine andere Art und Weise. Plötzlich riss mich Caro aus meinem Grübeln. Tri- umphierend und mit einem breiten Lächeln hielt sie mir ihr Werk vors Gesicht: 178
  • 179. Ich blickte auf das Bild, dann auf Caro und ich konnte alles sehen, was auch Caro sah. Es war ein Moment, in dem wir beide fühlten, dass Caros Zeichnung fertig war. Caros Welt lag vor uns, sie hatte ihre Antwort. Und plötzlich drückte sie mir ihre Welt auf die Brust, blickte mich an und sagte: „Ich schenke sie dir.“ 179
  • 180. Epilog Seitdem ist einige Zeit vergangen. Ich habe Caros Geschenk angenommen, denn ich realisierte in die- sem Moment, dass es unsere Zeichnung war. Wir waren an dem selben Punkt angelangt. Ich bin auf- gestanden, habe Caro in die Augen gesehen und bin durch das Fenster aus Caros Welt in meine zurückge- kehrt. Ich brauchte nichts mehr zu sagen, denn sie las in meinem Blick alles was es zu sagen gab. Ich bin zu Sofia in den Jardin de niños del arbol gegangen und habe ihr gesagt, dass ich für immer bei ihr bleiben wolle. Sie hat Ja gesagt. Ich habe meine Theorien nicht abgeschlossen. Ich habe verstanden, warum sie sich nicht fügten, weil ich wohl nie ganz von ihnen überzeugt gewesen war. Ein Teil von mir hat sich immer gegen sie gewehrt und spätestens als mir Caro ihre Welt an die Brust drückte, spürte ich diesen Teil ganz stark in mir le- bendig werden. Und ich erkannte endlich meine Frage: Waren es meine Theorien wert, mich für sie zu op- fern? Und im selben Moment erkannte ich auch die Antwort. Caro geht es sehr gut. Sie hat ihre Welt noch am ers- ten Schultag unzählige Male kopiert und jeder hat eine Version davon bekommen: Dr. Quantum, Sofia, Madame Ribery, Makoto und Dr. Bionicus. Er hat so- gar einen eigenen Flip Chart dafür aufgestellt. Caro und ich machen noch immer aufregende Sa- 180
  • 181. chen gemeinsam. Wir fliegen um die Welt, besuchen unsere Freunde und sitzen auf den Schaukelstühlen auf der Veranda. Natürlich war ich auch bei Hannah und Georg und habe noch mehr Zeit mit ihnen ver- bracht. Georg ist vor allem oft bei Dr. Quantum und sie dis- kutieren über Paralleluniversen. Hannah hat Dr. Bi- onicus ins Herz geschlossen und hat ihn überredet, Yin und Yang freizulassen. Jetzt schwirren sie um den kleinen Planeten und kehren immer wieder zu Dr. Bi- onicus zurück, ganz so, wie es Hannah und Caro pro- phezeit hatten. So sitzen sie häufig zu Viert auf dem kleinen Pla- neten und sehen der Erde zu, die ruhig unter ihnen liegt und ich weiß, dass Dr. Bionicus nun glücklicher ist. Des Weiteren habe ich Caro durch mich sprechen lassen und habe mit Dr. Quantum und Dr. Bionicus eine wöchentliche Austauschrunde gegründet, die wir das kosmische Treffen nennen. Ich fühle, dass sich vieles wieder bildet, was über die Jahre verloren ge- gangen war. Hannah, Georg und Caro haben den Club der toten Schüler richtig belebt und sie sind dabei, ihre Schule zu verändern. Und ich kann sagen: Obwohl mich meine Theorien wohl nie ganz los lassen werden, so habe ich gelernt, dass ich mich nicht selbst opfern muss. Stattdessen habe ich meine Theorien aufgeteilt, jetzt arbeiten viele Studenten daran und die Lösung ist näher als 181
  • 182. jemals zuvor. Besonders stolz bin ich darauf, dass ich ihnen auch meine Geschichte erzählt habe, die gan- ze Geschichte mit all meinen Zweifeln und Sorgen. Ich habe erzählt, was mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin und warum ich meine Theorien nicht abgeschlossen habe. Die Studenten haben mich ver- standen. Und ich habe auch gelernt, dass ich nicht alle Ant- worten finden kann. Obwohl ich versuchen kann, mich noch höher ins Universum zu strecken, so werde ich es wohl nie schaffen, es wirklich zu überblicken. Und es ist für mich nicht mehr sehr schlimm, denn ich verstehe mehr und mehr, dass die großen Antwor- ten im Mysterium sind und der Tanz des Lebens mit Sicherheit ein großer wichtiger Teil des Ganzen ist. Auch wenn ich genug gelernt habe, um zu wissen, dass das Meiste in meinem Kopf ist, so hat mich Caro an etwas Wichtiges erinnert: Nämlich, dass die schönsten Farben dann entsprin- gen, wenn wir diese mit den Menschen um uns teilen. Dann werden sie nicht nur intensiver, sondern ver- wandeln sich manchmal noch in ganz Neue. Und da- bei entstehen Energien, die man mit dem Kopf allein wohl nicht erzeugen kann. Ich denke, seit ich Caro kennen gelernt habe, ist die große Welt im Kleinen wieder ein Stückchen besser geworden. Und wer glaubt, das hätte keinen Einfluss auf das Große, der irrt sicherlich. Ihr habt das zum Glück sicher schon herausgefunden. 182
  • 183. Und wie ihr wisst, ist das Kleine auch immer im Gro- ßen enthalten und umgekehrt. Wie unterschiedlich sich die Dinge oft anfühlen oder aussehen, so ver- schieden sie auch sein mögen, so sind sie dennoch eins, jede Wette! ;-) - THE END - 183
  • 184. Zuletzt FÜR EUCH … Caro hat es also wirklich geschafft ihre Welt zu ma- len. Immer wenn sie sich ein wenig verloren fühlt, blickt sie darauf und ihr wird wieder klar, was für sie die wichtigen Dinge im Leben sind. Ich habe euch schon erzählt, dass auch ich in Caros Zeichnung, in dem Moment als Caro sie mir geschenkt hatte, alles sah was für mich wichtig war. Ich musste mich ein- fach nur an Caros Stelle in die Zeichnung setzen und wenn ich ein paar Dinge und Personen veränderte, dann sah ich auch meine Welt. Dennoch habe ich es zu meiner Routine gemacht, mir einmal im Jahr, nämlich in den Feiertagen nach Weih- nachten, zu überlegen, ob ich nicht eine neue Zeich- nung malen möchte oder ein paar Dinge verändere. So kam es auch, dass ich nach einigen Jahren eine neue Zeichnung gemalt habe. Ihr könnt euch diese auf www.caroswunsch.at ansehen und ich hoffe ihr folgt Caros und meinem Beispiel und versucht euch selbst. Das ist nun mein Wunsch;-) 184
  • 185. 185
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