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PodiumSchule 1.12   |3Vor allem aber müssen Ganztagsschulen mehrsein als Halbtagsschulen, die ihre Kinder morgensunterrich...
4 | PodiumSchule 1.12     Was macht das besondere     Profil und die Identität     einer Ganztagsschule aus?     Interview...
PodiumSchule 1.12   |5richtsbezogenen und einem nicht-unterrichts-bezogenen Teil. Das berührt konkret drei ver-           ...
6 | PodiumSchule 1.12Aber früher hat die Halbtagsschule doch auch      theoretischer Hinsicht völliger Humbug. Das        ...
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Podium Schule 1.12 - Thema: Ganztagsschule als Hoffnungsträger
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Podium Schule 1.12 - Thema: Ganztagsschule als Hoffnungsträger

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Die Ausgabe 1.12 der Schulzeitschrift Podium Schule der Bertelsmann Stiftung befasst sich mit dem Thema "Ganztagsschule als Hoffnungsträger".

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Podium Schule 1.12 - Thema: Ganztagsschule als Hoffnungsträger

  1. 1. PodiumSchule 1.12 Wie viele Schulen machen Ganztagsangebote, wie viele Schüler nutzen diese Angebote, und wie ist es um die Qualität der Angebote bestellt? Ganztagsschule als Hoffnungsträger Der Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland ist in den letzten Jahren gut vorangekommen. In fast allen Bundesländern fehlt es jedoch noch an übergreifenden Konzepten und Qualitätsstandards für Ganztagsangebote. Das Potenzial des Ganztags – wie zum Beispiel eine bessere individuelle Förderung – wird vielerorts noch nicht ausreichend genutzt. Dabei verfügen viele Ganztagsschulen schon über ein ebenso breites wie flexibles Angebot, etablierte Kooperationsstrukturen sowie eine Lernkultur, die darauf ausgerichtet ist, jede Schülerin und jeden Schüler zu fördern. | Christian EbelSeit 2003 unterstützen Bund und Länder Zehn Jahre nach Beginn der Debatte um einen die Grenzen eines Projekts, das ohne klares Ganztag kann drei, vier oder fünf Tage progemeinsam den Ausbau ganztagsschulischer massiven Ausbau der Ganztagsschulen ist es Leitbild und mit nur geringen inhaltlichen Woche umfassen, und die genaue StundenzahlAngebote im Zuge des Investivprogramms an der Zeit, Bilanz zu ziehen: Wie hat sich Vorgaben gestartet ist. ist ebenso variabel wie die Verbindlichkeit der„Zukunft Bildung und Betreuung“. Vier Mil- eines der größten Reformprojekte im deut- Teilnahme am Ganztag.liarden Euro sind es insgesamt, mit denen die schen Bildungswesen entwickelt? Wie viele Vielfältige Ganztagsschullandschaft Während zum Beispiel in der vollgebunde-Bundesregierung die Entwicklung der Ganz- Schulen machen Ganztagsangebote, wie viele So ist laut der Definition der Kultusminister nen Form alle Schülerinnen und Schüler ver-tagsinfrastruktur bisher gefördert hat. Allein Schüler nutzen diese Angebote, und wie ist eine Schule bereits dann eine Ganztagsschule, pflichtet sind, am Ganztagsangebot teilzuneh-die Höhe dieser Summe ist ein Hinweis auf es um die Qualität der Angebote bestellt? wenn sie an drei Tagen der Woche mindestens men, gilt dies in der teilgebundenen Form nurdie großen Hoffnungen, die mit der Ganztags- Die Bertelsmann Stiftung hat das Deutsche sieben Stunden unterrichtet und die Schüler für einen Teil von ihnen. In der offenen Formschule verbunden sind: Sie soll helfen, Familie Jugendinstitut (DJI) beauftragt, das „Reform- an diesen Tagen ein Mittagessen erhalten. entscheiden sich die Schüler schließlich ganzund Beruf besser miteinander vereinbaren zu projekt Ganztagsschule“ auf den empirischen Bis auf die Vorgabe, dass Ganztagsangebote individuell, ob sie den Ganztag nutzen wol-können. Sie soll dazu beitragen, die Lernkul- Prüfstand zu stellen. Die Mitte 2012 erschie- unter Aufsicht und Einbindung der Schullei- len. Eine Verpflichtung hierzu besteht jedochtur und schulische Praxis weiterzuentwickeln nene Studie „Ganztagsschule als Hoffnungs- tung durchgeführt werden müssen und in nicht. Die Studie des Deutschen Jugendinsti-sowie den Erwerb kognitiver und sozialer träger für die Zukunft?“ zeigt einerseits die einem „konzeptionellen Zusammenhang zum tuts geht vor diesem Hintergrund besondersFähigkeiten zu erhöhen. Nicht zuletzt ist beeindruckende Ausbaudynamik der Ganz- Unterricht“ zu stehen haben, gibt es keine der Frage nach, ob Ganztag in der bisherigenmit Ganztagsschule die ganz große Hoffnung tagsschulen in Deutschland (vgl. Infokasten weiteren pädagogischen Zielsetzungen. Form wirklich einen substanziellen Beitragverbunden, dass sie soziale Benachteiligung S. 3 zum Ausbaustand in den 16 Bundeslän- In Folge ergeben sich teils erhebliche zur Chancengerechtigkeit leistet und her-vermeiden hilft. dern). Sie verdeutlicht andererseits aber auch Unterschiede zwischen den Schulen. Der kunftsbedingte Benachteiligungen ausgleichen
  2. 2. 2 | PodiumSchule 1.12kann. Bisherige empirische Befunde zur Leis- überdurchschnittlich viele Angebote, wobeitungsfähigkeit von Ganztagsschulen waren sie auch mit externen Partnern kooperieren.eher enttäuschend. Ein Vergleich der Kompe- Die Schulen bieten überdurchschnittlich ofttenzwerte von Schülern in Ganz- und Halb- Angebote für leistungsstarke und besonderstagsschulen auf der Grundlage von PISA- und begabte Schüler an. Die Lehrkräfte sind aberTIMSS-Daten zeigt zum Beispiel keine besse- grundsätzlich stark auf eine individuelleren Leistungen der Ganztagsschüler. Förderung ausgerichtet. Die Zusammenarbeit im Kollegium ist hoch. Der 45-Minuten-TaktPositive Effekte des Ganztags wurde aufgebrochen. Schulleitungen und Lehr-Die Studie des Deutschen Jugendinstituts kräfte berichten von einer insgesamt freund-zeigt auf, wie das Ganztagspotenzial besser lichen und konzentrierten Lernatmosphäre.genutzt werden kann – und bezieht sich dabei Die Lehrer sind mit der Ganztagsorganisationu. a. auf die Ergebnisse der im vergangenen sehr zufrieden.Jahr erschienenen Studie zur Entwicklung von Cluster 3, „Kooperative Angebotsschule“:Ganztagsschulen (StEG). Der regelmäßige und Die Schulen dieses Clusters zeichnen sichdauerhafte Besuch einer Ganztagsschule hatbei Kindern und Jugendlichen nämlich sehrwohl eine fördernde Wirkung. So verbessertsich zum Beispiel das Sozialverhalten derSchüler. Gleichzeitig steigen ihre Lernmotiva-tion und Freude an der Schule. Der Besucheiner gebundenen Ganztagsschule reduziertschließlich auch deutlich das Risiko, einSchuljahr wiederholen zu müssen. Er hatsogar positive Auswirkungen auf das Famili-enleben: Die Hälfte der in der Ganztagsstudiebefragten Eltern fühlt sich durch die Haus-aufgabenunterstützung an Ganztagsschulenentlastet. Nehmen die Schülerinnen und Schü-ler regelmäßig daran teil und ist die pädagogi-sche Qualität der Angebote ausreichend hoch,… so verbessert sich zum Beispiel das Gute Bedingungen für individuelle Förderung Ausgehend von diesen Mustern hat die StudieSozialverhalten der Schüler. Gleichzeitig steigen des DJI die Schulen auf besondere Merkmale hin untersucht. Es sollte überprüft werden,ihre Lernmotivation und Freude an der Schule. wie die einzelnen Kontext-Faktoren aussehen (z. B. Lage, Schülerschaft, Organisationsform)dann verbessern sich auch die Lernleistungen durch besonders viele Ganztagsangebote und wie sich die Outcome-Faktoren unter-(vgl. StEG-Konsortium 2010). aus. Sie kooperieren stark, und das auch über scheiden (Schulklima, Zufriedenheit etc.). Professionsgrenzen hinweg. Das weitere päda- Hinsichtlich der Kontext-Faktoren zeichnetTypen von Ganztagsschulen gogisch tätige Personal misst der individuellen sich die voll gebundene OrganisationsformIn seiner Studie hat das Deutsche Jugendinsti- Förderung eine hohe Bedeutung bei. Dagegen durch Möglichkeiten aus, die die anderentut nun versucht, mittels einer Clusteranalyse ist die Orientierung der Lehrkräfte auf indivi- Ganztagsformen nicht haben. Sie kann Zeit-unterscheidbare Typen von Ganztagsschulen duelle Förderung eher durchschnittlich aus- strukturen ebenso flexibel gestalten wie diezu identifizieren. Zudem wurden die Merk- geprägt. Der 45-Minuten-Takt wird beibehal- innerschulischen Kooperationen. Dadurch istmale benannt, die sich positiv auf individuelle ten. Die Schulen bieten häufig Angebote für sie auch in der Lage, Ganztagsangebote vielFörderung auswirken und damit das Potenzial Schüler mit Rechenschwächen sowie mit besser konzeptionell mit dem Unterricht ver-haben, zu mehr Chancengerechtigkeit bei- psychosozialen oder motorischen Problemen. knüpfen zu können.zutragen. Bei der Klassifikation hat sich das Sogar geschlechtsspezifische Angebote sind Gebundene Ganztagsschulen haben häufi-DJI an drei unmittelbar ganztagsrelevanten hier häufig zu finden. ger veränderte Zeitstrukturen und zeichnenDimensionen orientiert: Cluster 4, „Angebotsschule“: Schulen in sich durch eine engere Verbindung von An-• der Angebotsgestaltung (Angebote zur dem kleinsten Cluster machen ihren Schülern gebot und Unterricht aus. In voll gebundenen Leistungsförderung, zur sozialen Förderung überdurchschnittlich viele Angebote. Viele Ganztagsschulen finden sich demnach ganz- sowie zur Freizeit und Betreuung), dieser Angebote sind auf leistungsstarke Schü- tagsspezifische Merkmale stärker ausgeprägt• der professionellen Kooperation (unter- als in den anderen Formen. Das ermöglicht richtsbezogener Austausch zwischen den Ausprägung der Merkmale eine bessere individuelle Förderung. Lehrkräften, Zusammenarbeit im Unter- in den Clustern der Sekundarstufe I Im Kern kommt die Studie zu dem Ergeb- richt, schulbezogener Austausch zwischen nis, dass die Wirksamkeit von Ganztagsschule den Lehrkräften) und 33% vor allem von zwei Faktoren abhängt: der Qua-• der Zeitstrukturierung (alternative Unter- herkömmliche Schule lität ihrer Angebote und der Frage, wie regel- richtsrhythmen statt 45-Minuten-Takt). Zeitstrukturierung mäßig der einzelne Schüler daran teilnimmt.Zusätzlich aufgenommen wurde die Frage, in Kooperation Angebotsgestaltungwelchem Umfang Lehrkräfte und das weitere In Qualität investieren individuelle Förderungpädagogische Personal auf die individuelle ler oder andere spezifische Schülergruppen Vor diesem Hintergrund kann das HauptzielFörderung von Kindern und Jugendlichen aus- ausgerichtet. Trotzdem sind weder Lehrkräfte nur in einem bestehen: Wir müssen eingerichtet sind. Im Ergebnis ließen sich für die 25% noch das übrige pädagogische Personal beson- qualitativ hochwertiges Ganztagsangebot Rhythmisierte SchuleSchulen der Sekundarstufe I vier Cluster iden- ders auf eine individuelle Förderung ausge- entwickeln, das alle Kinder und Jugendlichen Zeitstrukturierungtifizieren: richtet. Kooperationen sind im Vergleich nur nutzen können. Der Weg zu einem solchen Kooperation Cluster 1, „Herkömmliche Schule“: In dem unterdurchschnittlich entwickelt. Die Schulen flächendeckenden Ganztagsschulsystem ist Angebotsgestaltungzahlenmäßig größten Cluster (33 Prozent aller individuelle Förderung dieses Clusters bleiben mehrheitlich beim allerdings alles andere als einfach – und auchuntersuchten Ganztagsschulen) sind Schulen 45-Minuten-Takt. Die Schulleitungen sehen finanziell eine Herausforderung. Der Bildungs-vertreten, die in fast allen vier Dimensionen drohendes Schulversagen übermäßig häufig forscher Klaus Klemm hat berechnet, wie 25%nur unterdurchschnittliche Ausprägungen Kooperative Angebotsschule als eine Problemlage ihrer Schule und neh- teuer es den Staat käme, wenn er allen Kin-aufweisen. Der Umfang ihrer Angebote und Zeitstrukturierung men zugleich die räumliche Lernatmosphäre dern Zugang zur gebundenen GanztagsschuleKooperationen ist grundsätzlich gering. Das Kooperation als unterdurchschnittlich freundlich wahr. ermöglicht: Der flächendeckende Betrieb vongilt auch für besondere Unterstützungsan- Angebotsgestaltung Fasst man alle Befunde zusammen, wird gebundenen Ganztagsschulen könnte demnachgebote. Individuelle Förderung wird entspre- individuelle Förderung deutlich, dass die „herkömmliche Schule“ nur Mehrkosten von bis zu zehn Milliarden Eurochend nicht besonders fokussiert und der wenige ganztagsspezifische Merkmale auf- pro Jahr bedeuten.Unterricht geschieht größtenteils im 45-Minu- 16% weist. Dem gegenüber steht die „rhythmisierteten-Takt. Die Teilnahmequoten am Ganztag Angebotsschule Schule“. In ihrem Fall sind die untersuchten Mehr Chancengerechtigkeit durchsind unterdurchschnittlich. Die Schulen dieses Zeitstrukturierung Ganztagsspezifika stark ausgeprägt. Damit GanztagsangeboteClusters weisen unterdurchschnittliche Werte Kooperation entspricht sie fast dem Idealbild einer gelun- Das ist natürlich nur die fiskalische Betrach-bei der Gesamtbewertung des Ganztagsange- Angebotsgestaltung genen Ganztagsgestaltung (vgl. Abb. links). tung. Bezogen auf die jungen Menschen wärebots auf. individuelle Förderung Zwischen beiden Extremen gibt es Formen das eine Investition in Bildung und damit in Cluster 2, „Rhythmisierte Schule“: Bei des Ganztags, in denen entweder die Ange- die Zukunft. Der Ausbau der Ganztagsschulenden Schulen dieses Clusters überwiegt die voll botsseite oder die Kooperationskultur stärker zahlt sich für alle Kinder und Jugendlichen überdurchschnittlich durchschnittlich unterdurchschnittlichgebundene Form. Sie machen ihren Schülern entwickelt ist. aus – unter dem Aspekt der Chancengerech-
  3. 3. PodiumSchule 1.12 |3Vor allem aber müssen Ganztagsschulen mehrsein als Halbtagsschulen, die ihre Kinder morgensunterrichten und nachmittags verwahren.tigkeit aber besonders für die Schüler, die laut von Möglichkeiten für informelles, sozialesaktuellem Bildungsbericht 2012 immer noch und interkulturelles Lernen. Sie stellen Sport-zu den Bildungsverlierern in Deutschland zäh- und Kulturangebote bereit, die Kindern auslen. Dazu gehört fast jedes fünfte Kind. Der bildungsfernen Familien sonst nicht zugäng-Ausbau des Ganztags muss also zuerst in den lich sind. Schule, die so aufgestellt ist, wirdsozialen Brennpunkten der Städte beginnen. zum Lern- und Lebensraum für alle KinderDort ist der Bedarf an passgenauen Unter- und Jugendlichen.stützungsangeboten für benachteiligte Schüleram größten. Zur weiteren Entwicklung gehört, Drei Beispiele aus der Praxisdass sich die derzeit noch unverbindlichen Wie sich solche Ganztagsschulen schon heute ehrenamtlichen Helfer würde der Ganztag hier sind, sich selbst erproben dürfen und die Weltoffenen Ganztagsschulen in verbindliche ge- in der Praxis darstellen und behaupten, das nicht funktionieren (vgl. Beitrag auf S. 10). erkunden können. Entsprechend plädiert Oggibundene wandeln. Schließlich wäre auch ein zeigen die Beispiele in dieser Ausgabe des So unterschiedlich sie auch sind, die drei Enderlein eindrücklich dafür, die Belange derRechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz Podiums Schule: Die Münsteraner Grund- Praxisbeispiele machen deutlich, dass sich an Kinder stärker ins Blickfeld zu rücken unddenkbar (so wie heute schon bei den Kita-Plät- schule Berg Fidel ist zum Beispiel eine inklu- diesen Schulen eine neue Lehr- und Lernkul- ihnen genug Freiraum zu geben. Dann wirdzen). Dieser rechtlich durchsetzbare Anspruch sive Ganztagsschule im sozialen Brennpunkt, tur entwickelt hat. Eine Lehr- und Lernkultur, Schule für alle Beteiligten – auch die Erwach-könnte dazu beitragen, dass der quantitative die sich mit altersgemischten Klassen, indi- die an den Bedarfen und Bedürfnissen der senen – befriedigender und erfolgreicher.und qualitative Ausbau schneller gelingt. vidueller Förderung, einem rhythmisierten Kinder und Jugendlichen ausgerichtet ist, die Schultag und multiprofessionellen Teams es den Lehrkräften und dem weiteren päda-Merkmale gelingender Ganztagsschulen erfolgreich auf die Vielfalt der Kinder einstellt gogisch tätigen Personal ermöglicht, Schüler Kontakt Christian Ebel | christian.ebel@bertelsmann-stiftung.deVor allem aber müssen Ganztagsschulen mehr (vgl. Beitrag auf S. 7). individuell zu fördern und zu unterstützen – Rüdiger Bockhorstsein als Halbtagsschulen, die ihre Kinder mor- Die Berliner Heinz-Brandt-Schule, eine inte- auch und gerade über den Unterricht hinaus. ruediger.bockhorst@bertelsmann-stiftung.degens unterrichten und nachmittags verwahren. grative Sekundarschule im Stadtteil Weißen-Solche Schulen werden von den Eltern nicht see, befindet sich seit dem Schuljahr 2010/11 Das Kind im Mittelpunkt Literaturhinweise:mitgetragen. Der kulturelle Wandel zur Ganz- auf dem Weg zum gebundenen Ganztag (vgl. Die Kinder- und Jugendpsychologin Oggi Bildung in Deutschland 2012. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur kulturellen Bildungtagsschule ließe sich dann politisch auch nur Beitrag auf S. 9). Ihr Beispiel zeigt, wie vor- Enderlein beschäftigt sich schon seit vielen im Lebenslauf. Herausgeber: Autorengruppenoch schwer durchsetzen. „Echte“ Ganztags- aussetzungsreich der Ganztagsbetrieb im Jahren mit der Frage, was es für Jungen und Bildungsberichterstattung, Bielefeld 2012.schulen müssen mehr leisten. Sie zeichnen Hinblick auf Ressourcen, Räumlichkeiten, Mädchen bedeutet, wenn sie nicht nur ihren Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Ganztagsschule alssich u. a. dadurch aus, dass Lernen und Erho- Mittagsversorgung und verlässliche Koopera- Vormittag, sondern auch den Nachmittag in Hoffnungsträger für die Zukunft? Ein Reformprojekt auflungsphasen während des Tages abwechseln, tionsstrukturen innerhalb und außerhalb der der Schule verbringen. Im Interview auf S. 5 dem Prüfstand. Expertise des Deutschen JugendinstitutsSport und Musik verstärkter Teil des Curricu- Schule sein kann. beschreibt die Expertin, wie Ganztagsschule (DJI) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2012.lums sind und Selbstlernphasen schließlich Seit anderthalb Jahren ist auch die Ham- dazu beitragen kann, Kindern verloren gegan- Ganztagsschule: Entwicklung und Wirkungen, herausgegebengenauso zum Schulalltag gehören wie koope- burger Stadtteilschule Poppenbüttel Ganztags- gene Lebensqualität wiederzugeben. Voraus- vom Konsortium der Studie zur Entwicklung vonrative Gruppenarbeitsphasen und gelenkter schule. Sie setzt bei der Ausgestaltung des setzung ist eine Ganztagsschule, die den Ganztagsschulen (StEG) www.ganztagsschulen.org/_Unterricht. Ganztagsschulen, die so aufgestellt Ganztags vor allem auf die Hilfe der Men- Bedürfnissen und Interessen der Kinder Rech- downloads/Ergebnisbroschuere_StEG_2010-11-11.pdfsind, ermöglichen die individuelle Förderung schen und Einrichtungen im Stadtteil: Schule, nung trägt: Kinder und Jugendliche brauchen Klaus Klemm: Was kostet der gebundene Ganztag? Berechnungen zusätzlicher Ausgaben für die Einführungihrer Schüler. Sie stellen sicher, dass das die ihren Kindern von acht bis 16 Uhr pädago- Zeit- und Erfahrungsräume, die ihren altersge- eines flächendeckenden Ganztagsangebots inErlernte geübt, wiederholt und gefestigt wird. gisch sinnvolle Angebote machen will, braucht mäßen Bedürfnissen gerecht werden. Dazu Deutschland im Auftrag der Bertelsmann Stiftung,Darüber hinaus eröffnen sie aber eine Vielzahl Partner. Ohne die vielen professionellen und gehört, dass sie mit Gleichaltrigen zusammen Gütersloh 2012. Ausbau der Ganztagsschulen Anteil der Schüler im Ganztagsschulbetrieb an allen Schülern 2009/2010 bis 2010/2011 Allgemein bildende Schulen in öffentlicher und privater Trägerschaft kommt voran Angaben in Prozent Immer mehr Schulen in Deutschland stellen auf Ganztagsbetrieb um: Im Schuljahr 2010/11 Anteil in Prozent 34,5 37,9 25,2 machte mehr als jede zweite Schule Ganztagsangebote (51,1 Prozent). Gegenüber dem Schul- 2009/2010 21,1 54,8 jahr zuvor bedeutet dies einen Anstieg um mehr als acht Prozent. Allerdings nimmt nicht 2010/2011 19,4 47,1 9,9 einmal jeder dritte Schüler die Ganztagsangebote wahr: Im Schuljahr 2010/11 waren das % Steigerung 45,0 48,0 Schleswig-Holstein 28,1 Prozent, eine Steigerung von 4,5 Prozent gegenüber einem Jahr davor. 16,4 Mecklenburg- Beim quantitativen Ausbau bestehen große Unterschiede zwischen den Bundesländern. 26,2 Vorpommern 22,5 6,7 Die meisten Ganztagsschulen gibt es in Sachsen mit 96,5 Prozent aller Schulen. Den bundes- 42,5 45,6 weiten Schnitt heben zudem Bundesländer wie das Saarland mit 93,8 Prozent, Berlin mit 16,4 Hamburg 83,3 Prozent und Thüringen mit 78,6 Prozent. Die Schlusslichter Baden-Württemberg und Bremen 27,4 31,1 7,3 Berlin Sachsen-Anhalt kommen auf 26,7 Prozent bzw. 24,6 Prozent. 21,2 22,4 13,5 In einigen Bundesländern ist die Ausbaudynamik beim Ganztag besonders beeindruckend: 5,7 27,8 30,7 Brandenburg In Niedersachsen und Schleswig-Holstein stieg der Anteil der Ganztagsschulen binnen eines Niedersachsen Sachsen-Anhalt Schuljahres um rund 30 Prozent. Allerdings bleiben beide Länder – Niedersachsen mit 10,4 52,6 52,6 38,9 Prozent und Schleswig Holstein mit 50,6 Prozent – noch immer unter dem Bundes- 72,7 73,3 durchschnitt. Die Chancen auf den Besuch einer Ganztagsschule sind demnach im Bundes- Nordrhein-Westfalen 33,5 37,6 gebiet sehr ungleich verteilt. 0,0 12,2 Was die Teilnahme der Schüler am Ganztag angeht, haben Bayern und das Saarland 18,5 20,3 0,8 Sprünge von 23 Prozent gemacht. Allerdings ist Bayern mit 10,5 Prozent Ganztagsschülern Hessen 26,9 28,1 19,7 9,7 immer noch das Schlusslicht in Deutschland und gehört mit dem Saarland (19,7 Prozent) und 15,9 Thüringen 4,5 Baden-Württemberg (15,7 Prozent) zu den Bundesländern, wo nicht einmal jeder fünfte Schü- 23,9 Rheinland-Pfalz ler eine Ganztagsschule besucht. Im Spitzenreiterland Sachsen dagegen nehmen fast drei Saarland 25,6 8,5 10,5 Sachsen Deutschland Viertel aller Schüler, nämlich 73,3 Prozent, am Ganztag teil (vgl. Abb. rechts). 15,7 23,5 Eine regelmäßige Teilnahme ist am Ganztag nur in der gebundenen Ganztagsschule Bayern -38,7 garantiert. Zugang zu einer gebundenen Ganztagsschule, in der die Teilnahme am ganz- Baden-Württemberg tägigen Unterricht für alle Schüler verbindlich ist, haben lediglich 12,7 Prozent der Schüler (Vorjahr: 11,9). Allerdings bedeutet das eine Steigerung um fast 7 Prozent gegenüber dem vorherigen Schuljahr. Damit sich daraus eine Dynamik entwickelt, die eine klare Richtung angibt, bedarf es Anmerkung: Für die Länder HE, NI und ST liegen keine Angaben über private Ganztagsangebote vor, die Zahlen beziehen sich auf öffentliche Angebote. zunächst einer konzeptionellen Klärung, was eine gute Ganztagsschule ausmacht, und nicht Quelle: Allgemein bildende Schulen in Ganztagsform in den Ländern in der Bundesrepublik Deutschland – zuletzt Anreize und Ressourcen für die Schulen, die sich zu gebundenen Ganztagsschulen Statistik 2006 bis 2010, Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin, 3.4.2012, Seite 30*, sowie Berechnungen von Prof. Klaus Klemm. entwickeln wollen. Link www.bertelsmann-stiftung.de/ganztag
  4. 4. 4 | PodiumSchule 1.12 Was macht das besondere Profil und die Identität einer Ganztagsschule aus? Interview mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München und Professor an der Universität DortmundWas sind die Hauptargumente für die Ganztags- immer mehr Befürworter gefunden, die davonschule? überzeugt waren, dass diese der Weg in dieDer Umstand, dass heutzutage alle Bundes- bildungspolitische Zukunft ist.länder Ganztagsschulen auf ihre Fahnengeschrieben haben und den Ausbau voran- So einhellig der grundsätzliche Kurs scheint,treiben, hat vor allem mit zwei Punkten zu der Ausbau von Ganztag sowie die Qualität dertun. Die eine Seite der Medaille ist, das darf Einzelangebote ist für die Schüler im Ergebnisman nicht unterschätzen, die bessere Verein- aber eher ein Lotteriespiel – abhängig vonbarkeit von Familie und Beruf. Müttern, die Bundesland, Wohnort und Schule. Von Chancen-Kinder im Schulalter haben, wird dadurch in gleichheit keine Spur, oder?vielen Fällen überhaupt erst eine Erwerbstä- Ich würde das, etwas modifiziert, sogar nochtigkeit ermöglicht. Das ist ein Motiv, das zwar anders zuspitzen. Deutschland hat sich zwarkeinen unmittelbaren Bildungshintergrund – mehr oder minder beiläufig – auf den Weghat, es prägt aber wesentlich die Lebenslage gemacht, den Ganztag zu einem flächendecken-von Familien mit Kindern und Jugendlichen. den Regelangebot auszubauen. Das ist aber Ein hoher Ministerialbeamter in einem geschehen, ohne überhaupt eine konzeptionellesüddeutschen Ministerium sagte mir einmal, Debatte darüber zu führen; ohne eine Leitideemit Blick auf die berufstätigen Mütter in den damit zu verbinden, was wir mit der Ganztags-Handwerksbetrieben sei die Lage dort bis- schule eigentlich wollen. Also: Ganztagsschule der Vielfalt und Heterogenität nicht doch Sie können eine inhaltliche Debatte nichtweilen so prekär, dass man sich ideologische war die Antwort. Was aber war die Frage? bestimmte Gemeinsamkeiten abzeichnen. ersetzen. Wir müssen uns also weiterhin denDebatten zum Thema Ganztag einfach nicht Im Grunde genommen wurde diese Frage Im Ergebnis konnten wir anhand dieser ganz- Kopf zerbrechen.mehr leisten könne. Besonders im mittelstän- unbeantwortet nach unten durchgereicht. tägigen Schulen vier „Cluster“ identifizieren: Meine Idee vom Ganztag grenzt sich indischen Bereich und bei den kleinen Familien- Einerseits durfte der Bund sich inhaltlich nicht die eher herkömmliche Schule, die kooperative erster Linie gegen zwei suboptimale Formenbetrieben auf dem Land fehlt den Unterneh- einmischen, also keine konzeptionellen Vorga- Schule, die Angebotsschule und die rhythmi- ab. Die erste, wenig überzeugende Variante sierte Schule. sähe so aus: vormittags Unterricht – also der Ernst des Lebens – und nachmittags FreizeitWir müssen nicht mehr am 45-Minuten-Takt Hätte man zuvor mehr entwickeln, erproben und und Erholung – also Sport, Spiel und Span- überprüfen müssen? nung. Ein in dieser Hinsicht zweigeteilter Tagfesthalten, können wichtige Entspannungsphasen Von heute aus betrachtet hat es vielleicht zwischen Ernst und Spaß, zwischen kognitiver nicht nur Nachteile, so offen begonnen zu Bildung und „Wellness-light“ für Kinder wäreso integrieren, dass die Schüler konzentriert haben. Ansonsten hätte Deutschland vor lauter kein gelungenes Muster für den Ganztag. ideologischen Grundsatzdebatten vermutlich Ein zweites Muster von Ganztag wäre fürarbeiten und die schulischen Anforderungen nie mit dem Ausbau angefangen. Vor zehn mich ebenfalls keine wünschenswerte Ent- Jahren wusste schließlich – jenseits von wicklung. Dieses lautet: Die Ganztagsschulesich besser auf den gesamten Tag verteilen. Hoffnungen und Wünschen – noch keiner ist im Kern nur für die Bildungsschwächeren so genau, wohin sich das Ausbauprojekt ent- da. Wenn man aus der Perspektive betroffenermen am Nachmittag das weibliche Personal, ben machen. Andererseits waren die Länder wickeln sollte. Dafür stehen wir jetzt umso Jugendlicher sieht, so besteht die Gefahr, dassda die Mütter dann nach Hause müssen, um auf dieses Projekt nicht vorbereitet, mussten mehr vor der bildungspolitischen Notwendig- sie den Ganztag wie eine Strafe für das eigeneihre Kinder zu versorgen. jedoch relativ schnell handeln. So wurde die keit, diese ausgefallene Grundsatzdebatte zum „Schulversagen“ empfinden – als Nachsitzen, Frage der Gestaltung des Ganztags letztlich Ganztag nachzuholen. Mittlerweile können als eine Art Übergang „vom Halbtags- zumDas ist ein wirtschaftlicher Aspekt. Was spricht an die einzelnen Schulen weitergereicht. Länder auf mehrjährige Erfahrungen mit der Ganztagsschulknast“. Daher wäre es eineaus pädagogischer Sicht für den Ganztag? Ganztagsschule zurückblicken. Nun müssen fatale Botschaft, wenn vor allem Haupt- undDas ist die andere Seite der Medaille. Also war bzw. ist letztendlich die einzelne Schule wir uns hinsetzen und uns bildungspolitisch Sonderschulen zu Ganztagsschulen werden,Zunächst einmal kann durch den Ganztag der in der Pflicht, den Ganztag zu gestalten?Unterricht anders rhythmisiert werden. Wirmüssen nicht mehr am 45-Minuten-Takt fest- Ja. Wie der Ganztag an einer bestimmten Schule aussieht, ist in die Verantwortung von Daher wäre es eine fatale Botschaft,halten, können wichtige Entspannungsphasenso integrieren, dass die Schüler konzentriert Schulleitung und Kollegium gestellt worden. Darin begründet sich die breite Vielfalt von wenn vor allem Haupt- und Sonderschulenarbeiten und die schulischen Anforderungensich besser auf den gesamten Tag verteilen. Ganztagsschulen, wie wir sie heute vorfinden. Deshalb gibt es bis heute auch keine allge- zu Ganztagsschulen werdenDas ist die Grundlage, auf der dann auch meingültige Antwort darauf, was das beson-individuelle Förderung besser gelingt. Außer- dere Profil und die Identität einer Ganztags- darüber verständigen, wie eine einigermaßen damit die Jugendlichen dieser Schulen vondem ermöglicht erst der auf den ganzen Tag schule ausmacht, etwa im Unterschied zur vernünftige Rahmung des Ganztagsbetriebs der Straße sind, nicht auf dumme Gedankenverteilte Unterricht, dass andere, nicht-unter- halbtägigen Unterrichtsschule. aussehen könnte, was wir damit erreichen kommen und zugleich zu mehr Nachhilferichtliche Angebote sehr viel gezielter in die Das ist der Hintergrund, vor dem wir uns wollen und wohin die Reise geht. verdonnert werden können. Das wäre in derSchule eingebunden werden können. als Deutsches Jugendinstitut eine Auswahl Tat keine sonderlich attraktive Vision einer Beide Motive zusammen haben dazu von 225 Schulen aus der StEG-Studie einmal Wie sähe der Ganztag aus, den Sie gestalten zukünftigen Ganztagsschule.geführt, dass die Länder relativ einhellig auf genauer angeschaut haben. Wir wollten wis- dürften? Welche Form hätte er?den Kurs des Bundes eingeschwenkt sind sen, welche typisierbaren Muster des Ganz- Zunächst mal muss ich betonen, dass die vier Und was ist für Sie beim Ganztag das zentraleund gesagt haben: Okay, dann beteiligen wir tagsbetriebs sich bei diesen Schulen, ohne von uns identifizierten Ganztagsschulformate Element?uns auch an diesem Ausbauprojekt. In dieser einheitliche Vorgabe, faktisch herausgebildet keine normativen Konzepte sind. Sie sind Meine favorisierte Form von GanztagsschulePhase hat die Ganztagsschule in Deutschland haben. Die Kernfrage lautete also, ob sich in Resultat empirischer Ergebnisse. Das heißt: unterscheidet deutlich zwischen einem unter-
  5. 5. PodiumSchule 1.12 |5richtsbezogenen und einem nicht-unterrichts-bezogenen Teil. Das berührt konkret drei ver- Die Schulen vor Ort wissen am besten, gefordert, wäre aber personell, finanziell und rechtlich nicht einfach aus dem Standschiedene Aspekte. Erstens: Nicht alles, wasman Kindern an Gutem angedeihen lassen wie es in ihrem Stadtteil, in ihrem direkten zu machen. Gleichwohl könnte es ein Weg in diese Richtung sein, wenn sich die Politikwill, muss in Form von Unterricht gemachtwerden. Wir haben uns viel zu sehr auf den sozialräumlichen Umfeld aussieht. verpflichtet, den Kindern und Eltern – wie schon im Kita-Bereich – einen GanztagsplatzUnterricht als einzige zielführende schulische zu garantieren. Diese Verpflichtung könnteVermittlungsform versteift. Zweitens: Das Themen, Module und Gelegenheiten enthal- gefordert; was Anregungen und Impulse zum Beispiel zu einem Zeitpunkt in fünf Jah-Bildungskonzept des Ganztags wird gezielt ten: Computer- und Internetkurse, Kochkurse, von außen ja nicht ausschließt. Die Schulen ren wirksam werden. Der dann bestehendeauf den gesamten Tag ausgeweitet, also vom handwerkliche Projekte, soziale Projekte, vor Ort wissen am besten, wie es in ihrem Rechtsanspruch könnte für die EntwicklungGrundsatz her von der Frage des Unterrichts Konflikttrainings, entwicklungspolitische Stadtteil, in ihrem direkten sozialräum- des Ganztags eine entscheidende Weichenstel-entkoppelt. Drittens: Bildung wird hierbei sehr oder stadtteilbezogene Hilfsprojekte, Service lichen Umfeld aussieht. Dafür muss sich lung sein. Allerdings sollte die Schulpflichtviel breiter gedacht als im herkömmlichen Learning, gemeinsam organisierte Musik-, Schule in den lokalen Sozialraum öffnen, bis auf Weiteres nicht auf den Ganztag aus-Format des Fachunterrichts und seiner kogni- Tanz- oder kulturelle Projekte, Sportprogram- muss sie sich selbst als Teil einer regiona- geweitet werden. Nur für die, die den Ganztagtiven Ausrichtung auf Wissensvermittlung. me – und das alles jenseits der Zwänge von len Bildungslandschaft verstehen, bei der wollen, sollten entsprechende Angebote zur Die Konsequenz dieses Dreischritts liegt Notengebung und Unterricht. Dabei sollten ihre Partner Musikschulen, Jugendkunst- Verfügung stehen. Diese behutsame Vorge-darin, dass das gesamte Angebot für den diese Angebote auf jeden Fall so organisiert schulen, die Kinder- und Jugendarbeit, der hensweise löst schon von ganz allein eineGanztag unter Bildungsgesichtspunkten zu werden, dass es den Kindern auch Spaß macht, Sportverein, die Kirche, die Schreinerei um Dynamik aus, die in kurzer Zeit zu einerbetrachten ist. In der Konsequenz entscheidet sie aber gleichzeitig etwas lernen und sich vor die Ecke oder das ortsansässige Software- etablierten Ganztags-Schullandschaft führensich die Frage, ob etwas nun Bildung ist oder allem selbst einbringen können, also nicht nur Unternehmen gleichermaßen sein können. wird – dann aber eben auf freiwilliger Basis.nicht, nicht mehr daran, ob es in eine Unter- Konsumierende sind. Es sollten Themen vor- In einem attraktiven, nicht-unterrichtlichenrichtsform gezwängt und zum Schluss durch kommen, die gemeinhin kein Gegenstand im Bildungspaket ist Bewegung und Sport Wenn es denn zuvor politisch gewollt ist …Noten zertifiziert werden kann, sondern ob es Unterricht, aber dennoch „lebenswichtig“ sind. genauso enthalten wie musisch-kreative Klar, zunächst muss die Politik diese Selbst-die Handlungsfähigkeit der Kinder stärkt und Es sollten Methoden und Formen der Beteili- Elemente, sind handwerkliche oder techni- verpflichtung eingehen. Sie muss an denverbessert. Wir müssen also unsere Bemühun- gung zum Tragen kommen, die nicht unbe- sche Tätigkeiten ebenso im Angebot wie Punkt kommen, dass sie erkennt: „Irgendje-gen darauf ausrichten, welche Kompetenzen dingt mit herkömmlicher Schule in Verbindung spielerische oder erlebnispädagogische mand in dieser Gesellschaft verlässt sich aufund welches Rüstzeug Kinder zu Beginn des gebracht werden. Und es sollte unbedingt auch Elemente. Der Gedanke an Notengebung das, was wir hier tun. Deswegen muss es21. Jahrhunderts auf dem Weg zum Erwach- Orte und Freiräume für Peer-Learning geben, sollte dabei weit weg sein. Was dafür aber unser gemeinsames Ziel werden, und deshalbsenwerden benötigen – wozu sie konkret be- also für Lerngelegenheiten, in denen die im Vordergrund stehen sollte, das sind das beschließen wir es auch politisch“.fähigt werden müssen. Und das ist weit mehr Jugendlichen untereinander die Welt gemein- Interesse und der Spaß an der Sache.als fachgebundene, kognitive Wissensaneig- sam auf eigene Faust entdecken können.nung. Das ist ein Gesamtpaket aus kultureller, Sollten alle Schulen zum Ganztag wechseln?praktischer, sozialer und personaler Bildung. Die Wahl der konkreten Ganztags-Angebote und Das ist eine legitime Frage zum falschen Kooperationen liegt dann in der Verantwortung Zeitpunkt. Ich halte es vor Ende des Jahr-Wie sähe das praktisch aus? der Schulen? zehnts für wenig zielführend, eine Ganz-Ein solches Bildungskonzept kann – neben Ja. Spätestens bei der konkreten Ausgestal- tagsschulpflicht ernsthaft in Erwägung zu Kontaktdem Unterricht – völlig unterschiedliche tung sind die Schulen auf kommunaler Ebene ziehen. Diese wird zwar immer wieder Prof. Dr. Thomas Rauschenbach | rauschenbach@dji.de Wie muss die Schule sein, Frau Enderlein, warum beschäftigen Sie sich als Kinder- und Jugendpsychologin mit dem Ganztag? Stresskopfschmerzen steigen zum Beispiel mit der dritten Klasse deutlich an – also in einer Phase, in der es darum geht, wohin kommt die dem Kind gerecht wird? Es gab mal irgendwann einen Impuls für die mein Kind nach der Grundschule? Auch in der Ganztagsschule, der durch verschiedene Fak- sechsten und siebten Klasse beobachten wir toren hervorgebracht wurde. Dazu gehörte der eine Zunahme bei Stresskopfschmerzen. Und PISA-Schock, die Berufstätigkeit beider Eltern eigentlich verwundert es nicht. Wir müssen Interview mit der Kinder- und Jugendpsychologin bzw. von Alleinerziehenden, die warme Mit- uns nur mal anschauen, welchen Arbeitstag tagsmahlzeit oder die Förderung von Migran- wir unseren Kindern zeitlich und inhaltlich Oggi Enderlein tenkindern – eine Pauschalisierung, die mich zumuten. übrigens immer sehr geärgert hat: Migrant gleich bildungsschwach. Die Frage allerdings, Die Halbtagsschule ist also die falsche Schulform, was das alles eigentlich konkret für die Kinder um das bestehende Lehr- und Lernpensum schaf- bedeutet oder wie zu diesem Thema die Kin- fen zu können? derperspektive aussieht, wurde nicht gestellt. Ja, werfen Sie doch einfach mal einen Blick Als Psychologin erlebe ich nun jeden Tag, auf die weiterführende Schule. Wenn wir die wie Kinder unter den heutigen Lebensbedin- Unterrichts-, Hausaufgaben- und Lernzeiten gungen leiden. Es kommt nicht von ungefähr, zusammenfassen, dann arbeiten hier junge dass in den Kinderarztpraxen die psychosoma- Menschen mehr als 60 Stunden die Woche. tischen Störungen den Infektionskrankheiten Das Ganze passiert auch noch unter einem Die größte Angst von Kindern in Deutschland ist die Angst, in der Schule zu versagen. den Rang ablaufen. Verhaltensprobleme und erheblichen emotionalen Druck. Die größte Belastungsstörungen stehen hier immer mehr Angst von Kindern in Deutschland ist die im Vordergrund. Wir fragen aber in der Regel Angst, in der Schule zu versagen. Sie rangiert nicht danach, warum es den Kindern schlecht noch vor der Angst, dass den Eltern oder den geht, sondern behandeln sie mit Psychophar- Kindern selbst etwas zustoßen könnte. Das ist maka. bereits in der Grundschule so. Dieser Druck, Was wir auch – gerade in Schule – viel zu den Schule ausübt, der macht sich dann in wenig verstehen wollen, ist: Kinder machen Form psychischer Probleme bemerkbar. Und Probleme, wenn sie Probleme haben. Bei uns das ist nur eine Facette des Ganzen. Der UN- wird traditionell als Erstes nach einem Fehl- Kinderrechtsreport 2010 weist sehr deutlich verhalten aufseiten der Eltern gesucht. Was aus, wo und wie stark Kindern heute in der die Kinder selbst betrifft, die werden irgend- Schule die Luft zum Lernen und Leben wie repariert. In der Altersstufe 10 bis 14 Jahre genommen wird. wird Ritalin häufiger verschrieben als Erkäl- Der Schlüsselsatz beim Thema Ganztag lau- tungs- und Grippemittel. Das Schlimme ist tet: Wir müssen nicht schauen, wie die Kinder einfach, dass Kinder in diesem Alter daran sein müssen, um der Schule gerecht zu wer- gemessen werden, wie sie sein sollen. Und den. Die Frage lautet vielmehr: Wie muss die wir Erwachsene tun dann alles, damit sie Schule sein, die dem Kind gerecht wird? Unter dorthin kommen. diesem Gesichtspunkt ist die Entwicklung der Der Druck von Schule spielt bei kindlichen Ganztagsschule für die Institution Schule eine Belastungsstörungen eine ganz starke Rolle. große Chance.
  6. 6. 6 | PodiumSchule 1.12Aber früher hat die Halbtagsschule doch auch theoretischer Hinsicht völliger Humbug. Das haupt den Anschluss halten wollen. Das Wie sieht dann Ihre Form der optimalen Ganz-funktioniert. Was hat sich verändert? ist nicht nur meine persönliche Überzeugung, schürt dann eine grundlegende Angst, die tagsschule aus?In früheren Generationen, die mit der Halb- sondern aus neurobiologischer Sicht erwiesen. eigenen Kinder würden nicht ausreichende Ideal wäre aus meiner Sicht die gebundenetagsschule aufgewachsen sind, hatten Kinder Lernen funktioniert nur, wenn es genug Bildungschancen und -möglichkeiten kriegen. Ganztagsschule. Sie bietet verlässliche Struk-noch Freiräume. Die fanden sich nach Schul- Abstand zwischen den einzelnen Inhalten gibt, Dann sitzen also Papa und Mama – abends turen. Wenn alle Kinder verlässlich bis umschluss draußen auf der Straße, auf dem die Schule vermittelt. Kinder brauchen Zeit oder auch am Wochenende – zu Hause am 16 Uhr anwesend sind, lassen sich ganzBolzplatz oder beim Spielen im Wald. Diese um nachzudenken, Neues zu verarbeiten, den Tisch und büffeln und pauken mit ihren andere Unterrichtsformen verwirklichen.Räume waren außerhalb der direkten Anlei- Kopf zu entspannen und den Körper zu bewe- Kindern. Das führt natürlich zu Konflikten Dann können Kinder auch mal häufiger austung und Aufsicht von Erwachsenen. Die Kin- gen. In sechs aufeinanderfolgenden Schulstun- in der Familie, wenn wieder Hausaufgaben der Schule rausgehen. Schule ist schließlichder konnten sich dort den Kopf frei spielen, den kann das nicht gelingen. oder Testvorbereitungen anstehen. Vor allem keine geschlossene Anstalt. Man kann Koope-gleichzeitig aber ganz viele praktische und aber sind wir hier am unteren Ende der rationen durchaus so einrichten, dass die Kin-soziale Kompetenzen erwerben. Sie haben im Sie sind also kein Verfechter der 45-Minuten- Angst-Kaskade angelangt, dort also, wo der der im Umfeld der Schule Möglichkeiten zumKreis anderer Kinder gespielt, mussten sich Schulstunde? ganze schulische Druck schlussendlich landet: Spielen, Experimentieren oder Lernen haben.dort behaupten und haben ihre Grenzen erfah- Nein, überhaupt nicht. Es ist erstaunlich, dass bei den Kindern. Der Wechsel zwischen Kopfarbeit und körper-ren, wenn es um körperliche oder seelische wir immer noch vermitteln müssen, dass die lichen Phasen lässt in einem Rahmen von achtVerletzungen ging. Kinder haben Dinge unter- Einteilung des Unterrichts in 45-Minuten-Ein- Welche Rolle spielt die Schulleitung für einen bis 16 Uhr viel besser rhythmisieren, weileinander ausgehandelt, ohne dass direkt ein heiten kein Naturgesetz ist. Es besteht die erfolgreichen Ganztag? dafür einfach genug Zeit da ist.Erwachsener dazwischen gegangen wäre. Möglichkeit, den Unterricht zeitlich völlig frei Die Haltung der Schulleitung ist ganz ent- Leider ist das bisher aber die seltensteDiese Erfahrung war und ist auch heute noch zu gestalten. Sie können Kinder auch viel scheidend dafür, ob Ganztag gelingt oder Form des Ganztags. Viel häufiger ist dieeine ganz grundlegende Voraussetzung für offene Form: morgens Unterricht und nachmit-das spätere Leben und für den Erwerb profes- tags eine Art bessere Hortbetreuung – alsosioneller Kompetenzen. Kinder brauchen Zeit um nachzudenken, das Bikini-Modell: zwei getrennte Teile und beides so knapp wie möglich.Das könnte dann der Ganztag den Kindern Neues zu verarbeiten, den Kopf zu entspannenwieder ermöglichen? Welche Anforderungen stellen Sie an ein gutesDas sollte er in jedem Fall. Wobei der soziale und den Körper zu bewegen. Ganztagsangebot?Umgang miteinander nur ein Teil des Ganzen Da müssen wir uns nur anschauen, welcheist. Genauso wichtig ist es, dass die Kinder freier arbeiten lassen, als heute viele von uns nicht. Sowohl ihre Haltung zu Schule als auch Grundbedürfnisse Kinder haben. Kinder wol-ein völlig eigenes und natürliches Interesse an annehmen. Wobei hier nicht übers Ziel hin- ihre Umgangsformen im Kollegium entschei- len zum Beispiel etwas machen, was ernstDingen gewinnen, indem sie eben frei spielen ausgeschossen werden darf. Kinder brauchen den darüber, wie Lehrer sich gegenüber ihren genommen wird. Das gilt besonders für die Anleitung. Sie haben einen Anspruch darauf. Schülern verhalten. Wenn hier etwas nicht Angebote außerhalb der Lernzeiten. Was dort Sie nur frei arbeiten zu lassen, ist auch nicht stimmt, dann liefert Schule kein Umfeld, in passiert, muss an den Interessen der Kinder richtig. dem Kinder sich wohlfühlen, entwickeln und anknüpfen. Dazu gehören mit Sicherheit keine entfalten können. Schule braucht Menschlich- unsinnigen Basteleien, wie man sie aus vielen Wie sieht das konkret in der Ganztagspraxis keit. Gerade wenn Lehrer ihre Schüler auch Hortstunden kennt. Es ist doch viel spannen- aus? verstärkt in anderen Kontexten wahrnehmen, der, an einem kompletten Theaterstück zu Man kann Kinder zum Beispiel nach dem wächst das menschliche Miteinander. arbeiten oder in der Schule ein Musikinstru- Englischunterricht wunderbar zusammen ment zu erlernen, mit dem man dann in der Vokabeln lernen lassen. So etwas muss nicht Das gilt aber doch auch für die Kinder. Mehr Zeit Schulband spielt. So etwas begeistert Kinder. mehr nach Schule und Arbeit in der gestress- miteinander verbessert schließlich ihr Sozialver- Das sind die Angebote, da haben Sie nach ten Familie passieren. Das gilt grundsätzlich halten, oder? 16 Uhr Schwierigkeiten, die Kinder wieder für das Thema Hausaufgaben. Das eigenstän- Ja, das belegen die Ergebnisse der Studie zur nach Hause zu bekommen. dige Lernen von Kindern in die Schule zu Entwicklung von Ganztagsschulen ganz deut- holen, ist ein wichtiger Bestandteil von Ganz- lich. Das ist aus psychologischer Sicht auch Welche konkrete Rhythmisierung bzw. inhaltliche tag. Genauso wichtig sind aber auch eigen- ein ganz starkes Argument für die Ganztags- Gestaltung ist aus Ihrer Sicht sinnvoll? ständige Bewegungs- und Spielphasen. Schule schule. Wir brauchen diese Schulform, damit Das kann immer nur für den Einzelfall gesagt wird dadurch viel freier. Voraussetzung dafür Kinder wieder mehr Zeit für- und miteinander werden. Ich plädiere aber nach dem Vormittag ist aber mehr Zeit. Und die kommt durch den Ganztag. Es gibt mittlerweile in Deutschland schon viele gute Schulbeispiele mit dieser ver- Der Wechsel zwischen Kopfarbeit und besserten Praxis. körperlichen Phasen lässt in einem Rahmen Die einzelne Schule ist ja nur ein Aspekt bei der Entwicklung des Ganztags. Welche Rolle spielt von acht bis 16 Uhr viel besser rhythmisieren, Schule als Institution? Hier finden wir eine Situation, die ganz weil dafür einfach genug Zeit da ist. wesentlich an der Misere der Kinder beteiligt ist. Aus psychologisch-systemischer Sicht gibt verbringen. Das ist ein Aspekt, der viel zu für 90 Minuten Pause. In dieser Zeit haben es einen entscheidenden Faktor, der den sehr unterschätzt wird. Wenn wir Kinder in die Kinder dann die Möglichkeit zu essen, Zustand der deutschen Schullandschaft cha- unseren Untersuchungen fragen, ob sie gerne auf dem Pausenhof frei zu spielen, in der Bib- rakterisiert: Unser Schulsystem wird bestimmt in die Schule gehen, dann antworten fast alle, liothek liest eine Großmutter Geschichten vor, von Druck und Angst. Das fängt auf der obers- dass sie gerne dort sind – trotz zum Teil gro- ein Sportstudent organisiert sportliche Akti- ten Ebene an. Die Politik hat Angst vor Schul- ßer Ängste oder auch Desinteresse. Viele sind vitäten, ältere Schüler betreuen in einem versagen in Zusammenhang mit PISA, also im halt nur nicht gern im Unterricht. Es ist für Klassenraum Brettspiele, im Musikraum kann die Kinder einfach unglaublich wichtig, dass musizieren und üben wer will, und in einer sie in der Schule andere Kinder treffen. Ecke treffen sich Kinder zum Reparieren vonWir brauchen diese Schulform, damit Kinder Schule ist heute fast der letzte verbliebene Fahrrädern. Hintergrund eines solchen Kon- Ort, wo sich Kinder nicht nur real, sondern zepts ist: Man kann etwas tun, muss es aberwieder mehr Zeit für- und miteinander verbringen. auch regelmäßig, jeden Tag, in einem sicheren nicht. Wenn die Kinder wollen, können sie Rahmen treffen können. auch einfach nur irgendwo „abhängen“. Dasund experimentieren. Das darf aber im Ganz- internationalen Vergleich. Diese Angst wird ist nichts anderes als das, was wir als Kindertag nun nicht verwechselt werden mit einem an die Verwaltungsebene weitergegeben. Hier Aber die Kinder haben doch auch Freunde in früher auch gemacht haben – das aber dannExperiment nach Anleitung oder dem Bau wird dann gesagt, wir müssen die Schulzeit ihrem Wohnumfeld? bei uns vor der Tür, auf der Straße.eines Baumhauses als festes Schulprojekt verkürzen und Qualitätsstandards entwickeln. Nein, nicht mehr so wie früher. Viele Kinderbzw. als AG. Es ist keine neue Erkenntnis, Qualitätsstandards an sich sind ja nichts haben um sich und über sich fast nur noch Bedeutet der Ganztag nicht auch eine zusätz-dass Kinder umso weniger Interesse an etwas Schlechtes. Sie werden aber von den Schulen Erwachsene. In den vielen Einzelkinder-Haus- liche Belastung für die Lehrer?entwickeln, je mehr ihnen vorgegeben wird vor allem als Angst- und Druckinstrument halten spielt die lineare Beziehung zu den Ganz im Gegenteil. Lehrer, die mittags mitund je theoretischer die Hintergründe sind. wahrgenommen. Schulleitungen und Lehrer Eltern eine größere Rolle als das Zusammen- ihren Schülern essen gehen, bekommen einen stehen unter unglaublichem Druck, dadurch sein mit Gleichaltrigen. Die Kindergemein- ganz anderen Blick auf die Kinder. Wenn sieMuss der Ganztag die klassischen Formen und zu versagen, dass sie die Lehrpläne nicht schaft als solche ist etwas, was unseren dann bei den Hausaufgaben oder Übungszei-Rahmen des schulischen Lernens aufbrechen? erfüllen. Kindern verloren gegangen ist. Das fehlt ten erleben, wo die Kinder SchwierigkeitenIn Teilen ja, und in Teilen muss er diese For- ihnen dann auch für ihre Entwicklung und haben, öffnen sich auf einmal ihre Augen.men und Rahmen flexibler machen und neu Und damit hört es nicht auf … ihre Gesundheit. Die Ganztagsschule ist in Dann sehen sie auch, welche weiteren Anfor-arrangieren. Ganztagsschule darf auf jeden Nein, denn jetzt kommen die Eltern. Sie haben der Lage, das wieder zu leisten. Sie bietet den derungen auch noch aus den anderen FächernFall eines nicht sein: Sie darf nicht die un- nicht nur einen eigenen Anspruch, was ihre Raum und die Zeit dafür, dass Kinder mitein- kommen. Das ist keine Theorie. So erlebenveränderte Fortsetzung dessen sein, was Kinder schulisch erreichen sollen. Sie bekom- ander und eigenständig – also ohne pädagogi- es die Lehrer, an deren Schulen der Ganztagin Schule vormittags passiert. Die Form von men von Schule auch noch signalisiert, dass schen Einfluss – die Welt erkunden, erproben bereits in dieser Form gestaltet wird. DortSchule, die wir heute noch machen, ist in lern- sie etwas tun müssen, wenn ihre Kinder über- und erobern. steigert sich das Wohlbefinden der Lehrer und
  7. 7. PodiumSchule 1.12 |7gehen die Krankmeldungen von Lehrern deut- gesellschaftlichen Aspekt: Schule muss viel darauf vertrauen, dass über ein verbessertes räumliches und soziales Umfeld einstellenlich zurück. stärker zu einer demokratischen Grundhaltung Lernklima und über verbesserte persönliche müssen. Ganztagsschule muss unterschiedlich Und jetzt kommt ein ganz wichtiger Zusam- kommen, die im politischen oder gesellschaft- Kompetenzen auch die Lernleistungen nach- sein können, ansonsten würde sie der Vielfaltmenhang: Wir sprechen hier von Ganztags- lichen Bereich wie selbstverständlich eingefor- kommen. Es ist doch schon unglaublich viel, entgegenstehen, die wir im Menschlichenkonzepten, die das Wohl der Kinder im Auge dert wird. wenn der Ganztag dabei hilft, Druck und haben. Schulen, die schon erfolgreich imhaben. Verbesserungen, die dadurch erreicht Angst aus dem System zu nehmen und das Ganztag sind, zeichnen sich durch sehr indivi-werden, führen auch zu einer verbesserten Nun wird kritisiert, dass die Lernerfolge an soziale Miteinander zu stärken. duelle und passgenaue Konzepte aus, die sieSituation für die Lehrer und die gesamte Ganztagsschulen gar nicht in die Höhe schnellen selbst entwickelt haben.Schule. Eine solche Haltung, die dem Kind würden. Stattdessen verbessern sich vor allem Ist es denn nun erstrebenswert, für alle Schulenzugewandt ist, bringt also viel mehr als immer das Sozialverhalten und Familienklima. in Deutschland eine einheitliche Ganztagsformnur schul- bzw. systemzentriert zu sagen: Wir Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Der zu finden?brauchen mehr Geld, wir brauchen mehr Per- Ganztag schafft es, das soziale Miteinander Ich persönlich fände es hilfreich, wenn bun- Kontaktsonal, sonst können wir uns nicht entwickeln. in der Schule und die Atmosphäre zu Hause desweit große Standards gefunden werden, Dipl. Psych. Oggi Enderlein Es gibt also durchaus Möglichkeiten, sich zu verbessern. Genau das ist doch eine wich- die einzelne Schule aber mehr Freiheiten o.enderlein@ganztaegig-lernen.deauch unter den gegebenen Bedingungen frei- tige Grundlage für besseres Lernen. Das ist ja darin bekommt, diese Standards umzusetzen Links:zuschaufeln. Dafür gibt es viele erfolgreiche auch erst der Anfang, und was folgt, das sind und auszugestalten. Das ist deshalb wichtig, www.initiative-grosse-kinder.deBeispiele. Letztlich hat das Ganze auch einen Entwicklungsprozesse. Wir müssen einfach weil sich die Schulen ganz individuell auf ihr www.ganztaegig-lernen.de Eine Ganztagsschule für alle Kinder Die Grundschule Berg Fidel ist eine inklusive Ganztagsschule im sozialen Brennpunkt. Mit altersgemischten Klassen, individueller Förderung, einem rhythmisierten Schultag und multiprofessionellen Teams versucht sie sich auf die Vielfalt der Kinder einzustellen.Paul, Burak und Oleg sind dicke Freunde – Form zuhause nicht immer haben. Möglichund sie verbringen fast den ganzen Tag mit- Rhythmisierung des Schultages einer Ganztagsklasse (vgl. Stähling 2006) wird dies unter anderem durch eine beson-einander. Gemeinsam mit 21 anderen Jungen Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag dere Art des Ganztags, die dafür sorgt, dassund Mädchen gehen sie in die Sonnenblumen- ca. 8 – 9.30 Uhr FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis die Schule zum Lern- und Lebensraum wirdklasse der Grundschule Berg Fidel. Die Schule Pause Pause Pause Pause Pause und die Kinder ihre Begabungen entfaltenist eine inklusive Gemeinschaftsgrundschule Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück können.mit Ganztagszweig im sozialen Brennpunkt. ca. 10 – 11.30 Uhr GA / Klassenrat GA GA / Schülerrat GA + Religion GA / Schulfeier Ganztag bedeutet für Paul, Oleg und Burak (alle 4 Wochen) in Gruppen (alle 2 W., freiwillig)Kinder aus mehr als 30 Nationen leben in und die anderen Kinder der Sonnenblumen- ca. 11.30 – 11.45 Uhr Pause Pause Pause Pause PauseBerg Fidel, einer Hochhaus-Trabantenstadt ca. 11.45 – 12.30 Uhr FS / Tischdienst GA / FS+Themenkurse Englisch / FS GA / FS Englisch / FS klasse nicht nur, dass für sie von Montag bisin Münster, deren fröhlich klingender Name Kurze Konferenz Donnerstag die verbindlichen Schulzeiten vonnicht über die schwierige Situation im Stadt- Mittag Essen + Zähne­put­zen Pause / Tischdienst Pause / Tischdienst Pause / Tischdienst Pause / Wochen­- 8.00 bis 15.30 Uhr gelten und sie über den + Tisch­dienst + Tages- Essen + Zähne­putzen Essen + Zähne­putzen Essen + Zähne­putzen ­ab­schluss­rundeteil hinwegtäuschen kann. Umso wichtiger ist abschluß­runde + Tischdienst + Tischdienst + Tischdienst Unterricht hinaus gehende Bildungsangebotees für die Kinder im Viertel, dass die Grund- ca. 13 Uhr Pause oder schulfrei Pause Pause Pause schulfrei nutzen können. Vielmehr werden die Kinderschule ein sicherer Anlaufpunkt ist: Alle Kin- Nachmittag Freiwillige Ar­beits- GA / FA / FS + Tages­ Schwimmen oder Wald + Tages­ evtl. Freiwillige in Berg Fidel ganztägig „rhythmisiert“ unter- bis 15.30 Uhr ­­ge­mein­schaf­ten / Team­ abschlus­srunde GA / FA / FS + Tages­ abschlussrunde Arbeits­gemein­schaftender im Umfeld der Schule werden unabhängig sitzungen abschlus­srunde richtet – d. h. es wird großer Wert daraufvon Leistung, kulturellem oder sozialem Hin- Nachmittag evtl. Freiwillige evtl. Freiwillige evtl. Freiwillige gelegt, dass sich Phasen der Spannung undtergrund oder Handicap aufgenommen und 15.30 – ca. 17 Uhr Arbeits­gemeinschaften Arbeits­gemeinschaften Arbeits­gemeinschaften Entspannung über den Tag abwechseln undan der Schule willkommen geheißen. So FA = Freie Arbeit mit Förderangeboten, teilweise auch in der Turnhalle Vor- und Nachmittagsunterricht sinnvoll auf- GA = Gelenkte Arbeit, teilweise in Projekten, teilweise Sport in der Klassengemeinschaftbeträgt der Anteil der Kinder mit ausländi- FS = Freies Spiel im Haus oder Gelände einander abgestimmt sind. Ein Blick auf denschen Wurzeln ca. 60 Prozent. Rund 40 Pro- Stundenplan der Sonnenblumenklasse zeigt, dass es klassische Unterrichtseinheiten im zent der Familien beziehen Sozialleistungen 45-Minuten-Takt gar nicht mehr gibt. DafürAlle Kinder im Umfeld der Schule werden und fast jedes vierte Kind hat einen diagnosti- gibt es Zeit für Projekte, freies oder gelenktes zierten sonderpädagogischen Förderbedarf. Arbeiten, vielfältige Einzel-, Paar- oder Grup-unabhängig von Leistung, kulturellem Trotz – oder vielleicht auch wegen dieser Viel- penarbeit. Der Stundenplan wird so gestaltet, falt – gehen Burak, Oleg und Paul gern in die dass es möglichst lange Phasen ohne Unter-oder sozialem Hintergrund oder Handicap Grundschule Berg Fidel. Denn sie erleben die brechung gibt (vgl. Abbildung). Schule als einen Ort, an dem sie ernst genom- Zur Rhythmisierung gehört aber auch, dassaufgenommen und an der Schule willkommen men, gefordert und ihre Leistungen wertge- die Pädagogen an der Schule versuchen, der schätzt werden. Hier finden sie Verlässlichkeit individuellen Leistungsfähigkeit der Kindergeheißen. und feste Strukturen vor, die sie in dieser Rechnung zu tragen: Wenn Barbara Wenders,

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