Podium Schule 1.12 - Thema: Ganztagsschule als Hoffnungsträger
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Die Ausgabe 1.12 der Schulzeitschrift Podium Schule der Bertelsmann Stiftung befasst sich mit dem Thema "Ganztagsschule als Hoffnungsträger".

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    Podium Schule 1.12 - Thema: Ganztagsschule als Hoffnungsträger Podium Schule 1.12 - Thema: Ganztagsschule als Hoffnungsträger Document Transcript

    • PodiumSchule 1.12 Wie viele Schulen machen Ganztagsangebote, wie viele Schüler nutzen diese Angebote, und wie ist es um die Qualität der Angebote bestellt? Ganztagsschule als Hoffnungsträger Der Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland ist in den letzten Jahren gut vorangekommen. In fast allen Bundesländern fehlt es jedoch noch an übergreifenden Konzepten und Qualitätsstandards für Ganztagsangebote. Das Potenzial des Ganztags – wie zum Beispiel eine bessere individuelle Förderung – wird vielerorts noch nicht ausreichend genutzt. Dabei verfügen viele Ganztagsschulen schon über ein ebenso breites wie flexibles Angebot, etablierte Kooperationsstrukturen sowie eine Lernkultur, die darauf ausgerichtet ist, jede Schülerin und jeden Schüler zu fördern. | Christian EbelSeit 2003 unterstützen Bund und Länder Zehn Jahre nach Beginn der Debatte um einen die Grenzen eines Projekts, das ohne klares Ganztag kann drei, vier oder fünf Tage progemeinsam den Ausbau ganztagsschulischer massiven Ausbau der Ganztagsschulen ist es Leitbild und mit nur geringen inhaltlichen Woche umfassen, und die genaue StundenzahlAngebote im Zuge des Investivprogramms an der Zeit, Bilanz zu ziehen: Wie hat sich Vorgaben gestartet ist. ist ebenso variabel wie die Verbindlichkeit der„Zukunft Bildung und Betreuung“. Vier Mil- eines der größten Reformprojekte im deut- Teilnahme am Ganztag.liarden Euro sind es insgesamt, mit denen die schen Bildungswesen entwickelt? Wie viele Vielfältige Ganztagsschullandschaft Während zum Beispiel in der vollgebunde-Bundesregierung die Entwicklung der Ganz- Schulen machen Ganztagsangebote, wie viele So ist laut der Definition der Kultusminister nen Form alle Schülerinnen und Schüler ver-tagsinfrastruktur bisher gefördert hat. Allein Schüler nutzen diese Angebote, und wie ist eine Schule bereits dann eine Ganztagsschule, pflichtet sind, am Ganztagsangebot teilzuneh-die Höhe dieser Summe ist ein Hinweis auf es um die Qualität der Angebote bestellt? wenn sie an drei Tagen der Woche mindestens men, gilt dies in der teilgebundenen Form nurdie großen Hoffnungen, die mit der Ganztags- Die Bertelsmann Stiftung hat das Deutsche sieben Stunden unterrichtet und die Schüler für einen Teil von ihnen. In der offenen Formschule verbunden sind: Sie soll helfen, Familie Jugendinstitut (DJI) beauftragt, das „Reform- an diesen Tagen ein Mittagessen erhalten. entscheiden sich die Schüler schließlich ganzund Beruf besser miteinander vereinbaren zu projekt Ganztagsschule“ auf den empirischen Bis auf die Vorgabe, dass Ganztagsangebote individuell, ob sie den Ganztag nutzen wol-können. Sie soll dazu beitragen, die Lernkul- Prüfstand zu stellen. Die Mitte 2012 erschie- unter Aufsicht und Einbindung der Schullei- len. Eine Verpflichtung hierzu besteht jedochtur und schulische Praxis weiterzuentwickeln nene Studie „Ganztagsschule als Hoffnungs- tung durchgeführt werden müssen und in nicht. Die Studie des Deutschen Jugendinsti-sowie den Erwerb kognitiver und sozialer träger für die Zukunft?“ zeigt einerseits die einem „konzeptionellen Zusammenhang zum tuts geht vor diesem Hintergrund besondersFähigkeiten zu erhöhen. Nicht zuletzt ist beeindruckende Ausbaudynamik der Ganz- Unterricht“ zu stehen haben, gibt es keine der Frage nach, ob Ganztag in der bisherigenmit Ganztagsschule die ganz große Hoffnung tagsschulen in Deutschland (vgl. Infokasten weiteren pädagogischen Zielsetzungen. Form wirklich einen substanziellen Beitragverbunden, dass sie soziale Benachteiligung S. 3 zum Ausbaustand in den 16 Bundeslän- In Folge ergeben sich teils erhebliche zur Chancengerechtigkeit leistet und her-vermeiden hilft. dern). Sie verdeutlicht andererseits aber auch Unterschiede zwischen den Schulen. Der kunftsbedingte Benachteiligungen ausgleichen
    • 2 | PodiumSchule 1.12kann. Bisherige empirische Befunde zur Leis- überdurchschnittlich viele Angebote, wobeitungsfähigkeit von Ganztagsschulen waren sie auch mit externen Partnern kooperieren.eher enttäuschend. Ein Vergleich der Kompe- Die Schulen bieten überdurchschnittlich ofttenzwerte von Schülern in Ganz- und Halb- Angebote für leistungsstarke und besonderstagsschulen auf der Grundlage von PISA- und begabte Schüler an. Die Lehrkräfte sind aberTIMSS-Daten zeigt zum Beispiel keine besse- grundsätzlich stark auf eine individuelleren Leistungen der Ganztagsschüler. Förderung ausgerichtet. Die Zusammenarbeit im Kollegium ist hoch. Der 45-Minuten-TaktPositive Effekte des Ganztags wurde aufgebrochen. Schulleitungen und Lehr-Die Studie des Deutschen Jugendinstituts kräfte berichten von einer insgesamt freund-zeigt auf, wie das Ganztagspotenzial besser lichen und konzentrierten Lernatmosphäre.genutzt werden kann – und bezieht sich dabei Die Lehrer sind mit der Ganztagsorganisationu. a. auf die Ergebnisse der im vergangenen sehr zufrieden.Jahr erschienenen Studie zur Entwicklung von Cluster 3, „Kooperative Angebotsschule“:Ganztagsschulen (StEG). Der regelmäßige und Die Schulen dieses Clusters zeichnen sichdauerhafte Besuch einer Ganztagsschule hatbei Kindern und Jugendlichen nämlich sehrwohl eine fördernde Wirkung. So verbessertsich zum Beispiel das Sozialverhalten derSchüler. Gleichzeitig steigen ihre Lernmotiva-tion und Freude an der Schule. Der Besucheiner gebundenen Ganztagsschule reduziertschließlich auch deutlich das Risiko, einSchuljahr wiederholen zu müssen. Er hatsogar positive Auswirkungen auf das Famili-enleben: Die Hälfte der in der Ganztagsstudiebefragten Eltern fühlt sich durch die Haus-aufgabenunterstützung an Ganztagsschulenentlastet. Nehmen die Schülerinnen und Schü-ler regelmäßig daran teil und ist die pädagogi-sche Qualität der Angebote ausreichend hoch,… so verbessert sich zum Beispiel das Gute Bedingungen für individuelle Förderung Ausgehend von diesen Mustern hat die StudieSozialverhalten der Schüler. Gleichzeitig steigen des DJI die Schulen auf besondere Merkmale hin untersucht. Es sollte überprüft werden,ihre Lernmotivation und Freude an der Schule. wie die einzelnen Kontext-Faktoren aussehen (z. B. Lage, Schülerschaft, Organisationsform)dann verbessern sich auch die Lernleistungen durch besonders viele Ganztagsangebote und wie sich die Outcome-Faktoren unter-(vgl. StEG-Konsortium 2010). aus. Sie kooperieren stark, und das auch über scheiden (Schulklima, Zufriedenheit etc.). Professionsgrenzen hinweg. Das weitere päda- Hinsichtlich der Kontext-Faktoren zeichnetTypen von Ganztagsschulen gogisch tätige Personal misst der individuellen sich die voll gebundene OrganisationsformIn seiner Studie hat das Deutsche Jugendinsti- Förderung eine hohe Bedeutung bei. Dagegen durch Möglichkeiten aus, die die anderentut nun versucht, mittels einer Clusteranalyse ist die Orientierung der Lehrkräfte auf indivi- Ganztagsformen nicht haben. Sie kann Zeit-unterscheidbare Typen von Ganztagsschulen duelle Förderung eher durchschnittlich aus- strukturen ebenso flexibel gestalten wie diezu identifizieren. Zudem wurden die Merk- geprägt. Der 45-Minuten-Takt wird beibehal- innerschulischen Kooperationen. Dadurch istmale benannt, die sich positiv auf individuelle ten. Die Schulen bieten häufig Angebote für sie auch in der Lage, Ganztagsangebote vielFörderung auswirken und damit das Potenzial Schüler mit Rechenschwächen sowie mit besser konzeptionell mit dem Unterricht ver-haben, zu mehr Chancengerechtigkeit bei- psychosozialen oder motorischen Problemen. knüpfen zu können.zutragen. Bei der Klassifikation hat sich das Sogar geschlechtsspezifische Angebote sind Gebundene Ganztagsschulen haben häufi-DJI an drei unmittelbar ganztagsrelevanten hier häufig zu finden. ger veränderte Zeitstrukturen und zeichnenDimensionen orientiert: Cluster 4, „Angebotsschule“: Schulen in sich durch eine engere Verbindung von An-• der Angebotsgestaltung (Angebote zur dem kleinsten Cluster machen ihren Schülern gebot und Unterricht aus. In voll gebundenen Leistungsförderung, zur sozialen Förderung überdurchschnittlich viele Angebote. Viele Ganztagsschulen finden sich demnach ganz- sowie zur Freizeit und Betreuung), dieser Angebote sind auf leistungsstarke Schü- tagsspezifische Merkmale stärker ausgeprägt• der professionellen Kooperation (unter- als in den anderen Formen. Das ermöglicht richtsbezogener Austausch zwischen den Ausprägung der Merkmale eine bessere individuelle Förderung. Lehrkräften, Zusammenarbeit im Unter- in den Clustern der Sekundarstufe I Im Kern kommt die Studie zu dem Ergeb- richt, schulbezogener Austausch zwischen nis, dass die Wirksamkeit von Ganztagsschule den Lehrkräften) und 33% vor allem von zwei Faktoren abhängt: der Qua-• der Zeitstrukturierung (alternative Unter- herkömmliche Schule lität ihrer Angebote und der Frage, wie regel- richtsrhythmen statt 45-Minuten-Takt). Zeitstrukturierung mäßig der einzelne Schüler daran teilnimmt.Zusätzlich aufgenommen wurde die Frage, in Kooperation Angebotsgestaltungwelchem Umfang Lehrkräfte und das weitere In Qualität investieren individuelle Förderungpädagogische Personal auf die individuelle ler oder andere spezifische Schülergruppen Vor diesem Hintergrund kann das HauptzielFörderung von Kindern und Jugendlichen aus- ausgerichtet. Trotzdem sind weder Lehrkräfte nur in einem bestehen: Wir müssen eingerichtet sind. Im Ergebnis ließen sich für die 25% noch das übrige pädagogische Personal beson- qualitativ hochwertiges Ganztagsangebot Rhythmisierte SchuleSchulen der Sekundarstufe I vier Cluster iden- ders auf eine individuelle Förderung ausge- entwickeln, das alle Kinder und Jugendlichen Zeitstrukturierungtifizieren: richtet. Kooperationen sind im Vergleich nur nutzen können. Der Weg zu einem solchen Kooperation Cluster 1, „Herkömmliche Schule“: In dem unterdurchschnittlich entwickelt. Die Schulen flächendeckenden Ganztagsschulsystem ist Angebotsgestaltungzahlenmäßig größten Cluster (33 Prozent aller individuelle Förderung dieses Clusters bleiben mehrheitlich beim allerdings alles andere als einfach – und auchuntersuchten Ganztagsschulen) sind Schulen 45-Minuten-Takt. Die Schulleitungen sehen finanziell eine Herausforderung. Der Bildungs-vertreten, die in fast allen vier Dimensionen drohendes Schulversagen übermäßig häufig forscher Klaus Klemm hat berechnet, wie 25%nur unterdurchschnittliche Ausprägungen Kooperative Angebotsschule als eine Problemlage ihrer Schule und neh- teuer es den Staat käme, wenn er allen Kin-aufweisen. Der Umfang ihrer Angebote und Zeitstrukturierung men zugleich die räumliche Lernatmosphäre dern Zugang zur gebundenen GanztagsschuleKooperationen ist grundsätzlich gering. Das Kooperation als unterdurchschnittlich freundlich wahr. ermöglicht: Der flächendeckende Betrieb vongilt auch für besondere Unterstützungsan- Angebotsgestaltung Fasst man alle Befunde zusammen, wird gebundenen Ganztagsschulen könnte demnachgebote. Individuelle Förderung wird entspre- individuelle Förderung deutlich, dass die „herkömmliche Schule“ nur Mehrkosten von bis zu zehn Milliarden Eurochend nicht besonders fokussiert und der wenige ganztagsspezifische Merkmale auf- pro Jahr bedeuten.Unterricht geschieht größtenteils im 45-Minu- 16% weist. Dem gegenüber steht die „rhythmisierteten-Takt. Die Teilnahmequoten am Ganztag Angebotsschule Schule“. In ihrem Fall sind die untersuchten Mehr Chancengerechtigkeit durchsind unterdurchschnittlich. Die Schulen dieses Zeitstrukturierung Ganztagsspezifika stark ausgeprägt. Damit GanztagsangeboteClusters weisen unterdurchschnittliche Werte Kooperation entspricht sie fast dem Idealbild einer gelun- Das ist natürlich nur die fiskalische Betrach-bei der Gesamtbewertung des Ganztagsange- Angebotsgestaltung genen Ganztagsgestaltung (vgl. Abb. links). tung. Bezogen auf die jungen Menschen wärebots auf. individuelle Förderung Zwischen beiden Extremen gibt es Formen das eine Investition in Bildung und damit in Cluster 2, „Rhythmisierte Schule“: Bei des Ganztags, in denen entweder die Ange- die Zukunft. Der Ausbau der Ganztagsschulenden Schulen dieses Clusters überwiegt die voll botsseite oder die Kooperationskultur stärker zahlt sich für alle Kinder und Jugendlichen überdurchschnittlich durchschnittlich unterdurchschnittlichgebundene Form. Sie machen ihren Schülern entwickelt ist. aus – unter dem Aspekt der Chancengerech-
    • PodiumSchule 1.12 |3Vor allem aber müssen Ganztagsschulen mehrsein als Halbtagsschulen, die ihre Kinder morgensunterrichten und nachmittags verwahren.tigkeit aber besonders für die Schüler, die laut von Möglichkeiten für informelles, sozialesaktuellem Bildungsbericht 2012 immer noch und interkulturelles Lernen. Sie stellen Sport-zu den Bildungsverlierern in Deutschland zäh- und Kulturangebote bereit, die Kindern auslen. Dazu gehört fast jedes fünfte Kind. Der bildungsfernen Familien sonst nicht zugäng-Ausbau des Ganztags muss also zuerst in den lich sind. Schule, die so aufgestellt ist, wirdsozialen Brennpunkten der Städte beginnen. zum Lern- und Lebensraum für alle KinderDort ist der Bedarf an passgenauen Unter- und Jugendlichen.stützungsangeboten für benachteiligte Schüleram größten. Zur weiteren Entwicklung gehört, Drei Beispiele aus der Praxisdass sich die derzeit noch unverbindlichen Wie sich solche Ganztagsschulen schon heute ehrenamtlichen Helfer würde der Ganztag hier sind, sich selbst erproben dürfen und die Weltoffenen Ganztagsschulen in verbindliche ge- in der Praxis darstellen und behaupten, das nicht funktionieren (vgl. Beitrag auf S. 10). erkunden können. Entsprechend plädiert Oggibundene wandeln. Schließlich wäre auch ein zeigen die Beispiele in dieser Ausgabe des So unterschiedlich sie auch sind, die drei Enderlein eindrücklich dafür, die Belange derRechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz Podiums Schule: Die Münsteraner Grund- Praxisbeispiele machen deutlich, dass sich an Kinder stärker ins Blickfeld zu rücken unddenkbar (so wie heute schon bei den Kita-Plät- schule Berg Fidel ist zum Beispiel eine inklu- diesen Schulen eine neue Lehr- und Lernkul- ihnen genug Freiraum zu geben. Dann wirdzen). Dieser rechtlich durchsetzbare Anspruch sive Ganztagsschule im sozialen Brennpunkt, tur entwickelt hat. Eine Lehr- und Lernkultur, Schule für alle Beteiligten – auch die Erwach-könnte dazu beitragen, dass der quantitative die sich mit altersgemischten Klassen, indi- die an den Bedarfen und Bedürfnissen der senen – befriedigender und erfolgreicher.und qualitative Ausbau schneller gelingt. vidueller Förderung, einem rhythmisierten Kinder und Jugendlichen ausgerichtet ist, die Schultag und multiprofessionellen Teams es den Lehrkräften und dem weiteren päda-Merkmale gelingender Ganztagsschulen erfolgreich auf die Vielfalt der Kinder einstellt gogisch tätigen Personal ermöglicht, Schüler Kontakt Christian Ebel | christian.ebel@bertelsmann-stiftung.deVor allem aber müssen Ganztagsschulen mehr (vgl. Beitrag auf S. 7). individuell zu fördern und zu unterstützen – Rüdiger Bockhorstsein als Halbtagsschulen, die ihre Kinder mor- Die Berliner Heinz-Brandt-Schule, eine inte- auch und gerade über den Unterricht hinaus. ruediger.bockhorst@bertelsmann-stiftung.degens unterrichten und nachmittags verwahren. grative Sekundarschule im Stadtteil Weißen-Solche Schulen werden von den Eltern nicht see, befindet sich seit dem Schuljahr 2010/11 Das Kind im Mittelpunkt Literaturhinweise:mitgetragen. Der kulturelle Wandel zur Ganz- auf dem Weg zum gebundenen Ganztag (vgl. Die Kinder- und Jugendpsychologin Oggi Bildung in Deutschland 2012. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur kulturellen Bildungtagsschule ließe sich dann politisch auch nur Beitrag auf S. 9). Ihr Beispiel zeigt, wie vor- Enderlein beschäftigt sich schon seit vielen im Lebenslauf. Herausgeber: Autorengruppenoch schwer durchsetzen. „Echte“ Ganztags- aussetzungsreich der Ganztagsbetrieb im Jahren mit der Frage, was es für Jungen und Bildungsberichterstattung, Bielefeld 2012.schulen müssen mehr leisten. Sie zeichnen Hinblick auf Ressourcen, Räumlichkeiten, Mädchen bedeutet, wenn sie nicht nur ihren Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Ganztagsschule alssich u. a. dadurch aus, dass Lernen und Erho- Mittagsversorgung und verlässliche Koopera- Vormittag, sondern auch den Nachmittag in Hoffnungsträger für die Zukunft? Ein Reformprojekt auflungsphasen während des Tages abwechseln, tionsstrukturen innerhalb und außerhalb der der Schule verbringen. Im Interview auf S. 5 dem Prüfstand. Expertise des Deutschen JugendinstitutsSport und Musik verstärkter Teil des Curricu- Schule sein kann. beschreibt die Expertin, wie Ganztagsschule (DJI) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2012.lums sind und Selbstlernphasen schließlich Seit anderthalb Jahren ist auch die Ham- dazu beitragen kann, Kindern verloren gegan- Ganztagsschule: Entwicklung und Wirkungen, herausgegebengenauso zum Schulalltag gehören wie koope- burger Stadtteilschule Poppenbüttel Ganztags- gene Lebensqualität wiederzugeben. Voraus- vom Konsortium der Studie zur Entwicklung vonrative Gruppenarbeitsphasen und gelenkter schule. Sie setzt bei der Ausgestaltung des setzung ist eine Ganztagsschule, die den Ganztagsschulen (StEG) www.ganztagsschulen.org/_Unterricht. Ganztagsschulen, die so aufgestellt Ganztags vor allem auf die Hilfe der Men- Bedürfnissen und Interessen der Kinder Rech- downloads/Ergebnisbroschuere_StEG_2010-11-11.pdfsind, ermöglichen die individuelle Förderung schen und Einrichtungen im Stadtteil: Schule, nung trägt: Kinder und Jugendliche brauchen Klaus Klemm: Was kostet der gebundene Ganztag? Berechnungen zusätzlicher Ausgaben für die Einführungihrer Schüler. Sie stellen sicher, dass das die ihren Kindern von acht bis 16 Uhr pädago- Zeit- und Erfahrungsräume, die ihren altersge- eines flächendeckenden Ganztagsangebots inErlernte geübt, wiederholt und gefestigt wird. gisch sinnvolle Angebote machen will, braucht mäßen Bedürfnissen gerecht werden. Dazu Deutschland im Auftrag der Bertelsmann Stiftung,Darüber hinaus eröffnen sie aber eine Vielzahl Partner. Ohne die vielen professionellen und gehört, dass sie mit Gleichaltrigen zusammen Gütersloh 2012. Ausbau der Ganztagsschulen Anteil der Schüler im Ganztagsschulbetrieb an allen Schülern 2009/2010 bis 2010/2011 Allgemein bildende Schulen in öffentlicher und privater Trägerschaft kommt voran Angaben in Prozent Immer mehr Schulen in Deutschland stellen auf Ganztagsbetrieb um: Im Schuljahr 2010/11 Anteil in Prozent 34,5 37,9 25,2 machte mehr als jede zweite Schule Ganztagsangebote (51,1 Prozent). Gegenüber dem Schul- 2009/2010 21,1 54,8 jahr zuvor bedeutet dies einen Anstieg um mehr als acht Prozent. Allerdings nimmt nicht 2010/2011 19,4 47,1 9,9 einmal jeder dritte Schüler die Ganztagsangebote wahr: Im Schuljahr 2010/11 waren das % Steigerung 45,0 48,0 Schleswig-Holstein 28,1 Prozent, eine Steigerung von 4,5 Prozent gegenüber einem Jahr davor. 16,4 Mecklenburg- Beim quantitativen Ausbau bestehen große Unterschiede zwischen den Bundesländern. 26,2 Vorpommern 22,5 6,7 Die meisten Ganztagsschulen gibt es in Sachsen mit 96,5 Prozent aller Schulen. Den bundes- 42,5 45,6 weiten Schnitt heben zudem Bundesländer wie das Saarland mit 93,8 Prozent, Berlin mit 16,4 Hamburg 83,3 Prozent und Thüringen mit 78,6 Prozent. Die Schlusslichter Baden-Württemberg und Bremen 27,4 31,1 7,3 Berlin Sachsen-Anhalt kommen auf 26,7 Prozent bzw. 24,6 Prozent. 21,2 22,4 13,5 In einigen Bundesländern ist die Ausbaudynamik beim Ganztag besonders beeindruckend: 5,7 27,8 30,7 Brandenburg In Niedersachsen und Schleswig-Holstein stieg der Anteil der Ganztagsschulen binnen eines Niedersachsen Sachsen-Anhalt Schuljahres um rund 30 Prozent. Allerdings bleiben beide Länder – Niedersachsen mit 10,4 52,6 52,6 38,9 Prozent und Schleswig Holstein mit 50,6 Prozent – noch immer unter dem Bundes- 72,7 73,3 durchschnitt. Die Chancen auf den Besuch einer Ganztagsschule sind demnach im Bundes- Nordrhein-Westfalen 33,5 37,6 gebiet sehr ungleich verteilt. 0,0 12,2 Was die Teilnahme der Schüler am Ganztag angeht, haben Bayern und das Saarland 18,5 20,3 0,8 Sprünge von 23 Prozent gemacht. Allerdings ist Bayern mit 10,5 Prozent Ganztagsschülern Hessen 26,9 28,1 19,7 9,7 immer noch das Schlusslicht in Deutschland und gehört mit dem Saarland (19,7 Prozent) und 15,9 Thüringen 4,5 Baden-Württemberg (15,7 Prozent) zu den Bundesländern, wo nicht einmal jeder fünfte Schü- 23,9 Rheinland-Pfalz ler eine Ganztagsschule besucht. Im Spitzenreiterland Sachsen dagegen nehmen fast drei Saarland 25,6 8,5 10,5 Sachsen Deutschland Viertel aller Schüler, nämlich 73,3 Prozent, am Ganztag teil (vgl. Abb. rechts). 15,7 23,5 Eine regelmäßige Teilnahme ist am Ganztag nur in der gebundenen Ganztagsschule Bayern -38,7 garantiert. Zugang zu einer gebundenen Ganztagsschule, in der die Teilnahme am ganz- Baden-Württemberg tägigen Unterricht für alle Schüler verbindlich ist, haben lediglich 12,7 Prozent der Schüler (Vorjahr: 11,9). Allerdings bedeutet das eine Steigerung um fast 7 Prozent gegenüber dem vorherigen Schuljahr. Damit sich daraus eine Dynamik entwickelt, die eine klare Richtung angibt, bedarf es Anmerkung: Für die Länder HE, NI und ST liegen keine Angaben über private Ganztagsangebote vor, die Zahlen beziehen sich auf öffentliche Angebote. zunächst einer konzeptionellen Klärung, was eine gute Ganztagsschule ausmacht, und nicht Quelle: Allgemein bildende Schulen in Ganztagsform in den Ländern in der Bundesrepublik Deutschland – zuletzt Anreize und Ressourcen für die Schulen, die sich zu gebundenen Ganztagsschulen Statistik 2006 bis 2010, Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin, 3.4.2012, Seite 30*, sowie Berechnungen von Prof. Klaus Klemm. entwickeln wollen. Link www.bertelsmann-stiftung.de/ganztag
    • 4 | PodiumSchule 1.12 Was macht das besondere Profil und die Identität einer Ganztagsschule aus? Interview mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München und Professor an der Universität DortmundWas sind die Hauptargumente für die Ganztags- immer mehr Befürworter gefunden, die davonschule? überzeugt waren, dass diese der Weg in dieDer Umstand, dass heutzutage alle Bundes- bildungspolitische Zukunft ist.länder Ganztagsschulen auf ihre Fahnengeschrieben haben und den Ausbau voran- So einhellig der grundsätzliche Kurs scheint,treiben, hat vor allem mit zwei Punkten zu der Ausbau von Ganztag sowie die Qualität dertun. Die eine Seite der Medaille ist, das darf Einzelangebote ist für die Schüler im Ergebnisman nicht unterschätzen, die bessere Verein- aber eher ein Lotteriespiel – abhängig vonbarkeit von Familie und Beruf. Müttern, die Bundesland, Wohnort und Schule. Von Chancen-Kinder im Schulalter haben, wird dadurch in gleichheit keine Spur, oder?vielen Fällen überhaupt erst eine Erwerbstä- Ich würde das, etwas modifiziert, sogar nochtigkeit ermöglicht. Das ist ein Motiv, das zwar anders zuspitzen. Deutschland hat sich zwarkeinen unmittelbaren Bildungshintergrund – mehr oder minder beiläufig – auf den Weghat, es prägt aber wesentlich die Lebenslage gemacht, den Ganztag zu einem flächendecken-von Familien mit Kindern und Jugendlichen. den Regelangebot auszubauen. Das ist aber Ein hoher Ministerialbeamter in einem geschehen, ohne überhaupt eine konzeptionellesüddeutschen Ministerium sagte mir einmal, Debatte darüber zu führen; ohne eine Leitideemit Blick auf die berufstätigen Mütter in den damit zu verbinden, was wir mit der Ganztags-Handwerksbetrieben sei die Lage dort bis- schule eigentlich wollen. Also: Ganztagsschule der Vielfalt und Heterogenität nicht doch Sie können eine inhaltliche Debatte nichtweilen so prekär, dass man sich ideologische war die Antwort. Was aber war die Frage? bestimmte Gemeinsamkeiten abzeichnen. ersetzen. Wir müssen uns also weiterhin denDebatten zum Thema Ganztag einfach nicht Im Grunde genommen wurde diese Frage Im Ergebnis konnten wir anhand dieser ganz- Kopf zerbrechen.mehr leisten könne. Besonders im mittelstän- unbeantwortet nach unten durchgereicht. tägigen Schulen vier „Cluster“ identifizieren: Meine Idee vom Ganztag grenzt sich indischen Bereich und bei den kleinen Familien- Einerseits durfte der Bund sich inhaltlich nicht die eher herkömmliche Schule, die kooperative erster Linie gegen zwei suboptimale Formenbetrieben auf dem Land fehlt den Unterneh- einmischen, also keine konzeptionellen Vorga- Schule, die Angebotsschule und die rhythmi- ab. Die erste, wenig überzeugende Variante sierte Schule. sähe so aus: vormittags Unterricht – also der Ernst des Lebens – und nachmittags FreizeitWir müssen nicht mehr am 45-Minuten-Takt Hätte man zuvor mehr entwickeln, erproben und und Erholung – also Sport, Spiel und Span- überprüfen müssen? nung. Ein in dieser Hinsicht zweigeteilter Tagfesthalten, können wichtige Entspannungsphasen Von heute aus betrachtet hat es vielleicht zwischen Ernst und Spaß, zwischen kognitiver nicht nur Nachteile, so offen begonnen zu Bildung und „Wellness-light“ für Kinder wäreso integrieren, dass die Schüler konzentriert haben. Ansonsten hätte Deutschland vor lauter kein gelungenes Muster für den Ganztag. ideologischen Grundsatzdebatten vermutlich Ein zweites Muster von Ganztag wäre fürarbeiten und die schulischen Anforderungen nie mit dem Ausbau angefangen. Vor zehn mich ebenfalls keine wünschenswerte Ent- Jahren wusste schließlich – jenseits von wicklung. Dieses lautet: Die Ganztagsschulesich besser auf den gesamten Tag verteilen. Hoffnungen und Wünschen – noch keiner ist im Kern nur für die Bildungsschwächeren so genau, wohin sich das Ausbauprojekt ent- da. Wenn man aus der Perspektive betroffenermen am Nachmittag das weibliche Personal, ben machen. Andererseits waren die Länder wickeln sollte. Dafür stehen wir jetzt umso Jugendlicher sieht, so besteht die Gefahr, dassda die Mütter dann nach Hause müssen, um auf dieses Projekt nicht vorbereitet, mussten mehr vor der bildungspolitischen Notwendig- sie den Ganztag wie eine Strafe für das eigeneihre Kinder zu versorgen. jedoch relativ schnell handeln. So wurde die keit, diese ausgefallene Grundsatzdebatte zum „Schulversagen“ empfinden – als Nachsitzen, Frage der Gestaltung des Ganztags letztlich Ganztag nachzuholen. Mittlerweile können als eine Art Übergang „vom Halbtags- zumDas ist ein wirtschaftlicher Aspekt. Was spricht an die einzelnen Schulen weitergereicht. Länder auf mehrjährige Erfahrungen mit der Ganztagsschulknast“. Daher wäre es eineaus pädagogischer Sicht für den Ganztag? Ganztagsschule zurückblicken. Nun müssen fatale Botschaft, wenn vor allem Haupt- undDas ist die andere Seite der Medaille. Also war bzw. ist letztendlich die einzelne Schule wir uns hinsetzen und uns bildungspolitisch Sonderschulen zu Ganztagsschulen werden,Zunächst einmal kann durch den Ganztag der in der Pflicht, den Ganztag zu gestalten?Unterricht anders rhythmisiert werden. Wirmüssen nicht mehr am 45-Minuten-Takt fest- Ja. Wie der Ganztag an einer bestimmten Schule aussieht, ist in die Verantwortung von Daher wäre es eine fatale Botschaft,halten, können wichtige Entspannungsphasenso integrieren, dass die Schüler konzentriert Schulleitung und Kollegium gestellt worden. Darin begründet sich die breite Vielfalt von wenn vor allem Haupt- und Sonderschulenarbeiten und die schulischen Anforderungensich besser auf den gesamten Tag verteilen. Ganztagsschulen, wie wir sie heute vorfinden. Deshalb gibt es bis heute auch keine allge- zu Ganztagsschulen werdenDas ist die Grundlage, auf der dann auch meingültige Antwort darauf, was das beson-individuelle Förderung besser gelingt. Außer- dere Profil und die Identität einer Ganztags- darüber verständigen, wie eine einigermaßen damit die Jugendlichen dieser Schulen vondem ermöglicht erst der auf den ganzen Tag schule ausmacht, etwa im Unterschied zur vernünftige Rahmung des Ganztagsbetriebs der Straße sind, nicht auf dumme Gedankenverteilte Unterricht, dass andere, nicht-unter- halbtägigen Unterrichtsschule. aussehen könnte, was wir damit erreichen kommen und zugleich zu mehr Nachhilferichtliche Angebote sehr viel gezielter in die Das ist der Hintergrund, vor dem wir uns wollen und wohin die Reise geht. verdonnert werden können. Das wäre in derSchule eingebunden werden können. als Deutsches Jugendinstitut eine Auswahl Tat keine sonderlich attraktive Vision einer Beide Motive zusammen haben dazu von 225 Schulen aus der StEG-Studie einmal Wie sähe der Ganztag aus, den Sie gestalten zukünftigen Ganztagsschule.geführt, dass die Länder relativ einhellig auf genauer angeschaut haben. Wir wollten wis- dürften? Welche Form hätte er?den Kurs des Bundes eingeschwenkt sind sen, welche typisierbaren Muster des Ganz- Zunächst mal muss ich betonen, dass die vier Und was ist für Sie beim Ganztag das zentraleund gesagt haben: Okay, dann beteiligen wir tagsbetriebs sich bei diesen Schulen, ohne von uns identifizierten Ganztagsschulformate Element?uns auch an diesem Ausbauprojekt. In dieser einheitliche Vorgabe, faktisch herausgebildet keine normativen Konzepte sind. Sie sind Meine favorisierte Form von GanztagsschulePhase hat die Ganztagsschule in Deutschland haben. Die Kernfrage lautete also, ob sich in Resultat empirischer Ergebnisse. Das heißt: unterscheidet deutlich zwischen einem unter-
    • PodiumSchule 1.12 |5richtsbezogenen und einem nicht-unterrichts-bezogenen Teil. Das berührt konkret drei ver- Die Schulen vor Ort wissen am besten, gefordert, wäre aber personell, finanziell und rechtlich nicht einfach aus dem Standschiedene Aspekte. Erstens: Nicht alles, wasman Kindern an Gutem angedeihen lassen wie es in ihrem Stadtteil, in ihrem direkten zu machen. Gleichwohl könnte es ein Weg in diese Richtung sein, wenn sich die Politikwill, muss in Form von Unterricht gemachtwerden. Wir haben uns viel zu sehr auf den sozialräumlichen Umfeld aussieht. verpflichtet, den Kindern und Eltern – wie schon im Kita-Bereich – einen GanztagsplatzUnterricht als einzige zielführende schulische zu garantieren. Diese Verpflichtung könnteVermittlungsform versteift. Zweitens: Das Themen, Module und Gelegenheiten enthal- gefordert; was Anregungen und Impulse zum Beispiel zu einem Zeitpunkt in fünf Jah-Bildungskonzept des Ganztags wird gezielt ten: Computer- und Internetkurse, Kochkurse, von außen ja nicht ausschließt. Die Schulen ren wirksam werden. Der dann bestehendeauf den gesamten Tag ausgeweitet, also vom handwerkliche Projekte, soziale Projekte, vor Ort wissen am besten, wie es in ihrem Rechtsanspruch könnte für die EntwicklungGrundsatz her von der Frage des Unterrichts Konflikttrainings, entwicklungspolitische Stadtteil, in ihrem direkten sozialräum- des Ganztags eine entscheidende Weichenstel-entkoppelt. Drittens: Bildung wird hierbei sehr oder stadtteilbezogene Hilfsprojekte, Service lichen Umfeld aussieht. Dafür muss sich lung sein. Allerdings sollte die Schulpflichtviel breiter gedacht als im herkömmlichen Learning, gemeinsam organisierte Musik-, Schule in den lokalen Sozialraum öffnen, bis auf Weiteres nicht auf den Ganztag aus-Format des Fachunterrichts und seiner kogni- Tanz- oder kulturelle Projekte, Sportprogram- muss sie sich selbst als Teil einer regiona- geweitet werden. Nur für die, die den Ganztagtiven Ausrichtung auf Wissensvermittlung. me – und das alles jenseits der Zwänge von len Bildungslandschaft verstehen, bei der wollen, sollten entsprechende Angebote zur Die Konsequenz dieses Dreischritts liegt Notengebung und Unterricht. Dabei sollten ihre Partner Musikschulen, Jugendkunst- Verfügung stehen. Diese behutsame Vorge-darin, dass das gesamte Angebot für den diese Angebote auf jeden Fall so organisiert schulen, die Kinder- und Jugendarbeit, der hensweise löst schon von ganz allein eineGanztag unter Bildungsgesichtspunkten zu werden, dass es den Kindern auch Spaß macht, Sportverein, die Kirche, die Schreinerei um Dynamik aus, die in kurzer Zeit zu einerbetrachten ist. In der Konsequenz entscheidet sie aber gleichzeitig etwas lernen und sich vor die Ecke oder das ortsansässige Software- etablierten Ganztags-Schullandschaft führensich die Frage, ob etwas nun Bildung ist oder allem selbst einbringen können, also nicht nur Unternehmen gleichermaßen sein können. wird – dann aber eben auf freiwilliger Basis.nicht, nicht mehr daran, ob es in eine Unter- Konsumierende sind. Es sollten Themen vor- In einem attraktiven, nicht-unterrichtlichenrichtsform gezwängt und zum Schluss durch kommen, die gemeinhin kein Gegenstand im Bildungspaket ist Bewegung und Sport Wenn es denn zuvor politisch gewollt ist …Noten zertifiziert werden kann, sondern ob es Unterricht, aber dennoch „lebenswichtig“ sind. genauso enthalten wie musisch-kreative Klar, zunächst muss die Politik diese Selbst-die Handlungsfähigkeit der Kinder stärkt und Es sollten Methoden und Formen der Beteili- Elemente, sind handwerkliche oder techni- verpflichtung eingehen. Sie muss an denverbessert. Wir müssen also unsere Bemühun- gung zum Tragen kommen, die nicht unbe- sche Tätigkeiten ebenso im Angebot wie Punkt kommen, dass sie erkennt: „Irgendje-gen darauf ausrichten, welche Kompetenzen dingt mit herkömmlicher Schule in Verbindung spielerische oder erlebnispädagogische mand in dieser Gesellschaft verlässt sich aufund welches Rüstzeug Kinder zu Beginn des gebracht werden. Und es sollte unbedingt auch Elemente. Der Gedanke an Notengebung das, was wir hier tun. Deswegen muss es21. Jahrhunderts auf dem Weg zum Erwach- Orte und Freiräume für Peer-Learning geben, sollte dabei weit weg sein. Was dafür aber unser gemeinsames Ziel werden, und deshalbsenwerden benötigen – wozu sie konkret be- also für Lerngelegenheiten, in denen die im Vordergrund stehen sollte, das sind das beschließen wir es auch politisch“.fähigt werden müssen. Und das ist weit mehr Jugendlichen untereinander die Welt gemein- Interesse und der Spaß an der Sache.als fachgebundene, kognitive Wissensaneig- sam auf eigene Faust entdecken können.nung. Das ist ein Gesamtpaket aus kultureller, Sollten alle Schulen zum Ganztag wechseln?praktischer, sozialer und personaler Bildung. Die Wahl der konkreten Ganztags-Angebote und Das ist eine legitime Frage zum falschen Kooperationen liegt dann in der Verantwortung Zeitpunkt. Ich halte es vor Ende des Jahr-Wie sähe das praktisch aus? der Schulen? zehnts für wenig zielführend, eine Ganz-Ein solches Bildungskonzept kann – neben Ja. Spätestens bei der konkreten Ausgestal- tagsschulpflicht ernsthaft in Erwägung zu Kontaktdem Unterricht – völlig unterschiedliche tung sind die Schulen auf kommunaler Ebene ziehen. Diese wird zwar immer wieder Prof. Dr. Thomas Rauschenbach | rauschenbach@dji.de Wie muss die Schule sein, Frau Enderlein, warum beschäftigen Sie sich als Kinder- und Jugendpsychologin mit dem Ganztag? Stresskopfschmerzen steigen zum Beispiel mit der dritten Klasse deutlich an – also in einer Phase, in der es darum geht, wohin kommt die dem Kind gerecht wird? Es gab mal irgendwann einen Impuls für die mein Kind nach der Grundschule? Auch in der Ganztagsschule, der durch verschiedene Fak- sechsten und siebten Klasse beobachten wir toren hervorgebracht wurde. Dazu gehörte der eine Zunahme bei Stresskopfschmerzen. Und PISA-Schock, die Berufstätigkeit beider Eltern eigentlich verwundert es nicht. Wir müssen Interview mit der Kinder- und Jugendpsychologin bzw. von Alleinerziehenden, die warme Mit- uns nur mal anschauen, welchen Arbeitstag tagsmahlzeit oder die Förderung von Migran- wir unseren Kindern zeitlich und inhaltlich Oggi Enderlein tenkindern – eine Pauschalisierung, die mich zumuten. übrigens immer sehr geärgert hat: Migrant gleich bildungsschwach. Die Frage allerdings, Die Halbtagsschule ist also die falsche Schulform, was das alles eigentlich konkret für die Kinder um das bestehende Lehr- und Lernpensum schaf- bedeutet oder wie zu diesem Thema die Kin- fen zu können? derperspektive aussieht, wurde nicht gestellt. Ja, werfen Sie doch einfach mal einen Blick Als Psychologin erlebe ich nun jeden Tag, auf die weiterführende Schule. Wenn wir die wie Kinder unter den heutigen Lebensbedin- Unterrichts-, Hausaufgaben- und Lernzeiten gungen leiden. Es kommt nicht von ungefähr, zusammenfassen, dann arbeiten hier junge dass in den Kinderarztpraxen die psychosoma- Menschen mehr als 60 Stunden die Woche. tischen Störungen den Infektionskrankheiten Das Ganze passiert auch noch unter einem Die größte Angst von Kindern in Deutschland ist die Angst, in der Schule zu versagen. den Rang ablaufen. Verhaltensprobleme und erheblichen emotionalen Druck. Die größte Belastungsstörungen stehen hier immer mehr Angst von Kindern in Deutschland ist die im Vordergrund. Wir fragen aber in der Regel Angst, in der Schule zu versagen. Sie rangiert nicht danach, warum es den Kindern schlecht noch vor der Angst, dass den Eltern oder den geht, sondern behandeln sie mit Psychophar- Kindern selbst etwas zustoßen könnte. Das ist maka. bereits in der Grundschule so. Dieser Druck, Was wir auch – gerade in Schule – viel zu den Schule ausübt, der macht sich dann in wenig verstehen wollen, ist: Kinder machen Form psychischer Probleme bemerkbar. Und Probleme, wenn sie Probleme haben. Bei uns das ist nur eine Facette des Ganzen. Der UN- wird traditionell als Erstes nach einem Fehl- Kinderrechtsreport 2010 weist sehr deutlich verhalten aufseiten der Eltern gesucht. Was aus, wo und wie stark Kindern heute in der die Kinder selbst betrifft, die werden irgend- Schule die Luft zum Lernen und Leben wie repariert. In der Altersstufe 10 bis 14 Jahre genommen wird. wird Ritalin häufiger verschrieben als Erkäl- Der Schlüsselsatz beim Thema Ganztag lau- tungs- und Grippemittel. Das Schlimme ist tet: Wir müssen nicht schauen, wie die Kinder einfach, dass Kinder in diesem Alter daran sein müssen, um der Schule gerecht zu wer- gemessen werden, wie sie sein sollen. Und den. Die Frage lautet vielmehr: Wie muss die wir Erwachsene tun dann alles, damit sie Schule sein, die dem Kind gerecht wird? Unter dorthin kommen. diesem Gesichtspunkt ist die Entwicklung der Der Druck von Schule spielt bei kindlichen Ganztagsschule für die Institution Schule eine Belastungsstörungen eine ganz starke Rolle. große Chance.
    • 6 | PodiumSchule 1.12Aber früher hat die Halbtagsschule doch auch theoretischer Hinsicht völliger Humbug. Das haupt den Anschluss halten wollen. Das Wie sieht dann Ihre Form der optimalen Ganz-funktioniert. Was hat sich verändert? ist nicht nur meine persönliche Überzeugung, schürt dann eine grundlegende Angst, die tagsschule aus?In früheren Generationen, die mit der Halb- sondern aus neurobiologischer Sicht erwiesen. eigenen Kinder würden nicht ausreichende Ideal wäre aus meiner Sicht die gebundenetagsschule aufgewachsen sind, hatten Kinder Lernen funktioniert nur, wenn es genug Bildungschancen und -möglichkeiten kriegen. Ganztagsschule. Sie bietet verlässliche Struk-noch Freiräume. Die fanden sich nach Schul- Abstand zwischen den einzelnen Inhalten gibt, Dann sitzen also Papa und Mama – abends turen. Wenn alle Kinder verlässlich bis umschluss draußen auf der Straße, auf dem die Schule vermittelt. Kinder brauchen Zeit oder auch am Wochenende – zu Hause am 16 Uhr anwesend sind, lassen sich ganzBolzplatz oder beim Spielen im Wald. Diese um nachzudenken, Neues zu verarbeiten, den Tisch und büffeln und pauken mit ihren andere Unterrichtsformen verwirklichen.Räume waren außerhalb der direkten Anlei- Kopf zu entspannen und den Körper zu bewe- Kindern. Das führt natürlich zu Konflikten Dann können Kinder auch mal häufiger austung und Aufsicht von Erwachsenen. Die Kin- gen. In sechs aufeinanderfolgenden Schulstun- in der Familie, wenn wieder Hausaufgaben der Schule rausgehen. Schule ist schließlichder konnten sich dort den Kopf frei spielen, den kann das nicht gelingen. oder Testvorbereitungen anstehen. Vor allem keine geschlossene Anstalt. Man kann Koope-gleichzeitig aber ganz viele praktische und aber sind wir hier am unteren Ende der rationen durchaus so einrichten, dass die Kin-soziale Kompetenzen erwerben. Sie haben im Sie sind also kein Verfechter der 45-Minuten- Angst-Kaskade angelangt, dort also, wo der der im Umfeld der Schule Möglichkeiten zumKreis anderer Kinder gespielt, mussten sich Schulstunde? ganze schulische Druck schlussendlich landet: Spielen, Experimentieren oder Lernen haben.dort behaupten und haben ihre Grenzen erfah- Nein, überhaupt nicht. Es ist erstaunlich, dass bei den Kindern. Der Wechsel zwischen Kopfarbeit und körper-ren, wenn es um körperliche oder seelische wir immer noch vermitteln müssen, dass die lichen Phasen lässt in einem Rahmen von achtVerletzungen ging. Kinder haben Dinge unter- Einteilung des Unterrichts in 45-Minuten-Ein- Welche Rolle spielt die Schulleitung für einen bis 16 Uhr viel besser rhythmisieren, weileinander ausgehandelt, ohne dass direkt ein heiten kein Naturgesetz ist. Es besteht die erfolgreichen Ganztag? dafür einfach genug Zeit da ist.Erwachsener dazwischen gegangen wäre. Möglichkeit, den Unterricht zeitlich völlig frei Die Haltung der Schulleitung ist ganz ent- Leider ist das bisher aber die seltensteDiese Erfahrung war und ist auch heute noch zu gestalten. Sie können Kinder auch viel scheidend dafür, ob Ganztag gelingt oder Form des Ganztags. Viel häufiger ist dieeine ganz grundlegende Voraussetzung für offene Form: morgens Unterricht und nachmit-das spätere Leben und für den Erwerb profes- tags eine Art bessere Hortbetreuung – alsosioneller Kompetenzen. Kinder brauchen Zeit um nachzudenken, das Bikini-Modell: zwei getrennte Teile und beides so knapp wie möglich.Das könnte dann der Ganztag den Kindern Neues zu verarbeiten, den Kopf zu entspannenwieder ermöglichen? Welche Anforderungen stellen Sie an ein gutesDas sollte er in jedem Fall. Wobei der soziale und den Körper zu bewegen. Ganztagsangebot?Umgang miteinander nur ein Teil des Ganzen Da müssen wir uns nur anschauen, welcheist. Genauso wichtig ist es, dass die Kinder freier arbeiten lassen, als heute viele von uns nicht. Sowohl ihre Haltung zu Schule als auch Grundbedürfnisse Kinder haben. Kinder wol-ein völlig eigenes und natürliches Interesse an annehmen. Wobei hier nicht übers Ziel hin- ihre Umgangsformen im Kollegium entschei- len zum Beispiel etwas machen, was ernstDingen gewinnen, indem sie eben frei spielen ausgeschossen werden darf. Kinder brauchen den darüber, wie Lehrer sich gegenüber ihren genommen wird. Das gilt besonders für die Anleitung. Sie haben einen Anspruch darauf. Schülern verhalten. Wenn hier etwas nicht Angebote außerhalb der Lernzeiten. Was dort Sie nur frei arbeiten zu lassen, ist auch nicht stimmt, dann liefert Schule kein Umfeld, in passiert, muss an den Interessen der Kinder richtig. dem Kinder sich wohlfühlen, entwickeln und anknüpfen. Dazu gehören mit Sicherheit keine entfalten können. Schule braucht Menschlich- unsinnigen Basteleien, wie man sie aus vielen Wie sieht das konkret in der Ganztagspraxis keit. Gerade wenn Lehrer ihre Schüler auch Hortstunden kennt. Es ist doch viel spannen- aus? verstärkt in anderen Kontexten wahrnehmen, der, an einem kompletten Theaterstück zu Man kann Kinder zum Beispiel nach dem wächst das menschliche Miteinander. arbeiten oder in der Schule ein Musikinstru- Englischunterricht wunderbar zusammen ment zu erlernen, mit dem man dann in der Vokabeln lernen lassen. So etwas muss nicht Das gilt aber doch auch für die Kinder. Mehr Zeit Schulband spielt. So etwas begeistert Kinder. mehr nach Schule und Arbeit in der gestress- miteinander verbessert schließlich ihr Sozialver- Das sind die Angebote, da haben Sie nach ten Familie passieren. Das gilt grundsätzlich halten, oder? 16 Uhr Schwierigkeiten, die Kinder wieder für das Thema Hausaufgaben. Das eigenstän- Ja, das belegen die Ergebnisse der Studie zur nach Hause zu bekommen. dige Lernen von Kindern in die Schule zu Entwicklung von Ganztagsschulen ganz deut- holen, ist ein wichtiger Bestandteil von Ganz- lich. Das ist aus psychologischer Sicht auch Welche konkrete Rhythmisierung bzw. inhaltliche tag. Genauso wichtig sind aber auch eigen- ein ganz starkes Argument für die Ganztags- Gestaltung ist aus Ihrer Sicht sinnvoll? ständige Bewegungs- und Spielphasen. Schule schule. Wir brauchen diese Schulform, damit Das kann immer nur für den Einzelfall gesagt wird dadurch viel freier. Voraussetzung dafür Kinder wieder mehr Zeit für- und miteinander werden. Ich plädiere aber nach dem Vormittag ist aber mehr Zeit. Und die kommt durch den Ganztag. Es gibt mittlerweile in Deutschland schon viele gute Schulbeispiele mit dieser ver- Der Wechsel zwischen Kopfarbeit und besserten Praxis. körperlichen Phasen lässt in einem Rahmen Die einzelne Schule ist ja nur ein Aspekt bei der Entwicklung des Ganztags. Welche Rolle spielt von acht bis 16 Uhr viel besser rhythmisieren, Schule als Institution? Hier finden wir eine Situation, die ganz weil dafür einfach genug Zeit da ist. wesentlich an der Misere der Kinder beteiligt ist. Aus psychologisch-systemischer Sicht gibt verbringen. Das ist ein Aspekt, der viel zu für 90 Minuten Pause. In dieser Zeit haben es einen entscheidenden Faktor, der den sehr unterschätzt wird. Wenn wir Kinder in die Kinder dann die Möglichkeit zu essen, Zustand der deutschen Schullandschaft cha- unseren Untersuchungen fragen, ob sie gerne auf dem Pausenhof frei zu spielen, in der Bib- rakterisiert: Unser Schulsystem wird bestimmt in die Schule gehen, dann antworten fast alle, liothek liest eine Großmutter Geschichten vor, von Druck und Angst. Das fängt auf der obers- dass sie gerne dort sind – trotz zum Teil gro- ein Sportstudent organisiert sportliche Akti- ten Ebene an. Die Politik hat Angst vor Schul- ßer Ängste oder auch Desinteresse. Viele sind vitäten, ältere Schüler betreuen in einem versagen in Zusammenhang mit PISA, also im halt nur nicht gern im Unterricht. Es ist für Klassenraum Brettspiele, im Musikraum kann die Kinder einfach unglaublich wichtig, dass musizieren und üben wer will, und in einer sie in der Schule andere Kinder treffen. Ecke treffen sich Kinder zum Reparieren vonWir brauchen diese Schulform, damit Kinder Schule ist heute fast der letzte verbliebene Fahrrädern. Hintergrund eines solchen Kon- Ort, wo sich Kinder nicht nur real, sondern zepts ist: Man kann etwas tun, muss es aberwieder mehr Zeit für- und miteinander verbringen. auch regelmäßig, jeden Tag, in einem sicheren nicht. Wenn die Kinder wollen, können sie Rahmen treffen können. auch einfach nur irgendwo „abhängen“. Dasund experimentieren. Das darf aber im Ganz- internationalen Vergleich. Diese Angst wird ist nichts anderes als das, was wir als Kindertag nun nicht verwechselt werden mit einem an die Verwaltungsebene weitergegeben. Hier Aber die Kinder haben doch auch Freunde in früher auch gemacht haben – das aber dannExperiment nach Anleitung oder dem Bau wird dann gesagt, wir müssen die Schulzeit ihrem Wohnumfeld? bei uns vor der Tür, auf der Straße.eines Baumhauses als festes Schulprojekt verkürzen und Qualitätsstandards entwickeln. Nein, nicht mehr so wie früher. Viele Kinderbzw. als AG. Es ist keine neue Erkenntnis, Qualitätsstandards an sich sind ja nichts haben um sich und über sich fast nur noch Bedeutet der Ganztag nicht auch eine zusätz-dass Kinder umso weniger Interesse an etwas Schlechtes. Sie werden aber von den Schulen Erwachsene. In den vielen Einzelkinder-Haus- liche Belastung für die Lehrer?entwickeln, je mehr ihnen vorgegeben wird vor allem als Angst- und Druckinstrument halten spielt die lineare Beziehung zu den Ganz im Gegenteil. Lehrer, die mittags mitund je theoretischer die Hintergründe sind. wahrgenommen. Schulleitungen und Lehrer Eltern eine größere Rolle als das Zusammen- ihren Schülern essen gehen, bekommen einen stehen unter unglaublichem Druck, dadurch sein mit Gleichaltrigen. Die Kindergemein- ganz anderen Blick auf die Kinder. Wenn sieMuss der Ganztag die klassischen Formen und zu versagen, dass sie die Lehrpläne nicht schaft als solche ist etwas, was unseren dann bei den Hausaufgaben oder Übungszei-Rahmen des schulischen Lernens aufbrechen? erfüllen. Kindern verloren gegangen ist. Das fehlt ten erleben, wo die Kinder SchwierigkeitenIn Teilen ja, und in Teilen muss er diese For- ihnen dann auch für ihre Entwicklung und haben, öffnen sich auf einmal ihre Augen.men und Rahmen flexibler machen und neu Und damit hört es nicht auf … ihre Gesundheit. Die Ganztagsschule ist in Dann sehen sie auch, welche weiteren Anfor-arrangieren. Ganztagsschule darf auf jeden Nein, denn jetzt kommen die Eltern. Sie haben der Lage, das wieder zu leisten. Sie bietet den derungen auch noch aus den anderen FächernFall eines nicht sein: Sie darf nicht die un- nicht nur einen eigenen Anspruch, was ihre Raum und die Zeit dafür, dass Kinder mitein- kommen. Das ist keine Theorie. So erlebenveränderte Fortsetzung dessen sein, was Kinder schulisch erreichen sollen. Sie bekom- ander und eigenständig – also ohne pädagogi- es die Lehrer, an deren Schulen der Ganztagin Schule vormittags passiert. Die Form von men von Schule auch noch signalisiert, dass schen Einfluss – die Welt erkunden, erproben bereits in dieser Form gestaltet wird. DortSchule, die wir heute noch machen, ist in lern- sie etwas tun müssen, wenn ihre Kinder über- und erobern. steigert sich das Wohlbefinden der Lehrer und
    • PodiumSchule 1.12 |7gehen die Krankmeldungen von Lehrern deut- gesellschaftlichen Aspekt: Schule muss viel darauf vertrauen, dass über ein verbessertes räumliches und soziales Umfeld einstellenlich zurück. stärker zu einer demokratischen Grundhaltung Lernklima und über verbesserte persönliche müssen. Ganztagsschule muss unterschiedlich Und jetzt kommt ein ganz wichtiger Zusam- kommen, die im politischen oder gesellschaft- Kompetenzen auch die Lernleistungen nach- sein können, ansonsten würde sie der Vielfaltmenhang: Wir sprechen hier von Ganztags- lichen Bereich wie selbstverständlich eingefor- kommen. Es ist doch schon unglaublich viel, entgegenstehen, die wir im Menschlichenkonzepten, die das Wohl der Kinder im Auge dert wird. wenn der Ganztag dabei hilft, Druck und haben. Schulen, die schon erfolgreich imhaben. Verbesserungen, die dadurch erreicht Angst aus dem System zu nehmen und das Ganztag sind, zeichnen sich durch sehr indivi-werden, führen auch zu einer verbesserten Nun wird kritisiert, dass die Lernerfolge an soziale Miteinander zu stärken. duelle und passgenaue Konzepte aus, die sieSituation für die Lehrer und die gesamte Ganztagsschulen gar nicht in die Höhe schnellen selbst entwickelt haben.Schule. Eine solche Haltung, die dem Kind würden. Stattdessen verbessern sich vor allem Ist es denn nun erstrebenswert, für alle Schulenzugewandt ist, bringt also viel mehr als immer das Sozialverhalten und Familienklima. in Deutschland eine einheitliche Ganztagsformnur schul- bzw. systemzentriert zu sagen: Wir Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Der zu finden?brauchen mehr Geld, wir brauchen mehr Per- Ganztag schafft es, das soziale Miteinander Ich persönlich fände es hilfreich, wenn bun- Kontaktsonal, sonst können wir uns nicht entwickeln. in der Schule und die Atmosphäre zu Hause desweit große Standards gefunden werden, Dipl. Psych. Oggi Enderlein Es gibt also durchaus Möglichkeiten, sich zu verbessern. Genau das ist doch eine wich- die einzelne Schule aber mehr Freiheiten o.enderlein@ganztaegig-lernen.deauch unter den gegebenen Bedingungen frei- tige Grundlage für besseres Lernen. Das ist ja darin bekommt, diese Standards umzusetzen Links:zuschaufeln. Dafür gibt es viele erfolgreiche auch erst der Anfang, und was folgt, das sind und auszugestalten. Das ist deshalb wichtig, www.initiative-grosse-kinder.deBeispiele. Letztlich hat das Ganze auch einen Entwicklungsprozesse. Wir müssen einfach weil sich die Schulen ganz individuell auf ihr www.ganztaegig-lernen.de Eine Ganztagsschule für alle Kinder Die Grundschule Berg Fidel ist eine inklusive Ganztagsschule im sozialen Brennpunkt. Mit altersgemischten Klassen, individueller Förderung, einem rhythmisierten Schultag und multiprofessionellen Teams versucht sie sich auf die Vielfalt der Kinder einzustellen.Paul, Burak und Oleg sind dicke Freunde – Form zuhause nicht immer haben. Möglichund sie verbringen fast den ganzen Tag mit- Rhythmisierung des Schultages einer Ganztagsklasse (vgl. Stähling 2006) wird dies unter anderem durch eine beson-einander. Gemeinsam mit 21 anderen Jungen Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag dere Art des Ganztags, die dafür sorgt, dassund Mädchen gehen sie in die Sonnenblumen- ca. 8 – 9.30 Uhr FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis die Schule zum Lern- und Lebensraum wirdklasse der Grundschule Berg Fidel. Die Schule Pause Pause Pause Pause Pause und die Kinder ihre Begabungen entfaltenist eine inklusive Gemeinschaftsgrundschule Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück können.mit Ganztagszweig im sozialen Brennpunkt. ca. 10 – 11.30 Uhr GA / Klassenrat GA GA / Schülerrat GA + Religion GA / Schulfeier Ganztag bedeutet für Paul, Oleg und Burak (alle 4 Wochen) in Gruppen (alle 2 W., freiwillig)Kinder aus mehr als 30 Nationen leben in und die anderen Kinder der Sonnenblumen- ca. 11.30 – 11.45 Uhr Pause Pause Pause Pause PauseBerg Fidel, einer Hochhaus-Trabantenstadt ca. 11.45 – 12.30 Uhr FS / Tischdienst GA / FS+Themenkurse Englisch / FS GA / FS Englisch / FS klasse nicht nur, dass für sie von Montag bisin Münster, deren fröhlich klingender Name Kurze Konferenz Donnerstag die verbindlichen Schulzeiten vonnicht über die schwierige Situation im Stadt- Mittag Essen + Zähne­put­zen Pause / Tischdienst Pause / Tischdienst Pause / Tischdienst Pause / Wochen­- 8.00 bis 15.30 Uhr gelten und sie über den + Tisch­dienst + Tages- Essen + Zähne­putzen Essen + Zähne­putzen Essen + Zähne­putzen ­ab­schluss­rundeteil hinwegtäuschen kann. Umso wichtiger ist abschluß­runde + Tischdienst + Tischdienst + Tischdienst Unterricht hinaus gehende Bildungsangebotees für die Kinder im Viertel, dass die Grund- ca. 13 Uhr Pause oder schulfrei Pause Pause Pause schulfrei nutzen können. Vielmehr werden die Kinderschule ein sicherer Anlaufpunkt ist: Alle Kin- Nachmittag Freiwillige Ar­beits- GA / FA / FS + Tages­ Schwimmen oder Wald + Tages­ evtl. Freiwillige in Berg Fidel ganztägig „rhythmisiert“ unter- bis 15.30 Uhr ­­ge­mein­schaf­ten / Team­ abschlus­srunde GA / FA / FS + Tages­ abschlussrunde Arbeits­gemein­schaftender im Umfeld der Schule werden unabhängig sitzungen abschlus­srunde richtet – d. h. es wird großer Wert daraufvon Leistung, kulturellem oder sozialem Hin- Nachmittag evtl. Freiwillige evtl. Freiwillige evtl. Freiwillige gelegt, dass sich Phasen der Spannung undtergrund oder Handicap aufgenommen und 15.30 – ca. 17 Uhr Arbeits­gemeinschaften Arbeits­gemeinschaften Arbeits­gemeinschaften Entspannung über den Tag abwechseln undan der Schule willkommen geheißen. So FA = Freie Arbeit mit Förderangeboten, teilweise auch in der Turnhalle Vor- und Nachmittagsunterricht sinnvoll auf- GA = Gelenkte Arbeit, teilweise in Projekten, teilweise Sport in der Klassengemeinschaftbeträgt der Anteil der Kinder mit ausländi- FS = Freies Spiel im Haus oder Gelände einander abgestimmt sind. Ein Blick auf denschen Wurzeln ca. 60 Prozent. Rund 40 Pro- Stundenplan der Sonnenblumenklasse zeigt, dass es klassische Unterrichtseinheiten im zent der Familien beziehen Sozialleistungen 45-Minuten-Takt gar nicht mehr gibt. DafürAlle Kinder im Umfeld der Schule werden und fast jedes vierte Kind hat einen diagnosti- gibt es Zeit für Projekte, freies oder gelenktes zierten sonderpädagogischen Förderbedarf. Arbeiten, vielfältige Einzel-, Paar- oder Grup-unabhängig von Leistung, kulturellem Trotz – oder vielleicht auch wegen dieser Viel- penarbeit. Der Stundenplan wird so gestaltet, falt – gehen Burak, Oleg und Paul gern in die dass es möglichst lange Phasen ohne Unter-oder sozialem Hintergrund oder Handicap Grundschule Berg Fidel. Denn sie erleben die brechung gibt (vgl. Abbildung). Schule als einen Ort, an dem sie ernst genom- Zur Rhythmisierung gehört aber auch, dassaufgenommen und an der Schule willkommen men, gefordert und ihre Leistungen wertge- die Pädagogen an der Schule versuchen, der schätzt werden. Hier finden sie Verlässlichkeit individuellen Leistungsfähigkeit der Kindergeheißen. und feste Strukturen vor, die sie in dieser Rechnung zu tragen: Wenn Barbara Wenders,
    • 8 | PodiumSchule 1.12die Klassenlehrerin der Sonnenblumenklasse, nen vermehrt von- und miteinander, sie Schüler den Zeitpunkt selbst bestimmen gesamten Grundschulzeit mit einer Klassemerkt, dass sich Paul und Oleg nach 30 Minu- helfen sich gegenseitig – zum Beispiel im können. zusammen, damit die Kinder verlässlicheten intensiven Arbeitens an ihrem Schreib- Fach Mathematik. Damit das möglich wird, Die Freien Forscher Clubs (FFC) sind Teil Bezugspersonen erleben. Der rhythmisiertelehrgang nicht mehr richtig konzentrieren braucht es gemeinsame Lerngelegenheiten, der Projektarbeit. Hier geht es um Selbstorga- Tages- und Wochenablauf, die Projekte, diekönnen und immer zappeliger werden, lässt die von Kindern unterschiedlicher Jahr- nisation, Eigenverantwortung, Teamarbeit und Lernmethoden und Unterrichtsinhalte werdensie die beiden auch schon mal fünf Runden gänge bearbeitet werden können. In Mathe- praktisches Lernen. Die Forscher Clubs arbei- in wöchentlichen Teamsitzungen geplant undum den Schulhof drehen. Oder sie dürfen sich matik ist das aktuelle gemeinsame Thema ten über mehrere Wochen in Kleingruppen an vorbereitet. Nicht mehr die Einzelkämpferinkurz auf der Schaukel im Innenhof austoben. z. B. das „Teilen“ (Division im Zahlenraum Fragestellungen, die die Schüler besonders bestimmt die Grundschularbeit, sondern dasAnschließend können sie dann wieder konzen- bis 100, bis 1000, mit Rest etc.). interessieren. In der Sonnenblumenklasse Team. Zur Stützung der multiprofessionellentriert arbeiten und die Zeit effektiv nutzen. Einen festen Platz im Stundenplan hat stehen derzeit Tiere und Berufe ganz oben Zusammenarbeit wird für alle Teams der Der Ganztag wirkt sich auch auf das Raum- das freie Arbeiten. Grundlage des freien auf der Liste der beliebten Themen: Max Grundschule Berg Fidel alle sechs Wochenkonzept der Schule aus. Die Sonnenblumen- Arbeitens ist das individuelle, kooperative arbeitet mit zwei Mitschülern am Thema eine Teamsupervision durchgeführt. Dieklasse hat Verantwortung für zwei Räume. In und selbstverantwortliche Lernen. Wenn die „Spinnen“. Ayla, Michelle und Sara sind von gemeinsame Verantwortlichkeit durch festedem einen Raum finden vorwiegend ruhigere Kinder der Sonnenblumenklasse morgens Chamäleons fasziniert und wollen alles über Teams und durch die beständige Gruppe der Kinder gewährleistet, dass die unterschied- lichen individuellen Begabungen erkannt und gezielt gefördert werden können. Der Ganztag an der Grundschule Berg Fidel ist weit mehr als Unterricht – dazu gehört auch Brötchen backen, heilpädagogisches Rei- ten und Voltigieren, Zirkustraining und Musik. Die rund 15 Arbeitsgemeinschaften am Nach- mittag führen zumeist Mitarbeiter der Schule durch, zum Teil aber auch Eltern, Sportver- eine, Kirchengemeinden oder das Stadtteilzen- trum „Lorenz Süd“. In der schuleigenen For- scherwerkstatt findet eine Technik-AG statt, eine andere AG pflegt Tiere im Terrarium, eine weitere gibt die „Bergzwerge“-Schüler- zeitung heraus. AGs müssen auch nicht imAktivitäten statt: konzentrierte und gelenkteArbeit sowie Frühstück und Mittagessen. DasMittagessen wird ganz bewusst nicht in einemgroßen Speisesaal, sondern im Klassenzimmereingenommen. So kann das Gefühl der Ver-lässlichkeit und Zugehörigkeit zur Klassenge-meinschaft gestärkt werden. Im zweiten Raumist es auch mal laut, es wird gebaut, in Grup-pen gearbeitet und gespielt. Hier werden dieKinder morgens auch von ihrer Klassenlehre-rin begrüßt, wenn sie in der Schule eintreffen.Die erfahrene Pädagogin findet schnell heraus,wie es um die Stimmung der Kinder bestelltist und kann ihnen beim Start in den Schultaghelfen. Während die Unterschiedlichkeit der Schü-ler häufig als Belastung, zumindest aber als die rätselhaften Reptilien in Erfahrung brin- Schulgebäude stattfinden, wenn besseregroße Herausforderung gesehen wird, kann gen. Dazu entwickeln sie zunächst Fragen, auf Räume im „Lorenz“ zur Verfügung stehen.eine Klasse in den Augen von Schulleiter die sie in den nächsten Tagen und Wochen So können Kinder in der FahrradwerkstattReinhard Stähling gar nicht heterogen genug eine Antwort finden möchten. Dann sucht die Reparaturen ihrer Räder unter Anleitungsein. 2002 haben sich die Mitarbeiter der Gruppe nach geeignetem Material; sie recher- selbst vornehmen.Grundschule gemeinsam mit den Eltern ganz chiert in der Bibliothek oder im Internet und Im Hinblick auf die Zusammenarbeit mitbewusst für den jahrgangsübergreifenden befragt Experten, wie zum Beispiel den aus- den anderen Bildungseinrichtungen im Stadt-Unterricht entschieden. Die Kinder des ersten, kunftsfreudigen Angestellten einer Zoohand- teil hat die Schule unterschiedliche Erfahrun-zweiten, dritten und vierten Jahrgangs lernen lung in der Innenstadt. Ayla, Michelle und gen gemacht: Die Kooperation mit den dreiund leben seitdem an der Grundschule Berg Sara besuchen ihn in seinem Geschäft und Kindertagesstätten in der Umgebung funktio-Fidel zusammen in einer Klasse. So besucht interviewen ihn zur Lebensweise der exoti- niert laut Reinhard Stähling ganz ausgezeich-Paul aus der Sonnenblumenklasse die Schule schen Tiere. Eine andere Gruppe hat gerade net. „Die Übergänge zu weiterführendenbereits im vierten Jahr. Justin, sein „Paten- eine Exkursion zur Münsteraner Feuerwehr Schulen stellen sich jedoch häufig als Barrierekind“, ist erst nach den letzten Sommerferien gemacht. Die Ergebnisse der Recherche halten dar – insbesondere für Kinder mit besondereneingeschult worden. „Durch die Altersmi- die Gruppen schriftlich fest und erstellen dar- Begabungen oder Entwicklungsverzögerun- aus ein Plakat. Die Gruppe präsentiert ihre gen“, sagt Stähling. Der Schulleiter hat darumDurch die Altersmischung wird die Heterogenität Ergebnisse schließlich vor der gesamten Klasse. Ganz gleich ob freies Arbeiten, Projek- eine ganz besondere Vorstellung davon, wie die Übergänge für die Kinder in Zukunft bes-in der Klasse weiter erhöht, und genau das tarbeit, Kurs oder Werkstatt – regelmäßig reflektieren die Schüler im Gespräch mit den ser gestaltet werden können: Er möchte seine Schule zu einer inklusiven Modellschuleerlaubt einen präziseren Blick auf das einzelne Lehrkräften, was und wie sie gelernt haben und welche Ziele sie sich für die nächste Zeit machen, in der die Schüler bis zum Schulab- schluss, d. h. wenn möglich sogar bis zumKind, seine Stärken, seinen Lernfortschritt. setzen. Dabei lernen sie auch, ihre Anstren- gungen und Erfolge zu würdigen. Abitur begleitet werden. Damit trifft er bei Eltern und Mitarbeitern seiner Schule auf Ein solcher Unterricht ist sehr vorausset- offene Ohren. Die Schulkonferenz hat unlängstschung wird die Heterogenität in der Klasse in die Schule kommen, arbeiten sie in zungsreich und von einer einzelnen Lehrkraft einstimmig beschlossen, dass sie an den Ratweiter erhöht, und genau das erlaubt einen Mathe, Deutsch und Englisch selbstständig allein kaum zu stemmen. Darum wird jede den Antrag stellt, die Grundschule zu einerpräziseren Blick auf das einzelne Kind, seine und kontinuierlich an ihren Materialien der vier Ganztagsklassen von einem ständigen „Modellschule 1-13 Berg-Fidel“ auszubauen.Stärken, seinen Lernfortschritt. In alters- weiter. Die Materialien bauen modular pädagogischen Team begleitet, das sich aus Paul, Burak und Oleg jedenfalls würden gernund leistungshomogeneren Klassen ist es aufeinander auf und erlauben es den Mitarbeitern unterschiedlicher Professionen bis zum Ende der Schulzeit an „ihrer“ Schuleviel schwieriger, die unterschiedlichen Ent- Kindern, ihrem eigenen Entwicklungsstand zusammensetzt. Im Team der Sonnenblumen- bleiben.wicklungsstände der Kinder differenziert entsprechend im eigenen Lerntempo indi- klasse arbeiten neben Barbara Wenderswahrzunehmen und sie angemessen zu för- viduell fortzuschreiten. Es gibt kein Lernen (Klassenlehrerin und Sonderpädagogin) unddern und zu fordern“, betont Stähling. Ein im Gleichschritt mehr. Schnellere Lerner Reinhard Stähling (Lehrer und Schulleiter)weiterer positiver Aspekt des gemeinsamen wie Oleg können an schwierigeren Frage- noch eine Erzieherin mit halber Stundenzahl, Kontakt:Lernens in altersgemischten Gruppen ist laut stellungen arbeiten, langsamere Kinder eine Integrationshelferin sowie drei pädagogi- Grundschule Berg Fidel | Dr. Reinhard StählingStähling, dass der Leistungsvergleich der bekommen mehr Zeit. Die Lehrkräfte unter- sche Mitarbeiterinnen mit je 7,5 Wochenstun- ggs-bergfidel@gmx.de | www.ggs-bergfidel.deGleichaltrigen in den Hintergrund gerät und stützen bei Bedarf – und haben dadurch die den. Sie sind meist Studenten und machen Literaturan Einfluss auf die Gruppenprozesse verliert. Möglichkeit, speziell auf die Fragen einzel- zusätzlich ihre schulpraktischen Studien und Stähling, Reinhard: „Du gehörst zu uns“ – InklusiveEs gibt weniger Konkurrenz und Wettbewerbs- ner Kinder einzugehen. Die Module werden Praktika an der Grundschule Berg Fidel. Im Grundschule. Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule.druck, dafür mehr Ermutigung. Die Kinder ler- mit einem Test abgeschlossen, wobei die Idealfall bleibt das Kern-Team während der Hohengehren: Schneider 2006. 4. Aufl. 2011
    • PodiumSchule 1.12 |9 Auf dem Weg zum Ganztag Von Herausforderungen aus Theorie und PraxisMit dem Schuljahr 2010/2011 sind in Schulleitung und Kollegium der Heinz-Brandt-Berlin 70 Gemeinschafts- und Integ- Schule freuten sich dann auch, als es im Früh-rierte Sekundarschulen in den Ganztags- jahr 2009 hieß, es gebe finanzielle Mittel ausbetrieb eingestiegen. Eine davon ist die dem Konjunkturpaket II, die genau für diesenHeinz-Brandt-Schule in Berlin-Weißen- Zweck eingesetzt werden könnten. Eines dersee. Sie führte jedoch nicht nur den Schulgebäude stammt – deutlich erkennbargebundenen Ganztag ein, sondern – aus dem Jahr 1870, und auch in den übrigenwechselte zugleich auch ihre Schulform Gebäuden fiel zum damaligen Zeitpunkt mehr– von der Hauptschule zur Integrativen als nur der Putz von der Decke. Doch wärenSekundarschule. Begleitet wurde das Fördergelder keine Fördergelder, wenn sieGanze von der Errichtung eines neuen nicht ausschließlich zweckgebunden einge-Schulbaus und der erfolgreichen Teil- setzt werden dürften. Und eine Sanierung desnahme beim Deutschen Schulpreis. bestehenden Altbaus stand nicht auf der ListeEine fast unwirkliche Geschichte, deren der Zwecke. Ein Umstand, der letztlich (undeigentlicher Kern aber darin liegt, zwangsläufig) die Kreativität der Schulleitungwie sich Ganztag auch im Hindernislaufentwickeln lässt.Eigentlich müsste man Daniela Strezinskian der Nordsee vermuten. Irgendwo am Meer.Vielleicht auf Amrum. Dort, wo die Seele imWind weht und der weiße Sand alle Spurenverdeckt, die hinter einem liegen. Dort, wosich Erschöpfungszustände und Burnoutprofessionell in einer Fachklinik behandelnlassen. Daniela Strezinskis funkelnde Augenwirken jedoch ziemlich lebendig. Von Erschöp-fung keine Spur. Die stellvertretende Schullei-terin an der Heinz-Brandt-Schule strahlt eineEnergie aus, trommelnde Batteriehasen wür-den hier freiwillig ihre Stöcke niederlegen.In unserem Neubau gibt es Tafeln hätten schon immer vorne gehangen. So wäre halt Schule und so hätten wir jajetzt hochmoderne Naturwissenschaftsräume. schließlich auch gelernt.“ Kurzum: Die Tafeln hängen heute an der Seite.Die hätten wir aber gar nicht gebraucht. Schlimmer kam es da schon in Sachen Mittagsversorgung. Die neu gebaute KantineEs bahnt sich eine erste Vorstellung davon ebenso herausforderte, wie das handwerkliche bietet Platz für maximal 80 Schüler. Berech-an, wie die Heinz-Brandt-Schule wohl den Geschick von Eltern und Schülern. nungsgrundlage dafür war – man ahnt es –„Wechsel-Hattrick“ in den Ganztag, zur inte­ Derweil entstand an einer Ecke des Schul- das Berliner Musterraumprogramm. Daringrativen Sekundarschule und in ein neues geländes ein Neubau, der sich durch eine wird jedem Kind, welches mittags die Schul-Schulgebäude geschafft hat. Ach ja, und Bibliothek, eine Kantine sowie auch eine kantine nutzt, zunächst einmal statistisch einnebenbei auch noch den Akademie-Preis des hochmoderne Verdunkelungsanlage für die Platz von 1,2 qm zugesprochen. Es mag viel-Deutschen Schulpreises einheimsen konnte. Klassenzimmer auszeichnete. „Allerdings leicht polemisch klingen, aber einem deut-Im Grunde berührt alles ja irgendwo dasselbe fahren die bereits beim ersten Sonnenstrahl schen Schäferhund stehen gesetzlich 8 qmThema: Schulentwicklung. Aber gleich alles runter. Dabei würden wir uns über ein biss- Zwingerfläche zu. Und selbst ein deutscherauf einmal? Schon im laufenden Schulbetrieb chen Sonne eigentlich freuen“, sagt Miriam Büroangestellter hat einen Mindestanspruchaus einer Hauptschule eine Integrierte Sekun- Pech, Schulleiterin und damit der zweite Teil raumprogramm. Das Musterraumprogramm ist auf 1,5 qm Bürofläche. Für den Mittagsbetriebdarschule mit gebundenem Ganztag zu ent- einer durchsetzungsstarken Doppelspitze an eine Art Planungsvorgabe, die eigentlich für im Ganztag ist es jedoch entscheidender, wel-wickeln, ist ein ambitioniertes Vorhaben. der Heinz-Brandt-Schule. Nun stört sich Miriam gleiche Voraussetzungen – und damit gleiche che Frequentierung das MusterraumprogrammSchließlich müssen nicht nur Unterricht und Pech weniger an der fehlenden Sonne als Bildungschancen – an allen Berliner Schulen für eine Kantine ansetzt. Hier wird grundsätz-Lernangebote neu strukturiert werden. Wach- daran, dass das Geld anderswo hätte sinnvoller sorgen soll. In der Praxis läuft diese Vorgabe lich davon ausgegangen, dass nur 30 Prozentsende Schülerzahlen verlangen nach deutlich eingesetzt werden können – zum Beispiel in jedoch häufig an den konkreten Bedürfnissen der gesamten Schülerschaft im Zweischichtbe-mehr Platz und der Ganztag erfordert Räum- der ganztagsbezogenen Ausgestaltung der der einzelnen Schule vorbei, wie auch Miriam trieb essen geht – selbst im gebundenenlichkeiten, die gleich mehrfach nutzbar sind. neuen Schulräume. Aber gerade hier wurde das Pech und Daniela Strezinski erfahren mussten. Ganztag. So weit die Theorie. Schulleitungsteam auf eine harte Probe gestellt. Manchmal sind es aber auch überholte Die Praxis sieht auch hier anders aus. Der- „In unserem Neubau gibt es jetzt hochmo- Denkmuster, die dem Ganztag im Wege liegen. zeit nutzt zwar tatsächlich nur ein Drittel der derne Naturwissenschaftsräume. Die hätten Ein wichtiges Anliegen der beiden Schulleite- 290 Schüler das Mittagsangebot. Zukünftig wir aber gar nicht gebraucht. Außerdem sind rinnen war zum Beispiel, weg vom Frontal- werden aber mehr als 400 Schüler die Heinz- sie so ausgestattet, dass sie sich für eine unterricht und hin zur neuen Form der Lern- Brandt-Schule besuchen. Eine Zahl, aus der Mehrfachnutzung kaum eignen“, sagt Miriam büros zu kommen. Um das zu unterstützen, die Schulleiterinnen bei der Planung des Neu- Pech. Wie aber ist es möglich, dass eine sollten die Tafeln nicht mehr vorne in der baus durchaus kein Geheimnis gemacht hat- Schule ihren Ganztag nicht bedarfsgerecht Klasse hängen, sondern an der Seite. „Das war ten. Somit genügte die – eigentlich für den entwickeln kann? Zumal sie als Integrierte vielleicht ein Akt, bis wir das beim Schulamt Ganztag ausgelegte – Kantine schon mit Sekundarschule verpflichtend den Ganztag durchhatten“, sagt Daniela Strezinski. „Wir Fertigstellung nicht mehr den Ansprüchen anbieten muss? Eine Antwort lautet: Muster- sind überhaupt nicht verstanden worden. der Schule. „Unser Ziel, wieder alle Schüler zusammen mit ihren Lehrern zum Mittages- Unser Ziel, alle zusammen zum Mittagessen sen zu bringen, lässt sich im neuen Essens- raum jetzt nur noch in fünf Schichten bewälti- zu bringen, lässt sich im neuen Essensraum jetzt gen“, sagt Daniela Strezinski. Die Liste weiterer Anekdoten, Hürden und nur noch in fünf Schichten bewältigen Herausforderungen ist lang. So konnte es das
    • 10 | PodiumSchule 1.12Schulleitungsteam auch gerade noch verhin- auch wichtig, auf die eigene Vergangenheitdern, dass die Räume des Neubaus in einem als Hauptschule und bereits vorhandenefreundlichen Farbwechsel aus Rosa und Blau Strukturen aufzubauen. Bestehende Koopera-erstrahlten. Eine Idee des Architekten. Nun tionen und Projekte zur Berufsvorbereitungwerden zwar in den Vereinigten Staaten die integrieren sich heute in das Angebot desZellen einiger Gefängnisse in einem Farbton Ganztags. Die drei Sozialarbeiterinnen, dienamens „Cool-Down-Pink“ gestrichen (Die es als Team bereits zu HauptschulzeitenFarbpsychologie lehrt, dass diese Farbe gegeben hat, sind nun auch Teil der ganz-aggressive Zeitgenossen beruhigen soll). tägigen Versorgung. Sie sind wichtige undEin Ganztag in Pink war jedoch das Letzte, vertraute Bezugspersonen für die Schüler.was sich Daniela Strezinski für sich und ihre Eine davon ist Kati Lange, 35. Trifft man sieSchüler vorstellen konnte. in ihrem Büro in der alten ehemaligen Haus- Es überrascht, wie gelassen Miriam Pech meisterwohnung im Altbau, dann ist da wie-und Daniela Strezinski heute von diesen der diese Art, wie sie einem schon im BüroEntwicklungen berichten. Wobei sie ein- der beiden Schulleiterinnen begegnet isträumen, dass es natürlich Zeiten gegeben oder wie sie einem auch im Spanischunter-hat, in denen sie und ihr Kollegium an die richt der Argentinierin Carla Gianatellieigenen Grenzen stießen. „Dann muss man begegnet: offen, warmherzig, motiviert undwieder ein Stück zurückrudern und schauen, in jeder Form den Schülern zugewandt.dass man das Tempo rausnimmt“, sagt Die wichtigste Ingredienz im SchuleintopfMiriam Pech. Dabei war es gar nicht so sehr aus Praxis und Theorie scheint aber diedie Vielzahl der Baustellen, auf denen sich Gelassenheit zu sein. „Wissen Sie“, sagtdie Schule gleichzeitig bewegte. Zu einer Miriam Pech, „wir haben in so kurzer ZeitGlaubensfrage wurde vielmehr der Wechsel so viel verändert, dass wir heute einfachzum gebundenen Ganztag. Einige der älte- sagen, wenn es nicht perfekt ist, dann istren Kollegen wollten ihn nicht mehr mit- das eben so. Ohne diese Haltung schafftgehen und verließen die Schule. man es nicht.“ „Wir werden ja auch nie fer- Sich nun im Zusammenhang von Schul- tig sein. Schule wird sich immer verändern,entwicklung nicht überfordern zu lassen, so wie sich auch unsere Kinder ständig ver-hat auch damit zu tun, wie man einzelne ändern“, ergänzt Daniela Strezinski. „DasEntwicklungsbereiche miteinander ver- muss man einfach für sich verinnerlichen STADT wirdknüpft. Der Wechsel zur Integrativen Sekun- und annehmen. Eine Schule, die sagt, wirdarschule sowie in den gebundenen Ganztag wollen endlich unsere Ruhe haben, kannkann durchaus auch mit einem Schulneubau nicht funktionieren. Und sie kann erst rechteinhergehen, wenn alle drei Entwicklungen keine neuen Dinge entwickeln.“ TEIL von SCHULEaufeinander abgestimmt werden. Dann erge-ben sich am Ende sogar mehr Möglichkeiten, Kontaktals wenn jeder Bereich für sich allein ent- Heinz-Brandt-Schule | Miriam Pech, Daniela Strezinskiwickelt worden wäre. Speziell für den Ganz- heinz-brandt-oberschule.cids@t-online.detag war es an der Heinz-Brandt-Schule aber www.heinz-brandt-schule.cidsnet.de Warum der Ganztag Partner braucht … Seit anderthalb Jahren ist die Hambur- der Behörde. Dort lag mittlerweile der dritte ger Stadtteilschule Poppenbüttel Ganz- Antrag, und der wurde endlich bewilligt. Mit tagsschule. Doch schon zuvor hatte sie der Bewilligung kam dann auch Geld. Die im ganztagsähnliche Strukturen entwickelt Vergleich zu anderen Schulen gute finanzielle und dabei vor allem auf eines gesetzt: Ausstattung kann aber auch für Andreas die Hilfe der Menschen und Einrich- Schulze nicht darüber hinwegtäuschen, dass tungen im Stadtteil. Schule, die ihren es genau das ist, woran es beim Thema Ganz- Kindern von acht bis 16 Uhr pädago- tag grundsätzlich fehlt: „Die ganztägige Ver- gisch sinnvolle Angebote machen will, sorgung hat zwar höchsten bildungspoliti- braucht Partner. Echter Ganztag ist dar- schen Stellenwert, wird aber in keiner Weise auf angewiesen, dass Stadt auch ein Teil mit den notwendigen Ressourcen versehen“, von Schule wird. Ein Erfahrungsbericht. sagt der Pädagoge. Kurz gesagt: Ganztag ist prima, darf aber nicht viel kosten. Mit der Entwicklung des Ganztages ist das Für die 750 Schüler und 85 Lehrer an der so eine Sache. Es gibt Schulen, die wollten Stadtteilschule Poppenbüttel war das nichts ihn schon vor über zehn Jahren, aber haben Neues. Denn trotz oder gerade wegen der ihn nicht bekommen. Und es gibt Schulen, abgelehnten Anträge hatte sich die Schule die haben ihn bekommen, obwohl sie ihn gar kurzerhand selbst auf den Weg in den Ganz-Literaturtipps nicht wollten. Zu Letzteren gehören die staat- lichen Gymnasien in der Freien und Hanse- tag gemacht – ohne finanzielle Unterstützung und zu einem Zeitpunkt, zu dem der Ganztag stadt Hamburg. Im Sommer 2004 wurden sie vielerorts noch tief in seinem Dornröschen- kurzerhand per Dekret zu offenen Ganztags- schlaf lag. „Im Grunde laufen wir schon seit Sowohl in den Schulen als auch in Politik und Wirtschaft gewinnt das Thema Berufsorientierung zunehmend an Bedeutung. Auf dem sich schnell wandelnden Arbeitsmarkt entstehen neue Berufsfelder, schulen erklärt. Eine nicht unumstrittene Jahren im Ganztagsbetrieb“, sagt Schulze. Sache. „Wir konnten gar nicht anders. Hier sind neue Studiengänge und -abschlüsse. Dies hat erhebliche Auswirkun- gen auf das Anforderungsprofil der Schüler. Es ist daher wichtig, die Schüler bei ihrer Orientierung zu unterstützen und sie möglichst Leitfaden Berufsorientierung umfassend auf den Übergang in eine berufliche Ausbildung bzw. in Die Stadtteilschule Poppenbüttel im Nord- Schüler, die wir entsprechend versorgen ein Studium vorzubereiten. Der Leitfaden Berufsorientierung richtet sich speziell an Schulleitungen und Lehrkräfte aller weiterführenden Schulen, die sich den Herausforderungen der Berufsorientierung ihrer Schüler stellen und an ihrer Schule eine systematische Berufs- orientierung einrichten wollen. Der Leitfaden Berufsorientierung • bietet Informationen, praktische Anleitungen sowie Arbeits- und Unterrichtsmaterialien, osten Hamburgs ist eine der Einrichtungen, müssen. Jedes dritte Kind bei uns ist auf für die der Ganztag schon viel früher ein irgendeine Weise förderungsbedürftig. Ohne • gibt Schulen wie einzelnen Lehrkräften eine umfassende Hilfestellung und unterstützt sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene, en • ist praxiserprobt und bundesweit einsetzbar, CD-ROM mit Materiali • dient als Ausgangspunkt bei der Einführung eines umfassenden 5., vollständig Thema war. Lange bevor die Gymnasien der Angebote wie Mittagsbetreuung, Haus­ uf­ a Qualitätsmanagementsystems, überarbeitete Auflage Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) Bertelsmann Stiftung, • ist in der 5. Auflage vollständig überarbeitet und um weitere Institut für Schulentwicklungsforschung (Hrsg.) ergänzt worden. Praxismaterialien Bertelsmann Stiftung, Bundesarbeitsgemeinschaft SCHULEWIRTSCHAFT, MTO Psychologische Forschung Ganztagsschule als Hoffnungsträger für die Zukunft? Chancenspiegel www.bertelsmann-stiftung.de/verlag ISBN 978-3-86793-408-4 und Beratung GmbH (Hrsg.) Elbmetropole zu Ganztagsschulen erklärt wur- gaben­­ betreuung, Nachmittagskurse oder För- Leitfaden Berufsorientierung Ein Reformprojekt auf dem Prüfstand Zur Chancengerechtigkeit und Leistungsfähigkeit der deutschen Schulsysteme Praxishandbuch zur qualitätszentrierten Berufs- und Studienorientierung an Schulen den, hatte man hier bereits den ersten Antrag derangebote können wir diesen Kindern nicht auf einen Wechsel gestellt. Der jedoch wurde gerecht werden.“ 1408_Leitfaden_Beruf_185_270_Umschlag_Kock.indd 1-3 20.06.12 11:13 abgelehnt. So wie auch ein nachfolgenderBertelsmann Stiftung (Hrsg.) Bertelsmann Stiftung, Bertelsmann Stiftung, Antrag, knapp fünf Jahre später. Heute, 2012, Wechsel zum GanztagGanztagsschule als Institut für Schulentwicklungs- Bundesarbeitsgemeinschaft ist die Gesamtschule Poppenbüttel nicht nur Umstellungen brauchen Zeit. Das gilt auch fürHoffnungsträger für die forschung (Hrsg.) SCHULEWIRTSCHAFT, „gebundene Ganztagsschule nach Hamburger den Start in den Ganztag. Und das gilt selbstZukunft? Ein Reformprojekt Chancenspiegel MTO Psychologische Forschung Rahmenkonzept“, sondern auch Preisträgerin dann, wenn eine Schule wie Poppenbüttelauf dem Prüfstand Zur Chancengerechtigkeit und Beratung GmbH (Hrsg.) im Wettbewerb „Kooperative Steuerung im schon viele Jahre Erfahrungen mit ganztags-1. Auflage 2012, 176 Seiten, und Leistungsfähigkeit der Leitfaden Berufsorien- Ganztag“. Zeichen und Wunder! ähnlichen Strukturen gemacht hat. CarstenBroschur deutschen Schulsysteme tierung – Praxishandbuch Was ist passiert? „Uns hat die 2010 ge­­ Temming, Ganztagskoordinator an der Stadt-ISBN 978-3-86793-426-8 2. Auflage 2012, 192 Seiten zur qualitätszentrierten scheiterte Schulreform in die Hände gespielt“, teilschule, betrachtet das erste „echte“ Ganz-20,00 Euro Broschur inkl. Zusammen- Berufs- und Studienorientie- sagt Andreas Schulze, Mitglied der Schullei- tagsjahr dann auch eher als Anpassungsjahr. fassung zentraler Befunde rung an Schulen tung der Stadtteilschule Poppenbüttel. „Da­­ Schulleitung und Kollegium müssten erst ISBN 978-3-86793-335-3 5., vollständig überarbeitete durch rückte das Thema Ganztag nämlich einmal die Gelegenheit bekommen, sich auf 20,00 Euro Auflage 2012,170 Seiten, Bro- an die erste Stelle der Hamburger Bildungs­ rhythmisierte Ganztagszeiten und die neue schur mit CD-ROM, 30,00 Euro, agen­ a.“ Und dadurch rückte wohl auch Schul- d Teamarbeit umzustellen. Außerdem ließen sich ISBN 978-3-86793-408-4 zes Schule auf einmal stärker in den Fokus nicht alle Jahrgänge auf einen Schlag umstel-
    • PodiumSchule 1.12 | 11 Ohne Angebote wie Mittagsbetreuung, Auswahl der Betreuer. Gerade im Fall inklusi- ver Schüler könnten Freiwillige schnell an Haus­ uf­ aben­­ a g betreuung, Nachmittagskurse ihre Grenzen stoßen. Ebenso müsse mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen gewährleistet oder Förderangebote können wir diesen Kindern sein, dass ihnen die Betreuung fachlich und pädagogisch auch gerecht wird. nicht gerecht werden. „Kooperative Steuerung im Ganztag“ hat in diesem Zusammenhang dann auch durchaus etwas mit Kaffee und Kuchen und dem jährli- chen Weihnachtskonzert zu tun. „Jeder, der hier ankommt und helfen möchte, der will auch etwas“, sagt Andreas Schulze. „Freiwil- lige möchten in erster Linie eingebunden und gefordert werden, dann aber in ihrer Arbeit auch anerkannt.“ Wertschätzung durch die Schule drückt sich unter anderem in Freiwil- ligentreffen, Fortbildungsveranstaltungen oder der persönlichen Platzkarte fürs Weihnachts- konzert aus. Alles nur Gesten, wie Carsten Temming einwirft – aber unverzichtbar. Dass Schülerhilfe und Jugendarbeit im Stadt- teil immer bedeutender werden, merken auch die Ehrenamtler im Freiwilligenforum Poppen- büttel, eine Einrichtung der Evangelisch-Luthe- rischen Kirche. Ein Drittel der dort geleisteten Stunden fließt bereits in die Arbeit mit Kindern Richtung führen. „Wir wollen nicht nur Schule und Jugendlichen, Tendenz steigend. Für Schu- im Stadtteil sein, sondern in gleichem Maße len in Großstädten oder Stadtstaaten wie Ham- auch Schule für den Stadtteil. Dazu gehört, burg bedeutet dies auch einen verstärkten dass wir Schule auch mal auslagern. Denkbar Wettbewerb um lokale Ressourcen. Schulen, die wäre zum Beispiel, dass die höheren Jahr- im eigenen Umfeld keine guten und nachhalti- gänge einen kompletten Tag in der Woche im gen Kontakte knüpfen, müssen viel Kreativität Verein verbringen, um dort Sport zu treiben“, beweisen, wollen sie ihren Ganztag attraktiv sagt Carsten Temming. Ganztagsschule erhält gestalten. Mit den vorhandenen finanziellen damit eine Verbindung, die sie eigentlich und personellen Ressourcen ist das – zumin- durch ihren zeitlichen Rahmen aufgelöst hat. dest langfristig – kaum zu leisten. „Durch den Ganztag nehmen wir den Vereinen Ganztagsgestaltung ist auch innerhalb von ihre Klientel weg. Bei uns sind die Kinder, die Schule kein Thema, das nur auf den Schultern sonst um 15.00 Uhr dort Tischtennis hatten. weniger ruhen darf. Ganztagskoordinator Da muss man wieder zusammenfinden.“ Carsten Temming ist bereits damit ausgelastet, Neben professionellen Trainern, Kursleitern das zu tun, was er seiner Funktionsbezeich- oder Betreuern gibt es noch eine zweite große nung nach auch tun soll: zu koordinieren.len. In Poppenbüttel passiert das Schritt für einen funktionierenden Ganztag entwickeln. Gruppe, die sich im Ganztag engagiert: die „Je nachdem was gerade ansteht, hat CarstenSchritt. Während die kommenden Fünftkläss- „Wir als Integrationsschule arbeiten schon Freiwilligen. „In Poppenbüttel haben wir zwischen 50 und 100 Menschen, die er steu-ler nacheinander in den gebundenen Ganztag lange multiprofessionell. Sonder- und Sozialpä- eine besondere Ehrenamtskultur, die natürlich ern muss oder deren erster Ansprechpartnerstarten, laufen die derzeitigen Jahrgänge 8 bis dagogen waren bei uns schon vor dem Ganztag ein Stück weit die gutbürgerliche Struktur er ist“, sagt Andreas Schulze.10 zunächst noch in der alten Unterrichtsform im Team. Dazu kommen natürlich die inhalt- des Stadtteils widerspiegelt“, sagt Andreas Ganztag ist schließlich auch kein befristetesnebenher. Dazu kommt die Grundschule, die lichen und organisatorischen Erfahrungen, Schulze. „Es gibt hier eine Menge Ruheständ- Projekt, welches – einmal etabliert – irgend-parallel in offener Ganztagsform geführt wird. die wir durch Integration, Inklusion und das ler, die in ihrem Alltag etwas Gutes und Sinn- wann zum Selbstläufer würde. „Seit über Für den Ganztagskoordinator keine leichte eigene Ganztagskonzept gesammelt haben“, volles tun wollen. Sie unterstützen uns als einem Jahrzehnt arbeiten wir daran, unsereAufgabe. In seinem Büro neben der Snack- sagt Carsten Temming. Gleichzeitig räumt er Lesepaten, Freiwilligenhelfer oder überneh- Schüler ganztägig zu versorgen. Seit andert-Küche im Sek-II-Bereich entwickelt und betreut ein, dass Inklusion und Ganztag, die sich in men zum Beispiel die komplette Mathenach- halb Jahren sind wir offiziell im gebundenenCarsten Temming gleich drei unterschiedliche Bezug auf individuelle Förderung eigentlich hilfe der Jahrgänge drei bis zehn.“ Ganztag nach Rahmenkonzept“, sagt CarstenKursprogramme: das allgemeine Nachmittags- wunderbar verzahnen ließen, in der Praxis Zu den engagiertesten Freiwilligen zählt Temming. „Aber auch jetzt legen wir unserekursprogramm, das Ganztagsprogramm für problematisch wären. Der Grund läge auch ohne Zweifel Ulrike Pflug. Die 64-Jährige Planung nur auf die nächsten zwei Jahre an.die Grundschule und das Ganztagsprogramm hier in der Unterfinanzierung. So stünde in übernimmt nicht nur jeden Dienstag die Haus- Rhythmisierungsprozesse und Inhalte lassenfür die Stadtteilschule. Fasst man alle darin der dreieinhalbstündigen Ganztagszeit für aufgabenbetreuung der Jahrgangsstufen 7 und sich nicht auf 15 Jahre festsetzen. Wir müssenaufgeführten Veranstaltungen zusammen, hat Schüler mit sonderpädagogischem Förderbe- 8, sie arbeitet auch noch zwei volle Tage die immer wieder schauen, ob das, was wires den Eindruck, als betreibe Temming eine darf nur ein Zehntel der Mittel zur Verfügung,Event-Agentur. Und das nicht nur, weil sichbei ihm selbst Klettertouren im Weserbergland die ihnen in der vergleichbaren Kernzeit zukommen würden. „Mit einer solchen Aus- In Poppenbüttel haben wir eine besondereoder Surfcamps auf Fehmarn buchen lassen.Allein die Fülle der auf die einzelnen Jahr- stattung kann Ganztag Inklusionsschülern nicht gerecht werden.“ Ehrenamtskultur …gänge abgestimmten Angebote lässt erahnen,wie viel Arbeit es sein muss, die Zeit von Eine Frage der Ehre Woche verbindlich in der Schule. Dort knüpft machen, auch wirklich das ist, was unsere08.00 bis 16.00 Uhr sinn- und inhaltsvoll Nun ist es eine Sache, über ausreichend Per- sie Netzwerkfäden, berät Freiwillige und ist Schüler noch brauchen und ob wir damit nochzu gestalten. Schon vor dem Wechsel zum sonal für sonderpädagogischen Förderbedarf auch Ansprechpartnerin für die Schüler. Ihre gut arbeiten können.“Ganztag umfasste das nachmittägliche Kurs- zu verfügen. Eine andere ist es, Betreuer für wohl bedeutendste Funktion liegt aber außer- Zudem steht noch ein Thema aus, das fürprogramm 50 Angebote. die Hausaufgaben ab 13.30 Uhr zu finden oder halb von Schule. Als Koordinatorin in ihrer alle Ganztagsschulen zur Bewährungsprobe etwa eine qualifizierte Trainerin für den Hip- Kirchengemeinde ist Ulrike Pflug eine ent- wird: die Ferien. Andreas Schulze ist über-Nicht ohne meine Partner hop-Kurs am Montagabend. An diesem Punkt scheidende Multiplikatorin für das Ehrenamt. zeugt, dass Ferienangebote für Ganztagsschu-Schule allein schafft keinen Ganztag. Nicht schlägt die Stunde der Stadtteilschule Poppen- „Wenn ihr in der Kirche irgendjemand über len ein Muss sind. Eine Betreuung in 38,5einmal im Ansatz. Die Bedeutung dieser büttel bzw. die der beiden Ganztagsentwickler den Weg läuft, der noch eben so krabbeln Wochen im Jahr und ein Achselzucken für dieanscheinend profanen Erkenntnis wird dann Temming und Schulze. Nicht umsonst ist die kann und eine besondere Fähigkeit hat, dann übrige Zeit, das sei für Eltern nicht attraktiv.deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Stadtteilschule eine von drei Siegerschulen im schickt sie ihn zu uns“, sagt Andreas Schulze. Schulze ist aber auch davon überzeugt, dassjede einzelne Schule ihren Ganztag eigenver- Wettbewerb „Kooperative Steuerung im Ganz- Die Arbeit der Freiwilligen ist mit Geld Ferienbetreuung Schule vollends überfordere.antwortlich ausgestalten muss. Die inhaltliche tag“. Was etwas sperrig daherkommt, meint nicht zu bezahlen. Was sie für die einzelne Schule selbst könne dies auf Dauer nicht leis-Autonomie von Schule wird hier auch zugleich nichts anderes, als dass die Stadtteilschule Schule bedeutet, lässt sich trotzdem beziffern. ten. „Das Thema Ferien ist eine riesige Bau-zu ihrer größten Herausforderung. richtig gut mit den Menschen und Einrichtun- In der Stadtteilschule Poppenbüttel wird zum stelle. Viele Schulen überblicken noch gar „Es ist ohne Frage eine harte Nummer, gen in ihrem Stadtteil kann, und dass diese Beispiel ein Drittel der Nachmittagsangebote nicht, was da auf sie zukommt – räumlich, päd-wenn Schulen bei null anfangen müssen“, sagt umgekehrt auch richtig gut mit ihrer Schule von Freiwilligen gestemmt – das bedeutet kos- agogisch und organisatorisch. Auch deswegenAndreas Schulze. Und damit meint er Schulen, können. tenfrei. Es heißt jedoch nicht, dass hier keine müssen wir die Zusammenarbeit mit unserendie weder Sozialpädagogen noch Erzieher im Ob Arbeiterwohlfahrt, CVJM, Sportverein, Arbeit und Energie vonseiten der Schule hin- Partnern weiter ausbauen und intensivieren.“Team haben, weil Themen wie Integration, Bauspielplatz, Berufsorientierungsprojekt, einfließen müssten, wie Andreas SchulzeInklusion oder Ganztag bisher keine Rolle die Kirche oder das örtliche Freiwilligenfo- betont. Letztlich sei Schule für ihre Schüler Kontaktgespielt haben. Diese Schulen müssen zuse- rum – die Stadtteilschule Poppenbüttel hat mit verantwortlich und müsse diese Verantwor- Stadtteilschule Poppenbüttel | Andreas Schulzehen, wie sie mit geringen eigenen Ressourcen den Jahren ein stabiles Netzwerk errichtet. Ein tung auch weiterhin in der Hand behalten. gesamtschule-poppenbuettel@bsb.hamburg.deund nur wenig sonderpädagogischem Personal Netzwerk, dessen Wege vor allem in jede Das bedeute zunächst einmal eine sorgfältige http://stadtteilschule-poppenbuettel.hamburg.de
    • 12 | PodiumSchule 1.12 Die Musikalische Grundschule. Ein neuer Weg in der Schulentwicklung Die Musikalische Grundschule ist ein Schulentwick- gen anzusprechen, sie in ihrer Persönlichkeitsentwick- lungsprojekt der Bertelsmann Stiftung, bei dem Musik lung zu fördern und somit dem Potenzial jeden Kindes als Medium und Motor für einen ganzheitlichen Schul- seinen je individuellen Entfaltungsraum zu geben. entwicklungsprozess genutzt wird. Ziel der gemeinsa- Jede Schule gestaltet ihren Weg zur Musikalischen men Entwicklung hin zur Musikalischen Grundschule Grundschule individuell. Initiiert, strukturiert und ist es, eine methodisch und didaktisch lebendige, fanta- moderiert wird diese Entwicklung von den eigens sievolle Schule zu realisieren. Die Schüler, Lehrer und hierfür prozessbegleitend fortgebildeten Musiklehr- Eltern erleben an ihrer Schule mehr Musik, vermittelt kräften der teilnehmenden Schulen. Koordinatoren auf von mehr Lehrern in mehr Fächern zu mehr Gelegen- Landes- bzw. regionaler Ebene beraten und vernetzen Kontakt Dr. Ute Welscher ute.welscher@bertelsmann-stiftung.de heiten. Musik wirkt in den Unterricht aller Fächer die Schulen. sowie durch die Einbeziehung der Horterzieherinnen Idee und Konzept zur Musikalischen Grundschule Weitere Informationen in den Ganztag hinein. Sie wird damit zum Lernprinzip wurden mit dem Hessischen Kultusministerium erar- www.bertelsmann-stiftung.de/musikalischegrundschule und Gestaltungselement im gesamten Schulalltag. beitet und von 2005 bis 2010 an rund 100 hessischen www.facebook.com/musikbildet Schulen sind heute mehr denn je aufgerufen, im Grundschulen in der Praxis gestaltet und erprobt. Im Sinne der individuellen Förderung jedem Kind die Rahmen der Kooperation mit den Kultusministerien Literaturtipp Bertelsmann Stiftung, Hessisches ihm gemäßen Bildungschancen zu eröffnen. Vor die- Berlins, Bayerns, Thüringens und Niedersachsens Kultusministerium (Hrsg.) Die Musikalische Grundschule. sem Hintergrund bietet ein musikalisches Profil den haben weitere 200 Schulen die Möglichkeit, sich zu Ein Neuer Weg in der Schulentwicklung. Gütersloh 2010. (Grund-) Schulen die große Chance, alle Kinder unab- einer Musikalischen Grundschule zu entwickeln. Der 71 Seiten, Broschur | Euro 15,- | ISBN 978-3-86793-309-4 hängig von Herkunft, Sprache und Bildungserfahrun- Transfer in andere Bundesländer ist in Vorbereitung. Auch als E-Book erhältlich. Chancengerechtigkeit: Nachholbedarf in allen Bundesländern Der „Chancenspiegel“ leistet erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme: Wie gerecht und leistungsstark sind unsere Schulsysteme? Ergebnis: Chancen- gerechtigkeit und Leistungsstärke sind vereinbar, aber kein Bundesland ist überall spitze. Die Chancen von Schülern, soziale Nachteile Die Bundesländer können deutlich mehr von- zu überwinden und ihr Leistungspotenzial einander lernen – das ist die zentrale Schluss- auszuschöpfen, unterscheiden sich von Bun- folgerung aus den großen Unterschieden zwi- desland zu Bundesland deutlich. Das zeigt schen den Ländern, die der Chancenspiegel der Chancenspiegel, mit dem die Bertelsmann abbildet. Das Ausmaß der Unterschiede ver- Stiftung und das Institut für Schulentwick- deutlichen einige Beispiele: In Sachsen-Anhalt lungsforschung (IFS) an der Technischen ist der Anteil der Kinder, die auf einer separa- Universität Dortmund die Schulsysteme aller ten Förderschule unterrichtet werden und kei- Bundesländer auf Chancengerechtigkeit unter- nen Zugang zur Regelschule haben, nahezu sucht haben. Ergebnis: Kein Land ist überall dreimal höher als in Schleswig-Holstein. Und spitze, kein Land überall Schlusslicht – aber in Sachsen besuchen drei von vier Schülern die Unterschiede zwischen den Ländern sind eine Ganztagsschule, in Bayern nicht einmal erheblich. jeder zehnte. Hier bestehen große Gerechtig- Mit dem Chancenspiegel möchten Bertels- keitsunterschiede, denn sowohl die Ganztags- Web 2.0 und Schule mann Stiftung und IFS mehr Transparenz über die Chancengerechtigkeit in den deut- schule als auch der Besuch einer Regel- statt einer Förderschule steigern die Bildungschan- „Vielfalt lernen Wiki“ bietet fundierte Informationen zum Thema individuelle schen Schulsystemen schaffen. Der Chancen- cen. Ein regionales Gefälle zeigt sich auch im Förderung – undStiftung, Bertelsmann Mitgestaltungsmöglichkeiten spiegel versucht erstmals für Deutschland, Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft Institut für Schulentwicklungsforschung (Hrsg.) Chancengerechtigkeit konkret zu erfassen und Lesekompetenz, der in Bremen fast dop- und vergleichbar zu machen, damit Wissen- pelt so hoch ist wie in Brandenburg. EineDas Internet hat sich weiterentwickelt – vom sie relevanten Fragestellungen arbeiten, ihr schaft und Politik dieses zentrale Thema Hochschulzugangsberechtigung erreichen inweltweiten Informationsmedium hin zu einer Wissen mit anderen teilen und Anregungen künftig besser diskutieren und bewerten Nordrhein-Westfalen, Hamburg, im Saarland ChancenspiegelKommunikationsplattform mit vielfältigen für den eigenen Unterricht finden: Das Wiki können. Dafür haben die IFS-Wissenschaftler und in Baden-Württemberg jeweils mehr alsMöglichkeiten zur Gestaltung sozialer Bezie- bietet bereits viele spannende Inhalte, u. a. um Prof. Wilfried Bos für jedes Bundesland die Hälfte der Schüler – in Mecklenburg-Vor-hungen, zur Kooperation und Vernetzung. eine Sammlung von Filmbeispielen, Fachar- analysiert, wie gerecht und wie leistungsstark pommern nicht einmal 36 Prozent. Zur Chancengerechtigkeit und LeistungsfähigkeitSchüler nutzen soziale Netzwerke wie face- tikel zum kooperativen Lernen, interessante das dortige Schulsystem ist. Der Chancenspiegel zeigt auch, dass Schul-book oder schülerVZ längst mitder deutschen Schulsysteme der größten Weblinks zum Thema individuelle Förderung Der Chancenspiegel bewertet Gerechtigkeit systeme in Deutschland durchaus fair undSelbstverständlichkeit. Auch viele Lehrkräfte sowie eine Übersicht der Umsetzung in den und Leistungsfähigkeit der Schulsysteme in leistungsstark zugleich sein können. In Sach-haben sich inzwischen mit Wikis, Blogs und einzelnen Bundesländern. Da ein Wiki von der vier Dimensionen: Integrationskraft, Durch- sen etwa ist das Schulsystem vergleichsweisesozialen Netzwerken vertraut gemacht. Sie Mitarbeit lebt, sind Lehrkräfte aller Schulfor- lässigkeit, Kompetenzförderung und Zertifi- durchlässig: Die Chancen für Kinder aus unte-nutzen diese Web 2.0-Anwendungen aber nur men eingeladen, sich einzubringen und ihr katsvergabe. An ihnen kann man ablesen, wie ren Sozialschichten auf einen Gymnasialbe-selten zur Zusammenarbeit mit Kollegen oder Wissen mit anderen zu teilen. integrativ Schulsysteme sind, ob sie soziale such sind relativ gut, nur wenige Schüler blei-im Unterricht. www.vielfalt-lernen-wiki.de Nachteile wettmachen, Klassenwiederholungen ben sitzen. Sachsen überzeugt aber nicht nur Um die Kooperation und Vernetzung von und Schulabstiege vermeiden, welche Lese- in dieser Gerechtigkeitsfrage, sondern auch beiLehrkräften zu unterstützen, hat die Bertels- Im Weblog „Vielfalt lernen“, finden Pädagogen kompetenzen sie vermitteln, wie viele Schüler der Kompetenzförderung. Sowohl die leistungs-mann Stiftung zusammen mit der Zentrale zudem regelmäßig neue Beiträge verschiede- sie zur Hochschulreife führen oder wie erfolg- stärksten als auch die leistungsschwächstenfür Unterrichtsmedien im Internet e. V. ein ner Autoren zum Thema individuelle Förde- reich insbesondere Schulabgänger ohne oder Schüler gehören deutschlandweit zu den Bes-Wiki zum Thema „Individuelle Förderung“ rung. Sie haben die Möglichkeit die eingestell- nur mit Hauptschulabschluss darin sind, ten ihrer jeweiligen Vergleichsgruppe. Der angelegt. Dort können Lehrkräfte ten Beiträge zu lesen, zu kommentieren … einen Ausbildungsplatz zu finden. Im Kern Chancenspiegel zeigt: Leistung und Gerechtig- gemeinsam an für oder selbst Autor zu werden. beschreibt der Chancenspiegel somit, wie die keit sind im Bildungssystem kein Widerspruch. www.vielfalt-lernen.de Schulsysteme der Länder mit Vielfalt umge- hen: Inwiefern werden starke ebenso wie Kontakt Ulrich Kober Zudem gibt es auf facebook eine Seite, auf schwache Schüler gefördert? Werden diejeni- ulrich.kober@bertelsmann-stiftung.de der Bildungsinteressierte über die Vielfalt gen wirksam unterstützt, die schon bei der in unseren Klassenzimmern und konstruk- Einschulung benachteiligt sind? www.chancen-spiegel.de tive Wege des Umgangs mit Heterogenität diskutieren können. Impressum Kontakt: christian.ebel@ Redaktion: Bildnachweis: www.facebook.com/vielfalt.lernen bertelsmann-stiftung.de Rüdiger Bockhorst, Archiv der Bertelsmann Herausgeber: Christian Ebel, Stiftung, Dr. Thomas Bertelsmann Stiftung Verantwortlich: Dr. Nicole Hollenbach, Orthmann, Veit Mette Carl-Bertelsmann-Str. 256 Ulrich Kober, Ulrich Kober, Kontakt Postfach 103 Christian Ebel Angela Müncher, Gestaltung: Christian Ebel D-33311 Gütersloh Dr. Thomas Orthmann ehlersgestaltung.de christian.ebel@bertelsmann-stiftung.de