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PodiumSchule 1.10     |3Deutlich von den Behinderungen abzugrenzensind die „Beeinträchtigungen“ beim Lernen,              ...
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Podium Schule 1.10 - Thema: Inklusion
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Podium Schule 1.10 - Thema: Inklusion

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Die Ausgabe 1.10 der Schulzeitschrift Podium Schule befasst sich mit dem Thema Inklusion: "Gemeinsam lernen - mit und ohne Behinderung"

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  1. 1. PodiumSchule 1.10 „Gemeinsam lernen – mit und ohne Behinderung“ Immer mehr Schulen in Deutschland entwickeln sich zu inklusiven Bildungsstätten. Ein Gewinn auch für nicht behinderte Kinder!Christian Ebel | Angela Müncher vention im März 2009 haben sich alle Bundes- wissenschaftlich belegt. Am besten wurde fung eines inklusiven Schulsystems“, erklärt länder dazu verpflichtet, Menschen mit Behin- dies bereits für Kinder und Jugendliche mit Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregie-Was ist Inklusion? Oder anders gefragt: derungen einen gleichberechtigten Zugang Förderbedarf im Bereich Lernen untersucht. rung für die Belange behinderter Menschen.Was ist inklusive Schule? Ganz einfach: zum allgemeinen Schulsystem zu verschaffen. Diese kommen zu einem großen Teil aus Inklusion bezieht sich dabei jedoch nicht nurInklusive Schule ist eine Schule für alle. Jedes Kind soll die Möglichkeit haben, an sozial schwachen Familien und haben häufig auf Menschen mit Behinderungen, sondernSie ist eine Schule, in der Kinder und einem inklusiven, hochwertigen und unentgelt- einen Migrationshintergrund. Die Kinder mit auf alle Formen von Unterschiedlichkeit – seiJugendliche gemeinsam lernen, ohne lichen Unterricht an Grundschulen sowie wei- dem Schwerpunkt Lernen stellen fast die es im Hinblick auf die körperliche, geistigedass sie aufgrund ihrer individuellen terführenden Schulen teilnehmen zu können. Hälfte aller Förderschüler. Sowohl in natio­ oder kognitive Entwicklung, auf InteressenBesonderheiten selektiert und vonein­ Die aktuellen Zahlen sprechen allerdings nalen als auch internationalen Studien konnte und Begabungen oder auch den Hintergrundander separiert würden. Eigentlich kein noch eine andere Sprache: Annähernd eine gezeigt werden, dass sich die Leistungen eines Kindes. Inklusive Schule ist also eineneues Thema und in einigen Ländern halbe Million Schüler in Deutschland haben dieser Gruppe verschlechtern, je länger sie Schule, die allen Kindern offensteht und dieder Welt auch schon gängige Praxis. derzeit einen ausgewiesenen sonderpädagogi- gesondert unterrichtet werden. Entsprechend die individuellen Begabungen und InteressenIn Deutschland hat Inklusion durch die schen Förderbedarf. Damit liegt die Förder- schafft in Deutschland auch nur ein Bruch- eines jeden Kindes bestmöglich fördert. GenauRatifizierung der UN-Behindertenrechts­ quote (also der Anteil der Schüler mit Förder- teil der Förderschülerinnen und -schüler den diese Vielfalt hilft ihnen, gleichaltrige Vorbil-konvention im Jahr 2009 nicht nur neue bedarf) im Bundesdurchschnitt bei ungefähr Sprung zurück auf eine allgemeine Schule. Im der zu finden und auch selbst Vorbild sein zuAufmerksamkeit, sondern eine klare sechs Prozent. Von diesen Kindern werden Ergebnis erreichen über drei Viertel (76,3 Pro- können.Relevanz bekommen: Das deutsche Schul­ rund 82 Prozent in separaten Förderschulen zent) der Abgänger aus Förderschulen keinen Um das eigene Potenzial vollständig ent­system muss inklusiv werden. Eine Auf­ unterrichtet (vgl. aktuelle Inklusionsstudie von Hauptschulabschluss. Damit ist ihre Aussicht falten und entwickeln zu können, brauchengabe, die – nicht zuletzt durch system­ Prof. Klemm auf Seite 3). International betrach- auf gesellschaftliche Teilhabe – zum Beispiel Kinder Kontakt zu anderen Kindern. Durchbedingte Widersprüche – alle Beteiligten tet sind das durchaus hohe Werte: In den meis- in Form einer Berufstätigkeit – mehr als inklusive Schulen wird dieser Kontakt nichtvor große Herausforderungen stellt ... ten EU-Ländern liegt die Förderquote bei unter ge­ ing. Wie aber sieht eine Alternative zur r unterbrochen, sondern verstärkt. Wohnort­ drei Prozent. Außerdem wird dort ein viel grö- Förderschule aus? Und gibt es sie überhaupt? nahes, gemeinsames Lernen ermöglicht denDie Situation: ßerer Anteil der förderbedürftigen Kinder im Kindern, dass sie ihre sozialen BindungenBildungssystem mit Förderbedarf Regelschulsystem integriert (vgl. Abb. 1). Der inklusive Anspruch: aus der Nachbarschaft auch in der SchuleDer Druck auf das deutsche Förder- und damit Trotz kleiner Klassen und speziell ausgebil- Gemeinsamer Unterricht an Regelschulen erhalten und sogar weiterentwickeln können.auch auf das Regelschulsystem wächst: Mit deter Pädagogen sind deutsche Förderschulen „Spätestens seit Inkrafttreten der UN-Konven- Der gemeinsame Unterricht bietet Kindern mitUnterzeichnung der UN-Behindertenrechtskon- für ihre Schüler häufig eine Sackgasse. Das ist tion haben wir eine Verpflichtung: die Schaf- Förderbedarf darüber hinaus die Grundlage
  2. 2. 2 | PodiumSchule 1.10 mehr Schulsysteme in Deutschland geraten in Bewegung. Bremen und Hamburg sind die ersten Bundesländer, die Inklusion in ihre Schulgesetze aufgenommen haben. Ihre klare Verpflichtung: Behinderte und Nichtbehinderte sollen gemeinsam an Regelschulen unterrich- tet werden. In Schleswig-Holstein wurden alle Förderschulen zu Förderzentren ausge- baut und die Quote der Schüler mit sonder­ pädagogischem Bedarf an allgemeinen Schu- len in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesteigert. Bundesweit ist die Inklusionsquote in den vergangenen Jahren von 13,9 Prozent (2004) auf 18,4 Prozent (2008) angestiegen. Nach- denklich stimmen allerdings die zum Teil sehr großen Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Während in Rheinland-Pfalz 3,8 Prozent aller vollzeitschulpflichtigen Kin- der und Jugendlichen eine Förderschule besu- chen, sind es in Mecklenburg-Vorpommern 9,2 Prozent. Von den Schülerinnen und Schü- lern mit Förderbedarf besuchen in Schleswig- Holstein 41,9 Prozent den gemeinsamen Unterricht, in Niedersachsen aber lediglich 6,6 Prozent (vgl. Abb. 2). Hier stellt sich die Frage, welcher bildungspolitische Weg der beste ist, wenn es darum geht, Förderbedarfefür nachweislich bessere Lern- und Entwick-lungsfortschritte – was ihre Chance auf einen Inklusion ist also festzustellen und Kinder und Jugendliche indi- viduell zu fördern.weiterqualifizierenden Abschluss erhöht. Aber auch für Kinder ohne besonderen machbar. Dafür bedarf Klarheit schaffen – dann wird Inklusion auchFörderbedarf hat der gemeinsame Unterrichtpositive Folgen. Sie üben und entwickeln nicht es eines schrittweisen verständlicher Häufig werden in der öffentlichen Diskussionnur ihre sozialen Kompetenzen, sondern profi-tieren gleichermaßen von der Praxis individu- Ausbaus der Regel­ unterschiedliche Förderbedarfe miteinander vermischt. In die Kategorie der „Behinderun-eller Förderung, wie sie an inklusiven Schulenkonsequent verankert ist. schulsysteme. gen“ fallen die Bereiche Sehen, Hören, körper- liche und motorische Entwicklung, geistige Entwicklung sowie Erkrankungen. Im indivi-Internationale Beispiele Bildungseinrichtungen – vom Kindergarten bis duellen Fall gibt es jeweils klar diagnostizier-für erfolgreiche Inklusion zum Ende der Sekundarstufe und darüber hin- bare medizinische Sachverhalte, die einenKein Land hat im internationalen Vergleich ein aus (vgl. Reportage auf den Seiten 4 und 5). Unterstützungsbedarf induzieren. Internationalso hoch differenziertes Förderschulsystem wie wird die betroffene Gruppe von Kindern undDeutschland. Hierzulande gilt es als „normal“, Wie weit sind wir in Deutschland Jugendlichen zum Teil separat beschult.Kinder mit Behinderungen oder Lernschwie- auf dem Weg der Inklusion?rigkeiten in eigens dafür geschaffenen Schu- Inklusion kann auch in Deutschland gelingen: Abbildung 1: Schüleranteil mit sonderpädagogischem Förderbedarf* 2008len zu unterrichten. In vielen europäischen Das zeigen die bundesweit mehr als 200 nach segregierter und integrierter Betreuungsform und Staatenund außereuropäischen Ländern wird dies Schulen, die sich in diesem und im vergange- Angaben in Prozent aller Schülerinnen und Schülerlängst anders gesehen – und anders gehand- nen Jahr am „Jakob Muth-Preis für inklusivehabt. So zum Beispiel in Italien, Norwegen Schule“ beteiligt haben. Unter dem Motto 8,6oder Schweden. Die Schulpraxis in diesen „Gemeinsam lernen – mit und ohne Behinde- 7,7Ländern zeigt, dass Inklusion machbar ist. rung“ zeichnet der Jakob Muth-Preis Schulen 5,6 5,8 5,7 0,7 0,7Über 90 Prozent aller förderbedürftigen aus, die behinderte und nicht behinderte Kin- 4,1 4,1Schüler besuchen dort die allgemeinbildenden der vorbildlich zusammen unterrichten. Hier 3,7 3,8 3,6Regelschulen. zeigt sich: Ein gemeinsamer Unterricht, der 2,6 2,8 2,3 1,7 2,1 1,6 Geradezu beispielhaft ist die italienische beim individuellen Kenntnisstand sowie den 0,01 1,5 1,2 1,7Provinz Südtirol: Hier gründet sich Inklusion persönlichen Bedürfnissen und Interessen 0,01 1,4 5,4 2,0 0,00 0,1 0,3 0,6 1,1 1,1 2,0 2,0 3,9 4,5 4,9 5,1 2,0auf verbindliche gesetzliche Rahmenvorgaben, der einzelnen Schüler ansetzt, wirkt sich auch I S N E L UK NL A FIN CZ D B EU**ein gut organisiertes Netz personeller und auf deren Leistung aus. Viele dieser inklusi-finanzieller Ressourcen sowie ein starkes, ven Schulen haben bei Vergleichstests über- Segregierte Betreuungsform Integrierte Betreuungsformausdifferenziertes und kompetentes Unterstüt- durchschnittliche Ergebnisse erzielt. So auch * Die Angaben stellen den Schüleranteil mit anerkanntem Förderbedarf („special educational needs“) dar. Die Regelungen zu Umfang und zeitlicher Dauer der Förderung können sehr verschieden sein, sodass bei einigen EU-Staaten ein sehr hoher Anteil der Schüler im Laufezungssystem. Kennzeichnend ist außerdem die drei Preisträgerschulen aus 2010, die auf eines Jahres aufgrund von „special educational needs“ eine sonderpädagogische Förderung erhält.eine positive Haltung zur Inklusion sowie eine den nachfolgenden Seiten vorgestellt werden. ** Der EU-Wert entspricht dem arithmetischen Mittel der Werte aller dargestellten Staaten.auf das einzelne Kind ausgerichtete Arbeit Inklusion setzt sich jedoch nicht nur auf Quelle: European Comission (2009), Progress Towards the Lisbon Objectives in Education and Trainingder Pädagoginnen und Pädagogen in allen der Ebene von Einzelschulen durch. Mehr und Abbildung 2: Die Förderquote in Primar- und Sekundarstufe Umfrage „Schulen und Gerechtigkeit“ im Bundesländervergleich – unterteilt in Exklusions- und Inklusionsquote Angaben in Prozent Dass die Bevölkerung für ein inklusives Schulsystem bereit wäre, zeigt eine repräsenta- tive Umfrage der Bertelsmann Stiftung, die vom Institut Infratest dimap durchgeführt 11,7 wurde: Rund zwei Drittel der Eltern befürworten demnach einen gemeinsamen Unterricht für behinderte und nicht behinderte Kinder. 2,5 9,5 9.0 8,5 8,3 0,8 Die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet 7,2 7,5 1,5 5,9 1,4 das gemeinsame Lernen behinderter und nichtbehinderter Kinder 6,4 5,7 6,1 0,8 4,8 0,7 6,0 5,5 3,1 4,7 4,6 5,3 Repräsentative Umfrage der Berteslmann Stiftung (2010), Angaben in Prozent 1,7 0,9 2,9 0,5 0,3 0,8 1,1 2,8 1,9 2,2 Eltern 65 18 Nicht Elterm 68 13 4,7 4,6 4,4 5,4 4,6 4,9 4,3 9,2 4,4 5,2 3,8 6,9 3,1 4,2 8,7 7,5 4,9 Gesamt 67 14 BW BY BE BB HB HH HE MV NI NW RP SN SH SL ST TH D Quelle: Infratest dimap Exklusionsquote Inklusionsquote Ja Nein Anmerkung: Die Balken zeigen insgesamt die Förderquote pro Bundesland an (Inklusionsquote + Exklusionsquote). Quelle: Berechnungen durch Prof. Dr. Klaus Klemm auf der Grundlage von: KMK: Sonderpädagogische Förderung in Schulen 1999 bis 2008. Berlin 2010
  3. 3. PodiumSchule 1.10 |3Deutlich von den Behinderungen abzugrenzensind die „Beeinträchtigungen“ beim Lernen, Neue Studie von Prof. Dr. Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung:in der Sprache sowie in der emotionalen undsozialen Entwicklung (LES). In diesen Berei-chen resultiert der zusätzliche Förderbedarfentweder aus Interaktionsproblemen oder Gemeinsam lernen. Inklusion leben.besteht aufgrund des individuellen Bildungs- Status Quo und Herausforderungen inklusiver Bildung in Deutschland.kontextes. International wird diese Gruppeüberwiegend in Regelschulen gefördert –Deutschland bildet hier eine Ausnahme. Ob nun mit Blick auf Behinderungen oder Bei über 565.000 Kindern und Jugendlichen in Kin­ tet werden, liegt der Inklusionsanteil in anderen Ländern beiauf Beeinträchtigungen: Inklusion ist in bei- dertageseinrichtungen und Schulen bestand im Schul­ unter fünf Prozent.den Förderbereichen machbar. Das ist auch jahr 2008/2009 ein diagnostizierter sonderpädagogi­ Mit etwa 76 Prozent erreicht die überragende Mehrheit derdie Überzeugung der beiden deutschen Bil- scher Förderbedarf. Ihrer Bildungssituation widmet Förderschüler keinen Regelschulabschluss. Einige Bundeslän-dungsexperten Klaus Klemm und Ulf Preuss- sich die neue, im Auftrag der Bertelsmann Stiftung der bieten zwar an Förderschulen gesonderte Abschlüsse an,Lausitz. In einem Wissenschaftsgutachten erstellte Studie des renommierten Bildungsforschers ob diese eine Integration in den Ausbildungs- und Arbeits-„Zum Stand und zu den Perspektiven der son- Klaus Klemm „Gemeinsam lernen. Inklusion leben. markt ermöglichen, ist jedoch infrage zu stellen: Momentanderpädagogischen Förderung in den Schulen Status Quo und Herausforderungen inklusiver Bildung haben bereits Jugendliche mit einem Haupt- oder Realschul­der Stadtgemeinde Bremen“ fordern sie die in Deutschland“. Im Mittelpunkt steht die Frage, abschluss Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu bekom-Abschaffung der Förderschulen für die Berei- wo Deutschland auf dem Weg zu einem inklusiven men. Abgänger mit Zeugnissen aus Förderschulen, die unter-che Lernen, emotionale und soziale Entwick- Bildungssystem steht und welche weiteren Reform­ halb des Hauptschulabschlusses anzusiedeln sind, dürftenlung sowie Sprache. Frei werdende Sonderpä- maßnahmen einzuleiten sind. daher erwartungsgemäß noch größere Probleme beim Über-dagogen, so ihre Empfehlung, sollten innerhalb gang von der Schule in den Beruf haben. Für bildungspoliti-besonderer „Unterstützungscentren“ (UC) in Die Ergebnisse zeigen, dass Inklusion über die Bildungsbio­ sche Reformen gilt daher: So viel Inklusion wie möglich! Dieden Regelschulen tätig werden. Regionale grafie von Kindern hinweg unterschiedlich weit fortgeschritten Weichenstellungen hierfür müssen konsequent in allen Bun-Beratungs- und Unterstützungsstellen könnten ist. Während bundesweit im Bereich der Kindertageseinrich- desländern vorgenommen werden. Das erfordert Veränderun-schließlich die Schulen besonders im Hinblick tungen ein Inklusionsanteil von über 60 Prozent erreicht wird, gen im gesamten Bildungssystem. Keinesfalls dürfen diese zuauf Kinder und Jugendliche mit emotional- werden in der Grundschule rund 34 Prozent, in der Sekundar- Lasten der betroffenen Kinder und Jugendlichen erfolgen. Dersozialem Förderbedarf unterstützen. stufe I nur noch 15 Prozent der Kinder mit Förderbedarf Umbau ist daher auch nicht zum Nulltarif möglich. Mittel- bis Empfehlungen gab es auch für förderbe- gemeinsam mit anderen Kindern unterrichtet. Diese Zahlen langfristig erzielen diese Investitionen sowie Umverteilungendürftige Schüler in den Bereichen Sinneswahr- weisen darauf hin, dass in der Sekundarstufe I ein besonderer aber enorme finanzielle Vorteile, denn bessere Bildung heißtnehmungen, körperliche und motorische Ent- Nachholbedarf besteht. weniger Kriminalität, geringere Transferzahlungen und mehrwicklung sowie geistige Entwicklung. Auch Große Unterschiede zeigt auch der Bundesländervergleich: Wachstum.hier würden Kompetenzzentren benötigt, die In der Grundschule schwankt der Anteil der inklusiv unterrich-mithilfe spezialisierter Sonderpädagogen die teten Schüler an allen Kindern mit Förderbedarf zwischenSchulen in ihrer Arbeit unterstützen. Das 12,8 Prozent und 90,7 Prozent, in der Sekundarstufe reichtLand Bremen hat mittlerweile zahlreiche Emp- die Spannweite von 5,7 Prozent bis zu 40,2 Prozent. Geht man Die Studie ist online abrufbar unter: www.bertelsmann-stiftung.de/inklusionfehlungen aus dem Gutachten der Bildungs- noch etwas mehr in die Tiefe und nimmt eine nach Förder-wissenschaftler übernommen und ist dabei, schwerpunkten differenzierte Betrachtung vor, so offenbaren Kontakt:diese in die Praxis umzusetzen. sich noch größere Diskrepanzen: Während beispielsweise im Antje Funcke | antje.funcke@bertelsmann-stiftung.de Inklusion ist also machbar. Dafür bedarf es Förderschwerpunkt Lernen in Bremen über 60 Prozent aller Anette Stein | anette.stein@bertelsmann-stiftung.deeines schrittweisen Ausbaus der Regelschul- Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf inklusiv unterrich- 05241.81 81 410… auch für Kinder Inklusionsanteile in den Bundesländern von der Kita bis zur Sekundarstufe I (2008/2009) Angaben in Prozentohne besonderen Förder­be­ arf hat der gemein- d Baden-Württemberg 38,2 47,0 13,4same Unter­ icht positive r 34,3 Bayern 23,0 14,3 98,7Fol­ en. g Berlin 47,4 40,3 75,2 Brandenburg 56,1systeme: Als Erstes müssen Voraussetzungen 35,7 93,3für den gemeinsamen Unterricht geschaffen Bremen 90,7 13,1werden. Dazu gehört unter anderem, Lehr- 89,0kräfte für die individuelle Förderung von Kin- Hamburg 12,8 11,4dern und Jugendlichen auszubilden, die Perso- 86,9nalstruktur an inklusiven Schulen auszubauen Hessen 21,5 8,6und die Einzelschulen je nach Bedarf behin- 88,5 Mecklenburg-Vorpommern 30,2dertengerecht auszustatten. 22,7 36,6 NiedersachsenÜbergang zu einem inklusiven Schulsystem 68,6Der Übergang zu einem inklusiven Schul­ Nordrhein-Westfalen 26,0 8,0system gelingt nicht von heute auf morgen. 60,5Es braucht einen evolutionären Prozess, der Rheinland-Pfalz 31,8 13,1alle Beteiligten mitnimmt. Dieser Prozess 87,3 Saarland 64,5sollte jedoch langsam an Fahrt gewinnen. 20,7Dieser Ansicht ist auch Dr. Jörg Dräger, für 47,1 Sachsen 26,7Bildungs- und Integrationsprojekte zuständi- 13,2ges Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stif- Sachsen-Anhalt 99,9 18,0 5,7tung: „Ein Großteil der zirka 2,6 Milliarden 88,9Euro, die wir pro Jahr für Förderschulen in Schleswig-Holstein 69,2 40,2Deutschland ausgeben, muss in diesen Umbau 87,1investiert werden – sonst geben wir weiterhin Thüringen 26,6 17,0jedes Jahr viel Geld für einen Sonderweg aus, 61,5 Deutschland 33,6der für zu viele Kinder in einer Sackgasse 14,9endet.“ – Zeit also für ein chancengerechtesund leistungsstarkes Schulsystem. Zeit für 0 20 40 60 80 100Inklusion. Kindertageseinrichtung Grundschule Sekundarstufe I Anmerkung: Die Inklusionsanteile wurden für die Grundschule und die Sekundarstufe I ohne die Schüler des Förderschwerpunktes Geistige Entwicklung berechnet, für den es keine stufenspezifische Ausdifferenzierung der entsprechenden Daten gibt. In Niedersachsen werden die Daten nicht schularten- und schulstufenspezifisch ausgewiesen. Inklusionsanteile geben den Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die inklusiv unterrichtet werden, an allen Schülern mit Förderbedarf an.Kontakt: Quelle: Bertelsmann Stiftung, Berechnungen von Prof. Dr. Klaus Klemm.Christian Ebel | christian.ebel@bertelsmann-stiftung.deAngela Müncher | angela.muencher@bertelsmann-stiftung.de
  4. 4. 4 | PodiumSchule 1.10 Wo Inklusion schon Geschichte ist Ein Blick hinter die BergeEines vorab: Erfolgreiche Inklusion im fachwissenschaftliche Diskussion gefundenBildungsbereich ist ein Märchen. Es ist hatte. Ausgangspunkt war das Jahr 1977. Inein Märchen, das nicht in Deutschland dem Jahr, in dem die italienische Regierungpassiert, sondern in fernen Ländern, immer noch mit den Folgen des Seveso-irgendwo hinter den Bergen. Dort, wo Unglücks beschäftigt war, legte sie per Gesetzeinst Kaiser und Könige herrschten und fest, dass alle Kinder des Landes bis zum ach-wo im Tal Palmen und Zypressen wach­ ten Schuljahr gemeinsam zu beschulen seien.sen, während auf den Berggipfeln nochder Schnee liegt. Schulreform per Gesetz Kleine Ursache, große Wirkung. Mit einemWir befinden uns in Südtirol, der nördlichsten Male waren sämtliche Sonderschulen ver-Provinz Italiens. Hier, an der Südseite der schwunden und wurde die Integration allerAlpen, tragen Dörfer und Täler so märchen- behinderten Schülerinnen und Schüler einge-hafte Namen wie Wolkenstein oder Pustertal. führt (wie gesagt, der Begriff Inklusion warEs sind jedoch nicht Hänsel und Gretel, die in noch nicht etabliert). Bildungspolitischer dem Tisch liegen, den sie umsetzen mussten. Bereich Integration auszeichnen. Sie unterstüt-diesem Bergpanorama zur Schule gehen, son- Ausgangspunkt war die Überzeugung, dass Lehrerinnen und Lehrer waren für die inklu- zen zwar in erster Linie die Lehrerteams indern Kinder wie Anna und Giuseppe. Beide gemeinsames Lernen die beste Voraussetzung sive Form von Schule nicht ausgebildet und den Klassen, in denen Kinder mit Funktions-sind 13 Jahre alt und gehen gemeinsam in die für alle Kinder böte und dass die allgemeine die Schulen waren gefordert, einen in jeder störungen sitzen, stehen aber als Integrations-zweite Klasse einer Meraner Mittelschule – in Schule der beste Förderort dafür sei. Schul­ Hinsicht barrierefreien Zugang für alle Schü- experten auch den übrigen Kindern und Kolle-Deutschland wäre das die siebte Klasse. Auch reform per Gesetz und ohne lange Vorberei- ler zu schaffen – egal ob geistig oder körper- gen zur Verfügung.die Grundschule haben sie schon zusammen tungen oder umfassende Bildungsdebatte. lich behindert, ob mit Problemen im Sozialver-besucht. Fünf Jahre lang. Fünf Jahre derselbe Ist dies in Zeiten von durch Volksentscheid halten oder mit anderen Einschränkungen in Keine homogenen WissensständeSchulweg und fünf Jahre dieselbe Klasse. gekippte Schulreformen ein durchaus diskus- der persönlichen Lernfähigkeit.“ Die bedarfsgerechte personelle AusstattungNichts Ungewöhnliches. Schließlich sind sie sionswürdiger Weg, brachte der italienische von Schulen ist nur ein Teil der Rahmenbe­auch in derselben Nachbarschaft aufgewach- Bildungswandel fundamentale Änderungen Anrecht auf Unterstützung dingungen, die eine erfolgreiche „Schule fürsen. So weit, so gut. mit sich: allem voran die freie Schulwahl und Das war Ende der 70er Jahre. Nun ist 2010, alle“ in Südtirol ermöglicht haben. Natürlich den freien Regelschulzugang für alle Kinder. und Anna und Giuseppe merken von den brauchte es Zeit und Mühe, und über dieAlles normal? Eltern hatten ab sofort das Recht, ihre Kinder vielen Schwierigkeiten der Anfangsjahre ihrer Jahre hat sich ein umfassendes Unterstüt-Anna wurde mit Down-Syndrom geboren. auf die Grund- und Mittelschulen zu schicken, inklusiven Schule nichts mehr. Inklusive zungssystem entwickelt, wurden die notwendi-Giuseppe ist „normal“. Normal – das wäre die in ihrem Einzugsgebiet lagen. Kinder mit Schule ist selbstverständlich geworden, sei es gen strukturellen Voraussetzungen geschaffen,zumindest der klassische Terminus, würde geistigen oder körperlichen Beeinträchtigun- für Schüler, Eltern oder Lehrer. Von den Letz- sind finanzielle Mittel zur Verfügung gestelltman gängige Integrationsmaßstäbe ansetzen. gen durften von den Schulen nicht mehr abge- teren kümmern sich heute in einem Teil der worden und hat die italienische RegierungIm Grunde bedeutet normal aber nichts ande- wiesen werden. Bereits seit 1987 gelten diese Stunden zwei Lehrkräfte um die insgesamt den gesetzlichen Rahmen noch präziser aufres, als dass der Junge italienischer Abstam- Vorgaben auch für die Oberschulen. Im selben 20 Kinder in der 7a. Nicht nur wegen Anna. ein inklusives Bildungssystem ausgerichtet.mung ein Kind ohne geistige oder körperliche Jahr belegten die Südtiroler Schulen im inter- Denn neben Anna hat noch ein weiteres Kind Mit Blick auf jedes einzelne Kind und seineEinschränkungen ist. In Südtirol bedeutet es, nationalen Bildungsvergleich zusammen mit aufgrund seiner körperlichen und geistigen individuellen Fähigkeiten, Bedürfnisse unddass Anna und Giuseppe einfach nur Kinder Finnland einen der PISA-Spitzenplätze. Ein- Behinderungen eine sogenannte Funktions­ Ansprüche existieren heute für den Unterrichtsind. Denn „normal“ und „unnormal“ gibt es fach märchenhaft ... diagnose erhalten. „nur noch“ Rahmenrichtlinien, die durch diebei der Betrachtung von Kindern und Jugend- Oder nicht? Schließlich sind Märchen ja Eine solche Diagnose wird vor der Einschu- Schulbehörde vorgegeben werden. Es gehtlichen nicht – weder in Südtirol noch in den nicht das Paradies. Sie zeichnen sich nicht lung vom Gesundheitsamt erstellt und gibt nicht mehr darum, vorgegebene Lehrpläneübrigen Provinzen Italiens. Kinder sind Kinder dadurch aus, dass sie völlig problembefreit Anna und ihrem stark körperbehinderten Mit- inhaltlich eins zu eins abzuarbeiten oder in schüler Florian ein Anrecht darauf, sämtliche einer Klasse homogene Wissensstände herzu- Unterstützungs- und Individualisierungsmaß- stellen. Viel wichtiger als der reine Wissens­Denn „normal“ und „unnormal“ gibt es bei der nahmen zu nutzen, die ihnen erfolgreiches transfer ist die Entwicklung von Fähigkeiten Lernen ermöglichen. Dazu gehört auch, dass und Kompetenzen. Anna und Giuseppe habenBetrachtung von Kindern und Jugendlichen nicht. ein zusätzlicher Mitarbeiter für Integration zwar unterschiedliche Lernvoraussetzungen. Florian bei alltäglichen Dingen wie Essen Beide Kinder können aber so gefördert und oder Anziehen zur Seite steht. gefordert werden, dass sie – für ihre jeweili-und Jugendliche sind Jugendliche. Was sie ver- wären. Im Gegenteil: Beim Durchqueren frem- Dann gibt es noch Matthias und Alexander. gen Verhältnisse – gleich große Lernerfolgeeint, ist der Umstand, dass sie alle voneinan- der Königreiche und unbekannter Zauberwäl- Diese beiden Jungen haben aufgrund von und Lernerlebnisse haben. Und genau dasder verschieden sind – eben mit ganz eigenen der werden ihre Protagonisten vor durchaus Schwierigkeiten im sozialen Bereich keine wird in ihren individuellen ErziehungsplänenFähigkeiten, Ansprüchen und Bedürfnissen. anspruchsvolle Aufgaben und Herausforderun- Funktionsdiagnose, sondern eine Funktionsbe- festgehalten, die sie die gesamte Schullauf- Ein solch wertungsfreier Blick auf den gen gestellt, die es zu bewältigen gilt. So auch schreibung erhalten. Ein Sozialpädagoge sorgt bahn begleiten.Menschen ist der Kern von Inklusion. Es wird die Situation in Südtirol nach der strukturell zusammen mit den Lehrern dafür, dass sie Ein zusätzliches funktionelles Entwick-von vorneherein nicht klassifiziert, sortiert und inhaltlich tief greifenden Schulreform. durch individuelle pädagogische Maßnahmen lungsprofil ermöglicht einen kompetenzorien-oder separiert. Dann muss im Nachhinein „Italiens Schulen waren natürlich auf die besonders gefördert werden. Vervollständigt tierten Blick auf den Entwicklungs- und Leis-auch nicht mühevoll wieder integriert werden. zahlreichen und umfassenden Veränderungen wird das Fachkräfteteam an der Meraner Mit- tungsstand der einzelnen Schüler. Das ProfilMit diesem Ansatz hat sich Italien bereits vor nicht vorbereitet“, sagt Dr. Edith Brugger- telschule schließlich durch die sogenannten dient besonders den Übergängen vom Kinder-über 30 Jahren auf den Weg zum inklusiven Paggi, die über 20 Jahre die Reform als Dezer- Integrationslehrpersonen. Das sind Lehrkräfte, garten in die Grundschule, zwischen denBildungssystem gemacht; lange bevor der nentin maßgeblich gestaltet hat. „Die Schullei- die sich durch eine ans Lehramtsstudium einzelnen Schulstufen oder auf dem Weg inBegriff Inklusion überhaupt Eingang in die tungen hatten einen politischen Beschluss auf anschließende zweijährige Spezialisierung im die berufliche Ausbildung. Anna und Giuseppe
  5. 5. PodiumSchule 1.10 |5 „Eine inklusive Schule gelingt nur gemeinsam“ Interview mit Wilfried Steinert W as waren die Beweggründe, die zum Thema integrative Grundschule oder Waldhofschule von einer Förderschule gemeinsames Lernen gemacht haben. Stattdes- zu einer inklusiven Ganztagsschule sen haben wir darüber diskutiert, ob Hausauf- umzugestalten? gaben notwendig sind, wie eine sinnvolle Leis- Ausgangspunkt war das Anliegen der Stepha- tungsbewertung in der Schule aussehen kann nus-Stiftung, der Trägerin der Schule, die oder wie eine gute Ganztagsschule aufgebaut Son­ erpädagogik aus ihrem Nischendasein d sein muss. Als wir nach einem Jahr der inten- herauszuholen. Dafür suchte sie 2002 eine siven Bildungsdiskussion das integrative neue Schulleitung, die mit vielen Freiheiten Schulkonzept der Waldhofschule vorgestellt ausgestattet werden und die Waldhofschule haben, da haben Eltern ihre Kinder gar nicht entwickeln sollte. so sehr wegen der Behinderten bei uns Dass wir auf eine integrative Grundschule an­ emeldet, sondern wegen des überzeugen- g hingearbeitet haben – den Begriff der Inklu- den und zukunftsweisenden Gesamtkonzep- sion gab es noch nicht – hing auch mit unse- tes. Dazu gehörten neben dem gemeinsamen, ren eigenen negativen Integrationserfahrun- hand­ungsorientierten Lernen die rhythmi- l gen zusammen. Vor der Schule für alle gab es sierte Ganztagsschule, relativ kleine Klassen die Einzelintegration. Im Rahmen dieser Maß- mit maximal 18 Schülern, Teamteaching mit nahme sind einzelne geistig behinderte Kinder immer zwei Lehrern in einer Klasse, keine in Regelschulklassen gegangen. Von denen Hausaufgaben usw. haben wir aber viele zwischen der dritten und fünften Klasse wieder zurückbekommen, weil Wie ist die Waldhofschule mit Blick auf Schüler die normale Grundschule ihnen nicht mehr und Personal aufgebaut? gerecht werden konnte. Es fehlte nicht nur Zurzeit lernen bei uns etwa 130 Schülerinnen eine ausreichende fachliche Betreuung, son- und Schüler in sechs Jahrgängen und etwa dern die Kinder machten auch eher die Erfah- zwei Klassen pro Jahrgang. Für jede Klasse ist rung von Segregation statt Integration. Das ein Pädagogenteam zuständig, das aus einer hat dazu geführt, dass sie nach ihrer Rück- sonderpädagogischen Lehrkraft, einer Grund- kehr an die Waldhofschule zusätzliche Verhal- schullehrerin und einer pädagogischen Fach-Die bedarfsgerechte personelle tensauffälligkeiten zeigten, vor allem aggres­ sives Verhalten. kraft besteht. Etwa die Hälfte der Kinder einer Klasse hat einen diagnostizierten Förderbe-Ausstattung von Schulen ist nur War es der „bessere“ Weg, eine Förderschule darf. Das Schülerspektrum reicht dabei von schwerst mehrfach Behinderten bis hin zumein Teil der Rahmenbedingungen, zu einer Integrationsschule umzugestalten oder hätte es auch genauso mit einer Regelschule hochbegabten Kind.die eine erfolgreiche „Schule für alle“ klappen können? Der Vorteil an der Förderschule ist natürlich Wie gehen Sie mit dieser Vielfalt im Unterricht konkret um?in Südtirol ermöglicht haben. der, dass hier schon die pädagogische Kompe- tenz dafür vorhanden ist, Schüler mit ihren Zunächst mal besteht eine wesentliche Grund- lage des Unterrichtes darin, voneinander zu Besonderheiten individuell zu betrachten. Wer lernen. In den ersten zwei Schuljahren legen sich mit einem geistig oder schwerst mehrfach wir bei den Schülern die Basis dafür. Inprofitieren schließlich in ihrer gesamtenSchullaufbahn von differenzierten Lernwegen,differenzierten Bewertungen und differen­ Zunächst mal besteht eine wesentliche Grundlagezierten Prüfungen. Beide können im FachMathematik die gleiche Note erreichen und des Unterrichtes darin, voneinander zu lernen.beide können nach der Mittelschule einenAbschluss machen – ohne dass darin anirgendeiner Stelle erkennbar wäre, dass Anna behinderten Kind auseinandersetzen muss, Klasse eins und zwei lernen sie, wie manbehindert ist. der hat einen ganz anderen Blick auf den gemeinsam lernt. Diese Fähigkeit können die Einzelnen, seine Beeinträchtigungen, seine Lehrer dann unmittelbar im Unterricht auf­Zauberformel für erfolgreiche Inklusion Ansprüche und seine Stärken. Das ist der eine nehmen und schauen, wer sich für welchesInklusive Schule kann also gelingen. Fragt Vorteil. Der andere ist, dass ein Förderschul- Thema als Tutor eignet. Dafür müssen sieman vor diesem Hintergrund dann doch nach lehrer mit diesem besonderen Blick natürlich aber zunächst die Stärken und Schwächeneiner möglichen Zauberformel, die inklusive auch die Regelschüler betrachtet. Er erkennt der Einzelnen erkennen.Schule so lebbar und alltäglich macht wie in auch hier viel leichter und schneller die indi- Es ist dabei übrigens nicht so, dass KinderSüdtirol, dann gibt es – jenseits gesetzlicher viduellen Besonderheiten des Kindes. Also mit individuellem Förderbedarf ständig vonVerordnungen, zu schaffender Strukturen oder war es für uns naheliegend, die Regelschul- Kindern ohne Beeinträchtigung angeleitet wer-fachlicher Fortbildungen – etwas, was es mit kinder zu uns an die Waldhofschule zu holen. den. Das ist auch so ein Mythos. Gerade beiSicherheit braucht: Es ist die notwendige per- praktischen Aufgaben zeigen sich Kinder mitsönliche und gesellschaftliche Haltung. Im Gab es nicht starke Vorbehalte vonseiten der Behinderungen zum Teil viel pfiffiger und ein-heutigen bundesdeutschen Schulalltag ist es Eltern, ihre „normalen“ Kinder auf eine Integra- fallsreicher als Regelschüler, die vielleichtvielleicht noch nicht normal, dass Kinder mit tionsschule zu schicken? schon lesen können.und ohne Förderbedarf gemeinsam lernen. Ja, aber es sind eben auch nur Vorurteile, Wir haben eine wissenschaftliche Begleit-Das stimmt. Es ist im heutigen bundesdeut- die da in erster Linie heißen: Die Behinderten studie laufen, die uns seit unseren Anfängenschen Schulalltag aber auch nicht normal, behindern das Lernen. Wir waren uns dessen begleitet. Die hat unter anderem festgestellt,Schüler zu schlagen – was in den 70er Jahren natürlich bewusst und haben deshalb auch dass an der Waldhofschule kein Kind glaubt,sowohl gesellschaftlich wie gesetzlich noch erst mal ein Jahr lang intensive Öffentlich- dass es grundsätzlich für Schule oder daslegitimiert war. Schule entwickelt sich also. keitsarbeit gemacht. Dazu gehörten monat- Erlernen bestimmter Dinge zu doof sei. DasGenauso wie Gesellschaft. Genauso wie jeder liche Bildungsveranstaltungen in der Stadt ist ein scheinbar banaler Aspekt, der aber inEinzelne von uns. Was für ein Glück. Und will- und dazu gehörte auch das Glück, dass einer Lernumgebung mit 50 Prozent beein-kommen hinter den Bergen ... unsere örtliche Presse mitgegangen ist und trächtigten Kindern ungeheuer wichtig ist. Die kontinuierlich über die Bildungsdiskussion Kinder aus der Einzelintegration zu Zeiten der berichtet hat. reinen Förderschule waren teilweise hoch frus- Das Besondere war aber, dass wir unsere triert und demotiviert. Das gibt es bei uns einzelnen Bildungsveranstaltungen gar nicht nicht.
  6. 6. 6 | PodiumSchule 1.10Wie haben die Regelschullehrer an Ihrer Schule schieht kein gemeinsames Lernen und dann Deshalb stehen am Anfang im besten Fall Professor Ulf Preuss-Lausitzgelernt, mit der Unterschiedlichkeit der Kinder profitiert weder die Klasse noch der Regel- Hospitationen: allen voran durch die Schul- hält Inklusion für machbar.umzugehen? schullehrer von der fachlichen Kompetenz der leitung, die dieses Thema schließlich für dieDie Fachlehrer von der Grundschule hatten Sonderpädagogen. Alle Lehrer sind für alle eigene Schule umsetzen will, und dann natür-natürlich zunächst einen schwierigeren Weg Schüler gemeinsam zuständig. lich durch die anderen Lehrer. Hospitationenzu beschreiten als die Sonderpädagogen. geben nicht nur eine Vorstellung vom inklu­Als Erstes muss ein grundlegendes Verständ- Wie wichtig ist die Haltung eines Lehrers siven Schulalltag, sie ermöglichen auch dennis dahingehend hergestellt werden, dass in in Bezug auf Inklusion? direkten Kontakt und Austausch zu Kollegenjeder Hinsicht kooperativ gearbeitet wird. Das Schlimmste, was einem förderbedürftigen mit Inklusionserfahrung. Im zweiten SchrittInklusive Schule heißt nicht, dass die Regel- Kind im inkludierten Unterricht passieren muss schulintern diskutiert werden, welcheschullehrer sich um die Kinder ohne Förder­ kann, ist, dass es zwar gemeinsam mit den Voraussetzungen für Inklusion es bereits anbedarf kümmern und die Sonderpädagogen anderen Schülern lernt, es von diesen aber als der eigenen Schule gibt. Was bedeutet Inklu-um die Be­ inderten. Inklusive Schule gelingt h dummes oder unfähiges Kind angesehen und sion für die eigene Schule? Welche Haltungnur gemeinsam. Dafür haben wir uns dann ausgegrenzt wird. Ob so etwas geschieht oder braucht Inklusion? In welcher Form und mitauch am An­ ang zusammen hingesetzt und f nicht, hat ursächlich mit der Haltung zu tun, welchen Schritten kann Inklusion an der eige-daran gear­ eitet, wie ein gemeinsamer Unter- b die der jeweilige Klassenlehrer an den Tag nen Schule umgesetzt und entwickelt werden?richt aussehen muss. Das war ein durchaus legt. Wenn ein behindertes Kind von einemschweres Stück Arbeit. Aber daraus hat sich Fachlehrer als Belastung empfunden wird, Die Waldhofschule hatte ihre Experten mitunter anderem entwickelt, dass es an der dann überträgt sich diese Einstellung – ob er Inklusionsblick ja von Anfang an schon an Bord.Waldhofschule nur noch 20 bis 30 Prozent will oder nicht – auch auf die Schüler. Auf Wer aber begleitet eine Regelschule auf demFrontalunterricht gibt. Die übrige Zeit wird diese Weise entsteht Separation. Weg zur inklusiven Schule? Wer schaut im Schul-als Lernlandschaft gestaltet, die gemeinsam alltag auf die Umsetzung und erkennt, wenn esvom Pädagogenteam entwickelt und umge- Welche Schritte sind entscheidend, wenn irgendwo hakt?setzt wird. eine Schule sich nun zu einer inklusiven Schule Im Moment eigentlich keiner. Für die Zukunft Schließlich muss auch klar sein, dass die entwickeln will? Womit fängt man an? brauchen wir im Prinzip Inklusions-Coaches,entscheidenden Ressourcen einer inklusiven Der erste Schritt auf dem Weg zur inklusiven die von speziellen Schulentwicklungsagentu-Schule nicht genutzt werden, wenn man die Schule heißt Information. Sie müssen wissen, ren kommen und die die Schulen auf ihremSonderpädagogen mit den förderbedürftigen was inklusive Schule wirklich bedeutet und Weg zur „Schule für alle“ begleiten. Es ist ehKindern in den Nebenraum schickt. Dann ge- wie inklusive Schule in der Praxis aussieht. noch ein weiter Weg, unsere Schulen so zu entwickeln, dass sie gemäß der UN-Behinder- tenrechtskonvention allen Kindern offenste-Die größte Herausforderung auf dem Weg zur hen. Da können wir es uns nicht leisten, dass jede Schule auch die Fehler der andereninklusiven Schule besteht meines Erachtens darin, macht und in die gleichen Sackgassen läuft. Wir brauchen also qualifiziertes Personal, dasden inklusiven Ansatz auch konsequent umzuset- hier relativ zeitnah beratend und begleitend zum Einsatz kommt.zen. Er darf nicht in Teilen zurückgenommen und Welchen besonderen Herausforderungen sind Siedamit im Ganzen verwässert werden. auf dem Weg zur inklusiven Schule begegnet? Es gab manchmal sehr unerwartete, aus der Praxis entspringende Hürden, die wir zu bewältigen hatten. So wollten am Anfang die Fachkollegen in den Bereichen Mathematik und Deutsch plötzlich, dass wir in der dritten Klasse doch wieder zum differenzierten Unter- richt zurückkehren. Es wurde diskutiert, ob man die beiden Parallelklassen des Jahrgangs nicht in drei Niveaustufen unterteilen könne: stark, mittel und schwach. Wir haben dieses Modell dann auch ver- sucht, aber nach einem halben Jahr schnell wieder abgebrochen. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass die Leistungen in allen drei Grup- pen gesunken waren. Besonders bei den guten Schülern ist die Situation entstanden, dass es im direkten Konkurrenzkampf nur noch darum ging, wer besser war. Den Schwächeren fehl- ten mit den leistungsstärkeren Schülern schließlich die Motivatoren und Tutoren. Die größte Herausforderung auf dem Weg zur inklusiven Schule besteht meines Erach- tens darin, den inklusiven Ansatz auch kon­ sequent umzusetzen. Er darf nicht in Teilen zurückgenommen und damit im Ganzen ver- wässert werden. Wer über Jahre oder Jahr- zehnte differenzierten Unterricht gemacht hat, neigt natürlich schneller dazu, Erprobtes wie- der einzusetzen. Ich erkläre aber im Gespräch mit Kollegen immer wieder, dass ein förderbe- dürftiges Kind vielleicht eine bestimmte Multi- plikationsaufgabe nicht lösen kann. Aber es kann das Prinzip der Multiplikation und das Prinzip von Teilmengen verstehen. Ich muss mich als Lehrer dann halt nur mit dem Kind hinsetzen und mit ein paar farbigen Magneten dieses Prinzip darstellen.Wilfried Steinert, ehemaligerSchulleiter der Waldhof­schule Templin, setzt sichseit langem für gemeinsa­ Kontakt: Wilfried W. Steinertmes Lernen ein. W.W.Steinert@t-online.de
  7. 7. PodiumSchule 1.10 |7 „Wir dürfen nicht so tun, als hätten wir in Regelschulen keine Heterogenität“ Interview mit Professor Ulf Preuss-Lausitz Ich halte es für ganz wichtig, dass mit der Sozialarbeiter, Sonderpädagogen und auch die Schulleitung sollten sich in die gleichen Fort- inklusiven Schule auch die Schulentwicklung bildungen begeben, um hier eine gemeinsame Basis zu haben. inklusiv wird. Ist die derzeitige Lehrerausbildung ausreichend, um angemessen auf die inklusive Schule vorzu- Gerade wenn man auf die Sinnes- und Kör- lehrer von Integrationskräften, Sozialarbeitern, bereiten? perbehinderten schaut: Für sie ergibt sich Sonderpädagogen, Ergotherapeuten oder auch Die Antwort lautet ganz klar: Nein. In der im bestehenden Förderschulsystem ja so gut Psychologen in ihrer Arbeit unterstützt wür- Grundausbildung, also im Bereich Bachelor/ wie gar nicht die Möglichkeit, einen Abschluss den. Wir dürfen nicht so tun, als hätten wir Master, brauchen wir dringend ein Pflichtmo- zu machen. Hier müssen einfach bessere im Regelschulsystem keine Heterogenität. dul zum Thema Heterogenität und Inklusion. Bildungsmöglichkeiten geschaffen werden. Jeder Lehrer muss schon heute jeden Tag mit Dieses Modul muss dann auch Punkte wie Schülern umgehen, die aus den unterschied- Kooperationsfähigkeit und Teamwork beinhal- Warum ist eine inklusive Schule überhaupt lichsten sozialen und/oder kulturellen Milieus ten. Gleiches gilt für die Praxis. Auch im Refe- wünschenswert? stammen. rendariat muss Inklusion so verankert werden, Hilfs- und Förderschulen sind ehemals ins dass sie den Lehrernachwuchs ausreichend Leben gerufen worden, um Kindern mit Muss zukünftig jede Schule barrierefrei sein auf den inklusiven Schulalltag vorbereitet. Be­ inträchtigungen ein „ungestörtes“ Lernen e und sich auf alle Formen der Lernbehinderung Darüber hinaus plädiere ich ganz stark in einem vergleichsweise geschützten Raum einstellen? dafür, dass in einem inklusiven Bildungs­ zu ermöglichen. Man hatte gehofft, dort auch So schön natürlich Barrierefreiheit an jeder system die schulinterne Fortbildung für eine bessere Ausbildungsfähigkeit und Berufs- Schule wäre, zunächst muss man sich einfach das gesamte Lehrpersonal verpflichtend sein vorbereitung zu erreichen. Diese Hoffnung hat mal die Zahlenverhältnisse bewusst machen. muss – ob nun allgemeine Lehrkraft, Sonder- sich aber in keiner Weise erfüllt. Das Thema Von 1.000 Kindern haben vielleicht fünf oder pädagoge oder Schulleitung.W as macht für Sie eine inklusive Schule „Schulabschlüsse an der Förderschule“ ist eine sechs eine Körperbehinderung, die barriere- aus? Katastrophe. Das hat nichts mit den Lehrern freie Zugänge oder besondere Hilfsmittel Welche Bedeutung kommt in diesem Zusammen- Eine inklusive Schule weist zunächst zu tun, die dort eine Sisyphos-Arbeit bewerk- erfordert. Inklusion bedeutet nicht, dass nun hang der Schulleitung zu?einmal keine Schüler aufgrund irgendwelcher stelligen, sondern ist systemisch bedingt. Kolonnen von Rollstuhlfahrern auf die Schulen Eine ganz elementare Bedeutung. Damitindividuellen Besonderheiten oder Probleme Wenn ich zehn lernschwache oder verhal- zurollen. Gleiches gilt für geistig behinderte In­ lusion überhaupt gelingt, brauchen wir kab. Jedes Kind wird aufgenommen und so, tensauffällige Schüler in eine Klasse packe, Kinder; von 1.000 Kindern haben im Durch- gute, inklusionsbereite Schulleiter. Hier stehtwie es ist, auch angenommen. Inklusive Schule dann ist der Anregungsgehalt für diese Kinder schnitt sechs eine geistige Behinderung. Hier und fällt ansonsten mit wenigen Personen diewendet sich dem einzelnen Schüler zu, er­­ einfach viel zu gering. Natürlich lernen auchkennt ihn an und fordert ihn entsprechend verhaltensauffällige Kinder voneinander. Aberseiner persönlichen Möglichkeiten und Inter- was sie lernen, das sind dann eben Verhal- Wir dürfen nicht so tun, als hätten wiressen. tensauffälligkeiten. Ein solches Konzept kann Das muss aber mit dem größtmöglichen nicht funktionieren. Auch die Ergebnisse der im Regelschulsystem keine Heterogenität.Anspruch und ernsthaft geschehen – auch bei PISA-Studie haben bestätigt, wie wichtig dieKindern mit Beeinträchtigungen. Es ist keine Zusammensetzung der einzelnen Klasse ist.Inklusion, wenn man für einen Teil der Kinder Die – im Fall der Förderschulen nach Behinde- wird sich also jede Schule individuell auf Inklusionsfähigkeit einer ganzen Schule. DasKuschelpädagogik betreibt, damit sie beschäf- rungsart – homogenisierten Klassen bieten die Formen der Beeinträchtigung einstellen kann und darf so natürlich nicht sein. Deshalbtigt sind. Inklusion heißt auch nicht, dass ein ungünstiges Lernmilieu ohne ausreichende müssen, die auch tatsächlich in ihrem Ein- muss die Verpflichtung zur Teilnahme anSchule defizitorientiert ständig nur auf vor- Anregung für den Einzelnen. zugsraum vorhanden sind. Inklusionsfortbildungen auch und besondershandene Behinderungen und Beeinträchtigun- für Schulleitungen gelten.gen blickt. Inklusive Schule muss sie zwar Kann es eine Schule wirklich leisten, der Hetero- Welche Rahmenbedingungen und welchesehen und im Blick behalten, aber sie muss genität aller Schüler gerecht zu werden? Unterstützung benötigen Schulen vom System, Was glauben Sie: Wie lange wird es dauern,zusätzlich die Stärken, Potenziale und indi­ Zunächst einmal meine ich, dass die Hetero- um inklusiver zu werden? bis Deutschlands Schulsysteme tatsächlichviduellen Talente der Kinder erkennen, ihre genität von Kindern mit Sinnes- und Körper- Ich halte es für ganz wichtig, dass mit der inklusiv sind?Interessen fördern. beeinträchtigungen keine Heterogenität ist, inklusiven Schule auch die Schulentwicklung Das ist natürlich schwer zu beantworten, Das gilt natürlich für alle Schüler. Also die den Unterricht belastet. Diese Formen der inklusiv wird. Bisher ist es so, dass dann, zumal sich Inklusion in Deutschland als Ent-auch für hochbegabte, die für ihre Verhält- Beeinträchtigung stellen das geringste Prob- wenn Integration stattfinden soll, Sonderpäda- wicklungsprozess je nach Bundesland sehrnisse ebenso Förderung brauchen. Und für all lem in einer inklusiven Klasse dar. Dem gogen als ambulante Hilfe in die Schule kom- unterschiedlich darstellt. Damit das Ziel einesdiese unterschiedlichen Schüler braucht inklu- gegenüber stehen die Kinder und Jugend- men. Die einzelne Schule braucht aber eine inklusiven Bildungssystems so schnell wiesive Schule eine Pädagogik der Herausforde- lichen, deren Lernentwicklung durch man- Art internes pädagogisches Unterstützungs- möglich erreicht wird, muss der Prozess aberrung und Anerkennung. gelnde soziale Kompetenz, Verhaltensauffällig- zentrum. Hier müssen dauerhaft Sozialarbei- auf jeden Fall auf mehreren Ebenen gleichzei- keiten oder auch mangelnde Sprachkenntnisse ter und Sonderpädagogen verankert sein, die tig starten: Wir brauchen im KlassenzimmerWelche Bedeutung hat inklusive Schule in massiv beeinträchtigt wird. Das hat einen viel in die Schulleitung mit eingebunden sind und einen guten, differenzierten Unterricht mitbildungspolitischer Hinsicht? massiveren Einfluss auf Unterricht. Nur ist die Unterricht mitgestalten oder beraten: seien individueller Förderung; dann eine guteVom inklusiven Bildungssystem erwarte ich, diese Form der Heterogenität für Regelschulen es Kollegen, Eltern oder Schüler. inklusive Einzelschule mit funktionierendemdass zunächst einmal die sozialen Benachtei- eigentlich nichts Neues. Das sind Beeinträch- schuleigenen Unterstützungssystem undligungen abgebaut werden, die die immer tigungen, die heute in vielen großstädtischen Welche Aus- und Fortbildung benötigen entsprechender Haltung und schließlich einwieder gleichen Gruppen im Alltag erfahren. Regelschulklassen Alltag sind und den Unter- Lehrkräfte, um allen Schülern in einer inklusiven regionales Unterstützungsumfeld, das durchDazu gehören in ihrem Sozialverhalten ge- richt bestimmen. Schule gerecht zu werden? die Haltung der Menschen und Institutionenstörte Kinder, körperlich bzw. geistig Behin- Inklusive Schule leistet somit also auch Der konkrete Aus- bzw. Fortbildungsbedarf in der Region den Gedanken der Inklusionderte, Kinder und Jugendliche mit Migrations- einen großen Beitrag für Regelschule. Inklu- richtet sich immer nach den an der jeweiligen weiterträgt und fördert. Zu guter Letzt musshintergrund oder sozialer Benachteiligung. sive Schule beinhaltet nämlich, dass die Fach- Schule vorhandenen Kindern bzw. Jugend­ natürlich der gesetzliche Rahmen inklusions- lichen und deren Beeinträchtigungen. Als fördernd gestaltet werden. Sprich, hier ist die Physik- oder Mathelehrer weiß ich eben nicht Bildungspolitik auf Landesebene gefordert,Inklusive Schule wendet sich dem einzelnen viel über Autismus mit Asperger Syndrom. die notwendigen Ressourcen zur Verfügung Habe ich aber ein solches Kind für die nächs- zu stellen und gesetzliche Rahmenbedingun-Schüler zu, erkennt ihn an und fordert ihn ten Jahre an der Schule zu betreuen, dann gen zu schaffen. ergibt es Sinn, sich hier fortzubilden.entsprechend seiner persönlichen Möglichkeiten In jedem Fall plädiere ich aber für eine gemeinsame Fortbildung von Regelschulleh- Kontakt: Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitzund Interessen. rern und ihren Förderschulkollegen. Lehrer, ulf.preuss-lausitz@mailbox.tu-berlin.de
  8. 8. 8 | PodiumSchule 1.10 Jakob Muth-Preis Unter dem Motto „Gemeinsam lernen – mit und ohne Behinderung“ zeichnet der „Jakob Muth-Preis für inklusive Schule“ seit 2009 Schulen aus, die behinderte und nicht behinderte Kinder vorbildlich zusammen unterrichten. Projektträger sind der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, die Deutsche UNESCO-Kommission und die Bertelsmann Stiftung. Mit der Auszeichnung, die mit je 3.000 Euro dotiert ist, wollen die Projektträger posi- tive Beispiele für gemeinsamen Unterricht bekannt machen und zur Nachahmung anregen. Bewerben kann sich jede Schule, die sich auf dem Weg zur inklusiven Schule befindet: ob Förder- oder Regelschule, Grund- oder weiterführende Schule, Schule in öffentlicher oder privater Trägerschaft. Der Preis ist nach einem Vorkämpfer und Wegbereiter des gemeinsamen Lernens von behinderten und nicht behinderten Kindern benannt, dem Pädagogen Jakob Muth (1927–1993). Ausführliche Porträts der diesjährigen drei Preisträgerschulen befinden sich in der aktuellen Ausgabe dieser Zeitung. Kontakt: Ulrich Kober | ulrich.kober@bertelsmann-stiftung.de | http://www.jakobmuthpreis.de Lernen mit Kopf, Herz und Hand Die Montessori-Gesamtschule Borken fördert nach ganzheitlichem Konzept Auf dem Bauernhof herrscht heute drin. Lernen fürs Leben. „Lernen fürs Leben“ planung: „Und darauf versuchen wir zu rea- reges Treiben. Eine Gruppe Jugendlicher – dieser Satz wird in Borken ohnehin großge- gieren mit dem Unterricht.“ Aufbauend auf mistet den Stall aus, andere Kinder schrieben. Die Montessori-Gesamtschule ist der Eingangsdiagnose werden für jeden Schü- versuchen sich im Hühnerrupfen oder eine inklusive Schule, die großen Wert auf die ler konkrete Lernziele formuliert und Lern­ arbeiten im Gemüsebeet. Rufe und Entwicklung sozialer Kompetenzen legt. Über fortschritte regelmäßig evaluiert. Das setzt Gelächter tönen aus jeder Ecke. Hier 150 Schülerinnen und Schüler lernen hier jedoch voraus, dass sich die Lehrkräfte regel- im münsterländischen Borken ist es ein gemeinsam von der 5. bis zur 10. Klasse. mäßig austauschen. Erfolgreiches Teamwork Morgen wie jeder andere. Aus der nahe Etwa 20 Prozent haben sonderpädagogischen ist deshalb für das Kollegium der Borkener gelegenen Montessori-Gesamtschule Förderbedarf. Der im Schul­ onzept verankerte k Montessori-Gesamtschule eine zentrale ist wieder eine Klasse rübergekommen, inklusive Ansatz gründet sich in der Mon­ Arbeitsgrundlage. Hinzu kommen zeitgemäße um „ihren“ Schulbauernhof zu bewirt­ tessori-Pädagogik. Diese fordert eine Lern­ - Unterrichtskonzepte wie Binnendifferenzie- schaften. um­ ebung, die jedes Kind bestärkt und för- g rung, Wochenplanarbeit, heterogene Lern­ dert – unabhängig von seinem körperlichen gruppen und bis zur 8. Klasse halbjährliche Was inmitten von Äckern und Feldern pas- und geistigen Entwicklungsstand. Somit Lernberichte statt Ziffernnoten. In der Summe siert, ist das gelebte Motto der Montessori- gehört es seit Gründung im Jahr 1989 zum sorgen sie dafür, dass die Schule ein hohes Gesamtschule – Lernen mit Kopf, Herz und Selbstverständnis der Borkener Montessori- Hand. Michaela Müller, Lehrerin für Naturwis- Gesamtschule, alle Kinder und Jugend­ichen l senschaft und Arbeitslehre, betont den prakti- individuell zu fördern und zum selbstständi- „Wir Lehrer verstehen schen Aspekt ihres Unterrichts: „Da lernen die gen Lernen anzuleiten. Ein Konzept, das es Kinder wirklich sehr viel mehr, als wenn wir von Anfang an leicht machte, auch behinderte uns vor allem als theoretisch aus dem Buch arbeiten.“ Mit der Schüler mit einzubeziehen. Schubkarre wird beispielsweise das alte Stroh Was kann ein Schüler? Wo sind seine Inter- Berater und Begleiter aus dem Stall zum Beet transportiert und dort essen und was kann er überhaupt schaffen? als Dünger weiterverwertet. Der Kreislauf der Diese Fragen stehen für Schulleiter Hartmuth von Lernwegen.“ Natur – und die Montessori-Schüler mitten- Schlüter-Müller am Beginn jeder Unterrichts- Leistungsniveau erreicht: Bei den Lernstands- erhebungen in Nordrhein-Westfalen konnte sie bereits mehrfach mit hervorragenden Ergeb- nissen aufwarten. Wichtig ist auch das Selbstverständnis der Pädagogen. „Wir Lehrer verstehen uns vor allem als Berater und Begleiter von Lernwe- gen“, erklärt Sonderpädagoge Hans-Werner Bick, zuständig für das Fach Mathematik. Ihm und den anderen Lehrkräften ist wichtig, dass alle Schüler in der Klasse möglichst am glei- chen Gegenstand arbeiten – wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen, entsprechend der individuellen Fähigkeiten. So vermittelt der Bau eines Atommodells im Chemieunterricht einem Teil der Kinder neues Wissen über Ele- mente und Naturgesetze. Ein anderer Teil wird allein durch die praktische Arbeit am Modell motorisch gefordert und gefördert. Letztendlich arbeiten aber alle mit dem gleichen Material. Auch nach dem Unterricht gibt es zahlreiche

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