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Evaluationsbericht "Digitaler Stift"
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Evaluationsbericht des ZIM-NEMO-Netzwerks TECLA zum Thema "Digitale Stifte in der Pflege" (gefördert durch das BMWi)

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Evaluationsbericht "Digitaler Stift" Evaluationsbericht "Digitaler Stift" Document Transcript

  • EVALUATIONSBERICHT Teilprojekt II Digitaler Stift für diePflege- und Wunddokumentation Uwe Witczak Christian Reinboth Ulrich Fischer-Hirchert http://www.mytecla.de
  • EinführungBereits im Jahr 2035 wird mehr als die Hälfte der Menschheit älter als 50 Jahre sein – undjeder Dritte schon das Rentenalter erreicht haben. Der sich insbesondere in den westlichenStaaten zunehmend beschleunigende demographische Wandel stellt die Gesellschaft vor dieHerausforderung, die medizinische und pflegerische Versorgung von immer mehr Seniorendurch immer weniger junge Pflegekräfte zu organisieren. Der Landkreis Harz bildet hierbeikeine Ausnahme: Bis 2015 erwartet das statistische Landesamt hier einen Rückgang um etwa22.000 Einwohner, bis 2025 um mehr als 50.000 Einwohner – mehr als 15% der aktuellenBevölkerung – während zugleich mit knapp 10.000 Pflegefällen gerechnet wird [RBP 2010].Da sich die Kranken- und vor allem Altenpflege zunehmend in der Wohnung der Patientenabspielt, kommt der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten im Bereich der ambulantenPflege eine wesentliche Bedeutung zu. Die häusliche Pflege ist vor allem deshalb vonbesonderem Wert, da sich die Patienten in ihrem Zuhause üblicherweise am wohlstenfühlen, was wiederum die allgemeine psychische Verfassung stärken und die Genesung bzw.die Gesunderhaltung verbessern kann – nicht ohne Grund präferieren die meisten Menschendie Pflege in den „eigenen vier Wänden“ klar gegenüber einem Aufenthalt im Pflegeheim.Eines der am deutlichsten benennbaren Probleme im Bereich der ambulanten Pflege ist dergroße zeitliche Aufwand, der bei der Erstellung der handschriftlichen Dokumentation derpflegerischen Tätigkeit anfällt, zu der es gegenwärtig jedoch keine rechtliche Alternative gibt– und auch in absehbarer Zukunft nicht geben dürfte. Alle technischen Lösungen wie etwaPDAs oder Netbooks mit Pflegesoftware, die bis dato in diesem Bereich erprobt wurden,bieten keine durch den deutschen Gesetzgeber anerkannte Komplettlösung, so dass parallelzum Einsatz der Technik weiterhin eine manuelle Dokumentation geführt werden muss,wodurch letztendlich weder Zeit noch Kosten gespart werden können.Eine Evaluation der heute marktverfügbaren und für den pflegerischen Bereich einsetzbarenDokumentationstechnik zeigt, dass mit dem sogenannten digitalen Stift eine potentielle Low-Tech-Lösung vorliegt, über die sich handschriftliche und digitale Dokumentation integrierenlassen und deren Einsatz kaum Veränderungen an den Workflows mit sich bringt. BisherigeErfahrungen mit digitalen Stiften im Krankenhaus, im Luftrettungsdienst sowie im Bereichder Sozialarbeit zeigen, dass die Technologie für die medizinische Dokumentation einsetzbar,leicht erlernbar und zumeist problemlos in bestehende IT-Strukturen integrierbar ist (in dennachfolgenden Abschnitten wird auf die wichtigsten diesbezüglichen Studien sowie derenErgebnisse noch im Detail eingegangen).Im Rahmen des TECLA-Teilprojekts „Digitaler Stift“ wurde daher evaluiert, inwieweit digitaleStiftsysteme, wie sie unter anderem durch den Netzwerkpartner AIBIS GmbH1 entwickeltund vertrieben werden, in ambulanten Pflegediensten und stationären Pflegeeinrichtungeneingesetzt werden können; etwa zur Aufzeichnung von pflegerischen Tätigkeiten oder zurDokumentation von Wundheilungsprozessen für externe Wundmanager.1 http://www.aibis.de/Evaluationsbericht „Digitaler Stift“ 2
  • Produktkompetenz und Nutzen der TechnikEin digitaler Stift besteht aus einer gewöhnlichen Kugelschreibermine, eine Infrarot-Kamera,einem Prozessor, einer Speichereinheit, einer Sendeeinheit und einer Batterie. Während desSchreibens erfasst die Infrarotkamera die Bewegungen des Stiftes und überträgt auf dieseWeise das Geschriebene in den Speicher. Die korrekte Erfassung und Auswertung der sichergebenden Vektordaten setzt voraus, dass ein mit einem speziellen Raster aus für denMenschen kaum sichtbaren Punkten bedrucktes Papier verwendet wird. Das Punktmusterlässt sich mit jedem Standarddrucker erzeugen. Die im Speicher des Stiftes erfassten Datenkönnen unmittelbar über eine Bluetooth-Schnittstelle und einen tragbaren Computer oderein Mobiltelefon an einen Server weitergeleitet, oder später durch das Einstecken des Stiftesin eine Docking-Station übertragen werden. Möglich ist auch die automatische Auslösungder Datenübertragung in dem Moment, in dem der Stift in einen zuvor definierten Raum(etwa die Wohnung eines zu Pflegenden oder ein Schwesternzimmer) verbracht wird. Funktionsweise eines digitalen Stiftsystems (Quelle: AIBIS GmbH Potsdam)Evaluationsbericht „Digitaler Stift“ 3
  • Ambulante Pflegekräfte können durch den Einsatz eines derartigen digitalen Stiftes erheblichentlastet werden. Müssen sie derzeit die während des Patientenbesuches erfassten Datennach Abschluss ihres „Außendienstes“ noch manuell in eine Pflegesoftware übertragen, wiesie in den meisten ambulanten Pflegediensten bereits eingesetzt wird, lassen sich die übereinen digitalen Stift erfassten Daten ohne weiteren Aufwand in einer digitalen Pflegeaktespeichern und stehen dort unmittelbar sowohl der Pflegedienstleitung als auch dem MDK(Medizinischer Dienst der Krankenkassen) zur Verfügung.Zu den üblicherweise im Rahmen der pflegerischen Tätigkeit erfassten Daten gehören etwaaktuelle Vitalwerte von Patienten sowie Angaben zu deren Medikation und Informationen zuWundverläufen; darüber hinaus lassen sich auch die für die Abrechnung mit dem jeweiligenKostenträger erforderlichen Leistungsnachweise in digitaler Form erfassen. Digitaler Stift der schwedischen Firma Anoto AB (Foto: Sascha Schimke)Durch das Entfallen der „Abtipparbeit“ lassen sich nicht nur Übertragungsfehler minimieren,vor allem kann unnötige doppelte Arbeit vermieden werden, wodurch die Pflegekräfte ihreZeit wieder stärker auf ihre eigentliche Kernaufgabe – den Kontakt mit dem Patienten –verwenden können. Ein handelsüblicher digitaler Stift kann etwa 40 Seiten handschriftlichenTextes oder alternativ mehrere hundert ausgefüllte Formularseiten speichern. Da neben derdigitalen Dokumentation auch weiterhin ein handschriftlich ausgefülltes Papierdokumentexistiert, kann die Pflegedokumentation ohne Eingriffe in die Arbeitsabläufe fortgeführtEvaluationsbericht „Digitaler Stift“ 4
  • werden und erfüllt damit auch automatisch sämtliche rechtlichen Kriterien. Darüber hinausist es möglich, dass die handschriftliche Dokumentation in der Wohnung des Patientenverbleibt, so dass Familienangehörige oder auch medizinisches Personal wie etwa der nachtsherbeigerufene Notarzt sich jederzeit über den Zustand des Patienten informieren können.Digitale Stifte lassen sich mit Zusatzfunktionen ausstatten, am Markt erhältlich sind derzeitetwa Systeme, mit denen sich auch den Schreibvorgang begleitende Audioaufzeichnungenanfertigen und später mit den schriftlichen Aufzeichnungen integrieren lassen. Auf eine imRahmen des TECLA-Projekts intendierte Erweiterung – die Integration einer zusätzlichenKamera für die digitale Wunddokumentation – wird später noch gesondert eingegangen.Stand der Technik und HandlungsbedarfeDas Gros der bislang zum Einsatz digitaler Stifte im medizinischen Bereich durchgeführtenStudien zeigt, dass der Umgang mit der Technologie innerhalb von 15 Minuten – und damitvergleichsweise schnell – erlernt werden kann [Quocirca 2009]. So berichten etwa [Estellatet al. 2008], dass befragte Krankenhausmitarbeiter angaben, bereits innerhalb kürzester Zeitund unabhängig vom technischen Vorwissen mit den Funktionen des Stifts vertraut gewesenzu sein. Nur wenige Mitarbeiter gaben an, das Handbuch konsultiert zu haben.Der einfache Umgang mit den Stiften sowie die Möglichkeit, die bisherigen Arbeitsabläufebei der schriftlichen Dokumentation unverändert zu lassen, tragen den vorliegenden Studienzufolge erheblich zur Akzeptanz der Technologie bei medizinischem Personal bei. Als positivund motivationsfördernd ist zudem zu bewerten, dass digitale Stifte auf unauffällige Art zurzeitlichen Entlastung von Pflegepersonal beitragen und es diesem damit ermöglichen, mehrZeit auf ihre eigentlichen Kernaufgaben und den menschlichen Kontakt zum Patienten zuverwenden. Zudem bestehen im pflegerischen Bereich oft Bedenken gegenüber Technik, dieälteren Patienten fremd ist und damit eine Art Barriere zwischen Pflegekraft und Patientenschaffen kann, etwa wenn die Pflegekraft während des Gesprächs mit dem Patienten miteinem Netbook oder einem PDA hantiert. Ein derartiges Problem existiert bei Verwendungeines äußerlich in der Regel wenig „technologisch“ wirkenden digitalen Stiftes nicht.In welchem Umfang ein Zeitgewinn durch digitale Stifte realisiert werden kann, zeigt eine in[Anoto 2010] wiedergegebene Fallstudie: Nachdem eine interne Analyse der Arbeitsabläufeim Jugend- und Familiendienst des US-Bundesstaates Colorado zu dem Ergebnis kam, dasszahlreiche eigentlich im Außendienst beschäftigte Mitarbeiter fast die Hälfte ihrer Arbeitszeitdamit verbrachten, Gesprächsnotizen und andere Aufzeichnungen am PC zu übertragen,wurde die digitale Stiftlösung der schwedischen Firma Anoto2 integriert. Eine Evaluation desSystems ergab, dass insgesamt Arbeitszeit im Wert von 560.000 US-Dollar freigesetzt unddamit wieder in den direkten Kontakt mit den zu betreuenden Klienten investiert werdenkonnte – eine Verbesserung, die auch in einer höheren Klientenzufriedenheit resultierte.2 http://www.anoto.com/Evaluationsbericht „Digitaler Stift“ 5
  • Die Rettungshubschrauber-Station „Christoph 22“ wird seit Jahren als Testfeld für den Einsatz digitaler Stiftsysteme in der Luftrettung genutzt (Foto: Juergen Lehle)In der Bundesrepublik wurden während der letzten Jahre eine Reihe vergleichender Studienzum Wert digitaler Stiftsysteme in der Luftrettung durchgeführt. So ergab eine dreimonatigeEvaluation des DINO-Stiftsystems in der Rettungshubschrauber-Station (RTH) Christoph 223,dass ein störungsfreier Betrieb bei hoher Zufriedenheit der Anwender erreicht werden kann[Helm et al. 2007]. Im Rahmen der Nachfolgestudie [Helm et al. 2009], die in 16 ADAC-Luftrettungszentren durchgeführt wurde, wurden über einen Zeitraum von sechs Monaten7.484 Einsätze durch 217 Notärzte erfolgreich mit dem DINO-Stiftsystem dokumentiert,wobei die abschließende Evaluation der Technik durch die Notfallmediziner mit einerdurchschnittlichen Bewertung von 2,3 auf der Schulnoten-Skala äußerst positiv ausfiel.Mit einer von den gleichen Autoren durchgeführten, sechsmonatigen Studie in einer RTH-Station konnte zudem belegt werden, dass die primäre Dokumentationsqualität (d.h. dieFehlerfreiheit der Datenerfassung) digitaler Stiftsysteme äußerst hoch ist: Die Erfassung vonInformationen für den sogenannten „minimalen Notarztdatensatz“ (MIND2) gelang in 96,7%aller Fälle fehlerfrei, wobei 99,8% der Formulardaten (d.h. angekreuzte Checkboxes) und96,% der handschriftlich erfassten Vitaldaten korrekt registriert wurden [Helm et al. 2009 II].Auch [Estellat et al. 2008] bestätigen die hohe Erfassungssicherheit des Systems: Bei derparallelen handschriftlichen und digitalen Erfassung von 5.022 Einträgen zu einem klinischenVersuch stimmten nur 19 Datensätze nicht miteinander überein, wobei der Fehler in sechsFällen dem händischen und in acht Fällen dem digitalen System zugeordnet werden konnte.3 http://www.christoph-22.de/Evaluationsbericht „Digitaler Stift“ 6
  • Alternativtechnologien und MarktpotentialIn der Bundesrepublik existieren gegenwärtig etwa 11.000 ambulante Pflegedienste, diemehr als 200.000 Mitarbeiter beschäftigen und über eine halbe Million Patienten versorgen,wobei gemeinnützige Träger wie Caritas und Diakonie die Marktführerschaft innehaben. DerMarkt für Technologien, mit denen sich pflegerisches Personal zeitlich entlasten und damitfür seine eigentlichen Kernaufgaben freisetzen ließe, ist demnach entsprechend groß, zumalderartige Lösungen ja auch in artverwandten Bereichen wie etwa Sozialeinrichtungen,betreutem Wohnen oder der Palliativ-Pflege eingesetzt werden könnten.Aus der Praxis weiß man, dass alternative Technologien wie Netbooks, SmartPhones oderPDAs im ambulanten Pflegeeinsatz verschiedene Defizite aufweisen: Sie lassen sich nur sehrschwer mit einer Hand bedienen und verfügen teils über schlecht zu reinigende Displays, diezudem leicht verkratzen oder beschädigt werden können. Im Gegensatz zu digitalen Stiftenwerden die Geräte zudem häufiger gestohlen, was die Ersatz- und damit die Einsatzkostenentsprechender Systeme zusätzlich in die Höhe treibt [Anoto 2010]. Ein marktüblicher PDA: der Palm TX (Foto: Stefano Palazzo)Die einzige Technologie, die nicht mit diesen Nachteilen behaftet ist und die sich langfristigals viable Alternative zum digitalen Stift entwickeln könnte, ist einer Studie von [Hallgren2002] zufolge das sogenannte digitale Notepad. Dieses setzt ähnlich wie der digitale Stift aufdie Fortführung der bisherigen handschriftlichen Dokumentations-Workflows, unterscheidetEvaluationsbericht „Digitaler Stift“ 7
  • sich von diesem aber insofern, als dass sich die Technik für die digitale Aufnahme nicht mehrim Stift, sondern in einem unter das Papier geklemmten Notepad befindet. Der wesentlicheNachteil dieser Technologie besteht darin, dass der Nutzer dem Gerät jeden Seitenwechselanzeigen muss, um zu verhindern, dass sich die digitalisierten Schriftzüge überlagern.Ein derartiges Problem existiert beim digitalen Stift nicht, da jedes Blatt Papier mit einemeigenen, einzigartigen Punktraster versehen und somit auch im Stiftspeicher als einzelneSeite abgebildet wird. Was zunächst wie ein Nachteil wirkt, da die Stifte nur auf gerastertemPapier verwendet werden können, erweist sich bei näherer Betrachtung als großer Vorteil,da die Rasterung des Papiers die Erfassung von Formularinhalten gestattet – denn währendein Kreuz an einer bestimmten Stelle auf einem digitalen Notepad lediglich als ein Kreuzregistriert wird, lässt sich bei der Erfassung über einen digitalen Stift auch die Kreuzpositionauswerten – etwa als eine positiv markierte Checkbox. Dieses Feature ermöglicht auch diePrädefinition von Funktionen wie etwa dem automatischen Versand einer Seite, sobald einFormular mit einem Kreuz an einer bestimmten Stelle als „fertig bearbeitet“ markiert wird.Der objektiv größte Nachteil der digitalen Stifte liegt in dem mit 250 bis 300 Euro hohenPreis, der Pflegediensten mit viel Personal beim Umstieg auf ein digitales Erfassungssystemeine hohe Investitionshürde auferlegt. Eine Lösungsmöglichkeit für dieses Problem könnte inder Integration von GSM-Funktionalitäten in den digitalen Stift liegen (GSM = Global Systemfor Mobile Communications; ein Standard für digitale Mobilfunknetze). Auf diese Weise ließesich ein Stift unmittelbar mit dem Netz eines Mobilfunk-Betreibers wie Vodafone, ePlus oderT-Online verbinden, womit die Hardware bei entsprechenden Verträgen durch Sponsoringder Netzbetreiber vergünstigt angeboten werden könnte – vergleichbar etwa mit den trotzhöherer Herstellungspreise bei Abschluss eines Mobilfunk-Vertrages teilweise für einen Euroverkaufen SmartPhones. Vergleichbare Niedrigpreise sind bei digitalen Stiften zwar aufgrunddes kleineren Marktes nicht zu erwarten, bereits durch moderate Preisnachlässe könnte dieInvestitionshürde für den Einsatz im Pflegebereich aber schon erheblich gesenkt werden.Technologische WeiterentwicklungDer durch den demographischen Wandel bedingte Kostendruck im Gesundheitswesenzwingt die Kostenträger mehr und mehr dazu, auf eine Optimierung der Versorgung geradein besonders kostenintensiven Bereichen zu drängen. Ein solcher Bereich ist die Versorgungchronischer Wunden, zu denen venöse Geschwüre (Ulcus curis), durch mangelndeDurchblutung ausgelöste ischämische Geschwüre (diabetischer Fuß), Auflagengeschwüre beibettlägerigen Patienten (Dekubitus), onkologische Wunden und Wundheilungsstörungennach Operationen gehören [Wild & Stremitzer 2007].Chronische Wunden stellen eine besondere psychische wie physische Belastung vonPatienten dar und führen zu einer dauerhaften Abhängigkeit von ambulanter Betreuung. Dasich chronische Wunden oft erst nach Jahren schließen lassen, ist ihre Behandlung sehraufwändig und teuer, wobei von den hier umgesetzten Milliardenbeträgen nur ein Bruchteilfür Heilmittel, Auflagen oder Verbände ausgegeben wird, während der Großteil der KostenEvaluationsbericht „Digitaler Stift“ 8
  • für Personal anfällt. Darüber hinaus weiß man, dass die durchschnittliche Verweildauer imKrankenhaus bei Patienten mit chronischen Wunden um 15 Tage höher liegt, als dies beiPatienten ohne chronische Wunden der Fall ist [Wild & Stremitzer 2007]. Diabetisches Gangrän (diabetischer Fuß) (Foto: Peter Rehder; Quelle: PflegeWiki)Die Behandlungsdauer einer chronischen Wunde ist bei ambulanter Betreuung durch einenPflegedienst stark von der Qualität der Wunddokumentation abhängig, die der Pflegedienstfür den betreuenden Arzt oder Wundmanager anfertigt. Je besser diese ist, umso schnellerkann der Mediziner, der den Patienten im Gegensatz zum Pflegepersonal nicht regelmäßigpersönlich in Augenschein nehmen kann, auf Veränderungen an der Wunde reagieren. Diewesentlichen Ziele einer solchen Wunddokumentation sind daher die Beobachtung desWundverlaufes, die Sicherung der Behandlungsqualität und die Heilungsprognose, hinzukommt der Nachweis des Behandlungserfolgs gegenüber MDK und Kostenträger. Um dieseZiele zu erreichen, muss eine solche Wunddokumentation kontinuierlich und standardisierterfolgen und für die behandelnden Mediziner jederzeit zugänglich sein.Die sinkenden Preise für Digitalkameras haben in letzter Zeit für deren verstärkten Einsatz inder fotografischen Dokumentation von Wunden gesorgt. Insbesondere im ländlichen Raumwird bereits heute vielfach mit digitalen Kameras – teils integrierten Mobiltelefon-Kameras –dokumentiert, wobei die Verknüpfung der erzeugten Bilddateien mit den Patientenaktenmanuell erfolgen muss und daher fehlerbehaftet ist. Mit einer solchen Dokumentation sindEvaluationsbericht „Digitaler Stift“ 9
  • jedoch noch weitere Probleme verbunden: Da bei der bildlichen Aufnahme der gleichenWunde verschiedene Kameras zum Einsatz kommen können, die bei unterschiedlicherBeleuchtung, unterschiedlichem Abstand zur Wunde und unterschiedlichem Fotowinkeleingesetzt werden, fehlt meist die für eine professionelle Wundbetreuung erforderlicheVergleichbarkeit der fotografischen Aufnahmen.Hinzu kommt, dass die handelsüblichen Digitalkameras meist über eine schlechteFarbkonsistenz verfügen, was zu weiteren Schwierigkeiten bei der Bildauswertung führt. Einweiteres Problem besteht in der mangelhaften Wiedergabe der Dreidimensionalität vonWunden – etwa von Untertunnellungen und Vertiefungen. Dieses lässt sich zwar mittels derStereophotogrammetrie umgehen, das Verfahren ist jedoch zu komplex und die benötigteTechnik zu teuer, um in der ambulanten Pflege von Relevanz zu sein [Panfil & Linde 2006].Der wichtigste Vorteil der fotografischen Dokumentation besteht darin, dass kein direkterKontakt mit der Wunde hergestellt werden muss, zudem lassen sich die digital erfasstenFotografien recht einfach mit dem behandelnden Arzt oder Wundmanager austauschen. EinGroßteil der oben angesprochenen Probleme – insbesondere die Unterschiede, die sichdurch den Einsatz verschiedener Kameratypen bei unterschiedlicher Beleuchtung, Winkelund Abstand von der Wunde ergeben – ließen sich theoretisch durch eine miniaturisierteund in einen digitalen Stift integrierte Kamera mit zusätzlichem Beleuchtungselement undAbstands- sowie Winkelmesser (etwa über ein Mini-Lasersystem) ausräumen.Um eine farbechte Wiedergabe zu garantieren, könnte Analysesoftware wie das bereitsexistente W.H.A.T.-System (Wound Healing Analyzing Tool4) zum Einsatz kommen, das in[Wild & Stremitzer 2007] im Detail vorgestellt wird. Ein neben der Wunde platziertesKalibrierungsquadrat sorgt hier nicht nur für eine korrekte Bestimmbarkeit der Wundfarbe,sondern gestattet auch die Analyse der Gewebezusammensetzung.In einer Studie für die Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung e.V. 5identifizieren [Panfil & Linde 2006] siebzehn Wundeigenschaften, die für die Behandlung vonInteresse sind, wobei nicht alle (etwa Wundart und Wunddauer) regelmäßig erfasst werdenmüssen. Untersucht wurde ebenfalls, welche dieser Eigenschaften fotografisch erfasstwerden können, wobei sich ergab, dass eine fotografische Auswertung bei immerhin neunder siebzehn Wundeigenschaften möglich ist, darunter neun von vierzehn regelmäßig zuuntersuchenden Parametern. Die umseitige Tabelle listet die siebzehn Wundeigenschaftenauf und gibt dazu jeweils an, ob die DGFW-Studie eine fotografische Erfassung für prinzipiellsinnvoll hält; wo dies nicht der Fall ist wird zusätzlich noch angegeben, welche alternativeForm sich für die Erfassung anbietet (etwa die Untersuchung der Wundtiefe mit Stäbchen).4 http://what-tool.com/5 http://www.dgfw-ev.de/Evaluationsbericht „Digitaler Stift“ 10
  • Wundeigenschaften [Panfil & Linde 2006] Fotografische Erfassung möglich?Wundart Nein (textuelle Beschreibung)Wunddauer Nein (textuelle Beschreibung)Wundlokalisation JAWunddimension (Länge, Breite) JAWundtiefe JAWundvolumen Nein (Ausguss)Wundfläche JAWundumfang JAWundausrichtung Nein (Uhrenanalogie)Wundform JAUnterminierung Nein (Test mit Stäbchen)Wundgrund JAExsudat Nein (textuelle Beschreibung)Geruch Nein (textuelle Beschreibung)Wundränder JASchmerzen Nein (textuelle Beschreibung)Infektionen JAIn der Frage, welche dieser Wundeigenschaften von besonderer Bedeutung für den Erfolgder Wundbehandlung sind, existiert gegenwärtig kein tragfähiger Konsens. Allen relevantenPrognosemodellen ist jedoch gemein, dass sie die Wundgröße als den wesentlichen Faktoridentifizieren, anhand dessen heilbare von nicht heilbaren Wunden unterschieden werdenkönnen [Panfil & Linde 2006].Ergebnisse der bisherigen NetzwerkarbeitAls Gründungspartner des ZIM-NEMO-Netzwerks TECLA kommt der in Potsdam ansässigenAIBIS Informationssysteme GmbH innerhalb des Netzwerks eine entscheidende Rolle zu. Die1997 gegründete GmbH hat sich auf die Integration mobiler Prozesse in bereits bestehendeArbeitsabläufe spezialisiert und entwickelt eigene technische Lösungen für mobile Systemewie etwa digitale Stifte und PDAs, wobei der technische Schwerpunkt des Unternehmens aufFunknetzwerken, Barcodescanning und der RFID-Ortung liegt. Die AIBIS GmbH vertreibt seiteinigen Jahren digitale Stiftsysteme für medizinische Einsatzzwecke und arbeitet derzeit ineinem gemeinsamen Projekt mit dem Fraunhofer SSI (Smart System Integration) an der –weiter oben bereits angesprochenen – Integration von GSM-Funktionen in digitale Stifte.Wie sich im Rahmen der Workshops ergab, räumen die NEMO-Netzwerkpartner demdigitalen Stift als unterstützendes Werkzeug insbesondere in der ambulanten Pflege großeMarktchancen ein. Ein mit einer Kamera ausgestatteter Stift ließe sich zudem für dieWunddokumentation einsetzen – ein Arbeitsbereich, in dem man sich aufgrund der mit derWundversorgung verbundenen hohen Kosten auch die Unterstützung von Krankenkassenerhoffen kann. Als eine substantielle Hürde für die Markteinführung konnten die vonPflegedienst zu Pflegedienst verschiedenen Systeme für die Dokumentation erbrachterEvaluationsbericht „Digitaler Stift“ 11
  • Pflegeleistungen identifiziert werden, die sich zwar an den gleichen gesetzlichen Vorgabenorientieren, sich aber dennoch so sehr voneinander unterscheiden, dass eine mit zeitlichemund finanziellem Aufwand verbundene Individualisierung der Softwareroutinen des Stifteserforderlich wäre, die das Preisniveau eines solchen Angebots erheblich steigern könnte. Workshop zum Thema „digitaler Stift“ im IGZ Wernigerode (Foto: Christian Reinboth)Um die Handhabung des von der AIBIS GmbH entwickelten Stiftsystems (skai form6) – für diereine Dokumentation und (noch) ohne integriertes System für die Wunddokumentation – inder Pflegepraxis zu evaluieren, wird ein kooperatives Modellprojekt mit dem in Dedelebenansässigen Pflegedienst Krüger7 – ebenfalls ein NEMO-Netzwerkpartner – eingeleitet, dessenErgebnisse auch für die weitere Netzwerkarbeit zur Verfügung stehen werden. WeitereProjekte sind mit der GSW Wernigerode und der Diakonie Halberstadt geplant.Darüber hinaus ist angedacht, während der kommenden Monate ein Treffen mit Vertreternverschiedener Krankenkassen zu organisieren, in dessen Rahmen eruiert werden soll, welcheEigenschaften ein digitaler Stift aus Sicht von Kostenträger und Verwender aufweisen mussund inwiefern die – zumindest teilweise – Kostenübernahme für eine prototyptische digitaleWunddokumentation im Rahmen einer Einzelvereinbarung mit einem Sachsen-AnhaltischenPflegedienstleister vorstellbar wäre.6 http://www.aibis.de/skaiforms.aspx7 http://www.pflegedienst-krueger.de/Evaluationsbericht „Digitaler Stift“ 12
  • Verwendete Quellen[Anoto 2010] o.V.: White Paper: Digital pen and paper in health and social care –streamlining processes and speading up response around the world, Anoto AB, Lund, 2010.[Estellat et al. 2008] Estellat, Candice; Tubach, Florance; Costa, Yolande; Hoffmann, Isabelle;Mantz, Jean & Ravaud, Philippe: Data capture by digital pen in clinical trials: an qualitativeand quantitative study; in: Contemporary Clinical Trials 2008; 29 (3), S. 314 – 323.[Hallgren 2002] Hallgren, Li: Use of digital pen technologies in home health care – scenariosand investigation of the Anoto technology, Masterarbeit, Universität von Linköping, 2002.[Helm et al. 2007] Helm, M.; Hauke, J.; Schlechtriemen, T.; Renner, D. & Lampi, L.:Papiergestützte digitale Einsatzdokumentation im Luftrettungsdienst – Qualitätsma-nagement in der präklinischen Notfallmedizin; in: Der Anästhesist, 56 (9), S. 877 – 885.[Helm et al. 2009] Helm, M.; Hauke, J.; Schlechtriemen, T.; Renner, D. & Lampi, L.: PrimäreDokumentationsqualität bei papiergestützter Einsatzdokumentation – erste Ergebnisse ausdem Luftrettungsdienst; in: Der Anästhesist, 58 (1), S. 24 – 29.[Helm et al. 2009 II] Helm, M.; Hauke, J.; Schlechtriemen, T. & Lampi, L.: Zurück in dieZukunft – die papiergestützte digitale Notarzt-Einsatzdokumentation mit Pen. Ein Beitragzum Qualitätsmanagement im Luftrettungsdienst; in: Der Anästhesist, 46 (7), S. 503 – 509.[Panfil & Linde 2006] Panfil, Eva-Maria & Linde, Eva: Kriterien zur Wunddokumentation: EineLiteraturanalyse im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehan-dlung e.V.; herausgegeben vom Hessischen Institut für Pflegeforschung, Frankfurt, 2006.[RBP 2010] 5. Regionalisierte Bevölkerungsprognose aus 2010, herausgegeben vomStatistischen Landesamt Sachsen-Anhalt, Magdeburg, 2010.[Quocirca 2009] o.V.: Light touch, firm impression. Switch from paper systems to IT but keepto the business process script, Marktstudie der Quocirca Ltd, 2009.[Wild & Stremitzer 2007] Wild, T. & Stremitzer, S.: Digitale Wundanalyse mit W.H.A.T.(Wound Healing Analyzing Tool); in: Manual der Wundheilung, 2007, S. 15 – 22.KontaktZIM-NEMO-Netzwerk TECLAHochschule HarzFriedrichstraße 57-5938855 WernigerodeWebsite: http://www.mytecla.deEvaluationsbericht „Digitaler Stift“ 13