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Weinbuch: Mit allen Sinnen - Eine literarische Weinprobe
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Weinbuch: Mit allen Sinnen - Eine literarische Weinprobe

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Leseprobe: http://wein.stories-and-friends.com

Die Kraft des Weines ist geheimnisvoll. Er hilft in jeder Lebenslage. Sorgen Sie für einen guten Tropfen in Ihrem Glas und lassen Sie sich von unseren Autoren überzeugen. 30 Geschichten laden Sie ein auf eine abwechslungsreiche Weinprobe.

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Weinbuch: Mit allen Sinnen - Eine literarische Weinprobe Weinbuch: Mit allen Sinnen - Eine literarische Weinprobe Document Transcript

  • Mit allen Sinnen Eine literarische Weinprobe STORIES & FRIENDS
  • Mit allen Sinnen Eine literarische Weinprobe S to r i e S & F r i e n d S
  • Herausgegeben von Karen Grol 2. eweiterte Auflage - 2009 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2009 by STORIES & FRIENDS Verlag e.K. Lehrensteinsfeld bei Heilbronn Herausgeberin: Karen Grol Cover-Illustrationen: © Degenhard Langner, Gregor Buir (Fotolia.com) Cover-Layout & Satz: STORIES & FRIENDS Verlag Druck und Bindung: Freiburger Graphische Betriebe Dieses Buch wurde klimaneutral produziert. ISBN 13: 978-3-9811560-7-2 www.stories-and-friends.com
  • Wein ist Poesie in Flaschen R o b e r t Lo u i s S te ve n s o n
  • Inhalt Karen Grol: Vorwort 10 WEINGENuSS 12 Olga Felicis: ... verleiht Flügel 16 Angelika Brox: Ein ganz besonderer Tropfen 27 Annegret Glock: Ein Gefühl von Glück 32 Kai Riedemann: Besuch aus Tbilissi 39 Martina Moritz: Die einzige Geliebte 46 GöTTERWEIN 54 Angelika Brox: Rot und weiß 58 Karen Grol: Der Jahrhundertwein 61 Chris Lind: Der letzte Kuss 68 Fenna Williams: Im Kork liegt Freiheit 74 Holger Dittmann: Des Baron von Münchhausen wunder- sames Abenteuer in den Rebstöcken 83
  • WEINSCHWATz 90 Gerhard Appelshäuser: Mord in der Kellergasse 94 Boris Schneider: Dunkelroter Grenache 105 Anne Grießer: Goldene Hochzeit 120 Anja Labussek & Olaf Trint: Trink den Wein deines Lebens 127 Christiane Weber: Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein 134 LIEBESWEIN 142 Reinhart Hummel: Bei Anruf Wein 146 Jürgen Buscher: Die Weinkönigin 152 Bernd Kühn: Die kurze zeit einer langen Liebe 154 Chris Lind: Die Weinkenner 161 Elke Schleich: Der Schönste 167 WEINSINN 176 Günther Kirchberger: Eine wundersame Weinprobe 180 Gaby Cadera: Mit allen Sinnen 187 Diana Wieser: Aura für alle ! 192 Gudrun Büchler: Die Sauvignon-Vision 207 Marianne Glaßer: Im Garten 214
  • KRAFTWEIN 218 Holger Bodag: Die Auszeichnung 222 Nadine Schmidt: Coq au Californie 228 Gaby Cadera: Ein besonderer Anlass 236 Annegret Glock: Eisweinprinzessin 239 Michael Zeidler: Dr. Stolzbürzels Kater-Ex 244 Die Autoren 262 Der Illustrator 267
  • VorWort Karen Grol In vino veritas. v Wer kennt nicht die vielen Lebensweisheiten, die sich um den Rebensaft ranken ? Alle Kulturen sind sich einig: Wer Wein trinkt, redet wahr. Aber das ist nicht die einzige Fähigkeit, die dem Wein zugesprochen wird. Der Wein wandelt den Maul- wurf zum Adler, wusste Charles Baudelaire. Allerdings warnt der Talmud: Wo Wein ist, ist keine Erkenntnis. und wer hat nicht selbst schon erlebt, wie sich Erkenntnis mit vermehrtem Alkoholkonsum auf- löst ? zum Glück kehrt sie meist am nächsten Tag zu- rück. In China rät ein Sprichwort, heftige Streitgespräche durch den gemeinsamen Genuss eines guten Tropfens zu lösen, und bestimmt nicht nur in Sizilien lässt sich Kummer vortrefflich mit Wein herunterspülen. Experten sprechen ihm eine heilsame Wirkung zu und in Kopenhagen will man nachgewiesen haben, dass Wein klug macht. 8
  • Wein ist Poesie in Flaschen, meinte Robert Louis Steven- son und inspirierte so unsere Autoren, das Geheimnis des Rebensafts auf poetische Weise zu ergründen. Mit den folgenden dreißig Geschichten laden wir Sie zu einer literarischen Weinprobe ein. Entdecken Sie, welcher Wein sich am besten für Ver- söhnungen eignet und mit welchem sich herrlich in Er- innerungen schwelgen lässt. Erleben Sie seine Wirkung als Liebestrank oder als Hilfe, um einen anstrengenden Verehrer in die Flucht zu schlagen. Manche Sorten bringen die Wahrheit ans Tageslicht, andere haben heilende Wirkung und können unter be- stimmten Bedingungen sogar tödlich sein. Doch immer scheint der Wein genau zu wissen, wie er seine wundersamen Kräfte einzusetzen hat. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei diesem lite- rarischen Ausflug in die Welt des Rebensaftes. Wer weiß ... vielleicht finden Sie dabei den Wein Ihres Lebens. 9
  • WEInGEnUSS
  • »Wer genießen kann, trinkt keinen Wein mehr, sondern kostet Geheimnisse.« Salvador Dalí
  • ... VErlEIht flüGEl Olga Felicis Herr Kasimir öffnete das Fenster. Seine Nasen- v flügel blähten sich, als er die feuchte Morgenluft einsog. Es roch nach Regen an diesem Julimorgen. Nach Regen, Abgasen und nassem Hund. Das Menschen- und Verkehrsgewusel, das er sonst aus seinem Schlafzimmer im 37. Stockwerk beobachten konnte, verschwamm in wattigem Grau, als hätte jemand über Nacht alle Farben weggewischt. Der Straßenlärm drang nur gedämpft zu ihm herauf, ein diffuses Brummen, aus dem die Schreie der Möwen spitzer denn je hervorstachen. Lustlos schlüpfte Herr Kasimir in sein Tweed-Ja- ckett, klemmte sich die Aktentasche unter den Arm und verließ die Wohnung. Während er die Royal Botanic Gardens durchquerte, begann es tatsächlich zu nieseln. Das Gefühl wie von prickelnden Nadeln auf seinen Wangen hatte er lange vermisst. Endlich hielt der Winter seinen Einzug ! In der Ferne ragte das Opernhaus aus dem Nebel, einer Auster gleich, die scheinbar schlief, in Wahrheit 13
  • aber auf Beute lauerte. Herr Kasimir blieb unter einer Jacaranda stehen. Wie riesige Lederbirnen hingen Flug- hunde in den blattlosen zweigen des Baumes. Er fühl- te eine eigentümliche Seelenverwandtschaft mit diesen Fledermäusen, deren Dämmerungsflüge er schon oft be- obachtet hatte, fasziniert und melancholisch zugleich. unwirsch schüttelte Herr Kasimir die aufkeimende Sentimentalität ab. Er warf einen Blick auf die uhr und erschrak darüber, wie spät es war. Rasch ließ er den Park hinter sich, überquerte den Circular Quay und ver- suchte dem Touristenstrom auszuweichen, der aus einer Fähre quoll. Er zwängte sich durch die Menschenmenge in der George Street und erreichte schließlich die Syd- ney Blood Bank mit zehnminütiger Verspätung. Leise huschte er durch den Korridor, tauschte Tweed-Jackett gegen weißen Kittel und versuchte unauffällig an Miss Pettigrew vorbeizuschleichen. Natürlich hatte sie sein zuspätkommen bemerkt und bereits auf ihn gewartet. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als ihn ein Blick aus ihren gelblichen Augen traf. Wie eine Qualle saß sie hinter dem Schreibtisch und verspritzte ihre ätzende Säure. »Schon das dritte Mal in diesem Jahr. Das muss ich melden«, keifte sie. Er zog den Kopf ein. Eine gemurmelte Entschuldi- gung auf den Lippen strebte er dem äußersten der sieben zimmer zu, an dessen Tür ein Messingschild mit der 14
  • Aufschrift H. Kasimir prangte. Der Raum war winzig. Er enthielt eine Kühltruhe, einen Instrumentenschrank und eine Liege. Auf ihr hatte bereits der erste Blutspen- der des Tages Platz genommen, ein übergewichtiger Mann in mittlerem Alter. Herr Kasimir begrüßte ihn höflich. Er desinfizierte die Armbeuge des Dicken und tastete nach einer Vene. »So, mein Herr, jetzt wird es gleich ein wenig pik- sen«, sagte er in beiläufigem Tonfall. Dann rammte er die Nadel in die auserkorene Stelle und beobachtete, wie das Blut durch die Kanüle in den Plastikbeutel floss. Wie auf ein Stichwort begann sein Magen zu knurren. Herr Kasimir schämte sich des Aufruhrs in seinem In- neren. Doch der Dicke zeigte keine Reaktion, vielleicht schlief er. Der Beutel füllte sich, Herr Kasimir nahm ihn ab, ergriff einen Plastikbecher und ließ auch diesen mit dem rubinroten Lebenssaft volllaufen, ehe er die Kanüle entsorgte und ein Pflaster auf die Wunde klebte. Dieses »Achtel« war sein staatlich zuerkannter Anteil, während der Beutel selbst Eigentum der Blutbank blieb und ein- gefroren wurde, um irgendwann an ein Krankenhaus oder ein Pharmaunternehmen weiterverkauft zu wer- den. Natürlich wartete Herr Kasimir, bis der dicke Herr den Raum verlassen hatte, ehe er den Becher an die Lip- pen setzte. Als er 1907 in den Staatsdienst eingetreten war, hatte 15
  • er einen feierlichen Eid leisten und sich zur Verschwie- genheit verpflichten müssen. Die Bevölkerung durfte keinesfalls erfahren, dass es Vampire gab. Noch dazu beamtete Vampire ! Schon das zusammenleben mit den Aborigines – immerhin den ureinwohnern dieses Landes – überforderte die Australier und führte noch heute, im 21. Jahrhundert, zu Übergriffen aller Art. Wie wären sie wohl mit einer Vampirminderheit umgesprun- gen ? Herr Kasimir wollte es sich lieber nicht ausmalen. Er dankte dem Schicksal, dass mit Ausnahme höchster Regierungsmitglieder und Queen Elizabeth II. niemand über seine wahre Identität Bescheid wusste. Das Blut des Dicken schmeckte süßlich und fade, im Abgang nach ranziger Butter, genau wie Herr Kasimir es erwartet hatte. Ekelhaft. Schon bekam er Sodbrennen. Seit einigen Jahren litt er an Verdauungsproblemen und musste Medikamente gegen zu hohe Cholesterinwerte einnehmen. Schuld waren die unmengen an Fastfood, die die Spender konsumierten. Wehmütig dachte er an seine Kindheit zurück. Vor zweihundert Jahren hatte Blut noch mit zartbitterem Kupferbouquet den Gau- men gekitzelt. Er seufzte. Trotz dieser Missstände musste er sich glücklich schätzen, in einer zeit zu leben, in der Vam- pire nicht mehr gejagt, mit Knoblaucharomen bedampft und mit Silberpfählen durchbohrt wurden. Während er die nächste Spenderin hereinbat, eine 16
  • ältere Dame, deren Adern wie knotige Stränge unter der runzeligen Haut verliefen, versuchte er sich die Vorzü- ge seiner Lebensumstände vor Augen zu halten. Anstatt ständig auf der Flucht zu sein und von der Hand in den Mund zu leben, schützte ihn Vater Staat und versah ihn mit einem gesicherten Einkommen plus Blutzula- ge. Anstelle von mottenzerfressenen umhängen trug er Maßanzüge. Er musste sich nicht auf zugigen Friedhö- fen herumtreiben, sondern bewohnte ein Appartement in einem exklusiven Wohnblock in der Nähe der Wool- loomooloo-Bay, mit Ledersofa, Internetzugang und Sa- tellitenfernsehen. Sein Schlafsarg war aus massiver Ei- che, innen gepolstert und mit roter Seide ausgeschlagen. Nein, er durfte wahrlich nicht jammern. Das Blut der alten Lady tropfte langsam in den Beu- tel. Es roch nach vergammeltem ziegenkäse und saurem Bier. Herr Kasimir schüttelte sich. Es fiel ihm leicht, auf sein Achtel zu verzichten. Ebenso verhielt es sich mit den folgenden sieben Spendern. Herrn Kasimirs Appetit schwand, als er die kränkliche Farbe in den Beuteln sah. Er musste an sei- nen Großvater denken, den alten Grafen István Báthory, der den Satz »Blut ist ein ganz besond’rer Saft« geprägt hatte. Als Goethe diese Sentenz klaute, um sie seinem Mephisto in den Mund zu legen, lebte der Graf zum Glück nicht mehr. Leider hat Opas Ausspruch seine Gültigkeit verloren, dachte Herr Kasimir betrübt. Blut 17
  • war zu einem ordinären, ja gesundheitsgefährdenden Getränk verkommen. In der Mittagspause lief er versehentlich Miss Pet- tigrew in die glibberigen Arme. Die Wände drehten sich. Er taumelte, fühlte sich ausgelaugt und matt, ge- brechlich wie ein Tattergreis. Dabei bedeuteten seine 289 Jahre für einen Vampir bestes Mannesalter. Wenn er so weitermachte, würde er in absehbarer zeit verhun- gern, vertrocknen und zu Staub zerfallen. Herr Kasimir legte seine Hand auf die linke Brust, direkt unter das Schlüsselbein, wo man ihm anlässlich seiner Angelobung das silberne Kreuz eintätowiert hatte, als zeichen seiner Loyalität gegenüber Staat und Obrig- keit. unter der Berührung erwärmte sich die Haut und brannte leicht. Eine vage Sehnsucht nach Dunkelheit stieg in ihm auf, nach modrig-feuchter Luft, nach einem süßen, schweren Duft, den er nicht benennen konnte. Er gab sich einen Ruck. In zukunft zwinge ich mich dazu, die mir zustehende Ration zu trinken, dachte er. Den Geschmack des Blutes würde er ausblenden, Hauptsache, er blieb bei Kräften. Gesagt, getan. Bereits nach dem zweiten Achtel ver- flog Herrn Kasimirs Schwindelgefühl. Nach dem fünf- ten fühlte er sich nicht mehr schwach, allerdings nahm das Sodbrennen unerträgliche Ausmaße an. Kurz vor Dienstschluss betrat der letzte Spender dieses Tages Herrn Kasimirs Kammer: ein junger Mann, 18
  • bäuerlich gekleidet, mit kräftiger Statur und roten Ba- cken. Er trug eine Jutetasche bei sich, die er vorsichtig neben der Liege deponierte. Ehe er Platz nahm, streckte er Herrn Kasimir seine Hand hin. »Ed ist mein Name. Ed Hughes aus Bethany im Barossa Valley.« »Angenehm. Herr Kasimir.« »Bin nur zu Besuch hier, um meinem Onkel einen guten Tropfen von zu Hause mitzubringen. Hab mir ge- dacht, bei der Gelegenheit könnte ich mal wieder spen- den.« Ed grinste und entblößte dabei eine zahnlücke. In Herrn Kasimirs Kopf schrillte eine Alarmglocke, als er die Ausdünstung des Mannes erschnüffelte. »Wissen Sie nicht, dass Sie vor dem Spenden keinen Alkohol trin- ken dürfen ?« War Miss Pettigrew mit plötzlicher Blind- heit geschlagen ? Sie wachte doch sonst mit Argusaugen darüber, dass jeder Spender die gesetzlichen Auflagen erfüllte, und warf Betrunkene kurzerhand hinaus. »Ich trinke ausschließlich Shiraz«, protestierte Ed, »den meine Familie in der vierten Generation anbaut. Das ist kein Alkohol, sondern das beste Weinchen auf dem ganzen Kontinent. Wenn nicht weltweit.« Ärgerlich schüttelte Herr Kasimir den Kopf. Er war verpflichtet, den Spender abzulehnen und den Vorfall umgehend zu melden. Andererseits würde er keine Schwierigkeiten bekommen, wenn die Sache aufflog, sondern ausschließlich die Qualle: Miss Serena Pettigrew. 19
  • Endlich konnte er sich dafür revanchieren, dass sie ihm täglich das Leben vergällte. Mit hämischem Grinsen bereitete er die Blutabnah- me vor. Auf sein Achtel würde er natürlich verzichten müssen, seiner Leber zuliebe. Herr Kasimir stach den fröhlichen Spender und sah zu, wie das Blut in den Beutel tropfte. Er erstarrte. »Das … das gibt es nicht !«, rief er. Seine Hände, die die Kanüle hielten, schwitzten. »Stimmt was nicht mit meinem Blut ?«, fragte Ed und kicherte. »Es ist dunkelviolett. Fast schwarz.« Ed Hughes lachte, bis seine Augen tränten. »Reben- saft, mein Lieber, das ist purer Rebensaft ! und zwar von unseren 80-jährigen Syrah-Weinstöcken, die mein urgroßvater – Gott hab ihn selig – aus Frankreich ein- geführt hat.« Als der Beutel voll war, zog Herr Kasimir die Kanü- le ab. Dabei zitterten seine Finger und einige Tropfen fielen daneben. Er schnupperte. Ein Bouquet von Kir- schen, wilden Heidelbeeren und einem Hauch Vanille breitete sich aus. Herrn Kasimirs Herz schlug schnel- ler. Im Nacken bildeten sich Schweißperlen, rannen in seinen Kragen und kitzelten ihn. Ein zittern lief durch seinen Körper und seine Beherrschung verkroch sich in die hinterste Ecke wie ein geprügelter Hund. Kasimir riss die Kanüle ab, biss ein Loch in den 20
  • Beutel, heftete seine Lippen daran. Den ersten Schluck schwenkte er im Mund. Heidelbeergeschmack traf auf seinen Gaumen, löste ein kleines Feuerwerk aus, wur- de vom Aroma süßer Kirschen entthront, wieder ein kleines Feuerwerk, dann buhlten milchjunge Haselnüs- se um die Gunst der Geschmacksknospen. Kasimir schluckte. Die nussige Note blieb drei Herz- schläge lang bestehen und wandelte sich im Abgang in Vanille, mit einer Prise Muskat versetzt. Er trank jetzt in gierigen Schlucken wie ein Ver- durstender. Ed Hughes, dessen Weinbauernwangen plötzlich leichenblass aussahen, war aufgesprungen und starrte Kasimir aus grotesk erweiterten Pupillen an. Der schleuderte den leeren Blutbeutel fort und näherte sich seinem Opfer mit entblößten Eckzähnen. Ed schrie. Er riss die Jutetasche an sich, drückte sie Kasimir in die Hände, die schon nach seinem Hals grif- fen, und stürzte hinaus. Die Tasche enthielt eine Flasche Wein. Anstatt den brüllenden Bauern zu verfolgen, nahm Kasimir eine fri- sche Kanüle, bohrte sie durch den Korken, setzte den Plastikschlauch an die Lippen und probierte behutsam. Die Wucht der Sinneseindrücke traf ihn wie ein Schlag. Das kleine Gaumenfeuerwerk von vorhin wie- derholte sich, aber um ein Vielfaches verstärkt: Heidel- beere, Explosion eins; Kirsche, Explosion zwei; Nuss, Nuss, Nuss. 21
  • Vanille, Muskat. Ah ! Kasimir soff, schmatzte und rülpste. Der Wein brannte in seiner Kehle, durchglühte die Speiseröhre und breitete sich wie Lava im Magen aus. Das silberne Tattoo unter dem linken Schlüsselbein wurde siedend heiß. Kasimir schrie vor Schmerz. Er riss sich den weißen Kittel und das Hemd vom Leib. Die Haut über dem tätowierten Kreuz warf Blasen. zischend tropfte das ge- schmolzene Silber zu Boden. Als die Pein verebbt war, atmete er tief durch. Er fühlte sich stark, unbesiegbar und frei. Donnernde Schritte näherten sich, die Tür wurde aufgerissen. »Was ist hier los ?«, kreischte Miss Pettigrew und schob ihren qualligen Körper in die Kammer. Trotz ihrer Korpulenz wirkte sie plötzlich verletzlich. Der har- te zug um ihren Mund erschlaffte, ihre Lippen bebten. Kasimir öffnete das Fenster. Leicht wie eine Feder schwang er sich auf das Gesims. Eine Ladung Regen- tropfen wehte ihm entgegen. Er sprang. zuerst fiel er wie ein Stein, bewegte hilflos seine Arme, die erschlaff- ten, zerflossen, sich in etwas Dunkles, Flappendes ver- wandelten. Dann gewann er an Höhe. Kasimir flog. Er flog in die schwefelgelbe Dämme- rung, flog über die Sydney Cove, traf über den Royal Botanic Gardens auf die ersten Flughunde, die gerade 22
  • aufgestiegen waren, ihn neugierig umflatterten und schließlich respektvoll auseinanderstoben. Über dem Ausgang der Gärten drehte er nach Westen ab, ins Lan- desinnere. Mit jedem Flügelschlag fiel ein Stück Beam- tentum von ihm ab. Die Kleider hingen in Fetzen an sei- nem Körper und lösten sich im Flugwind auf. Kasimir hielt sein Gesicht in den Nieselregen, dessen feine Na- deln in dieser Höhe ordentlich zustachen, und hätte sich gern vor Vergnügen auf die Schenkel geklopft. Wenn er diese Geschwindigkeit beibehielt, würde er vor dem Morgengrauen im Barossa Valley eintreffen. Er musste nur seiner Nase folgen. Prüfend sog er die Luft ein. Es roch nach Regen in dieser Julinacht. Nach Regen, Ab- gasen und nassem Hund. und nach einem Versprechen von Kirschen, wilden Heidelbeeren und milchjungen Nüssen, das gen Westen immer verbindlicher wurde. 23
  • BESUch aUS tBIlISSI Kai Riedemann »Du freust dich nicht, Niko«, hat Nana heute v Morgen noch gesagt und dabei ein langes graues Haar aus ihren Augenbrauen gezupft. Warum sollte ich mich freuen ? Weil uns dieser Nichtsnutz von Guram nach drei Jahren in Tbilissi mal wieder besucht ? Einfach abgehauen ist er damals. Kein Grund also, sich Haare aus den Brauen zu zupfen oder gar ein Familienfest zu feiern. »Er ist unser Sohn, Niko«, hat Nana überflüssiger- weise hinzugefügt. und deshalb gibt es jetzt doch ein großes Fest auf der Veranda. Mamuka ist gekommen, Magdana, Giorgi und Onkel Dato natürlich auch. Vom blank gescheuerten Holztisch ist fast nichts mehr zu se- hen vor lauter Weinkrügen, Gläsern, Tellern, Schüsseln, Bergen von frischem Gemüse und selbst gebackenem Brot aus dem Rundofen. Vielleicht sollte ich einfach vergessen, dass ausgerechnet Gurams Besuch der Grund für diese Feier ist. »Auf dass wir immer eine so reiche Ernte wie in 24
  • diesem Jahr haben«, ruft Nana ihren Trinkspruch in die Runde. »und auf dass wir den Herbst in guter Gesund- heit feiern können.« Sie erhebt ihren hohen, bis zum Rand mit rotem Wein gefüllten Becher und während alle trinken, stim- me ich das alte Lied an: »Mein Wein, ich habe dich auf- gezogen wie mein Kind und ich würde zu deinen Füßen sterben.« Täusche ich mich oder grinst Guram bei diesem Ge- sang ? Er sitzt da vor seinem Glas, als hätte er noch nie georgischen Wein getrunken. Den schwarzen Cowboy- hut hat er nicht abgenommen und die leckeren Würste aus Nüssen, gekochtem Traubensaft und Mehl rührt er nicht an. Was ist nur aus dir geworden, Guram ? Schließlich schlürft er doch am Wein und verzieht das Gesicht. »Er ist süß«, sagt Guram. Natürlich ist er das. Ge- orgischer Wein ist immer süß. »Vermutlich hast du ihn wieder mit nackten Füßen selbst gestampft.« Ohne eine Antwort abzuwarten, bricht er sich ein Stück von einer der gebogenen Brotstangen ab und schiebt es sich in den Mund. Nana wirft mir einen flehenden Blick zu. Dabei zupft sie an der Weste, die sie über ihrer geblümten Lieblings- bluse trägt. Nein, ich werde mich nicht zurückhalten, Nana. »Was ist falsch an dem, was schon unsere Vorfahren 25
  • gemacht haben, mein Sohn ?« Vermutlich zittert bei die- sen Worten mein grauer Schnurrbart. Das tut er immer, wenn ich wütend bin, behauptet Nana. »Ich bin stolz, georgischer Winzer zu sein. Vom Kaukasus stammt der erste Wein der Welt !« Auch hier in der kachetischen Provinz lesen wir schließlich, was die zeitungen der Hauptstadt über archäologische Entdeckungen schrei- ben. Guram lacht nur. »Von Tradition kannst du dir nichts kaufen. Eure lä- cherlichen Rebstöcke haben nicht mal ein Herkunftssie- gel. Du machst einen Traubenmischmasch, den keiner will.« »Die Russen wollten ihn.« »Die Russen haben alles gekauft und gesoffen. Frü- her. Jetzt sind die Grenzen dicht. Du musst mit der zeit gehen.« Er schiebt sein Glas zur Seite und legt den Cow- boyhut darüber. »Du bist ein Wirrkopf, Guram !«, sage ich. »Du bist ein Sturkopf, Papa !«, sagt Guram. »Möchte noch jemand Brot ?«, fragt Nana verzwei- felt. Nur Onkel Dato greift zu. Ihn scheint das alles so- wieso nichts anzugehen. Ich knöpfe mein Hemd weiter auf, um Luft zu be- kommen. Gar nicht gut für mein Herz, dieser alte Streit. An Guram vorbei schaue ich auf den Hof. Dort parkt sein dunkelblauer BMW, an dem gerade die Hühner pi- cken. Im Kofferraum so eines Wagens könnte niemand 26
  • die Saperavi-Trauben zum Markt bringen. Mein zer- beulter Lada ist dafür zweifellos besser geeignet. »Womit verdienst du dein Geld, mein Sohn ?«, frage ich leise. »Warum interessiert dich das ? Ich verdiene jedenfalls Geld. Du nicht.« »Komm mit !« Ich stehe auf. Die Tränen in Nanas zerfurchtem Gesicht beachte ich nicht. »Komm mit, Guram, ich möchte dir was zeigen.« Er wirft einen Blick auf seine Mutter, zuckt dann nur mit den Schultern, nimmt sich ein Stück Brot und folgt mir. Der Cowboyhut bleibt auf dem Tisch liegen. Den braucht er sowieso nicht bei der schwachen Abendson- ne. Wenn Nana sich im Weinberg mit einem Kopftuch oder einem Strohhut schützt, ist das was anderes. Aber hier und jetzt ? Typisch Guram. An seinem BMW gehen wir vorbei, verscheuchen die aufgeregt flatternden Hühner, um schließlich auf dem gestampften Lehmboden der kleinen Scheune ste- hen zu bleiben. »Sei nicht albern, Papa«, bittet Guram. »Auch nach drei Jahren in Tbilissi habe ich nicht vergessen, wo dein Wein ist.« Mit einem Spaten hebe ich vorsichtig den Deckel des ersten Tongefäßes ab. Wie bei meinem Vater, meinem Großvater, meinem urgroßvater ist es tief in den Lehm- boden eingelassen. und genau wie sie damals starren 27
  • wir jetzt auf den jungen Wein. Der Schaum am Rand leuchtet fast lila, Blasen zerplatzen an der Oberfläche. An einem Seil senke ich langsam die Probierschale in den gärenden Rebensaft hinab, ziehe sie wieder hoch und gieße die dunkle Flüssigkeit in zwei Gläser. »Rubinrot wird er mal sein«, sage ich. Noch schwim- men Reste von Stielen, Stängeln und Kernen darin. »Nana hat die Trauben mit den anderen Frauen aus dem Dorf selbst gepflückt, wir haben sie im Holztrog gestampft, nun gärt der Wein. Das ist nicht einfach Ar- beit, das ist unser Leben. Verstehst du ?« Guram hält das Glas mit der schäumenden Flüssig- keit gegen das Licht und blickt mich dann mitleidig an. Nein, natürlich versteht er nicht. »Dann will ich dir auch mal was erklären«, sagt Gu- ram. »Ich mache Geschäfte mit dem Westen. Du wirst in deinem ganzen Leben nicht so viel Geld verdienen wie ich in einer Woche.« Er schüttet den Wein zurück ins Tongefäß. »Geld !« Ich hoffe, dass es wie ein Schimpfwort klingt. »Ja, Geld. und wenn alles klappt, habe ich davon bald mehr als dein kachetischer Dickschädel sich das vorstellen kann.« Guram tritt dicht an mich heran. Sei- ne Stimme wird fast zu einem Flüstern. »Hast du schon mal von dem alten Weinkeller in Tbilissi gehört ? In den Kellern einer stillgelegten Fabrik ?« 28
  • Natürlich habe ich davon gehört. Onkel Dato Dschanelidse erzählt die Geschichte auf jeder Familien- feier spätestens nach dem vierten Glas. »Dort lagern mehr als 40000 Flaschen, zum Teil noch aus der zarenzeit«, schwärmt Guram beinahe wie Dato. »Sogar die persönliche Weinsammlung von Stalin verstaubt da unten.« »Genosse Stalin.« »Stalin. Stell dir vor: ein Château Lafite 1847. und Flaschen, die bei Napoleons Russlandfeldzug von 1812 beschlagnahmt wurden. Weißt du, was Sammler im Westen für so etwas zahlen würden ?« »Du willst doch nicht etwa ... ?« »Doch, ich will.« Das habe ich befürchtet. »Du bist ein Wirrkopf, Guram !«, sage ich. »Du bist ein Sturkopf, Papa !«, sagt Guram. Von der Veranda klingt lautes Lachen zu uns herü- ber. Nana und Mamuka. Ich schlürfe einen kleinen Schluck vom jungen Wein, wische mir dann die Reste des Rebensafts aus dem Schnurrbart. Sorgfältig lege ich den Deckel zurück auf das Tongefäß und stampfe den Lehmboden wieder fest. Guram starrt inzwischen hinaus auf den Hof, wo die Hühner sich erneut um den blitzblanken Wagen scharen. Onkel Dato versucht gerade, die mit Wellblech überdachte Treppe in den ersten Stock hinaufzusteigen. 29
  • Warum hat Nana eigentlich die Fensterläden geschlos- sen ? Es sieht so verlassen aus, unser Haus. Ich trete neben Guram und lege ihm den Arm um die Schulter. »Ein altes georgisches Sprichwort sagt: Du kannst keinen guten Wein machen, wenn du deine Seele nicht kennst. – Wenn du zurückfährst in die Haupt- stadt, mein Sohn«, sage ich leise, »dann vergiss bitte nicht: Das gilt für alles, was dir wichtig ist.« Guram schaut sich nicht um, als er zu seinem Wagen geht. 30