Berliner Designwirtschaft

  • 1,404 views
Uploaded on

Schon seit 2005 ist Berlin Unesco City of Design. Dieser Titel ist nicht nur eine Anerkennung der Leistungen Berliner Designerinnen und Designer. Er bedeutet auch eine Verpflichtung der Stadt, diesen …

Schon seit 2005 ist Berlin Unesco City of Design. Dieser Titel ist nicht nur eine Anerkennung der Leistungen Berliner Designerinnen und Designer. Er bedeutet auch eine Verpflichtung der Stadt, diesen Bereich zu fördern und auszubauen. Denn die Designbranche ist mehr als nur Entstehungsort für Künstlerisch-Kreatives: Sie hat eine große Bedeutung für Innovation und ökonomisches Wachstum, gilt als eine der treibenden Kräfte für wirtschaftliche, soziale und wissenschaftliche Neuerungen: Als Schnittstellenbranche kann sie Ideentreiber und -generator für andere Branchen sein und bietet Methoden für transdisziplinäres Arbeiten.

Die Berliner Wirtschaftsverwaltung fördert die Designbranche besonders effektiv. Die Grundlage dafür bildet eine Strategie, die zuvor erarbeitet wurde. Wichtige Ziele und Eckpunkte dieser Designstrategie wurden aus einer Potenzialanalyse abgeleitet, die die Wirtschaftsverwaltung 2010 in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (dgtf) durchgeführt hat. Die Präsentation stellt die wichtigsten Thesen und Ergebnisse der Studie vor, erläutert Chancen und Möglichkeiten anhand von Best-Practice-Beispielen und weist die Stärken und Schwächen des Designstandortes Berlin aus.

More in: Design
  • Full Name Full Name Comment goes here.
    Are you sure you want to
    Your message goes here
    Be the first to comment
    Be the first to like this
No Downloads

Views

Total Views
1,404
On Slideshare
0
From Embeds
0
Number of Embeds
0

Actions

Shares
Downloads
13
Comments
0
Likes
0

Embeds 0

No embeds

Report content

Flagged as inappropriate Flag as inappropriate
Flag as inappropriate

Select your reason for flagging this presentation as inappropriate.

Cancel
    No notes for slide

Transcript

  • 1. Die Berliner DeSign wirtSchaft Potential Strategie PerSPektiven
  • 2. vorwortBerlin trägt seit 2005 den titel city of Design im rah- Die Strategie zur förderung der Designwirtschaft undmen des UneSco-netzwerks der creative cities. ihre Umsetzung ist ein Prozess, der nur gemeinsam mit den akteurinnen und akteuren, den institutionen undDieser titel ist eine anerkennung der leistungen Berli- netzwerken der Branche gestaltet werden kann. Dazuner Designerinnen und Designer, gleichzeitig ist er auf- wollen wir ab sofort einen intensiven Diskussionspro-forderung und ansporn an die Stadt. zess starten: im internet und auf veranstaltungen mit den Designern sowie im Dialog mit anderen Branchennational wie international steigt das interesse an De- aus industrie und Berliner Zukunftsfeldern.sign und seiner funktion im wertschöpfungsprozess.grund genug, auch in Berlin über eine klare Profilierung ich hoffe auf ein erweitertes verständnis für Design undnachzudenken und die Bedeutung von Design neu zu seine Potentiale. es geht nicht nur um die bessere ge-bewerten. staltung von Produkten, nicht nur um optimierte Pro- zessabläufe und um das Design von Unternehmens-auf anregung des internationalen Design Zentrums konzepten. es geht um einen umfassenden Prozess, derund des netzwerks create Berlin hat die wirtschafts- letztlich unser aller leben in Beruf und alltag betrifft.verwaltung eine Potentialanalyse der Berliner Design-branche in auftrag gegeben. Die Deutsche gesellschaftfür Designtheorie und -forschung (dgtf) hat diese Po-tentialanalyse erarbeitet. aufbauend darauf hat diewirtschaftsverwaltung gemeinsam mit einem exper-tenbeirat die Ziele der Designstrategie bestimmt undhandlungsfelder und Maßnahmen entwickelt. almuth hartwig-tiedt, Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für wirt-ich danke allen Beteiligten herzlich für ihre arbeit. schaft, technologie und frauen i
  • 3. inhalt Seite vorwort i Potentialanalyse der Berliner Designwirtschaft iii Strategie für die Designwirtschaft in Berlin v impressum Xiiiii
  • 4. . Potentialanalyse derBerliner Designbranche
  • 5. Potentialanalyseder Berliner Designbranche Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung e. V. EUROPÄISCHE UNION Europäischer Fonds für Regionale Entwicklung
  • 6. ImpressumErstellt von:Deutsche Gesellschaft fŸ r Designtheorie und -forschung e. V. (DGTF)Autoren/-innen:Birgit Bauer, designkritik.dkBianca Herlo, Deutsche Gesellschaft fŸ r Designtheorie und -forschung e. V. (DGTF)Dr. Bastian Lange, Multiplicities-BerlinInga Wellmann, Multiplicities-BerlinProjektleitung:Prof. Dr. Gesche JoostDeutsche Gesellschaft fŸ r Designtheorie und -forschung e. V. (DGTF)Projektbeirat:Prof. Kora KimpelDeutsche Gesellschaft fŸ r Designtheorie und -forschung e. V. (DGTF)Im Auftrag von:Senatsverwaltung f Ÿ r Wirtschaft, Technologie und Frauendes Landes Berlin (Herausgeber)Die Studie wurde gefš rdert aus Mitteln des EuropŠ ischen Fonds fŸ r RegionaleEntwicklung im Rahmen des EU-Projektes Ò Creative MetropolesÓStand:November 2010
  • 7. InhaltKurzdarstellung 11 Hintergrund und Auftrag der Studie 32 Ziele und Ausgangssituation 42.1 Ziele 42.2 Ausgangssituation 53 Design: Definitionen, Status Quo und Positionen 63.1 Design als Prozess 63.2 Designszene 83.3 Statistische Kennziffern der Designbranche in Berlin 94 Aufbau der Studie 104.1 Kontext der Ausarbeitung von Empfehlungen 104.2 Innovationsverständnis in der Design- und Kreativwirtschaft 114.3 Design als Wirkungsgefüge 155 Potentialanalyse 175.1 Position „Design in Berlin“ 175.2 Methodik 195.3 Design in Berlin – Stärken 225.4 Design in Berlin – Schwächen 276 Internationale Best-Practice-Beispiele 326.1 Fokus: Transparenz und Zielgruppenorientierung von Informationen und Förderangeboten 336.2 Fokus: Informationsbündelung, Entwicklung von unternehmerischer Kompetenz, Coaching 346.3 Fokus: Internationale Vernetzung und Kommunikation 356.4 Fokus: Inkubatorenmodell, Schnittstelle zu Industrie und Forschung, HighTech-Anbindung 366.5 Fokus: Designforschung, Schnittstellengestaltung zu anderen Bereichen der Gesellschaft 377 Chancen und Herausforderungen 408 Thesen und Anregungen für die Ausgestaltung einer Design-Strategie 448.1 Prototypen-These 448.2 Spezialisierungsthese 458.3 Innovationsthese 468.4 Akzeptanzthese 479 Zusammenfassung und Ausblick 4910 Anhänge 5110.1 Berliner Fallbeispiele 5110.2 Mitglieder des Designbeirats 5710.3 Teilnehmende am Interviews und am Co-Design-Workshop 5710.4 Quellenangaben 60
  • 8. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 KurzdarstellungKurzdarstellungDie Bedeutung der Designbranche für Innovation und ökonomischesWachstum wird sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene erkannt. Siegilt als eine der treibenden Kräfte für wirtschaftliche, soziale und wissen-schaftliche Innovationen: Designwirtschaft als Schnittstellenbranche kannIdeentreiber und -generator für andere Branchen sein, sie bietet Methodenfür transdisziplinäres Arbeiten und liefert Impulse für Innovation, Wachstumund Beschäftigung.Um das branchenübergreifende Potenzial von Design auszuschöpfen, giltes, durch eine Designstrategie allgemeine Rahmenbedingungen zu verbes-sern und Designwirtschaft gezielt zu fördern. Folgende Aspekte sind dabeiwichtig und finden in der vorliegenden Studie besondere Beachtung: » Die Studie weist zunächst auf aktuelle Entwicklungen innerhalb der Branche und auf den Stellenwert von Design für die Kreativwirtschaft hin. Die ökonomische Branchenperspektive hat der Designwirtschaft immer eine Vorreiterrolle gegenüber anderen Branchen der Kreativwirtschaft eingeräumt. Maßgeblich für diesen Stellenwert ist aber ein erweitertes Verständnis von Design, das nicht allein das materielle Produkt in den Blick nimmt, sondern vielmehr Design als übergreifenden Prozess begreift. » Die Studie beschreibt diesen Verlauf im Hinblick auf die politische Stärken Strategieentwicklung und schließt sie an die Leitdebatte auf der der Berliner Designbranche Ebene der Europäischen Kommission sowie der UNESCO an. HeterogenitŠ t des Marktes Diese rufen in den letzten Monaten zur Beantwortung der Frage nach sozialen und sogenannten „Hidden Innovations” gerade in Selbstorganisation der Kreativwirtschaftsbranchen auf. Dadurch rücken aus der Sicht Marktteilnehmer/-innen der öffentlichen Hand Fragen nach den jeweiligen städtischen, IndividualitŠ t, unternehmerischen und sozialen Kontextbedingungen – den Experimentieranspruch sogenannten Projektökologien – der Designbranche in den Fokus. und Nischenkompetenz der Marktteilnehmer/-innen » Berlin erhält mit der Studie die Chance, vorhandene Entwicklungs- Kreativ-kŸ nstlerisches prozesse in der Designbranche als Ausdruck einer neuen Innovationsmilieu Governance der Kreativwirtschaft neu zu bewerten. Diese reichen von Do-it-yourself-Ansätzen kleinteiliger Akteursnetze Prozessorientierung zu neuen Open Design Laboratories, Ausbildungs-Hubs Breites Kompetenzniveau sowie nicht zuletzt Innovationszentren global ausgerichteter der Designer/-innen Kommunikationsunternehmen. 1
  • 9. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 KurzdarstellungDie Studie hat zudem Erkenntnisse und Ergebnisse anhand von vierThesen strukturiert. Diese wurden vor dem Hintergrund der Stärken- undSchwächen-Analyse entwickelt und formulieren übergeordnete Ziele sowieAnsätze und Optionen zur Ausgestaltung der Designstrategie. Sie sindthematische Ableitungen aus der Analyse und verfolgen das Ziel, Hand-lungsfelder zu begründen, in denen sich zentrale Potentiale für die BerlinerDesignbranche ergeben: Prototypenthese Berlin hat das Potential, sich zukünftig auf die Generierung von hochwertigen sowie innovativen Prototypen – ob in Prozessen, Produkten oder Objekten – zu konzentrieren. Schwächen der Berliner Designbranche Spezialisierungsthese In der Designbranche bedarf es einer weiteren Spezialisierung der erbrachten Leistungen. Es bedarf einer „Strategie der Spe- Durchschnittliches bis niedriges zialisierung“, um Berlin international als Ort hochwertiger und Einkommensniveau innovativer Designprodukte und -prozesse zu positionieren. VerdrŠ ngungswettbewerb Innovationsthese Selektive kŸ nstlerische Designwirtschaft muss als innovative und produktorientierte Fokussierung Querschnittsbranche stärker in dem Konzept Kultur- und Geringe NŠ he zu Kreativ-wirtschaft verankert und als ideentreibender Motor anderen technologischen in andere Technologie- und Forschungsbereiche integriert Innovationsbereichen werden. Dazu gehört explizit die Verknüpfung von Design mit klassischen Wirtschaftsbranchen und anderen Kompetenzfel- Geringe NŠ he zu Handwerk und dern des Landes. Mittelstand, wenig Synergien Fehlende Hersteller- Akzeptanzthese Infrastruktur Berlin muss sich darauf konzentrieren, dem Defizit in der gesellschaftlichen Vermittlung und Anerkennung der Desi- Studentisches gnwirtschaft entgegenzuwirken. Die Designbranche bedarf Experimentierverhalten, einer breiten Akzeptanz der erbrachten Leistungen und einer ausbaufŠ higes Unternehmertum stärkeren öffentlichen Wahrnehmung. Dazu ist es auch nötig, der Marktteilnehmer dass die Designbranche ihre Interessen stärker bündelt. Schwache Akzeptanz von Design au§ erhalb derDie Ergebnisse zeigen, dass Berlin ein hohes Potential hat, seine Position Kreativwirtschaftals Designmetropole auszubauen und international zu stärken. Dies gilt Schwache Binnennetzwerkeinsbesondere im Hinblick auf Vernetzung im internationalen Kontext, Spezi- zu anderen Kreativbranchenalisierung der Design-Kompetenzen, Professionalisierung, Vernetzung des sowie zu anderenBerliner Designs mit angrenzenden Disziplinen und anderen klassischen TechnologiebranchenWirtschaftsbranchen sowie Stärkung der Schnittstellen zu Forschung. UnŸ bersichtlichkeit vorhandener Fš rderprogrammePrototypen zur Marktreife zu bringen, die Gründer- und Start-Up-Szenemit der Designszene zu vernetzen, Forschungskooperationen zu fördern, 2
  • 10. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 1 Hintergrund und Aufbau der Studiedie marktfähige Produkte und Dienstleistungen zum Ziel haben, aber auchdie interne Organisation von Design und das unternehmerische Handelnder Designer/-innen systematisch zu stärken sind einige der Ziele, die imRahmen einer übergreifenden Designstrategie adressiert werden sollten.Die Ergebnisse richten sich sowohl an die Fachpolitik, als auch an die De-signszene und ihre Interessenvertretungen in Berlin. So gilt es, die Strategiegemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren der Designbranche im Sinnedes Co-Designs zu entwickelt und umzusetzen, um daraus eine nachhalti-ge Stimulierung der Branche abzuleiten.1 Hintergrund und Auftrag der StudieIm April 2010 hat der Berliner Senat für Wirtschaft, Technologie und Frauendie Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung e. V. (DGTF)beauftragt, eine Potentialanalyse der Berliner Designbranche zu erarbeiten.Mit dieser qualitativen Stärken-Schwächen Analyse, erstellt im Rahmen desEU-Projektes „Creative Metropoles“ und der Landesinitiative Projekt Zukunftim Zeitraum April-Juli 2010, soll die Argumentationsgrundlage für einekohärente Designstrategie für Berlin geschaffen werden.Die DGTF als unabhängiger Verein, der die Diskussion und den Austauschzu designrelevanten Themen vor allem an den Schnittstellen zu Wis-senschaft, Technologie und Wirtschaft fördert, hat hierfür ein 4-köpfigesinterdisziplinäres Team – die AG Designstudie – zusammengestellt. ZumTeam gehören Birgit Bauer (designkritik.dk), Bianca Herlo (DGTF), Dr. BastianLange (Multiplicities-Berlin) und Inga Wellmann (Multiplicities-Berlin). Be-gleitet wurde die AG Designstudie von Prof. Dr. Gesche Joost (Vorsitzendeder DGTF) und Prof. Kora Kimpel (Vorstandsmitglied der DGTF).Die Studie entstand in engem Austausch mit Ingrid Walther, Tanja Mühl-hans und Katrin Tobies vom Senat für Wirtschaft, Technologie und Frauen.Begleitet wurde sie vom Designbeirat zur Erarbeitung einer Designstrategie,ausgewählt aus Vertreterinnen und Vertretern der Berliner Designbranche(siehe Anhang Mitglieder des Designbeirats). Der Beirat hat im April 2010seine Arbeit aufgenommen und eine zentrale Rolle bei der Ausarbeitungder Studie gespielt. 3
  • 11. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 2.1 ZieleDie Verfasser/-innen haben die Studie selbst als Design-Projekt operatio-nalisiert und wählten dafür einen mehrstufigen qualitativen Forschungsan-satz. Wesentlicher Ansatzpunkt dabei war, gemeinsam mit Akteuren/-innenaus der Designbranche eine Standortbestimmung vorzunehmen und mitunterschiedlichsten Marktteilnehmern/-innen in Dialog zu treten. Somitwurde eine Plattform geschaffen, auf der eingeladene Marktteilnehmer ihreEinschätzungen und Erkenntnisse sowie Erfahrungen als Designer undDesignerinnen direkt einfließen lassen konnten.2 Ziele und Ausgangssituation2.1 ZieleDie vorliegende Studie hat zwei zentrale Ziele: Aufgabe » Ermittlung der Stärken und Schwächen der Designbranche in Berlin Erstellen einer Analyse der StŠ r- ken und SchwŠ chen der Design- » Anwendung der Potentialanalyse, um Ansätze für wirtschaft der Hauptstadtregion Handlungsoptionen zu entwickeln, die der Senatsverwaltung fŸ r sŠ mtliche Designdisziplinen für Wirtschaft, Technologie und Frauen als Grundlage für (mit Ausnahme des Modedesign), eine kohärente Designstrategie dienen unter besonderer BerŸc ksichti- gung der folgenden WirkungsfelderAusgangspunkt der Studie ist die Beobachtung, dass europäische Me- innerhalb der Designbranche:tropolen seit wenigen Jahren das Innovationspotential der Kultur- und InnovationspotentialKreativwirtschaft anerkennen und darüber hinaus strukturelle Förderung und Spillover-Effekteund übergeordnete politische Maßnahmen initiieren, um ihre Entwicklung zu Technologiefeldernnachhaltig zu gestalten und auszubauen. Zahlreiche Forschungsberichte (Forschung und Entwicklung)belegen, dass insbesondere die Designbranche den Status des Impuls- sowie digitalen Kulturengebers für die Entwicklung anderer Kreativwirtschaftsbranchen hat (vgl. Designkompetenz„Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft inDeutschland“, BMWi 2009); gleichzeitig kann sie eine Multiplikatorwirkung Fš rderinstrumente fŸ r den Marktzugangfür andere Branchen haben. Der Designbranche wird dabei die Rolle undFunktion zugeschrieben, innovativ und schnittstellenorientiert kreative Ideen InternationalitŠ t, vergleichbaremit Kompetenzen aus Technologie im laufenden Wertschöpfungsprozess internationale Formatezu verbinden, um daraus bisher nicht genutzte Optionen gerade im Dienst-leistungsbereich sowie im produzierenden Mittelstand zu generieren. 4
  • 12. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 2.2 AusgangssituationVor diesem Hintergrund teilen die Autoren/-innen die grundsätzliche Auf-fassung der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen, dassBerlin zukünftig zum einen seine bisherige herausragende Rolle als „City ofDesign“ (2006 UNESCO) weiter ausbauen und entwickeln kann. Zum an-deren bedarf es aber einer strategischen Ausgestaltung dieses in der Stadtvorhandenen Entwicklungspotentials. LeitfragenZahlreiche Studien – etwa die Kulturwirtschaftsberichte des Landes und Welche StŠ rken und SchwŠ chendes Bundes sowie Bestandserhebungen und Forschungsberichte zur weist die Berliner Designbran-Kultur- und Kreativwirtschaft (siehe Referenzliste im Anhang) – bieten einen che auf?Überblick über die Rolle, Anteile und Funktion der Designbranche in der Welche Chancen und Her-Kultur- und Kreativwirtschaft. Da die meisten Studien mehrheitlich quanti- ausforderungen ergeben sichtative Strukturanalysen und selten systematische qualitative Erkenntnisse daraus?anbieten, existieren kaum Studien, die Erkenntnisse darüber liefern, welcheKräfte im Zusammenspiel der einzelnen Felder den Markt bestimmen, wel- Wie interagieren die Teilneh-che Defizite in der Kommunikation und in dem Wissensaustausch zwischen menden im WirkungsgefŸ ge Design miteinander?heterogenen Marktteilnehmern/-innen identifizierbar sind und wie diese füreine für die Bedarfe der Marktteilnehmer/-innen passende Designstrategieabgestimmt werden können. Mit der vorliegenden Analyse werden, unterEinbeziehung der Ergebnisse bestehender quantitativer Studien, Stärkenund Schwächen ausfindig gemacht und somit ein Bild der Marktzusam-menhänge vorgestellt, das eine Argumentationsbasis für die Initiierungeiner Designstrategie sein kann.2.2 AusgangssituationAuch für die Berliner Senatsverwaltung gilt die Kultur- und Kreativwirtschaftund hier insbesondere die Designwirtschaft längst nicht mehr vorrangig alsimagebildendes Feld, sondern als entscheidender wirtschaftlicher Standort-faktor und als Wachstumsbranche. So sind in den letzten Jahren zahlreicheInitiativen und Förderprogramme ins Leben gerufen, ausgebaut, sowiesukzessive an die Bedürfnisse der Kultur- und Kreativwirtschaft angepasstworden, die auf unterschiedlichsten Ebenen die Designbranche Berlinsstärken. Die Leistungen sind erheblich. Hervorzuheben sind hier vor allemBestrebungen auf der Ebene der: 5
  • 13. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 3.1 Design als Prozess » Plattformbildung, Netzwerk- und Messeförderung » Stärkung der Binnenstruktur der Teilmärkte » Erschließung internationaler Märkte » Anpassung monetärer Programme auf die Strukturmerkmale und sozio-ökonomischen Bedingungen der Kleinen und Mittleren Unternehmen » Initiierung von Branchenzentren » Coaching der Marktteilnehmer/-innen.Die Landesinitiative „Projekt Zukunft“ als größtes Kommunikations- undFörderinstrument der Stadt unterstützt und optimiert die Wachstumsbedin-gungen durch Initiierung und Förderung von Infrastrukturprojekten. DurchCo-Finanzierung von Präsentations- und Repräsentations-Plattformen wiedas DMY International Design Festival oder die Showroom-Meile, durchFörderung von Vernetzungsaktivitäten und Stärkung des Selbstorganisa-tionspotentials (Internationales Design Zentrum IDZ oder Create Berlin),durch Beratung von Gründern/-innen und etablierten Unternehmen, aberauch durch eine rege Öffentlichkeitsarbeit (Auszeichnung Berlin als Unesco„City of Design“) ist es in den letzten Jahren gelungen, die Designbrancheals gesamte Wertschöpfungskette immer stärker ins Blickfeld der Politikund der Öffentlichkeit zu rücken.3 Design: Definitionen, Status Quo und Positionen3.1 Design als ProzessÜber die gängige Betrachtung des Produktdesigns auf der einen und desKommunikationsdesigns auf der anderen Seite hinaus spielt für das heutigeVerständnis die zunehmende Betrachtung des Design als Prozess eineausschlaggebende Rolle: Bereits seit den 1960er Jahren – etwa seit denersten Diskussionen um Design als Forschung – wird Design nicht nur alsdie Gestaltung einzelner Dinge und Zeichen begriffen. Vielmehr geratenKontexte und Bedingungen komplexer Produktion und Nutzung in den Vor-dergrund und begründen die heutige Auffassung von Design als „interdiszi-plinärer und kooperativer Auftrag“ (vgl. Erlhoff 2008, S. 91). 6
  • 14. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 3.1 Design als ProzessDesign existiert demnach als „[…] Tätigkeit, etliche akademische, ökono-mische, ökologische, wissenschaftliche und artistische Einsichten, Wis-sensbereiche und Ansichten produktiv mit den alltäglichen Prozessen undErfahrungen von Artefakten, Systemen und Prozessen zu integrieren“ (ebd.).Sowohl in der Praxis, als auch in der Forschung sind gerade die interdis-ziplinären Qualitäten von Design gefordert, gleichzeitig findet auf allenEbenen eine zunehmende Spezialisierung statt: Service Design, EventDesign, Social Design oder Interface Design sind einige Beispiele hierfür.Die Vielfalt der Perspektiven im Design wird besonders deutlich, betrachtetman die Bandbreite der Tätigkeiten: Sie reicht von Designern/-innen, die inUnternehmen höchstspezialisiert kleinste Details gestalten, in Agenturenoder Studios interaktive Systeme entwickeln oder in multidisziplinäre Teamsin den Bereichen Stadtplanung oder Materialentwicklung agieren, bis hin zuDesignern/-innen, die etwa im Rahmen von Unternehmensentwicklung und-beratung für die Gestaltung von Dienstleistungssystemen tätig sind (vgl.Erlhoff 2008).Diese Entwicklung ist für ein tieferes Verständnis der unterschiedlichstenAspekte des Feldes und der komplexen Zusammenhänge der Branchewichtig, vor allem vor dem Hintergrund, dass sich der Fokus des Marktesmitunter in Richtung virtueller, prozesshafter Produkte oder der Anwendungvon Open-Source Elementen in auf Kunden abgestimmten, individualisier-ten Dienstleistungen entwickelt.Ein solch erweiterter Design-Begriff fördert, auch hinsichtlich einer politi-schen Strategieentwicklung, das Verständnis der Branche. Er schärft denBlick für die Interaktionsbeziehungen innerhalb der Designdisziplinen wieauch für die Schnittstellen zu anderen Branchen.Eine Designbranche – viele TätigkeitsbereicheBei der Kategorisierung einzelner Design-Disziplinen zeigt sich, dass sichimmer wieder neue Spezialgebiete des Designs entwickeln und etablie-ren. Das Design ist im ständigen Wandel begriffen und reagiert besondersschnell auf neue Anforderungen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunden-perspektive.Der Branchenbegriff „Designbranche“ umfasst nach dem Kulturwirtschafts-bericht 2008 des Landes Berlin zunächst Büros für Industrie-, Möbel- undProduktdesign sowie Grafikdesign (Senatsverwaltung für Wirtschaft 2008,S. 69). 7
  • 15. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 3.2 DesignszeneIm Rahmen der hier vorliegenden Studie wurden folgende Branchenseg-mente untersucht: » Produkt-/Industriedesign und » Visuelle Kommunikation (Kommunikationsdesign, Illustration und Grafikdesign, Corporate Design, Ausstellungsdesign, Interactiondesign, Interfacedesign)Nicht integriert wurde der Bereich Mode sowie die Herstellung von Be-kleidung, Schuhen, Schmuck und Schmiedewaren aus Edelmetallen, dieAteliers für Textil- und Schmuckdesign. Diese Kategorisierung bedeuteteine erweiterte Branchenabgrenzung, insbesondere hinsichtlich des Bran-chenbegriffs „Designbranche“ des Kulturwirtschaftsberichts des LandesBerlin von 2008.Parallel zur Bildung neuer Spezialgebiete im Design lässt sich eine strakeTendenz zu genreübergeifendem Arbeiten innerhalb der Designbranche,aber auch über verschiedene Kreativbereiche hinweg, erkennen. So ist einegenaue Trennung der Tätigkeitsprofile kaum möglich. Dieser Tendenz sollhier Rechnung getragen werden.3.2 DesignszeneDer Begriff „Designszene“ wurde bisher in metropolitanen Kultur- undKreativwirtschaftsberichten sowie in Potentialanalysen der Kreativwirtschaftnicht systematisch verwendet und ist in der Debatte um die Kultur- undKreativwirtschaft ein neuer Begriff. Er wurde zum ersten Mal in der Schweiz(Weckerle, Christoph/Gerig, Manfred/Söndermann, Michael (2007): Krea-tivwirtschaft Schweiz – Daten, Modelle, Szene. Basel: Birkhäuser Verlag)angewandt sowie im Sächsischen Kulturwirtschaftsbericht (SMWA 2008).Die Einführung des Begriffs erscheint angebracht, da Szenen für das Funk-tionieren des kultur- und kreativwirtschaftlichen Marktgeschehens generellals sehr wichtig bewertet werden. Außerdem zeigt sich eine Zunahme derVerwendung des Begriffs „Szene“ im wissenschaftlichen, administrativen,aber auch gesellschaftlichen Diskurs: Unternehmerische Szenen sind fürdie Herausbildung attraktiver Wirtschaftsstandorte relevant und unabding-bar (Lange 2007). Überträgt man den aus der Soziologie stammendenBegriff „Szene“ auf das Marktgeschehen in der Kultur- und Kreativwirt-schaft, so richtet sich der Blick auf das informelle Beziehungsgefüge vonMarktteilnehmern/-innen wie Unternehmern/-innen, Künstlern/-innen undMultiplikatoren/-innen. 8
  • 16. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 3.3 Statistische Kennziffern der Designbranche in BerlinDesignszenen wird eine Inkubatorfunktion für regionale Wirtschaftspro-zesse zugewiesen. Ihr Vorhandensein ist danach entscheidend für dieregionale Wettbewerbsfähigkeit, da diese kritischen Massen neue Ideenund innovative Impulse generieren. Designszenen tragen ein hohes Maßan Selbstorganisation (Bsp. Betahaus, s. Anhang Fallbeispiele) in sich. Siehaben das Potential, notwendige Strukturformate beispielsweise für Messenzu schaffen und in deren Folge neue Absatzmöglichkeiten zu generieren.Designszenen organisieren sich einerseits um Orte, wie beispielsweiseStadtteile und spezielle Straßenzüge, andererseits um Personen, die eineMultiplikatorenrolle einnehmen.Die Szene-Akteure erwarten von diesen informellen Netzwerken Zugang zuweiterführenden Informationen. Designszenen lösen damit einen Bedarf derAkteure/-innen der Kultur- und Kreativwirtschaft nach Kommunikation undAustausch ein.3.3 Statistische Kennziffern der Designbranche in BerlinDer aktuelle Kulturwirtschaftsbericht aus dem Jahr 2008 erfasst die Design-wirtschaft – unter Einbeziehung des Modesegments – quantitativ, dabeiweisen die bereinigten Zahlen aus dem Jahr 2006 2.441 Unternehmenaus, die einen Umsatz von mehr als 380 Mio. Euro pro Jahr und dabei 1827Erwerbstätige zählen. Der Anteil der Designwirtschaft am Gesamtanteil derKreativwirtschaft Berlins ist nicht zuletzt durch die vom Senat für Wirt-schaft, Technologie und Frauen gewählte enge Abgrenzung recht schmal,sie nimmt nur 1,1 % der Erwerbstätigen in Anspruch (Senatsverwaltung fürWirtschaft 2008).Zum Vergleich: Design wies im Jahr 2008 im Bund 42.209 Unternehmen(17,71 % an der Gesamtzahl von 238.256 Unternehmen in der Kultur- undKreativwirtschaft) auf mit 132.414 Erwerbstätigen. Die Abgrenzung im Bundumfasst demnach 14,0 % der Erwerbstätigen in der Designwirtschaft. Seit2009 hat man sich im Bund darauf verständigt, dass Design zukünftig diefolgenden Teilbereiche umfasst: Ateliers für Textil-, Schmuck-, Grafik- u.ä. Design; Industrie-, Produkt- und Mode-Design; Grafik- und Kommuni-kationsdesign; Interior Design und Raumgestaltung; Ingenieurbüros fürtechnische Fachplanung und Ingenieurdesign (BMWi 2009). Für die imRahmen der Studie angewandte Definition können die vorgelegten Zahlendes Berliner Kulturwirtschaftsberichts 2008 daher nur indirekt herangezo-gen werden. 9
  • 17. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 4.1 Kontext der Ausarbeitung von Empfehlungen4 Aufbau der Studie4.1 Kontext der Ausarbeitung von EmpfehlungenFür diese Potentialanalyse wurde ein Zugriff entwickelt, der einen fortwäh-renden Abgleich der Zwischenergebnisse erlaubt und gleichzeitig einenintensiven Dialog mit allen Beteiligten eröffnet: In einem mehrstufigenProzess wurden verschiedene kommunikative Formate (Beiratssitzungen,Co-Design-Workshop, informelle Treffen) zwischen öffentlicher Hand,Marktteilnehmern/-innen und Vertretern/-innen der Designszene initiiert.Auf der Basis von Experten/-inneninterviews, von Recherche und demCo-Design-Workshop haben die Autoren/-innen eine Stärken-Schwächen-Analyse erstellt, die Bewertung von Design-Potentialen vorgenommen undThesen entwickelt, welche Ansätze zur Ausgestaltung der Strategie formu-lieren (Ausführungen zur Methodik siehe Kapitel 5). RECHERCHE SENATS INTERVIEWS VERWALTUNG CO DESIGN DESIGN BEIRAT WORKSHOP THESEN STUDIEAbbildung 1: Prozess der Ausarbeitung der Studie 10
  • 18. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 4.2 Innovationsverständnis in der Design- und KreativwirtschaftIn regelmäßigen Beiratssitzungen und anderen Treffen konnten ein Abgleichüber aktuelle Entwicklungen geleistet sowie anstehende Fragen dialogischbeantwortet werden. Diese reflexive Dimension war mit dem Prozess desCo-Design-Workshops abgestimmt, so dass eine weitere Verdichtung vonKommunikationsstrukturen in einem schnell umbrechenden Handlungsfeldder Kreativwirtschaft parallel zu der Erstellung der Studie ermöglicht wurde.Hintergrund dieser prozessorientierten Vorgehensweise ist die Erkenntnis,dass sich die Formulierung von Empfehlungen gerade in der Kreativ- undWissensökonomie als ein ambivalenter Prozess erweist: Multiple beruflichePositionen, schnell wechselnde Projektbindungen sowie dynamische Orga-nisationsstrukturen lassen eine „Beauftragung“ von Aufgaben und Zustän-digkeiten an z. B. Marktteilnehmer/-innen zunehmend schwieriger werden.Dies gilt nicht zuletzt für die öffentliche Hand. Der Prozess der Orchestrie-rung von Verantwortungsgemeinschaften zwischen der öffentlichen Handsowie Marktteilnehmern/-innen muss als permanent zu überprüfender undzu pflegender Ansatz den Anbeginn jeglicher „Empfehlungsaussage“ mar-kieren (Lange/Kalandides et al. 2010, Lange/Krusche 2009).Wir schlagen daher vor, die aus den folgenden Kapiteln 5 und 6 abgelei-teten Handlungsoptionen in einen spezifischen Prozess der »Governanceder Designbranche« einzubetten. Dieser systemische Prozess zeichnetsich durch rekursive Kommunikationsstrukturen aus. Er befindet sich ineinem permanent zu überprüfenden beta-Status und muss kontinuierlichaktualisiert und situativ angepasst werden. Er ist per se »suboptimal« undnicht mit der Erwartungshaltung verbunden werden, »optimale«, d. h. finaleSteuerungsstrukturen vorzugeben. Diese sind nicht erreichbar und auchwenig zielführend. Der Prozess der Formulierung und Organisation vonHandlungsempfehlungen ist somit ein spezifisch zu »designender« Prozessund bedarf der zentralen Einbeziehung von Designkompetenzen (z. B.Design Thinking).4.2 Innovationsverständnis in der Design- und KreativwirtschaftDie in Deutschland auffallend prominente Darstellung der Teilbranchen aufder Basis der Wirtschaftszweigsystematik (BMWi 2009) leistet per Defini-tion keine Aussage über den innovativen Gehalt von Design oder anderenTeilbranchen der Kreativwirtschaft. Zwar hat die Kerndefinition der Kreativ-wirtschaftsberichte in Deutschland einen starken Akzent auf den Prozessder Symbolproduktion gelegt (auch die EU und die OECD kritisieren indiesem Zuge massiv das technologisch lineare Verständnis von Innovation), 11
  • 19. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 4.2 Innovationsverständnis in der Design- und Kreativwirtschaftdabei aber keine systematische Auseinandersetzung mit dem Begriff vonInnovation geführt. Insbesondere der Slogan „Creativity and Innovation“der EU-Ratspräsidentschaft in der ersten Hälfte des Jahres 2009 durch dieTschechische Republik sowie das von der Europäischen Union ausgerufene„European Year of Creativity and Innovation 2009“ haben die Aufmerksam-keit auf den Innovationsbegriff auch in der Kreativwirtschaft gelegt. EineKonsequenz vielfältiger Auseinandersetzung ist eine Aufweichung undErweiterung des früher mehrheitlich technologisch geführten Verständnis-ses von Innovation durch kulturelle und soziale Dimensionen. Dies hat nichtnur Auswirkungen für die Akzeptanz der kreativen Branchen im Verhältniszu dominanten Technologie- und Produktionskomplexen, sondern auch aufdie Förderfähigkeit von Design.Darüber hinaus erscheint es den Verfassern/-innen der Studie aber vonzentraler Bedeutung, mit dieser Erweiterung des Innovationsbegriffs aufdie spezifischen Kontextbedingungen von Innovationsprozessen in derDesignbranche einzugehen. Der hier angelegte Innovationsbegriff will nichtnur individuelle Produkte, neuartige Prototypen im Spannungsfeld zwischenTechnologie und Kunst würdigen, sondern vielmehr die prozessuale sowiekontextspezifische Dimension in den Vordergrund stellen, die für die Ideen-findung und -entwicklung von großer Bedeutung sind.Greift man auf den Innovationsbegriff, der auf die Definition des Oslo-Ma-nuals der OECD zurückgeht (OECD, Eurostat 2005), bezeichnet Innovationzunächst neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren, die in gleicheroder ähnlicher Form noch nicht angeboten oder eingesetzt wurden (Pro-dukt- oder Dienstleistungsinnovation bzw. Prozessinnovation). Entscheidendfür den Wertschöpfungseffekt ist dabei nicht der Innovationsgrad der Tätig-keit an sich, sondern die Frage, ob Neuartiges angeboten oder Bestehen-des effizienter gehandhabt wird und ob es auf diesem Weg zu gesteigerterWettbewerbsfähigkeit, Marktzugang und Markterfolg führt.Zwei wesentliche Dimensionen von Innovationsprozessen im Designsollen hier vor allem das Innovationsverständnis umrahmen: Die sozialenInnovationen als Formen der Wertschöpfung, sowie Designinnovationen,die auf einer inhärenten Verbindung des Forschungsprozesses mit seinerwissenschaftlichen Methodik und der Gestaltungspraxis basieren und vorallem durch spezifische Infrastrukturen der Innovationsentwicklung in derForschung begünstigt werden. 12
  • 20. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 4.2 Innovationsverständnis in der Design- und KreativwirtschaftSoziale Innovationen durch VergemeinschaftungstendenzenWachstum und Innovation im wissensorientierten Spätkapitalismus gesche-hen an den Schnittstellen der verschiedenen Funktionssysteme Wirtschaft,Wissenschaft, Kunst und öffentlicher Sektor. Die Art und Weise, wie produ-ziert und konsumiert, kommuniziert und interagiert wird, hat sich durch dieMassennutzung neuer Informationstechnologien und die dadurch sinken-den Transaktionskosten grundlegend verändert. Immer mehr große etablier-te Unternehmen nutzen das Wissen und die Kreativität ihrer Kunden oderOpen-Source-Gemeinschaftsleistungen, um Produkte weiterzuentwickeln.Produkte werden mitunter zu Gemeinschaftsleistungen, denn eine solcheForm kooperativer Arbeitsteilung lebt von der Wechselwirkung und vonkomplexen Abstimmungsmechanismen mit anderen. Strategien der gegen-seitigen Bewertung und des Peerings erschließen kollektives Wissen undlassen neue Strukturen der Wertschöpfung erkennen. Kennzeichnend fürdie zu Grunde liegenden hybriden Organisationsformen sind dabei ein ho-her Grad an Informalität, Fragmentierung und ständiger Transformationsbe-reitschaft. Die Herausforderungen und damit Potentiale der Zukunft liegendarin, freie Kooperation und kommerzielle Ausrichtung, Gemeinschaftsge-danken und korporative Strukturen in eine Balance zu bringen. Die Steue-rung dieses Neben- und Miteinanders unterschiedlicher Kompetenzen undGeschwindigkeiten bedarf einer Governancepraxis, die der Kurzfristigkeitund Heterogenität, den instabilen finanziellen Verhältnissen und der immerdemokratischeren Gestaltung des Marktgeschehens zu begegnen weiß.Wie in einem Ökosystem bedarf es dabei Mechanismen der Selbstregulie-rung und der Bereitstellung eines Raumes für die Emergenz verschiedener(Un-)Ordnungen.Innovationen durch anwendungsorientierte DesignforschungFür die Kontextualisierung von Designinnovationen legen wir die von GernotGrabher (Grabher 2001; 2004) entwickelte Perspektive der „Project Ecolo-gies“ an, die insbesondere die teilbranchenspezifischen und örtlichen Ak-teursbedingungen von Designinnovationen in den Vordergrund stellt. „Pro-ject Ecologies“ sind mehrheitlich temporäre Zusammenschlüsse, bei denenzur Bewältigung von Problem- und Fragestellungen in je spezifischen sozio-technischen Umwelten verschiedene Professionen zusammenkommen. Soarbeiten beispielsweise IT-Experten/-innen mit Rechtsexperten/-innen undNaturwissenschaftler/-innen sowie Local Experts an der Bereitstellung vonsituativen Lösungen im Designbereich. 13
  • 21. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 4.2 Innovationsverständnis in der Design- und KreativwirtschaftDie zeitlich beschränkte und anwendungsorientierte Teamarbeit, bei derForschern/-innen, Experten/-innen und Praktiker/-innen mit unterschiedli-chem Spezialwissen gemeinsam ein konkretes Problem angehen, findetihre Entsprechung in Teilen der Designforschung. Hier ist der wissenschaft-liche Bezug vom Kontext der Praxis nicht zu trennen: „Forschung durchDesign“ ist einer der zentralen Begriffe, der im internationalen Kontextdiskutiert und mit Projekten erprobt wird – eine Forschung, deren zentralesElement ein Design-Projekt ist, durch das Hypothesen praktisch erprobtund neue Erkenntnisse im Innovationsprozess generiert werden.In der Innovationsforschung und der Management-Praxis setzen sichmitunter Praktiken wie das „Design Thinking“ durch, die auf den Methodenund Prozessen der Designforschung beruhen, die insgesamt bedeutsamzur zukunftsorientierten Erforschung sozialer, ökologischer und genderspe-zifischer sowie alltagskultureller Kontexte ist. Innovationen sind nicht zuletztvor allem dort möglich, wo Management-Denken und Design-Denkenaufeinander treffen und wo Innovationen als komplexer Prozess begriffenwerden, der mit der Entwicklung, Anwendung und Rezeption einer neuenLösung für ein bestimmtes Problem eng zusammenhängt. Informelle Netzwerke Forschungs- kooperationen Neue Vergemein- schaftungsformen SOZIALE DIMENSION Forschungs- und Entwicklungs- arbeiten INNOVATIONEN Spezialisierte Kräfte TECHNOLOGISCHE KULTURELLE DIMENSION DIMENSION Technologische Interdisziplinäre Infrastrukturen ZusammenarbeitAbbildung 2: Wichtige Faktoren fŸr Innovationen 14
  • 22. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 4.3 Design als WirkungsgefügeZusammenfassend kann man sagen, dass ein solches Verständnis vonInnovation durch interdisziplinäre Zusammenarbeit geprägt ist und gleich-zeitig spezifische soziale und technologische Infrastrukturen erfordert. Sielassen sich insbesondere in den Zwischenbereichen und hybriden Struk-turen zwischen Universität und Wirtschaft, öffentlicher Hand, informellenNetzwerken und privatem Raum finden. Beispiele hierfür finden sich u. a.beim Design Reaktor Berlin oder auf dem sogenannten „Campus Char-lottenburg“, auf dem etwa die Zusammenarbeit zwischen den ansässigenUniversitäten UdK und TU sowie die Anbindung an die Wirtschaft verbes-sert werden soll; oder bei bestehen Kooperationen zwischen Industrie- unduniversitären Partnern, beispielsweise im Rahmen der Deutsche TelekomLaboratories, des EICT (European Center for Information and Commun-cation Technologies) oder des EIT (European Institute of Innovation andTechnology).Innovationen brauchen also, um erfolgreich zu sein, bestimmte Vor-aussetzungen wie eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeiten oder-kooperationen sowie andere innovative Quellen wie externe Innovations-impulse, spezialisierte Mitarbeiter/-innen, informelle Netzwerke oder neueVergemeinschaftungsformen. Ausschlaggebend sind die systematischeBefassung mit neuen Lösungen – ob konzeptionellen, formal-ästhetischen,technischen – und das dabei generierte Wissen.4.3 Design als WirkungsgefügeDie auffallend häufige Verwendung des Begriffs Designszene in den In-terviews sowie die Bedeutung von Interaktion zwischen unterschiedlichenMarktteilnehmer/-innen und Institutionen war Anlass, ein Wirkungsgefü-ge des Designs exemplarisch zu entwickeln, das die kontextspezifischeAusprägung von Designinnovationen verdeutlicht. Das Wirkungsgefüge hatfolgende Aufgaben: » Darstellung der relevanten Interaktionsteilnehmer/-innen der Designbranche » Darstellung der sozial-räumlichen (Arbeitsräume, Schnittstellen) sowie institutionellen (Wissensakteure, Multiplikatoren) Kontextbedingungen für Designprozesse » Hervorhebung der Kleinteiligkeit der Designbranche und deren Abhängigkeit zu anderen Institutionen und temporären Plattformen (Messen, Festivals, Multiplikatoren) 15
  • 23. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 4.3 Design als WirkungsgefügePRÄSENTATIONS- UND TA S- ND REPRÄSENTATIONS- N O Messen PLAT TF MEN A TFORM Festivals Kunden Plattformen Multiplikatoren Internationale Netzwerke Unternehmerische Zellen Co-Working Spaces Universitäten HochschulenORGANISA TIO N AT O AT ONEN Starke Unternehmen Öffentliche FörderungAbbildung 3: WirkungsgefŸge der Berliner DesignbrancheZiele des Wirkungsgefüges » Beurteilung der Qualität der Interaktionsbeziehungen für die empirische Befragung » Übersichtsdarstellung, um die jeweilige Positionen eines Marktteilnehmers im Verhältnis zu anderen Kontextbedingungen einzuschätzen und Marktteilnehmerinnen nach deren Kontextbedingungen (Netzwerkpositionen) zu bewerten. 16
  • 24. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.1 Position „Design in Berlin“5 PotentialanalyseDie Stärken-Schwächen-Analyse der Designbranche wird durch zweiDatenquellen ermöglicht: qualitative Experten/-inneninterviews und Co-Design-Workshop. Diese beiden Methoden wurden zwischen April und Juni2010 in Berlin im Rahmen der vorliegenden Studie angewandt. Zunächstaber folgt ein Überblick über Design in Berlin, der die Position der Brancheverdeutlicht. Anschließend werden die Methoden erläutert und die Stärkenund Schwächen ausgearbeitet.5.1 Position „Design in Berlin“Die spezifische historische Position von Berlin ermöglichte seit 1990 einenstarken Zuzug von mehrheitlich jungen, gut ausgebildeten und zugleichinternational ausgerichteten Menschen. Im Verlauf der Jahre entwickeltesich Berlin zu einer Stadt mit einem beeindruckenden Kreativitätsverspre-chen: Der Stadt wurde das Image zuteil, ein idealer Experimentierraum für Allgemeine Strukturmerk-kreative Prozesse, Produkte und Praktiken zu sein. Freiraum – sowohl in male der Designbranche innerhalb der Kultur- undräumlicher wie auch kultureller, mentaler und sozio-ökonomischer Hinsicht Kreativwirtschaft– ist der entscheidende Parameter, der bis heute maßgeblich zur Stand-ortattraktivität der Stadt beiträgt. Viele Berliner Designbüros, die später in- HeterogenitŠ tternational für Furore gesorgt haben, haben sich in den Neunziger Jahren inBerlin gegründet. Selbstorganisierte Initiativen wie der DESIGNMAI (2003- Typisch hoher Anteil von2009) haben maßgebliche Impulse für die Vernetzung und Sichtbarkeit der Kleinst-unternehmenbis dato recht unübersichtlichen Designszene gegeben und es geschafft,das internationale Interesse für Design aus und in Berlin zu wecken. Die DynamikSatellitenmesse DMY – ursprünglich für „DesignMaiYoungsters“ stehend Vom Berufszweig zumund eine Begleitinitiative des DESIGNMAI-Festivals – hat sich seit 2008 zu Wirtschaftszweigeiner eigenständigen, dauerhaften Plattform entwickelt – mit dem Ziel, auchüber das Festival hinaus als Botschafter des Berliner Design im In- und Leitbranche in der Kultur-Ausland zu agieren und die hiesige Designbranche zu unterstützen. (DMY und Kreativwirtschaftsteht inzwischen für Daily Monthly Yearly) Abnahme der UmsatzzahlenEine sehr gut aufgestellte Aus- und Weiterbildungslandschaft sowie Leucht- Abnahme derturm-Veranstaltungen wie die Typo Berlin (1200 Teilnehmende aus mehr sozialversicherungspfl.als 20 Ländern im Jahr 2010) oder das Internationale Illustrative Art Forum BeschŠ ftigten, Zunahme der geringfŸ gig BeschŠ ftigtenlocken jedes Jahr eine ausgewählte Fachöffentlichkeit nach Berlin.Aber auch unabhängig von den jährlich wiederkehrenden Veranstaltun-gen werden in Berlin häufig neue Konzepte erprobt, die neue Formen 17
  • 25. INTERNATIONALE NETZWERKE SCHNITTSTELLEN Berliner Design auf der Creative Industries Week Shanghai Berlin Buzzwords bf-Förderpreis für designkritische Texte Berliner Design in Mailand Berlin Fashion Week Clemens Tissi Galerie CREATE BERLIN e. V. Berliner Technische Kunsthochschule (privat) re:publica DeGUT (branchenübergreifend) DMY Asia Tour (Taiwan/Seoul/Tokyo) Berufsausbildungszentrum Lette-Verein transmediale Designtransfer an der UdK Berlin DMY/ Berliner Design BEST-Sabel-Hochschule Berlin (privat) Werbekongress des Berliner auf dem Buenos Aires Design Festival Kommunikationsforums e. V. Career & Transfer Service Center DESIGNTREFF 2010 VDID und BDG Universität der Künste Berlin Deutscher Verpackungskongress Design Akademie Berlin (privat) Direktorenhaus der Illustrative Berlin UNI UN UNIVERSITÄT NIV Gründungswerkstatt der TU Berlin DMY International Design Festival HOCHSCHULE HOCHSHS H Hochschule für Technik und Wirtschaft (FH) erstererster – Galerie und Co-Working Space WEITERBILDUNG BIL WEITERBIL MESSEN Kunsthochschule Berlin Weißensee Galerie Ulrich Fiedler FESTIVALS Mediadesign Hochschule (privat) Hans-Peter Jochum Galerie PLATTFORMEN MEN Miami Ad School (privat) Helmrinderknecht GALERIENN Universität der Künste Berlin Galerie für zeitgenössisches Design MULTIPLIKATOREN KA KATOREN N Illustrative Berlin Unternehmerische ÏMA Design Village (Kreativhub) Zellen Jacksons Galerie für skandinavische Möbel Archimedes Solutions GmbH Karena Schüssler Galerie ART+COM PICTOPLASMA Berlin STARKE BBDO InterOne Planet Modulor (im Aufbau) UNTERNEHMEN Edenspiekermann AG systM bar and gallery for design disciplines mediaworx berlin AG Tilmann Appel Contemporary Galerie CO- W WORKING WORKING MetaDesign Typo Berlin – Internationale Designkonferenz ÖFFENTLICHE UND S SPACES SPACES Schindler Parent Identity INTERMEDIÄRE Scholz & Friends Betahaus, Open Design City, HAND Berlin Kreuzberg SCHOLZ & VOLKMER CoUp, Berlin Kreuzberg CREATE BERLIN e. V. SelectNY.Berlin Exbuero Labor für neue Arbeitswelten Creative City Berlin Triad Berlin hallenprojektDE Creative Metropoles Studio 70 - Berlin-Neukölln Designszene Berlin York52, Berlin-Schöneberg Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung e. V. Internationales Design Zentrum Berlin e. V. (IDZ) Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes, Regional- büro Berlin/Brandenburg Projekt Zukunft Senatsverwaltung WTF, Förderung Kreativwirtschaft 5.1 Position „Design in Berlin“ Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 Abbildung 4: Design in Berlin Ð eine reprŠ sentative Auswahl (alphabetisch geordnet)18
  • 26. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.2 Methodikder Zusammenarbeit zwischen Handwerk, Design und Forschung undEntwicklung möglich machen (z. B. Berlin Design Reaktor oder die Hybrid-Plattform) oder kollaborativ die Brücke zwischen Do-It-Yourself-Methoden,digitalen Tools und kollaborativer Selbstorganisation bauen (z. B. OpenDesign City im Betahaus).Typisch für Design in Berlin ist außerdem der interdisziplinäre Showroom-Charakter, der letztlich auch mit der Tourismusbranche eine interessanteVerbindung eingeht: Zeitlich begrenzte Pop-Up-Stores oder multidiszipli-näre Concept Stores, kurzfristige Ausstellungen in etablierten öffentlichenoder privatwirtschaftlichen Räumen, Aktionen in Ladengalerien oder imöffentlichen Raum sind paradigmatisch für Berlin.Die internationale Repu-tation von Berlin als kreative Designmetropole, die seit 2006 den offiziellenTitel „UNESCO City of Design“ trägt, wird aus einer Binnenperspektivedurch neue Arbeitsmodelle und neue Wertschöpfungsverfahren getra-gen. Gleichwohl überdeckt der Hype um kreative Tätigkeiten in Teilengerade im Designbereich die mitunter prekären Arbeitsbedingungen derMarktteilnehmer/-innen. Was es im Einzelnen bedeutet und welche Aus-wirkungen dieser Sachverhalt auf die Berliner Designszene hat soll in denfolgenden Kapiteln erläutert werden.5.2 MethodikVor dem Hintergrund der beschriebenen Position von Design in Berlin giltes, das vorhandene Potential der Designbranche anhand der Experten/-inneninterviews und des Co-Design-Workshops hin zu prüfen und darausableitend die Stärken und Schwächen herauszuarbeiten.Experten/-inneninterviewsZum einen wurde mit 43 Marktteilnehmern/-innen, Intermediären undnationalen wie internationalen Experten/-innen der Designbranche Inter-views geführt (siehe Liste der Interviewpartner/-innen sowie Fragebogenim Anhang). Die Interviewpartner/-innen wurden anhand drei wesentlicherStrukturmerkmale ermittelt. Diese feingliedrige Einteilung entspricht denwesentlichen Erkenntnissen der Studie zur Kultur- und Kreativwirtschaft desBundes aus dem Jahr 2009 (Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologieund Frauen 2008). 19
  • 27. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.2 Methodik Unternehmerische Zellen, d. h. junge Kleinst- und Mikrounternehmer/-innen, die erst seit wenigen Jahren am Marktgeschehen aktiv teilnehmen Kleinere und Mittlere Unternehmen. Unternehmen, die seit mehreren Jahren am Markt teilnehmen und ca. 3-10 Mitarbeiter/-innen (Festangestellte und/oder freie Mitarbeiter/- innen) haben Starke, große oder international agierende Unternehmen, mit mehr als 10 fest angestellten Mitarbeitern/-innen und einem breiten und zugleich hoch spezialisierten Tätigkeitsfeld. Befragungssample aus den Bereichen Produkt-/Industrie- design und Visuelle Kommunikation (Kommunikationsdesign, Illustration und Grafikdesign, Corporate Design, Ausstellungs- design, Interactiondesign, Interfacedesign): » 20 Vertreter/-innen Unternehmerischer Zellen » 8 Vertreter/-innen Mittelstand » 5 Vertreter/-innen großer Unternehmen » 4 Kunden » 5 Vertreter/-innen von öffentlichen Institutionen » 6 Internationale Experten/-innenErgänzt wurden die Experteninterviews der Unternehmer/-innen mitVertretern/-innen von Messen, Berufs- und Interessenverbänden sowieVerkaufsplattformen.Die in den Interviews gewonnenen Informationen wurden interpretiert undanhand von übergeordneten Kategorien gruppiert. Die Häufigkeit einzelnerNennungen sowie die Identifizierung einzelner Themen oder Maßnahmenließen Rückschlüsse auf ihre Relevanz zu. Die Erkenntnisse drücken somitnicht eine individuelle Meinung, Einschätzung und Auffassung auf, alsvielmehr übergeordnete und sozusagen überindividuelle Auffassung desMarktgeschehens in der Designbranche Berlins.Im Fokus der Bewertungen stand die jeweilige Qualität der Interaktionsbe-ziehungen, die zwischen den einzelnen Teilelementen des Wirkungsgefü-ges Design auf der Basis der Einschätzung des/der Experten/-in zu beob-achten war. Mit dieser Interpretationsperspektive konnte somit zum einendie Selbstverortung der Marktteilnehmer/-innen verdeutlicht werden, zum 20
  • 28. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.2 Methodikanderen eine Einschätzung der jeweiligen Beziehungsqualität zu anderenAkteuren in einem Marktgefüge (Kunden, der öffentlichen Hand, Konkurrie-rende, Interessensverbänden).Co-Design-WorkshopParallel zu den Interviews wurde gemeinsam mit Akteuren/-innen aus demDesign ein Co-Design-Workshop initiiert. Er hatte das Ziel, vorhandenePotentiale sowie strukturelle Schwächen zu identifizieren und gemeinsamherauszuarbeiten. Der Co-Design-Workshop wurde als Plattform organi-siert. „Co-Design“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Frage- undProblemstellungen mit den Methoden des Designs bearbeitet werden.Ideengenerierung, Konkretisierung, visuelles Arbeiten und iterative Prozessesind die wichtigsten Charakteristika des Co-Designs. Co-Design beteiligtdiejenigen an Entscheidungsprozessen, die später von ihnen „betroffen“sind oder sein können.12 Vertreter/-innen unternehmerischer Zellen, Lehrkräfte von Hochschulen,Kunden, mittelständische Design-Unternehmer/-innen sowie Vertreter/-in-nen von Global Playern waren eingeladen, Maßnahmen, Ideen und Bewer-tungen für eine Designstrategie in Berlin auszuarbeiten. Wichtiges Elementdes Co-Design-Workshops war die moderierte Gruppenarbeit, welche diedrei heterogen zusammengesetzten Teams mit vorformulierten Thesen undsich daraus ergebenden Fragestellungen konfrontierte. So bildeten die vierThesen „Prototypenthese“, „Spezialisierungsthese“, „Innovationsthese“und „Akzeptanzthese“ (ausführliche Beschreibung der Thesen s. Kapi-tel 8) den Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung im Workshop. DieThesen fassten erste Ergebnisse der Vorarbeit (Recherche, Auswertung derExperten/-inneninterviews) zusammen und wurden im Workshop auf ihreRelevanz für die Berliner Designbranche hin geprüft und weiterentwickelt.Überprüft und diskutiert wurden die Erkenntnisse aus den Experten/-inneninterviews und aus dem Co-Design-Workshop mit dem Design-Beirat(siehe Anhang). Abbildungen 5-7:Im Folgenden werden die Ergebnisse der Interviews und des Co-Design- Co-Design-WorkshopWorkshops in Stärken und Schwächen der Berliner Designbranche aufge- (Oben: T. Welter prŠ sentiertschlüsselt. Die Strukturierung erfolgt anhand der anfangs definierten Kate- Ergebnisse der Gruppenarbeit.gorien Produkt-/Industriedesign sowie Visuelle Kommunikation, unterteilt Mitte: work in progress.nach Unternehmerischen Zellen, Mittelstand und Internationalen Playern, Unten: v. links Ð I . Wellmann,wobei Erkenntnisse zu Stärken und Schwächen, die für alle drei Bereiche A. Schneider, J. Kiessler, J.gültig sind, jeweils einleitend zusammengefasst werden. Suermann, I. Frey) 21
  • 29. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.3 Design in Berlin – Stärken5.3 Design in Berlin – StärkenBerlin hat in den letzten Jahren zweifelsfrei eine Erfolgsgeschichte erlebt,was Aufmerksamkeit und Wertschätzung des Designfeldes anbelangt – vorallem international. Sicherlich tragen große, international agierende Unter-nehmen wie Triad, Art+Com, Archimedes, Edenspiekermann oder Graftzu diesem Erfolg bei. Berlins Designszene hat es aber in ihrer Gesamtheitgeschafft, ein eigenwilliges Bild zu zeichnen, das authentisch, aber auch„schnell, cool, überraschend“ wirkt, wie es in den Interviews heißt. DieHeterogenität, Kleinteiligkeit und Innovationsbereitschaft der Branche findetgerade in der Vielfalt, Dezentralität und in den Freiräumen der deutschenHauptstadt ihre Entsprechung. Anders als andere Designmetropolen über-zeugt Berlin durch seinen Low-Fi-Status (Engl. für „mit einfachen Mitteln“),der von Selbstorganisation, Kollaboration und Experimentierfreude geprägtist.Berliner Design hat viele Stärken aufzuweisen, die Disziplinen-übergreifendund auch Kreativbranchen-übergreifend Gültigkeit haben und Berlin gegen-über anderen Metropolen (national und international) positionieren – bei-spielhaft zu finden bei Projekten wie dem Design Reaktor Berlin oder derPlattform Jovoto (vgl. Kapitel 10.1. Berliner Fallbeispiele). So behauptet sich ã Berlin hat wenig Design-Stars.Berliner Design als „selbstverständliche Kombination aus Eleganz und Bas- Der Star ist die Szene selbst.Ò *telei. In keiner anderen Designmetropole gibt es derart viele junge, experi-mentelle Milieus und kreative Gemeinschaftsstrukturen.“ (Interview) BerlinerDesign stehe für eine Prozessorientierung, für große Offenheit und einInteresse an Auseinandersetzung. Aufgrund der sozio-ökonomisch günsti-gen Lebens- und Arbeitsbedingungen werden in Berlin, neue Produkte oderArbeitsmodelle entwickelt und getestet.Stärker als in anderen Designmetropolen werde Design in den Berliner Sze-nen als Geisteshaltung gelebt – auch in Hinblick auf soziale, ökologische,politische Herausforderungen. Dadurch erhalte Berliner Design auch imAusland eine hohe Authentizität und erkennbare Identität. Berliner Design ã Wir sind keine Medienstadt wiegilt spartenübergreifend als gewagt, Position beziehend und Diskurs för- Hamburg zum Beispiel, aber imdernd, etwa gegenüber Städten wie München, Hamburg oder Düsseldorf, Kommunikatiosdesignbereich undin denen Design stärker dienstleistungsorientiert ist. In Berlin wird, so die den Neuen Medien, speziell dort,Akteure der Stadt, Service mit Innovationsanspruch an der Schnittstelle zu wo es um Innovation geht, hervor-anderen künstlerischen Disziplinen vereint. ragend aufgestellt.ÒSo wird mit Design aus Berlin – und das gilt sowohl für das Produkt/Indust- * Die Zitate entstammen denriedesign als auch für die Visuelle Kommunikation – eine dynamische Desi- Experten/-inneninterviews undgnkultur verbunden. Viele der Befragten geben als besondere Eigenschaft werden anonym behandelt. 22
  • 30. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.3 Design in Berlin – Stärkendie Nähe zur freien Kunst an. Damit wird als besonderes Alleinstellungs-merkmal und Stärke der Designszene Berlins vor allem das Autoren- undKonzeptdesign in den Vordergrund gestellt. In Hinblick auf die Bereiche, indenen es um Innovation im Design geht, sei Berlin in der Ideenproduktion,Prozessorientierung und in neuen Formen der Wissensproduktion sehrgut aufgestellt. Die Berliner Designszene ist von einer Nähe zu anderenTeilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft gekennzeichnet, als Resultatder subkulturellen und kulturinstitutionellen Diversität, die die Interaktionzwischen Kultur- und Kreativschaffenden ebenso wie zwischen nachfragen-den Kulturinstitutionen (Museen, Schauspielhäuser, Musikveranstalter etc.)und Zulieferer aus der Designbranche begünstigt.Betrachtet man die Teilbranchen gesondert, weist sich der Bereich Visuelle StärkenKommunikation, in der Art und Weise, wie er hier zusammengefasst wurde,gegenüber dem Bereich Industrie- und Produktdesign zwar ebenfalls als HeterogenitŠ t des Marktesstark technologisch bestimmter Bereich aus, ist aber zugleich stärker auf Selbstorganisation derNeue Medien fokussiert. Visuelle Kommunikation in Berlin ist explizit an die MarktteilnehmerMedienkunst als Schnittstelle angebunden, ebenso an die Streetculture der1990er Jahre und die Clubkultur als Schnittstelle. Somit ist dieses Design- IndividualitŠ t,segment stärker experimentell aufgestellt, heterogenerer und weist in be- Experimentieranspruchstimmten Teildisziplinen eine größere Distanz zu Markt und Prozessen der und Nischenkompetenz der MarktteilnehmerÖkonomisierung auf als der dienstleistungsorientiertere Bereich Produkt-/Industriedesign. Berlin ist eine Marke im DesignbereichDie Visuelle Kommunikation hat darüber hinaus weitreichende Verbindun-gen in alle Welt. Berlins Standortfaktor als wichtige Metropole für Messen Kreativ-kŸ nstlerisches Innovationsmilieuund Kongresse begünstigt zudem die global organisierte Szene der Visuel-len Kommunikation. ProzessorientierungFür eine differenzierte Erfassung der Interaktionsbeziehungen innerhalb der Niedrigschwellige Raumangebote fŸ r Markteinsteiger, guteDesignbranche als Schnittstellenbranche werden, anhand der in Kapitel 4.2 Gewerberaumsituation fŸ rabgeleiteten Innovationsbedingungen, die Teilbranchen “Produkt-/Indus- etablierte Akteuretriedesign” und “Visuelle Kommunikation” auf spezifische Merkmale undStärken von kleinen, mittleren und großen Unternehmen (Unternehmerische Breites Kompetenzniveau derZellen, Mittelstand und Internationale Player) hin betrachtet. MarktteilnehmerUnternehmerische Zellen (bis 3 Mitarbeiter/-innen)Für Kleinstunternehmen bietet die Stadt diverse selbst organisierte Räumefür das Erproben von experimentellen Modellprojekten – vom DMY-Festivalhin zu Schnittstellenplattformen wie zum Beispiel der transmediale und zu 23
  • 31. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.3 Design in Berlin – Stärkenzahlreichen Ausstellungen und Events, die sich oft an der Schnittstelle zurBildenden Kunst und Clubkultur verorten. Dies liegt zugleich auch an denoftmals hybriden Tätigkeitsprofilen von Akteure/-innen selbst, die teils ausökonomischen Gründen (Standbein-Spielbein-Logik), teils aus einer hohenAffinität zu anderen kreativen Disziplinen in mehreren Kontexten zugleichaktiv sind.Insbesondere Kleinstunternehmer/-innen finden Lösungen, um das, wasan professionellen Rahmenbedingungen (z. B. Lernen von Profis in mit-telständischen Unternehmen) fehlt, durch eine ausdifferenziertere Peer-to-Peer-Kultur und niedrig-schwellige Möglichkeiten, sich auszuprobieren,wieder wettzumachen. Bestehenden Defiziten im betriebswirtschaftlichenKnow-How oder in der Herstellungs- oder Vertriebsstruktur wird durch dieEntwicklung alternativer selbstorganisierter Modelle begegnet. Auch dieMöglichkeiten des Internets und die Entstehung von Vertriebsplattformenwie Etsy oder DaWanda (Virtueller Marktplatz für Selbstgemachtes/Manu- ã Konferenzorte wie das Hausfakturprodukte/Kleinstserien) lassen selbst für Mikrounternehmer/-innen Der Kulturen der Welt sind eineinen Marktzugang und die relativ transaktionskostenarme Entwicklung von wichtiger Erfolgsfaktor ÐNischensegmenten realisieren. Nicht ohne Grund treffen neue Formen des im Gegensatz zu den Ÿ blichenZusammenarbeitens, des Wissenstransfers und der Netzwerkkultur, wie z. nŸ chternen Hotel-Konferenzen.ÒB. das Betahaus in Berlin, auf Nachfrage und werden stetig erweitert, wieetwa die kollaborative offene Werkstatt „Open Design City“ (siehe Modell ã Andere Designmetropolen wie Paris oder London sind daraufBetahaus, Kapitel 10.1). bedacht, zu bewahren. Bei uns geht es um den Prozess desDie bereits im Berliner Kulturwirtschaftsbericht 2008 beschriebene „Nei- sich immer neu Erfindens. Dasgung zu manufakturartiger Produktion und Direktvertrieb in eigenen Shops“ schafft hier eine AtmosphŠ re(Senatsverwaltung 2008, S. 71) kann außerdem um wachsende Vertriebs- des Mutes und des Wagemutes,möglichkeiten über Community-basierte Onlinemärkte ergänzt werden. Offenheit zum Experiment undAber auch Auslandspräsentationen über Initiativen wie der DMY Asia Tour Offenheit zum Scheitern.Òwerden für den internationalen Marktzugang von Kleinstunternehmern/-innen als positiv und wichtig bewertet. Die gezielte Kombination unter-schiedlichster Auftrags-, Herstellungs- und Vertriebsstrukturen lässt sichbei erfolgreichen Kleinunternehmen aufzeigen, die auf dem internationalenMarkt akquirieren oder aber gezielt nationale und regionale Netzwerkeund Plattformen nutzen, wie zum Beispiel WHITEvoid oder TheProduct imBereich Interactive Design (an der Schnittstelle zu Medienkunst), Scrollanoder Onlab CH (Grafikdesign), Moniteurs für Corporate Design oder Floor5,die von der Berliner Magazin- und Werbe-Szene profitieren.Private Strukturen der Präsentation und des Vertriebs, die sich explizit derPräsentation und dem Verkauf von Design aus Berlin verschrieben haben(z. B. Berlinomat, ausberlin, berlindesign.net), sind wichtige Anlaufstelle fürdiejenigen Kleinunternehmungen, die über keine ausreichende Vertriebs- 24
  • 32. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.3 Design in Berlin – Stärkenstruktur verfügen. Plattformen wie Designerdock oder auch Jovoto.comavancieren zu nützlichen Intermediären, die sowohl eine Jobvermittlung,als auch kollektive Ideenentwicklungsprozesse (Ideation) unterstützen.Die relativ hohe Galeriendichte sowie diverse Concept Stores, die auchaufwändig gestaltete Bücher, Zeitschriften oder andere visuelle/textbasierteFormate anbieten sowie eine gut aufgestellte (Web-)Magazinlandschaft(Liebling, Dummy, der Freitag, Freunde von Freunden, Lodown), führeninnerhalb Berlins zu einer guten Sichtbarkeit.Kleine und Mittlere Unternehmen (3-10 Mitarbeiter/-innen)Zu den Kleinen und Mittleren Unternehmen zählen wir hier exemplarischDesignbüros, die mit ca. 10 fest angestellten Mitarbeitern/-innen aufgestelltsind. Für diese ist bezeichnend, dass sie oft von einzelnen großen Auftrag-gebern abhängig sind, manchmal sogar über Schwesterfirmen in West-deutschland Auftragsflauten abfedern.Eine Stärke der KMUs in Berlin – insbesondere im Bereich Visuelle Kom-munikation – sind die flexiblen Strukturen der kleinen Büros, die sehrgut vernetzt sind, in einem Cross-Over Bereich arbeiten und ein breitesLeistungsangebot aufweisen. Sie bewegen sich am Markt über ein Netz-werk von freien Mitarbeitern/-innen oder Kooperationspartnern/-innen undbeschäftigen diese meist projektbezogen. Der klassische Mittelstand, wieer sich in Designmetropolregionen wie Mailand, London oder Paris findet,ist nicht kennzeichnend für Berlin. Eine Stärke und Chance weisen gleich-wohl jene Organisationsmodelle auf, in denen sich viele kleine Akteure überhalb-verbindliche Modelle der Zusammenarbeit eine strategisch bessere ã Die wichtigsten Impulse kom-Position am Markt sichern und den Vorteil gerade in der interdisziplinären men fŸ r mich nach wie vor ausZusammensetzung der Partner sehen (Bsp.: Designgenossenschaft next at der Club- und Party- Szene; siee. G. oder sämtliche Gemeinschaftsbüros und Dachmarkenmodelle). ist Inspiration und Vernetzung zugleich.ÒBeispielhaft wären hier Unternehmen wie die IxDS Interaction DesignStudios (im Bereich Prozessorientiertheit, Prototypenerstellung und Desig-nforschung) oder das Berliner Büro der Firma Fjord (für mobile and cross-platform design) zu nennen.Die Stärke dieser Unternehmen ist, dass sie nicht so sehr unter dem Druckeiner bestimmten, selbst geschaffenen Unternehmenspolitik stehen. Damiteinher gehen das Bedürfnis und die hohe Bereitschaft, über die Funktionals Dienstleister hinaus in aktuelle Diskurse hineinzuwirken und einer brei-teren öffentlichen Akzeptanz von Design mit zu verhelfen. Auch scheinen 25
  • 33. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.3 Design in Berlin – Stärkenmittelgroße Unternehmen im Vergleich zu anderen deutschen Städten inBerlin nicht so stark konventionellen Codes unterworfen zu sein, was eben-falls von den Akteuren/-innen als Stärke bewertet wird: „In Berlin gibt esviele im Vergleich kleine Büros, die aber dennoch ernst genommen werden.Woanders sind 3 Sekretärinnen erstmal nötig, damit man mitspielen kann.“Oftmals ersetzt eine selbstorganisierte Clusterbildung den klassischenMittelstandsbereich, da verarbeitende und gewerbliche Firmen aus demMittelstand bei solchen Initiativen aktiv angefragt und integriert werden.Projekte wie der Design Reaktor Berlin (UdK) zeigen die Chancen auf, diein einer intelligenten Kooperationsverbindung aus Universität und Unterneh-men, innovativem Gestaltungs-Knowhow und handwerklicher Kompetenzliegen.Große, international agierende UnternehmenEs gibt nur wenige internationale Player in Berlin – gerade im BereichProdukt-/Industriedesign – aber diese sind weitestgehend erfolgreich.Sie stellen sich multidisziplinär auf und verbinden sämtliche Design- undKommunikationsdisziplinen, um komplexe Anforderungen zu erfüllen.Der Kundenstamm verortet sich weltweit, aber der Standort Berlin bietetVorteile: ein international wirkendes Image als inspirierender Ort mit hoherSymbolkraft, ein großer, sich ständig neuformierender Pool an kreativen,hochmotivierten Talenten aus allen Disziplinen, günstige und großzügigeRaumbedingungen sowie eine geografisch zentrale Lage mit weitestge-hend guten Reiseverbindungen in andere internationale Metropolen. Auchwenn die Geschäfte in der Regel nicht in Berlin gemacht werden, so dientBerlin doch als inspirierende Basis und internationaler Knotenpunkt, wobei ã Dass wir keine IndustrieOsteuropa (allen voran Moskau) zunehmend anvisiert wird. haben, ist hier zum Vorteil gewendet worden.ÒIm Bereich Corporate Identity und Markenarchitektur ist Berlin im bundes-weiten Vergleich prominent aufgestellt: 15 der 50 größten CI/CD-Agenturenhaben sich in Berlin niedergelassen (mit Hauptsitz oder Dependenzen)und generieren einen Umsatz von ca. 41 Mio EUR im Jahr 2007 (Quelle:DesignMagazin 2009, Senatsverwaltung für Wirtschaft, Frauen und Tech-nologie, S. 13), Berliner Agenturen wie Scholz & Friends, MetaDesign oderSchindler Parent Identity stürmen die Rankings (vgl. PAGE CD/CI-Ranking2010). Auch die jährlich stattfindenden Konferenzen und Events im BereichTypografie und Illustration stärken die Disziplin und werden als wichtige Re-ferenz für die internationale Vernetzung gewertet. Eine Stärke und Chancezugleich liegt außerdem in der Dichte der forschungs-/entwicklungsintensi-ven Einrichtungen in und rund um Berlin. So hat die zentrale Innovationsab- 26
  • 34. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.4 Design in Berlin – Schwächenteilung der Deutschen Telekom ihren Sitz in Berlin, weitere Beispiele wärendie Fraunhofer-Institute, die verstärkt die Implementierung von Design inForschungs- und Qualitätssicherungsprozesse suchen. Unternehmen wieSiemens, Wall AG und Burmester Audiosysteme mit starken Entwicklungs-und Innovationsabteilungen tragen zudem wesentlich zur Stärkung derDesignbranche bei.5.4 Design in Berlin – SchwächenAllgemein wird von den Marktakteuren kritisiert, dass eine große, renom-mierte Institution fehle, beispielsweise in Form eines zeitgemäßen Design-Museums, die nach außen und nach innen symbolische Strahlkraft entfaltet.Das Bauhaus-Archiv und das Kunstgewerbemuseum wurden weder in denInterviews, noch im Workshop von den Akteuren als wichtige Institutionenbenannt. Der Wunsch nach einem Museum, das wie das „Vitra DesignMuseum“ (wird in den Interviews mehrfach erwähnt) eine Repräsentati-on und kritische Reflexion von modernen und postmodernen sowie denzeitgenössischen Entwicklungen im Design für ein breites Publikum leistet,wird vermisst. Die neue Initiative der Illustrative Berlin – das Direktorenhaus– setzt sich zum Ziel, einige dieser Lücken zu schließen, Der Wunsch nacheinem Designmuseum mit Leuchtturmfunktion in Berlin zeigt die Notwen-digkeit einer auch außerhalb der Fachöffentlichkeit anerkannten Institution,die historische und zeitgenössische Aspekte des Design in einer Form (re-)präsentiert, die dem Status Berlins als Hauptstadt gerecht wird.Eine besondere Schwäche und gleichzeitig ein Risiko für die Designbran-che, speziell für Produkt-/Industriedesign, liegt darin, dass Produkt-/Indus-triedesign in Berlin im Verhältnis zu anderen Regionen eine eher schwachausgeprägte Tradition hat. Auch existieren hier, historisch bedingt, keinestarken und institutionalisierten Beziehungen zu produzierendem Gewer-be. Diese werden, soweit vorhanden, zusätzlich aufgrund des Abbaus desverarbeitenden und produzierenden Gewerbe geschwächt. Generell wärees hier hilfreich, ein detailliertes empirisches Bild (standardisierte Abfrage z.B. mit Hilfe der IHK) über die faktisch mit Designern/-innen kooperierendenBetriebe zu erfahren. Was Industriedesigner/-innen außerdem fehlt, ist derHightech-Bereich, der international als einer der größten Nachfrager für dieSparte gilt.Eine Schwäche ist auch die vielfach benannte Einschätzung, dass „Ausstel-lung und Diskussion wichtiger Design-Themen“ aus der Sicht des Produkt-/Industriedesign und der Visuellen Kommunikation schwach ausgeprägt ist.Vorreitermodelle wie bspw. der Designtransfer der UdK Berlin als kommu- 27
  • 35. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.4 Design in Berlin – Schwächennikative Plattform zwischen Hochschule und Öffentlichkeit werden zwar alsvorbildlich bewertet, gleichzeitig aber als zu weit abgelegen von etabliertenKunden und potentiellen Abnehmern/-innen eingeschätzt. Immer wiederbetonten die Designer/-innen, dass Design in Berlin eine Aufwertung erfah-ren müsse.Im Workshop wurde auch eine mangelnde Repräsentation in den (massen-kompatiblen Print-) Medien moniert. Besonders von Berliner Lokalmedien Schwächenwird mehr qualitativ hochwertige Berichterstattung und Reflexion von De-signthemen erwartet. Das geringe Interesse des Feuilletons an Designthe- Durchschnittliches bis niedrigesmen und Diskussionsbeiträgen zu weiterführenden Fragen trifft auch auf Einkommensniveauüberregional erscheinende Zeitungen zu. Die Flut an Magazinen, Special- VerdrŠ ngungswettbewerbInterest-, Interieur- und Gadget-Magazinen behandelt Design eher einseitigund befördern die Vorstellung von Design als „Lifestyle-Disziplin“. Selektive kŸ nstlerische FokussierungDer Galerienrundgang 2009 hat zudem gezeigt, dass Berlin, im Vergleich Geringe NŠ he zu ande-mit London, New York oder Paris, wenig Galerien für zeitgenössisches ren technologischenDesign hat (Aufzählung siehe Abbildung 4, S. 18). Von den (2009) neun in Innovationsbereichen, aufgrundBerlin agierenden Galerien sind nur drei auf den Bereich „Contemporary starker BinnennetzwerkeDesign“ spezialisiert. Im Vergleich zur Dichte der Kunstgalerien sind das (weakness of strong ties)verschwindend wenige. Die Galeristen selbst beklagen in den Interviews:„An wen muss ich mich wenden, wenn ich eine Idee für eine interessante Geringe NŠ he zu Handwerk undAusstellung habe?“. Die Galeristen/-innen sind genauso mit Fragen der Pro- Mittelstand, wenig Synergienfessionalisierung betroffen wie die Designer/-innen selbst, denn sie müssen Fehlende Hersteller-Infrastrukturals Start-Ups im Designmarkt neben dem reinen Verkauf von Designauch die Verortung von Design im kulturellen Kontext leisten, Auswahl von Studentisches Experimentier-marktfähigen Objekten treffen und Plattformen für den Diskurs liefern. Die verhalten, ausbaufŠ higesVielzahl von kleinen Produzentengalerien und Showrooms unterscheiden Unternehmertum der Marktteilnehmersich von diesem Anspruch. Schwache Akzeptanz von Design au§ erhalb der KreativwirtschaftUnternehmerische Zellen (bis 3 Mitarbeiter/-innen) Schwache Binnennetzwerke zu anderen Kreativbranchen sowie zuBerlin wird aufgrund seiner günstigen Lebens- und Arbeitskosten als ein anderen Technologiebranchenidealer selbstorganisierter Start-Up-Kontext für Unternehmensgründungen UnŸ bersichtlichkeit vorhandenerbewertet. Das Problem liegt dabei, dass der Handlungsdruck klassischer- Fš rderprogrammeweise „unternehmerischer” und somit betriebswirtschaftlicher zu agieren,aufgrund der geringen Lebenshaltungskosten nicht gerade gefördert wird.Geringes Preisniveau für geleistete Dienstleistungen ist ebenso ein Merk-mal dieses Marktes, unter dem insbesondere junge Unternehmen leiden.Damit geht jedoch oftmals eine generell abwertende Wertschätzung vonDesign einher, die oftmals den Status von „Verhübschung“ fertiger Produktezum Ausdruck bringt. 28
  • 36. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.4 Design in Berlin – SchwächenDas künstlerisch-subkulturelle Selbstverständnis von kleinen Start-Upsgeht weit, oft sogar so weit, dass viele junge Akteure/-innen ihre beruflicheZukunft sogar ausschließlich im Bereich der Editionsobjekte mit Verkaufüber Galerien sehen. Das eigene Experimentieren wird von ihnen häufig alskünstlerischer Prozess beschrieben, der Anerkennung und Abnehmer quasiohne Vermittlung finden soll. Angesichts der Tatsache, dass es in Berlinnur wenige Galerien gibt, die sich im weitesten Sinne mit dem Verkauf vonDesignobjekten befassen, ist dies eine sehr spekulative Form der Zukunfts-planung.Darüber hinaus wird das subkulturelle Selbstverständnis oft noch durchden alleinigen Bezug zur eigenen Szene und zu jugendlichen Peer-Groupsverstärkt. Die Sprach- und Verhandlungsfähigkeit der Designer/-innen unddie damit einhergehende Vermittlungsleistung zu anderen Branchen und zupotentiellen Auftraggebern werden dadurch geschwächt. Oft fehlt es auchan Kenntnissen, um Kontakte mit Herstellern und Vertrieben in anderen Ge- ã latte macchiato designÒgenden Deutschlands aufzunehmen, z. B. der westfälischen Möbelindustrie,mittelhessischen Verpackungsriesen, der Autozuliefererindustrie, um nureinige Beispiele zu nennen. Wer einmal in Berlin ansässig geworden ist,verlässt nur ungern den Standort in Richtung „Provinz“. Als Orientierung die-nen oft andere Metropolen, obwohl die Akquise in anderen Bundesländernoft potentiell erfolgreicher sein könnte als im internationalen Kontext.Die Unbestimmtheit und Spannbreite dieses Teilbereichs des Designmark-tes führt zu einer großen Herausforderung für Marktteilnehmer/-innen undinsbesondere Multiplikatoren, ihr eine größere Sichtbarkeit zu geben. Diemitunter zu beobachtende Distanz zu ökonomischen Marktprozessen gehteinher mit einer schwachen Kapitalsituation gerade der Mikrounternehmer/-innen.Zudem erschweren den Zugang zu größeren Aufträgen lange Vorlaufzeitenund die notwendigen, meist jedoch nicht vorhandenen starken Referenz-projekte. Und was einerseits als eine Stärke wahrgenommen wird – Ex-perimentieren und neue Produkte entwickeln – geht andererseits mit derfehlenden Bereitschaft zum stärkeren unternehmerischen (heißt: betriebs-wirtschaftlichen) Agieren einher.Kleine und Mittlere Unternehmen (3-10 Mitarbeiter/-innen)Mittelständische Unternehmen haben sich meistens über eine längereZeit spezialisiert und dabei längere stabile Kundenbeziehungen aufge-baut. Gleichwohl sind diese stabilen Beziehungen in sich geschlossen 29
  • 37. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.4 Design in Berlin – Schwächenund geben kaum Berührungspunkte zu anderen Wachstumsbranchen derKreativwirtschaft sowie der Wissensökonomie generell. Da sich Kleine- undMittlere Unternehmen in ihren Beziehungsnetzen stabilisieren müssen,sind meist nur schwer in der Lage, neue Ideen aufzunehmen. SpannendeEntwicklungen „landen in der Schublade“, denn mittelständische Design-unternehmen gerade aus dem Produkt-/Industriedesign verdienen ihr Geldoftmals mit konventionelleren Aufträgen, deshalb fühlen sie sich durch dieBerlin-typischen, auf formale Originalität zielende Formate wie DMY oderCreate Berlin nicht repräsentiert und nehmen eher nicht an Ausstellun-gen und Tourneen teil. Sie beurteilen die Wirkung einer Teilnahme auchkritischer und rechnen genau nach, ob sich die eingesetzten Ressourcenin einen Return-on-Investment umsetzen lassen. Das trifft besonders auf In-dustrie-nahe Designbranchen wie Packaging und Industriedesign zu – hiersind die Entwicklungszeiten oft antizyklisch zu den Festivalterminen.Auch die Tatsache, dass es in Berlin keine klassische Designmesse gibt,sondern „lediglich“ unkommerzielle Festivals und Konferenzen, führtdazu, dass Hersteller und die „klassische Industrie“ eher nicht in die Stadtkommen, um beispielsweise im Rahmen der Ausstellung des DMY mitDesignern/-innen in Kontakt zu treten. So vermissen mittelgroße Design-büros besonders Veranstaltungs-Formate, die gezielt Industriekontaktevermitteln, wie Veranstaltungen mit Kunden und Designern/-innen.Während Unternehmerische Zellen als Außenseiter neue Produkte einfüh-ren müssen, um überhaupt eine Nische zu besetzen, die ihnen auch öko- ã Berlin ist eine Servicestadt und keine Produktionsstadt.Ònomisches Überleben sichert, sind mögliche Investitionen in neue unter-nehmerische Entwicklungen für KMUs, die schon länger am Markt arbeiten,äußerst schwierig. Allein die Aufrechterhaltung der Betriebsstrukturen ist oft ã Unsere Installationen funktio-sehr kostenintensiv, ein Großteil der mittleren Unternehmen leidet unter Ei- nieren in oder au§ erhalb desgenkapitalschwäche. Im Hinblick auf öffentliche Ausschreibungen fehlen oft kommerziellen Kontextes. Wirdie für eine Angebotslegung notwendigen Ressourcen und Infrastrukturen. versuchen, Museen hierfŸ r auch in Deutschland zu š ffnen!ÒErschwert wir die Situation dadurch, dass der Schutz von Ideen im Design-bereich ausgesprochen schwierig ist und Designer/-innen aus Angst umihre Ideen vor engeren Kontakten mit anderen Designunternehmen auchzurückschrecken. Darüber hinaus ist – insbesondere der Bereich VisuelleKommunikation – durch eine wachsende und zunehmende Kommerzialisie-rung gekennzeichnet, die zudem alle Disziplinen der Gestaltung und Kunsterfasst, wie dies Befragte zum Ausdruck bringen. Diese Vermischung undÜberschreitung von etablierten Genregrenzen ist zum einen Ausdruck desspezifisch Berliner Designs, zum anderen bedarf es einer „Übersetzungs-strategie“ und konkreter Vermittlungsakteure, damit Experimente nicht alssolche abgetan werden. 30
  • 38. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 5.4 Design in Berlin – SchwächenGroße, international agierende UnternehmenInternational am Markt agierende Unternehmen haben bei erfolgreicherunternehmerischer Performance meistens eine unternehmensinterne Stra-tegie der Generierung von Innovationen, um auf internationalen Märktenwettbewerbsfähig zu bleiben. Aus der Sicht der Berliner Designbranchewäre es wünschenswert, dass sie sich ggf. stärker in die Stabilisierung vonschwachen Marktsegmenten einbringen und sich – z. B. in der Hinwendungzu neuen Start-Ups oder Kleinstunternehmen – jenseits ihrer unternehmeri-schen Tätigkeit für den Standort Berlin aussprechen. Darüber hinaus könntediese Idee des „Pairing“ auf der Basis von Kollaboration auch eine Spezi-alisierung ermöglichen, d. h., dass große Unternehmen am Standort Berlinbekannte und vertraute Unterstützung bieten können.Etablierte Marktteilnehmer/-innen und Unternehmen aus dem Bereich Visu-elle Kommunikation weisen insbesondere darauf hin, dass „richtiger Sup-port durch die Politik nur ein sanfter sein kann“. Laut Interviewpartner seiviel wichtiger als Investitionsmaßnahmen im Sinne von Wettbewerben oderthematische Förderungsmaßnahmen das „Abschaffen von administrativenBarrieren“ (wie die Erfüllung der Rechtsform, Garantien der Abrechnungund Buchführung, Solvenzfragen u. a.). Viele Designer/-innen haben mithalb illegalen Zuständen zu kämpfen, weil eine Firmengründung in Berlinsehr schwierig sei, auch sei es sehr aufwändig, Nicht-EU-Mitarbeiter/-innenanzustellen.Abschließend lässt sich zu den Schwächen der Berliner Designbranchesagen, dass Berlin – als ausgewiesener Ort der Experimente – ein Allein-stellungsmerkmal in eben jenem Feld der Versuchsanordnungen, Prozesso-rientiertheit und Prototypenerstellung aufweist. Etablierte, niedrigschwelligeNetzwerke zu Forschung und Entwicklung sind personenbasiert (Funktionals Gatekeeper), selektiv und oftmals nicht transparent. Darüber hinaus sindsie in keiner Art und Weise explizit strategisch gestützt und durch z. B. dieöffentliche Hand getragen.Berlin als zentraler Ort innovativen Designs ist somit ein hochkompetitives«Haifischbecken», in dem neue Ideen kurzfristigen Statusgewinn verspre-chen und gleichzeitig diese Innovationskontexte informell und hochgradigselbstorganisiert sind. Create Berlin e. V. hat, durch die öffentliche Handgefördert, als zentrale Plattform der Förderung von Vernetzungen zwischenMarktteilnehmer/-innen im Designsegment, sicherlich zu einer überregiona-len Sichtbarkeit von Kleinstunternehmern und Freelancern/-innen aus Berlinbeigetragen. Eine komplexe strategische Fortführung und Stärkung dieserSichtbarkeit steht bis dato aus und ist auch von Stakeholdern aus der Sze-ne kaum artikuliert und formuliert. 31
  • 39. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 6 Internationale Best-Practice-BeispieleDie oftmals zu beobachtende schmale Finanzdecke gerade der «unterneh-merischen Zellen» geht einher mit einer nach wie vor zu beobachtendenungenügenden Kompetenzlage im Bereich Selbstmanagement, Buchhal-tung, Kundengewinnung etc. Angebote, die diese Defizite beheben, sindsomit wichtiger denn je und dienen dem Ausgleich eines strukturellenDefizits und einer eklatanten Schwäche der Marktteilnehmer/-innen. DieHerstellung von Sichtbarkeit, in Form von gemeinsamen internationalenAuftritten gerade von innovativen unternehmerischen Zellen (wie sie etwaCreate Berlin e. V. organisiert hat) stellt diese vor die Frage, wie sie sich inZukunft differenzieren lassen, um der gewachsenen Heterogenität insbe-sondere des Bereichs Visuelle Kommunikation Rechnung zu tragen. Hierzeigt sich, dass die Marke Berlin als Ort für Innovation und Improvisationauch schnell in sein negatives Gegenbild kippen kann, das dann eher denEindruck einer „Spielwiese“ zum Ausdruck bringt, als dass es ein hochwer-tiges, strategisches und zugleich authentisches Format mit Beschäftigungs-potential aufweist.6 Internationale Best-Practice-BeispieleIm europäischen Städtewettbewerb um das Label der „Kreativen Stadt“oder „Kreativen Metropole“ nimmt Berlin eine Sonderrolle ein: Berlin verortetsich nicht nur geografisch als zentrales Bindeglied zwischen West und Ost,zwischen etabliert und aufstrebend, sondern übernimmt auch in seinerFunktion als Umschlag- und Testplatz für neue Kunstformen und Arbeits-modelle eine Sonderstellung mit hoher internationaler Strahlkraft. In derAußenwirkung entzieht sich Berlin jeder Form der Kategorisierung – ehernimmt die Stadt eine Schnittstellenposition ein, die von einer „sowohlals auch“-Haltung geprägt ist und kreative Menschen jeglicher Herkunftanzieht. Im Städtevergleich – von Barcelona über Amsterdam bis Tallinn– präsentiert sich Berlin als eine Stadt, die – ähnlich wie viele der osteuro-päischen Städte – wenig saturiert ist und enorme Freiräume bietet, zugleichaber international unter den etablierten kreativen Metropolen ihrer kreativenPotenz wegen einen festen Platz hat. Damit wird Berlin im internationalenVergleich eher als inspirierender Durchgangsort denn als wirtschaftlich rele-vanter Handlungsraum verstanden. Gerade in Hinblick auf die strategischenund wirtschaftspolitischen Möglichkeitsräume lohnt sich deshalb ein Blickins Ausland. Bei der Betrachtung von Design-Strategien und Institutionenanderer Länder und Städte erschließt sich die Bandbreite unterschiedlichs- 32
  • 40. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 6.1 Fokus: Transparenz und Zielgruppenorientierung von Informationen und Förderangebotenter Konzepte zur Förderung von Design, ob nun übergeordnete Meta-Strate-gien, lokale und überregionale Initiativen/Programme, Inkubatorenmodelle,Institutionen der Aus-/Weiterbildung und Forschung oder Instrumente fürInformation/Coaching. Im Folgenden werden exemplarisch einige interna-tionale Fallbeispiele vorgestellt, die aufgrund ihrer Kommunikations- undFörderleistung, HighTech-Anbindung und/oder ihrem Innovationsfokusfür Berlin wichtige Impulse geben könnten. Die Schnittstellenfunktion zuForschung und Entwicklung ist bei verschiedenen Beispielen vorhanden– einige der vorgestellten Beispiele lassen sich als Schnittstelleninstitutionbezeichnen. Die Beispiele kommen aus Großbritannien, der Niederlandeund der Schweiz – allesamt Länder bzw. Regionen, die sich in der einenoder anderen Weise durch ein langfristiges Bewusstsein für die Potenzi-ale der Kreativwirtschaft im Allgemeinen und des Design im Besonderenauszeichnen.6.1 Fokus: Transparenz und Zielgruppenorientierung von Informationen und FörderangebotenPortal des Design Council, UKwww.designcouncil.org.uk Ò Building on its 2004 strategicAllgemein ist Großbritannien in Hinblick auf die Anerkennung und Förde- plan, the Practical Power of De-rung der Creative Industries ohnehin einer der internationalen Vorreiter, die sign, the UK Design Council hasdas große Potential – auch für die Außenwirkung und den Export – be- launched The Good Design Plan,reits seit den Neunziger Jahren strategisch nutzen. Das Design Council in a new three-year national stra-Großbritannien – gegründet in 1944 und gesteuert durch Department for tegy for design. Defining goodBusiness, Innovation and Skills (BIS) und das Department for Culture, Media design as Ô sustainable designÕ , it& Sport (DCMS) – ist die zentrale öffentliche Institution Großbritanniens highlights five objectives for thefür Design. Sie versteht sich u. a. als ein Zentrum für neues Denken und council: 1. business and public service innovation 2. public andfür das Entwickeln neuer Businessmodelle. Design wird hier ins Zentrum community engagementgesellschaftlicher Veränderungen gestellt – eine Haltung, die die englische 3. design skills developmentRegierung auch mit ihrem nationalen Programm „The Good Design Plan 4. design policy and promotion(www.designcouncil.org.uk/Documents/Documents/Publications/TheGood- 5. organisational and operation-DesignPlan.pdf) transparent und handhabbar macht. Denn die Aktivitäten al efficiency.” (The Good Designder britischen Regierung in Hinblick auf Design zeichnen sich durch den Plan, UK)integrativen Ansatz aus, Design in seiner gesamtgesellschaftlichen Tragwei-te zu erkennen. Hier wird Design immer auch als „Social Design“ begriffen. ã We place design at the heart ofSo wird u. a. auch die Interaktion zwischen Öffentlicher Hand und Bürgern growth and renewal in Britain.Óals Designprojekt verstanden. (Design Council, UK)Eine gelungene Interaktion ist dabei der Webauftritt des Design Coun-cil. Was bei diesem britischen Beispiel überzeugt, ist die differenzierte 33
  • 41. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 6.2 Fokus: Informationsbündelung, Entwicklung von unternehmerischer Kompetenz, CoachingZielgruppenansprache: Designer, Kunden/Industrie, Investoren, Öffentli-che Hand, Schulen/Universitäten und Touristen werden direkt und ohneUmwege adressiert. Hier werden übersichtlich die verschiedenen Servicesdargeboten und Informationen vermittelt.Einen ähnlichen Versuch eines informativen Webauftritts hat Berlin bereitsmit seinem Portal Creative City Berlin gestartet – wenn auch für den ge-samten Branchenkomplex und ohne dass spezifisch auf die Sparte Designeingegangen wurde. Für Berlin müsste das Rad nicht neu erfunden werden,sondern die Verknüpfung von und der Zugang zu vorhandenen Angebotenwie z. B. www.designszeneberlin.de (gesteuert durch das IDZ) oder Berlin-DesignBlog (private Initiative) verbessert werden. Nichtsdestotrotz ließe sichein Design-orientiertes Portal aufbauen oder ein vorhandenes erweitern, umfür Designer/innen, Kunden, Investoren etc. zielgruppenspezifische Informa-tionsangebote zur Verfügung zu stellen, die sich auch über eine Internetre-cherche leichter finden lassen.6.2 Fokus: Informationsbündelung, Entwicklung von unternehmerischer Kompetenz, CoachingCreative Enterprise Toolkit, NESTA, UKwww.nesta.org.uk/areas_of_work/economic_growth/startups/creative_enterprise_toolkitDie Idee, eine Art Werkzeugkoffer für Existenzgründungen in der Kreativ-wirtschaft zu entwickeln, ist nicht neu und wurde bereits in verschiedenenKontexten versucht, u. a. mit der von der UNESCO ausgezeichneten “Crea- Ò Starting a business with notive Business Toolbox” (Handbuch mit DVD, Gratisversand), die als gemein- experience can be daunting.same Initiative von Arts Queensland und dem Department of Employment, ThatÕ s why weÕ ve developed theEconomic Development and Innovation in Australien erstellt wurde. Die Idee Enterprise Toolkit to help creativeeines solchen Werkzeugkoffers bleibt eine Herausforderung, denn die Kre- individuals take their bright ideasativwirtschaft folgt einer eigenen Logik und ist in sich wiederum so hetero- and turn them into successfulgen, dass Pauschalangebote nur selten die Zielgruppe(n) treffen. businesses.Auch die britische NESTA (National Endowment for Science, Technology Our enterprise resource toolkitand the Arts) hat sich daran versucht. NESTA ist eine unabhängige Stiftung contains tried and tested methods for teaching enterprise skillsmit dem Ziel, Großbritannien auf unterschiedlichsten Feldern noch inno- to creative individuals whovativer zu machen. Neben der Fertigung verschiedener relevanter Studien are thinking about setting up aund Entwicklung von Programmen zeichnet sich NESTA auch durch die business.Ó (Creative EnterpriseEntwicklung konkreter Instrumente aus, die das unternehmerische Potenzial Toolkit, NESTA, UK)kreativer Individuen entfalten. So auch das Creative Enterprise Toolkit, dasauf der Website gratis herunter zu laden ist. Es richtet sich an potenzielleKreativunternehmer/-innen und ist aufgebaut wie ein Mentorenprogramm 34
  • 42. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 6.3 Fokus: Internationale Vernetzung und Kommunikationmit Anleitungen und Methodensammlungen für die verschiedenen Stadienund Handlungsfelder der Unternehmensgründung/-entwicklung.Staatliche Versuche, unternehmerisches KnowHow für die Kreativwirtschaftzu bündeln und aufzubereiten (wie jüngst zu sehen auf dem Portal der Initi-ative Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes) scheitern meist daran, dasssie die unterschiedlichen kreativen Szenen kaum anzusprechen vermögenin Duktus, Gestaltung und Informationsarchitektur. Es wird empfohlen,die Entwicklung solcher Instrumente in direkter Zusammenarbeit mit denpotenziellen Nutzern und Nutzerinnen vorzunehmen oder ggfs. als Auftragsogar an diese Zielgruppe auszulagern. Statt einer feststehenden Modulst-ruktur, die online heruntergeladen werden kann (wie bei NESTA) würde fürBerlin ggfs. eine OpenSource-Architektur mehr Sinn machen. Als Open De-sign Toolbox – bspw. in enger Zusammenarbeit mit betahaus/Open DesignCity – könnte hier eine zeitgemäße Informationsplattform entstehen, die vonden Nutzern/-innen selber stetig ergänzt und angepasst wird. Der Versuch,ein nutzergespeistes Toolkit für das “Kulturunternehmen der Zukunft” zuentwickeln wird derzeit außerdem im Rahmen des Berliner Projekts „FreeCulture Incubator“ unternommen.6.3 Fokus: Internationale Vernetzung und KommunikationDutchDFA, NLwww.dutchdfa.nlAllgemein zeichnet sich die Niederlande durch eine besonders hohe Ak-zeptanz und nachhaltige Förderstruktur für Design aus. So werden hollän-dische Design-Praktikanten/-innen finanziell durch den Staat unterstützt;die Regierung zahlt außerdem „Prämien an New Yorker Büros, damit sieholländische Designer einstellen“, so ein Interviewpartner, und die öffent-liche Verwaltung gibt selber eine ganze Bandbreite an Designleistungen Ò The four-year DutchDFAin Auftrag, um von öffentlichen Toiletten bis hin zum Formulardesign dem programme is temporaryhohen gestalterischen Anspruch zu genügen. and operates in addition to existing infrastructures and support programmes for theDie hohe Priorität, die das Design in den Niederlanden auch auf Regie- internationalisation of Dutchrungsebene genießt, hat zur Entwicklung des Dutch Design Fashion and architecture, fashion and design.ÓArchitecture (DutchDFA)-Programms geführt. Ziel ist die Konsolidisierung (DutchDFA, NL)der internationalen Bedeutung der kreativen Disziplinen Design (inklusiveModedesign) und Architektur, die in den Niederlanden als wichtigste Treiberder Kreativwirtschaft gelten. In einem auf vier Jahre angelegten Programm(2009-2012) und unter Einbeziehung aller relevanten Ministerien und 35
  • 43. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 6.4 Fokus: Inkubatorenmodell, Schnittstelle zu Industrie und Forschung, HighTech-AnbindungDesign-nahen Institutionen sowie Vertretern/-innen der sechs kreativstenniederländischen Städte (Amsterdam, Arnheim, Eindhoven, Rotterdam, DenHaag und Utrecht) sollen die internationalen Verbindungen des holländi-schen Designs – und damit auch dessen Außenwirkung – nachhaltig aufge-baut und gestärkt werden. DutchDFA will sich in seinen Aktivitäten zunächstauf Deutschland, China und Indien konzentrieren.Für Berlin relevant ist der gemeinschaftliche, institutionen- und sektoren-übergreifende Ansatz, der bei DutchDFA zur Folge hat, dass hier tatsächlichalle verfügbaren Ressourcen strategisch und langfristig gebündelt werden.Christine de Baan, Leiterin des Programms, unterstreicht die diplomati-sche Dimension des Vorhabens – und damit auch die Entwicklung einerzukunftsfähigen Grundlage für den Ausbau wirtschaftlicher, kultureller undpolitischer Zusammenarbeit in globalen Kontexten. Design nimmt dadurcheine zentrale Rolle ein – jenseits der lokalen wirtschaftlichen wie kulturel-len Relevanz. Eine gemeinsame Initiative der verschiedenen Verwaltungenund Design-nahen Organisationen Berlins mit Fokus auf eben jene inter-nationale Beziehungen würde das Berliner Design auf eine andere – auchaußenpolitische relevantere – Ebene heben. Wichtig hervorzuheben ist derkomplementäre Ansatz von DutchDFA – bereits existierende Aktivitäten undInstitutionen werden ergänzt und damit sichtbarer und wirkungsmächtigergemacht. Ein Berliner Design Development Office könnte hier federführendagieren.6.4 Fokus: Inkubatorenmodell, Schnittstelle zu Industrie und Forschung, HighTech-AnbindungMedia Guild, Amsterdamwww.mediaguild.comEin weiteres Beispiel aus den Niederlanden, das sich durch intelligenteRessourcenverdichtung auszeichnet, ist die Mediengilde in Amsterdam.Der Schutz und die Förderung gemeinsamer Interessen, der im Mittelalterzur Gründung von Gilden geführt hat, stehen auch hier im Vordergrund.Allerdings werden hier alte Prinzipien der Gilde neu interpretiert und an dieLogik multikultureller, transdisziplinärer Zusammenhänge angepasst.Erreicht werden soll eine maximale Realisierung des Innovationspotenzi-als, das in den modernen Informations- und Kommunikationstechnologiensowie in den medienorientierten kreativen Ökonomien liegt – und zwar zwi-schen abgeschlossener Ausbildung und Unternehmensgründung. DirektesLernen von einem Experten (Meister) und das Arbeiten in kleinen Gruppen 36
  • 44. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 6.5 Fokus: Designforschung, Schnittstellengestaltung zu anderen Bereichen der Gesellschaftin optimalem Umfeld soll den praxisorientierten Austausch von Erfahrungund Wissen ermöglichen. Die Institution funktioniert in der Logik sozio-technologischer Netzwerke und positioniert sich als Innovationsplattformund „kreatives Ökosystem“ an den Schnittstellen zwischen Ausbildung undMarkt, zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, zwischen öffentlichem undprivatem Sektor.Die Mediengilde ist eine staatlich geförderte Institution mit engen Bezügenzur Industrie und zu Hochschulen. Als Inkubator einerseits und öffentlichzugänglicher Ort der Wissensvermittlung andrerseits positioniert sichdie Mediengilde an der Schnittstelle der verschiedenen Wirkungskreise. „Media Guild is a not for profitDie professionelle und zugleich hochexperimentierfreudige Verbindung organization that fosters innovati-zwischen jungen Kreativen und etablierten Unternehmen, die die zentrale on and brings it to the market and to society. Media Guild has twoGrundlage der Mediengilde darstellt, findet in Berlin in dieser Form kaum important goals that follow natu-institutionalisierten Raum. In Berlin wiederum entstehen (und entstanden) rally from each other. To supportdiverse multidisziplinäre Plattformen versteckter Innovation – wie z.B. das innovative starters in the creativebetahaus, der Design Reaktor Berlin, die Hybrid-Plattform oder (in Planung) industry. To bring businessesPlanet Modulor. and knowledge institutes in touch with the creative industry andZu überlegen ist, an welchem Punkt man dieses Potenzial noch gezielter innovation.Òmit Hochschulen und Industrie in einen fruchtbaren Kontext bringen kann. (Mediengilde Amsterdam)Hier kann die öffentliche Hand als Moderator und Ermöglicher agieren odersich über ein längerfristiges Engagement an einem institutionalisiertenAusbau dieser Verbindung beteiligen.6.5 Fokus: Designforschung, Schnittstellengestaltung zu anderen Bereichen der GesellschaftInstitut „Y“ (Institut für Transdisziplinarität)an der Hochschule der Künste Bernwww.hkb.bfh.ch/y.htmlSeit über 15 Jahren gibt es in der Schweiz die Hochschulen für Gestal-tung und Kunst, an denen auf zwei Ebenen geforscht wird: Im Bereichder grundlagenorientierten Theoriearbeit, als öffentlich dokumentierteForschung, und in der Forschung und Entwicklung auf konkreter Projek-tebene. Die Forschungsfelder befinden sich überwiegend im Industrie- undProduktdesign, im Interfacedesign, in der visuellen Gestaltung, beziehungs-weise im Kommunikationsdesign, im didaktischen Design und im Bereichdes Wissensmanagements. 37
  • 45. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 6 Internationale Best-Practice-BeispieleAm Institut „Y“, einem Zentrum für spartenübergreifende Forschung undLehre, das sich als Ort der Kommunikation zwischen unterschiedlichenErkenntnis- und Darstellungsformen versteht, findet Designforschungpraxisnah und transdisziplinär statt. Die Schwerpunkte befassen sich mitFragen der Intermedialität, der Interpretation, des Kommunikationsdesignsund der Materialität in Kunst und Kultur. Gemeinsam mit Partnerinnen undPartnern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Kultur entwickeltder Forschungsbereich neues Wissen und stellt es der Öffentlichkeit wieauch den Auftraggebern/-innen zur Verfügung. Hier konzentrieren sichDesignkompetenzen auf exemplarischer Weise auf ihre Implementierungin interdisziplinäre Projekte. Designforschung wird als wichtiges Bindegliedzwischen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Be-reichen verstanden und praktiziert. Ein solches Modell in Berlin könnte derfehlenden institutionellen Verknüpfung von Design mit klassischen Wirt-schaftsbranchen im Rahmen der Ausbildung entgegenwirken.Weitere internationale Beispiele und Modelle (Auswahl):Initiativen zur Förderung der Designrelevanz und StandortentwicklungINDEX: Design to Improve Life (DK)INDEX ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die sich um die Förderungund Anwendung von Design und Designprozessen, die zur Verbes-serung der Lebensqualität der Menschen weltweit beitragen können,bemüht. Besonders anerkannt dank des mit 500.000 Euro dotiertenINDEX:Award.www.indexaward.dkGENERATOR: Design Hubs in Stockholm und Göteborg (SVE)GENERATOR Swedish Creative Industries widmet sich der Förderungder Kultur- und Kreativwirtschaft in Schweden durch Vernetzung, Infor-mation und Vermittlung von Kompetenzen.www.upplevelseindustrin.seProject Vienna – A Design Strategy. How to React to a City?Kooperation MAK und departure, Wien (AUS)MAK (Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwarts-kunst) und departure haben einen gemeinsamen Ideenwettbewerbausgeschrieben, bei dem innovative Designstrategien und Konzeptegesucht wurden, die ein offenes Designverständnis demonstrieren.www.designprojectvienna.at 38
  • 46. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 6 Internationale Best-Practice-BeispieleShenzhen City of Design; UNESCO City of Design (CHN)Shenzhen ist Chinas wichtigster Designstandort. Mit über 6.000Designunternehmen, mehr als 20 Cluster für die Kreativwirtschaft undzahlreichen Ausbildungs- und Forschungszentren wird Shenzhen undseine Designbranche von der Regierung wie auch von privaten Akteu-ren stark unterstützt. www.shenzhendesign.orgDesignSingapore; Designclusterbildung (SGP)DesignSingapore ist eine nationale Strategie zur Förderung undNutzung von Design als eine wesentliche Treibkraft für die nationaleWettbewerbsfähigkeit und die Kreativität in einer ideenbasierendenWirtschaft. www.designsingapore.orgMessen/AusstellungsformateDesignMiami (USA), Internationale Design-Messewww.designmiami.comTriennale di Milano (IT), Designausstellung. www.triennale.orgFinanzierungCreative CreditsVon NESTA (UK) entwickelter Kreativitätsgutschein, um KMUs mit Fir-men aus dem Kreativbereich zusammenzubringen. www.nesta.org.ukKickstarterCrowdfunding, New York (USA)Platform zur Massenfinanzierung von kreativen Projektenwww.kickstarter.comSeedmatch: Crowdfunding, Dresden (D)Mit Seedmatch entsteht eine Online-Plattform, die Investoren und jun-ge Unternehmen zusammenführt, um die Finanzierung von zukunfts-weisenden Startups mit kleinen Beträgen zu ermöglichen.http://schaalmedia.net/seedmatchDesignforschungDesigning Quality in InteractionUniversity of Technology, Eindhoven (NL)Im Forschungsbereich DQI konzentriert sich die Designforschung starkauf technologieaffine Bereiche wie System- und Interfacedesign undweist eine große Nähe zur Grundlagenforschung auf.http://w3.id.tue.nl/nl/research/designing_quality_in_interaction 39
  • 47. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 7 Chancen und Herausforderungen7 Chancen und HerausforderungenDas sich dynamisch entwickelnde Feld Design stellt sowohl die Politik, alsauch die Akteure/-innen der Branche selbst vor große Herausforderungen.Fasst man die Stärken und Schwächen zusammen, ergibt sich ein vielversprechendes Bild der Berliner Designwirtschaft als differenzierter Wirt-schaftszweig, der große Potentiale hat, als Schnittstellenbranche stärker indie Gesamtwirtschaft der Region integriert zu werden. Denn gerade in denemergierenden neuen Arbeits- und Organisationsformen der Kreativ- undinsbesondere der Designwirtschaft zeichnen sich, wie w. o. gezeigt, Model- Zusammenfassendele ab, die sich auch in ihrer Übertragbarkeit auf andere Wirtschaftsfelder als Erkenntnissebesonders zukunftsfähig erweisen können. HeterogenitŠ t des Marktes/GefŸ ge von Mikro-InteressenChancen Sehr gute Selbstorganisation der MarktteilnehmerBerlin gilt für deutsche und internationale Designer/-innen als hochattrak- IndividualitŠ t,tive Stadt dank der Vielfalt an kulturellen Angeboten, der ausgeprägten Experimentieranspruch undSubkultur, der Netzwerkmöglichkeiten und der noch vorhandenen Freiräu- Nischenkompetenzmen. Sie wird als subkultureller und vielfältiger im Vergleich zu anderenDesignmetropolen wahrgenommen. Die Tatsache, dass sich an diesem Ort Kreativ-kŸ nstlerisches Innovationsmilieu,die Grenzen zwischen Gestaltung und Kunst stärker in Beziehung setzen, Risikobereitschaftwird als Potential für ein günstiges künstlerisch-kreatives Innovationsmilieugewertet. Als inspirierender Ort für die Entwicklung neuer Formate oder Breites Kompetenzniveauneuer Produkte zieht Berlin gute Designer/-innen an, die ihrerseits weiterehochqualifizierte Kräfte nach sich ziehen, da viele Berlin als idealen Ort Schwache Akzeptanz von Designzum Leben begreifen („Es gibt hier exzellente Designer, die sich für Berlin au§ erhalb der Kreativwirtschaftentschieden haben, weil Berlin eine tolle Stadt ist.“). Durchschnittliches bis niedrigesEine Chance Berlins liegt somit in der internationalen Multiplikatoren- Einkommensniveauwirkung. Geringe NŠ he zuBerlin gilt darüber hinaus als eine Stadt, die sich, historisch begründet, in Innovationsbrancheneinem dynamischen Prozess des Sich-Immer-Neu-Erfindens befindet, sodass die Mentalitätsgeschichte der Stadt eine überaus wichtige Rolle fürDesigner/-innen spielt und sogar als Primärqualität betrachtet wird: Dennlaut einiger Aussagen schafft dieser dynamische Wandel die Basis für kre-ativen Wagemut, Offenheit zum Experiment und Offenheit zum Scheitern,also erhöhte Risikobereitschaft, eine wichtige Voraussetzung für Innovatio-nen.Zu den Chancen Berlins gehört zweifelsohne auch das breite Ausbildungs-angebot der Kunst- und Fachhochschulen. So finden in Berlin Unternehmen 40
  • 48. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 7 Chancen und Herausforderungenund Institute eine große Auswahl an hochqualifizierten Gestaltern/-innen.Über die enorme Attraktivität der Stadt, die mäßigen Lebenserhaltungskos-ten und das Kulturangebot hinaus können die hohe Innovationsbereitschaftund die Ausbildungssituation der Designwirtschaft als Querschnittbranchean der Schnittstelle zu anderen Kreativ-, Wirtschafts- und Wissenschafts-zweigen zugute kommen. Denn die hohe Dichte an Wissenschaftseinrich-tungen (Universitäten, Kunsthochschulen, Fach- und private Hochschulensowie zahlreiche Forschungsinstitute wie z. Bsp. Frauenhofer- und Helm-holtzgesellschaft, Max-Planck- und Leibniz-Institute, vgl. McKinsey 2010)bietet eine hervorragende Voraussetzung für innovative transdisziplinäreZusammenarbeit, sowohl für global agierende Unternehmen und Institutio- ã Berlins wichtigste Aufgabenen, als auch für innovative Neugründungen – ein Potential, dem unbedingt wird sein, KomplexitŠ t undeine erhöhte Aufmerksamkeit gebührt. Widerspruch zuzulassen.ÒDas heißt: Berlin hat das Potential, sich als Vorreiter zu positionieren wenn ã Starke Disziplinen: in allenes darum geht, Design explizit in die Forschung zu integrieren und die Bereichen, in denen es um In-Realisierung von interdisziplinären, internationalen Forschungsvorhaben novation im Design geht.Òvoranzutreiben; gerade dort, wo die interdisziplinären Qualitäten von Designgefordert sind und sich die Forschungskompetenzen des Design einbrin- ã Eine Chance fŸ r Design ausgen, können Innovation und Fortschritt die Designbranche nachhaltig als Berlin ist dessen Katalysatoren-Wachstumsbranche festigen. funktion in Hinblick auf dieBerlin hat hier die Chance, sich über eine offensive Stärkung der Rolle politische und die Hightech-von Design für Innovationen zu positionieren und sich als Katalysator Dimension. Vom Berliner Designfür Innovationen zu profilieren. erwarte ich in Zukunft, dass politische Zukunftsmodelle,Hierfür kann einerseits das Design als forschende Disziplin ein wichtiger institutionelle KooperationenImpulsgeber sein, der das Wissen über designspezifische Forschungs- und eine internationale Verbind- ung von Grundlagenforschungmethoden in die projektbezogene Arbeit interdisziplinärer heterogener mit Design ein neues AmalgamInteressensgruppen einbringt und so innovative Prozesse, technologische bilden.ÒInnovation wie auch die Analyse gesellschaftlicher Kontexte befruchtet.Große, international tätige Unternehmen wie beispielsweise die DeutscheTelekom oder Frauenhofer-Institute, aber auch zunehmend akademischeEinrichtungen wie die TU Berlin oder die UdK Berlin haben dieses Potenzialerkannt und wenden designspezifische Methoden im Forschungskontextwie auch im Zusammenhang mit Unternehmensberatung, Qualitätssteige-rung u. a. an. Andererseits sind spezifische Infrastrukturen erforderlich, diees unterschiedlichen Interessensgruppen wie universitären und wirtschaft-lichen Partnern, öffentlichen Institutionen oder Privatpersonen erlauben,Innovationsprozesse gemeinsam zu gestalten oder daran teilzuhaben. Der-artige Plattformen für die Designwirtschaft und die Zwischenbereiche fürHochschulen, Unternehmen und den Design-Nachwuchs zu ermöglichenund zu unterstützen, birgt ein hohes Potential als Motor der Innovationsent-wicklung und bietet Berlin eine der großen Chancen in diesem Segment. 41
  • 49. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 7 Chancen und HerausforderungenBerlin hat hier die einmalige Chance, als Vorreiter dieses Potentialweiter auszuschöpfen und die Designwirtschaft als innovative Quer-schnittsbranche zu sowie die Schnittstellen zu anderen Wirtschafts-,Wissenschafts- und Gesellschaftsbereichen zu stärken.Eine weitere große Chance Berlins liegt in ihrer Attraktivität als Metropoledes Kulturtourismus. Berlin gilt weniger als Umschlagplatz für Geschäfte alsvielmehr als Ort der Inspiration und des Kulturkonsums. Dem allgemeinenImage der Stadt, sich immer wieder neu zu erfinden und zu überraschen,wird über unterschiedlichste Formate Rechnung getragen. Neben dengängigen hochkulturellen Formaten größerer Kulturinstitutionen sind dies inder Kreativwirtschaft vor allem temporäre Formate mit einer eher avantgar-distischen Ausrichtung. Berlin kann als Stadt des Showrooms bezeichnet ã Speziell wo es um Innovationwerden; hier werden regelmäßig die neuesten Entwürfe und Prototypen geht sind wir gut aufgestellt.Òvorgestellt – ob nun im Rahmen spontaner Ausstellungen, Pop-Up oderConcept Stores, Ladengalerien oder auch in Kooperationen mit großen ã Berlin ist die Stadt des Au-Unternehmen, die ihr Foyer kurzfristig zur Verfügung stellen (z. B. Deutsche toren- und Konzeptdesigns.ÒBank/Guggenheim).Nicht ohne Grund positionieren sich inzwischen auch viele große Wirt- ã Berlin ist eine Stadt, die sichschaftsunternehmen in der Hauptstadt mit Showrooms oder FlagshipStores Experimente leisten kann.Ò(siehe diverse Automarken in der Friedrichstraße) oder temporären, vonKulturakteuren bespielten Orten (z. B. das Smart-Zelt im Frühling 2010 ne- ã Berlin sollte sich dem Designben dem Tacheles). Besucher/-innen der Stadt kommen gerne nach Berlin von Innovation verpflichten undin der Gewissheit, dass sie immer wieder etwas Neues, Unvorhersehbares Impulsgeber im regionalen wieentdecken werden. Dies ist ein Potential, das seinen Akzent auf bestimmte internationalen Kontext sein!ÒTeile der Wertschöpfungskette legt: Ideenfindung, Prototypenentwicklungund Marketing/PR. Andere Bereiche wie Produktion und Vertrieb hingegenwerden in der Regel in andere Regionen ausgelagert.Eine Chance Berlins liegt damit auch im Designtourismus.Eine der Stärken, die Berlins Designbranche aufweist, wurde oft und inimmer wiederkehrenden Zusammenhängen erwähnt: die sehr gute Selb-storganisation der Marktteilnehmer/-innen. Selbstorganisation und Vernet-zung basieren auf dem Potential der Berliner Designakteure, notwendigeStrukturformate zu schaffen, die ihrerseits Absatzmärkte generieren. Gehtman davon aus, dass Wettbewerbsfähigkeit von Merkmalen wie Quali-tät, Innovation, Einzigartigkeit und Vernetzung (national und international)bestimmt wird, gewinnt insbesondere der Wissenstransfer und die Vernet-zungsleistung an Bedeutung.Eine Chance Berlins liegt somit darin, eine Vorreiterrolle in der Organi-sation von Wissen und Wissensnetzwerken einzunehmen. 42
  • 50. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 7 Chancen und HerausforderungenHerausforderungenDie Entwicklung einer Designstrategie wird nur dann Erfolg haben, wennsie als ein von mehreren Akteursgruppen gleichermaßen gestalteterGovernanceprozess verstanden wird. Die Eckpunkte/Herausforderungen,die hier identifiziert wurden und die den Aktionsraum abstecken, adressie-ren demnach die (auftraggebende) Senatsverwaltung gleichermaßen wieMarktteilnehmer/-innen und die Entscheidungsebene, resp. die existieren-den Kommunikations- und Lenkungskreise.Die Herausforderung für die verschiedenen Akteure der Stadt wird sein,vorhandene Ressourcen und Potentiale intelligent und damit in erster Liniekohärent zu verknüpfen. Konkret bedeutet dies: Für die Fachpolitik » Differenzierte Zielgruppenorientierung in der Kommunikation und Information anstreben; Teilzielgruppen adressieren » Soziale Interaktion gestalten mit Hilfe von Designern/-innen » Schnittstellen zu Forschung und Entwicklung stärken » Beratungsprodukte entwickeln (z. B. ein Creative Business Toolkit) » Informations- und Förderleistung auf unterschiedlichen Ebenen und für verschiedene Zielgruppen anbieten » Unternehmerisch agierendes Design Development Office aufbauen, um mehr Kunden und Kapital in die Stadt zu holen » Berlin als Hub für internationales Design verstehen Für die Designbranche/Marktteilnehmerinnen » Formulierung von Bedürfnissen besser organisieren und sich in speziellen Interessensvertretungen organisieren und professionalisieren » Vernetzungsleistung untereinander sowie zu Designforschung, F&E, Industrie und Politik erbringen » Selbstbewusstsein beweisen, auch in der Preisgestaltung » Spezialisierung und Generalistentum in ein ausgewogenes Wechselverhältnis bringen 43
  • 51. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 8.1 Prototypen-These Für Dritte (Lenkungskreis, Interessenvertretungen, Wirt- schaftsförderung) » Sich mit Hochschulen vernetzen und deutlicher in Erscheinung treten » Sich mit Handwerk und Industrie vernetzen und diese Kontakte und Erfahrungen weitergeben » Vorhandene Vereine und Netzwerke breiter und transparenter aufstellen » Längere Zyklen zur Erlangung von Qualität akzeptieren8 Thesen und Anregungen für die Ausgestaltung einer Design-StrategieVor dem Hintergrund der Erkenntnisse der Stärken- und Schwächen-Ana-lyse bündeln wir im Folgenden vier wesentliche Dimensionen, die Ansätzezur Entwicklung und Formulierung einer Design-Strategie zum Ausdruckbringen. Die Thesen wurden auf der Basis der empirischen Befragung, desCo-Design Workshops sowie der Erfahrung der Experten/-innen formuliert.Den Thesen kommt die Aufgabe zuteil, übergeordnete Ziele und Optionenzum Ausdruck zu bringen und von da aus passende Handlungsempfehlun-gen vorzubereiten.8.1 Prototypen-TheseBerlin wird sich zukünftig auf die Generierung von hochwertigen sowieinnovativen Prototypen – ob in Prozessen, Produkten oder Objekten –konzentrieren.Begründung: Die Stärken Berlins liegen in der individuellen und oftmalsüberraschenden Artikulation von neuen Produktionen und Perspektiven ausden Designsegmenten „Produktdesign“, „Grafik“ und „Interface“. Sie werdenmaßgeblich durch den hier möglichen und auch genutzten räumlichen, kul-turellen und ökonomischen Experimentierraum unterstützt und ermöglicht.Es erscheint wenig plausibel, dass daraus ein breiter Impuls für Beschäfti-gung und Produktion im Zuliefer- sowie in beschäftigungsintensive Produk-tions- und Fertigungsbereich entstehen wird. Wir regen daher an, verstärktmit Hilfe geeigneter Verfahren eine „Strategie zur Generierung von interna- 44
  • 52. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 8.2 Spezialisierungsthesetional renommierten Prototypen“ zu entwickeln. Neben der Erstellung vonPrototypen innovativer Designprodukte hält Berlin ein besonderes Potenzialin der Entwicklung neuer kollaborativer Arbeitsformen und Designprozesse.Ob im Design Thinking, Social Design oder in Open-Design-Fab-Labs: DieKompetenz Berlins, Blaupausen für zukünftige Arbeits-, Denk-, Produktions-und Vertriebsweisen zu entwickeln, kann strategisch adressiert werden. Konkrete Anregung » Bessere Justierung der Senats- und IBB-Programme „Erschließung neuer Märkte“ auf die unternehmerischen Bedarfe der Kreativunternehmer, insbesondere was die Kurzfristigkeit der Marktentwicklung in der Designbranche gerecht wird. » Die Anregung von Meta-Diskussionen sichert den kritischen Gehalt von entstehenden Prototypen, erhöht das Forschungsverständnis der Designer/-innen und fördert die Glaubwürdigkeit der Formate. » Offenes Postgraduiertenprogramm – einen Inkubator schaffen, der Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen lässt, sowohl Lehrende als auch Lernende.8.2 SpezialisierungstheseIm Zuge der Konzentration auf Prototypen bedarf es einer weiterenSpezialisierung der bis dato erbrachten Leistungen durch insbesondereKleinstunternehmer/-innen und kleinere und mittlere Betriebe in diesenBranchen. Es bedarf einer „Strategie der Spezialisierung“, um Berlininternational als Ort hochwertiger und innovativer Designprodukte zupositionieren.Begründung: Marktteilnehmer/-innen monieren, dass Qualitätsmängel zueinem diffusen und zudem mitunter wenig wettbewerbsorientierten Bildüber die Leistungen der Designer/-innen führen. Marktfernes Experimentie-ren in der „Breite“ schwächt auf der einen Seite die Profilierung des Design-standortes, wie es sicherlich auf der anderen Seite zu seiner Attraktivitätbeiträgt. Daraus stellt sich für uns die Notwendigkeit der Formulierung einer„Strategie der Spezialisierung“ ein. Das heißt z. B., dass sich Designkom-petenzen einzelner Akteure/-innen und lebendige Repräsentationsformen,Theorie und Kritik zum Gesamtbild „Berliner Design“ ergänzen, wobei die 45
  • 53. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 8.3 InnovationstheseReflexion der eigenen Innovationshöhe nicht zwingend durch die Designerselbst geleistet werden muss. Konkrete Anregung » Spezialisierung der Messen und Festivals. Aufspaltung in eine Designmesse für junge Nachwuchstalente und eine für thematisch spezialisierte sowie national und international ausgewiesene Marktteilnehmer/-innen. » Eine Messe parallel zum DMY-Festival entwickeln, die Hersteller und Kunden in die Stadt lockt. Die Gründung eines mehrwöchigen Design Summer Camps an der Schnittstelle von Design und Wissenschaft unterstützen. » Ein Design Development Office aufbauen, dass aktiv auf potentielle Kunden zugeht (Hotels, die ausgestattet werden müssen, Hersteller/-innen, aber auch Touristen und Multiplikatoren/-innen). » Designanspruch und -bewusstsein der öffentlichen Hand stärken: Gestaltung von öffentlichen Produkten, Kommunikationstools, Interaktionsformaten, Serviceleistungen verbessern (an Senatsverwaltung). » „Pairing“ (Kooperation zw. Mikrounternehmen und etablierten Playern) unterstützen.8.3 InnovationstheseDesignwirtschaft muss als innovative und produktorientierte Quer-schnittsbranche nicht nur stärker in dem Konzept „Kultur- und Kreativ-wirtschaft“ verankert werden, sondern auch als ideengebender Motorin andere Technologie- und Forschungsbereiche (Medizin, Pharmain-dustrie, Verkehr/Mobilität, Energie, Informations- und Kommunkations-technologie) integriert werden. Dabei regen wir eine Aktualisierung derbisher zu identifizierenden „Innovationsstrategien“ an. Diese haben, wiegenerell in der EU, einen auffallend starken Akzent auf Technologie undweniger auf strategische und soziale Dimensionen, zu denen insbeson-dere Design einen wichtigen Beitrag liefern kann.Begründung: Berlin wird als inspirierender Ort zur Entwicklung neuer De-signprodukte und -formate vorgestellt. Gleichwohl ist dieses Potential nichtannähernd ausgeschöpft, was zum einen durch eine stereotype Auffassung 46
  • 54. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 8.4 Akzeptanzthesevon „Design“ zu begründen ist, zum anderen aus der bisher fehlendenIntegration von Design in Innovationsprozesse sowie den damit möglichenAnwendungen und Netzwerken resultiert. Auch der zunehmenden Hybri-disierung der Designdisziplinen untereinander sowie der Schnittstellen zuanderen Wirtschafts- und Gesellschaftsbereichen sowie zur Forschung wirdbislang kaum Rechnung getragen. Wir regen daher an, eine „Innovations-strategie“ für die Designbranche zu entfalten. Vorschläge für eine zukünftige Konkrete Anregung Designstrategie » Wir schlagen vor, die Vergabe von Mikrokrediten stärker als bisher an den Belangen und Bedarfen von innovativen 1. Kurzfristige Ansätze: Kleinstunternehmer/-innen auszurichten. Das heißt, dass Schnittstellen zu Forschung und der Abbau von Bürokratie und strukturellen Hindernissen Entwicklung stŠ rken vorangetrieben werden muss. » Ausschreibungsbedingungen ändern und Kollaborationen Beratungsprodukte entwickeln (z. B. ein Creative Business zwischen Mikrounternehmern fördern. Toolkit) » Mittelständische Unternehmen über die strukturelle Integration von Designprozessen im Unternehmen schulen. Ermutigung der Designakteure, BedŸ rfnisse zu formulieren; den Austausch ermutigen8.4 Akzeptanzthese Informationsportale aufbauen bzw. bestehende ausbauenBerlin muss sich darauf konzentrieren, dem Defizit in der gesellschaft- Justierung der Senats- und IBB-lichen Vermittlung und Anerkennung der Designwirtschaft entge- Programme ã Erschlie§ ung neuer MŠ rkteÒ auf die unternehmerischengenzuwirken. Die Designbranche bedarf einer breiten Akzeptanz der Bedarfe der Kreativunternehmer/-erbrachten Leistungen, bedarf der Anerkennung als Motor innerhalb innender Kultur- und Kreativwirtschaft und als wichtiger Innovationsfaktor,gerade an der Schnittstelle zu anderen Wirtschafts- und Gesellschafts- Netzwerke stŠ rken und bŸ ndelnbereichen. In der öffentlichen Wahrnehmung muss die Designbranche Differenzierteals heterogenes Schaffen stärker präsent sein. Zielgruppenorientierung in der Kommunikation und InformationBegründung: Die vielgestaltige Designlandschaft Berlins, die besondersviele Initiativen, Projekte und Institutionen aufweist, erfährt in der Öffent-lichkeit wenig Beachtung. Gerade Designer/-innen mit einem hohen Gradan Professionalität und internationalen Verbindungen fühlen sich wederrepräsentiert, noch angemessen wertgeschätzt. Sie wünschen sich eineRepräsentation von Design, die es nicht als subkulturelles Nischenthemabehandelt, sondern als ständiger Beitrag zum gesellschaftlichen Lebenernst genommen wird. Marktteilnehmer/-innen bemängeln daher, dassdie gesellschaftliche Anerkennung des Designs zu gering ist. Die wenig 47
  • 55. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 8.4 Akzeptanzthesesichtbare Präsenz schwächt die Profilierung des Standortes. Wir regen eineStrategie der Akzeptanz an, die dem Bedarf nach Anerkennung Rechnungträgt. Konkrete Anregung: » Zur besseren Sichtbarkeit und Akzeptanz könnte eine Vorschläge für eine zukünftige Designstrategie übergeordnete Bündelung und Abstimmung zwischen bestehenden Branchennetzwerke ratsam sein, um dem gesamten Feld der Designbranche innerhalb der 2. Mittel- bis langfristige AnsŠ tze: Kreativwirtschaft, aber auch gegenüber anderen Branchen ein höheres Maß an Sichtbarkeit zu geben. Berlin als Hub fŸ r internationales » Darüber hinaus gehört beispielsweise auch die Vergabe Design verstehen von öffentlichen Aufträgen an (junge) Designer/-innen dazu Vernetzung technischer und – eventuell sogar der Mut zu kontroversen Entwürfen im gestalterischer Hochschulen öffentlichen Raum. fš rdern » Internationale Stars und Firmen einladen, um in Berlin zu Designforschung als diskutieren und zu arbeiten bzw. internationale Multiplikatoren Schnittstellendisziplin via Symposien oder Summerschools einladen im Hinblick auf » Ein Design-orientiertes Portal aufbauen oder ein Innovationspotenziale fš rdern vorhandenes erweitern, um für Designer/-innen, Kunden, Investoren etc. zielgruppenspezifische Informationsangebote LŠ ngere Zyklen zur Erlangung von QualitŠ t berŸ cksichtigen zur Verfügung zu stellen (sich an erprobten Beispielen aus dem Ausland orientieren) Meta-Diskussionen zur » Längerfristige Maßnahmen zur Akzeptanz des Designs: Ausrichtung und den Potentialen Nach britischem Vorbild Design im Lehrplan der Schulen der Disziplin anregen verankern. Dort trägt das Lehrfach „Design & Technology“ Kooperation zw. viel zum allgemeinen Verständnis bei. Mittelfristig wären Mikrounternehmen und auch Initiativen wie „Tinkering Schools“, Summercamps für etablierten Playern fš rdern Schüler/-innen, bei denen sie mit Design und Technologie durch eigene Projekte vertraut gemacht werden. Spezialisierung der Messen und Festivals anstreben » Designdisziplinen fördern, die wenig Möglichkeiten zum Fundraising haben, weil sie nicht anwendungsorientiert sind, z. B. Designtheorie. » Fördermaßnahmen in den Bereichen Technologie und Industrie auf die Integration von Design hin prüfen. 48
  • 56. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 9 Zusammenfassung und Ausblick9 Zusammenfassung und AusblickIn Zeiten komplexer struktureller Krisen mit unsicheren Vorhersagebedin-gungen ist es besonders schwierig, allgemeingültige Strategieempfehlun-gen zu geben. Die Studie zeigt, dass gerade unter diesen Bedingungen einspezifischer Prozess der Governance der Designbranche gefragt ist, wel-cher sich durch rekursive Kommunikationsstrukturen auszeichnet. Demzu-folge hat die Studie selbst erste Kommunikatiosplattformen geschaffen unddie dialogische Aktualisierung, Weiterentwicklung und Konkretisierung derErgebnisse bereits während ihrer Ausarbeitung angestoßen. Sie hat somitexemplarischen Charakter für Eingriffs- und Steuerungsprozesse und gehtüber den bekannten Rahmen von Empfehlungsstudien hinaus.Die Ergebnisse der qualitativen Studie zeigen, dass Berliner Designerinnenund Designer ganz wesentlich in ihrem ökonomischen Handeln gestärktwerden können, wenn sie sichtbarer und professioneller an neue Schnitt-stellen herangeführt werden. Bisher wenig beachtete Schnittstellen sind inBerlin dominierende Messen aus anderen Bereichen, wie etwa die GrüneWoche oder die IFA. Weiterhin heißt es, die interne Organisation von Designals heterogene Branche systematisch zu stärken. Die bessere Koordinationund Sichtbarkeit der vielfältigen Designbranche kann senatsintern oderin einem Public-Private-Partnership-Modell vollzogen werden, aber auchin Form von beispielsweise fokussierteren Messen und spezialisierterenAuftritten im internationalen Raum Gestalt einnehmen. Um dem kleintei-ligen Feld der „unternehmerischen Zellen“ und ihren Szenen gerecht zuwerden sollten mehr als bis dato Inkubationsräume mit semiprofessionel-len Unterstützungsmöglichkeiten eingerichtet und initiiert werden. Dieswürde einerseits der Wahrung einer gewissen experimentellen BerlinerDesignsituation Rechnung tragen, wie andererseits schneller als bisher denMarktteilnehmern/-innen die Möglichkeit bieten, professioneller im Marktge-schehen zu agieren.Für die Senatsverwaltung eröffnet die Auseinandersetzung mit der Design-branche und ihren Akteuren perspektivisch die Chance, einen Teilbereichder Kreativwirtschaft exemplarisch zu fördern. Der hier vorgestellte erwei-terte Designbegriff ermöglicht erst die Auffassung von Design als treibendeKraft von Innovationen gerade in nicht-kreativwirtschaftlichen Bereichen.Die Praxis des Policymaking wird sich aber gerade deshalb auf den be-währten Aufbau und die Fortentwicklung von bestehenden Institutionenund Netzwerken konzentrieren müssen. Sie hat die Chance, in einem stetig 49
  • 57. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 9 Zusammenfassung und Ausblickwachsenden Markt neue Akteure zu identifizieren und in Abstimmung mitanderen Ressorts wie Stadtplanung, Wissenschaft und Bildung Marktnetzedurch Projekte temporär zu bündeln. Diese Prozesse sollten aber ebensodurch Marktteilnehmer/-innen und insbesondere durch „starke Unterneh-men“ gestützt werden. Gerade starke Unternehmen könnten dabei Modelledes Pairing anwenden, um existierende Potentiale am Standort Berlin zuverdichten und zu stärken.Der Designbeirat als ein wichtiges Bindeglied zwischen Senatsverwaltungund Marktteilnehmer/-innen hat einige der hier vorgestellten Ansätze für dieAusarbeitung von Empfehlungen bereits weiterentwickelt und konkretisiert.Diese Arbeit gilt es fortzuführen und die getroffenen Akzente zur Stärkungdes Designstandorts Berlin zu verdichten. 50
  • 58. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.1 Berliner Fallbeispiele10 Anhänge10.1 Berliner FallbeispieleHybrid-Plattform auf dem Campus CharlottenburgDas im Entstehen begriffene Hybrid-Programm versteht sich als eine Ko-operationsplattform zwischen der TU Berlin und der Universität der KünsteBerlin auf dem Campus Charlottenburg, die eine institutionalisierte Koope-ration für angewandte und transdisziplinäre Projekte in Lehre, Forschungund Entwicklung durch gemeinsame Formate für beide Universitätenschafft. In Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen und Un-ternehmen soll das Hybrid-Programm explorative, experimentelle Projekte inForschung, Entwicklung und Lehre fördern sowie unterschiedliche Inter-essensgruppen auch außerhalb der Universitäten (wirtschaftliche Partner,öffentliche Institutionen oder Privatpersonen) in den Forschungsprozesseinbinden.Diese neuartige Kooperationsplattform der beiden Universitäten birgt einegroße Chance: Die Technologieentwicklung bereits zu einem frühen Zeit-punkt mit der Prozess- und Anwendungsgestaltung zu kombinieren.Das Hybrid-Programm tritt an, um den aktuellen Diskurs zur Entwicklungund Nutzung neuer, innovativer Technologien voranzutreiben und mit denMethoden und dem Wissen technischer wie gestalterisch-künstlerischerDisziplinen in die Öffentlichkeit (Gesellschaft, Wirtschaft, Politik) zu tragen.Ziel der Verbindung der TUB und der UdK auf der Hybrid-Plattform ist u. a.,Studierende beider Universitäten in einem Perspektivwechsel für zukünftigeberufliche Aufgaben zu trainieren, gemeinsam Antworten und Lösungen si-tuativ anzubieten und innovative Anstöße für die ökonomische Entwicklungzu geben. So könnte das Hybrid-Programm womöglich einen Beitrag zuProdukt- und Verfahrensinnovationen für Unternehmen, insbesondere kleineund mittlere Unternehmen sowie für akademische Ausgründungen leisten.Die Hybrid-Plattform befindet sich in der Konzeptionsphase. 51
  • 59. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.1 Berliner FallbeispieleJovoto.comJovoto ist eine internetbasierte Plattform, die Auftraggeber und eineCommunity von Designern/-innen zusammenbringt. Die Idee zu jovoto ist2006 an der Universität der Künste in Berlin entstanden. Die vom Auslobereingesetzten Gelder zur Entlohnung der Leistung bzw. der Erlangung desweiterführenden Auftrags werden gestaffelt an die Community weitergege-ben. Das so genannte Crowd-Sourcing wird allerdings in der Design-Bran-che sehr kritisch gesehen, weil es oft nur minderkomplexe Aufträge zulässtund es viele Beispiele gibt, (z. B. myHammer, designenlassen.de), die dasPreisdumping für Designleistungen noch anheizen.Die Gründer von Jovoto.com sind selbst Designer und hatten den An-spruch, für faire realistische Bedingungen in ihrer Community zu sorgen.Dazu braucht es ein besonderes Verständnis von Entwicklungsarbeit am sogenannten Community-Management. Mittlerweile steht bei Jovoto der Ide-ationsprozess im Vordergrund und sie begreifen sich eher als Think-Tank.Einige Teilnehmer/-innen an Ausschreibungen arbeiten mittlerweile festangestellt bei Jovoto, etwa als Community-Manager, die ständig Prozesseder Ideengenerierung moderieren und selbst Ideen beisteuern. Jovoto hat2010 eine Filiale in New York City eröffnet.Jovoto ist ein Beispiel dafür, dass die Betrachtung von Design als prozes-sorientierte Disziplin – ob analog oder Web-basiert – und die Erforschungund Vermarktung von Prozess-Tools zukunftsfähig und unternehmerischerfolgreich sein können. Interessant ist dabei auch die Zusammengründungals gemeinsame Initiative von Professoren und studentischem Nachwuchs.Art+ComEines der wenigen großen Büros und global Player in Berlin ist Art+Com,ein Gestaltungsbüro mit Schwerpunkt Neue Medien, das in der Trias Ge-staltung, Forschung und Kunst arbeitet. 1988 initial als Verein in Kooperati-on mit dem Chaos Computer Club von Designern, Künstlern und Medienex-perten in Berlin ausgegündet, hat Art+Com frühzeitig das Potenzial digitalerMedien erkannt und sich in diesem Teilsegment spezialisiert. Heute arbeitetdas Büro national und international sowohl mit großen Unternehmen, alsauch mit institutionellen Auftraggebern/-innen und positioniert sich stark imkulturellen Bereich. Seine Hauptkompetenz sieht Art+Com darin, Inhalte zuübersetzen und zu inszenieren mittels interaktiver Medien und sie u. a. inMuseen, Ausstellungen und Besucherzentren zugänglich zu machen. 52
  • 60. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.1 Berliner FallbeispieleSo entwirft und realisiert das fast 70-köpfige interdisziplinäre Team Projektefür internationale Kunden aus Kultur, Industrie und Forschung. Art+Comsteht hier stellvertretend für die erfolgreiche Verbindung von Gestaltung undForschung im Unternehmen, das Innovationspotenziale rechtzeitig erkanntund langfristig ausgebaut hat.Durch die prägende Rolle von Joachim Sauter, Gründer und VorstandArt+Com und parallel Professor für Gestalten mit digitalen Medien ander UdK Berlin, hat dieser Bereich der Gestaltung mit digitalen Medien inden letzten 15 Jahren die Berliner Szene nachhaltig geprägt. Solch einerDoppelrolle (Art+Com/UdK) kann man zwar kritisch gegenüber stehen,argumentiert man etwa mit einer einseitigen Konzentration auf die Si-cherung des Nachwuchses für Art+Com mittels Lehre bzw. mittels früherAusstattung mit den nötigen Kompetenzen. Das Konzept hat sich jedochals erfolgreich für die Beteiligten wie auch als Standortfaktor in diesemTeilsegment erwiesen: Denn zum Einen lässt Joachim Sauter das Wissenaus seiner unternehmerischen Praxis reflektiert in die Lehre an der UdK ein-fließen, zum anderen werden Absolvierende in ein starkes internationalesNetzwerk integriert, das ihnen – neben dem guten Ruf der „Klasse Sau-ter“ – sehr gute Startchancen bietet. Zahlreiche Absolventen/-innen habendarüber hinaus im Anschluss an das Studium eine Professionalisierung infachlicher Hinsicht wie auch in Bezug auf ihr unternehmerisches Handelnbei Art+Com durchlaufen und arbeiten nun erfolgreich als KMUs in diesemSegment.Dieses Modell verdeutlicht auf spezifischer Weise die ausschlaggebendeRolle mentoring-ähnlicher Verbindungen, die den Marktzugang hochqualifi-zierter Designer/-innen erleichtern.BetahausDas betahaus ist Berlins größtes Coworking-Space. Als flexibles Büro, dasnach dem Prinzip der Staffelung unterschiedlicher Nutzungsgebührengemietet werden kann, stellt das betahaus rein funktional eine Kreuzungzwischen Büro und Café dar und bietet den Nutzern/-innen eine Plattformfür soziale und professionelle Vernetzung. Denn innerhalb des betahaus ar-beiten flexibel bis zu 150 verschiedene kreative Einzelunternehmer/-innen,die sich temporär zu Arbeitsgruppen zusammenschließen und auf dieseWeise entweder Kundenaufträge gemeinsam erfüllen, sich gegenseitigZuarbeiten oder Geschäftsmodelle individuell oder gemeinsam entwickelnund Firmen ausgründen können. Die Kernkompetenz des betahauses be- 53
  • 61. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.1 Berliner Fallbeispielesteht darin, Erwerbstätigen, die kreativ, flexibel und individuell arbeiten, eineangemessene Infrastruktur zu bieten und gleichzeitig als Vernetzungsplatt-form für soziale und professionelle Kontakte zu fungieren.Das Konzept „betahaus“ hat eine wichtige Lücke erkannt und bedienthier den Bedarf: Denn nach der Ausbildung bricht für viele Absolventen/-innen die technische Infrastruktur der Universitäten und Hochschulen samtsozialer Komponenten weg, klassische Arbeitsverhältnisse wie Festanstel-lung folgen eher selten oder finden nur zeitlich begrenzt ihre Auslebung,gleichzeitig ist von einer stabilen Selbstständigkeit jedoch noch nicht zusprechen. Genau hier spielt das betahaus eine wichtige Rolle in dem esermöglicht, auch bei auftragsmäßigen Engpässen und in oben genanntenÜberbrückungsphasen eine kontinuierliche Weiterführung des aus derAusbildung gewohnten flexiblen und unkomplizierten Arbeitens mitunteraußerhalb stabiler Strukturen.Die Initiatoren/-innen des betahaus betonen gerne den Aspekt des pro-zesshaften, unvollständigen und sich in einer ständigen Wandlung und An-passung befindenden „neuartigen“ Ortes, das den immer kürzer werdendenErneuerungszyklen unterworfen ist. Das so genannte betaprinzip bedeutet,dass in kleinen Abständen das betahaus-Konzept an der Realität geprüftund in Bezug darauf verändert bzw. angepasst wird. So wurde beispielswei-se unlängst im betahaus die „Open Design City“ ins Leben gerufen – eineoffene Designprototypen-Werkstatt nach dem kollaborativen Open Source-Prinzip, in der Werkzeuge, Ideen und Wissen geteilt und gemeinsamentwickelt werden können. In diesem Jahr eröffnen weitere betahäuser inHamburg, Lissabon und Zürich.Die Deutschen Telekom LaboratoriesDie so genannten T-Labs sind die zentrale Forschungs- und Entwicklungs-einheit (F&E) der Telekom und An-Institut – eine privatrechtlich organisiertewissenschaftliche Einrichtung – der TU Berlin. Sie wurden 2005 mit demZiel gegründet, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Bereich derInformations- und Kommunikationstechnologie akademisch sowie markt-nah zu entfalten, und beschäftigen mit dieser Zielsetzung heute über300 Expertinnen und Experten aus dem universitären Umfeld wie aus derIndustrie. Auf der akademischen Seite etwa wurden vier Stiftungsprofes-suren an der TU eingerichtet, an deren Lehrstühlen die wissenschaftlichenMitarbeiter/-innen auf Ebene von Postdocs, Doktoranden und studentischenHilfskräften arbeiten. Die T-Labs haben dabei die Kooperation mit der TUBerlin inzwischen auf die Universität der Künste (UdK) Berlin ausgeweitetund integrieren Designforschung explizit in ihr Portfolio. 54
  • 62. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.1 Berliner FallbeispieleWas die T-Labs in diesem Zusammenhang auszeichnet, ist der Anspruch,Innovationen aus dem Design in einen übergreifenden und interdiszipli-nären Entwicklungskontext einzugliedern. Dies geschieht über vielfältigeinternationale Forschungsprojekte mit ausdrücklicher Beteiligung desDesigns. Ein solches Modell der Integration von Designforschung, die engeKooperation zwischen Industrie und Universität und nicht zuletzt das Modellder Forschungsfinanzierung durch einen Industriepartner kann hier alserfolgreiches Rollenmodell für zukünftige Kooperationen gesehen werden.Einerseits können sich Forschende im Design in diesem Kontext platzieren,um ihre Prototypen und Ideen angewandt weiterzuentwickeln und marktreifumzusetzen. Andererseits profitieren interdisziplinäre F&E Projekte von derKompetenz des Designs durch eigene methodische Ansätze, eine star-ke Orientierung am Nutzer und Kunden sowie durch die Fähigkeiten derPrototypen-Umsetzung oder der Visualisierung.Aka-Aki NetworksEin Beispiel für eine junge, vielfach ausgezeichnete Idee aus Berlin ist dasmobile soziale Netzwerk aka-aki. Der Dienst reiht sich in den Trend ein,dem Internet bekannte Social-Networking-Funktionen auf das Mobilgerätzu übertragen. Es entstand aus dem Diplomprojekt der Gründer an der Uni-versität der Künste Berlin und ist seit 2008 online – seitdem nutzen, nachAngaben der Macher/-innen, Hunderttausende den Dienst.Hauptfunktion von aka-aki ist ein Handyprogramm, das, auf dem Telefoninstalliert, Informationen zu anderen Mitgliedern in unmittelbarer Nähe, aberauch außerhalb der Bluetooth-Reichweite anzeigt. Es loggt unterwegs mit,wem man begegnet, zeigt an, wer sich in der Gegend oder in der Stadtbefindet; auf der Website besteht die Möglichkeit, mehr über die Personenzu erfahren, denen man über den Weg gelaufen ist. Weiterhin bietet aka-akiübliche Funktionen wie mit seinen Freunden in Verbindung bleiben, ihnenNachrichten schicken oder Kurzinfos per Onlinestatus mitteilen. Aka-akifand auch bald finanzkräftige Investoren und befindet sich weiterhin aufdem aufsteigenden Ast. Der Dienst ist zwar umstritten, dennoch ein gutesBeispiel für ein Berliner Start-Up. 55
  • 63. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.1 Berliner FallbeispieleDirektorenhausDer Name Direktorenhaus geht zurück auf einen Gebäudetrakt der Staat-lichen Münze in Berlin-Mitte, der jahrelang leer stand. Die gut gesichertenTresoranlagen des Flügels, der 1935 gebaut wurde, waren im 2. Weltkriegnicht nur Lager für geprägtes Hartgeld, sondern auch für Kunstwerke derStaatlichen Museen zu Berlin zum Schutz vor Bombenangriffen. Heute liegtdas Direktorenhaus in der Strasse „Am Krögel 2“ zentral zwischen Alexan-derplatz und Nikolaiviertel, direkt am Ufer der Spree mit Blick auf den altenStadthafen. Das Direktorenhaus ist ein Projekt der beiden Galeristen undIllustrative-Gründer Pascal Johanssen und Katja Kleiss. Getragen wird dasHaus vom Illustrative e. V., einem gemeinnützigen Verein mit Sitz in Berlin.Das gleichnamige Festival gilt seit 2006 als ein Forum für zeitgenössischeIllustration und Grafik. Das Festival, das jährlich ca. 30.000 Besucher an-zieht, fand mehrmals in Berlin sowie Zürich und Paris statt. Seit 2009 ist dieIllustrative Herausgeber des Kunstmagazins „Objects. Journal for AppliedArts”, das die neueren angewandten Künste in Essays, Artikeln und Bilder-strecken untersucht. Das Direktorenhaus soll ein fester Anschauungsort fürdie sog. Neocraft-Art- versus-Design-Debatte fungieren.Planet ModulorPlanet Modulor ist ein (im Entstehen begriffenes) Zentrum für kreativesSchaffen: Mehr als zwei Dutzend Firmen und Projekte sollen sich um dasModulor Kaufhaus ansiedeln. Das Zentrum soll 2011 am Berliner Moritzplatzeröffnen werden. Geplant ist, rund um das Modulor-Sortiment Selbständigemit dazu passenden, innovativen Geschäftskonzepten zu positionieren unddas breite Spektrum an Materialien, Produkten, Dienstleistungen, Lebens-mittel sowie Bildungs-, Informations- und Erlebnisangeboten als ganzheit-liches Angebot zu bedienen. Dieses integrierte Angebotsspektrum für dieArbeit von Architekten, Designerinnen, Modellbauern, Künstlerinnen, Grafik-und Werbeagenturen, Film- und Theaterschaffenden, Köchen u. a. soll alszentraler Treffpunkt der Stadt fungieren und Kooperationen initiieren odererleichtert sowie die Vernetzung fördern. 56
  • 64. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.2 Mitglieder des Designbeirats10.2 Mitglieder des Designbeirats (in alphabetischer Reihenfolge): Mark Braun Matthias Dietz, Schindler Parent Identity Prof. Dr. Christoph Gengnagel, Universität der Künste Berlin Prof. Dr. Holger Hase, Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Cornelia Horsch, Internationales Designzentrum Berlin (IDZ) Prof. Dr. Gesche Joost, TU Berlin, Dt. Telekom Laboratories Ares Kalandides, Create Berlin Barbara Kotte, Scrollan Tanja Mühlhans, Senatsverwaltung für Wirtschaft Joachim Quantz, Art+Com Jörg Schmidtsiefen, Archimedes Solutions Katrin Tobies, Senatsverwaltung für Wirtschaft Prof. Ulrich Weinberg, School of Design Thinking Ingrid Walther, Senatsverwaltung für Wirtschaft10.3 Teilnehmende Interviews und Co-Design-WorkshopBefragte Personen (in alphabetischer Reihenfolge): Tillmann Appel, Appel Design Gallery Christopher Bauder, WHITEvoid interactive art & design Alexander Baumgardt, Independent Design Strategist Luis Berrios-Negron, Künstler/Designer (selbstständig) Prof. Georg-Christof Bertsch, Bertsch.Brand Consultants Nikolas Bourquin, Onlab CH Heike Buchfelder, pluma cubic Sebastian Däschle, DUA 57
  • 65. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.3 Teilnehmende Interviews und Co-Design-WorkshopAlexander Dewhirst, DesignerdockStephan Dornhofer, MagazinTanja Dückers, AutorinLutz Engelke, Triad BerlinEva Engler, Designerin (selbstständig)Katrin Erl, NickelProf. Carl Frech, NEXT AT eGJuli Gudehus, Designerin/Beraterin (selbstständig)Susanna Hertrich, Designerin/Künstlerin (selbstständig)Cornelia Horsch, Internationales Designzentrum IDZProf. Jörg Hundertpfund, Fachhochschule PotsdamCharlotte Kaiser, KaiserMatthesJohannes Kiessler, designkoopPatrick Kochlik, TheProduct*Prof. Barbara Kotte, scrollanJabok Lehr, Designer (selbstständig)Markus Lerner, Designer (selbstständig)Kristin Louis, DesignerdockStefan Mannes, KakoiiLena Marbacher, designtransferHannes Nehls, Designer (selbstständig)Dennis Paul, TheProduct*Dan Pearlman, dan pearlman MarkenarchitekturJens Pieper, Floor5Marc Piesbergen, Hybrid-PlattformJan-Henning Raff, DesignforscherTina Roeder, Designerin (selbstständig)Raphael Rossel, de-layRaban Ruddigkeit, ruddigkeit corporate ideas 58
  • 66. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.3 Teilnehmende Interviews und Co-Design-Workshop Joachim Sauter, Art+Com Sibylle Schlaich, Moniteurs Jörg Schmidtsiefen, ArchiMeDes Alexander Schneider, Camper Hotels Judith Seng, Designerin (selbstständig) Jerszy Seymour, Designer (selbstständig) Jürgen Siebert, Fontshop, Typo Berlin Andreas Sickert, Cultureform Ingo Strobel, motorberlin Mats Theselius, Designer (selbstständig) Prof. Reto Wettach, IxDSTeilnehmende am Co-Design-Workshop(in alphabetischer Reihenfolge): Isolde Frey, moniteurs Lena Hirche, Ilot Ilov Johannes Kiessler, Eckhardt + Kiessler (Designkoop) Marc Piesbergen, Hybrid-Programm UdK/TU berlin Joachim Quantz, Art+Com Anja Rosendahl, Rosendhal Berlin Ilka Schaumberg, designtransfer Joachim Schirrmacher, Büro für strategische Kommunikation Andreas Schneider, Casa Camper Jerszy Seymour, Jerszy Seymour Design Workshop Jörg Suermann, DMY-Destival Tonia Welter, Betahaus Reto Wettach, IxDS 59
  • 67. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.4. Quellenangaben10.4. QuellenangabenBundesministerium für Wirtschaft BMWi (Hg.): „Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland“, For- schungsbericht 577, Berlin 2009Bunz, Mercedes: „Urbane Penner – Meine Armut kotzt mich an“, in: Zitty Berlin, 16.2.-1.3.2006, S. 6-8.Dörre, Klaus/Kraemer, Klaus/Speidel, Frederic: „Prekarität: Ursachen, soziale Folgen und politische Verarbeitungsformen unsicherer Beschäfti- gungsverhältnisse“, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008Ellmeier, Andrea: „Prekäre Arbeitsverhältnisse für alle? Kunst, Kultur, Wis- senschaft als (negative) Avantgarde (alt-) neuer (Erwerbs-)Arbeits- verhältnisse oder Selbständig waren wir ja schon immer“, In: IG Kultur Östereich (Ed.), Wien 2001Erlhoff, Michael/Marshall, Tim (Hg.): „Wörterbuch Design“, Birkhäuser Verlag, Basel 2008Friebe, Holm/Ramge, Thomas: „Marke Eigenbau: Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“, Frankfurt/Main, Campus-Verlag 2008Grabher, Gernot: „Learning in Projects, Remembering in Networks?: Com- munality, Sociality, and Connectivity“, in: Project Ecologies. European Urban and Regional Studies 11 (2), 2004, S. 103-123.Grabher, Gernot: „Ecologies of creativity: The Village, the Group, and the heterarchic organisation of the British advertising industry“, in: Envi- ronment & planning A 33 (2), 2001, S. 351-374.Internationales Design Zentrum IDZ (Hg.): „Designszene Berlin.“ Berlin: Internationales Design Zentrum, Berlin 2003Lange, Bastian: „Die Räume der Kreativszenen. Culturepreneurs und ihre Orte in Berlin“, Transcript Verlag, Bielefeld 2007Lange, Bastian & Bürkner, Hans-Joachim: „Wertschöpfungen in der Krea- tivwirtschaft: Der Fall der elektronischen Clubmusik“, Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 2010, 54 Jg.:1, 46-68. 60
  • 68. Potentialanalyse der Berliner Designbranche 2010 10.4. QuellenangabenMcKinsey Berlin: „Berlin 2020. Unsere Stadt. Wirtschaftliche Perspektiven durch neue Wachstumskerne“, Berlin 2010Mundelius, Marco: „Einkommen in der Berliner Kreativbranche: Angestellte Künstler verdienen am besten“, Wochenbericht des DIW 9, 2009, S. 138-143.Organisation for Economic Co-operation and Development OECD: „Oslo Manual“, Eurostat 2005Sächsisches Ministerium für Wirtschaft und Arbeit, SMWA (Hg.): „1. Kultur- wirtschaftsbericht für den Freistaat Sachsen.“ Dresden 2008Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen, der Regierende Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenhei- ten, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hg): „Kulturwirtschaft in Berlin - Entwicklungen und Potenziale (2. Kulturwirtschaftsbericht)“, 2008Weckerle, Christoph/Gerig, Manfred/Söndermann, Michael: „Kreativwirt- schaft Schweiz - Daten, Modelle, Szene“, Birkhäuser Verlag, Basel 2007 61
  • 69. Deutsche Gesellschaft fŸ r Designtheorie und -forschung e. V. (DGTF) www.dgtf.de Kontakt: mail@dgtf.de
  • 70. Strategie DeSignfür Die wirtSchaft in Berlin Senatsverwaltung für wirtschaft, technologie und frauen landesinitiative Projekt Zukunft v
  • 71. Strategie für Die DeSignwirtSchaft in Berlin warum Design? wie werden die Designbranche und darüber hinausgehende Branchen in der statistischen abgrenzung, die dem Berliner kul- in die entwicklung der Strategie turwirtschaftsbericht zugrunde liegt, umfasst die De- signbranche lediglich 1,1 Prozent der erwerbstätigen eingebunden? der Berliner creative industries. Die Bedeutung der De- signwirtschaft ist jedoch wesentlich größer, wenn man Die einbindung relevanter akteure der Designbran- sie als Schnittstellenbranche, ideentreiber und -genera- che erfolgte von Beginn an in einem offenen, interak- tor für andere Branchen ansieht. Denn neben der ge- tiven Prozess. Die Branche konnte sich bereits während staltung von Produkten bietet die Designbranche auch der erarbeitung der Potentialanalyse in verschiede- Methoden für prozessorientierte analysen, transdiszip- nen workshops, interviews, expertendiskussionen so- linäres arbeiten und die gestaltung von Dienstleistun- wie im rahmen eines öffentlichen Zukunftsgesprächs gen und liefert damit wichtige impulse für innovation am 17.11.2010 aktiv einbringen. Zudem begleitete ein und wachstum innerhalb des kreativbereichs sowie 15-köpfiger expertenbeirat, bestehend aus vertretern darüber hinaus auch in anderen industriezweigen und von Unternehmen, hochschulen und forschungsein- technologiegetriebenen kompetenzfeldern (z. B. Bio- richtungen, der netzwerke und der verwaltung, die ent- technologie, Medizintechnik, verkehr & Mobilität, ener- stehung der Potentialanalyse und der Designstrategie. gietechnik, ikt, optische technologien). Der auftrag zur erstellung einer Potentialanalyse sowie die darauf Der lenkungskreis zum cluster kommunikation, Me- aufbauende Designstrategie des landes legen die- dien, kulturwirtschaft, der von wirtschaftsenator ha- sen erweiterten ansatz – Design nicht nur als Produkt-, rald wolf geleitet wird, hat bereits die Umsetzung ers- sondern auch als Prozessgestaltung zu verstehen – ter gemeinsam entwickelter Maßnahmen beschlossen. zugrunde. Die Bewertung der wichtigsten handlungsfelder und notwendiger infrastrukturmaßnahmen wird mit den Beiratsmitgliedern sowie in workshops mit der Branche und anderen kompetenzfeldern weiterhin diskutiert und die ansatzpunkte im Zuge dessen konkretisiert und verfeinert. hierfür sind künftig weitere geeignete formate und wege zu konzipieren, über die es der Bran- che möglich ist, sich entsprechend zu artikulieren und aktiv einzubringen.vi
  • 72. Potentialanalyse kurzgefasst gestaltung von industrieprodukten, bei informations- und wegeleitsystemen oder als Dienstleistungen für die Bürger im öffentlichen Stadtraum. Die erforderlicheBerliner Design hat in den letzten Jahren eine erfolgs- enge vernetzung mit innovativen, technischen Bran-geschichte geschrieben, die mit den worten authen- chen, mit der industrie und mit anderen kreativberei-tisch, innovativ, überraschend gekennzeichnet werden chen ist in Berlin bisher nicht in ausreichendem Maßekann. Die Stadt gilt als idealer experimentierraum für vorhanden. Die analyse stellt fest, dass den ansässigenkreative Prozesse, Produkte und Praktiken. als beson- Designerinnen und Designern bisher insbesondere diedere eigenschaft gilt die transdisziplinäre ausrichtung, verbindung zur hightech-Branche fehlt.speziell die nähe zur freien kunst; daraus erwächst einebesondere Berliner Stärke, nämlich das autoren- und historisch bedingt existieren in Berlin keine starken Be-konzeptdesign, also die Produktion von einzelstücken. ziehungen zum produzierenden gewerbe vor ort. auf- grund der relativ geringen Binnennachfrage ist der fo-typisch für Berlin sind selbst organisierte initiativen wie kus vieler Designunternehmen eher auf die gewinnungehemals Designmai, kollaborative räume (z. B. Beta- nationaler und internationaler auftraggeber gerichtet.haus, Planet Modulor), neue formen der Zusammenar-beit zwischen handwerk, Design und entwicklung (z. B. gerade bei kleinen Start-ups im ProduktdesignbereichDesign reaktor), partizipative Designmethoden (open ist es verbreitet, dass die jungen akteurinnen/akteureDesign, Design thinking) und nachhaltiges Design. ihre berufliche Zukunft überwiegend in der entwick- lung von kleinserien mit verkauf über galerien sehen.Design in Berlin ist eine relativ junge und kleinteilig in Die eigene tätigkeit wird häufig als künstlerischer Pro-Szenen organisierte Branche. Sie ist nicht aus einer tra- zess beschrieben; kontakte mit herstellern und ver-ditionsreichen Produzenteninfrastruktur heraus ge- trieben in Deutschland und darüber hinaus sind aberwachsen wie in Mailand oder aus der konzentration von – mit ausnahme der agenturen im Bereich corporateUnternehmen in der hauptstadt wie in london und Pa- Design, Pr und interface Design – eher selten. Der Zu-ris, sondern aus dem unerschöpflichen Pool an talenten gang zu größeren aufträgen ist wegen der schwachenund nachwuchskräften der Berliner Designuniversitä- eigenkapitalsituation, der langen vorlaufzeiten vonten. Dies, zusammen mit dem hohen grad an Selbstor- entwicklung bis zu vermarktung und der fehlenden Zu-ganisation der Branche, bringt es mit sich, dass Design gänge in auslandsmärkten kaum möglich. häufig fehltin Berlin keinen allseits anerkannten zentralen ort oder es zusätzlich an dem nötigen betriebswirtschaftlichenkeine institution mit internationaler Strahlkraft besitzt, know-how. Die bereits international agierenden Unter-die als universelle anlaufstelle für Designakteure in und nehmen in Berlin bringen sich aus Sicht der gutachteraußerhalb der Stadt wahrgenommen wird. bisher zu wenig in den brancheninternen Diskurs und in infrastrukturstärkende Maßnahmen am Standort ein.trotz der ansätze für kooperative Projekte bei dem De-signnetzwerk create Berlin gemeinsam mit dem iDZ fin-det sich keine starke interessenvertretung, die kleinereund größere Designunternehmen der unterschiedli- Ziele und akteure derchen Disziplinen bündelt, deren interessen gegenüber Designstrategieder Politik und verwaltung vertritt und als Sprachrohrfungiert. Das Ziel der Designstrategie ist es, die wirtschaftlichePotentialanalyse und Strategie richten ihren fokus ins- kraft und das innovationspotential der Designbranchebesondere auf die prozesshaften und interdisziplinären in Berlin zu stärken und gezielt zu fördern: erstens in-Qualitäten der Designbranche und ihrer akteure. für nerhalb der Branche selbst, zweitens an den Schnittstel-Politik und wirtschaft ist es wichtig, sich bewusst zu ma- len zu wissenschaft, technologie und wirtschaft, undchen, dass Design ein großes innovationspotential für drittens über die grenzen Berlins hinaus im nationalenviele andere Branchen birgt und in vielerlei verkleidung und internationalen kontext.auch in anderen kontexten auftritt, so beispielsweiseals interface-Design in interaktiven Systemen, bei der vii
  • 73. Die Stadt Berlin und seine Designszene stehen für das dung sowohl entlang der wertschöpfungskette als auch neue. Berlin gilt als die Metropole, in der kontinuierlich zwischen kleinen und großen Designunternehmen, das neues entsteht und die kompetent ist, neues erfolg- ausbauen von Beratungs-, informations- und Professio- reich zu etablieren. Dieses leitbild gilt es zu festigen nalisierungsangeboten, das anpassen von förder- und und auszubauen. gerade Berlin hat durch seine histo- finanzierungsinstrumenten auf die unternehmerischen rie immer wieder Umbrüche und krisen erlebt, die dazu Bedarfe der kreativunternehmer sowie das ermögli- beigetragen haben, dass sich die kreative und künstle- chen von designspezifischen räumlichkeiten. rische Szene hier so widerstandsfähig etabliert hat. Die- ses leitbild, das von unten her entstanden ist, soll mit andererseits ist es das Ziel, die Designszene auch sze- der Designstrategie gefördert und unterstützt werden, nen- und disziplinenübergreifend zu stärken, u. a. in- um neues nachhaltig entstehen zu lassen und an wirt- dem Designschaffende mit anderen wirtschaftsbran- schaftswachstum zu koppeln. chen vernetzt sowie technische und gestalterische hochschulen stärker verzahnt werden. aus Sicht der wirtschaftsverwaltung geht es deshalb hinsichtlich einer Stärkung der innovations- und wirt- Darüber hinaus gilt es, die disziplinäre entwicklung der schaftskraft der Berliner Designbranche insbesondere Designwirtschaft in allen Phasen der wertschöpfungs- darum, kette zu fördern, und zwar sowohl in der forschung und entwicklung als auch in der entwicklung von Produkten 1. branchenintern die arbeitsbedingungen für Start- aus Prototypen (z. B. durch tandems zwischen kleinen ups und Mikrounternehmen zu verbessern, die clus- und großen Unternehmen). ebenso ist die vernetzung terbildung zu stärken, Professionalisierungs- und mit der wissenschaft zu stärken und Designforschung wachstumsoptionen aufzuzeigen, dabei die vielfalt dabei als eine Schnittstellendisziplin im hinblick auf in- der Berliner Designbranche zu erhalten und nach novationspotentiale zu fördern. wegen zu suchen, wie die neuen und qualitativ bes- ten ansätze besser identifiziert und gefördert wer- Um diese Ziele erreichen zu können, ist der enge aus- den können; tausch der Berliner wirtschaftsverwaltung mit den ak- teuren der Branche eine grundlegende voraussetzung. 2. branchenübergreifend die Bedeutung von Design Daher wird die entwicklung und fortschreibung der für die Berliner gesamtwirtschaft und für neue, inno- Designstrategie als ein kollaborativer und partizipativer vative, produktive Prozesse noch sichtbarer werden Prozess aufgefasst, in welchem sich akteure informie- zu lassen und dementsprechend die Zusammenar- ren und artikulieren, um gemeinsame Maßnahmen zu beit der Designbranche mit industrie und anderen initiieren und aktiv mit umzusetzen. Dieser Prozess des Berliner kompetenzfeldern zu unterstützen; austausches soll die akteure der Branche aktivieren, ihre eigenen kräfte zu mobilisieren und ideen zu ver- 3. regionsübergreifend die auszeichnung als „UneSco wirklichen, zu denen der Berliner Senat mit Unterstüt- city of Design“ sowie das internationale netzwerk zung und Stimuli beitragen kann. stärker zu nutzen, um „Design aus Berlin“ als national sowie international bekannte Qualitätsmarke aufzu- Die weiterentwicklung und Umsetzung der Designstra- bauen. tegie richtet sich daher nicht nur an Politik und verwal- tung, sondern sie adressiert insbesondere die netzwer- für die wirtschaftsverwaltung steht – ungeachtet der ke, institutionen, verbände und die einzelnen akteure. Bedeutung von Design als imagefaktor – die Stärkung vertreter und Mitglieder der Berliner Designszene sind des wirtschaftlichen Potentials der Branche sowie ihres damit ausdrücklich zur Mitarbeit aufgerufen. Zusammenspiels mit weiteren kompetenzfeldern Ber- lins im vordergrund. Die herausforderung besteht darin, ein gemeinsames verständnis dafür zu entwickeln, welche handlungsfel- Daher ist es einerseits das Ziel, die rahmenbedingun- der für die wirtschaftliche Stärkung der Designbranche gen so zu verbessern, dass die Designszene in sich am wichtigsten sind und wie diese umgesetzt werden selbst gestärkt wird. Dazu gehören u. a. eine bessere sollen. brancheninterne vernetzung, eine stärkere clusterbil-viii
  • 74. hierfür bedarf es geeigneter formate, die entsprechen- gewährleisten und zugleich die Selbstorganisationde austausch- und abstimmungsprozesse zwischen der Branche zu stärken. eine stärkere Zusammenar-Senat und Branche ermöglichen. Die Schnittstellen beit der netzwerke wird im Sinne der Designbranchezur kommunikation und Partizipation müssen bewusst auch deshalb angeregt, um informations-, kommu-adressiert und gestaltet werden. Dazu brauchen wir nikations- und Partizipationswege zwischen BrancheMedien der transparenten kommunikation und Mit- und wirtschaftsverwaltung bewusst öffnen und ge-gestaltung, auch über eine einbindung der sozialen stalten zu können. ob ansätze wie das Design coun-netzwerke. cil in amsterdam oder informelle kooperationsfor- men gewählt werden sollen, ist der Diskussion deres bedarf für die zielgerichtete gestaltung eines partizi- akteure der Designbranche zu überlassen.pativen Prozesses aber auch einer klaren abstimmung Federführung: Netzwerke und Institutionen der Designbrancheder interessen innerhalb der Designszene. Die Senats-verwaltung für wirtschaft regt deshalb an, dass die Maßnahme: Forum der Berliner Kreativ- undnetzwerke der Branche diese rolle der interessensbün- Designnetzwerkedelung und -kommunikation verstärkt unterstützen es wird angestrebt, die Berliner kreativnetzwerke,und dabei auch Diskussionen zur ausrichtung und zu darunter netzwerke und institutionen im Designbe-den Potentialen der Disziplin anregen. Bislang funktio- reich, in einem gebäude zu verorten, um Synergiennieren die netzwerke in Berlin noch zu wenig als trans- stärker zu nutzen und die gemeinkosten zu reduzie-missionsriemen; weder beim aufgreifen und Bündeln ren. eine solche anlaufstelle sollte um gemeinschaft-von interessen innerhalb der Branche noch beim ver- lich genutzte flächen für ausstellungen und Präsen-treten und übermitteln von Brancheninteressen gegen- tationen ergänzt werden.über verwaltung und Politik. Daher gilt es, auch inner- Federführung: Netzwerke und Institutionen der Designbranche Partner: SenWTFhalb der Designszene geeignete Medien und formatezu schaffen, die die austausch- und abstimmungspro-zesse zwischen den Designakteuren untereinander vor-  Information, Beratung und Professionalisierungantreiben. hierzu ist eine stärkere Zusammenarbeit der für Start-ups, Freelancer und Mikrounternehmennetzwerke im Sinne der Designbranche erforderlich. Maßnahme: „Design Business Toolkit“ für Gründungen im Designbereich auf den webseiten www.creative-city-berlin.com, von ihk, iBB, Projekt Zukunft etc. werden gebündel-handlungsfelder te informationen eingestellt, die hilfe für gründun- gen in den verschiedenen Designdisziplinen bieten. ansätze für solche Business toolkits gibt es bereits1. Brancheninterne DiMenSion bei der ihk Berlin mit den sogenannten „Branchen- merkblättern“ zur gründung von galerien, Pr-agen- Koordinierung, Kooperation und Vernetzung turen, werbeagenturen und verlagen. Federführung: IHK Berlin in Kooperation mit SenWTF Maßnahme: Interessenbündelung in der Designbranche Maßnahme: Verbesserung des Informationspor- Die Designbranche muss die interessen der unter- tals „Creative City Berlin“ schiedlichen Designdisziplinen stärker bündeln und Das Portal creative city Berlin, das bereits jetzt sehr gebündelt kommunizieren. Die Zersplitterung in stark von der Designbranche genutzt wird, wird zahlreiche netzwerke und institutionen entspricht überarbeitet und weiter ausgebaut. ab 2011 werden zwar der heterogen geprägten Szene, erschwert der die Präsentationsmöglichkeiten verbessert, indem Branche jedoch, in Politik und verwaltung gehör zu die nutzerinnen und nutzer u. a. zusätzliche Bildda- finden. gefordert ist deshalb eine bessere und stär- teien zu ihren Profilen einstellen können. Durch eine kere abstimmung der Berliner Designnetzwerke/-in- stärkere kooperation mit den Berliner Designnetz- stitutionen untereinander, um somit eine gemeinsa- werken soll darüber hinaus die aktualität des Portals me artikulation und starke interessenvertretung zu sichergestellt werden, Des weiteren sollen die infor- iX
  • 75. mationen für die Designbranche über förderpro- wissenschaftseinrichtungen durch die integration gramme und Unterstützungsangebote in kooperati- von Designmethoden zu stärken. on mit der Branche nutzergerecht gestaltet werden. Federführung: SenWTF Ziel ist es, die angebote zielgruppenspezifischer auf- zubereiten und damit für die Branche zugänglicher  äumlichkeiten für die Designwirtschaft R zu machen. Federführung: Kulturprojekte GmbH Maßnahme: Aufbau eines Design Hub Partner: SenWTF, Senatskanzlei (Abt. Kultur) als anlaufstelle für die Designbranche wie auch als internationales aushängeschild für zeitgenössisches Maßnahme: Aufbau eines Urheberrechtsportals Design in Berlin wird die gründung eines sogenann- für die Kreativwirtschaft ten Design hub angestrebt. es könnte sich dabei um Der Schutz der rechte an geistigem und gewerb- einen Mix aus Büros für Designer, werkstätten für de- lichem eigentum ist ein zentraler faktor für die signorientiertes handwerk, Showrooms, think tanks kreativwirtschaft. Der Bedarf an wissen und Qua- und labors kleiner und großer Unternehmen sowie lifikation sowie an Beratung zu allen aspekten Präsentationsflächen für international relevantes des Urheberrechts steigt. Bisher bieten lediglich Design aller Disziplinen handeln. Die Mischung aus verbände und vereine informationen an, häufig kommerziellen und nicht-kommerziellen Mietern so- nur unzureichend und nicht adressatengerecht. wie Unternehmen der verschiedensten wertschöp- Die Senatsverwaltung für wirtschaft prüft, ob nach fungsstufen – von ideenentwicklung über Produk- dem vorbild der englischen Plattform „own it“ ein tion bis zu Präsentation und vermarktung – würde internetportal für information und Beratung zum kreative kraft entwickeln. gleichzeitig wäre eine aus- thema Urheberrecht und geistiges eigentum in der stellungsfläche für zeitgenössisches Design attraktiv kreativwirtschaft aufgebaut werden kann. für Berlinerinnen und touristinnen. Federführung: SenWTF Federführung: SenWTF/SenStadt ev. in Kooperation mit Liegen- schaftsfonds  örderung und Finanzierung F 2. BranchenüBergreifenDe DiMenSion Maßnahme: Ausweitung der Förderleistungen beim „Transfer BONUS“  ernetzung mit Technologie, Industrie V es wird angestrebt, das Programm „transfer BonUS“, und Forschung mit dem bisher der technologie- und wissenstrans- fer zwischen Unternehmen und forschungseinrich- Maßnahme: Interdisziplinärer Wettbewerb tungen in Berlin gefördert wird, auch auf die Zusam- zu innovativen Produktideen menarbeit innovativer firmen mit Designer/innen 2011 plant die landesinitiative Projekt Zukunft einen auszuweiten. Damit soll ein instrument geschaffen breit angelegten wettbewerb, über den die besten werden, mit dem innovative kleine und mittlere Un- ideen für gemeinschaftliche Produktentwicklungen ternehmen einen Zuschuss für Designleistungen (bestenfalls unter verwendung innovativer Materia- (u. a. Designforschung, Designmethoden) in einem lien/werkstoffe) zwischen Designbranche und Un- frühen Stadium des innovationsprozesses in an- ternehmen bzw. forschungseinrichtungen der üb- spruch nehmen können. rigen Berliner kompetenzfelder (Biotechnologie, Federführung: SenWTF Medizintechnik, verkehr & Mobilität, energietechnik, ikt, optische technologien) prämiert werden. Die Maßnahme: Anpassung von Innovations- gemeinschaftlich entwickelten Prototypen und lö- förderprogrammen sungsansätze können dann im folgejahr Bestandteil Soweit möglich und sinnvoll, sollen Designleistun- von auslandspräsentationen, be Berlin-kampagnen gen künftig im rahmen der innovations- und tech- und der wanderausstellung des iDZ Berlin zu indust- nologieförderung des landes Berlin berücksichtigt rial Design sein. werden. Ziel ist es, die forschungs- und entwick- Federführung: SenWTF Partner: Designbeirat, Netzwerke und IHK Berlin lungsaktivitäten von ansässigen Unternehmen undX
  • 76. Maßnahme: Hybrid-Projekt – interdisziplinäre 3. regionSüBergreifenDe DiMenSionPlattform für Technologie und DesignDie hybrid-Plattform von Udk und tU bildet eine  rschließung internationaler Märkte ESchnittstelle zwischen wissenschaft, gestaltung,kunst und wirtschaft, lehre und forschung. es Maßnahme: Verbesserung deswerden interdisziplinäre und multiperspektivische AußenwirtschaftsförderprogrammsProjekte auf dem campus charlottenburg mit Be- Die Messegemeinschaftsstände haben sich als inst-teiligten aus beiden Universitäten, anderen for- rument zur erschließung neuer Märkte insbesondereschungseinrichtungen sowie Unternehmen geför- für junge Designerinnen und Designer bewährt. imdert. für diese Projekte im Spannungsfeld zwischen rahmen der derzeit seitens des außenwirtschafts-technologie und gestaltung ist die hybrid-Plattform förderreferats begonnenen evaluierung besteht dieeine gut vernetzte kommunikationsplattform, eine Möglichkeit, das förderprogramm „neue Märkte er-kompetente Beratungs- und koordinationseinheit schließen“ und die zugrunde liegende richtlinie bes-sowie die infrastruktur zur erschließung des gesam- ser auf die Bedürfnisse der kreativwirtschaft auszu-ten campuspotentials. Die Plattform verbindet Stu- richten.dierende, lehrende, forschende und expertinnen Federführung: SenWTFaus Unternehmen und bietet für sie raum zum ex-perimentieren über die grenzen einzelner Diszipli- Maßnahme: Industriedesignausstellungnen hinweg. als ideenlabor und Zukunftswerkstatt im rahmen des wettbewerbs iD industrial Designsollen aus den Projekten der hybrid-Plattform neu- competence des iDZ Berlin – kofinanziert durchartige und überraschende lösungen auf frage- und die landesinitiative Projekt Zukunft – werden dieProblemstellungen hervorgehen. Darüber hinaus 20 überzeugendsten und innovativsten industrie-geht es auch um die erprobung neuer und bisher un- designprodukte Berlins von einer expertenjury aus-bekannter formen des Zusammenarbeitens und um gewählt. Diese Produkte sollen im Jahr 2011 aufdie weiterentwicklung interdisziplinärer lösungs- industriemessen, aber auch im rahmen von aus-ansätze. Berlin verfolgt damit einen international landspräsentationen der be Berlin-kampagne ge-erfolgreichen ansatz: Die technologieentwicklung zeigt werden. abgesehen von der gesamtaus-wird bereits zu einem frühen Zeitpunkt mit der Pro- stellung soll die Möglichkeit bestehen, modulhaftzess- und anwendungsgestaltung kombiniert. nur Produkte einzelner kategorien wie „Mobiliät/lo-wenige andere orte in europa haben eine vergleich- gistik“, „lifescience/Medizintechnik“, „consumerbar gute ausgangsposition wie der campus charlot- electronics“ für weitere ausstellungen einzusetzen.tenburg. Das erfolgreiche Modell des „Design reak- Zielsetzung der ausstellung ist es, herausragen-tor Berlin“ kann hier ein wegweisender ansatz sein, de angewandte Produkte zu zeigen, die eine hoheum neue kooperationen entstehen zu lassen. Qualität (innovationsfaktor, gestaltungshöhe, nach-Federführung: UdK und TU sowie SenWTF haltigkeit) aufweisen, die verbindung zu anderen industriebranchen verdeutlichen und dem internati-Maßnahme: Vernetzung mit Wirtschaft und onalen vergleich standhalten. Damit soll das imageForschung von Berlin als Stadt des Designs gefestigt werden.Die vernetzung zwischen Designerinnen und Desi- Berlin soll nachhaltig als Standort für innovativesgner mit den akteuren der anderen Zukunftsfelder und professionelles industrie- und Produktdesignund der wissenschaft soll vorangetrieben werden. positioniert werden. Die ausstellung ergänzt die Prä-geplant sind netzwerkveranstaltungen und Speed- sentationen zur „industriestadt Berlin“ von be Berlindatingbörsen, um akteure der Branchen miteinan- und soll damit zugleich die ansiedlung von designo-der in kontakt zu bringen und um good-Practice- rientierten industrieunternehmen unterstützen.Beispiele vorzustellen. im fokus steht die vernetzung Federführung: IDZ in Kooperation mit SenWTF/Berlin Partnermit den Berliner clustern gesundheitswirtschaft,transport/Mobilität, Umwelt/energie und ikt. Maßnahme: UNESCO City of Design-NetzwerkFederführung: Institutionen und Netzwerke der Berliner Das UneSco creative cities-netzwerk besteht inzwi-Designwirtschaft schen aus über 20 Städten, von denen neun den ti- tel „city of Design“ tragen (Buenos aires, Shenzhen, Xi
  • 77. Shanghai, St etienne, Montreal, kobe, nagoya, ka- nazawa). aus wirtschaftlichem Blickwinkel sind die Städte Buenos aires (tor zu Südamerika), Shenzhen/ Shanghai (Produktion/Distribution) und nagoya (kooperation Design mit industriebranchen) beson- ders interessant. Das fundament für kooperations- projekte der cities of Design legten der gemeinsa- me Plakatwettbewerb coDe sowie die workshops in Buenos aires im oktober 2010. als weitere gemeinschaftsaktivitäten sind ange- dacht: – die Öffnung aller Designwettbewerbe aller Städte für teilnehmerinnen und teilnehmer aus anderen cities of Design, – die Bereitstellung eines permanenten, zentral ge- legenen Showrooms mit regelmäßigen Design- ausstellungen anderer cities of Design (roadshow industriedesign-ausstellung), – ggf. die ausschreibung eines wettbewerbs zu je- weils stadttypischen Souvenirs und geschenken. Federführung: SenWTF in Kooperation mit Netzwerken  usätzliche PR- Maßnahmen Z Maßnahme: Kommunikation von Best-Practice-Beispielen Die Designbranche Berlin hat bereits zahlreiche er- folgsprodukte in allen Designdisziplinen hervor- gebracht, die in kooperation mit internationalen Produzenten exportiert werden oder gemeinsam mit innovativen Unternehmen anderer Branchen entstanden sind. Dies ist aber in industrie, gesell- schaft und auch in der Designbranche selbst viel zu wenig bekannt. über die informationsmedien von Projekt Zukunft (website, newsletter) und anderen soll deshalb monatlich erfolgreiches und innovati- ves Design aus Berlin (z. B. Produkte und entwick- lungskooperationen aus der toP20 des laufenden iD competence wettbewerbs des iDZ Berlin) vor- gestellt werden. Präsentiert werden Designerinnen und Designprodukte, die international erfolgreich sind und eine verbindungen zu anderen kreativ- branchen (z. B. games Design, it Design, Sound De- sign, Public Design etc.) oder industriellen kompe- tenzfeldern (Medizintechnik, lichttechnik, energie etc.) aufweisen. angedacht ist hierfür eine regiona- le Medienpartnerschaft, um die erfolgsgeschichten von herausragenden „hidden champions“ in der breiten Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Federführung: SenWTFXii
  • 78. iMPreSSUMHerausgeber:Senatsverwaltung für wirtschaft,technologie und frauenlandesinitiative Projekt ZukunftMartin-luther-Str. 10510825 Berlintel.: 030/9013-7477fax: 030/9013-7478e-Mail: projektzukunft@senwtf.berlin.dewww.projektzukunft.berlin.deDie „Potentialanalyse der BerlinerDesignwirtschaft“ wurde von derDeutschen gesellschaft für Designtheorieund -forschung e. v. (dgtf) imauftrag der Senatsverwaltung fürwirtschaft, technologie und frauenerarbeitet (november 2010)Gesamtgestaltung undÖffentlichkeitsarbeit:index agentur gmbh Berlintel.: 030/390 88 300projekt-zukunft@index.deStand: april 2011 EUROPÄISCHE UNION Europäischer Fonds für regionale Entwicklung Investition in Ihre Zukunft! Xiii
  • 79. www.projektzukunft.berlin.de