Dokumentation jahreskonferenz 2010
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Alle Beiträge, alle Diskussionsgruppen - das Thema Singen bei der Jahreskonferenz Musikland Niedersachsen 2010

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Dokumentation jahreskonferenz 2010 Dokumentation jahreskonferenz 2010 Document Transcript

  • JahreskonferenzMusikland Niedersachsen20105. Treffen MusikvermittlungsteamHerausforderung Musikvermittlung -Werkstatt des Musikvermittlungs-teams zu Hürden im ArbeitsalltagModeration: Anne Benjes, MusiklandNiedersachsenDas Treffen fand am Vormittag des er-sten Tages der Musikland Jahreskonfe-renz 2010 in der Landesmusikakademie Sie sprach von Nöten und Freuden in derNiedersachsen in Wolfenbüttel statt. Mit Kooperationsarbeit. Wichtig sei es, zweieinem Rückblick auf die Aktionswoche grundlegend verschiedene Herange-Ohrenschmaus, welche vom 20. – 26. hensweisen in der Arbeit mit Koope-September 2010 stattgefunden hatte, rationspartnern zu unterscheiden: Ent-wurde die Sitzung eröffnet. Frau Benjes weder eine gute Idee ist vorhanden, zustellte fest, dass die landesweite Medien- der der passende (ggf. neue) Kooperati-aufmerksamkeit z. B. durch das NDR onspartner gesucht wird oder man gehtFernsehen vielen Projekten zugute kam. von einem langjährigen bewährten Part-Die Woche wurde vom Musikland- ner aus und kreiert das passende Pro-Filmteam begleitet. Ein Video- jekt, z.B. bei veränderten Rahmenbedin-Zusammenschnitt der Projekte ist auf gungen (Bsp. Ganztagsschulen).der Musikland-Homepage einsehbar. DerWunsch nach einer Fortführung einer Nach dieser Unterscheidung gebe essolchen Aktionswoche wurde ausgespro- mehrere Punkte, die die Kooperationsar-chen, wenn möglich zukünftig mit mehr beit erleichtern könnten: Einen Koopera-Kooperationspartnern und Projekten. tionsvertrag, der langjährig oder für ein- zelne Projekte geschlossen wird, könneDie eigentliche Sitzung widmete sich die Ziele klar formulieren und somit Fra-Hürden der Musikvermittlung im Arbeits- gen wie die Finanzierung, die Dokumen-alltag: möglichen Schwierigkeiten in der tation und Präsentation schon im VorausZusammenarbeit mit Kooperationspart- klären. Als weitere Hürden nannte Kahl-nern, Fragen nach Zielgruppen sowie der mann logistische Fragen wie die Bereit-Stellung und Funktion von Musikvermitt- stellung von Instrumenten, Transportfra-lung innerhalb der eigenen Organisation. gen, den Austausch von KontaktdatenVier Impulsreferate aus dem Team ga- (beispielsweise mit LehrerInnen und El-ben Einblick in die unterschiedlichen Er- tern) sowie Zeit und Ort einer Veranstal-fahrungen auf diesem Gebiet und stan- tung. Diese Fragen im Voraus zu klären,den stellvertretend für die jeweilige Hür- könne Kollisionen mit Konkurrenzveran-de. Sie gaben Anlass zum Gespräch. staltungen und plötzliche Überraschun- gen vermeiden. Als Tipp riet Kahlmann,Für die „Zusammenarbeit mit Kooperati- auch bei guter Organisation flexibel zuonspartnern“ gab Denise Kahlmann von bleiben sowie, wenn möglich, DozentIn-Musik in Hainholz/Musikzentrum Hanno- nen, LehrerInnen oder Eltern in organi-ver einen Einblick in ihre Arbeit. satorische Fragen einzubinden. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – Protokoll 5. Treff Musikvermittlungsteam – Seite 1 von 3
  • Das zweite Impulsreferat zur Hürde „Ko- dung unterschiedlicher Ensembles undoperationspartner“ wurde von Martin Chöre der Region, aber auch nicht direktHeubach und Ruth Emanuel von Concer- mit Kulturveranstaltungen in Verbindungto Gandersheim gehalten. gebrachte Partner, etwa Cafés oder örtli-Concerto Gandersheim war durch die che Vereine wie die Feuerwehr. LetztereGründung eines Trägervereins zusätzlich bringen kulinarische Kompetenzen oderzum kirchenmusikalischen Angebot der Erfahrungen im Organisieren von örtli-Gemeinde Bad Gandersheim in Südnie- chen Festen mit. Durch die Schaffungdersachsen entstanden. Die letzten zehn neuer Kooperationen kann gleichzeitigJahre galt die Arbeit allen möglichen Mu- auch ein erweitertes Publikum angespro-sikern, vom Kinderchor bis zum profes- chen werden.sionellen Vokalensemble. Martin Heu-bach ist Intendant der Gandersheimer Hilfreich für den InformationsaustauschDommusiken. und für die Vernetzung von Kulturveran- staltern könne ein Runder Tisch nach Art der „Hauptsache Kultur“-Treffen in Bad Gandersheim sein. Heubach nannte hier die klaren Vorteile für den ländlichen Raum, sich auszutauschen und gegebe- nenfalls ein gemeinsames Marketing zu betreiben. Die Idee, den regionalen Tou- rismus durch Kulturveranstaltungen zu fördern, biete neue Möglichkeiten der Kooperationen auf dem Land.Ausgehend von den Internationalen Abschließend für die Hürde Kooperati-Gandersheimer Dommusiktagen sprach onspartner wurde der Wunsch nach ei-Heubach vom Vorteil eines solchen Festi- nem verstärkten Erfahrungs- und Infor-vals für örtliche Kulturveranstalter auf mationsaustausch der Musikvermittlerdem Land, das auch kleineren Veranstal- untereinander angesprochen. Ein ge-tern Aufmerksamkeit bringe, die sie meinsamer Verteiler wurde angeregt,sonst nicht hätten. woraufhin Frau Benjes auf Hans Walter vom Referat „Musikalische und künstleri-Die Kooperationen betreffend, setzt sche Bildung“ des NiedersächsischenHeubach in seiner Arbeit darauf, Kompe- Kulturministeriums verwies, welcher in-tenzen des jeweiligen Partners zu er- teressierte Musiklehrer regelmäßig mitschließen und zu nutzen, was Synergie- Informationen versorgt und über einenEffekte mit sich bringe. Kooperationen funktionierenden Verteiler verfüge. Einmit der Wirtschaft beispielsweise bieten Terminabgleich, wie es beispielsweiseoftmals finanzielle Förderung, jedoch das Chorleitertreffen Hannover macht,auch die Möglichkeit, ungewöhnliche Auf- wurde hauptsächlich für urbane Räumeführungsorte zu bespielen. Beispiele für als sinnvoll erachtet. In der Diskussiondie Erschließung solcher neuer und un- um Verträge kristallisierte sich heraus,gewöhnlicher Räume für geistliche Musik dass Verträge mit Kooperationspartnernwaren ein Konzert in einer Burg sowie eine Augenmaßfrage seien, je nach Artdie Idee, das Weihnachtsoratorium in ei- des Partners und Größe des Projekts. Alsner leer stehenden, kathedralengleichen psychologische Absicherung könnten die-Papierfabrik aufzuführen. Als weitere se jedoch oft hilfreich sein. Beispielver-Beispiele für Kooperationen in seiner ei- träge und Checklisten sollen demnächstgenen Arbeit nannte Heubach die Einbin- auf www.musikland-niedersachsen.de im Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – Protokoll 5. Treff Musikvermittlungsteam – Seite 2 von 3
  • Bereich Musikvermittlung zur Verfügung gen „key persons“ und die richtige Szenegestellt werden. Dazu bittet Frau Benjes anzusprechen sei die Kunst dabei. Alsdie Mitglieder des Teams um Zusendung Mittler für unterschiedliche Kultur-von (Muster-)Verträgen und Arbeitshil- Länder-Vereine zu fungieren gelingefen, die auf der Plattform veröffentlicht nicht immer, notfalls müsse man sich fürwerden können. einen Partner entscheiden.Die Frage nach dem ideellen Gewinn fürSponsoren eines Projekts wurde mit derNotwendigkeit der Identifikation einesProdukts mit örtlichen Partnern beant-wortet. Mitarbeiterkarten und eineImageaufwertung des Unternehmensseien zudem motivierend für Unterneh-men, sich für Kulturprojekte einzusetzen.Es wurde festgestellt, dass in der Koope-ration mit Schulen persönliche Kontaktesehr wichtig seien, da allgemeine Anfra-gen an Schulen oftmals nicht beachtet Zur „Stellung und Funktion von Musik-werden. Bei einer kontinuierlichen Arbeit vermittlung innerhalb der eigenen Orga-sei die Vertrauensbasis leichter herzu- nisation“ sprach Hermann Baumann vonstellen als bei einmaligen Projekten oder den Internationalen Händel-FestspielenFestivals. Göttingen. Musikvermittlung sei aus sei- ner Sicht eine gesamtgesellschaftliche, politische Aufgabe und nicht allein SacheZur Hürde „Zielgruppen“ bot ein Impuls- der Institutionen wie der Orchester. Kür-referat von Christoph Sure, Geschäfts- zungen im Musikunterricht könne manführer des MASALA Welt-Beat Festi- deshalb nicht einfach hinnehmen. Auf dievals/Pavillon Hannover Einblick in die Ar- Frage, was Orchester tun könnten, umbeit mit internationalem Publikum. Sure zur Bildung im Bereich Musik beizutra-sprach von der „Marke MASALA“, die in- gen, bemerkte Baumann, dass beizwischen ein Stammpublikum gefunden Klangkörpern wie großen Orchestern einhat, aber auch von länderspezifischen Programm rund um bestehende ProjekteFans, die einzelne Konzerte besuchten. entwickelt werden müsse. Er ergänzte,Ausgehend von den Afrikanischen Näch- dass man Kinder schon im frühen Alterten in den Achtzigerjahren hat sich das an die klassische Musik in Konzerten he-Festival verändert, etabliert und kann in- ranführen müsse, indem man beispiels-zwischen auch Experimente wagen. weise eine Kinderbetreuung während ei- ner Hälfte der Konzerte anbiete. Als Bei-Wichtig für die Ansprache der Zielgrup- spiel einer Forderung an die Politik wurdepen eines Konzertes sei es, den richtigen die Notwendigkeit einer musikalischenTon zu treffen. Auch Plakate und persön- Ausbildung für Erzieherinnen von einerliche Kontakte zu Zielgruppenvereinen, Teilnehmerin erwähnt.wie beispielsweise länderspezifischenKulturvereinen, seien unumgänglich. Ein Ausblick auf das nächste Treffen desStändig Kontakt zum Stammpublikum zu Musikvermittlungsteams, das Ende Fe-halten und gleichzeitig neue Zielgruppen bruar/Anfang März 2011 stattfindenanzusprechen sei das Ideal. Wie Heu- wird, beendete die Sitzung.bach, sprach auch Sure von den Kompe-tenzen und Interessen der Partner, hierim Hinblick auf das Publikum. Die richti- Das Protokoll führte Mechthild Schlumberger. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – Protokoll 5. Treff Musikvermittlungsteam – Seite 3 von 3
  • Grußwort des Niedersäch-sischen Ministeriums fürWissenschaft und KulturReferent: Detlef Lehmbruck, Refe-ratsleiters Musik/Theater imSehr geehrte Frau Abgeordnete Behrens,Sehr geehrter Herr Prof. Kemmelmeyer, über Deutschland hinaus gerichtet ha-Sehr geehrter Herr Werren, ben. Die erneut exponentiell angestiege- ne Teilnehmerzahl belegt die Unverzicht-Sehr geehrter Herr Koch, barkeit des Unterfangens.liebe Musikerinnen und Musiker, Nicht zuletzt für das Land Niedersachsen ist es besonders erfreulich, dass Sie dasIm Namen von Frau Ministerin Prof. Dr. Thema Singen gewählt haben. Nicht weilWanka, die heute leider nicht bei Ihnen dieses Thema besonders originell wäre –sein kann, Herrn Staatssekretär Dr. Lan- Singen war zu allen Zeiten Thema. Mange und Frau Dr. Schwandner freue ich könnte auch meinen, es sei alles übermich sehr, dass ich Ihnen die herzlichen das Singen gesagt. Das Musikland Nie-Grüße der niedersächsischen Landesre- dersachsen ist jedoch berechtigterweisegierung überbringen kann. nicht dieser Meinung. Viele historischeDie Jahreskonferenzen von Musikland Beispiele des Redens über das SingenNiedersachsen sind gleichsam die ideal- könnten das belegen. Hier mag eines fürtypischen Verwirklichungen des Musik- viele stehen:land-Gedankens. Sie leben vor, was ei- „Wir haben Schubertlieder gesungen undner der Grundgedanken der Projektträ- neu gelernt, ach, Du solltest sie hören,ger von Musikland Niedersachsen war: sie sind wunderbar …Den Wanderer anVernetzung der Musikmacher und fachli- den Mond finde ich immer schöner …cher Austausch mit dem Ziel, einen an- Durch den ganzen ersten Teil der erden-dauernden Diskurs über Qualitätsmaß- schwere Schritt des Wanderers Ich wan-stäbe zu etablieren. Dabei wird sich auch dre fremd von Land zu Land, so heimat-in diesen Tagen erweisen, dass sich Mu- los, so unbekannt. Dann aber lösen sichsikkultur in ihrer Vielfalt hervorragend die Akkorde auf in gebrochene, dasfür die Beschäftigung mit best-practice- klingt wunderbar frei und so rein, nichtBeispielen eignet. Man braucht aber lei- der leiseste Schimmer irgendeiner Dis-denschaftliche Musikvermittler, die die harmonie noch überschwenglichen Ge-intime Kenntnis ihres eigenen Musiklan- fühls: Du aber wanderst auf und ab vondes mit dem offenen Blick über dessen Ostens Wieg in Westens Grab. Und einGrenzen hinaus verbinden. Schluss, den ich nicht beschreiben kann.Es ist in erster Linie Ihnen, lieber Herr … Es bleibt kein großes Gefühl, wederKoch, aber auch der gesamten Ge- des Trostes noch der Entsagung. Undschäftsstelle mit Frau Hayes, Frau Benjes doch erfreut es so, und tröstet so wie ei-und Frau Betker zu danken, dass Sie bei ne makellose Blume, die blüht, weil sieder Vorbereitung dieser Konferenz Ihren blüht. … Wenn Du kommst, singen wirBlick weit über Niedersachsen und sogar Dirs vor." Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Grußwort Detlef Lehmbruck (MWK) – S. 1 / 3
  • Dies ist kein Zitat einer Musikerin der und Quandt bewogen hat, sich für denRomantik. Dies ist ein Zitat aus einem Liedwettbewerb zu engagieren. Interes-Brief einer Nichtmusikerin an einen sant ist in unserem Zusammenhang,Nichtmusiker. Es stammt von Sophie dass die Dimension weit über den Lied-Scholl, geschrieben an ihren Bruder gesang hinaus geht. Thomas Quasthoff,Werner Scholl gleichsam in den russi- Franziska Castell und überhaupt allenschen Feldzug. Beinahe unglaublich mu- Anhängern des Kunstlieds ist zweifellostet der Zeitpunkt dieses Briefes an: Sie bewusst, dass es heute wie zu allen Zei-schrieb ihn Mitte Februar 1943 wenige ten historische Entwicklungen gibt, durchTage vor ihrer Verhaftung. Schon das die das Singen in der einen Ausprägungmacht den Schlusssatz - „Wenn Du an Gewicht gewinnt und in der anderenkommst, singen wir Dir’s vor“ - zu einem Ausprägung an Gewicht verliert. Diehistorischen Dokument. Heute, fast 70 Hausmusikbewegung im 18. undJahre später, ist dieser Satz schon in 19.Jahrhundert und die Singbewegungseiner Grundaussage historisch gewor- als Teil der Jugendbewegung im frühenden. Eine kaum vorstellbare Verabre- 20. Jahrhundert stehen beispielhaft hier-dung, sich etwas vorzusingen, wenn man für. Sie sind auch wie wir alle völlig un-sich sieht. In unserem Zusammenhang verdächtig, etwa die positiven Wirkungenkann es dabei nicht um ein neuerliches der vielen Casting Shows unserer ZeitLamento über einen vermeintlichen Kul- für das Singen und beispielhaft die Inte-turverlust gehen. Es geht vielmehr um gration von jungen Menschen mit Migra-einen authentischen Einblick in die tionshintergrund gering zu schätzen.selbstverständliche Lebensrealität einer„normalen“ Familie. Und doch wird eine Haltung bezeichnet, die die niedersächsische LandesregierungViele von Ihnen waren vergangenen teilt: Singen benötigt einen zentralenSamstag dabei, als der Praetorius Musik- Platz im Lebensvollzug der Menschen,preis 2010 verliehen wurde. Natürlich einen Platz, den es früher zu vielen Zei-war es gleichermaßen traurig und ver- ten und an vielen Orten und in vielenständlich, dass Thomas Quasthoff seinen Bevölkerungsgruppen hatte und auchPreis nicht persönlich entgegennehmen heute andernorts noch hat. Singen solltekonnte. Es war jedoch ein wunderbares den Platz haben, den es für die vielenSymbol, dass Franziska Castell, die Ge- Tausend Chorsänger im Musikland Nie-schäftsführerin „seines“ Liedwettbewer- dersachsen hat. Es muss alles versuchtbes „Das Lied“, für ihn den Preis mit fol- werden, um ganz jungen Menschen eingenden Worten entgegennahm: Gefühl für die Selbstverständlichkeit des Singens zu vermitteln.„Der Gesang ist die ursprünglichste Formder menschlichen musikalischen Äusse- Daher spielt das Singen eine zentralerungen. Aber es wird zu wenig gesun- Rolle im niedersächsischen Musikalisie-gen: in den Familien, in den Kindergär- rungsprogramm „Wir machen die Musik“,ten, in der Schule, aber auch überhaupt bei dem gerade Kindergartenkinderin unserem Lebensvollzug. Dem gilt es durch vielfältige Kombinationen von Sin-entgegenzuwirken.“ gen, Spielen und Bewegen erleben sol- len, dass Musik einfach dazu gehört. AlsFranziska Castell beschreibt mit diesen integraler Bestandteil des LebensvollzugWorten, was Thomas Quasthoff motiviert wird Singen dann auch in seiner ganzenhat, die Initiative für einen Liedwettbe- Vielfalt praktiziert werden.werb zu ergreifen. Und sie beschreibt –das darf man hier im Kreis von Musikför- Es wird auch ein steigendes Interesse fürderern sagen – was die Familien Oetker die Bedeutung von vertonten Texten ge- Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Grußwort Detlef Lehmbruck (MWK) – S. 2 / 3
  • ben, also das, was uns nach nur 70 Jah-ren so historisch erscheint an dem Briefvon Sophie Scholl: ein Lied Textzeile fürTextzeile zu vermitteln. Denn die Faszi-nation junger Menschen für vertonteTexte ist völlig ungebrochen, auch wennviele Hits unserer Tage es nicht wirklichnahelegen. Wer den Beweis sucht, mögesich umhören, wie viele Jugendliche oh-ne Zögern auswendig„ich wollt noch danke sagen dochich lieg im Krankenwagen nochwolln sie mich zwangsbeatmen doch baldis alles aus und vorbei“darlegen können – und zwar zur Freudealler Bildungspolitiker bei voller Erfas-sung des Inhalts dieser Zeilen.Ein vielfältiges Musikland wie Nieder-sachsen braucht einen Ort, in dem dieganze Musikkultur ihre Heimstatt findenkann. Daher freuen wir uns sehr, dassauch die diesjährige Jahreskonferenz inder neuen Landesmusikakademie statt-findet, und wir danken dem gesamtenTeam für die Gastfreundschaft!Ich wünsche Ihnen einen fruchtbarenAustausch und glückliche Erfahrungennicht nur über, sondern vor allem auchbeim Singen. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Grußwort Detlef Lehmbruck (MWK) – S. 3 / 3
  • JahreskonferenzMusikland Niedersachsen2010Eröffnungsvortrag„Singen heute“Referent: Klaus Georg Koch,Geschäftsführer von MusiklandNiedersachsenI.Meine Damen und Herren,im Frühjahr 1984 habe ich das erste Mal Man mochte sich vorkommen wie Goe-Lesotho, die frühere Kolonie Britisch Bet- thes Wilhelm Meister und seine Reisege-schuanaland, im südlichen Afrika bereist. fährten, denen auffiel, „daß je weiter sieEs ist ein bergiges Land, und es war da- ins Land kamen, ein wohllautender Ge-mals auch ein wildes Land, das sich dem sang ihnen immer mehr entgegentönte.“Reisenden nur unter Mühen erschloss. In – ich bin schon im Zitat.ganz Lesotho gab es damals eine einzige „Was die Knaben auch begannen, beiStraße. Sie durchzog im Norden die Low- welcher Arbeit man auch sie fand, immerlands, bog am östlichen Ende nach Sü- sangen sie, und zwar schienen es Liederden ab und führte ins Gebirge. Darüber jedem Geschäft besonders angemessenhinaus gab es nur Geröllpisten und alte und in gleichen Fällen überall diesselben.Saumpfade, auf denen sich die Einheimi- Traten mehrere Kinder zusammen, soschen zu Fuß und auf Pferden fortbeweg- begleiteten sie sich wechselweise; gegenten. Abend fanden sich auch Tanzende, deren Schritte durch Chöre belebt und geregelt wurden.“ – Sie kennen die Passage amDer größte Eindruck, den Lesotho damals Beginn des zweiten Buches, nur dassauf mich machte, war, dass die Men- dem Singen in Lesotho der vornehmeschen dort sangen. Die Leute sangen in Ton des Bildungsromans nicht eigen war.den Dörfern. Sie sangen im Bus und auf Es schien eine schlichte und fröhlicheden Ladepritschen der allradgetriebenen Welt. Einen Eindruck davon können SieLastwagen, die sie im Schritttempo durch aus dem folgenden Video-Ausschnitt ge-die Berge brachten. Kinder sangen auf winnen.dem Weg in ihre Missionsschulen und siesangen in der Schule. Einen Ziegenhirten Videobeispiel 1, „Lesotho women singing,traf ich, der alleine sang und sich dabei beautiful day out there“mit einer Fiedel begleitete, die er aus ei-nem Blechkanister, einem Stock und ei-ner Schnur gebaut hatte. Am Sonntagsangen die Leute in der Kirche, undzwar, wie mir schien, häufig die gleichenGesänge, die ich während der Woche be-reits gehört hatte. http://www.youtube.com/watch?v=lDkK79AM7iM Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 1 / 7
  • 16 Jahre später bin ich ein zweites Mal Das erlaubt uns, einen geschichtlichennach Lesotho gekommen. Und während Wendepunkt zu beobachten, der in derich den Fortschritt doch als etwas Gutes westlichen Welt das Datum 1877 trägt.empfinde – der Bau eines unterirdischen In diesem Jahr hat der Franzose CharlesBahnhofs ist das mindeste, was ich mir Cros das Patent für ein Gerät namenserhoffe – war ich hier schockiert. Ein Teil Paléophone und der Amerikaner Thomasdes Gebirges war für ein internationales Edison das Patent für den PhonographenWasserprojekt erschlossen worden, man angemeldet. Vor 1877 verklang jederhatte Staudämme gebaut, an denen nun Laut, der einem Mund entströmte. Dasauch Strom produziert wurde, und wo Ziel Edisons war es dagegen, Stimmenvorher Pfade in die Berge führten, da haltbar, Lautäußerungen wiederholbar zuverlief jetzt eine Straße. Lesotho war laut machen. „Repetiermaschine“ wurde dergeworden. Sogenannte Minitaxis, oft Phonograph deshalb genannt, und auchüberfüllte Kleinbusse, brachten die Leute wenn es noch Jahrzehnte dauerte, bisvon den Bergen in die Lowlands und aus man etwa eine ganze Sinfonie aufge-den Lowlands in die Berge. In den Dör- nommen hatte, so war es doch mit derfern waren Märkte aufgebaut mit Waren Ruhe vorbei. Der Mensch hatte das Privi-aus Südafrika und China. Jetzt gab es leg verloren, einzig durch die Artikulationauch Musikanlagen, die in den Taxis und seines Körpers stimmlich präsent zuauf den Märkten mit voller Lautstärke sein. Man kann allerdings auch sagen, erMusik verbreiteten, die ihrerseits ohne sei von der Notwendigkeit, zu singen,elektrischen Strom nicht hergestellt wor- befreit worden. Wie mit vielen anderenden wäre. Fertigkeiten auch, haben die Menschen arbeitsteilig das Singen den Spezialisten überlassen und verwenden die frei ge-Macht also auch hier die Zivilisation das wordene Zeit und Energie für etwas an-Singen überflüssig? Ist das Singen ein deres.Opfer der technischen Entwicklung? Istes etwas, worauf wir zurückblicken: EineForm von Menschlichkeit, die immer lei- Der technische Fortschritt und die Ge-ser wird, während der Lärm des Fort- schichte des Singens stehen allerdingsschritts zunimmt? schon sehr viel länger in einem schwieri- gen Verhältnis zueinander. Das späte 18.Selbstverständlich fährt niemand von uns und noch mehr das 19. Jahrhundertnach Afrika, um dort mit innerer Freude bemächtigen sich der Musik in einemden Stand des technischen Fortschritts technischen Sinn: Im Instrumentenbau,und den beschleunigten Wandel der Le- in den wie bei Liszt ins Transzendentalebensverhältnisse zu besichtigen. Die reichenden Spieltechniken, in der physio-Freude schien mir auf Seiten der Ba- logischen Untersuchung der Stimmorga-sothos, die sich mit ungekannter Leich- ne, im Bau von musizierenden Automa-tigkeit in ihrem Land fortbewegen, einen ten aller Art. Letztlich führt ein direkterArzt oder eine Apotheke aufsuchen und Weg von der Erforschung der Stimmphy-sich abends im Licht einer elektrischen siologie zum Bau mechanischer und elek-Lampe unterhalten konnten. Wahrschein- tromechanischer Wiedergabeapparate.lich erschien ihnen der technisch ver-stärkte Lärm als eine Form von Mensch- Gleichzeitig – und im Grunde gegen daslichkeit, die immer stärker wird, als Zu- Fortschreiten der Technik – entwickeltkunftsmusik, die ihnen auch den eigenen die Romantik Vorstellungen, nach denenFernseher, den eigenen Kühlschrank, das das Singen die Geschichte in Richtungeigene Auto verhieß. Und wahrscheinlich der „Ursprünge“ aufhebt. Wird die Fort-dachten sie noch ohne Wehmut an die schrittsgeschichte als Geschichte derZeiten, als man selber singen musste, Entfremdung verstanden, dann drücktum nicht an der Stille zu ersticken. dagegen das Singen das Gemeinsam- Ursprüngliche und das Eigentlich- Persönlichste aus. Ja eigentlich nochDie Geschichte der Elektrizität und die dramatischer: Das Singen stellt das Ge-Geschichte des Singens kreuzen sich in meinsam-Ursprüngliche und das Eigent-diesem Bergland unter unseren Augen. lich-Persönlichste her. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 2 / 7
  • Was da in der Wertschätzung des Ge-sangs passiert, möchte ich am Beispieldes Romans verdeutlichen. Hatte manzuvor Sänger neben Tänzerinnen undSchauspielern als zweifel-hafte, wenigrespektable Existenzen betrachtet, so er-fahren Singen und Sänger – meistensSängerinnen – in der Literatur nun eineIdealisierung. Menschen im Roman sollenerkannt und verstanden werden, undnirgends gibt sich der Mensch nach denVorstellungen dieser Zeit so wahrhaftigund vollständig zu erkennen, wie da, woer singt. Jetzt ist die Sängerin nicht mehr Der Philosoph Hartmut Böhme hat in sei-nur Attraktion und Objekt der Begierde, nem Aufsatz „Der sprechende Leib“ fürsondern sie wird durch die Wahrheit ih- das spätere 18. Jahrhundert beschrie-res Singens erkannt – hat der Roman ei- ben, welche Herausforderungen der ge-ne Liebeshandlung, dann am Ende ver- sellschaftliche und technische Fortschrittlässlich vom „Richtigen“, ihrem vorbe- für die Menschen bedeuteten. „Denn diesstimmten Bräutigam. strahlte die Angst des bürgerlichen Jahr- hunderts an“, schreibt Böhme: „daß zwi-In Deutschland hat Wilhelm Heinse 1795 schen dem, was ein Mensch darstellt,mit seinem Roman „Hildegard von Ho- zwischen seiner Erscheinung, und dem,henthal“ erstmals Vokal-Ästhetik und was er ist, seinem Wesen, ein Riß klafft,Liebesroman miteinander verschmolzen. der das Gefüge des intersubjektivenDen monumentalsten Sängerinnen- Handelns eigentümlich verunsichert.“Roman hat dagegen vermutlich George Dagegen sieht er in der bürgerlichen Un-Sand mit „Consuelo / La Comtesse de terscheidung von Identität und Rolle denRudolstadt“ in den Jahren 1843/44 ver- „Versuch, ein Authentisches – das sub-fasst. jektive Selbst – aus den Systemen der Körperzeichen und Verhaltenscodes aus-Lange, bevor in diesem Roman die Part- zuschneiden.“ Dieses Selbst „ist unsicht-nerschaft zwischen der Sängerin Consue- bar, soll sich aber im Ausdruck zeigen“.lo und dem Grafen von Rudolstadt tat- Gegen den rationalistischen Ansatz dersächlich besiegelt ist, spricht Consuelo Aufklärung soll dieses Selbst aus dembereits das Motiv des (Wieder-) Erken- Körper – aus dem Leib, wie Böhme sagtnens aus: „Ich bin eine Freundin, die Ihr – rekonstruiert werden. Am Beispiel deslange Zeit erwartet und in dem Moment Königsberger Philosophen Johann Georgerkannt habt, als sie sang“. Ihr späterer Hamann (1730 – 1788) zeigt Böhme auf,Ehegemahl definiert seinerseits das Sin- wie „Sprache übersetzter Leib“ und dergen als Ausnahmesituation vollkomme- Leib „inkorporierte Natur“ ist, Sinne, Lei-ner Offenheit: „Du teilst mir [im Singen] denschaften und Begehren wirken darinDein ganzes Wesen mit und meine Seele als „Stimmen der Natur“.besitzt Dich in der Freude und imSchmerz, in der Zuversicht [dans la foi] Wenn wir heute in sogenannten unter-und in der Furcht, im Überschwang des entwickelten Ländern – und wohl auchEnthusiasmus und in der Wehmut der bei uns – das Verschwinden des SingensTräumerei.“ Nicht zufällig sind musikali- als Verlust eines Ursprünglich-sche Charaktere und seelische Empfin- Menschlichen empfinden, folgen wir ei-dung in dieser Beschreibung nicht von- nem Wahrnehmungsmuster, dessen Tra-einander zu unterscheiden. So fiebrig dition ins späte 18. Jahrhundert zurück-und phantastisch im Übrigen der Roman reicht. Immer steht der Betrachter dabeiin seinem Verlauf ist – gewidmet hat ihn wie Walter Benjamins Engel der Ge-George Sand einer realen Figur, Pauline schichte mit dem Rücken zur Zukunft,Viardot, einer der größten Sängerinnen während der Sturm des Fortschritts ihmdes 19. Jahrhunderts. die Trümmer vor die Füße schleudert. Al- le, die die Stimme loben, sind auf dem Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 3 / 7
  • Rückweg in die Vergangenheit, ob nun phonie des Hochmittelalters, durch denHamann „die ausgestorbene Sprache der Bezug auf die „avancierteste, intellektu-Natur von den Todten wieder erwecken ellste, elitärste“ und eben in Noten ge-möchte“ oder wenig später Johann Gott- setzte Kompositionstechnik“ jener Zeit.fried Herder die „Töne der Natur“, also Dagegen begründen etwa Rousseau unddie in der Stimme sich ausdrückende Herder die Vorstellung der Musik alskreatürliche Regung, der „künstlichen „vollkommene Sprache des Herzens“,Sprache der Gesellschaft“ entgegenstellt. und zwar auf der Grundlage des melodi- schen Konzepts der Stimme. Ich zitiereBetrachtet man den öffentlichen Streit hier für diese Strömung Daniel Gottlobum Fortschritt und Herkommen als etwas Türk, bzw. seine einflussreiche Klavier-Politisches, dann ist auch das Lob der schule von 1789, in der er schreibt:Stimme politisch gemeint, und oft findet „Denn was sind alle bunten [also virtuo-es sich mit einer gesellschaftlichen Phan- sen und chromatischen] Passagen, wenntasie verbunden. Der Kulturwissenschaft- es auf wahre Musik ankommt, gegen ei-ler Hans Georg Nicklaus hat darauf hin- nen schmelzenden, herzerhebenden äch-gewiesen, dass bereits Jean-Jacques ten Gesang.“ 50 Jahre später heißt es inRousseau mit seinem Ideal der „unité de Balzacs Sängerinnen-Novelle „Massimillamélodie“, der Einheit der Melodie, ein Doni“ noch immer und fast gleichlautend„politisches Votum“ abgebe, eine „musi- mit Rousseau: Nicht die Harmonie, son-kalische Metapher für ein gesellschaftli- dern die Melodie hat die Macht, den ge-ches Projekt“, nämlich die Rückgewin- schichtlichen Abstand aufzuheben“ [C’estnung einer ursprünglichen gesellschaftli- la mélodie et non la harmonie qui a lechen Einstimmigkeit. Einstimmig heißt pouvoir de traverser les âges].hier: „Die eine Sprache sprechen, dienicht gedeutet, verstanden, vermitteltwerden muß, aus der vielmehr alle IIschöpfen, wie aus einem Brunnen, umsich zu ernähren, um ein Körper zu wer- Meine Damen und Herren, mag derden. (...) Und die Stimme ist das Organ Sturm des Fortschritts dem Engel desdieser Einheit.“ Singens auch ins Gesicht blasen – es wird auch bei uns noch immer gesungen,So stehen Stimme und Singen gegen und manches deutet darauf hin, dassBuchdruck und Buchstaben, die mit der heute wieder mehr gesungen wird als,rationalistischen Aufklärung verbunden sagen wir, noch vor zehn Jahren. Dafürwerden, gegen die Vielstimmigkeit der sorgen nicht zuletzt Ihre Aktivitäten alsnachrevolutionären Gesellschaften, ge- Musikveranstalter, ChorleiterInnen, Mu-gen die industrielle Produktion, gegen die sikpädagogInnen, Politiker und Förderer.in Tonkonserven gepackte Musik, kurz: Viele Ihrer beispielhaften Sing-Gegen den Lärm des Fortschritts. Bewegungen und Sing-Projekte werden im Lauf dieser Konferenz zu besichtigenDiese Positionierung der Stimme verän- sein.derte am Ende selbst das Ideal, das mansich von der Musik insgesamt machte. Es wird sogar so viel gesungen in unse-Der Musikwissenschaftler Wolfgang rer Gesellschaft, dass man sich fragenFuhrmann hat in seinem Buch „Herz und kann, ob das Gefühl des Verlustes oderStimme – Innerlichkeit, Affekt und Ge- des Absterbens nicht das Ergebnis einersang im Mittelalter“ einen Grund dafür habituell eingeschränkten Wahrnehmungvorgeschlagen, warum der Musik teilwei- sei. Zu den am Markt erfolgreichsten Mu-se bis heute die Vorstellung von etwas sik-Publikationen der letzten Zeit gehö-Kompliziertem oder Elitärem anhaftet: ren Sammlungen von „Wiegen-„ undDer Begriff der „Musik“ und des „Musi- „Volksliedern“, die gleich in mehrerenkers“ bedeuteten in spätantiker Tradition Aggregatszuständen – zum Lesen, Spie-zunächst so etwas wie Musiktheorie und len und Hören – angeboten werden. Pro-die die professionelle Kundigkeit dieser jekte wie das heute vorgestellte „LörrachTheorie. Seine spätere universale prakti- singt!“ und „SING! – Day of Song“ beische Bedeutung erlangte der Begriff der Ruhr 2010 bringen ganze GemeinwesenMusik über die Anwendung auf die Poly- zum Singen. Und auch diesseits solcher Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 4 / 7
  • veranstalteter Bewegungen sind – nicht Kindern etwas Sinnvolles anfangen soll-anders als in vormodernen Zeiten – exi- te, liegt ja auf der Hand. Und wie die ge-stenzielle Fragen des Volkes ohne Ge- genwärtige Islam-Debatte vom Zweifelsang gar nicht vorstellbar: Dazu folgen- am rechten Unglauben der eigenen Ge-des kurze Video aus der Zeit der Fußball- sellschaft begleitet wird wie von einemWeltmeisterschaft in Südafrika, das uns Schatten, so folgt die Unruhe über dievon der Dritten zurück in die Erste Welt Erziehung der eigenen Kinder der Debat-führt te über die so genannte Integration von Kindern nicht-deutscher Herkunft. Abge-Videobeispiel 2, „Uwu Lena - Schland o sehen davon, dass Singen Spaß macht,Schland“ wie der Titelsong von Klasse! Wir singen erklärt, bietet es sich auch zur Milderung gesellschaftlicher Probleme an. Natürlich ist das Singen ein Beitrag zur Integration und zum Spracherwerb – für alle Kinder, egal woher die Eltern kommen. So wie es für Kinder Bewegungsmangel, Vitamin- mangel oder Zuwendungsmangel geben kann, so gibt es auch den Singmangel, das legt die positive Reaktion der Kinder auf Sing-Anregungen nahe.http://www.youtube.com/watch?v=Vscg_QeKdpI Nicht zuletzt reagiert die gegenwärtige Singbewegung auch auf die Lage, in der sich vor allem die Institutionen der soHatte bei Rousseau, Herder und den genannten ernsten, klassischen oderVolksliedsammlern des 19. Jahrhunderts Kunstmusik befinden. Es muss hier ge-das Glück in der Früh- und Vorgeschichte nügen, nur die Stichworte Überalterunggelegen, so lautet die Devise unserer ge- des Publikums und Rückgang der Nach-genwärtigen Sing-Bewegung „zurück zu frage zu nennen. Das sind die Themen,den Anfängern“. Die Figur des Rück- an denen wir im Musikland arbeiten. Einegangs auf etwas Grundlegendes finden Reihe von teilweise repräsentativen Stu-wir hier allerdings auch. Immer mehr dien zeigt, dass das Durchschnittsaltergibt es auch politische Unterstützung für des Konzertpublikums derzeit zwischenden Versuch, das Singen wieder als 55 und 60 Jahren liegt und dass sich dasmenschliche Universalie einzuführen, als Verhältnis zwischen dem Angebot an Mu-konstitutives Element der Ichwerdung, sikveranstaltungen und den Besucher-als Grundform individueller Artikulation zahlen scherenartig auseinander entwic-und sozialer Kommunikation. kelt, wobei das Interesse an klassischerProjekte wie KiSINGa und Primacanta, Musik umso geringer ausfällt, je jüngerwie die Chorklassen Niedersachsen, Klas- die Altersgruppe ist.se! Wir singen und das umfassende An-gebot des englischen Musikzentrums The In dieser Lage erscheint es als außeror-Sage Gateshead und der National Sin- dentlicher Glücksfall, dass sich Kinderging Campaign stehen für diesen Ver- geradezu naturhaft für das Singen begei-such, das Singen als Element der Erzie- stern können. Denn nichts kann das spä-hung wieder verbindlich zu verankern. tere Interesse an Musik so gut begrün-Darüber hinaus schlagen Projekte wie den, wie möglichst frühe praktische undCanto Elementar und „Singepaten“ eine als erfreulich erinnerte Erfahrungen:Brücke zwischen der Generation der Klasse wir singen – singen macht Spaß.Großeltern, die häufig noch mit dem Sin- Werden diese Erfahrungen überdies ingen aufgewachsen ist, und den Kindern. Gesellschaft gemacht – im Kindergarten, in der Schule, in der Familie –, steigt dieAn dieser Stelle ist die Versuchung groß, Wahrscheinlichkeit noch einmal, dassdie historischen Implikationen oder ein- sich das Kind auch später im Leben fürfach den historischen Ballast des Singens Musik interessiert und einsetzt.abzuwerfen. Wahrscheinlich ist es sogarlegitim. Dass die Gesellschaft mit ihren Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 5 / 7
  • III.So ist das Singen aus Sicht der Musik-land-Idee, eine besonders glückliche mu-sikalische Sozialform, die es erlaubt, vie-len Menschen musikalische Angebote zumachen, die sie erreichen und die er-reichbar für sie sind. Damit ist es aucheine Chance für unsere Musikkultur, sichneu zu gründen. „Neustart durch Sin-gen“, könnte man sagen, und dieseChance wollen wir nutzen.Neben der Vielzahl privater, vom persön-lichen Engagement angefeuerter Initiati- wenden.ven, stellt auch das Land Niedersachsen Heißt das, es gibt so etwas wie eine zeit-zunehmend mehr Angebote in Kindergär- lose Wahrheit über das Singen? Oderten und Schulen bereit. Der Koalitions- laufen wir mit unserer Singbewegung ei-vertrag aus dem Jahr 2008 definiert das nem historischen, vielleicht veralteten„Musikland Niedersachsen“ zu einer Menschenbild hinterher? Das Land Nie-Hälfte aus seinen Angeboten zur musika- dersachsen hat mit einer umfassendenlischen Bildung. Wenn das weiter so „Musikalisierung“ der Kindergarten- undgeht, dann wird in nicht zu ferner Zu- Grundschulkinder im Land begonnen.kunft „bei uns der Gesang die erste Stufe „Musikalisierung“ klingt dabei nicht nurder Bildung, alles andere schließt sich wie „Christianisierung“ und vielleichtdaran und wird dadurch vermittelt. „(...) nach Mission, es ist tatsächlich der Ver-denn indem wir die Kinder üben, Töne, such, „in der Fläche“, wie es im politi-welche sie hervorbringen, mit Zeichen schen Jargon heißt, Menschen, ganz jun-auf die Tafel schreiben zu lernen und gen Menschen, Angebote zu machen, ihrnach Anlaß dieser Zeichen sodann in ih- Leben sinnvoll zu gestalten.rer Kehle wiederzufinden, ferner denText darunterzufügen, so üben sie zu- Aber auch hier entkommen wir den ge-gleich Hand, Ohr und Auge und gelangen schichtlichen Streitfragen nicht: Gehörtschneller zum Recht- und Schönschrei- es zum Menschsein in unserer Zeit,ben, als man denkt, und da dieses alles durch das Singen Erfahrungen und Idea-zuletzt nach reinen Maßen, nach genau le vergangener Zeiten zu aktualisierenbestimmten Zahlen ausgeübt und nach- wie in einem lebendigen Symbol, odergebildet werden muß, so fassen sie den überzustreifen wie ein klangliches Ko-hohen Wert der Meß- und Rechenkunst stüm – die Fremdheitserfahrungen derviel geschwinder als auf jede andere „Winterreise“, die PartnerschaftsidealeWeise. Deshalb haben wir denn unter al- von „Frauenliebe und -Leben“, die Glau-lem Denkbaren die Musik zum Element bensgewissheit einer Bach-Motette, dieunserer Erziehung gewählt, denn von ihr Todesschauer eines Berlioz-Requiems,aus laufen gleichgebahnte Wege nach al- die Naturverbundenheit eines Volkslieds?len Seiten.“ Ist es noch zeitgemäß oder ist es hoff- nungslos romantisch, dass Menschen soMeine Damen und Herren, Sie haben es genannte Gefühle kultivieren und diesebemerkt, ich bin noch einmal auf Goe- „ausdrücken“ wollen? Einen Grund wirdthes „Wilhelm Meister“ zurückgekom- es doch haben, dass das Kunstlied immermen. Mich hat frappiert, wie nahe Goe- weniger Publikum findet und jungethes 200 Jahre alte Pädagogik der ge- Opernregisseure zunehmend Revuen in-genwärtigen Debatte steht. Auch Rous- szenieren, wo sie die singenden Figurenseaus Phantasie von der „unité de mélo- doch auch hätten ernst nehmen können.die“, der Einheit der Melodie oder freier Wir Alten mögen ja träumen, aber wieformuliert, der Einheit durch Singen ge- vielen Generationen von Kindern sollgen die Vielstimmigkeit einer modernen noch über das Singen das alte Dur-Moll-Gesellschaft, ließe sich umstandslos auf tonale System eingepflanzt werden? Wiedie Diskussion um die Chorklassen an lange wollen wir noch so genannte Volks- Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 6 / 7
  • lieder singen lassen, deren romantischeGegenstände mit den Aufgaben unsererKinder nichts zu tun haben? Bewahrenwir mit diesem Singen unsere Kinder vorder Verwilderung? Bewahren wir sie vorder Vereinnahmung durch die Leistungs-anforderungen der Moderne? Oder sindwir einfach nur reaktionär?Meine Damen und Herren, wer will dasbeantworten? Aber vielleicht ist am Endedas Verantwortungsvolle und das Reak-tionäre zumindest in der Erziehung dasgleiche, und jede Generation muss ihrenKindern etwas gut Gemeintes antun, wo-gegen diese sich anschließend recht-schaffen auflehnen können.In diesem Sinn wünsche ich uns zwei an-regende Tage hier in Wolfenbüttel. Ichdanke für Ihre Aufmerksamkeit. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 7 / 7
  • Sozialisierung durch Sin-gen IDas hessische Primacan-ta-ProgrammReferent: Thomas Rietschel, Präsi-dent der Hochschule für Musik undDarstellende Kunst in Frankfurt amMainPrimacanta „Primacanta – Jedem Kindseine Stimme“ ist eine Koooperation der Das Programm ist langfristig und nach-HfMDK Frankfurt und der Crespo Foun- haltig gedacht. Mit einem vorläufigendation, die Schirmherrschaft haben die a Projektzeitraum von 2008 bis 2012 undcappella Gruppe Wise Guys sowie Frank- Projektgeldern von einer Million Eurofurts Oberbürgermeisterin Petra Roth. richtet es sich nach derzeitigem Stand an ungefähr 120 Lehrer und LehrerinnenAnliegen des Programms ist es, das Sin- von zunächst dritten und vierten Klassengen als zentralen Ausgangspunkt für eine in 52 von 56 Frankfurter Grundschulen.musikalische Bildung zu nehmen. Die Eine professionelle Evaluation ist in Ar-Hochschulen sollten sich für musikalische beit. Erwartet werden Ergebnisse, dieBildung stark machen, so Thomas Riet- zeigen, wie sich etwa die soziale Interak-schel, da diese gewissermaßen der Ast tion innerhalb der beteiligten Klassenist, auf dem sie sitzen. verbessert hat. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Sozialisierung durch Singen“ – S.1/3
  • Ziele von Primacanta sind zum einen der Gesungen wird Liedgut aus verschiede-Versuch einer nachhaltigen Veränderung nen Kulturkreisen, wobei anzumerkenwie auch die Ermöglichung von Erfah- ist, dass die Stadt Frankfurt einen Anteilrungen, die über Wissensvermittlung hi- von 60% an Schülern mit Migrationshin-nausgeht. tergrund hat.Das Programm setzt auf das Prinzip des In Form von öffentlichen Auftritten wäh-aufbauenden Musikunterrichts, welches rend des Projektzeitraums sowie einemein didaktisches Stufenmodell zur nach- Abschluss beim Deutschen Chorfest inhaltigen Entwicklung der musikalischen Frankfurt 2012 präsentieren die beteilig-Kompetenz der Kinder ist. ten Klassen, was sie gelernt haben.In der Praxis beinhaltet Primacanta eine Um Nachhaltigkeit zu schaffen, sprachzweijährige Fortbildungs- und Bera- Thomas Rietschel von der Notwendigkeit,tungsphase für LehrerInnen während der die Lehrer zu qualifizieren und nicht inUnterrichtszeit durch Coaches, qualifi- Form eines Events Schülern kurzfristigzierte Schulmusiker und Hochschullehrer das Singen beizubringen.sowie teilweise durch gut qualifizierteGrundschulmusiklehrer. Für Schulen oh- Bisher gab es viele positive Rückmeldun-ne Fachlehrer gibt es die „Tandem“- gen und Bewertungen des Programms.Lösung, eine Kooperation mit Musikschu- Nachhaltigkeit zeigte sich auch darin,len. (Ein Hinweis auf die Situation in dass sich als Folge des ProgrammsHessen erklärt, dass dort wenig ausge- Stadtteilchöre in Frankfurt gebildet ha-bildete Grundschulmusiklehrer unterrich- ben.ten, oft werde das Fach fachfremd ge-lehrt. Bestrebungen, einen Fächerver-bund mit dem Übertitel „Ästhetische Bil-dung“ zu schaffen würde Musik weiter Weiterführende Informationen gibt esschwächen.) unter www.primacanta.de..........................................................................................Sozialisierung durch Sin-gen IIKiSINGa im LandkreisNortheimReferent: Prof. Dr. Gerhard RopeterBeim zweiten vorgestellten Modellprojekthandelt es sich um „KiSINGa – Kindersingen im Kindergarten“, vorgestellt vonProjektleiter Prof. Dr. Gerhard Ropeter.Das Programm KiSINGa ist im Landkreis lage als das Frankfurter Primacanta-Northeim in Niedersachsen (Hardeg- Programm.sen/Moringen/Nörten-Hardenberg) ange- Mit dem Untertitel Interkommunales Mo-siedelt. Projektträger ist der gemeinnüt- dellprojekt zur Förderung lebendigenzige Verein Sing-Akademie Hardegsen, Singens von Kindern im Kindergarten istdessen Vorstand Prof. Ropeter ist. Das beschrieben, was das Programm be-ländliche Gebiet hat geschätzte drei Pro- zweckt. Im Zentrum steht die Schulungzent Kinder mit Migrationshintergrund von Erzieherinnen der zwölf Kindergärtenund somit eine völlig andere Ausgangs- des Landkreises. Ziel ist die Schaffung Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Sozialisierung durch Singen“ – S.2/3
  • einer Singumgebung, in der Singen lang- Evaluiert wird das Projekt mit standardi-fristig regelmäßig und angeleitet durch- sierten Bögen, bei denen ErzieherInnengeführt wird. In zwei Projektphasen von und Eltern die selben Fragen zur Selbst-jeweils 18 Monaten wird das Programm und Fremdeinschätzung des Kindes be-durchgeführt und anschließend evaluiert. antworten. Ropeter bemerkte, dass für eine umfassende wissenschaftliche Eva-Anders als bei Primacanta finden die luation Kontrollgruppen ohne verstärktesWeiterbildungstreffen in der Freizeit der Singen zum Vergleich eingesetzt werdenErzieherinnen statt. Die Anmeldung er- müssten, dafür stünden jedoch die finan-folgt freiwillig von Seiten der Kindergär- ziellen Mittel nicht zur Verfügung.ten. Das KiSINGa-Projekt wird vomDeutschen Institut für Internationale Das Projekt wird ausführlich vorgestelltPädagogische Forschung (DIPF) evalu- auf der Homepage der Singakademieiert. Projektzeitraum ist vom 1. Septem- Hardegsen: http://www.kantorei-ber 2009 bis 31. August 2012. hardegsen.de/129.htmlDas Projekt basiert auf drei Prinzipien: In der offenen Gesprächsrunde gab esGrundlegend ist der Montag als Singtag den Anstoß einer Teilnehmerin, die mu-festgelegt. Anfangs wird ein Modellunter- sikalische Bildung und Stimmerziehungricht von Fachkräften der Singakademie der ErzieherInnen schon in deren Be-an den Kindergärten abgehalten. Daran rufsausbildung zu fördern. Dies traf denanschließend bekommen die ErzieherIn- Kernpunkt einer Idee von musikalischernen eine regelmäßige Weiterbildung, die Bildung, welche langfristig, flächendec-die Bereiche musikalisches Basiswissen, kend und grundständig wäre. BemerktStimmbildung und Methodik der Lieder- wurde hierzu, dass Modellprojekte wiearbeitung umfasst. Zeitnah findet ein Primacanta und KiSINGa nötig sind, umTransfer in die Praxis statt: Die Erziehe- in den Medien und durch die wissen-rInnen üben im dritten Schritt mit ihren schaftliche Evaluierung AufmerksamkeitKindergartengruppen Lieder ein. Motiva- zu erregen und langfristig das Singention und eigenes Engagement sind und eine musikalische GrundausbildungGrundvoraussetzung für das Projekt. in Kindergärten und Schulen wieder zur Norm werden zu lassen. Ein TeilnehmerNachdem die Anfangsskepsis überwun- ergänzte, dass Projekte wie diese eigent-den worden war, stellte sich die Motiva- lich die Reparaturarbeit dessen seien,tion bei den KindergärtnernInnen von was jahrelang versäumt worden war. Dieselbst ein. Die Erkenntnis aus den bishe- Aufforderung an die Politik, die musikali-rigen Praxiserfahrungen ist, dass das sche Bildung von Anfang an, und auch inverstärkte Singen auch den Kindern gro- der Ausbildung von LehrernInnen undßen Spaß macht und es zu assoziativem ErzieherInnen zu fördern, stand ab-spontanen Singen der Kinder auch un- schließend im Raum. Eine solche Institu-terhalb der Woche und zu Hause kommt, tionalisierung müsse allerdings auch mitwelches es zuvor nicht gab. Dabei fällt Leben gefüllt werden. Musik eröffnetkein Unterschied zwischen Mädchen und durch sich selbst die Chance, zu begei-Jungen auf. stern, so die Meinung der Arbeitsgrup- pen-TeilnehmerInnen.Ergänzende Maßnahmen von Seiten derSingakademie sind die Erweiterung desLiedcurriculums; die ErzieherInnen be-kommen dabei Liedsammlungen und -blätter zur Verfügung gestellt. Außerdemgibt es ein KiSINGa-Singfest. Wertbil-dende Faktoren des Projektes sind nebeneinem kompetenten Fachpersonal, dasVorbild für die ErzieherInnen im Modell-unterricht sein sollte, eine kontinuierlicheIntervention, wie Nachbesprechungen,sowie eine stabile Projektorganisation. Das Protokoll führte Mechthild Schlumberger. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Sozialisierung durch Singen“ – S.3/3
  • Mehr Öffentlichkeit fürden Gesang I – AudienceDevelopment beim Rund-funkchor BerlinReferent: Hans-Herman Rehberg, Zwischen diesen Produktionen findenChordirektor zwölf Veranstaltungen im Rahmen von „Broadening the Scope of Choral Music“ statt:Die Initiative „Broadening the Scope ofChoral Music“ des Rundfunkchor Berlin • Broadening in concert (5 Konzerte)geht auf die Feststellung zurück, dass • Internationale Meisterklasse Berlin (1der Chor im Kerngeschäft zwar immer • Konzert und 6 Workshoptage)große Aufmerksamkeit genoss, A- • KlangKulturen (1 Konzert und 10Cappella-Konzerte vom gleichen Publi- Workshops)kum jedoch kaum besucht waren. Seit • Liederbörse (1 Konzert und 122003 experimentiert der Chor nun mit Workshops)neuen Konzertformen und findet dabei • LeaderChor (1 Konzert und 3 Work-heraus, wie mit dem Publikum von heute shoptage)und morgen mehr als bisher möglich • Mitsingkonzert (1 Konzert und 2 Pro-werden kann. ben) • Mitsingprobe (2 Veranstaltungen)Im Jahr 2007 brachte der Rundfunkchorin der Reihe „Broadening in concert“, Sir Im Bereich Education engagiert sich derJohn Taverners siebenstündiges Mei- Rundfunkchor bereits seit Ende dersterwerk „The Veil of the Temple“ unter 1990er Jahre. In seinem jüngsten Pro-der Leitung von Simon Halsey im Ham- jekt war er zu Gast in einer Grundschuleburger Bahnhof in Berlin zur deutschen in Berlin-Marzahn. Mit rund 150 Schüle-Erstaufführung. Als kulturübergreifendes rInnen der 5. und 6. Klasse erarbeiteteRiesenwerk in fünf Sprachen erfolgte die der Chor über drei Monate ein interdiszi-Aufführung durch insgesamt fünf Chöre plinäres Projekt zu Rodion Shchedrinsund europäische wie außereuropäische Chorwerk „Der versiegelte Engel“. DieInstrumente. Proben dafür fanden im Musik- und im Sportunterricht statt.Aktuell befindet sich der RundfunkchorBerlin in der Planung für das Fest der Ein weiteres Projekt der Reihe „Broade-Kulturen im kommenden Januar in Ber- ning in Concert“ fand 2006 mit Christianlin. Dort werden drei Amateurchöre zu- Josts Choroper „Angst“ statt, bei demsammen mit dem Chor des türkischen der Chor der Träger der Handlung ist.Konservatoriums sowohl deutsche als Dass das Konzept von „Broadening inauch türkische Werke aufführen. Für ei- Concert“ funktioniert, zeigten auch dienen zweiten Programmteil wurde ein Aufführung von Ernst Peppings „Passi-Gospel-Spezialist eingeladen, um mit ei- onsbericht des Johannes“, die 2008nem Projektchor aus den verschiedenen mehrfach das Radialsystem in Berlin füll-Chorszenen und Kulturen Berlins ein te sowie die Johannes-Passion von Ja-Konzert zu erarbeiten. Im dritten Pro- mes MacMillan 2008 und 2009. Die Auf-grammteil wird der Rundfunkchor die tragskomposition von MacMillan bandmusikalische Vesper von Sergej Rach- den Chor szenisch mit ein und wurde zu-maninow, unterbrochen von Improvisa- sammen mit dem Boston Symphony Or-tionen auf der armenischen Duduk-Oboe, chestra, dem London Symphony Orche-aufführen. stra und dem Concertgebouworkest Am- sterdam aufgeführt.Das eigentliche Kerngeschäft des Rund-funkchors beinhaltet 55 Konzerte unddrei CD-Produktionen in der Saison2010/2011. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 1 / 6
  • Neben der Reihe „Broadening in Concert“ Damit möchte der Chor dazu beitragen,und den Education-Aktivitäten gehören dass Singen als kreatives Potenzial alleauch die sogenannten Mitsingkonzerte Bereiche des Lebens erreicht.zum Konzept von „Broadening the Scopeof Choral Music“. In zwei Proben und der Auch vor Unternehmen macht der Rund-Aufführung können dabei 1000 Mitsänger funkchor nicht Halt. Im Gegenteil – hierbei einem großen Chorwerk des Rund- findet er sowohl finanzielle als auchfunkchores in der Berliner Philharmonie kreative Partner und initiiert Chorgrün-mitwirken. Oft melden sich dabei ganze dungen in Unternehmen. In Mitsingpro-Chöre und Schulklassen an und die War- ben in den Räumen der Unternehmenteliste ist so lang wie die Liste der be- kommen die MitarbeiterInnen mit demreits Angemeldeten. Inzwischen hat sich Singen in Kontakt. Daneben richtet sichsogar eine „Industrie“ im Umfeld der der so genannte LeaderChor an Füh-Mitsingkonzerte entwickelt – Chorleite- rungskräfte aller Bereiche. Es wurderInnen bieten Workshops und Proben zur festgestellt, dass Führungskräfte durch-Vorbereitung auf das Mitsingkonzert an. aus singen können, jedoch zu wenig ZeitSogar Unternehmen entsenden Mitarbei- für regelmäßige Proben haben. Daherterchöre, die während der Arbeitszeit zu- sind sie dankbar, einmal projektweisesammen dafür proben. Am Ende steht wie die Profis mit Simon Halsey zusam-ein großes gemeinsames Konzerterleb- menarbeiten zu können.nis, das jedes Mal bereits nach 14 Tagenausverkauft ist.Auch für Berliner SchülerInnen gibt esein Mitsingangebot des Rundfunkchores.Mit 300 TeilnehmerInnen kleiner als dasMitsingkonzert, ist die sogenannte Lie-derbörse eine Möglichkeit für die Schüle-rInnen, mit einem professionellen Chorzusammen zu singen. Dabei dürfen Lie-derwünsche mitgebracht werden. DiesesProjekt erfordert ein Jahr Vorbereitung,in dem SängerInnen des Rundfunkchoresmit den SchülerInnen proben. Dazumüssen auch immer LehrerInnen gefun-den werden, die klassenübergreifendmitmachen. Damit auch in Zukunft charismatische Chorleiter und „Rattenfänger“ wie SimonDas nächste Projekt des Rundfunkchores Halsey diese Arbeit fortsetzen, hat derim Bereich der kulturellen Kinder- und Rundfunkchor die „Internationale Mei-Jugendbildung wird ein Projekt sein, in sterklasse Berlin“ für junge Dirigentendem das Singen neu in den Grundschu- ins Leben gerufen, bei der man bereitslen etabliert werden soll. In Kooperation interessante junge Leute kennen lernenmit den Landesmusikschulen werden konnte. Dabei lernen beide Seiten, Leh-ChorsängerInnen als Singpaten in zu- rende und Lernende, immer auch von-nächst zwei Grundschulen entsandt. einander. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 2 / 6
  • Mehr Öffentlichkeit fürden Gesang II – SingendeFlashmobs der Interna-tionalen A-cappella-Woche HannoverReferent: Roger Cericius, Leiter derInternationalen A-cappella-WocheDie Internationale A-cappella-Woche Facebook ist inzwischen das wichtigsteHannover ist mit einer Festivalwoche im Social Network. Auf Facebook hat die A-Jahr ein singuläres Ereignis mit in die- cappella-Woche inzwischen 291 Fans,sem Jahr mehr als 7500 Besuchern. Das über die statistische Werte über Reaktio-Konzept sieht den Auftritt weltbekannter nen auf das Festival herausgelesen wer-und auch dezidiert weniger bekannter den können. Außerdem gerät man so anEnsembles vor. Im Vordergrund der Pro- Informationen über Themen am Randgrammgestaltung stehen ein große des Festivals; zum Beispiel, wie die Be-Bandbreite, Vielfalt und Innovation. Der sucher morgens aufstehen und den Fe-Etat beträgt 150.000 Euro im Jahr. Mit stivaltag beginnen. Auch bei der Face-einem Marketingetat, der zehn Prozent book-Präsenz gilt, dass sie oft aktuali-davon beträgt, ist es schwierig, Werbung siert werden muss, um für Nutzer attrak-auf ganzer Breite zu realisieren. Daher tiv zu bleiben. Die Arbeit, die Webseitensetzt das Festival verstärkt auf Werbung sorgfältig zu pflegen, lohnt sich, wennüber das Internet und versucht, Men- man einen Kreis ansprechen möchte, derschen zu Multiplikatoren zu machen. Da- im Internet zu Hause ist. Facebook er-bei lautet die Devise, einfache Bilder für möglicht es, die eigenen Fans so genauPartner und Medien zu produzieren, per- wie möglich kennen zu lernen. Um je-sönlichen Kontakt zu den Menschen auf- manden zu erreichen, müssen seinezubauen und das Internet effektiv zu Emotionen erreicht werden, damit er innutzen. das Konzert kommt.Im Jahr 2008 hatte der Internetauftritt In diesem Jahr gab es das Phänomen,der A-cappella-Woche 50.000 Clicks. dass auf einen Aufruf an Chöre, zumAufgrund dieser positiven Besucherent- Auftakt der A-cappella-Woche irgendwowicklung auf der Website vollzog das Fe- in Hannover zu singen, ein Flashmobstival den Einstieg in die Social Net- entstand. Die Sänger reisten zum Teilworks. Wichtig bei der Pflege einer Web- von weit her an, trafen sich in einemsite ist, sie stets aktuell zu halten und großen Einkaufszentrum in Bahnhofsnä-sie mit News zu füttern sowie gut ver- he, sangen zusammen und wurden vonlinkt zu sein, um eine gute Position bei einigen Menschen gefilmt. Im Internetder Suchmaschinensuche zu erreichen. erreichten die Videos weitere 8.000 Men-Von den Social Networks sollte man nur schen. Auch die Berichterstattung aufdie für das Marketing nutzen, die für das SAT1, NDR, in der HAZ und der Bildzei-eigene Anliegen relevant sind. tung trugen zu einer effektiven und da- bei kostenlosen Werbung für die A-Die A-cappella-Woche nutzt Twitter, cappella-Woche bei. Außerdem wurdenMyspace und Facebook. Twitter wird we- die Fans auf Facebook durch den Flash-gen der Schnelligkeit genutzt und wegen mob in der Realität haptisch und es warder Möglichkeit, aus einem Konzert her- möglich, mehr über die eignen Fans zuaus etwas zu berichten. Hier hat die A- lernen.cappella-Woche bereits 90 Followers. DieTweets werden direkt in die Homepage Um solche Wirkungen zu erzielen, ist eseingefüttert. jedoch notwendig, sich jenseits der Kul- tur kreativ zu zeigen und etwas anzubie- ten, was andere nicht haben. Darüber Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 3 / 6
  • hinaus kann z.B. der Informationsfluss z.B. Backstage-Aufnahmen. Es geht dar-über Programmankündigungen mit einer um, das eigene Publikum so gut wiebesonderen Dramaturgie versehen wer- möglich kennen zu lernen, sich auchden. Außerdem sollten viele bewegte Bil- Programmideen aus dem Publikum mit-der und Details gezeigt werden, die teilen zu lassen und sich allen Fragensonst nicht gezeigt werden können, wie aus dem Publikum zu stellen..........................................................................................DiskussionMarkus Lüdke (Moderator): HerrRehberg, wie ist das Verhältnis von Auf-wand und Wirkung bei den von Ihnendargestellten Aktivitäten des Rundfunk-chors? Sie machen viele Konzerte, dasProgramm ist gewachsen. Alles, wasüber den normalen Betrieb hinausgehtist, ist also ein riesiger zusätzlicher Auf-wand. Wie organisieren Sie das? Gibt esbei Ihnen eine Stelle dafür?Hans-Hermann Rehberg: Nein, eine Markus Lüdke: Herr Cericius, es ist be-Stelle dafür gibt es nicht. Die Arbeit hat eindruckend, wie es Sinn macht, sich mitsich im Laufe der Zeit verändert. Im neuen Medien auseinanderzusetzen? EsTeam ist jedem bewusst, dass diese Ak- leuchtet ein, dass man etwas über dietivitäten notwendig sind. Vieles macht Kunden lernen kann. Unterscheiden Sieman aus Leidenschaft und Freude. Au- die Zielgruppen was die Programminhal-ßerdem werden projektweise freie Mitar- te anbelangt? Merken Sie, ob das Inter-beiter engagiert, zum Beispiel für Projek- net immer noch ein Medium ist, in demte mit Grundschulen. Unser Werbeetat sich eher Jüngere tummeln?ist übrigens auch begrenzt und machtnur acht bis neun Prozent des Verwal- Roger Cericius: Der Vorteil ist, dasstungsetats aus. Aber mit der Initiative, Musik grundsätzlich generationsübergrei-die losgetreten wurde, gibt es viel Mund- fend ist. Was die Nutzung des Internetszu-Mund-Propaganda. Auch durch die angeht, sind wir noch zu frisch dabei, umLiederbörse erhalten wir viel mehr Auf- wirklich eine Aussage darüber treffen zumerksamkeit in der Presse als für nor- können. Natürlich ist der Kreis, der dortmale Konzerte – dadurch multipliziert kommuniziert und wirklich interaktiv ist,sich die Wirkung. noch überschaubar. Die nächste Entwick- lungsstufe für uns ist, eine Beziehung zuAuch die Ensemblemitglieder sind in die beschreiben. Ich hätte gerne eine Ant-Arbeit eingebunden, sie müssen das Au- wort, wie man diese Beziehung beschrei-dience Development zu ihrer eigenen ben kann und pflegt, so dass man an dieSache machen. Wir machen die Arbeit Leute herankommt. Die Basis dafür ist,seit Mitte der 90er Jahre und es war am dass man viel über sie weiß.Anfang nicht selbstverständlich, dassdiese Dinge notwendig sind. Mit der Zeit Wir haben in diesem Jahr versucht, Mit-und auch durch den Künstlerischen Lei- glieder für den Förderverein der A-ter ist das Verständnis gewachsen. Er cappella-Woche zu werben. Ich habe aufschafft es, eine Basis zu schaffen, auf Facebook geschrieben „Wer macht dader niemand vorgeführt wird, aber auf mit?“ – darauf gab es keine einzige Mel-der jeder vom anderen lernt. dung. Ein paar Tage später habe ich ein- fach nur geschrieben: „Wow!“, und es Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 4 / 6
  • gab zehn Meldungen. Sie müssen die gar aus Übersee und es ist eine schöne,Leute mit auf den Weg zu sich nehmen. nachhaltige Sache. Natürlich ist auch dieWir haben viele ehrenamtliche Helfer, die Vernetzung mit den Schulen nachhaltigwir auf diese Weise kennengelernt ha- gedacht. Und das ist sie auch in der Rea-ben. Es gibt viele Begeisterte, die mithel- lität, denn immer wieder und auch flä-fen und die wiederum eine eigene Com- chendeckend melden sich Schulen, ummunity haben, die sie zusätzlich mobili- mitzumachen. Auch das Singen in densieren. Grundschulen wird bestimmt gut voran- kommen. Wir arbeiten dafür mit demMarkus Lüdke: Wunderbar, Sie haben Berliner Sängerbund und dem Deutschenuns jetzt sehr sinnfällig dargestellt, was Chorverband zusammen. Wir habenes für einen Wert haben kann, sich im einmal klein mit den FamilienkonzertenInternet zu engagieren. Herr Rehberg, angefangen, die mal funktionierten undgibt es einen nachweisbaren Fluss von mal nicht. Dann kam die Idee, ein Sän-Menschen, die über die Audience Deve- gerfest zu veranstalten. Alle Amateur-lopment-Aktivitäten zum Chor finden und chöre wurden angeschrieben und danndann auch in die anderen, regulären im Haus des Rundfunks zum Singen ge-Konzerte gehen? bracht. Daraus ist dann das Mitsingkon- zert in der Philharmonie gewachsen.Hans-Hermann Rehberg: Ja, wir ha-ben das Gefühl, dass die Beteiligten der Roger Cericius: Alles braucht einen Im-außerordentlichen Projekte inzwischen puls und den hat man in Hannover ge-auch zur Fangemeinde des Rundfunkcho- setzt, obwohl wir inzwischen ein nieder-res über die Mitsingkonzerte hinaus ge- sächsisches Festival sind, das in Hanno-hören. Seit es das Mitsingkonzert gibt, ver stattfindet. Zur Vernetzung ist zu sa-können wir einen regelmäßigen Anstieg gen, dass wir seit vielen Jahren mit derder Mitglieder des Freundeskreises ver- Hochschule für Musik und Theater inzeichnen. Ich glaube, diese Arbeit zahlt Hannover Meisterkurse für klassischesich aus. und Jazz-/Rock-/Popmusik veranstalten. Wir überlegen, ob wir Projekte mit Ein-Markus Lüdke: Nun möchten wir das richtungen machen, die am Rande dasGespräch öffnen und dem Plenum die Festival streifen, wie z.B. eine Lehrer-Möglichkeit geben, Fragen zu stellen. fortbildung im Beatboxing. Die A- cappella-Woche war auch oft ein ImpulsHans-Jürgen Ollech: Das waren jetzt für Chorgründungen. Es gab die letztenzwei klassische Beispiele, die sich auf zwei Jahre ein Open-Air-Konzert auf demzwei lokale Städte beziehen. Wenn man Platz vor der Marktkirche, zum demauf den Verband in Niedersachsen und 3000 Menschen kamen, die sonst nichtBremen schaut, dann sieht die Welt an- gekommen wären – das hatte auch eineders aus. Herr Rehberg, inwieweit arbei- Multiplikationswirkung.ten Sie auch mit dem Berliner Chorver-band zusammen und welche nachhaltige Hans-Hermann Rehberg: Ein großesWirkung hat das Ganze bezogen auf Ber- Problem im Hinblick auf Vernetzung ist,lin? Wird regelmäßig in Schulen und Kin- dass viele Institutionen aus Imagegrün-dergärten gesungen? Auch die A- den nur für sich kämpfen. Wir würdencappella-Woche in Hannover ist ein mehr erreichen, wenn wir unser Ego ab-Event, das regelmäßig läuft. Welche legen und glauben, dass wir gemeinsamnachhaltige Wirkung hat dieses Festival mehr erreichen. In Berlin kann ich mirim Bereich Hannover? gut vorstellen, mit den Hochschulen zu- sammen zu arbeiten. Ich glaube, wirHans-Hermann Rehberg: Ich glaube, sind stärker zusammen.das Mitsingkonzert ist ein Beispiel dafür,dass es nicht nur ein lokales, sondern – Roger Cericius: Dabei können die öf-ohne zu übertreiben – auch ein weltwei- fentlichen Einrichtungen auch mehr da-tes Event ist. Ein Mal im Jahr ist der Pe- zulernen, wenn sie begreifen und sehen,tersplatz nicht in Rom, sondern in Berlin. dass Impulse von außen nicht nur etwasEs kommen Sangesfreudige aus der gan- verlangen, sondern auch etwas gebenzen Bundesrepublik, aus Europa und so- können. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit f. d. Gesang“ – S. 5/6
  • Martin Heubach: Benutzen Sie noch Es muss immer ein Mix sein. Langfristigklassische Werbemittel? Schalten Sie An- kann man sich jedoch von manchen Me-zeigen bei Facebook? Haben Sie einmal dien verabschieden.ausgewertet, wie viel Zeit Sie für die Beim Mitsingkonzert muss jeder 25 EuroPflege der Facebook-Seite investieren? bezahlen, egal ob er mitsingt oder nicht.Sind die Mitsänger in der Philharmonie Außerdem muss jeder Sänger die Notenauch diejenigen, die Eintritt zahlen und selbst kaufen.das Konzert finanzieren? Markus Lüdke: Nun möchte ich SieRoger Cericius: Ja, wir machen tradi- noch um ein letzte Statement bitten: Dietionelle Werbung in der Stadt, versuchen Chorszene ist in erster Linie eine Laien-aber auch, klassische Werbung umzu- szene. Das macht die Kraft dieser Szenedenken. Zum Beispiel haben wir uns mit aus, weil sie in der Breite stattfindet. Siedem Masala Festival zusammengetan haben gezeigt, was man hier als Institu-und Hannover Marketing überzeugt, die tion tun kann. Aber was kann man imbeiden Festivals für ein Imageplakat für Alltag eines Laienchores davon umset-Hannover zu verwenden, das die Festi- zen?vals dadurch nichts gekostet hat. Ban-nerwerbung im Internet ist ein gutes Roger Cericius: Jeder muss seine ZieleThema, das werden wir in Zukunft ver- und Erwartungen definieren und mussstärkt machen. Die investierte Zeit für strategisch arbeiten. Wenn Sie die Er-die Pflege der Social Networks beträgt wartung haben, einen Nachmittag mitbei mir eine Stunde am Tag. Singen und Kaffeetrinken zu verbringen, dann tun Sie das.Hans-Hermann Rehberg: Wir machenauch klassische Werbung, sind aber Hans-Hermann Rehberg: Wenn jedermomentan im Prozess des Umdenkens, über seinen Tellerrand schaut und sichinwiefern wir mehr virale Werbung vernetzt, ist viel gewonnen. Wichtig ist,betreiben sollten. Es gibt zum Beispiel dass Profis und Laien voneinander lernenBannerwerbung für den kommenden und dass es einen Dialog gibt und eineGospelworkshop, da wir realisiert haben, ganz große starke Gruppe.wie groß die Community aufgestellt ist. Das Protokoll führte Paul Krüerke. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit f. d. Gesang“ – S. 6/6
  • SINGEN MIT GENERATIO-NEN I – Canto elementarReferentin: Anke Bolz, Seminar- undProjektleiterin „Il canto del mondoe. V.”Canto elementar verbindet singfreudigeSenioren mit Kindergärten, die das Sin-gen als Element der Alltagskultur ihrer Auf eine 20-köpfige KindergartengruppeKinder wiederbeleben wollen. Canto ele- kommen ca. zehn Senioren, die idealer-mentar betrachtet die Entfaltung des weise in der näheren Umgebung der Kin-Singens als gleichbedeutend mit der des dergärten wohnen.Sprechens. Singen wird gleichwertig zumErlernen der Sprache verstanden. Das Die ErzieherInnen erlernen und erlebenSprechen gilt dem Projekt als der Motor durch die wöchentliche Canto-Stundefür die Entwicklung des Logos, das Sin- das Liedersingen für sich selbst, um esgen dagegen für die Entwicklung der dann verstärkt in den Kita-Alltag einflie-Emotionen. Ausgangspunkt ist die Beob- ßen zu lassen. Schließlich werden die El-achtung, dass in den meisten Familien tern zu Singstunden und besungenen Ki-nicht („nicht mehr“) musiziert oder ge- ta-Festen eingeladen.sungen wird. in den Kindergärten wen-den nur („nur noch“) zehn Prozent der Das Programm Canto elementar, das vonErzieherInnen spielerisches Singen an. „Il Canto del mondo e. V.“ angeregt undDabei ist „Singen Kraftfutter für Kinder- begleitet wird, dauert für jede Kinderta-hirne“ (Prof. Dr. Dr. G. Hüther) und gesstätte zwei Jahre. Der Verein hilft beischüttet ein Hormon aus, das den Men- der Singpatensuche, bei inhaltlichen Fra-schen bindungsfähig macht. Singen kann gen und hält Einführungen ins Projekt fürwie kein anderes medizinisches Mittel Singpaten, ErzieherInnen und LeiterIn-gleichzeitig Angst lösen und Freude nen. Weiterhin kümmern sich Mitgliederwecken (Prof. Dr. Dr. M. Spitzer). des Vereins um die Anschaffung des ge- meinsamen Liederbuches inklusive CDDie Kinder, die teilweise weiter weg von und besuchen regelmäßig die Kindergär-ihren eigenen Großeltern leben oder bei ten.denen das Musizieren kein Bestandteilder familiären Kommunikation ist, sollen Eine Kita, bei der alle Kinder einbezogenein Singen in großfamilienähnlicher At- werden und täglich mindestens 45 Minu-mosphäre erleben. Dabei verbringen äl- ten singen, erhält Urkunden und die Pla-tere Singpaten gruppenweise 45 Minuten kette „Canto-Kita“. Nach der Projektpha-pro Woche ehrenamtlich in einer Kinder- se läuft es oft weiter, die Gruppe der be-tagesstätte und wirken darauf hin, die geisterten Singpaten erneuert sichKinder für das regelmäßige Singen „aus selbstständig und die ErzieherInnen sindHerz und Seele“ zu begeistern. Das kön- dankbar für eine generationenverbinden-nen sie am Besten mit Liedgut, das sie de Singkultur.selbst voller Begeisterung im Herzen ha-ben. Demzufolge erstreckt sich die Lied- Canto elementar startet, wenn sich einauswahl über Volkslieder, alte Kinderlie- Kindergarten oder Eltern, Singpaten oderder aber auch über das Hören und Erle- andere Förderer dazu melden und umben von Geräuschen und Lauten sowie zweijährige Unterstützung durch denFantasiesprache in Form von nonverbaler Träger „Il canto del mondo e. V.“ bitten.Kommunikation. Zum Singen sollte min- Die Kosten für die Kita belaufen sich aufdestens ein Pate ein Begleitinstrument 5 000 Euro über die zweijährige Projekt-spielen, zum Geräuschwahrnehmen wer- zeit für das Material und das beteiligteden Klangstäbe und Windspiele an die Personal. In manchen Einrichtungen be-Kinder verteilt. teiligt sich ein Förderer wie eine Versi- Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 1 / 4
  • cherungsgesellschaft, ein Musikverlag Singpaten werden aus Chören und Kir-oder die Kommune an der Finanzierung. chengemeinden geworben oder bei Eh- renamts- und Freiwilligenstellen ange- fragt. Die Zahl der Senioren, die sanges- erfahren sind, wird nach den Beobach- tungen von Canto elementar kleiner. Problematisch erweist sich die Koordinie- rung der Singpaten als Gruppe, sowohl terminlich als auch sängerisch bzw. päd- agogisch. Eine positive Erfahrung ist für Canto elementar die Begeisterung der teilneh- menden Senioren, der Kinder und Eltern. Kontakte zwischen den Generationen entstehen. Das beständige Singen er- leichtert den Kita-Alltag durch eine ver- besserte Umgangsweise unter den Kin- dern und die Senkung des allgemeinenDas zusammengestellte Liederbuch ent- Lärmpegels. Die Senioren machen diehält 39 Lieder – Volkslieder, einfache Erfahrung sinnvoller Betätigung nach Ab-Lieder, Lieder für den alltäglichen Ge- schluss des Erwerbslebens und halten oftbrauch. Sie sind jeweils in drei verschie- Kontakt zu den Kitas oder engagierendenen Tonhöhen angegeben. Dabei wur- sich innerhalb ihrer Singpatengruppe.de darauf geachtet, dass die Tonlagenicht über das h’ hinausreicht, denn bei Die zukünftige Arbeit von Canto elemen-ungeübten Kinderstimmen muss der tar soll bundesweit dazu beitragen, dassStimmmuskel erst trainiert werden. Um die Kitas eigenständiger werden. Hinzuder zunehmenden Internationalität in kommt eine gesteigerte Wertschätzungden Kitas zu entsprechen wurde bei- der sozialen Bedeutung des Singens ne-spielsweise „Bruder Jakob“ in mehreren ben der Förderung der Kunstmusik.Sprachen aufgenommen..........................................................................................SINGEN MIT GENERATIO- schieht in den Bereichen Kammermusik, Orchester- und Opernliteratur. InhalteNEN II – Die Musikaka- sind geistliche wie weltliche Musik, klas-demie für Senioren e. V. sische ebenso wie Unterhaltungs- und neue Musik. Ergänzt werden diese vonin Hamburg (MAS) Angeboten zur Musiktheorie und einfa- chen Kompositionsworkshops – soge- nannten Kreativseminaren – sowie vonReferentin: Mareike Morr, Staatsoper Konzertbesuchen und Kulturreisen.Hannover, Seminarleiterin für Kunst-liedgestaltung bei der MAS Die MAS möchte mit ihrem Angebot der älteren Generation eine Möglichkeit bie- ten, auch im Alter noch oder wieder aktivDie Musikakademie für Senioren bietet zu musizieren. Durch Musik und Gemein-musikalische Fortbildung für die Genera- schaft können erlebte Einsamkeit undtion 50+ an. Zu dieser zählt sich inzwi- Sorgen überwunden werden. Die Musik-schen auch der Gründer und Leiter der seminare vermitteln ein jugendliches Ge-Akademie Ernst-Ulrich von Kameke. Seit fühl, können zu familiärer Hausmusik an-1992 bietet die MAS Kurse für Instru- regen und ermöglichen ein Begegnen dermentalisten und Sänger an. Dies ge- Generationen: Jung unterrichtet hier Alt, Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 2 / 4
  • weil oft die Seminarleiter unter der 50+- In den Kursen zur Kunstliedgestaltung,Marke liegen, aber Alt begegnet auch die in diesem Jahr am Nordkolleg Rends-Jung – die Teilnehmer können als Sing- burg stattfanden, erteilte Mareike Morrpate einen Kindergarten besuchen, worin Einzelunterricht in Gesang und Klavier.ein inhaltlicher Schnittpunkt mit Canto An passender Stelle baute sie Übungenelementar liegt. für die ganze Gruppe ein, sofern diese am Unterrichtsgeschehen teilnahm. Das, was zu Beginn etwas Überwindung und Mut kostete, konnte später mit etwas mehr Übung schon beim kleinen „Ab- schlusskonzert“ im Kreis der Teilnehme- rInnen dargeboten werden. Im Vorfeld konnten sich anhand der versandten Teilnehmerliste Duopartner für Gesang und Klavier finden, die vor allem darauf achten mussten, sich bei der Einstudie- rung auf dieselbe Tonart zu einigen – wie Mareike Morr nach dem ersten Kurs fest- stellte. Die Themen der angebotenen Kunstlied- Kurse wechseln jährlich. Sie tragen Titel wie: • Nacht und Träume • Volkslieder aus verschiedenen Ländern • Die Blume im Kunstlied • Aktuell: „Weltlich – geistlich, geist- lich – weltlich“ mit Cristian PeixAnne Benjes (li) und Mareike Morr vom 29.8. bis 2.9.2011Die jährlich etwa 30 Kurse dauern je- Die physiologischen Aspekte der Stimmeweils drei bis vier Tage und finden an bzw. des Stimmmuskels zum Singenlandschaftlich schön gelegenen Orten in oder der Fingergelenke beim KlavierspielNorddeutschland statt. Die angebotenen im Alter sind dabei nicht zu unterschät-Kulturreisen führen nach Dresden oder zen. Eine Stimme kann noch bis zum 50.Potsdam, aber auch nach Kopenhagen Lebensjahr muskulär aufgebaut werden,und Mallorca. danach kann man lediglich an ihrer Er- haltung arbeiten. Wesentlich für das Al-Die Seminare kosten für die Teilnehme- ter der Stimme sind die zunehmenderInnen zwischen 30 und 100 Euro; Un- Verknöcherung des Kehlkopfs und dieterkunft und Verpflegung kommen gege- Austrocknung der Kehlkopfschleimhaut.benenfalls hinzu. Mitglieder der Akade- Das bewirkte eine deutliche Beeinträch-mie erhalten Ermäßigungen. Die Nach- tigung der Flexibilität und Elastizität vonfrage nach den Angeboten der Akademie Kehlkopf und Stimmlippen. Die für daswächst durch Mund-zu-Mund- Singen notwendige Koordination undPropaganda der bisherigen Kursteilneh- Präzision von Atmung, StimmfunktionmerInnen und durch die Auslage des und Stimmklang ist nicht mehr gegeben.Jahresprogramms. So werden nun schon Der Musikpsychologe Herbert Bruhn von900 InteressentInnen gezählt. Der über- der Universität Flensburg konstatiert inwiegende Teil sind Frauen; unter ca. 12 seinem Aufsatz „Musikhören und Musik-Teilnehmern pro Kurs sind etwa 2-3 machen im Alter“, dass der erreichbareMänner. Tonumfang sich bei Männerstimmen frü- her und stärker als bei Frauenstimmen verschlechtere, was auch ein Grund für die geringe Teilnahme von Männern an Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 3 / 4
  • den Gesangskursen und an Chören gene- In der Gesprächsrunde im Plenumrell sein könnte. wurden Ideen gesammelt, wie man als ChorleiterIn mit Damen umgehen sollte,In der Arbeitsgruppe war dies ein Punkt, deren Stimme aus Altergründen nichtder zur Diskussion im Plenum führte. Ein mehr für den Sopran geeignet ist. VieleTeilnehmer gab zu bedenken, die Tonla- Chorsängerinnen vermieden ein Einge-ge einer Männerstimme liege der Sprech- ständnis ihrer verlorenen Höhe. Hier gabtonlage nahe, wohingegen eine Frauen- es Vorschläge und Erfahrungen, bei-singstimme in Höhe und Tonumfang spielsweise, einen Familienchor zu grün-stärker zu trainieren sei und ein alterbe- den, bei dem alle herzlich willkommendingtes Erschlaffen des Stimmmuskels sind, von Kleinkindern bis Senioren. Oftbei Frauen hörbarere Folgen habe. Ande- sitzen dort die Altersgruppen durchein-re physiologische Erkenntnisse legten ander, wodurch das Konkurrenzgefühlden Schluss nahe, dass die Männerstim- zwischen den jungen gegenüber den äl-me beim Singen nicht so stark gefordert teren Generationen abgefedert wird. Eineist wie die Frauenstimme und sich somit andere Möglichkeit ist, den „eigentlichen“im Alter gleiche Anforderungen an die Chor mit einer Altersgrenze zu versehenStimmen beider Geschlechter stellen. und parallel eine Seniorenkantorei zuJedoch unabhängig vom Alter entspricht gründen. Dort fühlen sich die Älteren oftdie Kondition der Stimmmuskulatur oft mit ihrer Stimme wohler, weil sie unterder des Körpers insgesamt. Gleichgesinnten sind. Der ChorleiterBei den Pianisten stellte der Bewegungs- kann dort die Tonhöhen entsprechendapparat der Hand teilweise eine Heraus- anpassen. Alternativ kann man den älte-forderung dar. Rheumaerkrankungen in ren Damen empfehlen, in den Alt zuden Fingergelenken konnten in den Kur- wechseln, wo sie eine stützende Funktionsen durch geschickte Fingersätze und haben und verhindern, dass der Alt zuVereinfachungen in der Spielweise über- stark in die Tiefe sinkt.listet werden. Zum Schluss steht fest: Aktives Musizie-Als beachtlich beschrieb Mareike Morr die ren ist die beste Methode, um jung undErgebnisse, die die Senioren trotz der vergnügt zu bleiben und übertrifft sogarphysiologischen Gegebenheiten aus ihrer die Effekte so mancher Anti-Aging-Stimme oder dem Klavier mit ein paar Programme.Tagen Übung herausgeholt haben. ImDuo-Musizieren sei besonders die Ge-meinschaft durch Musik zum Ausdruckgekommen: Im gemeinsamen Atmen, imaufeinander Hören und miteinander Mu-sizieren sei eine neue Lebendigkeit in dieAugen und Herzen der Ausführenden ge-treten. Die Überwindung einer oft be-nannten Altersstarrsinnigkeit kann in ei-nem solchen Seminar zu einer Kommu-nikation auf Augenhöhe gelangen.Trotz des schlechteren Gehörs entwic-keln die Teilnehmer ein starkes musikali-sches Einfühlungsvermögen in ihren In-terpretationen. Die Emotionalität desSingens lässt freudige Momente, aberauch sehr bewegende Erinnerungen auf-kommen. Andererseits erhöht sich dasFrustpotenzial, wenn die TeilnehmerIn-nen einen zu hohen Anspruch an sichselbst mitbringen. Hier halfen gute Worteder Kursleiterin, aber auch gegenseitigeErmutigung der TeilnehmerInnen unter-einander. Das Protokoll führte Pia Hartig. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 4 / 4
  • Die singende Schule I Sage Gateshead identifizierte drei Dinge, die in dem Programm passieren sollten:Die Schulprogramme von 1. Lehrer sollten aus Freude zusammenThe Sage Gateshead im und vor den Kindern singen. 2. Singen würde zu einem der Mittel, dieRahmen der National Sin- die Lehrer für den Unterricht gebrauchenging Campaign können. 3. Die Schule würde zu einem ZentrumReferentin: Katherine Zeserson, des Singens in der Gesellschaft.Director of Learning and Participati-on, The Sage GatesheadThe Sage Gateshead ist ein Musikzen-trum im Nordosten Englands, einer in-dustriell geprägten Region. Das weitereUmfeld ist sehr ländlich – es gibt dortmehr Schafe als Einwohner. Die Regionsteht vor denselben sozialen Herausfor-derungen wie das ganze Land. Die Er-neuerung dieser Region ist Teil eineslandesweiten Erneuerungsprogrammsund –prozesses, der vom Staat und pri-vaten Geldgebern Ende der 90er Jahreinitiiert wurde und Kultur als zentralenAntrieb gebraucht.Die größte und am stärksten verankerteInstitution dieses Programms ist The Sa-ge Gateshead. Das Musikzentrum trägtVerantwortung für die Unterstützungdieser Neugestaltung. The Sage Gates-head möchte alle Arten von Musik allenArten von Menschen zugänglich machen.Das Gebäude beinhaltet drei Bühnen so-wie Cafés und Bars. Das Haus ist siebenTage der Woche jederzeit geöffnet. The Es gab Menschen in der Gesellschaft, de-Sage Gateshead ist vernetzt mit jeder nen das Singen am Herzen lag und dieSchule im Nordosten Englands und un- das Singen in die Schule bringen konn-terhält Partnerschaften mit weiteren ten. Für LehrerInnen ohne Musikausbil-staatlichen und privaten Bildungseinrich- dung wurden Partnerschaften mit Musi-tungen. kern gegründet und es wurden Fortbil- dungen durchgeführt. Singgruppen zurAm Anfang der Überlegungen, mit dem Stressreduzierung für Lehrer – „VocalSingen im Bildungsbereich zu arbeiten, Remedies“ – wurden etabliert. The Sagestanden die Fragen: Wie könnte eine Gateshead probierte dies an 120 Schu-singende Schule aussehen? Was würde len, forschte darüber und führte Befra-dort passieren? Also fragten wir die gungen durch. Die Lehrer sangen zumSchulkinder. Die Antwort lautete, dass in Beispiel zum Essen oder zehn Minuteneiner singenden Schule das Singen im lang zum Feierabend. Als das Programmbesten Sinne alltäglich sein sollte und je- Vocal Union zu Ende ging, bat The Sageder dort singt. Den LehrerInnen war eher Gateshead die Regierung darum, einunwohl bei dem Gedanken, öffentlich Programm entwickeln zu dürfen, das aufsingen zu müssen und das Singen den gemachten Erfahrungen und gewon-anzuleiten. nenen Erkenntnissen aufbaut.Vocal Union Vocal ForceDie Idee der Vocal Union ist, dass die In jeder Community (kulturell, geogra-Schule eine Gemeinschaft ist, die durch fisch, körperlich eingeschränkt) werdendas Singen an Eintracht gewinnt. The 50 Menschen gesucht, die zur „Vocal Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 1 von 5
  • Force“ werden. Diese werden geprüft So bringt The Sage Gateshead das Wis-und Teil einer Struktur. Die Vocal Force sen und die gesammelte Erfahrung infunktioniert nach dem „Brühwürfel- nationale Programme ein. Um die bestenPrinzip“, es hat die Verbreitung des Sin- Lösungen zu finden, hat The Sage Ga-gens überall in der Gesellschaft zum Ziel. teshead z.B. mit dem Londoner Bildungs- institut (www.ioe.ac.uk) zusammengear-Sing up! beitet und das Selbstbewusstsein vonIm Jahr 2007 begann das Projekt „Sin- LehrerInnen und SchülerInnen zu evalu-gUp!“ der Regierung und verschiedener ieren. Es hat sich herausgestellt, dassPartner. The Sage Gateshead stellt dafür sich Schulen mit dem SingUp!-Programmdas Personal, unterstützt Schulen und durch das Singen positiv entwickelt ha-leistet Vernetzungsarbeit. Für Lehrer und ben. Der große Erfolg des ProgrammsPartner wurde außerdem die umfangrei- ist, dass sich auch in den nicht musi-che Onlineressource www.singup.org ge- schen Fächern die Ergebnisse der Schü-schaffen. Um sicherzustellen, dass die lerInnen verbessert haben. Auf politi-Arbeit auf die jeweils spezifische Gruppe scher Ebene ist es nun sehr hilfreich, sol-zugeschnitten und langfristig fortgeführt che Belege zu haben.wird, prüft The Sage Gateshead die „Vo- Die Struktur ist inzwischen so dicht, dasscal Leader“ nach bestimmten Kriterien. The Sage Gateshead Partnerschaften mitThe Sage unterstützt sie, indem es 130 verschiedenen Organisationen ein-Netzwerke für sie aufbaut. gegangen ist, die wiederum mit SchulenInzwischen nehmen 10.000 Schulen teil, zusammenarbeiten. Ihr Antrieb für diedavon 93 Prozent Grundschulen. Ziel war Partnerschaften ist die Erkenntnis, dasses, eine nachhaltige Veränderung in und sie soziales Kapital erzeugen. Am Endedurch singende Grundschulen zu bewir- ist das Ziel der National Singing Cam-ken. Nun soll das Programm auch auf paign, dass jeder Lehrer seine Handweiterführende Schulen und auf Kinder- hebt, wenn man in eine Schule kommtgärten ausweiten werden sowie auf und fragt, wer dort für das Singen ver-Gruppen von Schwangeren auf die Grup- antwortlich ist.pe der Pflegebedürftigen..........................................................................................Die singende Schule IIKlasse! Wir singenReferent: Gerd-Peter Münden, Dom- anschließend in der Halle zum gemein-kantor des Braunschweiger Doms samen Singen zusammentreffen sollten. Alle TeilnehmerInnen erhielten ein Lie-Das Projekt „Klasse! Wir singen“ ent- derbuch, ein T-Shirt und eine CD zumstand aus einer kleinen Idee heraus: In Lernen der Lieder. Schlussendlich melde-der 2005 neugebauten Volkswagen Halle ten sich für das Jahr 2007 insgesamtBraunschweig dirigierte Gerd-Peter Mün- 28.000 Kinder aus der ganzen Region fürden ein Requiem. Dabei kam ihm der das Singprojekt an. Nach diesem erstenGedanke, dass in einer solch großen Hal- Erfolg fragte das Kultusministerium an,le auch einmal Kinder die Möglichkeit er- ob man dieses Projekt in ganz Nieder-halten sollten, zu singen. Viele Kinder sachsen durchführen könne. Um die glei-der Chorsingschule des Doms zeigten che Idee in die Fläche zu verbreiten,sich von der Idee begeistert und wollten musste der Projektinhalt selbst über-mitmachen, darüber hinaus schien das schaubar bleiben. Der Schlüssel dazu lagInteresse und die Singbereitschaft je- im Einbinden der Klassenlehrer. Diese oftdoch gering zu sein. Dennoch plante „fachfremden“, also nicht musikpädago-Gerd-Peter Münden ein Projekt, bei dem gisch ausgebildeten Lehrer werden vorv.a. Grundschulklassen sechs Wochen allem durch die große Schlussveranstal-vorbereitend in der Schule singen und tung motiviert. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 2 von 5
  • Um das Projekt auf ganz Niedersachsenorganisatorisch auszudehnen, wurde dasBundesland in die Einzugsbereiche dergroßen Veranstaltungshallen gegliedert,in denen im Jahr 2011 jeweils einzelneSingfeste stattfinden. Jede Schule wie-derum wurde einem Singfest zugeord-net. Mit Hilfe einer DVD wird versucht, den LehrerInnen eine musikpädagogische Grundausbildung bis hin zur Stimmbil- dung zu vermitteln. Darüber hinaus wur- den 60 LehrerInnen aus Niedersachsen geschult, die in jedem Landkreis Fachbil- dungen anbieten. Die Nachhaltigkeit des ersten Durch- gangs im Jahr 2007 wurde durch eine135.000 Kinder sind bereits angemeldet Evaluation der Professoren Schmidt undund jede dritte Schule in Niedersachsen Riemer bereits nachgewiesen: LehrerIn-wird an einem der 84 Liederfeste teil- nen können durch das Singen den Ta-nehmen. gesablauf verändern und nutzen Singen, um die SchülerInnen aufnahmefähig zuDie LehrerInnen bekommen ein „Kochre- halten. Gerd-Peter Münden hofft, dass eszept“ zur Einstudierung der Lieder. Zu „Klasse! Wir singen“ auch weiterhin ge-jedem Lied gibt es eine Bewegungscho- lingt, dezentrale Schulungsmöglichkeitenreografie, um nach der Drei-Sinne- nach englischem Modell anzubieten, soMethode die Lieder den Kindern schnell dass auch Niedersachsen singende Schu-und effektiv beizubringen. len bekommt..........................................................................................Die singende Schule III - Konzept für Chorklassen an Grundschu- len entwickelt. Bis zu diesem ZeitpunktChorklassen in Nieder- hatte es Schwerpunktklassen an Grund-sachsen schulen noch nicht gegeben. Die Chor- klasse bot den Grundschulen nun eineReferentin: Silke Zieske, Lehrerin an ganz neue Möglichkeit der Profilbildung.der Grundschule Wasbüttel Entschließt sich ein Schule für die Bil-Die Idee für Chorklassen, Musikunter- dung einer Chorklasse, erfolgt die An-richt an allgemeinbildenden Schulen mit meldung und Kontaktaufnahme zu dengesangspädagogischem Schwerpunkt Kooperationspartnern. Die Ursprungs-anzubieten, kam ursprünglich aus den konzeption sah vor, dass der FachlehrerKinder- und Jugendspitzenchören in auch der Klassenlehrer ist und die Chor-Hannover. Zunächst dachte man an ein klasse als fester Klassenverband bei demSchwerpunktangebot für Gymnasien, gleichen Lehrer bleibt. Der Vorteil ist da-doch stieß man dort auf wenig Interesse, bei, dass der Lehrer das Singen flexibelauch weil dort bereits ein entsprechen- in den Stundenplan integrieren kann.des Angebot existierte. So wurde ein Im Pilotprojekt starteten Chorklassen in Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 3 von 5
  • Eine dritte Möglichkeit sind zwei Stunden Chorklassenunterricht und eine Stunde Chor durch die Musiklehrerin und eine Honorarkraft, die integriert Stimmbil- dung unterrichtet. Erste Ergebnisse zeigen, dass die SchülerInnen nicht nur im sängerischen, sozialen und personalen Bereich ihre Kompetenzen steigern konnten, sondern auch in Teilbereichen der gesamten Schulleistung. Außerdem konnte eine positive Auswirkung auf die Schulmotiva-Im Pilotprojekt starteten Chorklassen tion festgestellt werden. Die SchülerIn-in vier Schulen in Hannover und Wasbüt- nen sind hilfsbereiter, sozialer, geordne-tel. Silke Zieske ist in ihrer Chorklasse ter und präsenter. Sie artikulieren sichnach dem Ursprungsmodell vorgegan- deutlicher und klarer. Im Bereich dergen, an anderen Schulen wurde eine an- Schulleistungen verbesserten sie sich imdere Struktur gewählt. An einer soge- Auswendiglernen, Lesen und im kreati-nannten Brennpunktschule beispielswei- ven Schreiben. Von SchülerInnenn undse war der Fachlehrer nicht der Klassen- Eltern gab es positive Rückmeldungen.lehrer und die Musikstunden fandenklassenübergreifend statt, da sonst die Auch das Schulleben wird durch dieGefahr bestand, dass nur bestimmte El- Chorklassen kulturell bereichert. Auf Fei-tern ihre Kinder in die Chorklasse schick- ern wird mehr gesungen und Liederpa-ten und Kinder aus schwierigen Verhält- tenschaften zwischen verschiedenennissen nicht teilnahmen. Dadurch war es Klassenstufen, die sich einander Liedermöglich, dass die Kinder im Laufe der beibringen, beleben die Gemeinschaft.Zeit den Musikunterricht wechseln konn- Lehrkräfte sind motivierter und froh überten. Auf der anderen Seite fand das Sin- einen „roten Faden“ den sie mit demgen ausschließlich in den dafür festge- Singen durch ihren Unterricht ziehenlegten Stunden statt und durch die klas- können.senübergreifende Struktur entstandlangsamer ein Gruppengefühl. Als Fazit sei herausgestellt, dass das Konzept der Chorklassen sehr variabelEine weitere Möglichkeit ist die einer an die jeweiligen Rahmenbedingungenklassenübergreifenden Chorklasse wäh- der Schule angepasst werden kann undrend der Betreuungs- bzw. AG-Zeit. dass nur geringe bis keine Kosten anfal-Eine Chorklasse als fester Klassenver- len. Die Arbeit ist durch ein ausgearbei-band ist darüber hinaus auch dann mög- tetes Curriculum für vier Schuljahre in-lich, wenn der Musiklehrer nicht der haltlich qualitativ durchdacht und einKlassenlehrer ist und mit freien Stimm- Medienpaket mit unterrichtspraktischenbildnern und Musikschullehrern koope- Materialien unterstützt die Umsetzung.riert wird. Schließlich handelt es sich um ein Kon- zept mit hoher Nachhaltigkeit, da die in-Die Organisation des Unterrichts bie- tensive Arbeit über vier Schuljahre auftet ebenfalls unterschiedliche Konzeptio- die ganze Schule ausstrahlt und in Zu-nen. Entweder finden zwei bis drei Stun- kunft auch an Gymnasien etabliert wer-den Chorklassenunterricht und eine wei- den soll.ter Stunde Chor durch den Klassen- bzw.Musiklehrer statt oder eine Stunde Mu-sikunterricht durch die Klassenlehrerin,zwei Stundenchor durch die Musiklehre-rin und eine Stunde Stimmbildung durcheine Honorarkraft. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 4 von 5
  • Frage aus dem Plenum: Welcher Lie- gebot informiert werden, dass sie es sichderkanon wird für die vorgestellten Pro- für ihre Kinder wünschen. Natürlichjekte gewählt? Und nach welchen Kriteri- möchte man eine große soziale Band-en erfolgt die Auswahl? breite in der Klasse erreichen.Antwort Silke Zieske: Der Liederkanon Antwort Katherine Zeserson: Wir habenbesteht aus ca. 100 Liedern und ist in- ein Programm entwickelt, das jungehaltlich sehr breit aufgestellt. Es ist von SingleiterInnen im Alter von 7 bis 16allem etwas dabei. Jahren ausbildet und man konnte fest- stellen, dass diejenigen, die InteresseAntwort Katherine Zeserson: In Eng- daran haben, nicht unbedingt Kinder ausland wählt man das Liedrepertoire aus wohlhabenden Familien sind. Diese Kin-verschiedenen Gründen sehr bedacht der bringen ihre Freude am Singen alsaus. Zum Einen sollen die Kinder mög- Multiplikatoren auch mit in ihre Familien.lichst viele verschiedene Musikstile ken-nenlernen, zum Anderen möchte man indem sehr divergenten sozialen Umfeld Frage: Gibt es eine ausgeglichene Ge-die Lieder individuell zusammenstellen. schlechterverteilung in den Chorklassen?Auch LehrerInnen selbst müssen die Lie-der auswählen, die ihnen Spaß bereiten Antwort Silke Zieske: Das hängt davonund die sie mit Freude unterrichten kön- ab, wie die Eltern im Vorfeld informiertnen. werden. Wenn hier Vorteile wie z.B. Be- wegungsfreude dargestellt werden, wird das Verhältnis relativ ausgeglichen. WirdFrage: Findet man in den Chorklassen dagegen eher die feminine Seite deswirklich einen sozialen Querschnitt vor Singens herausgestellt, nehmen mei-oder ergibt sich durch Wahlfreiheit der stens hauptsächlich Mädchen teil. Außer-Eltern für ihre Kinder eher eine homoge- dem muss den Eltern auch vermitteltne soziale Struktur? werden, dass für den Chorklassenunter- richt regulärer Klassenunterricht weg-Antwort Silke Zieske: Das Wichtigste fällt.ist, dass alle Eltern so gut über das An- Das Protokoll führte Paul Krüerke. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 5 von 5
  • DIE SINGENDE STADT ILörrach singt! die KünstlerInnen unter Vordächern auf. Das Publikum war bisher noch nie vonReferentin: Fraua-Deddina Kruse- schlechtem Wetter abgeschreckt.Zaiß, Projektleiterin für Lörrachsingt! bei STIMMEN-Festival Es gibt keine künstlerischen Kriterien, Absagen zu erteilen. Aber die Mengen-Singen ist die Möglichkeit, viele Men- grenze (Verteilung der Chöre auf dieschen zu erreichen. Kann man zum Sin- maximal möglichen Plätze) ist 2010 er-gen auch eine ganze Stadt oder eine reicht worden. Die Plätze werden so ge-ganze Metropolregion bewegen? wählt, dass sich die Sänger und Chöre nicht gegenseitig stören. TechnischeLörrach singt! ist ein Tag des Amateur- Verstärkung gibt es dabei nicht. So wirdgesangs in Lörrach, einer Stadt mit der „Lauscheffekt“ verstärkt – gesungen40.000 Einwohnern im Südwesten wird a cappella oder unplugged mit we-Deutschlands, fast schon am Stadtrand nigen begleitenden Instrumenten. Diezu Basel. Dieser Tag des Singens eröff- Akteure animieren die Zuhörer bzw.net seit 2002 das STIMMEN-Festival in „Lauscher“, selbst mitzusingen – egal, obLörrach. Das einmonatige Festival gibt es sie an diesem Samstag gerade vomseit 1994 und sollte der damals indu- Markteinkauf kommen oder auf dem Wegstrieverlassenen Region ein besonderes, zum Shoppen sind. Die Auftritte liegen inkulturelles Gesicht verleihen. Große der Zeit zwischen 10 und 21 Uhr. EineKünstler aus der Musikszene kommen „After-Show-Party“ gibt es in dem Sinneund spielen ihre Konzerte, geben zuwei- nicht. Nach so viel Action sei oft auch ei-len auch Gesangsworkshops. Die Kluft ne Belastungsgrenze erreicht.zwischen dem Publikum und Profimusi-kern sollte mit einem Tag des Amateur- Die Kosten dieses Tages belaufen sichgesangs geschlossen werden – so ent- auf 25 000 bis 30 000 Euro. Sie werdenstand 2002 Lörrach singt! finanziert aus bezahlten Konzerten des sich anschließenden STIMMEN-Festivals.In Zahlen gestaltet sich Lörrach singt! Keiner der SängerInnen erhält Gage oderfolgendermaßen: 1 Tag, 1 Stadt, 20 Fahrtgeld, lediglich für Verpflegung wirdOpen Air-Plätze, 230 Auftritte, 2500 gesorgt. Für Platzanweisungen und zumSängerInnen in 100 Gesangsformatio- Willkommenheißen der Chöre werden je-nen. So entsteht ein „Klangmeer“, das des Jahr ehrenamtliche Helfer gesucht,überall in der ganzen Stadt zu hören ist. die mit Karten für das STIMMEN-FestivalIn diesem Jahr stand Lörrach singt! un- „bezahlt“ werden. Dazu melden sich häu-ter dem Motto „Lass dich überraschen“. fig 16- bis 19jährige, die gleichzeitig alsMitsingen und Zuhören sind stets ko- „Stimmungsbarometer“ von den vielenstenlos. Um einen Auftritt bewerben sich Bühnen für den Veranstalter fungieren.oft Chöre oder Gesangsformationen ausder Region, aber es sind auch Chöre ausPartnerstädten dabei. Gerade für neue Was bedeutet Lörrach singt! für dieChöre ist dieser Gesangstag eine optima- Akteure?le Gelegenheit, vor viel Publikum ohnegroßen organisatorischen Aufwand auf- Die Mitwirkenden fühlen sich als Teil ei-zutreten. ner Bewegung, deren Akteure sich ge- genseitig viele Impulse für Repertoire,Singen ist nach Fraua-Deddina Kruse- Präsentationsformen und Kontakte ge-Zaiß „Kommunikation“ und umso leben- ben. Im Verein oder Dorf ist es manch-diger, näher und authentischer, je enger mal mühselig, ein Konzert auf die BeinePublikum und Sänger sowie „Vorsänger zu stellen. Hier sind alle willkommen undund Nachsänger“ beieinander stehen. erleben Wertschätzung.Daher wurden die erhöhten Bühnen ausdem ersten Jahr wieder entfernt, „alle“ Dafür ist eine gute Vororganisation nötigsind inzwischen auf der gleichen Ebene. – ein großes Publikum und viele GruppenWenn das Wetter nicht mitspielt, treten sind gewissermaßen schon da. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 1 von 6
  • Was kann dieser Tag dem Publikumbringen? gen und in Form eines Liederbuchs mit Lörrach singt-Stammliedern veröffent-Musik ist etwas, das auf der Straße pas- licht. Dazu legten sie bei verschiedenensiert, eine enorme Vielfalt ist zu hören öffentlichen Events der Stadt, beim Neu-und kein Platz ist auf einen bestimmten jahrsempfang des OB und ähnlichen Ge-Stil festgelegt. Die Zuhörer können frei legenheiten Fragekärtchen aus, auf de-wählen, was sie sich anhören wollen. Sie nen Lieder in deutscher Sprache notierterleben die Sänger hautnah und werden werden sollten. Neben den Meistgenann-oft selber aktiv einbezogen. ten galt es auch, Lieder für Kinder und Generationen unterschiedlicher Musik- richtungen aufzunehmen. Eine Arbeits-Welchen Mehrwert erhalten die gruppe aus ErzieherInnen, LehrerInnenStadt, die Sponsoren und die Veran- und ChorleiterInnen wählte schließlich 15stalter? Lieder aus: Dazu gehören unter anderem „Marmor, Stein und Eisen bricht“,„ZweiGenerell steigt das Interesse am Singen, kleine Wölfe“, „Über den Wolken“ undam Musizieren, am Musik hören. Die „Möge die Straße uns zusammenführen“.Bürger und Beteiligten identifizieren sich Zur Herausgabe wurde eine publikums-mit dem STIMMEN-Label. Sponsoren ha- wirksame Karaokeshow als Testsingenben eine sehr breite Öffentlichkeit. Die veranstaltet, als dessen Ergebnis vonStadt erhält einen überregionalen Ruf. schwieriger zu singenden Liedern wie „Ich wär’ so gerne Millionär“ Abstand ge-Ein Drittel der Teilnehmer sind Kinder nommen wurde. Das Heft ist schon ver-und Jugendliche, die erleben das Singen griffen, die 3-stimmige Version für Chöreals „cool-Sein“, erfahren eine hohe Wert- ist 2010 erschienen und wird über Lör-schätzung. Im Jahrbuch der Stadt steht, rach singt! hinaus zu sonstigen Singfe-es sei der schönste Tag des Jahres. sten in der Stadt oder auch privat ge- nutzt. Die Einnahmen aus dem Lieder-Die Veranstalter des Singtags haben heft flossen in Singprojekte an Schulengemeinsames Liedgut zusammengetra und Kitas. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 2 von 6
  • Fazit Lörrach singt!:Der Open-Air-Gesangstag am 9. Juli2011 steht unter dem Motto: „STIMMEN Die Erinnerung für diesen einen Tag imverbinden“, womit die Vereinbarkeit ver- Jahr wird durch vorbereitende Projekte inschiedenen Alters und verschiedener Kul- der Stadt, in den Chören und besondersturen und Sprachen durch das gemein- in Schulen während des Jahres wachsame Singen in den Mittelpunkt gerückt gehalten. Das Motto wechselt jedes Jahr,werden soll. Im Zuge dessen werden damit die Form interessant bleibt undmehrsprachige Versionen von „Bruder Stimme unter neuen Aspekten erlebbarJakob“ und „Happy Birthday“ (zum wird. Anregungen kommen inzwischen10jährigen Jubiläum) aufgenommen. auch aus den Schulen, nachdem anfangs Impulse in die Klassen getragen wurden. Das Singen hat sich seit dem ersten Lör- rach singt!-Jahr etabliert: anfangs wurde beschämt auf Hinterhöfen und unter Bäumen gesungen, bevor die Teilnehme- rInnen mutig wurden, sich mehr in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Für weitere Informationen siehe: www.stimmen.com Frage aus dem Plenum: Wie organisiert sich die rechtliche Seite des Liedersin- gens? Antwort: Alle beteiligen Chöre füllen ei- ne GEMA-Liste aus, die Kosten werden vom Veranstalter übernommen. Frage: Kann man einen Zulauf zu Chö- ren in der Region als Folge des Ge- sangstags ausmachen? Antwort: Das ist schwer zu sagen, aberDurch den erfolgreichen Gesangstag und entgegen der Annahme, dass immerdas STIMMEN-Festival hat es sich die wieder die gleichen Chöre singen wür-2008 gegründete STIMMEN-Stiftung zur den, nehmen jedes Jahr ca. 1/3 neue,Aufgabe gemacht, Singförderprojekte in bislang ungehörte Chöre teil. Oft bildenLörrach und der Region nachhaltig zu un- sich auch Projektchöre, um sich mit ih-terstützen. 2009 hat sich eine Abend- rem Repertoire an diesem Tag vorzustel-schule etabliert. Voicelab ist eine STIM- len und auszuprobieren.MEN-Akademie, die Nachwuchstalentefördert. Sie bildet Schüler, Azubis undStudenten aus, ihren Weg als Musikerauf dem Musikmarkt zu finden. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 3 von 6
  • DIE SINGENDE STADT II!SING – DAY OF SONGReferentin: Benedikte Baumann, 3. !SING CITY – der 5. Juni 2010: DerProjektleiterin für !SING – DAY OF Tag begann zu Sonnenaufgang mit ei-SONG bei RUHR.2010 nem Open Air-Konzert mit dem renom- mierten ChorWerk Ruhr. Dann gab es Frühstück und anschließend sangen dieIm Rahmen von RUHR.2010 GmbH – der beteiligten Chöre in vielen sozialen Ein-Veranstalter des Europäischen Kultur- richtungen, denn das wurde in der Vor-hauptstadtjahres in Essen und der bereitungsphase als das besondereRuhrmetropole – fand am 5. Juni der Merkmal der Chöre herausgestellt.!SING – DAY OF SONG statt. Danach ging es weiter: die Sänger wur-Die Idee dahinter war, dass alle Men- den aufgefordert, an öffentlichen Plätzenschen singen sollten. Dafür reichte aller- ohne Verstärkung zu singen, um dendings bei 53 beteiligten Städten für die „Singvirus“ auf Nachbarn und Anwohnervielen Ideen ein Tag alleine nicht aus zu „übertragen“.und so entstand ein Sing-Festival, dassich über vier Tage erstreckte, also vom Ein besonderer Höhepunkt war um 12.103. bis 6. Juni 2010. Mehr als 24.000 an- Uhr das gemeinsame Singen in allengemeldete Sänger traten in 600 Städten gleichzeitig: in Einkaufszentren,Veranstaltungen auf. an Marktplätzen und in Konzerthäusern sollte das gleiche Lied erklingen. Um 13Um ein Event dieser Größenordnung vor- Uhr wurde dann ein offenes Singen an-zubereiten trafen sich seit 2008 die 56 geregt – ähnlich wie bei Lörrach singt!DAY OF SONG-Beauftragten aus den 53Metropolstädten regelmäßig alle sechsWochen, um ihre Ideen zusammenzufüh-ren und das Vorgehen zu planen.Die Reihe „SING“ vom 3. bis 6. Junibestand aus mehreren Projekten:1. !SING TWINS – um die 198 europäi-schen Partnerstädte der Ruhrstädte imDAY OF SONG zu integrieren. Obwohlweder Reise, Übernachtung noch Gagebezahlt werden konnten, nahmen 32 En-sembles aus 15 Ländern teil. Bei der Fi-nanzierung halfen oft die Ruhrstädte aus.2. !SING sozial – ein Beteiligungsprojekt In der Vorbereitungsphase machtefür weltliche und geistliche Chöre, um sich eine enorme Skepsis unter den überder Stadt ein Gesicht zu geben, das sie alle Chorverbände angefragten Chörenselber gestalten können. Das gemeinsa- breit. Sie sahen keinen individuellenme Marketing dafür wurde von Platz bei einer solchen Massenveranstal-RUHR.2010 übernommen, Inhalt und tung, zudem konnten sie vom Effekt desForm konnten die Chöre selbst bestim- gleichzeitigen Erklingens in allen Städtenmen. Beispielsweise wurde zum ersten gar nichts mitbekommen. Mit der schonMal ein Wandelkonzert durch alle fünf 2008 begonnenen Informationskampa-Hochschulen unter Prof. Jörg Breiding gne „Geben Sie uns Ihre schönste Stim-aus Hannover geplant und durchgeführt. me – Ihre eigene“ wurden jedoch in vie-!SING frontal und !SING sakral waren len Ruhrgebietsstädten Bedenken beiweitere Projekte innerhalb von !SING so- den Interessierten abgebaut.zial. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 4 von 6
  • Händels „Halleluja“ aus dem Messias und „Freude schöner Götterfunken“ aus Beethovens 9. Sinfonie. Erkennbar hat das Event Interesse am Singen geweckt: Nach dem erlebten DAY OF SONG wurde auf dem Heimweg wei- ter gesungen, in Bussen usw. Das Live- Streaming vom Konzertabend wurde von 50.000 Menschen im Internet am Tag danach verfolgt. Eine abschließende Bil- der-Dokumentation aller Veranstaltun- gen ermöglichte einen Einblick in das gleichzeitige Geschehen in allen Städten, was die TeilnehmerInnen an dem Tag selbst natürlich nicht nachvollziehen konnten. Fazit des DAY OF SONG: Die Sehnsucht nach Beteiligung in der Bevölkerung ist so groß, dass kleine Chöre nicht nur kleine Auftritte haben sollten, sondern für die Zukunft ein Schulterschluss zwischen Profis und Lai-Eine weitere Herausforderung war, die en, Netzwerkarbeit und Beteiligungspro-Hemmschwelle zu überwinden, auf öf- jekten das Optimum darstellt. Die 53fentlichen Plätzen zu singen. Dafür Städte werden ein solches Ereignis nichtmussten einfache, bekannte Lieder ge- wiederholen können und sollten es auchwählt werden und es wurde ein Liedheft nicht. In einem anderen Format lässtgedruckt, das kostenlos an alle verteilt sich das Konzept aber weiterführen. Derwurde. Das Liedrepertoire wurde mit Kern könnte erhalten bleiben und in ab-ChorleiterInnen aus der Region und dem gewandelter Form fortgesetzt werden,künstlerischen Direktor Steven Sloane um nicht immer an dem großen Erfolgabgestimmt, um eine Farbigkeit und vom 5. Juni 2010 gemessen zu werden.Vielfalt der Teilnehmer und Besucherwiederzuspiegeln. Es belief sich dannbeim 12.10 Uhr-Singen auf die Ruhr-Hymne „Glück auf“ und den Eröffnungs-song zum Kulturhauptstadtjahr von Her-bert Grönemeyer „Komm zur Ruhr“.Das Finale fand am Abend mit 53.500Stimmen in der Schalke-Arena statt. Ne-ben großen Künstlern wie den Wise Guysund Bobby McFerrin standen 233 Laien-und Profichöre im Spielfeld, um den Im-puls zum „alle sollen singen“ an die Tri-bünen weiterzugeben. Hier stand die Frage aus dem Plenum: Wie gestaltetebunte Mischung an Songs aus dem Lie- sich die rechtliche Seite des Liedersin-derbuch zum Abendprogramm zur Verfü- gens?gung: vom „Zigeunerchor“ aus dem Antwort: Die GEMA-AufführungsrechteTroubadour von Verdi, über „Was wir al- waren ein größeres Problem als die Ver-leine nicht schaffen“ von Xavier Naidoo lagsrechte. Erst nach längerem Ringenund „Let it be“ von den Beatles, über das und politischem Druck konnte eine Pau-volkstümliche Lied „Kein schöner Land“ schale für alle gesungenen Lieder undoder Schuberts „Lindenbaum“, bis zu beteiligten Chöre vereinbart werden. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 5 von 6
  • Obwohl alle am selben Strang zogen,nämlich, dass mehr Leute singen, mach-te es die GEMA an dieser Stelle schwie-rig.Frage: Wie ist der Zulauf zu Chören derRegion nach dem Projekt?Antwort: In Essen gab es extra ein Pro-jekt mit zehn Chören, bei dem Nachbarnzu Schnupperstunden in die Chöre einge-laden wurden unter dem Motto: „Wersingt in meiner Straße? In meiner Straßesingt die Welt.“ Hier sollten besondersNachbarn mit interkulturellem Hinter-grund angesprochen werden. Nach die-sem Projekt gab es auch einen gemein-samen Auftritt in Essen.Frage: Was ist total schief gelaufenbeim Projekt?Antwort: Das Signal, um den Start-schuss für 12.10 Uhr loszulassen, fielbeim WDR 2 aus. Aber von dieser techni-schen Panne hat sich keiner beirren las-sen und alle haben trotzdem um 12.10Uhr zu singen angefangen. Das Protokoll führte Pia Hartig. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 6 von 6
  • Die Schule des Singens IMädchenchor HannoverReferentin: Prof. Gudrun SchröfelIn der Arbeitsgruppe „Die Schule des Schröfel betonte, dass jede der StufenSingens“ wurden mit dem Mädchenchor eine in sich stimmige musikalische undund dem Pendant Knabenchor Hannover altersgerechte Ausbildung zur Grundlagezwei Chöre vorgestellt, die Kinder grund- habe.legend und umfassend vokal und musi-kalisch ausbilden. Beide verstehen sich Die Stufen eins bis drei seien somit nichtals Chor- und Singschule und präsentier- nur Vorbereitung fürs Konzertsingen,ten ihr Ausbildungs- und Probekonzept, sondern vermittelten eine allgemeinedas sich in Vielem ähnlich ist. musikalisch-vokale Bildung, die bei- spielsweise das Verstehen der StrukturProf. Gudrun Schröfel vom Mädchenchor eines Chorwerks beinhaltet. Neben klas-Hannover sprach von vier Stufen der sischem Mädchenchorrepertoire erprobtmusikalischen und stimmlichen Ausbil- der Chor auch zeitgenössische Werke,dung, die von der vokalen Grundstufe ab arbeitet mit Komponisten zusammen undsieben Jahren über die Vorklasse für singt immer wieder Uraufführungen. DieMädchen zwischen acht und neun Jahren Chorarbeit sieht auch so genannte Chor-sowie den Nachwuchschor reicht, bei studienphasen vor, intensive Proben-dem das erste Mal schwierigere Chorlite- und Singfreizeiten, bei denen durch ver-ratur gesungen wird und schließlich im dichtete Proben ein gutes Chorniveau er-Konzertchor mündet, wo Mädchen ab elf reicht werden kann.Jahren singen. !" Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 1 / 4
  • Die Schule des Singens IIKnabenchor HannoverReferent: Prof. Jörg BreidingProf. Jörg Breiding, Leiter des Knaben- Basssänger im Hauptchor mitzusingen.chors Hannover, stellte das Konzept sei- Breiding bemerkte, dass durch die Ein-nes Chores vor, das die Jungen in Kin- führung einer Ganztagesschule in Nie-derstimmen sowie Sopran und Alt unter- dersachsen die intensive Singausbildungteilt. Die Knaben kommen bereits mit gefährdet wäre. Insgesamt sind mehr alsetwa neun Jahren in den Hauptchor, um 200 Kinder und Jugendliche in der Aus-die Zeit bis zum Stimmbruch und der bildung der Singschule. Der Chor ist eindamit verbundenen Gesangspause nut- professionell gemanagtes Unternehmen,zen zu können. Neben den Vorklassen neben dem Trägerverein gibt es einefür die jüngsten Sänger ab sechs Jahren Chorstiftung sowie den Freundeskreis.gibt es im Hauptchor die Unterscheidung Eine Konzertreise nach China in diesemin Nachwuchs- und Konzertchor. Ein um- Jahr stärkte den Zusammenhalt und diefangreiches, nach Alter gestaffeltes Pro- Identifikation der Jungen mit dem Chor,benpensum an den Nachmittagen er- beispielsweise durch Tour-Shirts und ei-möglicht die hohe Qualität der stimmli- nem selbst erstellten WM-Video „Auschen Schulung. Nach dem Stimmbruch China nach Südafrika – Starke Stimmengibt es die Möglichkeit, nach einer erneu- für Deutschland“.ten Schulung der Stimme als Tenor- und Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 2 / 4
  • Die Schule des SingensIII - Studiengang Vokal-pädagogik „Klassik Vokal“Referent: Prof. Andreas MohrMit den zwei anschließenden Vorträgenstand die Ausbildung von Kinderchorlei-tern und Kinderstimmbildern im Mittel-punkt. Prof. Andreas Mohr von der FHOsnabrück stellte den Studiengang Vo- dung im Gesang und pädagogisch-kalpädagogik „Klassik Vokal“ vor, der der didaktischen Kenntnissen schließen. Mitverstärkten Nachfrage nach Gesangs- den Bereichen „Chorleitung“, „Gesang“fachleuten entgegenkommt. und „Singen mit Kindern“ werden dieAusgebildet werden hier Kinderstimm- wichtigsten Säulen einer Vokalpädago-bildner und Leiter von Kinderchören, gik, die sich auf Kinder konzentriert, ab-Kindermusiktheatern. Das Konzept gedeckt. Praktika sind wichtiger Be-möchte eine Lücke zwischen der Ausbil standteil der Hochschulausbildung. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 3 / 4
  • Die Schule des Singens IVStudiengang „Kinderchor-und Jugendchorleitung“Referentin: Prof. Friederike StahmerDie zweite pädagogische Hochschul-Gesangsausbildung stellte Prof. Friederi-ke Stahmer von der HMTM Hannovervor. Die Professur für den Studiengang Bei der abschließenden Gruppen-Kinderchor- und Jugendchorleitung wur- Diskussion kam die Frage auf, wie langede eingerichtet, um den Bedarf an pro- ErzieherInnen für das Singen nachge-fessionellem Personal in diesem Bereich schult werden müssten. Es wurde be-zu decken. Der Masterstudiengang legt merkt, dass das Singen und eine musi-seinen Schwerpunkt auf die physiologi- kalische Grundausbildung durch die Re-schen Zusammenhänge der Kinder- und formpädagogik lange Jahre aus dem Cur-Jugendstimme und deren Diagnostik so- riculum gefallen seien. Nun sei es an derwie auf eine hohe künstlerische Qualität. Zeit, dass nicht nur das VersäumteDas Studium ist praxisnah ausgerichtet: nachgeholt werden, sondern das SingenMit einem hochschuleigenen Kinderchor und Musik überhaupt wieder selbstver-haben die Studierenden jederzeit die ständlich einen Platz in den KindergärtenMöglichkeit, das Gelernte anzuwenden. und Schulen bekomme. Das Protokoll führte Mechthild Schlumberger." Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 4 / 4
  • JahreskonferenzMusikland Niedersachsen2010Volkslieder go RockReferent: Dieter FalkSingen ist mein Thema, seitdem ich den-ken kann. Ich bin künstlerischer Leiterund Arrangeur von CD-Produktionen undmeine Arbeit besteht schon seit vielen Vor drei Jahren hatte der HitschreiberJahren darin, Menschen zum Singen zu des 17. Jahrhunderts seinen 400. Ge-bringen. Seit 25 Jahren versuche ich, burtstag: Paul Gerhardt. Mein geistlichesaus alten Stoffen etwas Neues zu ma- Lieblingslied von ihm ist „Befiehl du dei-chen und Leute mit tradierten Musikstof- ne Wege“.fen zusammen zu bringen. (Dieter Falk spielt und die TeilnehmerIn-Ich bin ein Chorkind im klassischen Sin- nen singen „Befiehl du deine Wege“)ne. Meine Mutter war Kirchenchorleiterin.Im Kirchenchor sang ich Sopran und Alt Dieser Choral gehört auch zu meinemund nach dem Stimmbruch Tenor und Konzertprogramm, wenn ich unterwegsBass. Dort wurde querbeet alles gesun- bin. Es ist der sportlichste Choral, weil ergen, was möglich war – von Bach bis so hoch geht. Es gibt noch einen Choral,Reger. Mein Bruder und ich sind Ergeb- mit dem ich mir vor 35 Jahren „Wat-nisse einer guten kirchlichen Jugendar- schen“ geholt habe, als ich ihn verpoptbeit. Im Alter von 18 und 16 Jahren habe: „Nun danket alle Gott“.gründeten wir einen Gospelchor. Hierbegann ich irgendwann, eigene Lieder (Dieter Falk spielt und die TeilnehmerIn-für den Chor zu schreiben und das waren nen singen „Nun danket alle Gott“)meine Startschuhe.Die Kirche war für mich auch immer einesuper Plattform. Auch viele Stars aus derPopszene in den USA sind in der Kirchegroß geworden und konnten sich dortmusikalisch entwickeln. Heute sage ichmit den Neuarrangements von ChorälenDanke für diese Zeit. Das Hauptmerkmalmeiner Musik ist fusion, also verschiede-ne Musikstile zusammen zu bringen –aus Alt mach Neu. Die Verbindung vonKirchenmusik und Jazz oder Pop war vor20 Jahren noch nicht so üblich.Im Musikstudium war es für mich das Damals habe ich eine CD aufgenommen,schönste Gefühl, etwas Großes wie eine habe die Choräle dann aber länger bei-Bachmotette zu singen. Heute ist es für seitegelegt und wurde Musikproduzent.mich das schönste, mit einem Chor eine Ich habe versucht, Hits zu produzierenSynkope präzise und artikuliert zu sin- und Leute zum Mitsingen zu bringen,gen. z.B. mit PUR, Patricia Kaas oder mit Marque: „One to make her happy“. Ir-(Dieter Falk übt mit dem Publikum eine gendwann fragte ich mich: WarumSynkope.) kramst du nicht mal wieder die alten Choräle heraus? Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Dieter Falk: „Volkslieder go Rock“ – S. 1 / 3
  • Als sich dann die Gelegenheit bot, bei Meine Jungs singen im Schulchor mit.Stefan Raab einen Titel zu spielen, habe Dort gibt es einen fantastischen, charis-ich die HeavyTones „Nun danket alle matischen Chorleiter, der mit den 250Gott“ spielen lassen und danach ging die Kindern „Maria“ singt – daran werden diePost ab – auch bei den Studenten, der sich immer erinnern und wissen, dass sieAltersgruppe, die überhaupt nichts mit Bernstein gesungen haben. Gerade sindChorälen am Hut hat. Von da an begann ja die Wise Guys der Hit, die Vorgängerein ganz anderes Leben – nämlich mit waren übrigens die Prinzen.Chorälen auf Bühnen. Es geht darum,mit tradiertem Liedgut durch modernereArrangements, Leute zum Singen zu Seit zweieinhalb Jahren bin ich nun auchbringen. wieder in die Sache hineingerutscht. Die evangelische Kirche hat mich wiederIm Jahr 2008 habe ich mir dann die Lie- entdeckt und fragte mich, ob ich nichtder aus der „Mundorgel“ vorgenommen. beim Gospelkirchentag 2008 in HannoverMein Lieblingslied ist „Bolle“ die musikalische Leitung machen könne. Es war eine spannende Aufgabe, mit 4000 Leuten aus Deutschland, Holland und Schweden Gospels einzuproben und zu singen. Für mich ist es sehr reizvoll, mit großen Chören zu singen. Chorsin- gen ist das beste Training für Sozialisati- on und Gruppendynamik. Und die Eltern sind froh, wenn ihre Kinder in Chören singen, denn die Zeit, die sie in Chören verbringen, verbringen sie nicht anders- wo. Die Veranstalter des Gospelkirchentags baten mich später, für RUHR.2010 ein(Dieter Falk macht ein Liederquiz mit Musical zu komponieren. Das war etwasdem Plenum – wer ein Lied errät, erhält Neues für mich, denn eigentlich waren jaein Mundorgel-Heft. Anschließend singt Dreieinhalb-Minuten-Hits mein Tagesjob.er mit den TeilnehmerInnen „Bolle“) Ich konnte mir das Thema für das Musi- cal aussuchen und wählte die 10 Gebote.Meine eigene musikalische Sozialisation Ich erinnerte mich an den gleichnamigensetzt sich quer durch den ganzen Musik- Film in den 60er Jahren und fand es einegarten zusammen aus z.B. Bach, der spannende Geschichte. Ich konnte Mi-Mundorgel und Coldplay. Lieder sind chael Kunze als Librettist gewinnen, derauch immer mit Erlebnissen und Emotio- jedoch die Bedingung stellte, dass nochnen verbunden. eine Liebesgeschichte eingefügt werden müsse. In dem Musical gibt es zwei Lie-(Dieter Falk fragt im Publikum nach Lie- besgeschichten – die zwischen Gott unddern, die während der Zeit ihrer ersten seinem Volk Israel und die zwischen Mo-Liebe liefen.) ses und Zippora. Von Anfang an war klar, dass es ein Mitsingprojekt mit 1000Ich merke ja, was meine Kinder so hö- Sängern werden sollte.ren: Die Lieder laufen einerseits oft als„Berieselung“ im Hintergrund, sie sind (Dieter Falk zeigt einen Videoausschnittaber auch Wegbegleiter. Als meine Oma aus dem Finalgospel des Musicals.)starb, sangen wir im Kinderchor „Jesu,meine Freude“ und die Stelle „weicht ihr Wir hofften, 1000 Sänger dafür zu be-Trauergeister“ löste Gänsehaut bei mir kommen und hatten diese innerhalb vonaus. Lieder haben also etwas mit Soziali- zwei Monaten zusammen. Am Ende wur-sation zu tun und sind heute wichtiger den es 2500. Der Altersdurchschnitt wardenn je. Eine alte Weisheit lautet: „Wo erstaunlich niedrig. Die älteste Teilneh-man singt, lass dich ruhig nieder, denn merin war 80 Jahre alt, sodass das Pro-böse Menschen haben keine Lieder“. jekt auch drei Generationen vereinte. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Dieter Falk: „Volkslieder go Rock“ – S. 2 / 3
  • Um einen monumentalen Charakter zu erreichen, wollte man in einer so großen Halle natürlich Größe erzeugen. Als zwei- te Regel gilt, sich Ziele mit außerge- wöhnlichen Dingen zu stecken. Ein Auf- reger war zum Beispiel, mit einem 2500 Sänger starken Chor Sprech- und Rap- Passagen textverständlich einzustudie- ren. (Dieter Falk zeigt einen Videoausschnitt.)Nach 30 Jahren im Musikbusiness war Für die Leute war es spannend, eine ex-dieses Projekt eine riesige neue Erfah- treme Dynamik und Phrasierung einzu-rung für mich. Im Schulmusikstudium üben. Ich glaube, dass die Skala vonhatte ich ja auch Orchester- und Chorlei- Dynamik in Chören oft gar nicht ausge-tung gelernt und so bin ich herumgefah- schöpft wird. Wenn es gelingt, auch inren zu den Chören, die sich angemeldet die Extreme zu gehen, entdecken diehatten und habe mit einer CD und No- Leute etwas Neues an sich. Man merkttenheften das Musical auf diese Weise dann Veränderungen an Menschen. Esdezentral eingeprobt. Dann gab es vier gab im Musical aber auch einen Choral,Regionalproben mit jeweils 700-800 Leu- der immer wiederkehrte und die Kern-ten und eine Woche vor der Aufführung sätze zusammenfasste und einen Aus-eine Hauptprobe, bei der die Hauptdar- ruhmoment der Dynamik für den Chorsteller das Stück für den Chor zu einem darstellte.Playback gespielt haben. Die General-probe war öffentlich, weil der Andrang so (Dieter Falk zeigt einen Videoausschnittgroß war und schließlich folgten zwei und probt mit dem Plenum anhand desAufführungen in der Westfalenhalle. Das Chorals „Liebe ist das Gebot“ extremeOrchester bestand aus Studenten und als Dynamik.)Hauptdarsteller wurden Musicalprofis ge-castet. Wenn ich etwas an diesem Projekt ge-Das Projekt war eigentlich nur als einma- lernt habe, dann, dass ich riesigen Spaßlige Sache geplant, inzwischen überlegen hatte. Ich bekomme am Tag drei bis vierwir aber, wie es weitergehen kann. Das Emails von Familien und Leuten die mit-Musical wird noch öfter zur Aufführung gemacht haben, die erzählen, was dar-kommen, z.B. auf dem Kirchentag in aus geworden ist und dass es multipli-Dresden und 2012 in der TUI-Arena ziert wurde. Genau das war auch dieHannover, in Mannheim, Düsseldorf und Idee: Dass es nicht nur ein StrohfeuerMünchen. Bislang gab es schon kleinere bleibt, sondern daraus mehr wächst.Aufführungen von Chören, die sich bei Wenn Sie mit Generationen singen unddem Großprojekt kennengelernt und für mit Events arbeiten, bekommen Sie Ju-weitere kleinere Aufführungen zusam- gendliche zum Singen und erreichenmengeschlossen haben. wieder das, was früher einmal mit der Hausmusik angedacht war. Das Event istDie entscheidende Devise bei dem Groß- eine Chance, Leuten den Spaß an Chörenprojekt war, die Leute nicht zu unter- zu vermitteln, die heute keine Zeit mehrschätzen. Es ist schlimmer, die Leute zu für regelmäßige Proben haben. Meine ei-unterfordern, als sie zu überfordern, da genen Kinder machen übrigens auchsie sich sonst nicht ernst genommen füh- wieder Musik, seit wir sie überredet ha-len. Mit dem richtigen Warm-Up schafft ben, auf der Bühne zu spielen. Dadurchman es auch, dass jeder Bass bis zum werden sie wieder zum Üben motiviert.hohen E kommt. Wichtig bei Titeln mit Es muss gar keine große Bühne sein – essehr hohen Tönen und großer Lautstärke reicht der Kaffeeklatsch bei einer Tante.ist, danach wieder Stellen einzubauen,an denen die Chöre entspannen können. Das Protokoll führte Paul Kruerke. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Dieter Falk: „Volkslieder go Rock“ – S. 3 / 3
  • JahreskonferenzMusikland Niedersachsen2010Teilkulturen des Singens Über eine negative Veränderung des Singverhaltens nach 1945 gibt es nur eiReferent: Prof. Dr. Reinhard Kopiez, ne Studie von Dr. Ernst Klusen. (s. Abb.HMTMH 1, Klusen 1974, Umfrageergebnisse) Das Singen hat sich also in Abhängigkeit der Altersgruppe entwickelt und wir stel-Zu Beginn der Recherchen für diesen len einen Kohorteneffekt der musikali-Beitrag habe ich versucht, den Vitalitäts- schen Sozialisierung fest. Meines Wis-zustand des Singens abzubilden. sens ist dies der empirische Hinweis zur Verschiebung des Singakts hin in ver- Der Vitalitätszustand des Singens schiedene Teilbereichen des Singens. •! Projekt JEKISS Erste These: Das Singen hat sich in den (jedem Kind seine Stimme) – die letzten Jahren in Lebensbereiche des in- singende formellen Singens außerhalb von En- Grundschule in sembles und Chören verschoben. Münster Dabei handelt es sich um ganz normale zeitgeschichtliche Veränderungen. Diese erfordern neue Konzepte des Singens und stellen neue Anforderungen an dieMan bekommt den Eindruck, dass es ei- Chorarbeit und Stimmpädagogik. Wiene hohe Vitalität und Akzeptanz des Sin- Zahlen des Deutschen Musikinformati-gens bei allen Beteiligten gibt. Das Pro- onszentrums (MIZ) belegen, singen inblem ist jedoch, dass der Singstil und die Deutschland so viele Menschen organi-Singform stark altersgebunden sind, die siert, wie Berlin Einwohner hat, und die„heile Welt des Singens“ nicht repräsen- Zahlen bleiben aktuell konstant. (s. Abb.tativ ist und nur einen Teil der Wirklich- 2, MIZ)keit darstellt. Abb.1, Ergebnisse zur Frage nach dem Singverhalten bei Klusen, 1974 Abb.2, Quelle: MIZ Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Prof. Kopiez: Teilkulturen d. Singens – S. 1 / 3
  • Es wäre interessant zu sehen, ob sich auch andere Stile des Singens vermit-das Durchschnittsalter in Chören im Lau- teln? Was wissen wir über die Bedeutungfe der Zeit erhöht hat, doch darüber sind des akustischen Lagerfeuers? Hier musskeine Daten verfügbar. Man kann aber mehr in Erfahrung gebracht werden.wohl sagen, das Singen mit anderen istein menschliches Grundbedürfnis und die Das traditionelle Stimmideal funktioniertsoziale Funktion nimmt dabei einen wich- bei SingStar und im populären Bereichtigen Platz ein. nicht. Hier setzt sich die Mikrofonstimme durch.Doch es wird nicht nur traditionell imChor gesungen. Einer der informellenBereiche ist in den letzten Jahren enormgewachsen: das Spiel SingStar. Der Pro-totyp des sogenannten akustischen La-gerfeuers, wie ich diesen Bereich be-zeichne, besteht aus einer PlayStation,Mikrofonen und einer Spiel-DVD. ImNeupreisbereich kostet dieses Paket ca.400 Euro und weist damit auf eine hoheInvestitionsbereitschaft hin, den diesesattraktive Spiel und ihr Spaßfaktor an-scheinend hervorzurufen vermag. Dieseenorme Attraktivität liegt an der sozialen In der Theorie von SingStar geht es umFunktion des Spiels. Leute treffen sich musikalische Selbstsozialisation, also au-zum Beispiel zu einem SingStar- todidaktisches Lernen. 80 Prozent derNachmittag. Nutzer sind Mädchen und das soziale Er- eignis von SingStar impliziert auch kom-Entscheidend ist, dass man zusammen petitives Verhalten.singt, dass die Lieder einen Vorspannhaben und dass der Inhalt der Lieder Interessanterweise ähnelt das SchriftbildBedeutung und Relevanz hat. Alles zu- der Notation von SingStar der histori-sammen bildet die Motivation für das schen, vorfranconischen Notation im 13.Spielen von SingStar. Es zeigt sich, dass Jahrhundert.soziale Online-Netzwerke wie Facebookgroße Popularität genießen – doch diesevirtuellen Netzwerke können nicht einreales soziales Netzwerk wie die kulturel- Das Schriftbild von SingStarle Praxis des SingStar-Spielens ersetzen. •! Der Bildschirm •! Historische Vorlage VorfranconischeVon 2004 bis 2008 wurden 12 Mio Ex- Notation (13. Jh.)emplare des Spiels im PAL-Bereich ver-kauft. Bis 2009 waren es 16 Mio Exem-plare. Es gibt 140.000 Nutzer des Sing-Stores.Das Singen verschwindet also nicht, esverschiebt sich lediglich in andere Berei-che. Nur erscheinen diese Bereiche in Die SingStar-Nutzer erwerben also un-keiner Chorstatistik. Es gibt dazu bisher bewusst Wissen über historische Notati-nur eine Studie und insgesamt relativ onsformen. Dies könnte ein erster An-wenig Forschung. satz sein, die Leute bei SingStar päd- agogisch abzuholen, indem man mit ih-Offene Fragen bleiben, wie: Wer nutzt nen gregorianische Choräle singt. HierSingStar über die Jugendzeit hinaus? Ist gilt es also, kreative Ansätze zu entwic-es die Praxis so nachhaltig, dass sie zu keln, um die Menschen dort abzuholen,anderen Singformen führt? Oder ist es wo sie sich aufhalten.nur Unterhaltung ohne nachhaltige Wir-kung? Wie kann man Kinder dort päd- Eine schon etwas ältere Studie von Prof.agogisch abholen? Wie kann man ihnen Dr. Peter Brünger hat gezeigt, dass die Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Prof. Kopiez: Teilkulturen d. Singens – S. 2 / 3
  • unbegleitete Belcanto-Stimme die ge-ringste Akzeptanz bei Jugendlichen be-sitzt während die begleitete Popstimmedie höchste Akzeptanz aufweist. Heutzu-tage gibt es zahlreiche Herausforderun-gen an das traditionelle Stimmideal wieAtemgeräusche, Knurrgesang, Grunzen,Flüstern und Schreien im Heavy Metal.Damit ist alles versammelt, was bezogenauf eine traditionelle Singweise auch ge-sundheitlich bedenklich scheint. Brüngerbehauptet, dass diese Singarten zu blei-benden Stimmschäden führen. GepressteSingarten wie beim japanischen Kabu- Singstile der Jugendkultur besitzen auchkitheater und Screaming-Lehrgänge bei immer eine Distinktionsfunktion zur Er-professionellen Stimmcoaches zeigen je- wachsenenwelt. Für die Erwachsenen er-doch, dass mit der entsprechenden er- gibt sich hieraus eine große Anforderung,lernten Technik jahrelanges Singen die- damit verantwortungsvoll umzugehen.ser Art möglich ist. Der finnische Schrei- Für die Chormusik stelle sich die Fragen,chor und mongolischer Obertongesang welche Musik man mit den Jugendlichensind weitere Beispiele dafür. macht und wo man sie abholt..........................................................................................DiskussionTeilnehmerbeitrag: Dadurch, dass kein homogenes Konstrukt, sie kann je-durch die Kinder im Haus oft eine Play- doch zur mikrofonierten Stimme abge-station vorhanden ist, spielen auch Er- grenzt werden.wachsene, SingStar. Bei SingStar han-delt es sich also nicht ausschließlich um Teilnehmerbeitrag: Wir sind auf so ei-eine jugendkulturelle Praxis. ner Tagung aufgefordert, uns auch selbst zu positionieren. Wir lachen zwar überTeilnehmerbeitrag: Das erwähnte „eu- diese neuen Stile, aber dieser Spaß sollteropäische Stimmideal“ als solches ist auch im Alltag umgesetzt werden. Dienicht eindeutig definiert. Auch innerhalb Anerkennung aller dieser Stile ist ange-des Opern-Gesangs gibt es eine Vielzahl bracht. Wir müssen die Jugend vorbe-verschiedener Techniken und Stimm- haltlos dort ab holen, wo sie steht.ideale. Teilnehmerbeitrag und Dr. Kopiez:Antwort Dr. Kopiez: Im Vortrag wurde Die Unbedenklichkeit für den Singstil imdieser Begriff auf die traditionelle Art des Metal gilt nicht für den Inhalt. Musik istSingens zugespitzt, um ihn als Folie zu nicht nur ästhetisch, sondern vermitteltbenutzen. Die traditionelle Stimme ist auch Vorstellungen, zu denen wir durch- aus Position beziehen sollten. Das Protokoll führte Paul Krüerke. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Prof. Kopiez: Teilkulturen d. Singens – S. 3 / 3
  • JahreskonferenzMusikland Niedersachsen2010PodiumsdiskussionKlaus Georg Koch:Aus der Vorbereitung durch die Tagungs-teilnehmer sind einige Hauptfragen her-vorgegangen: probiere Silben aus und lege die WorteEine Frage betrifft Events: Wie organi- so, dass sie den Takt treffen, mache alsosiert man so etwas, was passiert danach alles, was auch im Gesang passiert – mit– d.h. können Events nachhaltig wirken dem Unterschied, dass ich nicht melo-– und braucht man so etwas überhaupt? disch die Töne wechsle. Es gibt im Rap aber eine große Bandbreite, die teilweiseAndere Frage: Offenbar gibt es einen auch Melodien mit einschließt und es wä-großen Bedarf an angeleitetem Singen. re ignorant, zu sagen, Rap ist nur dasKinder, Jugendliche, Erwachsene singen eine und das andere nicht.gern, es hilft ihnen aber, wenn ihnen je-mand zeigt, wie es geht. Es gibt aber of- Koch: Herr Klügl, Sie haben mit Spaxfenbar nicht genügend qualifizierte Leu- zusammen eine Rapoper gemacht. Waste, um mit bestimmten Gruppen wie et- hat das für Sie, der von der klassischenwa Kindern zu arbeiten. Was kann man Musik und dem Chorgesang her kommt,tun, um genügend ChorleiterInnen und bedeutet?StimmbildnerInnen auszubilden? Dr. Michael Klügl: Ich komme ja nichtDritte Frage: Wie findet Popkultur Ein- nur vom klassischen Singen, ich hattegang in unsere Arbeit, wo gibt es An- z.B. mal eine Bluesband. Mit sechs Jah-knüpfungspunkte? Was passiert, wenn ren habe ich mit gregorianischen Chorä-wir die Jugendlichen „haben“ – sollen wir len angefangen. Mit neun Jahren habesie wieder zum „richtigen“ Singen holen? ich dann im Kinderchor gesungen und mit 15 den ersten Chor gegründet. Über eine „klassische“ Art von Singen zu re-Spax, Sie singen anders als die meisten den, macht keinen Sinn. Singen ist un-Leute hier im Saal... mittelbarer Ausdruck von seelischen Zu- ständen. Dafür ist es total egal, ob dieSpax: Ja, ich rappe, mache Sprechge- Stimme ausgebildet oder mikrofoniert istsang. Das hat nichts mit Singen und Tö- oder ob ich rappe. In diesem Zusam-ne treffen zu tun, sondern ich mache nur menhang fiel es leicht, eine Rapoper zuRhythmus und Text. Aber es ist nicht so machen, da die Leute dabei aneinandereinfach, wie man denken könnte. gelernt haben und aufeinander Lust hat- ten. Das Spezielle am Gesang ist, dassKoch: Würden Sie sagen, dass es eine es sich um einen seelischen Vorgangbestimmte Art von Gesang ist oder ist es handelt und jede Stimme auch Ausdruckeinfach Rap? eines persönlichen Zustands ist. Alles, was wir an Gesang und Singen in denSpax: Das ist eine schwierige Frage. Ich Körper hinein tun, kriegen wir nie mehrmache da eine Trennung, wobei ich den wieder heraus. Das ist sehr komplex undBegriff Rap auch immer als eine Haltung macht uns gleichzeitig aus. Wir habendahinter sehe, nicht nur als Handlung. auch immer Opernsänger, die Lust aufJeder kann rappen, aber wenn jemand, populäre Musik haben und Musicals ma-der eigentlich Sänger ist, rappt, ist er chen. Zum Beispiel hatte ein Sänger ankein Rapper. Natürlich ist es aber auch der Oper in Linz vor seinem EngagementGesang, denn ich spreche zu Musik, ich dort 800 Mal Cats am Broadway gesun- Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 1 / 5
  • gen. Ein objektives Bild darüber, welches Falk: Ja, wenn Sie schreien, müssen SieSingen wertvoll ist und was nicht, gibt es sich am Riemen reißen, das ist körperli-nicht. che Anstrengung. Das hat auch bei den Älteren funktioniert, aber sie brauchen jemanden, der sie anspornt und “vor- schreit”. Spax: Sehe ich es richtig, dass Rap hier als Fremdkörper gesehen wird? Falk: Ja, in der Chormusik schon. Spax: Ich finde Rap nicht kompliziert. Da ist Text und Takt. Das muss doch mit 2.500 Leuten gehen. Eine Überartikulati- on muss doch da nicht sein. Falk: In dieser Halle mit dem entspre- chendem Hall müssen Sie es so machen. Koch: Frau Zeserson, Sie arbeiten im Nordosten Englands mit sehr diversen Gruppen zusammen. Das Angebot von The Sage Gateshead richtet sich an un- terschiedliche Gruppen unterschiedlicherKoch: Herr Falk, Sie haben sich in Ihrer Herkunft. Haben Sie auch den Ehrgeiz,Vortrags-Performance stark für das mi- verschiedene Singstile und Artikulati-schen von Stilen und Techniken ausge- onsweisen zu integrieren?sprochen. In Ihrem Musical von den „10Geboten“ mischen Sie verschiedene Sti- Katherine Zeserson: Wir arbeiten mitle. Wie brachten Sie die Leute – beson- Menschen unterschiedlichsten Alters.ders die LaienchorsängerInnen –, denen Außerdem denken wir kulturelle Unter-diese Stile nicht alle geläufig waren, da- schiede auf verschiedenen Ebenen mit.zu, so zu singen? Unser Ziel ist, das Singen und die Musik den Menschen als Kommunikations- undDieter Falk: Zu Herrn Klügl: Stimmen Entwicklungsplattform anzubieten. Undberühren, sind emotional. Egal ob beim aus diesem Grund sind wir sehr offen fürChanson oder in der Oper – die Stimme jede Art von Vorschlägen, jede Art vonmuss berühren, und jeder Sänger ent- musikalischen Einflüssen aus verschie-scheidet, wo er berührt wird. Den mei- denen Kulturen usw. In diesem Sinn ver-sten Applaus hat beim letzten Schulkon- suchen wir auch, sehr klar zwischen Stilzert, bei dem ich war, ein Mädchen be- und Technik zu unterscheiden. Es gibtkommen, das einen Chanson gesungen nur eine Art von Musik, die wir nicht be-hat. reit sind, auf unseren Bühnen zu präsen-Wie bekomme ich Leute dazu, Rap- tieren oder beizubringen: Schlechte Mu-Passagen zu sprechen? Mit 2500 Leuten sik.kann man nicht rappen. Aber dieSprechpassagen waren große Herausfor- Wir haben ein HipHop-Projekt, in demderungen, weil sie für viele eine Grenz- viele junge Menschen aus unterschiedli-überschreitung darstellten. Doch ich ha- cher Herkunft zusammen Graffitikunstbe den Eindruck, dass besonders Ältere machen. Wir haben die größte legaleSpaß daran hatten, viele Silben extrem Graffiti-Wand in England und es kommenzu artikulieren. Künstler von überall her, um dort zu ar- beiten. Viele der jungen Menschen kom-Koch: Singen wird dann auch körperlich men aus dem Gefängnis bzw. aus denerfahrbar, als sportliche Herausforderung Fängen der Polizei. Also bringen wir die... besten DJs und Rapper zu uns, um mit Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 2 / 5
  • ihnen zu arbeiten. Die Frage ist bei unsimmer, was die Leute tun wollen undwas sie am besten können.Wir haben bei unseren Beobachtungengelernt, dass wir keine Musik-Institutionsind – wir sind eine Leute-Institution. DieFrage der Mischung ist eine Frage vonMenschen. Der Maler hat die Palette mitden Farben. Manchmal ist es sehr inter-essant, nur blau zu malen, wie Picasso.Manchmal wollen wir ein Bild mit allenRegenbogenfarben sehen. Und manch-mal experimentieren wir mit verschiede-nen Farbkombinationen. Aber eigentlich Koch: Herr Klügl und Spax, hat Ihremischen wir nie alle Farben zusammen, Rapoper auch so funktioniert?denn sie ergeben zusammen ein hässli-ches Braun. Genauso glauben wir auch, Klügl: Unser Projekt hat mir Vorberei-dass die musikalischen Sprachen und tungszeit zwei Jahre gedauert. Es gibtStile so unterschiedlich wie die Menschen auch einen Film und ein Making-of. Dortsind. Interessant ist, wie man die Men- wird dokumentiert, wie es entstanden istschen und Sprachen miteinander kombi- und wie man die Jugendlichen auch ausniert. schwierigen sozialen Verhältnissen ein- gebunden hat und wie sie eine großeKoch: Was passiert in dem HipHop- Entwicklung durchlaufen haben. Wir ha-Projekt? ben eine Choreografin und ein pädagogi- sches Team dabei gehabt. Es war vielZeserson: Wir befinden uns gerade mit- Arbeit, aber auch viel Spaß und es gabten in diesem Projekt. Jeden März haben einen tollen Ertrag, auch für die Jugend-wir ein internationales Jazzfestival auf lichen.unserem Gelände. Wir bereiten ein gro-ßes Projekt in Zusammenarbeit mit ame- Spax: Seit es Rap gibt, wird man leiderrikanischen Jazzmusikern vor, das dort in eine Schublade gesteckt: “Bist du eheraufgeführt wird. Außerdem arbeiten wir Fettes Brot oder Fanta 4 oder Bushido?”mit einem großen britischen Beatboxer. Die Berichterstattung stuft Rap meistensEin Jugendchor und die jungen Leute der als Unterschichtenmusik ein und dieHipHop-Akademie schreiben Raptexte, Möglichkeit, jetzt einmal mit vermeintli-die die Jazzband mit nach New York in cher Hochkultur zu arbeiten und sicheine Schule nimmt. Die Jugendlichen auszutauschen, war sehr spannend. Esdort arbeiten mit der Band zusammen, gab nun die Möglichkeit, den Jugendli-um die Musik für die Texte zu schreiben chen etwas zu zeigen, was total großar-und schicken die Musik zurück nach Eng- tig ist, nämlich, dass Musik eben Musikland. In The Sage Gateshead wird die ist und keine Grenzen kennt, dass dabeiMusik dann von der Jazzband aufgeführt einfach nur Spaß entstehen muss. Dieund 25 Jugendliche aus New York wer- Leute hat es einfach erwischt. Ich habeden dazu nach England kommen. Thema improvisiert und sie fanden es cool.der Arbeit, über die auch ein Film ent- Dann hat die Opernsängerin gesungensteht, ist die U-Bahn. und wir waren ergriffen zu sehen, dass die Jugendlichen nicht mehr in Kategori-Viele der jungen Leute haben eine elek- en denken.tronische Fußfessel. Wenn sie also dieBedingungen brechen, kommen sie zu- Eine Schwierigkeit bestand darin, dassrück ins Gefängnis. Doch darüber wird wir altes Textmaterial umarbeiten muss-nicht gesprochen und das interessiert ten. Aus diesem Grund finde ich dasauch niemanden. Wir wollen genau diese englische Projekt spannend, bei dem dieLeute auf der Bühne haben, und wollen, einen den Text schreiben und andere diedass sie auf der Bühne fantastisch sind. Musik. Für die Jugendlichen war dieEs geht hier in der Musik nicht um Stile, Schwierigkeit bei der Oper, den klassi-sondern um Menschlichkeit. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 3 / 5
  • schen Inhalt in die Neuzeit zu transferie- Koch: Mir ist nun klar geworden, dassren. Die Auseinandersetzung mit alten wir Singen weniger von der Ebene derDingen und der anderen Kultur, dabei vermittelten Bedeutungen her bestim-aber mit doch recht vertrauten Inhalten, men, sondern eher nach der Erfahrung,hat ihnen gezeigt, dass das Leben ein die es vermittelt: Es passiert mit denimmer wiederkehrende Zyklus ist und Leuten etwas, wenn sie an Singprojektendass wir mit Rap ein klassisches Thema teilnehmen. Herr Falk, was haben dieneu bearbeiten können. Das auf die Chöre mitgenommen und hat sich beiBühne zu bringen, war eine große Erfah- den Sängerinnen durch die Mitwirkungrung für alle Beteiligten. an den „10 Geboten“ etwas verändert? Falk: Meiner Erfahrung nach sind Freundschaften entstanden und das Stück wurde selbstständig auf kleinere Zusammenhänge herunter gebrochen. Bei solchen Events mit langem Vorlauf haben alle viel Spaß am Proben, doch am Schönsten ist es, wenn sie es danach aufführen. Für die Chorarbeit nach dem Event und dem Hype bleibt mehr Dyna- mik und mehr Energie, die sie mitbe- kommen haben durch das Event. Die Chorleiter und Sänger geben mehr in den Chören – deswegen bin ich auch für Events. Koch: Frau Zeserson, streben Sie bei Ih- ren Projekten Langzeitwirkungen an? Was haben Sie bisher beobachten kön- nen? Zeserson: Es ist wichtig, Zeit zu haben. Wir versuchen unsere Arbeit so zu konzi- pieren, dass es „Flüsse“ gibt, also konti-Koch: Gab es Langzeitwirkungen? Was nuierliche Angebote zum Lernen und zurkonnten Sie über das Ende des Projekts Weiterentwicklung an verschiedenenhinaus beobachten? Wochentagen. Aber dann gibt es auch die Momente, wo Steine in den Fluss ge-Klügl: Danach haben wir dann „Rhein- worfen werden. Unser Direktor nennt esgold – der Film“ gedreht und hier waren „herausragende Momente“. Diese kön-schon einige „Nachfolgetäter“ dabei. Es nen ein Ziel vorgeben, wo die Leute sichgibt einige, die inzwischen bei verschie- hinbewegen. Nach dem Event geht esdenen Stücken mitwirken. Letztens ha- dann weiter den Fluss hinunter, zusam-ben wir bei einer Oper für Jugendliche men mit den Erfahrungen aus demeinen Chor gegründet, der mit ganz an- Event. Um das zu gewährleisten, machenderen Jugendlichen aus sozial schwieri- wir nur Events oder Kooperationen,gen Verhältnissen in sechswöchiger Pro- wenn sichergestellt ist, dass ein Teambenarbeit eine großartige Oper zustande aus deren Bereich sich selbst weiterbildetgebracht hat. Die Jugendlichen bleiben um den begonnenen Weg weiterzuge-Freunde über die Projekte hinaus. Plötz- hen. Dadurch garantieren wir, dass dielich wollen Jugendliche Sängerin werden Erfahrungen aus dem Event in die Zeitund öffnen sich Unbekanntem. Die Ju- danach mitgenommen werden. Außer-gendlichen singen wahnsinnig gern und dem sind wir dadurch zu einer Art Weg-gehen nach der Probe noch eine Cola weiserorganisation geworden, die nachtrinken und nerven dann die Leute in der einem Event die Leute informiert, woKneipe mit dem Gesang. und wie sie sich weiter einbringen kön- nen. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 4 / 5
  • Spax: Ich habe dazu nicht so viel hinzu- ben wir ein sehr praktisches Ziel: Wirzufügen. Es wird immer von Nachhaltig- müssen ein Finanzierungsmodell finden,keit gesprochen. Aber ich sehe Events das funktioniert. Weil wir eine große Or-immer auch als Initialzündung. Bei der ganisation sind, werden wir als Bench-Rapoper waren die drei ausverkauften markorganisation gesehen. Damit habenVorstellungen einfach ein Abschluss für wir eine große Verantwortung. Wir müs-die Zeit, die sie erlebt haben. Solche sen unseren Kollegen in kleineren Orga-Events haben auch immer eine Außen- nisationen helfen. Die Frage ist also, wiewirkung, die wichtig ist, damit auch wei- wir die drei Dinge zusammenbekommen:terhin Projekte gefördert werden. Für die Soziale Zielsetzung, musikalische Exzel-Förderung brauchen wir leider auch im- lenz und finanzielle Sicherheit. Denn wirmer etwas, ein Ziel, das am Ende steht. verlieren ständig öffentliche Mittel. DieIch finde, Events sind definitiv wichtig. Gefahr ist, dass wir aus finanziellenDie Frage ist nur, ob es immer ein Pro- Gründen die soziale Zielsetzung verlie-jekt sein muss, wie groß und für wen es ren. Also ist meine Aufgabe, einen Wegsein soll. Für andere Jugendliche ist es in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten zusuper, die Jugendlichen dann auf der weisen. Der Schlüssel dafür liegt in derBühne zu sehen, und sie haben auch das Arbeit der Graswurzel-Community. DieBedürfnis, von Eltern und Lehrern beju- Großorganisation muss Energie und Im-belt zu werden. Ich bin ein Befürworter pulse an die kleinen Organisationen wei-von Events. tergeben, sodass diese in fünf Jahren sagen können, dass alle drei Ziele erfülltKoch: Herr Falk, wie geht es weiter mit werden. Das ist der Plan. Wir sind in derdem Singen? Wird die Mundorgel weiter Lage, Singen wirklich zum Vorreiterme-orgeln? dium von Musikvermittlung zu machen. Wir erstellen eine aussagekräftige Stel- lungnahme für die Regierung, die zeigt, wie das Singen im Leben der Kinder auf- genommen wird – und wir haben einige Beweise dafür. Koch: Vielen Dank für Ihre Diskussions- beiträge. Ein Wort noch zum Abschluss: Wir haben in diesen zwei Tagen viele An- regungen erfahren und viel diskutiert, und ich hoffe, dass wir davon auch etwas in unsere eigene Arbeit einbringen, dort anwenden und weiter entwickeln kön- nen. Die Idee der Musikland-KonferenzenFalk: Die Zukunft des Singens fängt dort ist, dass Leute, die sich für Musik enga-an, wo das Singen nach Kindergarten, gieren, zusammenkommen, um über dieSchule und Schulchor die Jugendlichen Fragen zu diskutieren, die sich in ihremverlässt. Da muss es Projekte geben, bei musikalischen Leben stellen. Und wirdenen Jugendliche wieder gemeinsam wollen Wege und Projekte aufzeigen. Ei-zum Singen gebracht werden. Das geht ne wichtige Frage war zum Beispiel diemeiner Meinung nach vor allem durch nach der Qualifikation für die musikali-ambitionierte Eliteprojekte, die etwas sche Arbeit mit Kindern, wo wir überle-vormachen und durchs Land touren. Ich gen müssen, wie wir den Bedarf an aus-hatte die Oslo Soul Teams erwähnt. Sie gebildeten ChorleiterInnen und Stimm-ziehen durch die Lande und überall ent- bildnerInnen decken. Wir als Musiklandstehen Nachahmerchöre. Das wäre das werden dem nachgehen. Ich bedankeZukunftssingen für Konfirmanden bis ins mich herzlich bei den Mitdiskutanten,Twen-Alter. und ich bedanke mich bei Ihnen, liebe TeilnehmerInnen – ohne Ihre engagierteKoch: Frau Zeserson, was sind Ihre Zie- Teilnahme wäre der Erfolg der Jahres-le für die nächsten fünf Jahre? konferenz nicht möglich. Sie haben dazu beigetragen, dass es eine interessanteZeserson: Für die nächsten 5 Jahre ha- Tagung geworden ist. Das Protokoll führte Paul Kruerke. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 5 / 5