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Margrit kennedy geld regiert die welt - doch wer regiert das geld

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  • 1. Innovative Geldwirtschaft Geld regiert die Welt! Doch wer regiert das Geld?26 forum Nachhaltig Wirtschaften
  • 2. Innovative Geldwirtschaft Über diese Frage sind sich selbst die Wachstum anfangs gering, steigt heißt, dass die Wirtschaft ein ex­ Fachleute selten einig. Die weltweite dann kontinuierlich an und geht ponentielles Wachstum anstreben Krise, in die uns gerade die amerika- schließlich in fast senkrechtes, „un­ muss und, dass die Schere zwischen nische Immobilienblase hineinzieht, begrenzt“ quantitatives Wachstum Geldwerten und Realwirtschaft – zeigt jedoch, dass diese Frage immer über. Es findet seine Grenze erst im Laufe der Zeit – ständig weiter mehr zu einer Überlebensfrage für beim Zusammenbruch oder der auseinander klaffen wird, bis sich viele Menschen wird. Überlassen Zerstörung des Organismus, auf Spekulationsblasen bilden, diese wir es den Spekulanten an den Bör- dem es wächst. Genau nach diesem platzen und der ganze Zyklus wieder sen oder dem so genannten „freien Muster verhält sich unser Geld, da von vorn anfängt. Markt“ zu bestimmen, was unsere sich Geldanlagen durch Zins und Währung wert ist? Oder sind wir in Zinseszins in regelmäßigen Zeitab­ Zweites Missverständnis der Lage, selbst zu bestimmen, mit ständen verdoppeln. Wir zahlen Zinsen nur, wenn wir welcher Münze wir bezahlen? uns Geld bei der Bank oder von Das berühmte Beispiel vom Josephs- anderen leihen. Ich habe vor 25 Jahren einen klei­ Pfennig zeigt, dass ein Geldsystem, nen, aber bedeutsamen Konstruk­ welches auf Zins und Zinseszins Richtig ist, dass in jedem Preis, den tionsfehler in unserem jetzigen beruht, nur kurz- und mittelfristig wir entrichten, ein Zinsanteil enthal­ Geld­ ystem entdeckt, und arbeite s funktionieren kann. Hätte Joseph ten ist. Nämlich die Zinsen, welche seitdem daran aufzuzeigen, wie zur Zeit von Christi Geburt einen die Produzenten der gekauften dieser Fehler im System behoben Pfennig investiert und wäre dieser Güter und Dienstleistungen der werden kann und wir neue Geld­ von einer Bank mit durchschnittlich Bank zahlen mussten, um Maschi­ systeme entwickeln können. Bevor 5 Prozent pro Jahr verzinst worden, nen und Geräte anzuschaffen. Bei ich jedoch beginne, einige dieser wäre dieser Pfennig im Jahr 2000 den Müllgebühren zum Beispiel Geldentwürfe vorzustellen, möchte zum damals gültigen Goldpreis liegt dieser Anteil bei etwa 12 ich drei grundlegende Missverständ­ etwa 500 Milliarden Kugeln aus Prozent, beim Trinkwasserpreis bei nisse bezüglich unseres herkömm­ Gold vom Gewicht dieser Erde wert 38 Prozent und bei der Miete im lichen Geldes aufzeigen. gewesen – zum Goldpreis in diesem sozialen Wohnungsbau erreicht er Jahr. Das zeigt, in Form eines realis­ sogar 77 Prozent. Im Durchschnitt Erstes Missverständnis tischen Symbols: „Geld frisst Welt“. zahlen wir etwa 40 Prozent Zinsen Das Geld – und damit die Wirt- Ein andauernder Zinsbezug mit in den Preisen für die Güter und schaft – können dauerhaft quanti- Zinseszins ist zwar mathematisch Dienstleistungen unseres täglichen tativ wachsen. rechenbar, faktisch aber unmöglich. Lebens. Könnte der Zins also durch Wären die Zinszahlungen hingegen einen anderen Mechanismus ersetzt Zuerst gilt es zu unterscheiden auf ein unverzinsliches Konto ge­ werden, der die Geldbesitzer an­ zwischen begrenztem und unbe­ flossen – womit der Zins auf Zins regt, ihr Geld zu verleihen, könnten grenztem Wachstum. Sowohl unser oder Zinseszins entfallen Körper als auch Pflanzen und Tiere wäre – hätte sich auf diesem folgen physisch dem begrenzten Konto im selben Zeitraum Wachstum. Ab einer optimalen nur 1,01 DM angesammelt. Größe, also etwa ab dem 21sten Le­ Welch ein Unterschied! bensjahr, hören wir auf zu wachsen. Wir verändern uns also die längste Das Problem ist, dass der Zeit unseres Lebens – mit all unseren Zins – als wichtigster Preis Subsystemen – fast ausschließlich in unserer Wirtschaft – die qualitativ statt quantitativ. Grenze setzt für das, was wir als „wirtschaftlich“ be­ Ein grundlegend unterschiedliches trachten. Wenn nicht we­ Wachstumsmuster ist das so ge­ nigstens die Zinsen verdient nannte exponentielle oder Verdop­ werden, ist eine Investition pelungs-Wachstum. Hier ist das nicht wirtschaftlich. Daswww.forum-csr.net 27
  • 3. Innovative Geldwirtschaft die meisten von uns ihre Einkünfte „Leistungsgesellschaft“ ein lei­ • Und auf der lokalen Ebene be­ fast verdoppeln oder entsprechend stungsloses Einkommen. Er zwingt weisen seit Jahrzehnten viele weniger arbeiten, um denselben zu einem pathologischen (krank­ Tauschringe, dass man das „Geld- Lebensstandard zu halten. haften) Wirtschaftswachstum und Geschäft“ nicht nur den Banken führt zu einer Verschärfung der überlassen muss ­ Drittes Missverständnis ungleichen Einkommensverteilung, (www.tauschringe.de). Der Zins ist eine gerechte Gebühr das heißt zur Polarisierung der Ge­ oder Prämie für die Überlassung sellschaft. Darüber hinaus wird die Bis auf wenige Ausnahmen arbeiten von Liquidität, die jede/r auf Spar- Spekulation mit Währungen auf alle ohne Zins oder berechnen nur einlagen bekommt und die von al- den Finanzmärkten weit lukrativer die Transaktionskosten. len in jedem Preis bezahlt werden als Investitionen in der Realsphäre, müssen. ohne dass dabei wirkliche Werte Diese neuen Geldentwürfe oder entstehen. zinsfreien Zahlungssysteme für Nur die wenigsten verstehen, in verschiedene geographische Grö­ welchem Ausmaß sie selbst drauf­ Wie können neue Geldentwürfe ßenordnungen werden ergänzt zahlen, da der Zins- und Zinseszins­ dieses Problem vermeiden? von sektoralen Komplementärwäh­ effekt ganz legal für eine ständige rungen, welche so gestaltet werden Umverteilung des Geldes sorgt. Dazu existieren viele brauchbare können, dass das Geld dahin fließen Unterteilt man die deutschen Haus­ Modelle auf allen Ebenen wirt­ kann, wo es den größten sozialen halte in zehn gleiche Gruppen, so schaftlichen Handelns: und wirtschaftlichen Nutzen stiftet. zeigt sich, dass acht Teile oder 80 • Auf der internationalen Ebene Sie bieten in einem bestimmten Prozent der Haushalte fast dop­ gibt es den Vorschlag von Bernard Sektor, wie beispielsweise das japa­ pelt soviel Zinsen zahlen, wie sie Lietaer für eine auf Waren und nische Fureai-Kippu-System in der einnehmen. Bei 10 Prozent sind Dienstleistungen abgesicherte Altenpflege, die Möglichkeit, mit Einnahmen und Ausgaben durch globale Währung, den „Terra“ Hilfe von Stundengutschriften für Zinsen in etwa ausgeglichen. (www.terratrc.org), und die welt­ junge Leute, Dienstleistungen zu Die reichsten 10 Prozent der Bevöl­ weit vorhandenen Barter-Systeme verbessern und eine Stundenwäh­ kerung nehmen hingegen ein, was (www.barterportal.net). rung in Umlauf zu bringen. die große Mehrheit über den Zins • Auf der nationalen oder multi- verliert. Das heißt, die „Gerechtig­ nationalen Ebene werden seit An einem Beispiel aus dem Bil­ keit“, die darauf beruht, dass wir vielen Jahren die Vorschläge dungsbereich soll etwas ausführ­ alle – über Sparverträge und Geld­ von verschiedenen Experten für licher deutlich werden, wie eine anlagen – Zinsen zurückbekommen, eine zinslose Währung diskutiert Komplementärwährung für einen stellt sich bei näherem Hinsehen (www.inwo.de). Das WIR-Sys­ speziellen Zweck konzipiert werden als trügerisch heraus. Erst bei Zins tem in der Schweiz bietet seit kann: schaffenden Anlagewerten in Höhe 70 Jahren ein Vorbild, welches Der „Saber“ – eine brasilianische von über 500.000 Euro können die­ mittels einer Parallelwährung Bildungswährung – wurde vor ei­ jenigen, die diese Anlagen besitzen, kleine und mittlere Unternehmen nigen Jahren von Bernard Lietaer vom Zinssystem profitieren. Im Jahr mit neuer Liquidität versorgt entwickelt. Er funktioniert als ein 2001 betrug die Summe, die in (www.wir.ch). Gutschein-Modell, welches das Ziel Deutschland an Zinsen tagtäglich • Auf der regionalen Ebene zeigt hat, der größtmöglichen Anzahl umverteilt wurde, zirka 1 Milliarde die wachsende Zahl von Regional­ von Schülern in den wirtschaftlich Euro. währungen in Deutschland, dass schwächeren Gebieten Brasili­ Menschen bereit sind, neue ens, zu einer Schulbildung bis zur Die Folgen des Konstruktions- Wege zu gehen. Im März 2008 Hochschulreife zu verhelfen. Die fehlers gibt es etwa 28 Initiativen, die Gutscheine werden an die jüngsten bereits ein eigenes Zahlungs­ Schüler/Innen verteilt, die damit Der Zins ermöglicht auf diese Weise mittel herausgeben, und 32 etwas ältere Schüler/Innen bezahlen im Gegensatz zum viel zitierten weitere, die das vorbereiten können, die ihnen Förderunterricht Anspruch auf Leistung in einer (www.regiogeld.de). oder Nachhilfestunden geben.28 forum Nachhaltig Wirtschaften
  • 4. Innovative Geldwirtschaft Die älteren SchülerInnen können ren, keine Inflation, sondern im Was nützt ihnen der Ast, auf wiederum SchülerInnen bezahlen, Gegenteil Stabilität dem sie sitzen, wenn er an die noch etwas älter sind, und so • sie sind transparent in ihrem Entste­ einem kranken Baum wächst? setzt sich das Angebot fort, bis hungsprozess und können damit zu den 17-Jährigen, die damit die demokratisch kontrolliert werden Anstelle sozialer Programme, die Studiengebühren an teilnehmenden • sie bringen vorhandene Res­ sich mit dem Transfer finanzieller Universitäten bezahlen können. sourcen mit einem ungedeckten Ressourcen von Reich zu Arm be­ Nur die Universitäten können die Bedarf zusammen, und können gnügen, sind Komplementärwäh­ Sabers in Reais umwandeln. Am damit neue Arbeitsplätze schaf­ rungen ein völlig neuer Weg, dem Ende eines Schuljahres verliert der fen, gerade in Bereichen, die sich Anspruch auf soziale Leistungen Saber 20 Prozent an Wert, wenn er im herkömmlichen Geldsystem und mehr sozialer Gerechtigkeit zu nicht bei den Universitäten ausge­ nicht „rechnen“ genügen. Wenn sie einmal einge­ geben wurde. Das heißt, niemand • sie verbessern die soziale Interak­ führt sind und funktionieren, kön­ wird ihn horten oder dafür Zinsen tion und den sozialen Zusammen­ nen sie sich letztlich selbst finanzie­ verlangen. Man kann mit ihm keine halt unter den Teilnehmer/Innen ren, ohne den Staatshaushalt weiter Autos in Japan kaufen oder auf dem • sie können nicht benutzt werden, zu belasten. Das heißt, sie können Weltmarkt spekulieren. Die Schüle­ um auf dem Weltmarkt zu speku­ den Wohlfahrtsstaat ergänzen, rInnen lernen ihre MitschülerInnen lieren ohne selbst ein Wohlfahrtssystem zu besser kennen und erwerben beim • sie entlasten den Staatshaushalt, sein. Sie sind in diesem Sinne hoch „Lehren“ zusätzliches Wissen und beziehungsweise verursachen innovative Selbsthilfemittel, die soziale Kompetenzen. Da die Ko­ wenig oder keine Mehrkosten durch kreatives Handeln im Sinne sten für die Student/Innen auf sonst oder Steuererhöhungen einer „kollektiven Intelligenz“ die freibleibenden Studienplätzen nur • sie verbessern das Angebot an Eigeninitiative von einzelnen und einen Bruchteil dessen betragen, Sozialleistungen oder Waren Gruppen fördern, ihren Selbstwert was die Universitäten normalerwei­ • sie stiften Nutzen, der sonst nicht und damit insgesamt unser „Sozial­ se dafür aufbringen müssen, kostet zustande käme kapital“ stärken. der Studienplatz in Saber etwa 50 • die „Spielregeln” für ihre An­ Prozent weniger. Diese Einsparung wendung sind einfach – nicht viel und die zirka fünffache Weitergabe schwieriger zu begreifen als die des Sabers in einem Studienjahr Regeln eines Schachspiels ergeben einen zehnfachen Nutzen des Geldes. Alle diese Eigenschaften stehen Das heißt: aus 1 Milliarde Reais gewissermaßen im Gegensatz zum entsteht durch den Saber ein Nut­ herkömmlichen Geld: zen für Bildung von 10 Milliarden • welches in seiner Entstehung und Reais. in seinen Auswirkungen kaum verständlich ist Neue Geldmodelle – globale, natio­ • welches langfristig immer an Wert nale, regionale und sektorale – wei­ verliert Prof. Dr. Margrit Kennedy, 68, ist Autorin des sen wesentliche Gemeinsamkeiten • von dessen Verteilungswirkung Buches „Geld ohne Zinsen und Inflation“ untereinander und grundlegende über den Zinsmechanismus in (1991, 8. aktualisierte Neuauflage 2006), das in 20 Sprachen übersetzt wurde. Unterschiede zum herkömmlichen wachsendem Maße nur 10 Pro­ Ihr Buch „Regionalwährungen – ein neuer Geld auf: zent der Bevölkerung profitieren, Weg zu nachhaltigem Wohlstand,“ zusam- • sie sind – richtig angewandt – für während 80 Prozent ärmer wer­ men mit Bernard Lietaer, erschien 2004.  alle, die daran teilnehmen, ein den Ein Schwerpunkt ihrer heutigen Arbeit ist Gewinn • welches – als weltweites Speku­ die Einführung und Erprobung regionaler • sie erzeugen, wenn sie umlauf­ lationsmittel eingesetzt – immer Tauschmittel. gesichert und auf Waren oder häufiger allen schadet, auch de­ margritkennedy@monneta.org Dienstleistungen abgesichert sind nen, die oberflächlich betrachtet www.margritkennedy.de oder als Zeitwährung funktionie­ davon profitierenwww.forum-csr.net 29