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Dunkle Sonne Lesung Kap6 Sicher
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Dunkle Sonne Lesung Kap6 Sicher

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Fantasy Roman-Epos von Leon Tsvasman mit Elementen von Utopie, Zivilisationskritik, Dichtung etc. Als Prototyp verfasst ursprünglich für szenische Lesungen. ...

Fantasy Roman-Epos von Leon Tsvasman mit Elementen von Utopie, Zivilisationskritik, Dichtung etc. Als Prototyp verfasst ursprünglich für szenische Lesungen.

Projektblog: http://dunklesonne.blogspot.com/

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Dunkle Sonne Lesung Kap6 Sicher Document Transcript

  • 1. 6. Der Mantel der Königin Die schäbige Jugendstilvilla war bloß eine Fassade. Ihr Inneres machte ein einziger Raum aus, dessen Kuppel aus milchigem Kristallglas lichtdurstig anstelle der Decke schwebte. Zuerst fühlte sich Max wie in einem Gewächshaus, bald durchbrachen aus einem bestimmten Blickwinkel heraus die sanften Lichtkolonnen würdevoll die schlichte Architektur des Raums, als würde er sich spontan in einen gläsernen Dom verwandeln. Max atmete tief auf und hielt kurz die Luft an, als würde er die Luftprobe degustieren. Hier herrschte ein überraschend anderes Mikroklima. Es war wie eine Mischung aus einem Biosaunarium und einer Orangerie, gefüllt mit nach Magnolienblüte riechendem Dampf. Im Hintergrund tönte leise Orgelmusik, die der benachbarten Kirche entstammen konnte. Wie auf der schwimmenden Burg des Alten Enya Anki gingen die wackeren Töchter der Dämmerung auch hier ihren rätselhaften Vorbereitungen nach und entfalteten dabei eine verwickelte Gruppendynamik, die Max’s musische Natur sogleich mit Eintracht erfüllte. Sie bewegten sich in einer Ordnung, die keiner erkennbaren Choreografie, aber einer besonderen jenseitigen Ästhetik verpflichtet schien. Nur eine von ihnen saß in der Mitte des Raums. Bei ihr fielen neben farblosem Haar rötlich blinzelnde Augen
  • 2. auf, als wäre sie ein Albino. Andächtig massierte sie ihren etwas verwelkten Fuß. Max fühlte sich angezogen, ihr zuzuschauen. Nicht deshalb, weil ihr Körper wie eine frisch aufgegangene Lotusblüte aus dem Botanischen Garten wirkte – so waren die anderen auch. Doch spürte Max, wie die Kraft ihrer Einkehr die matten Zehen speiste. Es floss etwas hinein, was keine Merkmale offenbarte, aber ungeheuer satt schien. Infosomatische Medizin? Könnte sein, denn eine gewöhnliche Therapie war es nicht. Diese hatte mehr mit Selbstheilung als mit Behandlung zu tun. „Ein Unfall?“ – fragte Max wortkarg. Aufgewühlt wie er war, wusste er nicht, wie man mit einer paramilitärischen Einheit aus einer anderen Welt spricht, deren Befehlshaber er spielen sollte. Auf jeden Fall schien ihm eine profane Begrüßung nicht angebracht zu sein, zu alltäglich für den Anlass. Max’s Ansprechpartnerin wirkte so, als verkörpere sie eine Wesenheit, die in dieser Welt längst verloren schien. In ihrem Gang kam sie ganz ohne diesen maskulinen Schwung aus, der die weiblichen Körper dieser Welt mittlerweile wie ein Systemvirus infizierte. Im Gegenteil, strahlte sie die Süße einer verschlafenen Weiblichkeit aus, wie sie von der Popkultur gerne zelebriert wurde, nur hatte sie diesen Glamour des lieblosen Machtanspruchs nicht. Ihre Füße saugten die Kraft des Bodens auf. Ihre Magie war die vollkommene Präsenz.
  • 3. Bald meldete sich mit einer akademischen Ernsthaftigkeit die Puppe des Namenlosen Magisters kreischend aus der Hosentasche. Anscheinend fühlte sie sich an dieser Stelle verpflichtet, Max aufzuklären: „Sie hat Machtsymbole nicht verdient, die in deiner Welt jene Tugenden kompensieren, die den weiblichen Wesen anerzogen werden, damit sie die Königin mit der Energie der verlorenen Gegenwart speisen.“ Angeheitert von der sprechenden Hosentasche, ohne auch nur höflichkeitshalber den Versuch zu unternehmen, sie aus dem Stegreif zu verstehen, lächelte Max die Frau an. Sie erwiderte mit einer würdevollen Augenwärme. Doch für einen Augenblick fluteten ihre Pupillen mit gesättigter Schwärze ihre Augen, was Max bis in das Knochenmark erschreckte. Nur war der Augenblick so außerordentlich und so kurz, dass sein Gedächtnis sich weigerte, ihn zu behalten. „Entschuldigt uns, Eure Potenzialität Gebieter, Magister von Tausend Namen, der Schicksalslose unter den Lebenden…“ Ihre Sprechweise war langsam und wirkte eben so verschlafen, besonders herzlich und leicht eindringlich, außerdem klang ihr Akzent leicht französisch. Trotzdem verzerrte Max instinktiv seine Lippen, als schluckte er versehentlich ein Glas Zitronensaft. Die Ansprache klang so unpassend, dass er überraschend für sich selbst aus dem Gleichgewicht geriet:
  • 4. „Bitte... Keine Floskeln! Stell dir einfach vor, dass in dem Namen ‚Max’ die ganzen großartigen Titel quasi eingebaut sind… Einverstanden?“ Doch ein Mensch, dessen Kultur fern von Autofetischismus war, konnte diese Metapher kaum einordnen. Dessen ungeachtet lächelte die Frau und zuckte gleichgültig mit den Achseln: „Also, um deine Frage von vorhin zu beantworten... Die Silberne Dantanga hat gestern gleich nach dem entsetzlich roten Untergang hiesiger Sonne eine vermeintlich durchsichtige Tür eingeschlagen. Sie tat es bei voller Gewissheit aus einem sehr kostbaren Einfall heraus, der in der Welt der Dunklen Sonne niemals einen Fehler verbirgt. Aber die Tür war fest, mehr als fest, außerordentlich unnatürlich fest…“ „Panzerglas? Hm.. Habt ihr etwa eine Bank überfallen?“ „Es ist so, Max… Bei uns wird keinem etwas beigebracht, denn wir lernen autonom. Also wollten wir checken, ob wir an diesen allmächtigen Fetisch dran kommen, der diese rätselhafte Lebenswelt vollkommen zu beherrschen scheint… Und die durchsichtige Tür schien so brüchig, wie die feinste Arbeit des Silbernen Magisters, des Großmeisters der Wandweberei…“ „Meinst Du mit dem Fetisch etwa Geld?“ Sie dachte kurz nach und nickte entschieden. „Aber als wir Gestalten, die hier rumlaufen, daraufhin gelesen haben, verstanden wir die ganze Tragik des hiesigen Mysteriums: Die Armen werden gezwungen, ihre ganze Lebensenergie in diesen Fetisch zu stecken.
  • 5. Es diesem Bankspeicher zu entnehmen würde bedeuten, ihnen Leben zu nehmen. Ein merkwürdiges Leben, das von einem Fetisch beherrscht wird. Also beschlossen wir, dieses Geltungsäquivalent auf eine andere Weise zu besorgen. Deshalb die Idee mit der Girlband, denn für bestimmte Klänge scheint man hier eine Menge Aufmerksamkeit zu bekommen. Und Aufmerksamkeit ist die Quelle aller Geltung. Stimmt’s?“ „Na ja, diese Bankspeicher sind eh eine Attrappe… aber Aufmerksamkeit ist mittlerweile goldwert.“ „Diese Welt scheint ihren Fetisch so tief in ihrer Seele zu hüten, dass er nicht ohne weiteres angetastet werden darf... Doch Aufmerksamkeit würde uns reichen! Sie können wir dann in jeden beliebigen Fetisch verwandeln.“ Sie sprach so sicher, als wäre sie eine anerkannte Medienexpertin. Offenbar zweifelte sie niemals. Warum sollte sie auch? Ihr Wissen erarbeitete sie sich selbst, durch Orientierung, also musste sie ihre momentane Wahrheit nicht anzweifeln. Eine andere konnte sie nicht erlangen, denn alles andere wären Geltungen gewesen, die eine freie Kriegerin nicht weiter gebracht hätten. Max schmunzelte: „Na ja, allein für die Klänge wird man hier auch nicht belohnt. Aber wenn sie von infantil wirkenden und dazu noch spärlich gekleideten Damen erzeugt werden, entfalten sie hier eine durchaus magische Wirkung.“ „Magie… oder Manipulation?“ Sie fragte mehr oder weniger rhetorisch, schaute dabei jedoch sehsüchtig in Max’s Augen. Offenbar wusste sie,
  • 6. dass Max sie an dieser Stelle nicht verstehen würde. Noch nicht. Aber sie pflanzte einen Zwiespalt in seine Seele ein, in der Hoffnung, dass er aufginge. Und er tat es. Bald verspürte Max die beinahe physische Lust aufs Dichten. Mit der Bemerkung, dass es der Auftakt ihrer ersten Hip-Hop-Ballade sein würde, rezitierte er bereits in wenigen Minuten ein wenig nachdenklich und mit längeren Pausen die ersten Strophen aus seinem frisch verdichteten Reim. Eigentlich dichtete er noch beim lesen, was seinen Ausdruck etwas unsicher machte. Die leise, aber eindringliche Orgelmusik von Außen schattierte sein Rezitativ mit mürrischen Harmonien: Die wahre Welt – getriebefrei. Vergeht wie Zeit – sind wir dabei? Systeme strecken Fühler weit, Man wird nie wieder mehr befreit. Die Wacht der Wächter läuft Amok, Es dröhnt entstellter Kuschelrock. Die Sonne – drohend schattenlos, Die Köpfe – weniger als bloß. Der wahre Grund versinkt im Lob Und ewig waltet wieder Mob: Archaisch wie Behördensinn, Anarchisch wie ein Fass Benzin. Die Macht verdichtet – steuerfrei – Gewalt befreiter Innerei. Nachtwandler stopfen Tag mit Blei. Athleten räuchern sich mit Weih. Längst keine Seele ist dabei,
  • 7. Systeme stiften Barbarei. Subjekt vergeht, sein Sinn erstickt. Der Reiter ist ein Cyberfreak, Sein Trampel endet ohne Fraß, Der neue wandert bald ins Glas. Das Messer trennt den Geistesblitz Und ewig grüßt der alte Witz. Die Frau zelebrierte ihre Begeisterung ein paar Sekunden, bevor sie wieder die Augen öffnete. „Darf ich vollenden?“ – fragte Sie plötzlich. Max wusste, dass sie in diesen Moment seine ganze Gestalt aufnimmt, um an seinen Wortschatz zu kommen und nickte. Denn er wusste auch, dass sie es in seinem Sinne tun würde. Einen Augenblick später setzte sie das Gedicht erstaunlich sensibel fort, als wäre es seine eigene Fortsetzung. Der wahre Grund - viel zu brutal, Die Gegners Gegner zu konfus. Mach’ Anderssein zu deiner Wahl Und hoffe nicht auf Überfluss. Dein Aufschrei erstarrt im Wind, Verwalter willig, Freunde – blind. Die wahre Angst ist alter Gral, Die Gegner üben sich in Kunst. Die Wahl der Wähler – Schweinestahl, Gewalt der Wächter – Aktendunst. Die Macht der Liebe – alte Pracht, Gewalt der Leere ist erwacht.
  • 8. Max war zutiefst berührt und erstaunt. Die infosomatische Magie kannte in der Tat keine Grenzen. „Wie heißt du eigentlich?“ – fragte er nach einer längeren Pause. Eigentlich wollte er wissen, was sie war, falls sie in seiner seltsamen Truppe eine besondere Rolle zu spielen hatte. So verspielt wie Tanga wirkte sie nicht, denn etwas lastete auf ihrer Seele, eine besondere Pflicht, nicht von Außen anvertraut, sondern aus ihrer eigenen Orientierung schöpfend. Eine Sehsucht, die ihren aktuellen Lebensabschnitt antreibt. „Antanganta. Ich spreche für die Mädels mit dir, Max, weil ich deine Sprache als erste kapiert habe. Die anderen brauchen Zeit, denn deine Sprache ist verzweigt. Aber du wirst deine Truppe schon verstehen…“ „Meine Sprache? Verzweigt? Obwohl - stimmt…“ Max wusste schon längst, dass eine Sprache immer die Sprache eines bestimmten Menschen war, der Rest – eine Volks- oder eine Kultursprache – war immer Illusion, die von Institutionen verwirklicht wurde. Ihre Wörterbücher, Grammatiken und Floskeln waren Konstrukte, die von Organisationen unterhalten wurden, um bestimmte Interessen zu versprachlichen. Und seine Sprache wirkte deshalb verzweigt, weil er entführt wurde und bis vor kurzem in einer Welt lebte, in der nichts eine wirkliche Bedeutung hatte. Max fühlte sich dringend verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen.
  • 9. „Jetzt kümmere ich mich um die Mission. Also keinen Einfällen mehr trauen, solange wir hier sind. Versprochen? Hier ist alles anders, meistens unecht, daher werden euch eure kultivierten Instinkte nur irreführen. Und das kann dramatische Folgen haben. In einer Kurzschlusskultur verhält man sich rational. Man zertrennt alles, was man nicht kennt, und bastelt daraus etwas anderes. Dann kennt man’s. Verstanden?“ „Jawohl, mein lieber Meister der Verantwortung! Aber du darfst unsere Instinkte doch nicht unterschätzen. Denn auch diese Welt hat noch intakte Ebenen, die sind nur weniger offensichtlich. Außerdem haben wir dich!“ Sie schaute Max begeistert an, mit leuchtenden und leicht feuchten Augen, als wäre sie in diesen Moment vollkommen glücklich. „Wie geht es Tangakanta?“ – fragte Max unerwartet. „Oh, prächtig! Unsere Walterin des fremden Willens bereitet deine Rückkehr vor… Aber wir haben hier noch einiges zu erledigen. Und dabei sind die Zahlungsmittel das kleinste Problem.“ Max war nicht nach Sorge. Trotzdem quetschte er eine ernste Miene und sprach mit bekümmerter Stimme: „Irgendwie leuchtet mir unsere Mission bis jetzt kaum ein, außer dass wir Bhagyalakshmi, die düstere Pupillenfrau suchen und ihr Geheimnis lüften?“ „Das ist das Mittel, Max. Der Zweck ist ein anderer. Wir müssen die Entscheidung treffen, ob diese Welt gehoben werden kann oder sie muss untergehen.“ Aus der Hosentasche kreischte es mit einer überheblich anmutenden Expertenstimme: „Wollt ihr einen
  • 10. Hinweis? Lasst euch von Geld, Wissenschaft und Volksherrschaft nicht irreführen. In dieser Welt der Systeme gilt die infosomatische Magie genau wie bei uns. Nur gelten hier nicht die Menschen, sondern sie. Die Königin waltet und ihre Priester wissen Bescheid. Sucht Hinweise, und ihr werdet erstaunt sein, wie leicht sich eine Geltungsschleife, der Sichtbare Mantel der Königin… Was soll der Lärm?“ Der prophetische Wortklang stürzte abrupt in einen hysterischen Abgrund, überwältigt von der Gewalt entfesselter Freude, die flutartig den Raum füllte: In diesen Augenblick sprangen bereits etliche Mädels mit geöffneten Armen aus dem dichten Dampfklumpen im Inneren des Raums heraus. Nachdem sie inzwischen ihre geheimnisvollen Vorbereitungen absolviert hatten, erkannten sie ihren ahnungslosen Gebieter und strömten wie ein Schwarm von frisch verwandelten Lotusblüten einen dampfenden Bergfluss entlang: ‚Jetzt findet hier eine Begrüßung statt…’, konnte Max gerade noch denken, bevor sein von üppigen Umarmungen zerkneteter Leib in die feuchte Wonne der duftenden Dampforangerie hineingezerrt wurde.