Leon Tsvasman 2009: „Die dunkle Sonne“ (Arbeitstitel), Kapitel II
Leon Tsvasman
“Die Dunkle Sonne“*
Kapitel II: „Der Tag vor der Nacht“
*Anmerkung: Der Arbeitstitel und die Inhalte des Lesungsprojekts beziehen sich aktuell ausschließlich auf das
Medium der Lesung und kann sich bei einer verlagsmäßigen Veröffentlichung des Romans erheblich ändern.
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Leon Tsvasman 2009: „Die dunkle Sonne“ (Arbeitstitel), Kapitel II
Der Tag vor der Nacht
Professor Hesslig überfiel das Team mit seinem
Markenblick einer großkalibrigen Schrotflinte, diesmal
nicht aufgeladen und daher gutmütig, aber sein
Gesichtsausdruck war dem Anliegen entsprechend herb:
„Ich habe Herrn Art eine Chance bei uns gegeben, weil
mich sein Potenzial überzeugt hat und immer noch
überzeugt, nicht? Aber von Ihnen kommen negative
Signale. Was macht Herrn Art denn so unbeliebt?“
Frau Mummu-Palme dachte an den Tag, als der Neue
dem Team vorgestellt wurde. Er wirkte nett, aber fremd.
Am nächsten Tag, als sie zur Arbeit fuhr, übersah sie
die geöffnete Autotür und brach sich infolge dessen
beide Beine. Seitdem musste sie ihr Fläschchen unter
dem Tisch immer gut verstecken, denn jene Fahne, die
sie auf öffentlichen Sitzungen angeblich begleitet, hatte
sich im ganzen Institut über Jahrzehnte zum Mythos
profiliert. Und seitdem diese Neue vor zehn Jahren
eingestellt wurde, flammten die üblen Theorien wieder
auf, und jetzt nach dem jüngsten Unfall wieder. Also
mit neu und fremd war nicht zu spaßen:
„Ich weiß nicht, Herr Hesslig, aber wir kommen auch so
zurecht. Ich kann doch auch didaktische Modelle
entwickeln, nicht war, Herr Kakathier?“ Frau Mummu-
Palme kopierte die Sprechmuster ihrer Chefs
mittlerweile unbewusst nach, wie sie das im NLP-
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Bestseller ihrer Jugend gelesen hatte, eine praktische
Softskill, die nun ihre weibliche Frische kompensierte.
Herr Kakathier wirkte abwesend. Er schluckte zuvor
eine bittere Pille, die ihm von einem Kollegen aus der
Pharmazie besorgt worden war. In der Kombination mit
dem alltäglichen Haufen Psychopharmaka wirkte der
neue Stoff erfrischend und ermutigend. Seine Stimme
erklang leise, aber ihre erhebliche Höhe kompensierte
die Undeutlichkeit seiner Artikulation, als er nun dank
einem Muteinfall hastig aus sich heraus presste, so dass
nur wenige Wörter klirrten:
„Ich bin gegen die Verlängerung. Die Mittel sind
knapp… Und Herr Art ist jung, er wird sich bestimmt
eine sichere Stelle noch finden können.“
Er atmete durchfallartig auf und versteckte seinen Blick
hinter der mechanischen Nachdenklichkeit eines
routinierten Hörsaalverwalters.
Professor Hesslig klinkte sich bereits mental aus, indem
er besorgt über seine geplante Versetzung in das
feindliche Dekanat reflektierte und über den morgigen
Zoff mit seiner Alten, als sein OP-Pager erklang.
„Okay, meine Lieben, habe verstanden… Die Pflicht
ruft! Wir sehen uns in zwei Wochen, nachdem ich aus
Hawaii zurück bin.“
Er grinste seine Mitarbeiter mit dem einschlägigen
Blick an – diesmal zu einer Routinediagnose ihrer
gesunden Loyalität – und verschwand anschließend in
der heiteren Gewissheit eines effizienten Entscheiders
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nach der Pflichterfüllung hinter der massiven Tür.
„Ciao-Ciao!“
Das Team saß noch eine Weile still und horchte dem
sich entfernenden Pfeifen nach. Der Chef pfiff
genüsslich etwas Munteres aus einer staubigen
Operette…
Das flotte Pfeifen erreichte Max, als er in seinem grell
beleuchteten Büro an drei Projekten tüftelte, womit die
Fakultät glatt an einer ganzen Abteilung sparte.
Plötzlich überkam Max ein seltsames Gefühl, aus dem
Fenster angestarrt zu werden. Instinktiv blickte er raus
und traf die Augen, all-schwarz und unheimlich groß.
Sie gehörten einer seltsam gekleideten Frau, die Max
artig zunickte und verschwand, bevor es schon wieder
an die Tür klopfte.
„Nur kurz, Herr Art... Darf ich Sie um einen Gefallen
bitten? Könnten Sie bis morgen noch eine Festschrift für
unseren Dekan korrigieren? Danke, Herr Art…“
Die Frage war rhetorisch, das Manuskript plumpste auf
den Tisch.
Später klopfte es wieder, die besorgte Miene von Tarek
Daniels murmelte:
„Na, Max, schwer am Werkeln? Habe eine schlechte
und eine gute…“
„Ja klar, das kann ich mir denken… Schieß einfach los,
Mann…“
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in diesem Moment keiner von ihnen, dass eine andere
Kraft an diesem Abend über die feierliche
Versammlung waltete, eine mächtige Fügung fremder
Gerechtigkeit, die nur selten eine Welt besucht.
Solange die Alte mit ihrer feuchten Zunge jonglierte,
zweifelte Tarek Daniels, eine studentische Hilfskraft, an
seinem riskanten Vorhaben. Bis jetzt tat er so, als
kapiere er alles, wirkte daher selbstbewusst und
harmlos. Nur jetzt kam ein Moment in seiner Kariere, in
dem dringend ein Insidergespräch nötig war, denn er
wusste bereits: nichts schweißt Leute besser zusammen,
als gemeine Betriebsgeheimnisse, offenbart bei einem
offiziellen Umtrunk.
Der Moment passte. Sein Chef stand allein an der
Fensterbank und studierte die eigenen Fingernägel.
Tarek hielt die Luft an und fragte so lässig wie er nur
konnte:
„Warum wollen wir diesen Max eigentlich nicht?“
Als wartete er bereits auf diese Frage, empfing Herr
Kakathier Tareks schüchternen Vorstoß väterlich und
flüsterte zischend durch die Zähne: „Weil sein
Nasenbein zu hart ist für unsere zarten Hintern, mein
Lieber…“.
Er guckte so wichtig, als offenbarte er so nebenbei die
Lebenswahrheit.
„Tue nicht geschockt, Junge, sei ein Realist…“
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„Fuck you!“, flüsterte er instinktiv und dann, nach einer
Atempause, wieder mehrmals, was eine rhythmische
Figur bildete, die einem krampfhaften Niesanfall beim
Heuschnupfen ähnelte: „Fuck you! Fuck you!“
Nachdem Tarek diese Wörter von den hassverzehrten
Lippen seines Chefs las, haute die Erschütterung das
Gerüst seiner Sinne um. Er vertraute sein ergiebiges
Körpergewicht der Fensterbank an und schloss leidvoll
die Augen:
„Mann, bin ich dumm! Habe ich mir jetzt die Karriere
versaut? Zuviel gefragt? Oder sollte man den Schlauen
Max erst gar nicht erwähnen? Oh ne, Mann…“
Die vermeintliche Studentin im blauen Sari stand bereits
vor der halbgeöffneten Tür und grinste wie eine
indische Mona Lisa. Die gewaltigen schwarzen Pupillen
füllten fast restlos ihre Augen, was ihr feines Gesicht
ziemlich unheimlich, ja außerirdisch schön machte. Sie
blickte dem furchtdurchtränkten Steffan Kakathier in
die Augen und verschwand unbemerkt hinter der Wand.
„Fuck you!“, zischte er fast atemlos: „Fuck you…
Verfluchte Scheiße!“
Wie ein Asthmatiker nach einer Dosis Inhalierspray
atmete Tarek ein, nachdem er die Atemnot seines
Kollegen bemerkte, die er als ein Zeichen der göttlichen
Fügung verstand. Ein Zeichen der Chance, die ihm in
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der Not seines Lebenswendepunkts von dem
barmherzigen Schicksal zur Hilfe gesandt wurde:
„Hoffentlich fällt der Mistkerl wirklich um, und meine
Karriere ist gerettet...“
„Alles deutet auf einen Schlaganfall…“ –
diagnostizierte fieberhaft der angehende Mediziner –
„und zum Glück hatte es noch keiner bemerkt, also tue
man so als merke man’s auch nicht, denn noch ist es
keine unterlassene Hilfeleistung… Nur cool bleiben,
Mann: Die Fügung ist auf der Seite der Gerechten!“
Als Herr Kakathier bewusstlos auf die Knie hinter der
reizenden Studentensprecherin fiel, spürte diese seine
kaltfeuchten Lippen auf ihrem nackten Rücken und
dachte nicht lange nach. Aus dem Wutanfall einer
chronisch verkaterten Partygängerin heraus – „Du altes
Schwein!“ – reagierte sie instinktiv mit der geübten
Geste einer schlagfertigen Thai-Bo Anfängerin. Die
kurz zuvor auf den fest geglaubten Kartons mühsam
aufgebaute Musikanlage fiel auseinander, bewegt an
einem Kabel, das Herr Kakathier mit hinter die
Bierbank zog. Es donnerte schroff aus den Boxen und
wurde dunkel.
„Ein Attentat!“ – schrie jemand verzweifelt, worauf hin
sich mehrere Gäste ins Treppenhaus stürzten und eine
nach einem bewegenden Frauengespräch ohnehin
aufgebrachte Kollegin aus dem Fenster sprang.
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Für die seit einiger Zeit zunehmend ermattete Cornelia
Mummu-Palme bekam der Besuch einer Toilette
zusätzlichen Genuss. Hier konnte sie abschalten, zu sich
kommen. Das vermochte sie weder in ihrem Büro, das
mit dem Telefonterror der sich langweilenden
Kolleginnen nervte, noch an einem anderen Ort der
stark frequentierten Institutsräume. Auch in dem
großzügig angelegten Garten ließ sie sich nicht blicken:
zu viel Wohlwollen müsste dort vorgemacht werden.
Außerdem war ihr die frische Luft allzu fremd, und das
Muffige zu vertraut, um seiner Sicherheit leichtsinnig
entgehen zu wollen.
Als sie nun auf dem Klo saß und in der bunten
Wochenzeitung blätterte, solange ihr Körper die
dürftigen Reste der schwindenden Lebensenergie
mobilisierte, hörte sie die Menschenschreie. „Wat soll
dä Quatsch?“ – dachte sie und beschloss willentlich,
sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen: „Mäht nix!“
Als es immer aufdringlicher nach Verbranntem roch,
stand sie kurz auf, setzte sich aber wieder hin. Die
neulich erlernte Atemübung, verstärkt durch den
passenden Spruch sollte helfen, die Ruhe zu bewahren:
„Wat sagt dä Ausländer da? Enschallah!“
An dieser Stelle wurde es dunkel. Nach einem
Augenblick voller Zaudern schauerte es prasselnd von
der Decke und die vertraute Klobrille wurde entsetzlich
nass, kalt und seifig: „Oh jemine! Wat soll dä Quatsch?“
Durch den säuerlich schmeckenden Wassernebel
kapierte sie die Bedeutung der zuletzt gelesenen Zeilen:
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„Oh ne, meine Bank… meine Altersvorsorge!“ Der
Atem verließ ihre Brust, der nächste brachte Wasser
hinein, und als sie sich selbst lautlos Schreien hörte,
ergriff die Verzweiflung ihre Sinne. Am matten – durch
schäbiges Laternenlicht blau durchfeuchten – Klofenster
klebte ein Schatten: Zwei runde Flecken schienen
schwarz durch. Wäre sie noch bei Sinnen, fände sie es
seltsam, dass ausgerechnet schwarz durch das Glas
strahlen konnte.
Der lethargische Panikschub ertappte Tarek in einer
dunklen Ecke, in der er hustend und ächzend in die
dumpfe Finsternis starrte. Überspannt von Strapazen des
schicksalhaften Lebenswendepunkts, brummte er
fieberhaft: „Alles am Arsch!“ Dabei dachte er an
Agnieszka, die auf siegreiche Typen stand und Tarek
nur noch auf Kredit seines zukünftigen Erfolgs dran
ließ: „Sie geht doch fort… Scheiße! Was habe ich denn
verbrochen? Was falsch gemacht… Ich brauche Erfolg!
Ich muss neu anfangen…“ Die letzten Worte schrie er
in die dichten Schwaden des bereits hemmungslos
dampfenden Raums, der im Licht der bläulichen
Straßenlaterne einem höllischen Schwitzbad ähnelte,
und das Bewusstsein verließ ihn endgültig.
Wäre er weniger verzweifelt, könnte er einen
Augenblick davor eine feminin anmutende
Schattengestalt erblicken, die neben ihm hockte: ihre
riesigen Pupillen strahlten düstere Kälte, während sie
etwas Gräuliches sang, das einen kundigen Hörer an
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eine enigmatisch-hymnische Dark-Wave-Ballade
erinnert hätte. Vor ihr lag ein länglicher Gegenstand, der
ein gerollter Teppich sein könnte. Wäre Tarek noch
länger da und könnte er genau beobachten, würde ihm
klar, dass das Mädchen entgegen dem profanen
Eindruck gar keine Inderin war, und möglicherweise
überhaupt kein Mensch.
Max fuhr nach Hause, denn ihm war nicht nach der
zynischen Mummu-Fete. Er hörte die Sirenen, aber
seine Aufmerksamkeit waltete woanders. Es donnerte
kurz davor, doch es roch nicht nach Regen. Der staubige
Geschmack haftete an seiner Zunge. Auf direktem
Wege lief er in seine Stammkneipe, in der er Menschen
begegnete, die nichts über die Welt da draußen wissen
wollten. All die verhinderten Denker und Dichter – der
humane Abfall eines Systems, in dem bald jeder durch
jeden ersetzt werden sollte. Er wusste nicht, dass
„Bhagyalakshmi ihren Flickenteppich bereits eingerollt
hat.“ Wäre er am nächsten Morgen an einem
Zeitungsstand vorbei gelaufen, würden ihn die Titel
lokaler Zeitungen wundern. Denn in einer hieß es:
„Dummer Zufall fordert kluge Opfer!“ In der anderen
stand: „Ganzes Team tot! Keiner schuld?“. Die dritte
räsonierte: „Mysteriöses Forscher-Sterben: Mehrere
Zufälle mit fatalen Folgen.“
Nach mehreren Stunden im Labyrinth zerstreuter
Gedanken versank er in einem massiven ledernen Sessel
und schlief halbwegs ein…
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