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12	  —	  Lehrbuch	  für	  Lernen	  und	  Lehren	  mit	  Technologien	  (L3T)▸ Irler, W.J. (1992). Selbsterklärendes kausal...
Hypertext.	  Geschichte,	  Systeme,	  Strukturmerkmale	  und	  Werkzeuge	  —	  13▸ Stoll C. (1996). Die Wüste Internet, Fr...
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  1. 1. 2  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T)1. VorkommenZum Glück müssen wir heute nicht mehr über Ideen,Visionen oder Pläne reden, wenn wir erläuternwollen, was Hypertext ist. Wir sind eigentlich ständigdamit beschäftigt, einen Hypertext zu nutzen, wennwir im World Wide Web im Internet etwas lesen, Abbildung  2:  Screenshot  des  Wikipedia-­‐Artikelssuchen oder schreiben. „Hypertext“.  Quelle:  (Stand  09/2010)   Die meisten Websites basieren auf Hypertext. Der http://de.wikipedia.org/wiki/Hypertextbekannteste Hypertext ist vermutlich Wikipedia. DerIdee nach und historisch gesehen bestehen Hyper-texte aus elektronischen Texten, die in sich markierte Heute   werden   Hypertexte   mit   Hilfe   der   Auszeich-­‐Textstellen (Sprungadressen) enthalten, mit derenHilfe man von einem Begriff oder Absatz zu einem ! nungssprache   HTML   (HyperText   Markup   Language) auEereitet.   Mit   HTML   können   Texte   aber   nicht   nuranderen Begriff oder Absatz in demselben Text oder sHlisHsch   auEereitet   werden   (Zeichensätze,   SHle, Größen),   sondern   sie   können   auch   Sprungmarkenin einer anderen Textdatei „springen“ kann. Die Ver- („Anker“)   und   Sprungadressen   aufnehmen,   die   manbindung zwischen den Textstellen oder Dateien, der als   Links   oder   Hyperlinks   bezeichnet,   und   die   zu   an-­‐„Sprung“, wird mit dem englischen Begriff „Link“ deren  Texten  (als  Knoten  bezeichnet)  führen.  (Verknüpfung) bezeichnet. Die technische Reali-sierung war vor der Verfügbarkeit der Fenstersysteme Solche Sprungadressen können zu anderen Stellenund der Maus recht unterschiedlich. im selben Text, zu anderen Seiten derselben Website, zu Dateien oder gar zu anderen Websites führen.2. Ein  Beispiel   Links sind nicht auf Begriffe und Textstellen be-Im Wikipedia-Artikel zum Begriff Hypertext findet schränkt, sondern können heute auch von Bildernsich zu Beginn ein Inhaltsverzeichnis, das sieben Ein- und Filmen ausgehen oder zu Bildern und Filmenträge mit Links zu sieben Knoten anbietet, die durch führen. Zuständig für die Weiterentwicklung vonblaue Farbe als anklickbar herausgehoben werden: HTML ist heute das World Wide Web Consortium (W3C). Abbildung  1:  Screenshot  des  Wikipedia-­‐Artikels „Hypertext“.  Quelle:  (Stand  09/2010)   http://de.wikipedia.org/wiki/Hypertext Abbildung  3:  HTML-­‐Code  des  Kastens  „Inhaltsver-­‐ Klickt man mit der Maus auf die Zeile „3 Ge- zeichnis“  aus  Abbildung  1.  Quelle:  (Stand  09/2010)  schichte und Entwicklung“, so landet man bei fol- http://de.wikipedia.org/wiki/Hypertextgendem Text im selben Wikipedia-Artikel:
  2. 2. Hypertext.  Geschichte,  Systeme,  Strukturmerkmale  und  Werkzeuge  —  3 menting Human Intellect: A Conceptual3. Geschichte   Framework“, mit dem er das Ziel verfolgte, dieMemex Reichweite des menschlichen Denkens zu erweitern.Die Hypertext-Idee geht auf Vannevar Bush zurück. 1968 implementierte er am „Augmented Human In-Vannevar Bush, Berater von Präsident Roosevelt, be- tellect Research Center“ das System NLS Augmentschrieb 1945 als Memex eine Maschine zum Blättern (oN Line System) und erfand die Computer-Maus alsund Anfertigen von Notizen in riesigen Textmengen, Eingabegerät (Engelbart, 1988; Conklin, 1987, 22;die per Microfiche Annotationen und Kommentare Kuhlen 1991, 67ff; Gloor, 1990, 176ff; Nielsen, 1990,speichern sollte (das Konzept geht bis in die 1930er 34ff; Nielsen, 1995; 36ff).Jahre zurück; Nielsen, 1995, S. 33). Zum  VerHefen:   ! Hinweis:   Alle   im   Kapitel   erwähnte   Links   und   weitere sind   bei   Mister   Wong   in   der   L3T   Gruppe   mit   dem ! ▸ Die   Stanford   University   veröffentlicht   eine   Reihe historischer  Dokumente,  u.a.  auch  35  kleine  Filme Hashtag  #l3t  und  #hypertext  abgelegt.   zu   Doug   Engelbarts   Arbeit   am   Bildschirm (hbp://sloan.stanford.edu/mousesite/1968De-­‐ mo.html).   Zum   VerHefen:   Der   berühmt   gewordene   Aufsatz   „As ▸ Die   Sojware   PreservaHon   Site   unterhält   Quellen ! We   May   Think“   aus   dem   Magazin   „The   AtlanHc Monthly“   vom   Juli   1945   (Volume   176,   No.   1;   101-­‐108) zu  NLS  Augment  (vgl.  hbp://www.sojwarepreser-­‐ vaHon.org/projects/nlsproject/).   wird   vom   Magazin   im   Netz   angeboten   (hbp://www.-­‐ theatlanHc.  com/doc/194507/bush).   Augment kam bei der Luftfahrt-Firma McDonnel Douglas zu größerer Anwendung (Ziegfeld & Haw- Mit Memex hatte Bush eine Analogie zwischen kins et al., 1988). Es erwies sich dort als zunehmenddem „assoziativen“ Arbeiten des menschlichen Ge- wichtig, umfangreiche technische Dokumentationenhirns und dem assoziativen Vernetzen von Texten im mit ihren internen Relationen und Verweisen elektro-Auge. Heute finden sich viele Dokumente zu Bush nisch speichern zu können, zum Beispiel umfasste einim Internet mit den Originalzeichnungen des Memex Handbuch für Düsenflugzeuge 1988 circa 300.000und Fotos des von Bush 1931 entwickelten „Diffe- Blatt, wog 3.150 Pfund und nahm einen Raum vonrential Analyzer“, einer analog arbeitenden Maschine 68 Kubikfuß ein. Ventura (1988) berichtet, dass dasfür die Lösung von Differentialgleichungen. amerikanische Verteidigungsministerium allein fünf Millionen Blatt pro Jahr auswechseln musste (S. 111). Der Zugang zu Informationen, zum Beispiel zu Sammlungen von Photoagenturen, zu Dokumenta- tionen von Zeitungsverlagen, zu Gesetzesblättern, wurde derart schwierig, dass vermehrt Datenbanken eingeführt wurden, um die Informationen effektiver verwalten und leichter auffinden zu können. Xanadu   Fast gleichzeitig mit Engelbart entwickelte Ted Nelson (1967) das Hypertext-System Xanadu (die Xanadu Operating Company ist eine Filiale der Au- todesk, Inc.). Ihm wird die Erfindung des Begriffs Abbildung  4:  Der  Memex-­‐Tisch  von  Vannevar  Bush. „Hypertext“ zugeschrieben (Nielsen, 1995, 37ff), er Quelle:  http://web.mit.edu/mindell/www/analyzer.htm selbst nimmt dies für sich auf seiner Homepage auch in Anspruch (vgl. http://ted.hyperland.com/). DasNLS  Augment   im Internet eingerichtete Archiv enthält ein Do- kument, in dem der Begriff Hypertext vermutlichDie Vision von Bush fand Nachfolger (Bush, 1986; zum ersten Mal auftrat, 1965 in einer AnkündigungConklin, 1987, 20; Kuhlen, 1991, 66ff; Nielsen 1990, am Vassar College (vgl. http://xanadu.com/).31ff; Nielsen, 1995, 33ff). 1962 veröffentlichte Das Projekt Xanadu, das zum Ziel hatte, sämtlicheDouglas Engelbart am Stanford Research Institute Literatur der Welt zu vernetzen, wurde nie ganz reali-den Bericht über das SRI Project No. 3578 „Aug- siert. Nelson schwebte bereits eine Client-Server-
  3. 3. 4  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T)Konzeption mit nicht-lokalen Verknüpfungen wie Hervorhebungen im Text als Verknüpfungen. Her-heute im World Wide Web vor (Nelson, 1974; vorhebungen erscheinen in Fettdruck auf dem Bild-Ambron & Hooper, 1988; Conklin, 1987, 23; Kuhlen, schirm. Die puritanische Philosophie der Entwickler1991, 68ff; Nielsen, 1990, 35ff). drückt sich in der sparsamen Verwendung von Ver- knüpfungen aus, die auf Überschriften beschränkt Zum   VerHefen:   Es   exisHert   neben   der   Homepage   des wurden: „We strongly believe that the use of the ar- ! Projekts   (hbp://xanadu.com/)   noch   eine   australische Variante  (hbp://xanadu.com.au/).   ticle titles as navigation landmarks is an important factor to limit the disorientation of the user in the database. It is only with caution that we introduced what we call opaque links or blind links (a link Die Distribution von Xanadu wurde für 1990 von where the highlighted word is not the title of the re-der „Xanadu Operating Company“ angekündigt ferred article), to satisfy what should remain as(Kuhlen, 1991, 71; Woodhead, 1991, 190ff). Berk special cases“ (Plaisant, 1991, 20). HyperTIES kennt(1991) beschreibt das Client-Server-Modell von nur unidirektionale Verknüpfungen, „because bidirec-Xanadu näher. tional links can be very confusing“ (S. 21).KMS   KMS Knowledge Systems’ KMS (1983) für SUN- Abbildung  5:  Ausschnitt  aus  HyperTIESund Apollo-Rechner (Akscyn & McCracken et al.,1988) ist eine Weiterentwicklung von dem frühen Hy-pertext-System ZOG (1972 und 1975; Robertson &McCracken et al. 1981) einer Entwicklung der Car-negie-Mellon University (Woodhead, 1991, 188ff).Über ZOG ist vermutlich die erste Dissertation zumThema Hypertext geschrieben worden (Mantei. 1982)Nielsen, 1995, 44ff). Von 1980 bis 1984 wurde mitZOG ein computerunterstütztes Managementsystemfür den mit Atomkraft angetriebenen FlugzeugträgerUSS Carl Vinson entwickelt (Akscyn & McCracken etal., 1988, 821). KMS wurde 1981 begonnen, weil einekommerzielle Version nachgefragt wurde. KMS istbereits ein verteiltes Multi-User-Hypertext-System(Yoder & Akscyn et al., 1989). Es basiert auf Der untere Bildschirmrand bietet einige BefehleRahmen, die Text, Grafik und Bilder in beliebiger für die Navigation (Vor, Zurück, Zum Beginn, Index,Kombination enthalten können, und deren Größe Beenden). Repräsentativ für das System ist dasauf maximal 1132 x 805 Pixel festgelegt ist. In KMS sowohl als Buch als auch als elektronischer Text aufsind die Modi der Autor/innen und der Leser/innen Diskette veröffentlichte „Hypertext Hands-On!“, dasnoch ungetrennt. Leser/innen können jederzeit Text 180 Aufsätze zum Thema umfasst (Shneiderman &editieren, neue Rahmen und Verknüpfungen anlegen, Kearsley, 1989) und den Leserinnen und Lesern einendie durch kleine grafische Symbole vor dem Text si- direkten Vergleich von Buch und Hypertext ermög-gnalisiert werden. KMS benutzt eine Maus mit drei licht (Nielsen, 1995, 45ff). Unter grafischen Fenster-Knöpfen, die neun verschiedene Funktionen gene- systemen entfaltet HyperTIES mehr grafische Fähig-rieren können. keiten, so zum Beispiel im dort zitierten Beispiel der Encyclopedia of Jewish Heritage (S. 157), das 3.000HyperTIES   Artikel und 10.000 Bilder auf einer Bildplatte um-Mit der Entwicklung von Ben Shneidermans Hy- fassen soll, sowie in der auf einer SUN erstellten An-perTIES wurde bereits 1983 an HyperTIES der Uni- wendung zum Hubble Space Telescope (s. Shnei-versity of Maryland begonnen. HyperTIES wurde ab derman, 1989, 120). Jedoch sind die Bilder nur als1987 von Cognetics Corporation weiterentwickelt Hintergrund unterlegt und nicht mit integrierten Ver-und vertrieben (Shneiderman et al., 1991). Hy- knüpfungen in die Hypertext-Umgebung eingelassenperTIES erscheint unter DOS als Textsystem mit al- (Plaisant, 1991). In der SUN-Version hat man sichphanumerischem Interface im typischen DOS-Zei- mit „tiled windows“ begnügt, weil man überlappendechensatz. Die Artikel fungieren als Knoten und die Fenster für Neulinge als zu schwierig betrachtete. Hy-
  4. 4. Hypertext.  Geschichte,  Systeme,  Strukturmerkmale  und  Werkzeuge  —  5perTIES folgt nach Aussage von Shneiderman der Intermedia  Metapher des Buchs oder der Enzyklopädie (S. 156), Intermedia (1985) von Andries van Dam und demvon der sich der Name TIES („The Electronic Ency- Institute for Research in Intermedia Information andclopedia System“) herleitet (Morariu & Shneiderman, Scholarship (IRIS) der Brown University ist bereits1986). Einen Überblick über HyperTIES gibt Plaisant ein System, das im Alltag einer Universität und in(1991). mehreren Fächern (Biologie, Englische Literatur) für die kooperative Entwicklung von Unterrichtsmate- Zum   VerHefen:   Das   Human   Computer   Lab   der   Uni-­‐ rialien und zum Lernen am Bildschirm eingesetzt ! versity   of   Maryland,   der   Ursprung   von   HyperTIES, bietet   historische   InformaHonen   zu   seinem   Produkt wird. Yankelovich et al. (1985) schildern die Ent- wicklung, die elektronische Dokumentensysteme an an  (hbp://www.cs.umd.edu/hcil/hyperHes/).   der Brown University genommen haben. Nach dem rein textorientierten System FRESS (1968; vgl. Nielsen, 1995, 40) und dem Electronic Document Obwohl das Autorentool bereits einige Aspekte System, das bereits Bilder und grafische Repräsenta-der automatischen Konstruktion von Hypertext er- tionen der Knoten-Struktur darstellen sowie Animati-leichterte, musste Shneiderman die Buchseiten noch onssequenzen spielen konnte, und BALSA (Brownmanuell setzen. Auch die Links im Text wurden Algorithm Simulator and Animator) wurde erst miteinzeln gesetzt und mussten nach Editiervorgängen, Intermedia ein echter Durchbruch erzielt. Yan-die den Text verkürzten oder verlängerten, manuell kelovich et al. (1988) beschreiben das System an-versetzt werden. In modernen Hypertext-Systemen schaulich anhand von 12 Bildschirmabbildungenhaften die Links am Text und müssen beim Editieren einer Sitzung. Intermedia besteht aus fünf inte-nicht mehr manuell gesetzt werden. grierten Editoren: InterText (ähnlich MacWrite), In- terPix (zum Zeigen von Bitmaps), InterDraw (ähnlichNoteCards   MacDraw), InterSpect (Darstellen und Rotieren drei-Xerox PARC’s NoteCards (1985) ist ein unter In- dimensionaler Objekte) und InterVal (Editor fürterLisp geschriebenes Mehrfenster-Hypertext-System, chronologische Zeitleisten). Zusätzlich können direktdas auf den mit hochauflösenden Bildschirmen aus- aus Intermedia heraus „Houghton-Mifflin’s Americangestatteten D-Maschinen von Xerox entwickelt Heritage Dictionary“ oder „Roget’s Thesaurus“ auf-wurde. Die kommerzielle Version von NoteCards gerufen werden. Intermedia operiert mit variablenwurde unter anderem auf Sun-Rechnern implemen- Fenstern als Basiseinheit. Alle Links sind bidirek-tiert. Sie ist bereits weiter verbreitet als die vorge- tionale Verknüpfungen von zwei Ankern. Intermedianannten Systeme, Xerox jedoch hat NoteCards nie arbeitet mit globalen und lokalen Maps als Ausgangs-vermarktet. NoteCards folgt, wie der Name sagt, der punkt für Browser, das WebView-Fenster stellt dieKartenmetapher. Jeder einzelne Knoten ist eine Da- Dokumente und die Links durch mit Linien ver-tenkarte, im Gegensatz zur ersten Version von Hy- bundene Mini-Icons dar (Conklin, 1987, 28ff; KuhlenperCard jedoch mit variablen Fenstern. Links be- 1991, 198ff; Gloor, 1990, 20ff, 59ff; Nielsen, 1995,ziehen sich auf Karten, sind aber an beliebigen 51ff).Stellen eingebettet, zusätzlich gibt es Browser, die wieStandardkarten funktionieren, und Dateiboxen, spe-zielle Karten, auf denen mehrere Karten zusammen- Abbildung  6:  Die  Anwendung  „Perseus“  realisiert  untergefasst werden können, die wie Menüs oder Listen Intermedia  oder Maps funktionieren (Halasz, 1988) DieBrowser-Karte stellt das Netz als grafischen Über-blick dar (Conklin, 1987, 27ff; Gloor, 1990, 22ff;Catlin & Smith, 1988; Woodhead, 1991, 189ff;Nielsen, 1995, 47ff). Halasz (1988) hatte noch siebenWünsche an NoteCards: Suchen und Anfragen, zu-sammengesetzte Strukturen, virtuelle Strukturen fürsich ändernde Informationen, Kalkulationen überHypermedia-Netze, Versionskontrolle, Unterstützungkollaborativer Arbeit, Erweiterbarkeit und Anpass-barkeit.
  5. 5. 6  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T) Intermedia Version 3.0 wurde anfangs kommer- immer wieder betont, obwohl Landow (1992a) sicherziell vertrieben. Aber diese Version lief nur unter Recht hat, wenn er HyperCard und Guide nur alsA/UX auf dem Macintosh (Woodhead, 1991, 181ff). „first approximations of hypertext“ bezeichnet, daDa dieses System nicht sehr häufig eingesetzt wurde, die eigentlichen Merkmale von Hypertext wie diefand Intermedia leider keine große Verbreitung Links in Form von durchsichtigen Schaltflächen (Be-(Nielsen, 1995, 51). Erfolgreiche kommerzielle dienknöpfen) über den Text gelegt werden mussten.Systeme sind aus diesen historischen Prototypen also 1989 realisierte David Jonassen in HyperCard einenicht geworden. Hypertext-Umgebung über das Thema Hypertext. Zum   VerHefen:   Die   Geschichte   von   Intermedia ! zeichnet   die   „Electronic   Library“   (hbp://elab.eserve-­‐ r.org/hfl0032.html).4. Erfolgreich  verbreitete  SystemeGuide  Erst Guide (1986) von OWL (Office WorkstationsLimited) ist das erste kommerziell erfolgreiche Hy-pertextsystem. Peter Brown hatte es bereits 1982 inEngland an der University of Kent begonnen.Nielsen meinte (1990, 42; 1995, 54ff), dass Guide den Abbildung  7:  Hypertext  realisiert  unter  HyperCard.Übergang von einem exotischen Forschungsprojekt Quelle:  Beispiel  aus  Jonassen,  1989.zu einer „Realen-Welt“-Anwendung markiere. Guidewurde von OWL zunächst für den Macintosh, späterauch für PCs entwickelt. Es orientiert sich am 5. Das  World  Wide  Web  und  die  Browserstrengsten von allen Systemen am Dokument. Guidestellt Textseiten zur Verfügung, auf denen Textstellen Viele Informationen und vor allem aktuelle Informa-als Verknüpfungen mit unterschiedlicher Bedeutung tionen bezieht man heute aus dem Internet selbst,markiert werden können. Über den Textstellen und dies mit Hilfe einer Software, die Hypertextenimmt der Cursor unterschiedliche Gestalt an und bzw. Texte, die mit HTML codiert wurden, lesenteilt den Benutzer/innen so die Existenz von Ver- kann. Diese Software wird als Webbrowser oderknüpfungen mit. Guide kennt drei Arten von Ver- kurz Browser bezeichnet. Bekannte Browser sind:knüpfungen: Springen zu einer anderen Stelle im Mosaic oder Netscape Navigator, Internet Explorer,selben oder in einem anderen Dokument, Öffnen Mozilla und Firefox, Safari, Opera und jüngst Googleeines Notizfensters oder -dialogs über dem aktuellen Chrome.Text sowie Ersetzen von Text durch kürzeren oderlängeren Text (Auffalten, Einfalten). In Version 2 Browser   sind   Sojwareprogramme,   die   heute   in   derwurde eine Skriptsprache für den Zugriff auf Bild-plattenspieler eingebaut. ! Lage  sind,  den  HTML-­‐Code  und  weitere  in  den  Text  in-­‐ korporierte   Designelemente   (css,   cascading   styles-­‐HyperCard   heets),   Programme   (QuickTime,   Flash)   und   Skript-­‐ sprachen   (zum   Beispiel   php)   zu   entziffern   und   in1987 erschien Bill Atkinsons HyperCard. Schon lesbare  und  grafisch  gestaltete  Seiten  zu  übersetzen.  vorher gab es gespannte Erwartungen. Conklin(1987) gab in seinem historischen Überblick über Hy- Timothy John Berners-Lee, der Ende derpertext-Systeme sogar das Gerücht weiter: „As this 1980er Jahre im Kernforschungszentrum CERN inarticle goes to press, there is news that Apple will der Schweiz arbeitete, schlug 1989 dem CERN einsoon have its own hypertext system, called Hyper- Projekt vor, das Computer verschiedener NetzwerkeCards“ (S. 32). Man darf wohl mit Recht behaupten, miteinander verbinden und kommunizieren lassendass keine andere Software, schon gar keine andere sollte. Das Konzept für das Metanetzwerk nutzte dieProgrammierumgebung, einen derart bedeutsamen Kommunikationsschnittstellen des Internet, zum Bei-Einfluss auf den Einsatz von Computern gehabt hat spiel HTTP als Protokoll und URL als eindeutigewie HyperCard. In der Literatur speziell zu Hypertext Adresse, und fußte auf der Idee von Hypertext, umwird die historische Bedeutung von HyperCard Links zwischen mehreren Rechnern und Seiten her-
  6. 6. Hypertext.  Geschichte,  Systeme,  Strukturmerkmale  und  Werkzeuge  —  7stellen zu können. Berners-Lee entwickelte dafür die schaften des Systems zu betonen. Möglicherweise istAuszeichnungssprache HTML und schuf dafür den der Standpunkt Nielsens (1995b) vernünftig, der alleersten Browser, den er „WorldWideWeb“ nannte und diese Systeme wegen ihres Konstruktionsprinzips alsder später dem gesamten Webserver-Netz innerhalb Hypertext bezeichnet, weil es keinen Sinn mache,des Internets den Namen geben sollte. Damit begann einen speziellen Begriff für Nur-Text-Systeme übrigab etwa 1993 der Ursprung des World Wide Web zu behalten (S. 5).(WWW). Hypertext ist zuerst Text, ein Textobjekt, und nichts 1993 entwickelte Marc Andreessen den Browser anderes. Hypertext entsteht aus Text, indem demMosaic am National Center for Supercomputing Ap- Text eine Struktur aus Ankern und Verknüpfungenplications. 1994 gründete Andreessen die Firma übergelegt wird. Nun kann man diskutieren, ob be-Netscape die den rasch erfolgreichen Browser reits das Verhältnis der Textmodule ein nicht-linearesNetscape Navigator entwickelte. ist oder ob Nicht-Linearität erst durch die Verknüp- Seither wurden mehrere Browser entwickelt, und fungen konstituiert wird. Auf jeden Fall trifft die Ein-seitdem haben es alle anderen Applikationen leicht, schätzung von Nielsen (1995) zu , dass Hypertext einweil sie sich dieser Grundlagen des Internets und des echtes Computer-Phänomen ist, weil er nur aufWWW bedienen können und den Browser als einem Computer realisiert werden kann, während dieZugang zu ihren Leistungen nutzen können. Auf meisten anderen Computer-Anwendungen ebensoderartigem Fundament bauen die Wikis auf, aber gut manuell erledigt werden können (S. 16). Landowauch die Weblogs und sogar die Lernplattformen. (1992b) erwähnt literarische Werke, die auf Papier ähnliche Strukturen verwirklicht haben. Ein Hy-6. Strukturmerkmale  von  Hypertext   pertext-System besteht aus Blöcken von Textob- Zum Hypertext-Konzept gibt es ausreichend Lite- jekten; diese Textblöcke stellen Knoten in einemratur (Kuhlen, 1991; Nielsen, 1995; Schulmeister, Gewebe oder Netz dar; durch rechnergesteuerte, pro-1995), und zu allen damit im Zusammenhang ste- grammierte Verknüpfungen, den Links, wird die Na-henden Begriffen finden sich in Wikipedia Stich- vigation von Knoten zu Knoten gemanagt, das soge-worte, die einen Artikel wie diesen eigentlich über- nannte „Browsing“. Landow weist auf analoge Vor-flüssig machen könnten. Die Funktion dieses Textes s t e l l u n g e n d e r französischen Strukturalistenbesteht daher mehr oder minder in der Zusammen- Roland Barthes, Michel Foucault und Jacques Derridastellung der historischen Fakten und der Diskussion hin, die sich sogar in ihrer Terminologie ähnlicherder Strukturmerkmale. Begriffe (Knoten, Verknüpfung, Netz) bedienten, wie Schoop und Glowalla (1992) unterscheiden struk- sie in der heutigen Hypertext-Technologie benutztturelle (nodes, links), operationale (browsing), me- werden (S. 1ff). Für die Konstitution des Netzes istdiale (Hypermedia) und visuelle Aspekte (Ikonizität, die Größe der als Knoten gesetzten Textblöcke, dieEffekte). Nicht-linearer Hypertext wird auch als „Granularität“ oder „Korngröße“ der Informations-nicht-linearer Text (Kuhlen, 1991) oder nicht-sequen- einheiten entscheidend. Am Beispiel einer KIOSK-tieller Text (Nielsen, 1995, 1) bezeichnet. Das Lesen Anwendung, die lediglich dem Abspielen von Film-eines Hypertexts ähnelt dem Wechsel zwischen Clips von einer Bildplatte dient, erläutert Nielsen,Buchtext, Fußnoten und Glossar: „Therefore hy- dass für ihn eine KIOSK-Anwendung kein Hypertextpertext is sometimes called the generalized ist, weil der Benutzer mit dem Video nicht intera-footnote“(S. 2). gieren kann, sobald es läuft. In dem Fall sei die Gra- nularität zu groß und gebe den Benutzern nicht das Gefühl, die Kontrolle über den Informationsraum zu Hypertext-­‐Systeme   bestehen   aus   Texten,   deren   ein-­‐ besitzen (S. 14). ! zelne   Elemente   (Begriffe,   Aussagen,   Sätze)   mit   an-­‐ deren  Texten  verknüpj  sind.   Für das Netz des Hypertexts hat Landow (1992b) die Begriffe Intertextualität und Intratextualität ge- prägt (38). Der Begriff Intertextualität (s.a. Lemke, Die Bezeichnung Hypertext spiegelt die histo- 1992) hat nun wiederum Sager (1995) zur Schöpfungrische Entstehung, es war zunächst tatsächlich an des Begriffs der Semiosphäre angeregt: „Die Semio-reine Textsysteme gedacht. Heute können Texte aber sphäre ist ein weltumspannendes Konglomerat be-auch mit Daten in einer Datenbank, mit Bildern, stehend aus Texten, Zeichensystemen und Symbol-Filmen, Ton und Musik verbunden werden. Deshalb komplexen, die, auch wenn sie weitgehend in sich ab-sprechen viele Autoren inzwischen von Hypermedia geschlossen sind, in ihrer Gesamtheit doch um-statt von Hypertext, um die Multimedia-Eigen- fassend systemhaft miteinander vernetzt und damit
  7. 7. 8  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T)kohärent, nichtlinear und sowohl denk- wie hand- informationeller Einheiten hilft das chunk-Konzeptlungsorientierend sind“ (S. 217). Sager berichtet über auch nicht entscheidend weiter“ (S. 87). Kuhlen ver-multimediale Hypertexte auf kunstgeschichtlichem weist auf Horn, der das Chunk-Konzept am konse-Gebiet, die über das Netz mit Videokameras in weit quentesten umgesetzt habe und vier Prinzipien fürentfernten Museen verbunden sind. Die Hypertext- die Unterteilung von Info-Blöcken unterscheide:Benutzer/innen können von ihrem Platz aus die Ka- „chunking principle, relevance principle, consistencymeras fernsteuern (geplant im Europäischen Muse- principle“ und „labeling principle“. „Aus dieserumsnetz). Sager erwähnt auch das Projekt „Piazza knappen Diskussion kognitiver Einheiten und derenVirtuale“ auf der Documenta 9, in dem per Live- kohäsiven Geschlossenheit läßt sich die Einsicht ab-Schaltung Fernsehzuschauer/innen Annotationen in leiten, daß weder Umfang noch Inhalt einer informa-einen Hypertext einbringen können. Auf diese Weise tionellen Einheit zwingend festgelegt werden kann“entstehen weltumspannende Räume, die über die An- (S. 88). Eine zu große Einteilung der Texteinheitenwendung hinausweisen und je nach Interesse der Be- kann das Hypertext-Prinzip Granularität konterka-nutzer andere Inhalte inkorporieren können (S. 224). rieren, d.h. der Benutzerin oder dem Benutzer wirdJe nach Art der Knoten und Verknüpfungen kann der dann gar nicht mehr deutlich, dass sie einen Hy-Zugriff auf Informationen in einem Hypertext frei pertext vor sich hat. Lowyck und Elen (1992)oder beschränkt sein (Lowyck & Elen, 1992, 139). In schildern diese Form drastisch so: „When largereiner offenen Umgebung treffen die Benutzer/innen pieces of information are given the hypermedia envi-alle Entscheidungen über den Zugang und die Navi- ronment is used as an integrated pageturner andgation, in einer geschlossenen Umgebung werden audio- or videoplayer. When hypermedia would bediese Entscheidungen vorab vom Designer getroffen. used instructionally a highly branched version of pro-In jedem Fall können sich zwischen den Vorstel- grammed instruction is offered. This kind of in-lungen der Benutzer/innen und denen des Designers struction does not stem from a cognitive but from aSpannungen ergeben. Aus der Konzeption der Text- behavioristic background“ (S. 142). Die Aufsplit-blöcke, ihrer Intertextualität, können semiotische terung in zu kleine Informationseinheiten kann ihrer-Muster resultieren (Lemke, 1992), die als Kunst- seits zu einer Atomisierung der Information führen,formen genutzt werden könnten. Die Diskussion was sich möglicherweise auf die kognitive Rezeptionüber semiotische oder narrative Strukturen von Hy- durch die Benutzer/innen auswirkt: Sie können keinepertexten ist aber erst ganz am Anfang. Thiel (1995) Zusammenhänge mehr entdecken, sie können nichtunterscheidet eine monologische Organisationsform „verstehen“.für Hypertexte von einer dialogischen Form (S. 45), Die verschiedenen Hypertext-Systeme fördern diedie eine Art Konversationsmodus für den interak- eine oder die andere Seite dieses Problems, sofern sietiven Dialog des Benutzers mit dem Hypertext eta- auf dem Datenbank-Konzept oder dem Karten-blieren könne, konzipiert durch Sprechakte oder Dia- prinzip beruhen (kleine Einheiten) oder die Organi-logskripte. sation in Dokumenten präferieren (größere Ein- heiten). Nicht immer ist die Basiseinheit der Knoten, Suchen  und  lesen  Sie  eine  Hypertext-­‐Erzählung  im  In-­‐ es kann auch Knoten kleinerer Größe innerhalb von ? ternet   und   diskuHeren   Sie,   ob   Hypertext   für   poeHsche Gabungen  geeignet  ist.  Zum  Beispiel  hier: Rahmen oder Fenstern geben, zum Beispiel ein Wort, ein Satz, ein Absatz, ein Bild. Diese Differenzierung ▸ hbp://www.netzliteratur.net/netzliteratur_theo-­‐ verweist auf eines der Grundprobleme von Hy- rie.php   ▸ hbp://www.eastgate.com/   pertext, das in der Hypertext-Terminologie als Problem der Granularität bezeichnet wird. Dass die Das  Buchprojekt  „Null“  welches  auch  gedruckt  wurde: ▸ hbp://www.literaturkriHk.de/public/rezensi-­‐ Granularität nicht leicht zu entscheiden ist (nach dem on.php?rez_id=3806 Motto „je kleiner desto besser“) zeigt eine Untersu- chung von Kreitzberg und Shneiderman (1988). Sie vergleichen in einem Lernexperiment zwei Hy- Bei der Segmentierung von Texten in Textblöcke pertext-Versionen, von denen die eine viele kleine,stellt sich die Frage, ob es eine „natürliche“ Ein- die andere wenige große Knoten aufweist. Zwarteilung der Textblöcke in Informationseinheiten gibt. kommen die Autoren in ihrer Untersuchung zu derDabei ist die Idee aufgetaucht, ob es gelingen könnte, Folgerung, dass die Version mit den kleinerenForm und Größe der Textblöcke als kognitive Ein- Knoten bessere Resultate zeitigt (gemessen durchheiten, sog. „Chunks of Knowledge“ zu definieren richtige Antworten auf Fragen zum Text in Multiple-(Kuhlen, 1991, 80ff): „Zur intensionalen Definition Choice-Tests), doch Nielsen (1995) macht plausibel,
  8. 8. Hypertext.  Geschichte,  Systeme,  Strukturmerkmale  und  Werkzeuge  —  9dass dieses Ergebnis wahrscheinlich von einer spezi- Kuhlen (1991) unterscheidet die Navigationsmittel inellen Eigenschaft von HyperTIES abhängig ist, die konventionelle Metainformationen und hypertextspe-nicht für andere Hypertext-Systeme gilt, denn Hy- zifische Orientierungs- und Navigationsmittel:perties ist eines der Hypertextsysteme, die zum ▸ konventionelle Metainformationen sind nicht-li-Anfang eines Artikels verlinken und nicht zu der neare Orientierungs- und Navigationsmittel, In-Stelle innerhalb des Artikels, an der sich die Infor- haltsverzeichnisse, Register und Glossare (134ff);mation befindet, auf die der Ausgangsknoten ver- ▸ hypertextspezifische Orientierungs- und Navigati-weisen soll. Aufgrund dieser Eigenschaft ist Hy- onsmittel sind grafische Übersichten („Browser“),perties besonders leicht handhabbar, wenn der Text vernetzte Ansichten („web views“), autorendefi-aus kleinen Knoten mit genau einem Thema besteht, nierte Übersichtsmittel, Pfade („paths/trails“), ge-so dass klar ist, worauf der Link verweist (S. 137ff.). führte Unterweisungen („guided tours“), „Back- Einer Zersplitterung kann durch intensive Kon- track“-Funktionen, Dialoghistorien, retrospektivetextualisierung der Chunks entgegengewirkt werden. grafische (individuelle) Übersichten, leserdefinierteDieser Weg wird bei Kuhlen (1991) an Beispielen aus Fixpunkte („book marks“), autorendefinierte Weg-Intermedia diskutiert (S. 200). Die Kontextuali- weiser („thumb tabs“), Markierung gelesener Be-sierung, die der Zersplitterung vorbeugen soll, muss reiche („breadcrumbs“) (S. 144ff).nicht nur wie in den Intermedia-Beispielen ausreichen Kontexten innerhalb des Systems bestehen, Zu den die Navigation unterstützenden Methodensondern kann auch durch den gesamten pädagogi- zählen neben den von Kuhlen recht vollständig auf-schen Kontext sichergestellt werden wie in den kon- geführten Mitteln noch kognitive Karten (Bieber &struktivistischen Experimenten zum kooperativen Wan, 1994); Edwards & Hardman, 1993, 91) und spe-Lernen in sozialen Situationen (Brown & Palincsar, zielle Mittel zur Verwaltung fest verdrahteter oder be-1989; Campione et al., 1992). nutzereigener Pfade (s.a. Gay & Mazur, 1991; s. Canter et al. (1985) unterscheiden fünf Navigati- Gloor, 1990) Bieber und Wan (1994) schlagenonsmethoden: Scannen, Browsen, Suchen, Explo- mehrere Formen des Backtracking vor, insbesondererieren, Wandern. McAleese (1993) unterscheidet die differenzieren sie die Rückverfolgung danach, ob dieNavigationsmethoden analog dem aus der Lernfor- Navigation durch einen Fensterwechsel oder durchschung bekannten Konzept des entdeckenden Anklicken eines Textankers durchgeführt wurde (zurLernens oder problemorientierten Lernens. Kuhlen Funktion des Backtracking Nielsen, 1995, 249ff;(1991) unterscheidet, eher in Anlehnung an die struk- Kuhlen, 1991, 156ff).turellen Eigenschaften von Hypertexten, folgendeFormen des Browsing (128ff): Rand   Spiro   hat   eine   neue   Homepage   mit   seinen   Auf-­‐▸ gerichtetes Browsing mit „Mitnahmeeffekt“,▸ gerichtetes Browsing mit „Serendipity“-Effekt, ? sätzen   zur   sog.   CogniHve   Flexibility   Theory   einge-­‐ richtet   (hbp://postgutenberg.typepad.com/newgu-­‐▸ ungerichtetes Browsing und tenbergrevoluHon/).   Suchen   Sie   sich   dort   einen   Text aus  (zum  Beispiel  Spiro  &  Jehng),  der  die  „Theorie  der▸ assoziatives Browsing. kogniHven   Flexibilität“   erklärt   und   diskuHeren   Sie, warum   Spiro   und   seine   Mitautoren   die   These   auf-­‐Die Klassifikation von Navigationsmethoden in Hy- stellen,  Hypertext  würde  sich  besonders  für  schlecht-­‐pertexten ist abhängig von der jeweiligen Interpreta- strukturierte   Wissensgebiete   eignen.   Begründen   Sie,tionsraster der Autorinnen und Autoren. Das Au- warum  Spiro  meint,  das  Lernen  mit  Hypertexten  solltegenmerk kann dabei auf der Hypertext-Struktur, den fortgeschribenen   Lernern   vorbehalten   bleiben   undangestrebten Lernmethoden oder auf Prozessen der eigne   sich   nicht   für   Anfänger.   Oder   widerlegen   SieArbeit liegen, die mit dem Hypertext-Werkzeug er- diese  Ansicht.ledigt werden sollen. Zwei Fragen ergeben sich Weiters   diskuHeren   Sie,   ob   es   sich   bei   der   CogniHvedaraus: Flexibility  Theory  um  eine  Theorie  handelt.▸ Wie wirken sich die unterschiedlichen Navigati- 7. Werkzeuge   onskonzepte auf die Gestaltung von Hypertext aus? Man sollte die Navigation in Hypertext-Umgebungen▸ Wie wirken sich die unterschiedlichen Navigati- nicht nur unter dem Aspekt ihrer Orientierungs- und onsmethoden auf die Lernenden aus? Interaktionsfunktion, sondern auch als aktive Form des Lernens und Arbeitens betrachten. Diese Per- spektive auf die Strukturelemente von Hypertext ist aus der Sicht des Benutzers oder Lesers möglicher-
  9. 9. 10  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T)weise die wichtigere: Für die Designer/innen stehen Es gibt bis heute keine Konventionen für die Dar-Nodes und Links im Vordergrund, für die Leser/in- stellung von Knoten und Verknüpfungen im Text.nen aber benutzereigene Pfade, Notizen, Annota- Einige Programme drucken sensible Textstellen fett,tionen. Diese Objekte der Struktur bieten ihnen eine so dass man „fett“ als Stil ansonsten im Text nichtChance für aktives Arbeiten und Produzieren mit Hy- mehr verwenden kann. Andere Programme wählenpertext. Unterstreichungen. Einige Programme umrahmen Als Mittel, die aktives Lernen und Arbeiten in Texte beim Anklicken, wieder andere invertieren aus-Hypertext unterstützen, gelten Notizbücher, In- gewählten Text.strumente zum Anlegen von eigenen Links und Es ist auffällig, dass Hypertext-Systeme sich mitPfaden und für die Konstruktion von eigenen kogni- Ikonen und Metaphern umgeben, die mehr odertiven Karten, integrierte Spreadsheets und der direkte minder konsistent kleine bildliche „Welten“ konstitu-Zugriff auf Datenbanken (zu Annotationen für In- ieren. Für Hypertext-Umgebungen werden in dertermedia s. Catlin et al., 1989). Neuwirth et al. (1995) Regel dem jeweiligen Thema adäquate Metaphern ge-haben die Möglichkeit für Annotationen in ihren wählt: Das Buch, das Lexikon, die chronologischePREP-Editor eingebaut. Etwas Ähnliches wie Anno- Zeitleiste, die Biographie, der Ort, das Abenteuer, dietationen sind Pop-Up-Felder oder Pop-Up-Fenster Maschine usw. Die Regeln der Benutzung durch denmit nur-lesbaren Informationen, die nur solange ge- Lernenden, die Navigation, richten sich dann nachöffnet bleiben, wie die Maustaste gedrückt gehalten der jeweiligen Metapher: „Blättern“ im Buch,wird (Nielsen, 1995, 142ff). Annotationen, die Be- „Wandern“ durch eine Landschaft.nutzer/innen selbst hinzufügen können, also Fenster An Vorschlägen zur Weiterentwicklung von Hy-für Notizen, können den aktiven Verarbeitungs- pertext zu Hybrid-Systemen mangelt es nicht. Sieprozess der Leser/innen unterstützen. Eine Alter- zielen auf die Mathematisierung der Navigation, dienative zu Annotationen sind Randnotizen oder Mar- Bildung semantischer Netze (Schnupp, 1992, 189),ginalien, die dem eigentlichen Textkorpus nichts hin- die tutorielle Begleitung durch Expertensysteme, diezufügen, wohl aber den Benutzerinnen und Be- Integration wissensbasierter Generierungstechnikennutzern zur Verfügung stehen. Das MUCH-Pro- (S. 192) und den Zugriff auf relationale Daten-gramm („Many Using and Creating Hypertext“) der banken. So schlagen Klar et al. (1992) computerlin-Universität Liverpool (Rada et al., 1993) bietet den guistische Textanalysen in Hypertext-Systemen vor;Lernenden sogar ein Instrument für die Anlage ei- Ruge und Schwarz (1990) suchen nach linguistisch-gener Thesauri. Für die Verknüpfung der Einträge semantischen Methoden zur Relationierung von Be-stehen den Studierenden Link-Typen wie „usedfor“, griffen; Irler (1992) befasst sich mit dem Einsatz von„narrower-than“ und „related“ zur Verfügung. Bayesian Belief Nets zur Satzgenerierung bis hin zur Die Strukturelemente eines Hypertexts nehmen automatischen „Generierung von Hypertextteilen aufvisuelle Qualitäten an, um sich vom Kontext der Basis einer formalen Darstellung“ (S. 115).deutlich zu unterscheiden und die Aufmerksamkeitdes Lesers erringen zu können, indem sie die Das   World   Wide   Web   mit   seiner   Hypertext-­‐StrukturStruktur, zum Beispiel Verbindungen und Knoten,dem Leser transparent machen. Dabei sind visuelle ? hat   in   wenigen   Jahren   eine   enorme   Entwicklung hinter  sich  gebracht  und  großen  Erfolg  bei  Nutzern  er-­‐Elemente der Benutzeroberfläche mit operationaler zielt.  Überlegen  Sie,  welche  pädagogisch-­‐didakHschenFunktion (Navigation) von funktionalen Bedienungs- Faktoren   möglicherweise   dafür   ausschlaggebend   ge-­‐ wesen  sind.aspekten zu unterscheiden. Kahn et al. (1995) er-heben am Beispiel einer Analyse von Intermedia undStorySpace derartige visuelle Signale zu den „drei Klar (1992), der Hypertext durch Experten-fundamentalen Elementen der visuellen Rhetorik“ systeme ergänzen will, folgert, dass „die formalenvon Hypertexten: „These three fundamental elements Wissensdarstellungen in Expertensystemen und dieare: informalen Präsentationen in Hypertexten sich▸ link presence (which must include link extent), sinnvoll ergänzen können“ (S. 44). Kibby und Mayes▸ link destination (which must include multiple des- (1993) wollen ihr Programm StrathTutor durch Simu- tinations), lation des menschlichen Gedächtnisses mit Attribut-▸ link mapping (which must display link and node und Mustervergleichen anreichern und kommen zu relationships)“ (S. 167). dem Schluss, dass dafür Parallelrechnersysteme ange- messener wären. Ob es sinnvoll ist, derartige Wege der Komplexitätserhöhung zu beschreiten, lässt sich
  10. 10. Hypertext.  Geschichte,  Systeme,  Strukturmerkmale  und  Werkzeuge  —  11zu einem Zeitpunkt kaum entscheiden, in dem bisher ▸ Ambron, S. & Hooper, K. (1998). Interactive Multimedia: Vi-nur wenige umfangreiche und inhaltlich sinnvolle Hy- sions of Multimedia for Developers, Educators and Infor-pertext-Anwendungen überhaupt bekannt sind. mation Providers, Redmond: Microsoft Press. ▸ Berk, H. (1991). Xanadu. In: E. Berk & J. Devlin (Hrsg.), Hy-8. Zur  weiteren  Entwicklung  von  Hypertext pertext/Hypermedia Handbook, New York: McGraw-Hill,Zur Zeit der Entstehung des World Wide Web im In- 524-528.ternet schien das Netz ein Lesemedium zu sein, in ▸ Berners-Lee, T. & Fischetti, M. (1999). Weaving the Web: Thedem nur wenige Protagonisten Inhalte produzieren Original Design and Ultimate Destiny of the World Wide Webwürden. Es gab die Befürchtung, dass alle vor 1988 by Its Inventor. Harper Collins. deutsch: Der Web-Report: dergedruckten Texte in Vergessenheit geraten würden. Schöpfer des World Wide Webs über das grenzenlose PotentialInzwischen ist durch die Digitalisierung älterer des Internets. München, Econ (1999).Schriften, vor allem dank der Initiative von Google, ▸ Bieber, M. & Wan, J. (1994). Backtracking in a Multiple-ein großer Teil älterer Publikationen digitalisiert Window Hypertext Environment. In: Proceedings of theworden. ECHT’94 European Conference on Hypermedia Technology, „Die Wüste Internet“, lautete der deutsche Titel Edinburgh: 158-166.des Buches von Clifford Stoll (1996; orig. „Silicon ▸ Brown, A.L. & Palingscsar, A.S. (1989). Guided, CooperativeSnake Oil“ 1995). Noch 1997 konnte Hartmut Learning and Individual Knowledge Acquisition. In: L.B.Winkler im Internet nur „ein Medium der Texte und Resnick (Hrsg.), Knowing, Learning, and Instruction. Essays inSchrift“ entdecken und musste folglich den „Hype Honor of Robert Glaser, Hillsdale: Lawrence Erlbaum Ass,um digitale Bilder und Multimedia“ als „Übergangs- 393-452.phänomen“ verkennen. Inzwischen ist das Internet ▸ Bush, V. (1945). As We May Think. In: Atlantic Monthly Julyein effizienter Träger für Bilder und Animationen, für 1945, 101-108. URL:Musik, Audio, Video und Film. Die Konvergenz der http://www.w3.org/History/1945/vbush/vbush-all.shtmlMedien ist keine bloße „historische Kompromiß- [2010-11-13]bildung“ (ebd.) mehr. Im Digitalen entsteht eine neue ▸ Campagnoni, F.R. & Ehrlich, K. (1989). Information Retrievalinteraktive Gestalt aus der Synthese aller Medien. Using a Hypertext-based Help System. In: ACM Transactions on Information Systems, 3, 7, 271-291. Denken   Sie   sich   ein   Lernexperiment   mit   einem   wis-­‐ ▸ Canter, D.; Rivers, R. & Storrs, G. (1985). Characterizing User ? senschajlichem   Inhalt   oder   Gegenstand   aus,   der   in Hypertext-­‐Form   verfasst   ist.   Überlegen   Sie,   ob   und Navigation Through Complex Data Structures. In: Behaviour and Information Technology, 2, 4, 93-102. wie   Sie   den   Lerneffekt   des   Experiments   nachweisen ▸ Catlin, T.J.O. & SMITH, K.E. (1998). Anchors for Shifting könnten. Tides: Designing a ‘seaworthy’ Hypermedia System. In: Procee- dings of the Online Information ’88 Conference London, 15- Es gibt zwar enorm leistungsfähige Suchma- 25.schinen, doch Ordnung und Transparenz werden ▸ Conklin, J. (1987). Hypertext: An Introduction and Survey. In:durch die Masse der Angebote und den Wildwuchs IEEE Computer, Sept. 20, 17-41.der Standards zugeschüttet, Ontologien, Metadaten ▸ Edwars, D.M. & Hardman, L. (1989). Lost in Hyperspace: Co-und Taxonomien hinken weit hinter den seit Jahrhun- gnitive Mapping and Navigation in a Hypertext Environment.derten gewachsenen Thesauri der Bibliotheken her. In: R. McAleese (Hrsg.), Hypertext: Theory into Practice,Das Internet versteht uns nicht, es ist nicht seman- Oxford: Intellect Books, 105-125.tisch, d.h. es kann nicht die Bedeutung von Aussagen ▸ Engelbart, D. (1988). The Augmented Knowledge Workshop.und Sätzen verstehen. Dennoch ist es unverzichtbar In: A. Goldberg (Hrsg.), A History of Personal Workstations,geworden. Wir warten auf die nächste Entwicklungs- Reading MA: Addison-Wesley, 187-236.stufe, die Tim Berners-Lee und eine Arbeitsgruppe ▸ Gay, G. & Mazur, F.E. (1991). Combining and Recombiningdes W3C unter dem Begriff „Semantic Web“ ange- Multimedia Story Elements. In: Journal of Computing inkündigt haben. Higher Education, 2, 2, 3-17. ▸ Gloor, P.A. (1990). Hypermedia-Anwendungsentwicklung.Literatur Eine Einführung mit HyperCard-Beispielen, Stuttgart:▸ Akscyn, R.; McCracken, D. & Yoder, E. (1988). KMS: A Distri- Teubner. buted Hypermedia System for Managing Knowledge in Orga- ▸ Halasz, F.G. (1988). Reflections on NoteCards: Seven Issues nizations. In: Communications of the ACM, 7, 31, 820-835. for the Next Generation of Hypermedia Systems. In: Commu- nications of the ACM, 31, 836-852.
  11. 11. 12  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T)▸ Irler, W.J. (1992). Selbsterklärendes kausales Netzwerk zur Hy- ▸ Morariu, J. & Shneiderman, B. (1986). Design and Research on pothesenüberprüfung im Hypertext. In: U. Glowalla & E. The Interactive Encyclopedia System (TIES). In: Proceedings Schoop (Hrsg.), Hypertext und Multimedia. Neue Wege in der of the 29th Conference of the Association for the Deve- computerunterstützten Aus- und Weiterbildung, Berlin/Hei- lopment of Computer Based Instructional Systems, 19-21. delberg: Springer, 108-117. ▸ Nelson, T.H. (1967). Getting It Out of Our System. In:▸ Jonassen, D.H. (1989). Hypertext/Hypermedia, Englewood Schecter, G. (Hrsg.), Information Retrieval: A Critical Review, Cliffs, NJ: Educational Technology Publications. Washington DC: Thompson Books, 191-210.▸ Jordan, D.S. & Russell, D.M. et. al. (1989). Facilitating the De- ▸ Nelson, T. (1974). 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