Die „Netzgeneration“ - Empirische Untersuchungen zur Mediennutzung bei Jugendlichen
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Kapitel des L3T Lehrbuch (http://l3t.eu)

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Die „Netzgeneration“ - Empirische Untersuchungen zur Mediennutzung bei Jugendlichen Die „Netzgeneration“ - Empirische Untersuchungen zur Mediennutzung bei Jugendlichen Document Transcript

  • Patricia  ArnoldDie „Netzgeneration“Empirische Untersuchungen zur Mediennutzung bei JugendlichenIn  diesem  Kapitel  wird  das  Konzept  der  „Netzgenera)on“  vorgestellt  und  kri)sch  beleuchtet.  Im  ersten  Ab-­‐schniE   werden   die   zentralen   Aussagen   der   Verfechterinnen   und   Verfechter   einer   „Netzgenera)on“   dar-­‐gelegt.   Im   zweiten   AbschniE   wird   die   Kri)k   an   diesem   Konzept   aufgeführt,   mit   dem   zentralen   Ergebnis,dass   die   Behauptung   der   Existenz   einer   „Netzgenera)on“   einer   wissenschaHlichen   Überprüfung   nichtstand  hält.  Das  Bild  der  „Netzgenera)on“, oder  sogenannter  „Digitaler  Eingeborener“  als  Bezeichnung  für  die  heu)gen  Kinder  und  Jugendlichen,  wurde  zwar  breit  rezipiert  und  hat  den  Diskurs  um  neue  Lern-­‐  undLehrformen  stark  beeinflusst,  muss  in  seiner  verallgemeinert-­‐pauschalen  Form  aber  als  Mythos  bezeichnetwerden.  Ein  Überblick  über  zentrale  Ergebnisse  empirischer  Studien  zum  Medien(nutzungs)verhalten  vonKindern  und  Jugendlichen  im  driEen  AbschniE  liefert  entsprechend  ein  sehr  viel  differenzierteres  Bild.  Imvierten   AbschniE   wird   aufgezeigt,   welche   Konsequenzen   diese   Ergebnisse   für   das   Bildungssystem   all-­‐gemein  und  für  das  Lehren  und  Lernen  mit  Technologien  im  Besonderen  haben,  jenseits  der  Pauschalfor-­‐derungen  der  Propagandisten  einer  „Netzgenera)on“.  Eine  Aufzählung  zentraler  Erkenntnisse  im  fünHenAbschniE  rundet  das  Kapitel  ab.Quelle:  Ingo  Bernhardt URL:  hEp://www.flickr.com/photos/spree2010/4930764896/  [2011-­‐01-­‐01] #netzgenera)on #ver)efung #theorieforschung Version  vom  1.  Februar  2011 Für  dieses  Kapitel  wird  noch  ein  Pate  gesucht, Jetzt Pate werden! mehr  Informa)onen  unter:  hEp://l3t.eu/patenschaH
  • 2  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T) Neben den zuvor skizzierten Grundaussagen wird1. Das  Konzept  einer  „Netzgenera3on“  –  zentrale  Aus-­‐ das Bild der „Netzgeneration“ zudem noch mitsagen   meist positiven Zuschreibungen an die KinderSeit mehr als zehn Jahren wird von verschiedenen und Jugendlichen auf der psychischen und sozialenAutoren das Konzept einer „Netzgeneration“ ge- Ebene dieser Generation verbunden. Tapscott (1997)prägt (zum Beispiel Tapscott, 1997, Prensky, 2001, beispielsweise beschreibt die Kinder der „Netzgene-Paloff & Pratt, 2003, Oblinger & Oblinger, 2005). ration“ als besonders neugierig und aufnahmefähig,Weitere Autoren greifen das Konzept im Zusam- offen gegenüber ethnischen Minoritäten und selbst-menhang mit eigenen Ausführungen zustimmend auf bewusster als frühere Generationen. Oblinger und(für eine ausführlichere Übersicht Schulmeister, 2009, Oblinger (2005) heben hervor, dass diese Kinder und36f). Die Begrifflichkeiten und die Verwendung des Jugendlichen schnelle Reaktionszeiten haben undKonzepts sind im Detail unterschiedlich, allen ge- diese auch von anderen erwarten, stärker visuell ori-meinsam sind jedoch die folgenden Thesen: entiert seien, Multitasking beherrschen würden, Inter-▸ Die derzeit aufwachsenden Kinder und Jugend- aktivität und Entdeckungen beim Lernen suchen. lichen haben ein weitgehend homogenes Medien- Wiederum andere interpretieren die Konsequenzen nutzungsverhalten, das sich grundlegend von dem des mediengeprägten Alltags weniger positiv und ver- der Generationen vor ihnen unterscheidet. muten Aufmerksamkeitsstörungen und andere ne-▸ Da sie in einer Zeit aufwachsen, die von einer gative Auswirkungen (zum Beispiel Opaschowski, weiten Verbreitung und Nutzung von digitalen 1999). Technologien gekennzeichnet ist, gehen sie selbst- Was ist nun dran am Bild der „Netzgeneration“? verständlich und kompetent mit den Technologien Auf welcher empirischen Basis beruht das Konzept? um. Deckt es sich mit den Ergebnissen aktueller Studien▸ Ihr Lernverhalten unterscheidet sich daher quali- zum Mediennutzungsverhalten von Kindern und Ju- tativ von dem anderer Generationen und stellt gendlichen? Die wissenschaftliche Debatte um den unser gesamtes Bildungssystem vor große Heraus- Wahrheitsgehalt des Konzepts der „Netzgeneration“ forderungen. ist Gegenstand des folgenden Abschnitts. 2. Mythos  „Netzgenera3on“  –  zentrale  Kri3kpunkte  amAm stärksten rezipiert wurde Marc Prensky (2001), Konzeptder die Thesen der „Netzgeneration“ zusätzlich mitdem plakativen Bild der „digitalen Eingeborenen“ Um das zentrale Ergebnis vorweg zu nehmen: die(engl. „digital natives“) für die heutigen Kinder und „Netzgeneration“ kann einer wissenschaftlichenJugendlichen bzw. den „digitalen Einwanderern“ Überprüfung nicht standhalten. Sie erweist sich bei(engl. „digital immigrants“) für die – älteren – Er- genauerer Betrachtung als unzulässige, stark über-wachsenen belegt: Die „digitalen Eingeborenen“ be- zeichnete Generalisierung der Eigenschaften ein-wegten sich mühelos und kompetent wie „Mutter- zelner Subgruppen heutiger Kinder und Jugendlichersprachler“ in einer digitalen Welt der Computer, Vi- (Bennett et al., 2007). Die Kritik am Konzept derdeospiele und Internettechnologien. Die „digitalen „Netzgeneration“ liegt dabei auf verschiedenenEinwanderer“ hingegen, ohne Computer und In- Ebenen. Im deutschsprachigen Raum hat sich Rolfternet aufgewachsen, würden zeitlebens „mit Schulmeister (2009) mit einer mehrfach aktualisiertenAkzent“ sprechen, d.h. im Umgang mit den digitalen Internet-Publikation detailliert der Kritik gewidmet.Technologien immer Anpassungsschwierigkeiten Im Wesentlichen werden folgende Punkte kritisierthaben und weniger kompetent agieren. Zur Unterfüt- (für eine detailliertere Darstellung der Kritikpunkteterung seines Bildes beruft Prensky sich zusätzlich Schulmeister, 2009):auf neurobiologische Erkenntnisse, die vermeintlich Empirische  Datengrundlage  fehlt  ergeben hätten, dass Kinder und Jugendliche heuteInformationen komplett anders verarbeiten und ihr Betrachtet man die empirische Basis der Kernaus-Gehirn sich daher bereits auch physisch verändert sagen des Konzepts der „Netzgeneration“, wirdhabe. schnell deutlich, dass die Aussagen nicht gemäß wis- Dieses zugegebenermaßen wirkmächtige Bild ist senschaftlicher Standards empirisch abgesichert sind.besonders häufig in der mediendidaktischen Dis- Die Beschreibungen basieren auf Einzelbeobach-kussion als Argument genutzt worden, digitale Tech- tungen und anekdotischer Evidenz, nutzen alsonologien, vor allem neue Webtechnologien, in Lehr- grundsätzlich nur sehr kleine Fallzahlen und beziehenund Lernsettings einzuführen. sich überwiegend auf die US-amerikanische weiße
  • Die  „Netzgenera)on“.  Empirische  Untersuchungen  zur  Mediennutzung  bei  Jugendlichen  —  3Mittelschicht. Die Ergebnisse können daher in keiner zur Komplexität menschlichen Handelns allgemeinWeise als repräsentativ für eine ganze Alterskohorte und der Medienaneignung im Speziellen (auch Buck-gesehen werden. Die Kernaussagen zur „Netzgene- ingham 2006).ration“ sind daher vielmehr unzulässige Verallgemei-nerungen. Das   Konzept   der   „Netzgenera)on“   hat   keine   empi-­‐Jugendliches   Mediennutzungsverhalten   ist   differen-­‐zierter   ! rische  Basis,  die  einer  wissenschaHlichen  Überprüfung stand   hält.   Das   Mediennutzungsverhalten   der   jün-­‐ geren   Genera)on   ist   wesentlich   diverser,   als   es   dasBetrachtet man den Mediengebrauch und die Me- Konzept  der  „Netzgenera)on“  nahe  legt.  In  der  Argu-­‐dienkompetenz differenzierter, ergibt sich ein anderes menta)on  zur  Begründung  der  „Netzgenera)on“  wirdBild: Die vermeintlich einheitliche „Netzgeneration“ die  Komplexität  menschlichen  Handelns  unzulässig  re-­‐ duziert:   es   scheint,   dass   Technologien   das   Handelnzerfällt in vielfältige Subgruppen, die ganz unter- der   Menschen   einsei)g   bes)mmen   könnten.   Im   Ge-­‐schiedliche Nutzungsgewohnheiten, Kenntnisse und gensatz   dazu   weiß   man   aber   aus   der   Sozialisa)onsfor-­‐Kompetenzen haben. Außerdem hebt die weite allge- schung,   dass   zahlreiche   soziokulturelle   Faktoren   dasmeine Verfügbarkeit digitaler Technologien nicht Mediennutzungsverhalten  beeinflussen  und  dass  Me-­‐zwangsläufig soziale Unterschiede auf (zum Bei- dienhandeln   immer   komplexes   soziales   Handeln   mitspielBMBF, 2010; Livingstone & Haddon, 2009, Technologien  ist,  die  ihrerseits  sozial  konstruiert  sind.Palfrey & Gasser, 2008). Aktuelle empirische Studienzum Medien(nutzungs)verhalten zeigen komplexere 3. Ergebnisse  empirischer  Studien  -­‐  ein  weitaus  diffe-­‐ renzierteres  Bild  Aufteilungen und belegen Unterschiede in Zugangund Nutzungsart in Abhängigkeit von soziokultu- Hier sollen vier neuere, repräsentative Studien heran-rellen Parametern (zum Beispiel EU Kids Online, gezogen werden, um die Diversität innerhalb der Me-2009; JIM-Studie, 2009; ARD/ZDF-Onlinestudie, diennutzung unter den Jüngeren zu belegen: EU Kids2009; Treumann et al., 2007) Die in repräsentativen Online (2009), JIM-Studie (2009), ARD/ZDF-Onli-empirischen Studien belegte Diversität des Medien- nestudie (2009) und die Studie zum Medienhandelnhandelns, der vorhandenen Kompetenzniveaus und Jugendlicher von Treumann et al. (2007). Dieseder Nutzungsarten wird in Abschnitt 3 skizziert. Studien beleuchten unterschiedliche Aspekte zum Medienhandeln und Mediennutzungsverhalten, unter-Argumenta3on  ist  von  technologischem  Determinismus scheiden sich in Anlage und Detailzielen und entspre-durchzogen   chend auch in den Ergebnissen. Sie belegen aberDie Verfechter der „Netzgeneration“, insbesondere dennoch deutlich, dass das Bild der „Netzgeneration“Prensky (2001), argumentieren, dass die behaupteten mit der pauschalen Vermutung eines einheitlichenFormen des Medienhandelns und der Eigenschaften und kompetenten Medienhandelns und einer eben-der Kinder und Jugendlichen der „Netzgeneration“ solchen Mediennutzung nicht aufrecht zu erhalten ist.unmittelbar aus dem Vorhandensein der digitalen ARD/ZDF-­‐Onlinestudie  2009Technologien und dem selbstverständlichen Umgangdamit resultieren. Hier scheint eine Argumentations- Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2009 zeigt zwar, dassfigur des technologischen Determinismus auf: die sich das Mediennutzungsverhalten der unter 30-Jäh-Technologien scheinen quasi unabhängig von den rigen stark vom dem der darüber liegenden Alters-handelnden Subjekten eine Kraft und eigenmächtige gruppen unterscheidet, aber dass die Gruppe derWirkung auf die Mitglieder der sogenannten „Netz- Unter-30-Jährigen dennoch mindestens in zwei ver-generation“ zu entfalten. Dass Mediennutzung immer schiedene Subgruppen zerfällt: Unter Rückgriff aufsoziales Handeln ist, das von verschiedenen soziokul- die Mediennutzertypologie der MNT-Justierungs-turellen Faktoren beeinflusst wird und in einem kom- studie 2006 werden die Subgruppen „Junge Wilde“plexen Zusammenspiel von Subjekt und Techno- und „Zielstrebige Trendsetter“ unterschieden, derenlogien entsteht, wird ignoriert. Damit werden alle Er- Medienhandeln in zahlreichen Bereichen Differenzenkenntnisse zu Sozialisationsprozessen einerseits und aufweist. Diese können durch verschiedene Be-zur sozialen Konstruiertheit von Technologien ande- dürfnis- und Interessenlagen, Bildungsniveaus und le-rerseits nicht berücksichtigt. Technologien scheinen bensweltliche Rahmenbedingungen erklärt werdenmenschliches Handeln eindimensional zu bestimmen. (Oehmichen & Schröter 2009). Es zeigen sich deut-Dieser Determinismus steht im krassen Widerspruch liche inhaltliche Unterschiede bei der Nutzung von Online-Informationsangeboten (zum Beispiel Nach- richtendienste: „Zielstrebige Trendsetter“ 51 % ge-
  • 4  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T) Abbildung  1:  Anteil  der  Internetnutzer/innen  unter  den  6-­‐  bis  17-­‐Jährigen  in  der  EU Quelle:  Eurobarometer  2005,  2008  nach  Livingstone  &  Haddon,  2009,  Sec.  1,  S.  6 Abbildung  2:  Inhaltliche  Verteilung  der  Internetnutzung  von  12-­‐  bis  19-­‐Jährigen  in  Deutschland  in  Prozent  (N=1.173) Quelle:  JIM-­‐Studie  2009  nach  Medienpädagogischer  Forschungsverbund  Südwest  (2009,  35) Abbildung  3:  Aktive  Nutzung  von  Onlineanwendungen  von  Internetnutzern  ab  14  Jahre  in  Deutschland   Quelle:  ARD/ZDF-­‐Onlinestudie  2009  nach  Oehmichen  &  Schröter  (2009,  448)genüber „Junge Wilden“ 37%), aber auch Diffe- setters gegenüber. Zugespitzt könnte man dem eherrenzen bei der aktiven Nutzung bestimmter Online- passiv-konsumistischen Mediennutzungsstil derAnwendungen wie zum Beispiel beruflicher Netz- Jungen Wilden einen aktiveren, Mitgestaltung ein-werke (Abb. 3). schließenden Stil der Zielstrebigen Trendsetter ge- Oehmichen und Schroeter (2009, 449) fassen die genüber stellen“.Unterschiede zwischen den Gruppierungen auf der JIM-­‐Studie  2009  Basis der ARD/ZDF-Onlinestudie wie folgt zu-sammen: „Dem eher bildmedien-, spaß- und unter- Auch die JIM-Studie zeigt im Bereich von Computer-haltungsorientierten Typus des Jungen Wilden steht und Internetnutzung ein differenziertes Gesamtbild:der rationaler gestimmte, erheblich breiter interes- Alter, Geschlecht und Bildungsgrad führen zu Unter-sierte MedienNutzerTyp des Zielstrebigen Trend-
  • Die  „Netzgenera)on“.  Empirische  Untersuchungen  zur  Mediennutzung  bei  Jugendlichen  —  5schieden im Nutzungsverhalten. Zum einen variiert 4. Konsequenzen  für  das  Lehren  und  Lernen  mit  Tech-­‐die Ausstattung bzw. der Zugang der Jugendlichen nologien  -­‐  Diversität  unterstützen  leicht je nach Bildungsniveau und Geschlecht: Das Bild der „Netzgeneration“ wurde zahlreich als Unterscheidet man zum Beispiel den Hauptzweck Begründung für neue Lehr- und Lernsettings mitder jugendlichen Internetnutzung, zeigen sich klare Technologien genutzt. Was bedeutet die Erkenntnis,Differenzen zwischen Mädchen und Jungen: „Jungen dass die generalisierende Annahme einer einheitlichund junge Männer verwenden jede vierte Minute im kompetenten jüngeren Mediennutzergeneration nichtInternet auf Spiele, bei den Mädchen und jungen der Realität entspricht, nun für das Lernen undFrauen ist es nur jede zwölfte. Dafür fällt bei den Lehren mit Technologien? Entfällt die Herausfor-weiblichen Internetnutzern der kommunikative derung für das Bildungssystem? Die Antwort ist ein-Anteil der Onlinenutzung um zehn Prozentpunkte deutig: Nein, die Herausforderung ist nur anders ge-höher aus“ (Medienpädagogischer Forschungs- lagert. Sie besteht nicht wie Prensky und andere argu-verbund Südwest, 2009, 33) mentieren, in der Notwendigkeit digitale Medien in Lern- und Lehrarrangements zu integrieren, um denEU  Kids  Online  2009   medienkompetenten Jugendlichen passende Lehran-In der Studie EU Kids Online 2009 (Livingstone & gebote zu machen. Sie besteht vielmehr darin, die Di-Haddon, 2009) werden die Internetnutzung sowie die versität der Kinder und Jugendlichen auch in punctodadurch entstehenden Risiken für Kinder und Ju- Mediennutzung anzuerkennen und die unterschied-gendliche europaweit verglichen. Hier zeigen sich lichen Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, sozio-einmal erhebliche Unterschiede zwischen den ein- ökonomischer Status sowie Medienpräferenzen undzelnen Ländern, zum Beispiel in der Anzahl der In- vorhandene Medienkompetenzen in ihren unter-ternetnutzenden unter den 6- bis 17-Jährigen (siehe schiedlichen Ausprägungen bei der Einführung vonAbb. 1). Technologien in Unterricht und Lehre hinreichend zu Zusätzlich wurden zahlreiche Ungleichheiten in berücksichtigen und so passgenaue Angebote zu ent-Abhängigkeit von Alter, Geschlecht und sozioökono- wickeln. Für Jugendliche, die von Exklusion in dermischem Status festgestellt (vgl. auch Zimic, 2009). Mediengesellschaft bedroht sind, gilt es zusätzlich ge- eignete Fördersysteme zu entwickeln (BMBF, 2010).Studie  zum  Medienhandeln  Jugendlicher  von  Treumannet  al.  (2007)Auch diese Studie zum Medienhandeln kommt zu Diverse   empirische   Studien   zum   Mediennutzungsver-­‐einem ausdifferenzierten Gesamtbild: Generalisie- ! halten   von   Kindern   und   Jugendlichen   belegen   eine hohe  Mediennutzung  und  ebenso  einen  weit  verbrei-­‐rungen auf eine ganze Alterskohorte sind nach dieser teten   Umgang   mit   verschiedenen   InternetdienstenStudie ebenfalls nicht angebracht, Kompetenzen und unter  Kindern  und  Jugendlichen.  Sie  zeigen  aber  auchQualifikationen im Medienhandeln variieren er- erhebliche   Unterschiede   in   Nutzung   und   Gebrauchheblich. Die Studie legt das Medienkompetenzmodell auf:   Soziodemographische   Daten   wie   Geschlecht,   Bil-­‐von Dieter Baacke (1999) mit den Komponenten Me- dungsabschluss,   Einkommen   beeinflussen   Art   und Zweck   der   Nutzung   von   Medien   und   speziell   des   In-­‐dienkunde, Mediennutzung, Medienkritik und Me- ternets.   Eine   einheitliche   „Netzgenera)on“   belegendiengestaltung zugrunde, wobei die Studie sich nicht sie  eindeu)g  nicht.auf Computer- oder Internettechnologien be-schränkt, sondern klassische wie digitale Medien ein- 5. Zusammenfassung  der  zentralen  Erkenntnisse  bezieht. Die Unterschiede kommen u.a. in einer Ty-pologie zum Ausdruck, die sieben verschiedene Abschließend noch einmal eine ZusammenfassungTypen beinhaltet. Diese unterschieden sich hin- zentraler Erkenntnisse dieses Kapitels.sichtlich ihrer Medienpräferenzen, ihrer Medienkom- ▸ Zahlreiche Autor/innen behaupten, dass einepetenz in den verschiedenen Bereichen des Medien- jüngere Alterskohorte existiere, deren Mediennut-kompetenzmodells sowie ihren Nutzungsmotiven. zungsverhalten weitgehend einheitlich und unbe-Die Studie wählt folgende Kurzcharakterisierungen einflusst von soziodemographischen Faktoren istund gibt ihre prozentuale Verteilung unter den be- und die auf einem gleichsam hohen Medienkom-fragten Jugendlichen an: Bildungsorientierte (20,4%), petenzniveau agieren („Netzgeneration” bezie-Positionslose (20,3%), Konsum- (17,4%) bzw. Kom- hungsweise. „digitale Eingeborene“).munikationsorientierte (19,1%). Allrounder (12%), ▸ Diese Behauptung hat keine wissenschaftlich ab-Deprivierte (7,8%) sowie Gestalter (3,1%). gesicherte empirische Basis, sie ist aber dennoch
  • 6  —  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien  (L3T) stark rezipiert worden und vor allem als Argument Recherchieren   Sie   bei   einer   Publika)on,   die   das   Vor-­‐ für die Notwendigkeit des Lernens und Lehrens mit Technologien genutzt worden. ? handensein   einer   „Netzgenera)on”   propagiert,   die angegebene  empirische  Basis  sowie  die  Methode  der▸ Jüngere repräsentative empirische Studien zum Erkenntnisgewinnung.   Wird   ein   Forschungsdesign   er-­‐ Medienhandeln Jugendlicher zeigen ein weitaus kennbar?   Welche   Fallzahlen   werden   genannt?   Wird differenzierteres Bild. Medienkompetente Nutzer ein   einheitliches   und   systema)sches   Vorgehen   trans-­‐ parent  ausgewiesen?   in allen Bereichen von Medienkompetenz (Me- dienkunde, Nutzung, Kritik und Gestaltung) Literatur bilden bestenfalls eine Subgruppe unter vielen an- deren Gruppierungen. Diese Studien zeigen wei- ▸ Baacke, D. (1999). Medienkompetenz als zentrales Operati- terhin Abhängigkeiten des Medienhandelns von onsfeld von Projekten. In: D. Baacke (Hrsg.), Handbuch unterschiedlichen soziodemographischen Faktoren Medien, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 31-35. wie Alter, Geschlecht und sozioökonomischem ▸ Bennett, S.; Maton, K. & Kervin, L. (2007). The "digital na- Status auf. tives" debate: A critical review of the evidence. In: British▸ Die Herausforderung für das Bildungssystem be- Journal of Educational Technology, 39(5), 775-786. steht nicht darin, zwingend Lern- und Lehrformen ▸ Buckingham, D. (2000). After the death of childhood. Growing mit Technologien einführen zu müssen, sondern up in the age of electronic media. Malden: Blackwell Publishers bei ihrer Einführung die Diversität des Medien- Inc. handelns und der Kompetenzniveaus hinreichend ▸ Bundesministerium für Bildung und Forschung (2010). Kom- zu berücksichtigen und entsprechende Lern und- petenzen in einer digital geprägten Kultur. Medienbildung für Lehrarrangements zu gestalten, aber auch Förder- die Persönlichkeitsentwicklung, für die gesellschaftliche systeme bei Zugangs- oder grundsätzlichen Kom- Teilhabe und für die Entwicklung von ausbildungs- und Er- petenzproblemen zu konzipieren. werbsfähigkeit. Bielefeld: W. Bertelsmann. ▸ Livingstone, S. & Haddon, L. (2009). EU Kids Online: Final report. LSE. London: EU Kids Online.(EC Safer Internet Plus Programme Deliverable D6.5), URL: Weiterführende  Literatur  und  andere  Lernressourcen http://www2.lse.ac.uk/media@lse/research/EUKidsOnline/ ! ▸ Website  des  Medienpädagogischen  Forschungs-­‐ verbund  Südwest  mit  regelmäßigen,  aktuellen  em-­‐ EU%20Kids%20I/Reports/EUKidsOnlineFinalReport.pdf pirischen  Studien  zum  Mediennutzungsverhalten [15-11-2010]. von  Kindern  und  Jugendlichen ▸ Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2009). JIM hEp://www.mpfs.de/   2009. Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisstudie zum ▸ Blogeintrag   zum   Thema   von   Prof.   Dr.   Gabi Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. Reinmann   vom   20.09.2009   mit   einer   lebendigen ▸ Oblinger, D. & Oblinger, J. (2005). Is It Age or IT: First Steps Diskussion   durch   zahlreiche   Kommentare: Toward Understanding the Net Generation. In: Oblinger, D. & hEp://gabi-­‐reinmann.de/?tag=netzgenera)on   ▸ Weblog   „Netgenskep)c“   in   englischer   Sprache   mit Oblinger, J. (Hrsg.). Educating the Net Generation. Educause, zahlreichen   aktuellen   (kri)schen)   Beiträgen   zum URL: http://www.educause.edu/educatingthenetgen/ [15-11- Konzept  der  Netzgenera)on:  hEp://www.netgens-­‐ 2010]. kep)c.com/   ▸ Oehmichen, E. & Schröter, C. (2009). Zur Differenzierung des Medienhandelns der jungen Generation. Eine Analyse auf Basis der ARD/ZDF-Onlinestudie 2009. MEDIA PERSPEK- Recherchieren   Sie   im   Detail   die   Ergebnisse   einer   aktu-­‐ TIVEN, 8, 2009, URL: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/fi- ? ellen   empirischen   Studie   zum   Medienhandeln   von Kindern   und   Jugendlichen.   Halten   Sie   s)chwortar)g leadmin/Online09/Schroeter_Oehmichen.pdf [15-11-2010]. ▸ Palfrey, J. & Gasser, U. (2008). Generation Internet. Die Digital fest,   ▸ wie   das   methodische   Design   und   die   empirische Natives: Wie sie leben - Was sie denken - Wie sie arbeiten. Basis  beschrieben  werden  und München: Hanser Verlag. ▸ welche  Differenzierungen  im  Medienhandeln  bzw. ▸ Palloff, R. & Pratt, K. (2003). Virtual Student. A Profile and mit   Blick   auf   die   Medienkompetenz   herausgear-­‐ Guide to Working with Online Learners. San Francisco: Jossey- beitet  werden.   Bass. Tragen   Sie   Ihre   Ergebnisse   in   einer   Arbeitsgruppe   zu-­‐ ▸ Prensky, M. (2001). Digital Natives, Digital Immigrants. On the sammen  und  disku)eren  Sie  gemeinsam,  welche  Kon-­‐ Horizon NCB University Press, 9(5), URL: http://www.mar- sequenzen  die  Ergebnisse  für  die  Gestaltung  von  Lern-­‐ cprensky.com/writing/Prensky%20-%20Digital%20Natives, und   Lehrarrangements   haben   könnten.   Wählen   Sie %20Digital%20Immigrants%20-%20Part1.pdf [15-11-2010]. dabei   einen   konkreten   Praxiskontext   aus   einem   Bil-­‐ dungsbereich,  der  Sie  besonders  interessiert  
  • Die  „Netzgenera)on“.  Empirische  Untersuchungen  zur  Mediennutzung  bei  Jugendlichen  —  7▸ Schulmeister, R. (2009). Gibt es eine Net Generation? Erwei- ▸ Zimic, S. (2009). Not so ‚techno-savvy‘: Challenging the stereo- terte Version 3.0. Hamburg, URL: http://www.zhw.uni-ham- typical images of the ‚Net generation‘. Digital Culture & Edu- burg.de/uploads/schulmeister_net-generation_v3.pdf [15-11- cation, 1(2), 129-144. URL: http://www.digitalcultureandedu- 2010]. cation.com/cms/wp-▸ Tapscott, D. (1997). Growing Up Digital: The Rise of the Net content/uploads/2010/01/dce1020_zimic_2009.pdf [15-11- Generation. New York: McGraw-Hill. 2010].▸ Treumann, K.; Meister, D. M.; Sander, U.; Hagedorn, J. & Kämmerer, M. (2007). Medienhandeln Jugendlicher. Medien- nutzung und Medienkompetenz. Wiesbaden: VS Verlag für So- zialwissenschaften.