Anti-Mobbing: Mobbingprävention und Intervention in Mobbingfällen Copyleft: Die Vervielfältigung dieses Skriptums ist erwünscht. Vlatka Frketic: [email_address] Ildikó Naetar-Bakcsi: [email_address] Andreas Görg: [email_address] Wien, April 2008
Analyse von Mobbingsystemen/-potentialen
Woraus besteht ein Mobbingsystem/-potential?
Gesellschaftliche Druckmomente
Organisatorische Druckmomente
Managementfehler
Fokussierung von Angriffen auf Einzelne und Gruppen tendenziell entlang Vulnerabilität (Verletzbarkeit) und gesellschaftlich systematischen Diskriminierungsformen
Mobbing = historisch neue Form der Austragung (≠ Lösung) von lang andauernden, oft unsichtbaren, ev. verschobenen Konflikten im betrieblichen Alltag.
Analyse erforderlich sowohl für Prävention als auch für Intervention
Gesellschaftliche Druckmomente
Globalisierung (branchenspezifisch): Gesteigerter Profitdruck (seit neoliberaler Wende im Kapitalismus), Wirtschaftskrisen
Übergang zur Informationsgesellschaft
Systemwidersprüche (überfordernde Anforderungen, z.B. Beruf und Privatleben)
Arbeitslosigkeit, Erwerbschancenknappheit
Andere externe Ursachen
Organisatorische Druckmomente
Größere Umstrukturierungen
Unternehmensspaltungen, Fusion, Privatisierung,
Reorganisation, Standortwechsel,
Modernisierung,
Reduzierung/Aufstockung der Förderungen,
Änderung des Unternehmensprofils, Erweiterung/Reduzierung des Zielmarktes,
Outsourcing, Personalabbau o. Aufstockung,
neues Entlohnungssystem
Ergänzt von: Axel Esser, Martin Wolmerath (2005): Mobbing. Der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessensvertretung. Frankfurt a.M.
Managementfehler
Schlechte Personalpolitik: abrupt veränderte Arbetisabläufe, neue Teamzusammensetzung ohne Vorbereitung, mangelhaftes Bewertungssystem
Schlechtes Betriebsklima : Konflikte häufen und verhärten sich; Interessenvertretung funktioniert in erster Linie für Starke, Schwächere müssen sich zurückziehen
Schlechte Konfliktkultur : Konflikte und Spannungen werden heruntergespielt, verleugnet oder unterdrückt, da kaum Ressourcen für Konfliktabbau vorhanden sind, schlechte Reaktion auf Agressionen
Einzelne problematische Maßnahmen : Auch wenn Betriebsklima und die Arbeitsorganisation gut sind, gibt es z.B. Umbesetzung, Beförderung, höhere Einstufung, Zurückstufung, die Mobbing entfachen können.
Ergänzt von: Axel Esser, Martin Wolmerath (2005): Mobbing. Der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessensvertretung. Frankfurt a.M.
Antimobbing: Prävention
Voraussetzung: Analyse von Mobbingsystemen bzw. - potentialen
Prävention:
+ proaktive Minderung des Mobbingrisikos
+ Transparenz
+ Konfliktkultur
+ Aufbau von Interventionsstrukturen/ Institutionalisierung von Anti-Mobbing
Prävention : Proaktive Minderung des Mobbingrisikos
Mobbingpräventive/s Unternehmensleitbild und Unternehmenskultur entwickeln und breit diskutieren: Problembewusstsein fördern
Strukturanalyse der Organisation, Gemeinsames Anti-Mobbingprogramm mit allen Ebenen des Betriebes ausarbeiten, Interventionsstrukturen und Normen setzen
Vorschläge zur Verbesserung einzelner betrieblicher Abläufe (insb. Transparenz der Kommunikation) umsetzen und evaluieren
Regelmäßige kollektive und individuelle MitarbeiterInnengespräche (nicht ohne Begleitmaßnahmen) führen, Erfahrungen publik machen
Beschwerdewesen und Konfliktlösungsverfahren verbessern
Informationen über externe Anlaufstellen zur Verfügung stellen
Institutionalisierung von Anti-Mobbing und Anti-Diskriminierung
Prävention durch Transparenz bei Arbeitsabläufen und Entscheidungsprozessen
Beschreibung von Arbeitsplätzen und Tätigkeitsfeldern sowie des Organisationsgefüges, der Zuständigkeiten, Aufgaben und Verantwortlichkeiten
Transparenz und argumentative Nachvollziehbarkeit bei organisationsinternen Entscheidungsprozessen
Klare akzeptierte Bewertungs- und Beurteilungsnormen
Klare akzeptierte Aufstiegs- und Abstiegskriterien (transparente Ausschreibungen, usw.)
Prävention: Konfliktkultur
Konflikte und Widersprüche als positives Potential zur Verbesserung und Veränderung erkennen
Konflikte frühzeitig angehen und lösen, bevor sie akut werden und “einkrusten”, ansonsten Gefahr der Nicht- Erkennung, Verharmlosung, Verschiebung und Mobbingentwicklung
Ziel der Konfliktlösung: auf befriedigenden Ausgleich hinwirken statt Konflikte verschieben
Auf Fairness achten, Parteien gleiche Chancen geben, dh. Diskriminierungen ausgleichen
Konfliktregelungs- und Lösungsverfahren entwickeln bzw. einheitlich anwenden
Prävention durch Aufbau von Interventionsstrukturen Institutionalisierung von Anti-Mobbing und Anti-Diskriminierung
Konflikt- und/oder Mobbingbeauftragte (intern oder extern) bzw. Anlaufstelle für Mobbingbetroffene einrichten
Gleichstellungskommission als beständige parteiische Struktur für Interventionsmöglichkeiten aufbauen (≠ Betriebsrat)
Katalog von möglichen Interventionsinstrumentarien zusammenstellen
Ausarbeitung eines Frühwarnsystems: Monitoring von Krankenständen und Fluktuation bzw. Burnout-Symptomen
Kontaktaufnahme mit und Information von Betroffenen ermöglichen
Sonderfinanzierungen für die Einbeziehung von ExpertInnen in der Analyse und Ausarbeitung von Interventionen sichern
Pflicht der Berichterstattung zum Zwecke des Feedbacks und der Qualitätssicherung einführen
Veröffentlichung und breite Diskussion der jährlichen Berichte der Gleichstellungskommission im Unternehmen ermöglichen
Vortrag auf einer Betriebsratssitzung halten, ExpertInnen einladen
Broschüren im Betrieb auflegen
Infoabende über Mobbing im Betrieb organisieren
Filme zu Mobbing vorführen und diskutieren
Mobbing in Einzelgesprächen ansprechen
Beispiele sammeln, anonymisiert veröffentlichen und diskutieren
Interventionsmöglichkeiten diskutieren und ausarbeiten
Arbeitsgruppe Antimobbing gründen
Die von Mobbing betroffenen Personen in ihrem Berufsalltag unterstützen
Management unter Druck setzen (Fehlende Mobbingprävention = Managementfehler , insb. im Hinblick auf Informationsgesellschaft)
Antimobbing- und Gleichstellungsbeauftragte bzw. -kommission für Umsetzung von Interventionen installieren
Burnoutprävention
Aus: Axel Esser, Martin Wolmerath (2005 6 ): Mobbing. Der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessensvertretung. Frankfurt a.M. ergänzt
AntiMobbing: Intervention
Voraussetzung: Analyse von Mobbingsystemen bzw. - potentialen
Kollektive Intervention : => Situationsanalyse => Benennung des Geschehens als Mobbing (Outing) => Ausarbeitung kollektiver Strategien => Umsetzung kollektiver Strategien => Prävention gegen weitere Angriffe => Rückkoppelung, Messung des Erfolges, Evaluierung Individuelle Intervention : # Kooperation wieder herstellen # Angriffe zeitw. erdulden # Rückzug # Gegenmaßnahmen, Vergeltung
Leitfaden zur kollektiven Intervention
Analyse der Mobbingsysteme und -potentiale
Analyse der konkreten Ursachen und Angriffe
=> Situationsanalyse
Benennung des Geschehens als Mobbing (Outing)
Nachvollziehbarmachen der Mobbingmechanismen
=> Ausarbeitung kollektiver Strategien
Feldauswahl, Allianzenbildung, Aufbau einer ausreichenden Machtposition für kollektive Intervention
Machtintervention: Abstellen der Angriffe
=> Umsetzung kollektiver Strategien
=> Prävention gegen weitere Angriffe
Rückkoppelung, Messung des Erfolges, Evaluierung
Ausarbeitung kollektiver Strategien
Die strategischen Änderungen müssen sich auf den Umgang mit
gesellschaftlichen, organisatorischen Druckmomenten und Managementfehlern im Unternehmen beziehen.
Felder der kollektiven Interventionsstrategien sind:
+ Organisation der Arbeit
+ Gestaltung der Arbeit
+ Leitungsaufgaben
+ Unternehmenswerte
(erfordert Allianzen, insb. Mitziehen der Leitung)
Die Umsetzung der kollektiven Strategien mündet wiederum in die Prävention
Aus: Leyman, Heinz (2000, 1993): Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Reinbek bei Hamburg (ergänzt )
Umsetzung kollektiver Strategien auf Basis der Situationsanalyse
Maßnahmen gg Angriffe auf die Möglichkeit, sich mitzuteilen (Analyse u. Regulierung d. Kommunikationsabläufe)
Maßnahmen gegen Angriffe auf die sozialen Beziehungen (Analyse d. Gruppendynamik und Sicherung der Wertschätzung für alle Positionen)
Maßnahmen gegen Angriffe auf das soziale Ansehen (Erarbeitung und Umsetzung von Unternehmenswerten)
Maßnahmen gegen Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation (Analyse u. faire Gestaltung d. Bewertungs- u. Entlohnungssysteme, Förderung der Arbeitszufriedenheit)
Maßnahmen gegen Angriffe auf die Gesundheit (Analyse u. Verminderung d. Stressfaktoren)
Maßnahmen (ohne Bsp.) aus: Leyman, Heinz (2000, 1993): Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Reinbek bei Hamburg)
Individuelle Intervention
Arbeitsplatz erhalten, Kooperation wieder herstellen
<=> aktiver Widerstand, Allianzen bilden, in Verhandlungsposition kommen, verhandeln, klären => Machtposition ausbauen in Richtung kollektive Intervention (der Isolation entgehen, Prävention)
Arbeitsplatz halten, Angriffe aushalten
<=> Ignorieren, Nichtreaktion, passiver Widerstand, sich möglichst zurückziehen
Rückzug (bei Wahrung aller Ansprüche)
<=> neuen Job suchen, sich kündigen lassen (oder vorzeitiger Austritt), “gut aussteigen”
Gegenmaßnahmen, Vergeltung
<=> Kleinkrieg, Prozess(e)
Mobbing (im engeren Sinn) : KollegInnen mobben (typischerweise) wegen …
Konkurrenz, Eigeninteresse
<=> Achtung auf Transparenz und Regeln!
Überlastung/ Mehrbelastung/
<=> Änderung der Arbeitsorganisation
Unterforderung/ Fehlbesetzung
<=> Verbesserung beim Management, job enrichment
Bossing: Vorgesetzte mobben (typischerweise) wegen ..
Kosten-Einsparung
<=> Dienst nach Vorschrift, Krankenstand
Posten-Freimachen (Seilschaften)
<=> Verbündete suchen (Allianzenbildung)
Überlastung/ Mehrbelastung
<=> Schulung der MitarbeiterInnen
Staffing: MitarbeiterInnen mobben (typischerweise) wegen …
Leitungsfehlern und schlechter Organisation
<=> Schulung der Vorgesetzten, klarere Organisation der Arbeit
schlechtem Arbeitsklima
<=> Aufhebung der Stressfaktoren, Burnoutprophylaxe
Kollektive Intervention : * Erkennung d. Situation * Analyse d. Vorgefallenen * Benennung d. Geschehens * Entwicklung d. Strategie * Allianzbildung * Umsetzung d. Strategie * Rückkoppelung Individuelle Intervention : # Kooperation wieder herstellen # Angriffe zeitw. erdulden # Rückzug # Gegenmaßnahmen, Vergeltung
Danke für die Aufmerksamkeit!
Diese Präsentation
basiert auf der Theoriebildung zu Diskriminierung und Mobbing, die in den EQUAL-Projekten "open up - empowerment gegen Rassismen am Arbeitsmarkt" und "work in process (WIP) Migrantische Selbstorganisationen und Arbeit" in den Jahren 2002-2007 erarbeitet wurde. Im Besonderen gründet sich diese Präsentation einerseits auf die Arbeit von Vlatka Frketic und Andreas Görg im Rahmen des Projekts "MobStop" (2005-2007) und andererseits auf die Weiterentwicklungsarbeit von Ildikó Naetar-Bakcsi und Andreas Görg im Rahmen der "Seminarreihe Antidiskriminierung & Antimobbing", die von der GPA Interessensgemeinschaft work@migration ebenfalls seit 2005 organisiert wurde.
Mobbing
ist eine historisch neue Form der Austragung (≠ Lösung) von lang andauernden oft unsichtbaren ev. verschobenen Konflikten im betrieblichen Alltag. Mobbing bezeichnet einen Prozess von fortgesetzten Angriffen, deren Wirkung sich verstärkt je nach Dauer, Systematik und Gebundenheit an den Arbeitsplatz. Der andauernde Mobbingprozess kann eine Verschiebung der Machtverhältnisse zuungunsten der Angegriffenen bewirken. Er kann die Konflikte am Arbeitsplatz und das Arbeitsklima verschlechtern, Verunsicherung und Bedrohlichkeit auslösen, sowie die Verminderung der Widerstandsfähigkeit und die Vulnerabilität (Verletzbarkeit) steigern. Mobbing äußert sich in diversen Formen, wie: Bossing (von oben nach unten), Staffing (von unten nach oben) und Mobbing (im engeren Sinne zwischen formell Gleichrangigen).
Antimobbing
Um Mobbingfälle lösen bzw. ihnen vorbeugen zu können, sind diverse Präventions- und Interventionsstrategien erforderlich, in erster Linie auf der kollektiven Ebene und zum Schutz der Betroffenen auch auf der individuellen Ebene.
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