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  • KAPITEL2 DIE DARSlELLUNG ASENETIIS IN KURZ- UNO LANGlEXT 1m ersten Kapitel wurde dargesteUt, daB JosAs eine fiktive Erzahlung ist, die durch auBere Kriterien weder sieher datiert noch lokalisiert werden kann. Es ist daher notwendig, einen Zugang zu JosAs auf der literarischen Ebene zu suchen. Die Tatsache, daB JosAs in mehreren Textversionen vorliegt, kann, so meine These, einen Einblick in die antike Diskussion urn diesen Text gewahren. Anhand der beiden neuesten Rekonstruktionen, also des Kurztextes der Familie d (des etwas veranderten Texts von Philonenko) und des Langtextes der Familie b (des "Vorlaufigen Texts" von Burchard), die beide fUr sich den Anspruch erheben konnen, als altester erreichbarer Text zu gelten, soU deutlich gemacht werden, an welchen Themen und Formulierungen Kontroversen entstanden sind. Da nicht vorweg entschieden werden kann, welcher der beiden Texte der altere ist, werde ich versuchen, die Texte miteinander ins Gesprach zu bringen. In der Erzahlung JosAs steht eine Frau, namIich Aseneth von Heliopolis, die Tochter des Pentephres und seiner Frau, im Zentrum. Dieses Spezifikum, so werde ich im folgenden zeigen, stand bereits in der Antike im Zentrum des Interesses derer, die sich mit diesem Text beschaftigten. Die These, die es in diesem Kapitel zu iiberpriifen gilt, ist, daB sich der Kurztext und der Langtext gerade in der DarsteUung der Frau Aseneth signifikant unterscheiden. 1st dies zu erweisen, so ware damit nicht nur ein Bearbeitungskriteriurn bzw. -interesse ermittelt worden, das zu der Ent- stehung des zweiten oder auch beider Texte gefiihrt haben konnte, die Er- heUung einer antiken Diskussion urn das Frauenbild dieser Schrift ware auch ein Beitrag zur Erforschung der jiidisch-heUenistischen Kontroverse urn die RoUe der Frau in der Antike insgesamt. 1m folgenden werde ich die beiden Texte parallel untersuchen, vor allem die SteUen, an denen sich die Texte signifikant unterscheiden. Als Einstieg soU eine Ubersicht iiber Ort und Charakter der Hauptunterschiede gegeben werden (1.). Bevor ich dann mit der Untersuchung beginne, die im wesent- lichen dem Gang der Erzahlung folgen wird (3.-5.), miissen methodische V orilberlegungen iiber die Erhebung des Frauenbildes in einer antiken fiktiven Erzahlung angesteUt werden (2.). AbschlieBend wird die theolo- gische Frage nach dem Gottesbild in den beiden Texten gesondert untersucht werden (6.).
  • 50 KAPITEL2 1. DIE UNTERSCHIEDE ZWISCHEN KURZ- UND LANGTEXT Der Kurztext und der Langtext unterscheiden sich ZlUlachst deutlich im Umfang. 1 Auch wenn, wie ich bereits gezeigt habe, mit auBeren Kriterien nicht entschieden werden kann, welcher Text der altere ist, ist es in der Forschung unumstritten, daB beide Texte literarisch voneinander abhangen. Wenn im folgenden von 'Textauslassung' bzw. 'TextiiberschuB' die Rede ist, solI damit nicht ein Vorgang der Textbearbeitung, sondem lediglich der positive Sachverhalt beschrieben werden. Der Langtext, d.h. der Text der Familie b (VorlT Burchards) bietet also an zahlreichen Stellen mehr als der Kurztext, d.h. der Text der Familie d (philonenkos Text). Zu diesen Umfangsdifferenzen treten noch ca. 520 Anderungen in der Wortwahl hinzu. Dies kann z.B. im Wechsel von a.no und elC bestehen,2 oder nur im Wechsel von 'AcreviS und aUnl. Neben solchen geringfiigigen Unterschieden lliBt sich aber eine signifikant unter- schiedliche Wortwahl beider Texte beobachten, z.B. 15,717 elCAtnapetv/napalCaA£tV;3 16,17b/12 j3A.S1tBtV/SeOlpdv4 und 23,10/10 uiD<; 'to) Seo) npOl'tO'tolCoq'a.Ya.1tTl'tD<; 'tq> Seq>.' Die Bedeutung einer solchen Veranderung lliBt sich aber jeweils nur im Kontext beurteilen. Langere Lesarten finden sich fast nur im Langtext von JosAs. Der Kurztext liest lediglich 214 Malliinger, zum allergrofiten Teil nur urn ein Wort. Hin und wieder wird der Stil etwas verbessert, wie z.B. in 10,20(Ph) oder 21,8(Ph),6 manchmal wird ein Sinnabschnitt hinzugefiigt, wie z.B. 12,7(Ph) oder 23,9f(Ph) und besonders in 28,15f(Ph), wo sich auch der einzige vom Langtext nicht mitbezeugte vollst1indige Satz findet? 1S. obenKap. I Anm. 185. 2Das Verhaltnis von ano und 8K betrllgt im Kurztext insgesamt 36 zu 74 im Langtext 83 zu 101. Dies k6nnte angesiehts des Prozesses der Aufnahme von 8K in att6, der zur Zeit des Neuen Testaments bereits begonnen hat, filr die Datierung nieht uninteressant sein, ist aber angesiehts der Unsieherheit des Textbestandes im Detail kein sehr fundiertes Argument. Zurnindest ist die Verrnisehung nieht verwunderlieh (vgl. Blass/Debrunner, Paragraph 209). Die Vertausehung fmdet gegenseitig statt. Sechsmalliest der Kurztext filr EK im Langtext ano, zehnmal filr ano im Langtext 8K. 3 S. unten 6. 4 S. unten 4.3. , S. unten 6. 6 10,20(Ph) 1l1lliE OAox; YEUO'aIliVll 'tty&; statt 10,17(B): Ka c'ip-tOY OUK ecpa.YE Ka 00r0p OUK Eml:Y EY <EKl:iYalC;> 'tIlit; E1t'tCt TjpipatC; riic; 'tIl1tt:lVOOEox; aun;c;; 21,8(Ph): yeYDjJ£YIDY 'troy YUI-HOY Ka 'tOU &i1tVOU 't1:A.ea9ty·toC; statt 21,9(B): EytYI:'tO Il&'to. 'tIlUm. 7 Natilrlieh ist aueh bei den "Ubersehilssen" des Kurztextes erst bei der nllheren Untersuehung im Einzelnen zu kUlren, ob und inwiefern diese sirmver!lndernd wirken. Die bier aufgefilhrten Stellen sind lediglieh die, in denen ein SirmiibersehuB sogleieh ins Auge springt. In 12,7(Ph) wird Gott mit dem Bild einer Mutter besehrieben [vgl. das Vater-Kind-Bild in 12,8(B)]. In 23,9f(Ph) identifiziert der Kurztext den Sohn des Pharao als N!lehsten, dem niehts Sehlechtes anzutun ist [was urn so mehr auffi!llt, als der Langtext das 'N!lehster-sein' der S6hne der Magde mit ihrer ZugehOrigkeit rum Volk Israel verbindet (28, 14(B))]. In 28, 15(Ph) erkennt Levi Aseneths Rettungsaktion nieht nur ausdriieklieh an, sondern der ErzIIhler betont
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 51 Die groBten Differenzen allerdings entstehen durch W ortpassagen, .die lediglich im Langtext zu enthalten sind. Der Umfang dieser 'Uberschiisse' ist sehr unterschiedlich, wie auch der Charakter der Srucke. Zum einen finden sich fiber die gesamte Lange des Textes Hinzufiigungen von einzelnen Wortem oder Ausdriicken, sowie Wiederholungen von Satzteilen, was oft den Eindruck einer gewissen Umstandlichkeit hervorruft. 8 Lediglich kurze Abschnitte wie z.B. 3,4f15-8 (bis lCA.llPOv0J.1tac; iu.t(Ov) sind vollkommen identisch. Zurn anderen gibt es groBere Textpassagen, die lediglich im Langtext erhalten sind und zwar vor allem in Kapitel 10 bis 24 und 28. Die Tatsache, daB die langsten zusammenhiingenden 'Sonderlesarten' des Langtextes in Kapitel 1l,2-19(B) und 21,lO-21(B) zu finden sind, die anderen sozusagen mehrmals pro Kapitel in den Kurztext eingeschoben bzw. aus dem Langtext ausgelassen sind, zeigt noch einrnal, daB es sich beim Kurztext nicht urn einen zuflilligen Textschwund, wie er durch Blattverlust oder ahnliches hervorgerufen wird, handeln kann. Trotz der oben aufgefilhrten Differenzen stimmen beide Texte in den fibrigen Kapiteln und Passagen so weitgehend fiberein, daB die literarische Abhlingigkeit nicht bestritten werden kann. Innerhalb der textgeschichtlichen Entwicklung miissen, das zeigen bereits diese oberfl1ichlichen Beobachtungen, bewufite Rezensionen, d.h. kiirzende oder erweitemde Bearbeitungen stattgefunden haben.9 abschlieBend: "Und Aseneth rettete die Manner aus dem Zom ihrer Bruder, so daB sie sie nicht toteten." 8 Zur "Umstandlichkeit" vgl. z.B. 1,6(B) (zweimalige Wiederholung der uioi) oder 1,7(B) (Wiederholung des Subjekts der Rede als 6 uiex; au'mu 6 7tparto-roKO<;). Wiederholungen ge- hOren insgesamt rum Charakter beider Texte, also der Schrift. Das besondere Bemilhen des Langtextes ist dennoch deutlich zu spilren. Vgl. z.B. 3,1(B): BV 'tCji npo)'tCP 6't1ll 'tiiiv £7t'tCt B'tiiiv -rils BUElrjviac; ... Kal llv ouvaywv 'tOY o'i'tov 'tfjc; El)'tT1Vta<; -n;C; xropaC; BKElVT]C; mit 1,lf(B) [l,1.3(ph)]. lO,17(B): Kal lip'mv OUK 6<paYB Kal JOWl' OUK 6mBv mit lO,l(B) [lO,2(ph)], die viermalige Wiederholung des Ausdrucks: Bmi.'tacrm: 'tfi XBlPl 'to crn19oc; aU'tfjc; (7tUKviiic;) lO,l(B).lS(B); 1l,1b(B).lS(B) lim Kurztext nur lO,17(Ph)], den wiederholten Hinweis auf das zweite Gemach, in dem Aseneths Kleider sich befinden (14,12.14(B); 18,5(B) [jeweils ohne Kurztext]). Zum Stil von 10sAs allgemein und besonders des Langtextes vgl. Burchard, JSHRZ, 592-594. An einigen Stellen unterbricht der Langtext stllrker als der Kurztext den ErzahlfluB filr einige Detailbeobachtungen. Es entsteht, modem gesprochen, eine ,,zeitlupenperspektive", z.B. in 8,5(B); 11,lb(B); 20,5(B). Details an Aseneths Korper werden minutios beschrieben. In diese Kategorie sind wohl auch die bildhaften Beschreibungen besonders in der zweiten HlIlfte der Schrift einzuordnen, wie 18,3(B) 22,7-8(B). Vgl. hierzu unten 4.5. 9 Dec Einfachheit halber gehe ich hier mit Burchard von der Existenz eines Autor(inn)enwerks aus. Welche Schwierigkeiten entstehen konnten, wenn von einem Autor weitere vergessene Werke oder Mss. mit stark verllndertem Wortlaut auf'tauchten, hat eindrucksvoll Dieter Georgi, Die Aristoteles- und Theophrastausgabe, gezeigt. Georgi machte auch darauf aufinerksam, daB vermutlich von vielen philosophischen Werken mehrere unterschiedliche Fassungen yom Beginn der Uberlieferung an in Umlauf gebracht wurden, so daB man nicht notwendigerweise von der Existenz nur eines Urtextes ausgehen muB. Zur weiteren Diskussion dieses Problems, s. unten Kap. 3, 4.
  • 52 KAPITEL2 Einen ersten Hinweis auf den Charakter dieser Bearbeitungen geben be- reits die Passagen, die sich nur in einem Text finden. Die beiden Hingsten zusammenhlingenden StUcke, die lediglich im Langtext erhalten sind, sind zwei Monologe, ein Selbstgesprach und ein Silndenbekenntnis Aseneths in Kapitel 1l,2-19(B) und 21,lO-21(B). Der einzige vollstandige Satz des Kurztextes, den der Langtext nicht mitiiest, handelt von Aseneths Rettung der Sohne Silpas und Bilhas. Bei allen diesen UberschOssen geht es also wesentlich urn die Darstellung bzw. Charakterisierung Aseneths. Die Frage nach dem Frauenbild der beiden Texte ist somit nicht zufallig gewiihlt. Um die Strategien der Bearbeitungen zu erfassen, werde ich die Orte der Texte aufsuchen, an denen sie sich signifikant unterscheiden. Das in einem Text Erziihlte muJ3 erfaBt werden, urn dann den anderen Text daraufhin zu befcagen, wie und ob er das im ersten Text Geschilderte ebenfalls berichtet, oder ob hier Aspekte ausgelassen oder hinzugefugt werden und wie sich der Gesamtcharakter der Erziihlung bzw. die Gewichtung einzelner Aspekte durch dieses Mehr oder Weniger an Informationen verandert. Bevor ich in diese Untersuchung einsteige, sollen aber noch einige methodische Uber- legungen angestellt werden. 2. METHODISCHE VOROBERLEGUNGEN: DAS FRAUENBILD ALS ANALYTISCHE KATEGORIE Die Zuspitzung der Frage nach den Unterschieden zweier Textfassungen von JosAs auf die Frage nach den jeweils erzeugten Frauenbildern wurde zunachst an den Texten selbst entwickelt. Der Begriff ,,Frauenbild" wurde dabei in Anlehnung an das in der US-amerikanischen theologischen Frau- enforschung hiiufig verwendete Wort ,,image" (Bild, Abbild, Ebenbild, Vorstellung) gewiihlt. Die mit "The Image of... " uberschriebenen Unter- suchungen zielen auf die Erfassung der Geschlechterrollen in Texten, urn RuckschlOsse auf die soziale Wirklichkeit hinter den Texten zu ziehen. So schreibt Karen L. King in der von ihr herausgegebenen Anthologie The Images of the Feminine in Gnosticism: ,,Images of gender both reflect the social practice of men and women and playa role in shaping the gendered character of social reality. "10 Mit dieser sicher richtigen Feststellung hat King allerdings recht schnell den tiefen Graben ubersprungen, den die modeme Literaturwissenschaft zwischen fiktiven Texten und realen Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Lesem aufgedeckt hat. Aus fiktiven Texten kann, so betont die Litera- turwissenschaft, zumal wenn, wie im Falle JosAs, weder Autor noch hi- storischer Ort und Zeit aus auJ3eren, d.h. nicht dem Text immanenten, 10 Karen L. King, Images ofthe Feminine in Gnosticism, Editor's Foreword, XI.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 53 Informationen bekannt sind, lediglich auf den impliziten Autor,l1 seine Textgestaltung und damit auch den impliziten Leser geschlossen werden, nicht aber auf die realen Autorinnen und Autoren, oder Leserinnen und Leser.12 Will man dennoch etwas uber die historischen Bedingungen und die politischen und sozialen Implikationen eines fiktiven Textes wissen, bleiben zwei Verfahrensweisen ubrig. Zurn einen kann der Text eben auf den impliziten Autor und den impliziten Leser, d.h. das, was gelesen werden sollte und konnte, befragt werden. Allerdings ist dieses Verfahren fUr die Erforschung der Frauenbilder in JosAs m.E. allein nicht hinreichend. Denn im Gegensatz zu antiken Leserinnen und Lesem fehlt uns die Kompetenz, die diese als Partizipienten und Partizipientinnen der antiken Diskussion urn die Rolle der Frau batten. Daher miissen zum anderen Aussagen bzw. Darstellungsweisen der Texte auch mit anderen literarischen Texten, die sich mit Frauenbildem beschiiftigen, konfrontiert und so in die zeitgenossische Diskussion eingeordnet werden. Die Aufdeckung eben dieser Diskussion zwischen den Textfassungen von JosAs kann neue Quellen zur Frage nach der sozialen Wirklichkeit antiker Frauen erschlieBen, nicht indem man vom Text auf soziale Wirklichkeit einfach zurUckschlieBt, sondem indem man diese Texte als Teil der sozialen Wirklichkeit antiker judischer, ,,heidnischer" und jesusbewegter Frauen begreift. 11 Die Rede vom impliziten Autor solI den Unterschied zum realen Autor als historischer PersOnlichkeit betonen. 12 Was hier mit ,,moderner Literaturwissenschaft" benannt wini, ist seit dem Ende der sechziger Jahre in der biblischen Exegese mit dem im Deutschen nur schlecht wiederzugebenden Wort 'literary criticism' bezeichnet worden. In Abgrenzung zu den Fragestellungen der alteren Fonnkritik und Redaktionskritik meinen die der literary criticism verpflichteten Forscher und Forscherinnen, daB die Texte der Evangelien bzw. der Apostelgeschichte keine "windows" zur Wirklichkeit bieten, und daB man daher nicht hinter die Texte auf eventuelle Quellen und Gemeindetradtionen zurUckfragen kOnne. Die Texte blieben vielmehr ,,mirror", d.h. sie spiegeln (nur) die inhlirente Kommunikation zwischen dem im Text eingeschriebenen Autor (d.h. dem Autor oder der Autorin, der oder die sich allein aus dem Text als Ganzem erschlieBen laBt) und dem ebenfalls im Text eingeschriebenen Leser (d.h. dem Leser und der Leserin, von dem oder der angenommen werden kann, der implizite Autor habe ihn oder sie sich als Idealleser vorgestellt). Die Frage nach dem wirklichen Autor bzw. der Autorin und den wirklichen Lesem, Leserinnen bzw. HOrern und HOrerinnen ist daher laut literary criticism unzullissig (vgl. Norman Petersen, Literary CritiCism, besonders 9-23. Die Metaphern 'text as window/mirror' stammen von Murray Krieger). In den achtziger Jahren zentrierte sich die Fragerichtung der literary criticism allerdings allgemein auf die Frage nach dem Leser. In den Diversifizierungen der 'literary criticism', in 'narrative criticism', 'rhetorical criticism', Strukturalismus und Dekonstruktivismus, ist vor allem die Frage nach den jeweils gemeinten Lesem bzw. Leserinnen unlstritten. Neben den Anslltzen, die weiterhin strikt vom impliziten Leser ausgehen, d.h. die den Leser allein im Text eingeschrieben sehen, wie Strukturalismus und 'narrative criticism', haben sich andere Richtungen wie 'rhetorical criticism' und Dekonstruktivismus mehr der Frage nach dem Lesen von historischen bzw. zeitgenOssischen Lesem und Lerserinnen zugewendet. Wie im folgenden deutlich wird, liegt mein Interesse bei den historischen Leserinnen und Lesem.
  • 54 KAPITEL2 2.1 Zum literarischen Frauenbild Die Frage nach dem Bild einer Frau weist bereits auf den kiinstlichen Cha- rakter und die damit verbundene Beschrlinkung auf die literarische Ebene des hier Verhandelten hin. Die Erzahltextanalyse verwendet an dieser Stelle den Begriff "Figur", urn wie Manfred Pfister betont einer ... weitverbreiteten Tendenz, dramatische Figuren wie Personen oder Charaktere des realen Lebens zu diskutieren, schon tenninologisch entgegen- zuwirken und so die ontologische Differenz zwischen fiktiven Figuren und realen Charakteren zu betonen.13 Wie wird nun eine solche literarische Figur erzeugt? PfisterlLudwig unterscheiden unter den 'Techniken der Figurencharakterisierung' zunachst zwischen Figurenperspektive und Erzahlerperspektive. 14 Aus beiden Perspektiven konnen die in der Erziihlung beteiligten Figuren direkt oder indirekt charakterisiert werden. ,,Direkte Charakterisierungen erfolgen entweder figural durch Figurenrede oder auktorial durch Erzahlerkom- mentar. "IS Die Personen- bzw. Figurenrede kann entweder im Fremdkom- mentar oder im Eigenkommentar realisiert werden, in dem die Figur explizit ihr Selbstverstandnis darlegt, und hier wiederum entweder im mono- logischen oder dialogischen Eigenkommentar. Diese Selbstcharakterisie- rungen sind figurenperspektivisch gebrochen, konnen also ein falsches und verzerrtes Selbstverstandnis darlegen, das von den Rezipientinnen und Rezipienten durchschaut werden muB. In modemen Dramen und Erzahl- texten entsteht beim dialogischen Eigenkommentar noch ein weiterer Ver- zerrungsfaktor, der durch strategische Absichten, die die Figur ihrem Dia- logpartner gegenuber verfolgt, hinzutritt. In antiken Erzahlungen wie 10sAs ist dies sicher nicht so ausgepriigt, doch fallt auch hier das Arbeiten mit Spannungen, Millverstandnissen und Unwahrheiten auf (vgl. 7,8/11 mit 8,5-6/4-6; 4,7/8 mit 12,12/11 und 20,6- 7/5; 1,9/14 mit 23,3/4). 13 Manfred Pfister, Dos Drama, 221. Der Rekurs auf die Dramentheorie wird hier mit Hans-Werner Ludwig, Figur und Handlung, 106-144, untemommen. Die Erzahltextanalyse bzw. Romananalyse wie auch die narrative criticism konzentriert sich im Gefolge von Vladimir Propp und Algirdas 1. Greimas stark auf die Handlungs- und Settings-Untersuchung und sieht die Figuren vor allem durch die Handlungen charalcterisiert (vgl. auch Wilhelm Egger, Methodenlehre, 74-158, besonders 125f und Mark Allan Powell, What Is Narrative Criticism?, besonders 51-67). Dies ist sicher ein wesentlicher Aspekt. Jedoch eignet sich eine vomehmlich von der Handlungsstruktur ausgehende Untersuchung nicht fUr direkt voneinander literarisch abhllngige rexte. 1m folgenden schlieBe ich mich daher den von Ludwig und Pfister vorgeschlagenen Untersuchungskriterien der Figurencharakterisierung an. 14 Die Begrifflichkeit orientiert sich im folgenden an Ludwig, Figur und Handlung, 143f, der die von Pfister, Dos Drama, 251-264, vorgeschlagene Begriftlichkeit fUr die Erzahltextanalyse modifiziert. I' Ludwig, ebd., 144.
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 55 Der Fremdkommentar kann in erzahlenden Texten entweder durch Figurenkommentar oder durch Erzlihlerkommentar realisiert werden. Da in losAs ein "situationsuberlegener Erzlihler l6 auftritt",17 der nirgends als mithandelnd identifiziert wird, sind die von ihm vorgenommenen Charak- terisienmgen eindeutig als Aussageabsicht zu identifizieren. Figurenkom- mentare konnen dagegen Unwahrheiten ausdrUcken (vgl. 23,3/4). Neben diesen direkten Charakterisienmgen unterscheiden PfisterlLudwig noch die indirekten. Auch sie sind in erzahlenden Texten sprachlich realisiert. Hierzu gehOren Wohnraum und Besitz, Kleidung, physische Gestalt, realisierte Handlungsmoglichkeiten sowie auch sprachliche Eigenheiten der Figuren. Zu den auktorialen Charakterisienmgstechniken gehOrt auch der Name. Der Autor oder die Autorin kann z.B. durch die Verwendung eines sprechenden Namens wie z.B. Psyche (Apul. met. IV-VI) die entsprechende Figur bereits zu Beginn der Erzlihlung definieren oder durch die Verwen- dung eines interpretierenden Namens einen charakterisierenden Bezug zur Figur implizit andeuten. Namensetymologien sind in der Antike ein wich- tiges Forschungsgebiet, was besonders in den Werken des Philo von Alexandrien deutlich zutage tritt. Leider tellt er uns keine Etymologie fUr den Namen Aseneth mit,18 Drei verschiedene Wege zu einer Deutung des Namens Aseneth sind in der Forschung bisher beschritten worden. Philonenko und Slinger suchten eine Deutung unter Zuhilfenahme der agyptischen Etymologie des Namens. Aseneth bedeutet dann "die der Neith Angehorende" oder "Sitz der Neith" oder iihnliches. 19 Philonenko deutet den Namen Aseneth als Bild der Gottin und die Schrift selbst als Schlfissel- roman. 20 Slinger erblickt in der Namensgebung einen latent aggressiven Zug ... , der iigyptische GOtter, in diesem Fall speziell Neith depotenziert und fUr eigentlich rnachtlos erkliirt ... Die Tragerin des erhabenen gottlichen Namens, mit dem ein regelrechtes Besitzverhiiltnis angezeigt wird, 16 Der ErzlIhler von JosAs wird nirgends identifIziert. Daher ist ihm bzw. ihr auch kein be- stimrntes Geschlecht zuzuweisen. Wenn inI folgenden von "dem ErzlIhler" geredet wird, so inI- pliziert dies keine Entscheidung iiber das Geschlecht dieser ErzlIhlfigur. 17 Zur Bestimrnung der erzllhlenden Figur vgl. Cordula Kahrmann u.a., Erzahltextanalyse, 143-147. Der Standort des ErzlIhlers in JosAs ist genauer als Er-ErzlIhler zu beschreiben, der situationsiiberiegen aus einer AuBenposition erzllhlt. Sein Standpunkt zeigt sich nicht nur an der "Konstruktionsweise einzelner erzllhlter Details" und der darin ablesbaren ErzlIhleinstellung, sondem auch in den "expliziten Bewertungen inI ErzlIhlen iiber das ErzlIhlte" (ebd., 147), wie es in den ErzlIhlungen der Gedanken und Gefilhle Aseneths (z.B. 16,2(B).13(B)/ ohne Ph) gegeben ist. 18 Nach Som I 78 ist Aseneths Vater Pentephres als Priester der Sonnenstadt Priester des Geistes. 19 Sanger, Antikes Judentum, 59-60; ders, Bekehrung, 13-15; Philonenko, Joseph et Aseneth, 61f). 20 Ebd., 60-79.
  • 56 KAPITEL2 wendet sich von der ihr angestammten religiosen Uberliefenmg ab und dern Gott der Rebmer ZU. 21 Problematisch an dieser Namensdeutwlg sind m.E. die Voraussetzungen, die hier gesetzt werden miissen. V orauszusetzen ware nlimlich erstens, daB den antiken Leserinnen bzw. den antiken Lesem die Gottin Neith bekannt war und zweitens, daB sie diese Etymologie entschliisseln konnten. Letzteres ist nicht ganz unproblematisch, da Neith auf griechisch Nate umgeschrieben wird, was die wenigen erhaltenen theophoren Namen auch belegen. 22 Lediglich ein koptischer theophorer Name liest ... 69.23 Es ist also nicht zwanglaufig vorauszusetzen, daB griechisch sprechende Leserinnen und Leser den Namen 'Acrevs9 mit Nate identifizierten. Schwer zu beantworten ist auch die Frage nach der Bekanntheit der Gottin Neith. Bereits unter den Ptolemaem ging ihr EinfluB stark zuriick, so daB ihre Denkmiiler zum Bau Alexandriens verwendet wurden. Daher sind wohl auch relativ wenige theophore Namen mit Neith erhalten. Wie in den wenigen Papyri, so wird Neith auch in den literarischen Zeugnissen als Athene gedeutet und erkliirt. 24 Einen gewissen Bekanntheitsgrad fiber Sais und Esneh hinaus konnte Neith allerdings als Totengottin im Osiriskreis erlangt haben.25 1m Rahmen des jiidisch-hellenistischen Schrifttums ware eine ll.gyptische Etymologie ohnehin ungewohnlich. Philo z.B. geht bei seinen Etymologien vom Hebriiischen aus, wenn er Sara von i1irZ1 als herrschend deutet (Cher 41; Mut 77, Quaest in Gn 3,52; IV.122) oder Rahel als Blick der Entheiligung von t"n und ~~i (Congr 25). Zur Deutung zieht Philo auch den niiheren Kontext heran. So deutet er Rahel an anderen Stellen als Sinnlichkeit wegen ihres Sitzens auf den Gotzenbildem ihres Vaters (All II 46) oder wegen der Liebesapfel, die sie Lea gibt (post 135). IUdische Exegeten haben daher versucht, fUr den Namen Aseneth eine Etymologie aus dem Hebriiischen herzuleiten und eine Verbindung zwischen dem Namen Aseneth und Zutluchtsstadt (15,7a/6) zu finden. Kaufinann Kohler meint, daB der Name nlO~ durch eine Umstellung der Buchstaben auf oOl/O'l (fliehen) und om~ (Zuilucht) deutet 26 Louis Ginsberg erkliirt die Umbenennung Aseneths in Zuiluchtsstadt (15,7a/6) durch die Ahnlichkeit von nlO~ und mono lon bedeutet ,,kriiftig sein" und im Aramiiischen bedeutet ~lo'n sowohl "Starke" wie auch "befestigter Platz, 21 Bekehrung, 21. 22 llE'tEVTJS( (Dativ), 1lE'tE'tTL't1. (Dativ), N1'tTL'toc; (Genitiv) ptolemeische Zeit. Nl'tOt't1.C; aus der Zeit des Augustus sowie Nt'tEtpoc; aus der spllten Kaiserzeit (vgl. Adolf Rusch, Art. Neith, PRE 16/2 (1935), 2197) oder llEaj3ovaLEn,c; bzw. llE'tEvaLEn,c; U.Il. im Pap. Bruxelles (vgi. Joseph Vergote, Les Noms Propres, 13f(Nr. 66.78). 23 C')"Nee vgl. Gustav Heuser, Personennomen der Kopten, 61. 24 Vgl. Plut. Is. 9; 62 (nur an letzterer Stelle nennt Plutarch uberhaupt den Namen Neith). 25 Zum Ganzen Rusch, Art. Neith, PRE 16/2 (1935), 2188-2218. 26 Art. Asenath, JE 2 (1902),174.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETIfs 57 Zitadelle".27 Victor Aptowitzer leitet nlO~ von l'O~ (Ungliicksfall) abo Die Umbenennung Aseneths in Zufluchtsstadt (l5,7a/6) konnte dann auf nlOi1 zurUckzufilhren sein, in dem Aptowitzer die Wurzeln i10i1 (sich bergen) und lOi1 (aufbewahren) findet. 28 Zwar versuchen alle diese Autoren, durch die hebraischen Etymologien Argumente fUr ein hebraisches Original von JosAs zu gewinnen, doch ist die Annahme eines hebraischen Urtextes der Schrift fUr die Existenz hebraischer Etymologien nicht unbedingt notwendig, wie Philo zeigt. Vielmehr sind diese Etymologien traditionell. Aber der einzige antike Beleg fUr die Annahme dieser hebraischen Etymologie, die den Namen Aseneth mit der Deutung Zutluchtsstadt verbindet, ist die Namensdeutung des Hieronymos, der in seinem liber interpretation is hebraicorum nominum Aseneth mit ruina 1bersetzt. Die Riickfilhrung des Wortes Zutluchtsstadt auf ein hebraisches Wort, das an ,,Aseneth" anklingt, bleibt, wie oben gesehen, problematisch,29 Die dritte Moglichkeit, den Namen Aseneth zu deuten, ist eine grie- chische Etymologie, welche in einem koptischen Papyrus erhalten ist. 30 Aseneth wird hier als "die, die vom Tod gerettet wird" gedeutet. Oscar von Lemm halt dies fUr eine V olksetymologie aus IX und 9o.va't0<; also 'ASavaala. 31 Diese Deutung des Namens Aseneth ist allerdings wahr- scheinlich jiinger als die Schrift selbst. Es ist also durchaus moglich, daB es sich bei dem Namen Aseneth urn einen charakterisierenden Namen handelt. Die Umbenennung in 15,7aJ6 deutet zumindest darauf bin. Aber die Bedeutung des Namens Aseneth ist nicht mehr sicher zu erheben. FUr die hier unternommene Untersuchung ist lediglich davon auszugehen, daB der Name von den Autoren bzw. Autorin- nen nicht frei gewiihlt wurde, sondern in der Genesis bereits vorgegeben war. Nach den von Ludwig/Pfister entwickelten Kriterien entsteht also das Bild der Figur Aseneth beim Leser bzw. bei der Leserin durch die vom Erzahler vorgenommene Charakterisierung Aseneths, durch die Beschrei- bung ihres Wohnraums, ihrer Kleidung, durch die Handlungen, die er sie ausfiihren laBt, und im Langtext zusatzlich noch durch Aseneths Gedanken, die er dem Leser und der Leserin mitteilt. Hinzu treten noch Figurenkom- mentare iiber Aseneth, ihre eigenen Monologe, zu denen man auch die 27 The Legends Y, 374 Anm. 432. 28 Aptowitzer, Asenath, 280-281. 29 Ygl. Burchard, Untersuchungen, 92-95, der hier noch weitere Yersuche der Rllckfilhru:ng anfilhrt. 30 Walter M. Crum, Catalogue a/the Coptic Manuscripts, 12Of, Nr. 271, Zeile 1-3. 31 Koptische Miszellen I-VX; (V)143f.
  • 58 KAPITEL2 Gebete zahlen muB und ihre Dialoge. Dabei ist Aseneth in JosAs keine statische, sondem eine dynamische, sich entwickelnde Figur!2 Fiir das Bild, das sich eine Leserin und ein Leser von einer Figur machen, ist zudem die Figurenkonstellation entscheidend. Sie bestimmt sich aus der Zahl der Figuren einer Erzahlung und dem Anteil einer Figur am Text im Verhliltnis zu anderen Figuren. Wenn auch nicht direkt quantitativ, so bemessen sich hieran nicht nur die Wichtigkeit einer Person fUr den impliziten Autor und Leser, sondem auch die angelegten Identifizie- rungsmoglichkeiten. Neben dieser Frage der Figurenkonstellation ist im erzahlenden Text auch noch die Frage des eroffneten Blickwinkels, bzw. das, was der Leserin und dem Leser zu sehen ermoglicht (erzahlt) wird und was nicht, ent- scheidend. So schwenkt z.B., ubertragen gesprochen, in Kapitel 9 die Kamera zunachst auf die Abschiedsszene zwischen Pentephres und Joseph, urn dann Aseneth in den Blick zu nehmen. Was Joseph, Pentephres, oder seine Frau in den 8 Tagen zwischen Josephs erstem und zweitem Besuch bei Aseneth erleben, bleibt auBerhalb des Blickfelds. Daran, wie oft eine Figur in den Blickwinkel der Erzahlung kommt, sei es von der Erzahlinstanz oder aus der Sichtweise einer anderen erzahlten Figur, bemiJ3t sich ihre Wichtigkeit. Fiir eine Untersuchung des Bildes einer bestimmten Figur konnten nun alle diese Faktoren, also die indirekten Charakterisierungen, Besitz, Ver- fiigungs- und Bewegungsraurn, Wahrnehmungsmoglichkeiten etc. und die direkten Charakterisierungen durch Erzahler, in Dialogen und Monologen, in ihrer Entwicklung untersucht und eventuell mit einer anderen Figur verglichen werden. Fiir die vorliegende Untersuchung muB dieses Verfahren jedoch modifiziert werden. Durch die direkte literarische Abhangigkeit beider Texte sind die Handlungsverlaufe so ahnlich, daB bei einer in dieser Weise generalisierenden Untersuchung der Figur Aseneth die Unterschiede eher verwischt wiirden, als daB sie zu Tage zu traten. Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Nacherzahlungspraxis, die fUr eine solche Methode notwendig wiirde. Nacherzahlungen, die immer schon Interpretationen sind, verstarken die Gefahr der Verwischung, zumal auch nicht sicherzustellen ist, daB die in der Nacherzahlung einflieBenden Informationen nur aus einem Text und nicht aus einem Konglomerat beider en1standen sind. Daher wird im folgenden der Text an den Orten, an denen er sich deutlich unterscheidet, in Ubersetzung parallel gegenubergestellt und verglichen, wobei darauf zu achten ist, die jeweilige Passage in ihrem Gesamt- zusammenhang des jeweiligen Textes zu interpretieren. Um die Interpreta- 32 Zur Figurenk:onzeption vgl. Pfister, Das Drama, 240-247. DaB Aseneth eine sich ent- wickelnde Figur ist, wird nicht zuletzt an der zentralen Stellung, die der Begriff J.1S'tUVOlU (Bulle, Sinneswandel) im Ganzen einnimmt, deutlich.
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 59 tionsmoglicbkeiten der antiken Leserinnen und Leser in den Blick zu be- kommen, werden die Besonderheiten in der Darstellung Aseneths in beiden Textenjeweils in den Kontext der antiken Diskussion urn die Rolle der Frau gestellt. Bevor ich in die Untersuchung einsteigen kann, muB ich daher einige Eckpunkte dieser Diskussion aufzeigen. 2.2 Zur Frage nach antiken Frauenbildern Um das Frauenbild des Romans 10sAs aufzuzeigen und einzuordnen, ware es naheliegend, die Darstellung der Figur Aseneth mit den Frauenbildem antiker Liebesromane zu vergleichen. Ein soIches Verfahren ist jedoch an dieser Stelle aus zwei GrUnden nicht zweckdienlich. Erstens geht es in der folgenden Untersuchung urn die Uberpriifung der These, daB die beiden hier untersuchten Textfassungen sich gerade in dem von ihnen jeweils erzeugten Frauenbild unterscheiden. Ein Vergleich mit Frauenbildem des antiken Romans ware daher zu grob, urn die unterschiedliche Darstellung Aseneths in den beiden Texten zu erfassen. Zweitens sind die Frauenbilder antiker Romane bisher nur selten untersucht worden und zudem mit vollig kontraren Ergebnissen, so daB sie zunachst selbst in die antike Diskussion urn die Rolle der Frau eingeordnet werden miiBten. Im folgenden wird daher der Vergleich der Frauenbilder in 10sAs mit denen der antiken Romane zunachst zuriickgestellt33 und statt dessen ein Teil der antiken Diskussion urn die Rolle der Frau herangezogen werden, der bereits genauer untersucht wurde---die Oikonomia-Philosophie und ihre antiken Bestreitungen. Um die Darstellung der Frauenfiguren in 10sAs zu profilieren ist es notig, einige Eckpunkte dieser Diskussion vorab darzustellen und einen Kanon von sogenannter paganer wie auch jiidischer Literatur zusammenzustellen, die als Vergleichstexte herangezogen werden konnen. Das Geschlecht als soziale Konstruktion war gerade in der hellenistisch-romischen Zeit Gegenstand kontroverser Diskussion. Um es mit den Worten Wayne A. Meeks' zu sagen: If any generalization is permissible about the place of women in Hellenistic society of Roman imperial times, it is that the age brought in all places a heightened awareness of the differentiation of male and female. The traditional social roles were no longer taken for granted but debated, consciously violated by some, vigorously defended by others. While the general status of women had vastly and steadily improved over several centuries, the change brought in some circles a bitter reaction in the form of misogyny.34 FUr die antike Disskussion urn die Rolle der Frau soIl hier beispielhafi ein Typos von Literatur herangezogen werden, dessen Vorbild Xenophons 33 S. ooten Kap. 3, 5. 34 Meeks, The Image, 179. Vgl. auch zum Ganzen besonders Klaus Thraede, A"rger; Schottroff, Frauen in der Nachfolge, 91-100, und Sarah B. Pomeroy, Frauenleben, besonders 181-363.
  • 60 KAPITEL2 Oikonomikos war. 3S In einem Dialog zwischen Sokrates Wld Kritobulos stellt ersterer das seiner MeinWlg nach ideale Ehepaar Ischomachos Wld Aspasia vor Wld laBt Ischomachos berichten, was er seine sehr jWlge Wld vollig Wlerfahrene Frau gelehrt habe (VII.5f). Die Gottheit habe die Men- schen ihrer Natur nach so gescbaffen, daB die Frau schwach Wld angstlich sei, der Mann aber stark Wld mutig. Daher fielen dem Mann die Aufgaben au13erhalb des Hauses zu, der Frau aber die innerhalb, niimlich die W ollar- beiten, die EssenszubereitWlg Wld die KleinkinderziehWlg sowie die Be- aufsichtigoog der entsprechenden Sklavinnen Wld Sklaven (VII.22-26). Neben den AnweisWlgen liber die Fiihrung des gemeinsamen Haushalts verpflichtet der Hausherr, nach Xenophon, seine Frau auf seine Gotter (VILS) Wld warnt sie vor dem Tragen von Schmuck (X.2-13). Es ist die MeinWlg vertreten worden, Xenophon entwerfe in seinem Oikonomikos ein emanzipatorisches Frauenbild, da er die Frau zur AHein- verwalterin der innerhauslichen Angelegenheiten mache (VII.32-36, vgl. auch IX.14-1 7) Wld ihr die Moglichkeit einraume, sollte sie sich hierin dem Mann als liberlegen zeigen, ihn zu ihrem Gefolgsmann (gepa.1tcov) zu machen (VII.42).36 Jedoch mu13 man zwischen der WirkWlg dieser Schrift im Athen des 4. Jh. v. Chr. Wld ihrer WirkWlg auf die zahlreichen Re- zipientinnen Wld Rezipienten in den folgenden JahrhWlderten Wlterscheiden. In der romisch-hellenistischen Gesellschaft, in der besonders die Frauen der oberen Schichten, wie Aspasia, faktisch Wld rechtlich liber Besitz Wld Einflu13 auch in der Offentlichkeit verfiigten (s.u.), kann m.E. kaum noch von einem frauenemanzipatorischen Effekt dieser Schrift gesprochen werden. Xenophons Oikonomikos erfreute sich, neben dem peripatetischen ersten Buch der Oikonomia des Pseudo-Aristoteles, besonders seit dem 1. Jh. v. Chr. einer steigenden Beliebtheit. 37 Unter Riickgriff auf die Ansichten des Aristoteles Wld des Xenophon entstehen in den nachsten JahrhWlderten zahlreiche mit 1tBp1. OilCOVoJ.Liac; betitelte Schriften Wld Frauenspiegel. In 3S Die nach dem Vorbild Xenophons entwickelten ,,Haushaltslehren" bilden den Kontext vieler antiker AuBerungen fiber die Frau und werden daher hier zunllchst ausfilhrlich behandelt. Vgl. auch Thraede, A'rger, 62-69. 36 Vgl. z.B. Ernst Dassmann/Georg SchOllgen, Art. Haus II Hausgemeinschajt, RAC 13 (1986), besonders 823-25 und Pomeroy, The Persian King. Allerdings wird m.E. von den Autoren und Autorinnen fibersehen, daB Ischomachos seiner Frau keine Freiheit bei der Gestaltung des von ihr "beherrschten" Hauses einrllumt, sondern ihr sogar Anweisungen fiber die Ordnung gibt (8,1-9,10) und ihr den Schmuck verbietet. Der Frau stand nach athenischem Recht nach eventueller Scheidung oder dem Tod ihres Mannes auch kein Anteil an dem gemeinsam erwirtschafteten Besitt zu. Ihr KUP10<;, dh. ihr Vater, Bruder oder Sohn bzw. ein anderer mlinnlicher Verwandter erhielt die 1tpOu; (Mitgift) mit 18% Zinsgewinn zuruck (vgl. Hans Julius Wolff, Art. Upou;, PRE 23,1 (1957), 133-170). 37 Cicero fibersetzte das Werk ins Lateinische (vgl. off. IT 87 und Colum. xn praef. 7). Philodem schreibt ebenfalls im 1. Jh. v. Chr. einen polemischen Traktat mpl. OiKovofliac;.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 61 den okonomischen Schriften der Neupythagoraer Bryson und Kallikratidas38 sowie im ersten Buch der Oikonomia des Pseudo-Aristoteles39 wird dem Verhaltnis zwischen Mann und Frau als Herrschaftsform die Jlovapxta zugewiesen. 40 Der Mann soIl herrschen, die Frau muB beherrscht werden. 41 Gewamt wird daher vor der Heirat mit einer reichen Frau, die selbst die Herrschaft iibemehmen konnte. 42 Durch ihre Natur kommt der Frau zu, im Haus zu bleiben. 43 Der Mann solI eine junge, unerfahrene Frau heiraten und 38 Kallikratidas' Schrift nept OlKOl> £00a.11lOvias wird im folgenden nach der Ausgabe von Holgar Thesleff, The Pythagorean Texts, 102-107, nach Seiten und Zeilen zitiert. Brysons Oikonomikos, der vollstandig nur in arabischen Handschriften erhalten is!, nach der Obersetzung von Martin Plessner, Der Oikonomikos, 214-259, mit den dort angegebenen Kapitein und Paragraphen. Die Datierung der neupythagoraischen Schriften wird noch immer kontrovers diskutiert. Friedrich Wilhelm, Die Oeconomica, nahm das 2. Jh. n. ehr. als Entstehungszeit an. Thesleff, An Introduction, datierte sie ins 3. Jh. v. ehr. David L. Balch, Neopythagorean Moralists, votiert nach sorgfliltiger Analyse der Diskussion filr einen weiteren Zeitraurn urn die Zeitenwende. M.E. ist dem zuzustimmen, u.a. weil die Renaissance des Aristoteles nach Sulla ein bekanntes Faktum ist. 39 1m folgenden zitiert nach der Ausgabe von Ulrich Victor, [AristotelesJ OlKONOMIKOI, 87-105. Der Herausgeber mOchte die Schrift in die Nahe Aristoteles rilcken (vgl. besonders 167-175). Philodem von Gadara (1. Jh. v. ehr.), der aus diesem Werk zitiert, hielt Theophrast, den Nachfolger des Aristoteles, filr den Verfasser. 40 Pseudo-Aristot. oik. (1) 43al-4. 41 Kallikratidas, 105,6-106,17; 106,21-107,7 (Theslefl) behandelt besonders ausfilhrlich die zu wahlende Herrschaftsform des Mannes gegenllber der Frau. Vgl. auch Bryson ill 82; Hierokles bei Stob. IV 22.23 (Hense). 42 Kallikratidas 106,14-19; Bryson ill 85-89. 43 Vgl. Pseudo-Aristot. oik. (1) 43b26-44aS: "So ist von der Gottheit die Natur jedes einzeinen, des Mannes und der Frau, auf die Gemeinschaft hin angelegt: (Thre Naturen) sind n!im.l.ich dadurch voneinander unterschieden, dal3 ihre (jeweilige) Fahigkeit nicht in allen F!Illen demselben (Zweck) dient, sondem manches gegenslltzlichen (Zwecken), wenn es auch denselben (heiden gemeinsarnen Endzweck) anstrebt. Denn (die Gottheit) hat das eine starker, das andere schwllcher gemacht, damit das eine infolge seiner Furcht vorsichtiger, das andere aufgrund seiner Tapferkeit verteidigungsbereiter sei, und damit das eine die Angelegenheiten auBerhaib bestreite, das andere die im Haus besorge. Und in Hinsicht auf die Arbeit (hat die Gottheit) das eine flIhig zu einer sitzenden Lebensweise (gemacht), filr Aufenthalte im Freien aber (zu) schwach, das andere filr ruhige Tlitigkeiten ungeeigneter, filr mit Bewegung verbundene Tlitigkeiten aber kraftig" (Obers. Victor). Vgl. auch Bryson ill 75.80. Der Stoiker Hierokles (2. Jh. n. ehr.), der ebenfalls einen Oikonomikos und eine Schrift mit dem Titelnept ya,wl> geschrieben hat (vgl. Stob. IV 28.21 (Hense) und IV 22.21-24 (Hense» lOst die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Arbeiten im Haus und auBerhaib zunllchst scheinbar auf, wenn er die Arbeiten, die kOrperliche Kraft benOtigen, wie z.B. Schleifen, Teig kneten, Wolle schneiden, Wasser tragen, den Mlinnern zuordnet (IV.28.21 = 698,13-699,2 (Hense» und den Frauen Feldarbeiten in Gesellschaft ihres Mannes, wie Frilchte einsarnmein und Oliven pf1llcken, zuweist (ebd., 699,2-14). Dennoch betont auch er die traditionelle Arbeitsteilung (696,23-697,3), und die Frauen bleiben auch bei ihrn von Arbeiten in Hinsicht auf die Marktpilitze und in der Stadt (m nept m.; cXy~ Kat -riJv cX<rnJ1tOA.laV 697,1f), d.h. von der MOglichkeit zur politisch wirksarnen Tlitigkeit, ausgeschlossen. Zudem birgt diese neue Arbeitsverteilung keineswegs die AufiOsung des Verhaltnisses von Herrscher und Beherrschter zwischen Mann und Frau (IV.22.23), und auch Hierokles warnt vor der Heirat mit einer reichen Frau (4.22.24 (506,14-507,5». Was hier wie auch bei anderen Stoikem sichtbar winl, ist ein gewisser Sinn filr die praktische Wirklichkeit. S. auch unten.
  • 62 KAPITEL2 sie in ihren Aufgaben sowie im rechten Verhliltnis zu ibm unterweisen. 44 Hintergrund der okonomischen Schriften ist der Gedanke, daB ein Staat nur gut gedeiben kann, wenn seine kleinsten Einheiten, die Hauser (otKot), wohlgeordnet sind.45 Speziell mit Verhaltensregeln fUr die Frau beschaftigen sich in iihnlicher Weise Frauenspiegel, wie sie im ersten Kapitel des dritten Buches der Pseudo-aristotelischen Oikonomia46 und in den Schriften der Neu- pythagoraerinnen Periktione (1t£pl. yuvatKOc; CtpJ.loviac;) und Phintys (1t£pl. YUVatKOc; O"rocppocrUvac;) vorliegen.47 44Vgl. Pseudo-Aristot. oik. (I) 43a22-24; Kallikratidas, 107,4-11 (Thesleft); Bryson ill 84. 45 Vgl. bereits Aristot. pol. 1253b,1-14. Ebd., 1259a,37-1260b,35 wird das rechte Verhlll.tnis zwischen Hausherr und Frau als Herrscher und Beherrschte ausgefilhrt und aus der Natur der Geschlechter begriindet sowie die jeweiligen Tugenden der Geschlechter verhandelt. Neben dem Verhlll.tnis yom Hausherm zu seiner Frau behandeln die Oikonomia-Schriften traditioneller Weise auch sein Verhlll.tnis zu Sklaven, Kindem und Besitz. 46 Zitiert nach der Ausgabe von Franciscus Susemihl, Aristotelis qlUle feruntur oeconomica, 40-63. Die auffilllige Verwandtschaft zwischen diesem dritten Buch der Oikonomia des Pseudo-Aristoteles und Plutarchs Coniugal Precepts (mor. 138B-146A) hat bereits Karl Praechter, HierokJes der Stoiker, 131-137, herausgestellt. Die Weiterentwicklung und Ausfilhrung der Gedanken verrat zudem einigen Abstand von dem ersten Buch der Oikonomia des Pseudo-Aristoteles, so daB ich Praechter zustimmen wilrde und den Verfasser eher nach der Zeitenwende verrnute. Praechter verweist bereits auf die Verwandtschaft dieses Traktats mit Periktiones nepl. YUVCltKO<; (xpJ.1OvlW; (ebd., 137). 47 Zitiert nach Seiten und Zeilen bei Thesleff. Bereits Wilhelm, Die Oeconomica, hat die Schriften der Periktione und der Phintys der okonomischen Literatur zugeordnet. Johannes Stobaeus filhrt in seinem Kapitel oiKoVOlltK~ (IV 28 (Hense)) Periktione U.a. neben Xen. oik; Kallikratidas und Bryson sowie Plut. mor. 138B-146A und Musonius Rufus an. Wer diese Frauenspiegel geschrieben hat, ist in der Forschung umstritten. Mary Ellen Waithe und vorsichtiger Vicki Lynn Harper, Authenticating, halten sie fur echte Schriften von Platos Mutter Periktione und Kallikratidas Tochter Phintys und datieren sie ins 4.-3. Jh. v. Chr. Thesleff, Introduction, 113-115, hlll.t sie fur pseudonym und datiert sie ins 3.-2. Jh. v. Chr. , halt dies aber spater (On the Problem) fur zu frilh. Wilhelm, Die Oeconomica, und Balch, Neopythagorean Moralists ordnen sie ins 1. Jh. v.-2. Jh. n. Chr. ein. Vgl. auch E.A. Judge, A Woman's Behaviour. Diese Datierung deckt sich auch mit den inhaltlich verwandten Briefen der Neuphythagoraerinnen Melissa, Myia und Theano, die Alfons StlI.dele, Die Briefe, aile in diesen Zeitraum, sogar eher ans Ende einordnet (vgl. besonders 256; 269; 293; 308f; 325 u.o.). Wenn in Phintys' Schrift mit bpYlClOJ1O und IlCl'tp(Xl0I.lO (152,2lf; 154,7-10 Thesleft) die Bakchanalien und Kybelefeiem gemeint sind, was die weitere Beschreibung von Rausch und Ekstase bei den gottesdienstlichen Handlungen nahelegt, und weiter gesagt wird, daB ein gemeinsames Gesetz der Stadt verhindere, daB Frauen diese Feste feiem, so macht diese Begrilndung mehr Sinn, wenn es ein solches Gesetz gibt bzw. gegeben hat. Die Bakchanalien wurden 186 v. Chr. verboten (vgl. das entsprechende Gesetz bei Mary Lefkowitz and Maureen Fant, Women's Life, 250-52 (Nr. 243) und Liv. 39,8-18). Die Teilnahme romischer Bilrgerinnen und Bilrger an den Kybelemysterien war ebenfalls yom 2. Jh. v. Chr. bis in die Mitte des 1. Jh. n. Chr. verboten (vgl. H. LeBonniec, Art. Magna Mater, LAW (1965),1812). DaB die Briefe Uberhaupt von Frauen verfaBt sind, wurde verschiedentlich angezweifelt (vgl. z.B. Susan G. Cole, Could Greek Women Read and Write?, 229; Pomeroy, Frauenleben, 203-206). Aber auch wenn die pseudonyme Abfassung von Schriften derartigen Inhalts unter einem weiblichen Pseudonym eine politisch kluge Taktik gewesen ware, ist es nicht unm6glich, daB Frauen selbst derartige Meinungen vertreten haben (vgl. auch Jane M. Snyder, The Women and the Lyre, 108-113).
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 63 Auch hier wird die Frau aufgefordert, im Inneren des Hauses zu bleiben,48 ihre Keuschheit zu bewahren,49 den Mann zu lieben und zu fUrchten,so auch wenn er die eheliche Treue miBachtet,SI und sie wird eindringlich vor Schmuck gewarnt.52 Diesem Bild der im Haus verbleibenden, allein um das Wohl ihres Mannes bemiihten Frau, die entweder tiber moglichst wenig eigene finan- zielle Ressourcen verfiigt oder sie jedenfalls nicht fUr eigene Zwecke aus- gibt, steht das Bild gegentiber, das sich aus Inschriften und Epigrammen ergibt. Phile aus Priene z.B. baute im 1. Jh. v. Chr. aus ihren eigenen Mitteln Wasserleitungen und einen Wasserbehalter und bekleidete (als erste Frau, wie betont wird) das Magistratsamt der [cr't]Ecp<lVTJ<POp"cra[cra].53 Plancia Magna, die im 2. Jh. n. Chr. in Perge lebte, hatte zahlreiche Stadtamter inne, darunter das der eponymen OTlJltOUpy&; und der Gymnasiarchin,54 also der Vorsteherin des ortlichen Gymnasiums, und baute sowohl Teile des groBen Stadttores der Stadt Perge als auch einen Triumphbogen. ss Auch wenn der 48 Pseudo-Aristot. oik. (ill) 140,6-9; Phintys 152,9-11; 154,1-6 (Theslefl). 49 Periktione 143,4-9.26f(Theslefl); Phintys 152,20.24-153,15 (Theslefl). 50 Pseudo-Aristot. oik. (ill) 141,7-10 und Melissa an Kleareta 160, 19-22 (Stadele) weisen die Frau an, den Willen des Mannes fO.r ihr Gesetz (lexiv6j.1o<;) zu halten. Vgl. auch Pythagoras' Rede zu den Frauen, Iambl. vita Pyth. 11.54 Sl Periktione 144, 8-17 (Theslefl); Theano an Nikostrate 170-175 (Stadele) und Eudike 179-181(Stlldele) vgl. auch Pseudo-Aristot. oik. (ill) 141,13-29. S2 Periktione 143,9-27 (Theslefl); Pseudo-Aristot. oik. (ill) 140,10-18; Phintys 153,12-29 (Theslefl); Melissa an Kleareta 160f (Stadele) vgl. auch Iamb!. vita Pyth. 11. 56 und schon Xen. oik. Vm.l-IX.13; Pseudo-Aristot. oik. (I) 44aI8-22. S3 Vgl. H. W. Pleket, Epigrapha II, 16 (Nr.5) und Lefkowit7iFant, Women's Life, 24 (Nr. 48). Zom Amt der Stephanephoros s. auch Paul R. Trebilco, Jewish Communities, 12lf. S4 ZU weiteren Gymnasiarchinnen vgl. Lefkowit7iFant, Women's Life, 157-159 (Nr. 159. 164l' Vgl. auch Trebilco, ebd., 117f. S VgI. Reinhold Merkelbach und Sencer Sahin, Die publizierten Inschriften, 97-169, besonders 120-123 (Nr. 29-37) und Mary T. Boatwright, Plancia Magna. Zu weiteren reichen und einflul3reichen Frauen S.a. Ramsay MacMullan, Women in Public, Riet Van Bremen, Women and Wealth, und Trebilco, Jewish Communities, 113-126. Unter den Historikerinnen und Historikem ist es omstritten, was diesen (erstaunlichen) EinfluB hellenistisch-rOmischer Frauen in der Offentlichkeit bewirkt hat und ob mit diesem EinfluB eine Verllnderung des Rollenbildes von Frauen einherging. Pomeroy, Frauenleben, vg!. auch dies., Women in Hellenistic Egypt, macht die groBe rllumliche Flexibilitllt der Menschen seit dem Beginn des hellenistischen Zeitalters und die damit verbundene AuflOsung des traditionellen 01KO<; fO.r eine allgemeine Emanzipation von Frauen verantwortlich. Dagegen hat Van Bremen, Women and Wealth, eingewandt, daB die von Pomeroy angenommene Entwicklung yom Rechtsstatus der "eingesperrten" athenischen zur "freien" hellenistischen Frau nicht festzustellen ist, wenn man die Quellen tiber die rechtlichen MOglichkeiten aller griechischen Frauen vor dem 2. Jh. v. ehr. betrachtet. Da auch die reichen Wohltaterinnen der hellenistischen Stadte in den Inschriften trotz ihrer politischen Taten weiterhin mit "konservativen" Frauentugenden geehrt Wiirden, widerspricht Van Bremen dem Entwicklungsmodell und meint stattdessen, daB Titel wie ,,Mutter der Stadt" oder "Tochter der Stadt" andeuten, daB das traditionelle Farnilienmodell auf die Stadt ausgeweitet werde. Allerdings trifft es nicht zu, daB aile reichen Spenderinnen in den Inschriften mit angestammten Tugenden gepriesen werden (vgl. z.B. Phile). Und auch wenn in der rOmischen Oberschicht, zu der viele dieser Frauen gehCirten, konservative Gesinnung nicht untiblich gewesen sein mag, IllBt sich dieses Urteil nicht auf die politisch
  • 64 KAPITEL2 Reichtum dieser Frauen zwar keineswegs singulIlr ist, doch eher nur von einer Minderheit geteilt wurde,56 sind sowohl in Pompeji wie auch in Papyri aus Agypten Frauen belegt, die Land, Hiiuser oder Sklavinnen bzw. Sklaven besaBen und diese kauften, verkauften oder vererbten.'7 Inschriften und Epigramme zeigen Frauen, die Wagen- oder Pferderennen gewannen oder selbst Liiuferinnen waren. '8 Auch Dichterinnen gewannen Wettkiimpfe. '9 Dabei scheinen sich Frauen auch fUr Politik interessiert zu haben60 und vereinzelt unter starker MiBbilligung miinnlicher Historiographen sind sie z.B. bei Verschworungen oder vor Gericht politisch tiitig gewesen.61 Auch wenn die bier aufgefiibrten Frauen nur eine Minderheit gegenuber den jeweils bezeugten M1i.nnem darstellen,62 zeigt dies, daB das oIleO<;- Modell, das gerade wohlhabende Frauen im Blick hat, nicht (mehr) die einzig maBgebende Wirklichkeit in hellentistisch-romischer Zeit bedeutet. Die okonomischen Schriften wollen vielmehr proskriptiv sein und entwerfen, weniger einfluBreichen, aber durchaus mit finanziellen Ressourcen ausgestatteten Frauen der Provinzen ausweiten (s. unten). Boatwright, Plancia Magna, wendet m.E. ZIl Recht gegen Van Bremen ein, daB die Zeugnisse von Frauen wie Plancia Magna "enable us to see elite women's lifes in more detail, and the contradictions these lifes pose to the hegemonic paradigm. Plancia Magna and a significant number of other elite women crossed over into traditionally male roles, public ones, and achieved status and prominence equal to that of many men" (263). '6 Vgl. Van Bremen, Women and Wealth; Leikowit:1iFant, Women's Life, 157-59 (Nr. 158f; 160; 162-165). S. auch zum Ganzen Wolfgang Schuller, Frauen in der griechischen Geschichte, besonders 106-126, und ders., Frauen in der romischen Geschichte. '7 Vgl. z.B. Lefkowit:1iFant, Women's Life, 201 (Nr. 202); 236f (Nr. 223; 225) Kraemer, Maenads, 89f (Nr. 46f); Pomeroy, Women in Hellenistic Egypt, 83-173; fUr ltalien in der Kaiserzeit Liselot Huchthausen, Herkunft und okonomische Stellung, sowie speziell fUr Pompeji MacMullen, Women in Public, 209-211, und Schuller, Frauen in der romischen Geschichte, 22-33. Unter den Berufen, die Frauen ausilbten, sind Arnme, Antin und Hebamme neben zahlreichen Weberinnen am besten bezeugt, aber es gibt auch HAndierinnen (vgl. z.B. Lefkowit:1iFant, ebd., 29 (57f); Geldverieiherinnen (vgl. Schuller, ebd., 22); Malerinnen (Lefkowit:1iFant, ebd., 169 (Nr. 181)); Lehrerinnen und Schreiberinnen (vgl. Lefkowit:1iFant, ebd., 169 (Nr. 183), SchOnschreiberinnen (bei Origines vgl. Eus. hist.eccl. VI.23.2) und Steuereintreiberinnen (2./3. Jh. n. Chr. vgl. P. 1. Sijpesteijn, A Female Tax Collector und ders., Another Female Tax Collector). Vgl. auch Monika Eichenauer, Untersuchungen zur Arbeitswelt. 5& LefkowitzlFant, Women's Life, 23f(Nr. 44-47); 160 (169). '9 V gl. Schuller, Frauen in der griechischen Antike, 115. 60 Vgl. die Wahlempfehiungen von Frauen mit und ohne (ihren) Mann fUr die Wahl der Aedilen in Pompeji (LefkowitzlFant, Women's Life, 213 (Nr. 210)). 61 V gl. Sail. Catil. 25 llber die nach dem Urteil Sallusts hochgebildete Semporina, die an der Catilinischen VerschwOrung beteiligt war. Val. Max. 8.3 ilber Amesia Sentina, Afrania und Hortensia, die alle ihre Angelegenheiten selbst Offentlich verteidigten. 62 MacMullen, Women in Public, meint, die Quellen zeigten "the female sex, as such, entirely excluded from no role or aspiration at all, in the public affairs of their community, nor required to demonstrate merits much different from man's in claiming respect and participation, but yet included only in far, far smaller numbers" (213). Er demonstriert dies am Beipiel der Milnzen aus 13 Ideinasiatischen Stadten, auf denen 17 Frauen genannt werden gegenilber 214 MAnnem. In den 2500 Reskripten an Privatleute des Cod Just. aus den Jahren 117-305 n. Chr. richten sich ilber 600 an Frauen. Die meisten davon betreffen Vermogensfragen (vgl. Liselot Huchthausen, Herkunft und okonomische Stellung).
  • DIE DARSTELLUNG AsENETIIS 65 zumindest wenn sie ab dem 1. Jh. v. Chr. rezipiert werden, utopische Vorstellungen yom Geschlechterverhaltnis. Kritisch gelesen geben sie selbst dariiber Auskunft. So wird im dritten Buch der pseudo-aristotelischen Oikonomia der Frau verboten, eigene Heiratspl1l.ne fUr ihre Tochter zu machen (pseudo-Aristot. oik. (lli) 140,21-141,7), und auch die Warnung vor einer Heirat mit einer reichen Frau sowie das an vielen Orten stereotyp wiederholte Verbot des Schmucks63 zeigen, daB die Frauen, die hier im Blick sind, fiber nicht unerhebliche finanzielle Ressourcen verfilgten, die ihnen dank der im hellenistischen und romischen Privatrecht verankerten Vermogenstrennung auch nach Beendigung einer Ehe blieben. 64 Columella beklagt in seinem Buch fiber die Landwirtschaft, nachdem er aus Xenophons Oikonomikos zitiert hat: Jetzt dagegen, wo die meisten Frauen derart dem Luxus und der Faulheit ver- fallen sind, daB sie sich schon zu gut sind, Woll- und Tucharbeiten auf sich zu nehmen, ja sich genieren, hausgemachte Kleider zu tragen, und ihnen in ihren wahnsinnigen Anspriichen das am besten gefiillt, was mit teurem Geld und beinahe mit dem gesamten Vermogen gekauft ist, ist es kein Wunder, wenn ihnen die Sorge urn das Landgut und die Feldgeriite zu liistig ist und ein Aufenthalt von wenigen Tagen ihnen als die widerlichste Pflicht erscheint. 6S 63 Interessant ist in diesem Zusammenhang die Darstellung der Diskussion urn das Opische Gesetz bei Liv. 34.1,1-8,3. Das Gesetz verbot Frauen das Tragen von Schmuck und kostspieligen Kleidern und war wahrend des zweiten punischen Krieges (wenn es historisch ist sieher zur Sanierung dec Staatsfmanzen) erlassen worden. Die Frauen besetzten zwanzig Jahre danach die Offentlichen Pilltze, urn auf Abschaffung dieses Gesetzes zu drangen. Erst nachdem Valerius in seiner Rede den unpolitischen Charakter des Wunsches der Frauen erldllrt hat, wird diesem stattgegeben (vgl. auch Thraede, A'rger, 82f). 64 1m rOmisehen Recht herrsehte zwischen den Ehepartnern GUtertrennung, jedenfalls bei einer manus-freien Ehe, die in dem hier zur Diskussion stehenden Zeitraurn Ublich ist. Der Mann kann das VermOgen dec Frau lediglich verwalten und auch nur dann, wenn die Frau es ibm zuspricht. Uneingeschrtlnkte Verfilgungsgewalt wurde dem Mann bis zum 1. Th. v. Chr. fiber die Mitgift (dos) wllhrend der Ehe eingerllumt. Seit der Zeitenwende wurde dieses Recht an verschiedenen Punkten eingesehrllnkt. Nach AutlOsung der Ehe muBte der Mann bzw. seine Erben die Mitgift mit dem erreichten Wertzuwachs wieder an die Frau zurOckgeben (vgl. Max Kaser, Das Romische Privatrecht, besonders 281-290). 1m Gegensatz zur athenischen Mitgifi, der 7tpOU;, die an den entsprechenden KJp<l<; der Frau gegeben wurde, ruIt die cpepvtl grundslltzIich nach Beendigung dec Ehe an die Frau, die 1tpOO'<popci und die mxpcicpepva bleiben ihr Eigenturn (vgl. GUnther Hllge, Ehegiiterrechtliche Verhiiltnisse). An der in den llgyptisch-hellenistischen Ehevertrllgen auftretenden Form der Mitgift, der cpepvtl, hatte der Mann wahrend dec Ehe nur ein beschrllnktes Nutzungsrecht Er haftete fOr eventuellen Verlust. Die cpepvtl wurde grundsatzIich bei der EheschlieBung geschlltzt und in ihrem Geldwert bzw. bei Edelmetallen in ihrem Gewichtswert dokumentiert. Sie hestand aus Geld bzw. Edelmetallen, Kleidem und Hausgeraten, sofem die persOnlichen Gebrauchsgegenstllnde der Frau nicht als 1tapacpepva bezeichnet wurden, die auch wahrend der Ehe im Besitz der Frau blieben und fOr die dec Mann nicht haftete. GrundstOcke, Immobilien und Sldaven wurden in den rOmisch-llgyptischen Ehevertrllgen nie als Mitgift gegeben, sondem blieben als 7tpO<J<popci Eigenturn der Frau. Dern Mann oblag lediglich ein Nutzungsrecht bzw. eine Nutzungspflicht. Literarische Zeugnisse von dieser Rechtspraxis geben Juv. Vl.203-213 und P1ut. mor. 140F. S. auch unten. 6S Colurn. xn praef. 9 (Obers. von Will Richter).
  • 66 KAPlTEL2 Klagen wie diese zeugen davon, daB sich die Frauen trotz der zahlreichen Tugendspiegel nicht zwangslaufig den in den okonomischen Schriften vorgeschlagenen Verhaltensmustem unterwarfen. Es wundert claher nicht, daB in der Kaiserzeit besonders der stoische Philosoph Musonius Rufus (ca. 30-100 n. Chr)66 ein scheinbar aufgekliirte- res Frauenbild vertrat und meinte, daB Frauen sich mit Philosophie be- schiiftigen67 und die gleiche Erziehung wie Manner genieBen sollten. 68 Er sprach Frauen die gleiche aps't'ft (Tugend) ZU69 und war der Ansicht, daB Frauen auch avcSpda. (mannhaft) und cpp6vtll~ (verstiindig) sein konnten. 70 Allerdings driickt sich auch bei Musonius die aps't'ft der Frauen in einer frauenspezifischen Weise aus. So sollen sie nicht etwa deshalb Philo sophie studieren, urn ... ihren Haushalt im Stiche (zu) lassen und sich mitten unter den Mlinnem (zu) bewegen und sich (zu) iiben, Reden zu halten, spitzfindige Beweise zu fiihren und Trugschliisse zu widerlegen, wlihrend sie zu Hause sitzen und spinnen sollten.1J Vielmehr lehrt die Philosophie die Frau, enthaltsam (crrocpprov) zu sein72 und fiihrt dazu, daB sie iiberall selbst mit Hand anlegt, auch beschwerliche Arbeit auf sich nimmt, die Kinder, die sie geboren hat, an ihrer eigenen Brust nlihrt und ihrem Mann dient mit ihren eigenen Hlinden ... eine solche Frau ist ein groBer Segen fUr ihren Mann, eine Zierde fUr ihre Verwandten und ein leuchtendes Beispiel fUr alle, die sie kennen.73 Ebenso fiihrt auch die gleiche Erziehung von Madchen und Jungen nach Musonius nicht dazu, daB geschlechtsspezifische Zuschreibungen sich auflosen.74 Washier fUr Musonius gezeigt wurde, gilt auch fUr den Eklektiker Plutarch (ca. 45-120 n. Chr.).75 In seinem groBen Traktat mulierum virtutes, in dem er die These aufstellt, daB die aps't'ft (Tugend) von Frauen und 66 Vgl. Heinrich DOrrie, Musonius Rufus, Der kleine Pauly 3 (1969), 1496f. Zitiert (mit Rede, Seite und Zelle) nach der Ausgabe von O.Hense, C. Musonii Rufi Reliquiae. 67 Vgl. Musonius Rufus, Daft auch Frauen philosophieren sollten (Rede 3) (8,15-13,3 Hense). 68 Vgl. ders., Ob man die T6chter iihnlich wie die S6hne erziehen soli (Rede 4) (13,8- 19,14 Hense). 69 Der erste, dem der Satz avlipOc; Kat yuvaK~ ..; a&tTt Ctpa-nl (pili" Mann und Frau ist die Tugend eine namJ.i.che) zugeschrieben winl, ist (der Stoiker) Antisthenes (Diog.Laert. Vl.12). Zur Vorgeschichte der Diskussion bei Plato vgl. Thraede, .4rger, 49-54. 70 Vgl. besonders Rede4 (Hense 14,4-6; 16,9-15). 1J Rede 3 (Hense 12,5-10) Ubers. Wilhlem Capelle. 72 Ebd., (Hense 10,10). 73 Ebd., (Hense 11,20-12,5), Ubers. Capelle. 74 Vgl. Rede 4 (Hense 13,8-19,14 vgl. besonders 15,4-19; 16,15-17,5; 19,8-13). 75 Vgl. Konrad Ziegler, Art. Plutarch, Der kleine Pauly 4 (1972), 945-953.
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 67 Miinnem ein lUld dieselbe sei (mor. 242F-243A), schriinkt er diese Behauptung sogleich ein, indem er Beispiele vorfiihren will, die zeigen sollen, worin die apE-dt von Miinnem lUld Frauen gleich sei lUld worin sie sich lUlterscheide (mor. 243B-C).76 Die 27 Beispiele der Tugendtaten von Frauen, die er aufffihrt, zeigen zwar einige offentlich wirksame Frauen,77 aber ihre Tugendtat setzt in der Regel dort ein, wo Miinner ihre Aufgaben, z.B. die BefreilUlg von Tyrannen oder Feinden, nicht wahrnehmen lUld sie ziehen sich zumeist wieder zuriick, wenn die Miinner ihre Rollen wieder zu iibemehmen gewillt sind. 78 Haufig bestatigen sie in Wort lUld Tat die ihnen nach der Oikonomia-Philosophie zukommenden Verhaltensnormen. 79 Wenige iibemehmen selbst die Rolle der Kampferin im Krieg.80 DaB Plutarch letztlich doch den Verhaltensnormen der Frauenspiegel lUld Oikonomiaschriften zustimmt, zeigt ein Vergleich seiner Schriften, besonders der Schrift "Uber die Pilichten der Ehegatten" mit den neupythagorwschen Schriften der Phintys lUld der Periktione. 81 Wie Phintys ist Plutarch der MeinlUlg, daB eine keusche Frau zu Hause bleibt lUld nur mit ihrem Mann ausgeht. 82 Phintys verbietet den Frauen, 76 Vgl. zum Folgenden auch Kathleen O'Brien Wicker, Mulierum virtutes. 77 Durchaus nicht alle hier aufgefilhrten Frauen sind wirklich Offentlich wirksam. Vgl. z.B. Taten der Frauen von Phocis (mor. 244A-E) und Coos (mor. 249D-E) und besonders die aus Milet (mor. 244B-D), die sich nicht umbringen, weil ihnen angedroht wird, sie sonst nackt 1ber den Markt zu tragen. 78 Vgl. besonders Aretaphila (mor. 255E-257E), die sich, statt das angebotene Regierungsamt anzunehmen, in die YUVcttKOlVt"tl<; an den Webstuhl zuruckzieht. Was Plutarch von machtigen und politisch einfluBreichen Frauen MIt, zeigt seine Bewertung von Kloopatra (VII;] und Fulvia (Ant. 10). 9 Vgl. z.B. Megisto, die dem Tyrannen Aristotirnus entgegenhlilt: "Wllrest du ein kluger Mann, so wlrdest du nicht mit Frauen wegen der Mllrmer sprechen, sondem zu jenen als unsern Herren schicken" (mor. 252B). Kamma racht den Tad ihres Mannes, indem sie sich zusammen mit dem MOrder, der sie begehrt, umbringt (mor. 257F-258C). 80 Vgl. besonders die Frauen von Argos (mor. 245C-F) und die von Salmantica (mor. 248E-249D). Die Frau des Pythes filhrt die Geschlifte ihres abwesenden Mannes (mor. 262D- 263C). 81 Thraede, A."rger, 59-62, wollte Plutarchs Satz von der gleichen Iip€." (mulierum virtutes, mor. 242F) der Geschlechter als Beleg dafilr ansehen, daB "die Philosophie einigermaBen in Nachbarschaft zur hellenistischen Wirklichkeit (tritt), gerade auch indem sie die Schranken der 'Okonomik' 1berspringt" (60) (vgl. auch seine Behandlung der Stoiker, ebd., 55-59). Balch, Let Wives Be Submissive, Appendix V, 143-149, hat ihm darin zu Recht widersprochen. Allerdings halte ich es fur iibereilt und zu generalisierend, deswegen zu behaupten: ,,Plutarch demonstrates that the subordination of wives was general, contemporary Hellenistic practice" (147) (vgl. auch Wicker, First Century Marriage Ethics). Vielmehr muB man feststellen, daB Plutarch wie auch Musonius Mchstens eine Modifizierung, aber nicht unbedingt ein Gegenmodell zu den Vorstellungen 1ber Frauentugenden, wie sie in der Oikonomia-Literatur und verwandten Schriften zu fInden sind, beabsichtigen. Sie unterscheiden sich zwar zum Teil in dem bei ihnen entworfenen Rollenbild eines Mannes bzw. eines HallSherrn oder Philosophen. Das Frauenbild bleibt aber erstaunlich konstant. Zur Bewertung und Einordnung von Plutarchs Eheschrift vgl. auch Cynthia Patterson, Plutarch 's 'Advice on Ma"iage '. 82 Phintys 152,9f; 21f; 154,1-6 (Theslefl); Plut. mor. 139C (9); 142C (30); 142D (32).
  • 68 KAPITEL2 wegen der damit verbundenen Trunkenheit und Ekstasen, Bakchanalien und Kybelefeste. 83 Plutarch halt Trunkenheit und Ekstasen bei Frauen ebenfalls fUr unschicklich und verpflichtet die Frauen auf die Gotter ihres Ehemannes, was bedeutet, daB sie Frauenkulten fernbleiben miissen. 84 Ebenso wie Phintys und Periktione mahnt auch Plutarch Frauen vor zu viel Schmuck,85 obwohl er auch zu wenig Schmuck fUr unanstiindig halt. 86 Auch Plutarch hillt die Harmonie in der Beziehung zwischen Mann und Frau fUr grundlegend. 87 Dafiir muB die Frau sich ihrem Mann gegeniiber in jeder Lage freundlich erweisen, darf sich nicht an Ehebruch, Zorn oder Trunkenheit storen,88 und muB den Verwandten und Freunden, die ihr Mann ehrt, zur Seite stehen. 89 Da sich Plutarchs Eheschrift auch an Manner richtet, wundert es nicht, wenn hier wie bei Kallikratidas Anweisungen zum rechten Herrschen gegeben werden.90 Wenn Plutarch in seinem Amatorius meint: widersinnig ist es allerdings zu sagen, daB Frauen keinen Anteil an der Tugend (apsnu haben. Was aber ist es notig zu reden fiber ihre Enthaltsamkeit (O"OJcppomJVl'J) und Einsicht (aUv£<ru;), noch fiber ihre Treue (menu;) und Gerechtigkeit (OtKUtoaUVl'J), wo doch die Tapferkeit ('to avopetov) und die Kiihnheit ('to 8appuAiov) und die Hochgesinntheit ('to Il8YUA.OjIUXov) offenbar geworden sind,9) findet sich auch dies mit iihnlichen Formulierungen bei Phintys und Periktione wieder.92 Fiir aile drei ist ein wichtiger Ausdruck der Tugend 83152,23f; 154, 8-11 (Thesleft). 84Mor. 140B (16); 140D (19). 85 Phintys 152,21; 153,15-28 (Thesleft); Periktione 143,9-144,8 (Thesleft); Plut. mor. 139F (14); 142B-C (29); 145A-B (48); 145E; vgl. auch 1410 (25). 86 Mor. 142A-C (29). 87 Periktione 142,18 (Thesleft) u.O.; Plut. mor. 138C-D u.o. 88 Periktione 144,8-23 (Thesleft); Plut. mor. 139F-140A (14); 141A-B (22); 141F (27); 143C (37). (vgl. auch 141B-C (23»; 140B (16); 143D-I44A (40f). 89 Periktione 145,2-6 (Thesleft) Plut. mor. 140D (19) vgl. auch 141B-C (23). 90 Kallikratidas besonders 105,6-106,13 (Thesleft); Plut. 142C-D (33), vgl. auch 139B (8) 139D (11); Wie bei Kallikratidas und Bryson wird auch bei Plutarch vor einer Heirat mit einer reichen Frau wegen ihrer Mitgift gewamt (mor. 141C-D (24», auch wenn Plutarch die Heirat mit einer vermOgenden Frau befUrworten kann (vgl. besonders Amatorius, mor. 753D-754E). Er verlangt aber von der Frau, daB sie ihren Besitz zum Besitz des Mannes erldart (vgl. mor. 767D-E; 140E-F (20» . Plutarch hat hier mOglicherweise nicht unrea1istische Verhaltnisse irn Blick, wenn er sagt: ,.Den gemischten Wein nennt man, obwohl mehr Wasser darin ist, irnmer noch Wein; so soli VermOgen und Haus Besitz des Mannes heiBen, wenn auch die Frau den gr06eren Teil zugebracht hat" (mor. 140F (20); Obers. Snell). DaB das Verhaltnis zwischen Mann und Frau nicht unbedingt ais Herrschaft des Mannes uber die Frau gelebt wurde, zeigt die folgende Passage: ,,Frauen, die lieber einen einfllltigen (UV01ftOC;) Mann beherrschen (Kpa'tElv) als einem vemilnftigen (!ppOVl!109 gehorchen wollen, gleichen denjenigen, die lieber einem Blinden den Weg weisen, ais einem Sehenden, der den Weg kennt, zu folgen" (mor. 139A (6) Obers. Snell). 9) Mor. 769B. Obersetzungen, soweit nicht anders vermerkt, von der Verfasserin. 92 FUr Periktione ist eine harmonische (Up/!OVtri) Frau voll von cppovltmoc; (Klugheit) und croxppocr6V11 (EnthaitsamkeitIBesonnenheit). Ihre UpEn'} besteht neben Klugheit auch hier
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 69 {O,pEnV von Frauen die Kinder- und Gattenliebe. 93 Was Plutarch von den Frauenspiegeln und Oikonomia-Schriften unterscheidet, ist, daB die Be- ziehung in der Ehe an sich und nicht das Haus (01C~) bzw. der Staat bei ibm im Mittelpunkt der Betrachtung steht,94 und daB er einen Sinn fUr die praktische Wirklichkeit hat, nicht nur dann, wenn er davon ausgeht, daB Frauen sich scheiden lassen konnten,9' sondern auch, wenn er an zahlreichen Stellen praktische Tips gibt. 96 Auffiillig ist ebenfalls, daB besonders Musonius, aber auch Plutarch und Pseudo-Aristoteles im dritten Buch der Oikonomia, den Mann zur Keuschheit auffordern?7 Literarische Zeugnisse eines anderen Frauenbildes finden sich weniger haufig. Es scheint, daB Kyniker Ul.:.d Epikuraer eine andere Auffassung von der Rolle der Frau vertreten haben. Diogenes Laertius berichtet von der darin, daB sie SUCatllKal. avSP1ltll ist. (142,18-20 (Thesleff)). Nach Phintys sind Mann und Frau gemeinsam: aVSpEia Kal. SlKatoaUva Kal. q>pOvamc; (152,11 (Thesleff)). Phintys (152,5-19 (Thesleff)) ist wie Plut. mor. 145B-146A (48) und Musonius Rufus Rede 3 (8,15-13,3 (Hense) u.O.) der Meinung, daB Frauen philosophieren sollten, urn das Gute, namlich die cr~Vll (Enthaltsamkeit) zu erkennen. 93 Plut. mor. 769C; Phintys 152,9-11 (Thesleff); Periktione 144.17-19 (Thesleff). 94 Allerdings verrat auch die Eheschrift des Plutarch, daB dies der eigentliche Ursprung der Gedanken ist (vgl. 144B-C (44)). Musonius Rufus verbindet den Gedanken von der Niltzlichkeit der Ehe file den Staat mit der Hochbewertung der Ehe urn der Ehe willen (vgl. Rede 1470,11-76,17 (Hense)). 9S Vgl. mor. 144A (41). Siehe auch oben Anm. 64. Allerdings finden sich auch in den neupythagoraischen Schriften versteckt Hinweise auf andere Wirklichkeiten. Warum wamt z.B. Phintys Frauen vor groBen Aufwendungen fur Opfer und vor Balcchanalien und Kybelefesten (154,6-11 (Thesleff))? Vgl. auch die Ausfilhrungen des Pythagoras (lambl. vita Pyth. 11.54) irn Sinne der Kritik Colurn. :xn praef. 9. 96 Z.B. ilber den Beginn einer Ehe 138D-F (2-4) oder wie ein Mann sich gegenilber einer sich straubenden Ehefrau verhalten soli 139D-F (12-13) oder yom Umgang mit der Schwiegermutter (143A-B (35). Zurn pra1ctischen Charakter der ganzen Schrift vgl. besonders Patterson, Plutarch's 'Advice on Ma"iage '. 97 Vgl. Musonius Rufus, besonders Rede 12 (63,10-67,2 (Hense)). Musonius wendet sich auch gegen den sexuellen Verkehr eines Herren mit seiner Sklavin. Dabei verwendet Musonius ein interessantes Argument, das die doppelte Sexualmoral der Antike aufdeckt und bekampft. "Wennjemandem es nicht schirnpflich oder anstOBig erscheint, daB ein Herr mit seiner Sklavin verkehrt, zumal wenn es eine Witwe ist, der soli doch einmal darilber nachdenken, wie er es flInde, wenn die Herrin mit ihrem Sklaven verkehrte! Denn das wilrde er doch fur ganz unertraglich halten, nicht nur wenn die Herrin, die einen rechtmaBigen Ehemann hat, sich mit ihrem Sklaven einlieBe, sondem auch dann, wenn sie keinen Ehemann hlitte und so etwas tiite" (66,7-19 (Hense), Obers. Capelle). Auch Plutarch scharft beiden Geschlechtern Treue (crroq>p<><nlVll rtpCx; aA.A:llM>uC;) ein, vgl. besonders mor. 767E vgl. auch mor. 144A-B (42). Allerdings rllt er der Frau, die Ausschweifungen des Mannes zu akzeptieren (vgl. mor. 140B (16) 143F-144A (40f) 144D-F (45f). Der gleiche Widerspruch laBt sich auch irn dritten Buch der Oikonomia des Pseudo- Aristoteles beobachten. In oik. (lll) 144,23-144,14 mahnt der Autor oder die Autorin den Mann zur ehelichen Treue, wogegen er bzw. sie die Frau auffordert, den Mann auch dann nicht zu verlassen, wenn er sich gegen sie verfehlt (141,13-142,17). Angesichts dieser Doppelmoral bleibt die Frage offen, ob Musonius, wenn er eine seiner Reden an Frauen adressiert batte, sie nicht ebenfalls dazu aufgefordert batte, Ehebrilche ihrer Manner zu ertragen. Anders Patterson, Plutarch's 'Advice on Ma"iage ', 4712, die U.a. wegen der Differenz zwischen Musonius und Plutarch an diesem Punkt letzteren von der Stoa abrilcken will.
  • 70 KAPITEL2 kynischen Philosophin Hipparchia, die sich im Gegensatz zu ihren miinn- lichen Kollegen nicht einschiichtem lieB und die auf die Frage: "Wer ist sie, die vom Webeschiffchen sich entfemt?",98 antwortet: Ieh bin's, Theodoros; aber du glaubst doeh nieht etwa, da1 ieh mir selbst libel damit gedient habe, wenn ieh die Zeit, die ieh auf den Webstuhl hatte ver- wenden sollen, einer tiiehtigen Geistesbildung (muoo{a) zugute kommen lie.6?99 An diese Frau sind auch einige pseudonyme Briefe des Krates aus dem 1. oder 2. Jh. n. ehr. erhalten geblieben. In einem hellit es: Die Frauen sind nieht sehwiieher (Xeiprov) als Manner besehaffen. loo Die Amazonen jedenfalls, die so viele Werke vollbraehten, waren in niehts schlechter als Manner. So da1 du, wenn du dieh an diese erinnerst, diesen nieht naehstehst. lol Die Epikuraerln Leontion schrieb eine Abhandlung gegen Theophrast, 102 der nach dem Tod des Aristoteles dessen Philosophenschule leitete und der moglicherweise die pseudo-aristotelische Oikonomia verfaBt hat.103 Auch einige Kulte und Mysterien scheinen sich zumindest teilweise fUr ein den Oikonomia-Lehren widersprechendes Frauenbild engagiert zu haben. Von der Gottin Isis hellit es in einer Litanei aus Oxyrhynchus: O'U yuvu#[v] to'llV 86vuJ.l1.V 'trov av8prov e[1toi]llO'uC; (Du [verschafftest] den Frauen (die) gleiche Macht wie den Miinnem).I04 Dies zeigt, daB in der 98 Zitat aus Eur. Bakch. 1236. 99 Diog.Laert. VI.98 (Obers. Otto Apelt). Vgl. auch das Gedicht des Antipatros von Sidon auf Hipparchia, Anthologia Graeca Vll 413. Zu den Kynikerinnen vgl. auch Snyder, The Woman and the Lyre, 105-108. 100 Anders behaupten sowohl Pseudo-Aristot. oik. (I) 43b30 und Musonius Rufus Rede 12 (66,16 (Hense», Frauen seien aa&vE~, die Manner aber iaxup6-repo<;. 10 1 Vgl. Abraham J. MaIherbe, The Cynic Epistles, 78 (Brief 28). Vgl. auch Brief 30, wo Krates ein selbstgewebtes Unterkleid Hipparchias ablehnt, da sie nach Philosophie streben solie und nicht danach, vor den vielen als eine zu gelten, die ihren Marm liebt (ebd., 80). In einem pseudepigraphen Brief des Diogenes an Hipparchia heillt es: ,,Ich bewundere Dich fur die Begierde, denn als eine Frau verlangtest du nach Philosophie und bist unsere Geflihrtin geworden, vor der wegen der Strenge auch die Manner erschreckten" (ebd., 95 Brief 3). Interessant ist auch der Brief des Aristippus (Freund des Sokrates) an seine Tochter Arete. Arete scheint von dem Magistrat der Stadt Kyrene urn Besitz betrogen worden zu sein. Thr Vater schreibt ihr, sie kanne auf das Umstrittene verzichten, da sie noch zwei Garten und Besitz in Berenike beslille. AuBerdem soli sie ihren Sohn in Philosophie unterweisen und, wenn sie keine Tocbter selbst gebliren will, die Tochter einer Sklavin adoptieren. SchlieBlich soli sie nach Athen gehen, urn sich in die Mysterien einweihen zu lassen und in Gemeinschaft mit Xanthippe und Myrto zu leben (ebd., 283 Brief27). 102 Cie. nat.deor. 1. 93. Vgl. auch Plin. nat. Praef. 29. Zu den Epikuraerinnen Snyder, The Woman and the Lyre, 101-105. 103 So jedenfalls Pbilodem von Gadara (1. Jb. v. Chr.). S. aucb oben Anm. 37. 104 P.Oxy. 1380, 214f(2. Jb. n. Chr.).
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 71 Isisreligion die traditionellen Geschlechtsrollen nicht nur im Sinne der Oikonomia-Philosophen diskutiert wurden.los Die Rolle der Frau wurde in der hellenistisch-romischen Antike nicht nur unter Philosophen und Philosophinnen heftig und kontrovers diskutiert, auch Theaterstiicke und Inschriften bzw. Epigramme zeigen eine differenzierte Wahrnehmung von Frauen. Die neue Komodie kennt mindestens vierzehn verschiedene Frauenmasken. 106 In den Tragodien des Euripides traten Frauencharaktere in den Vordergrund. Neben Frauen, die yom Schicksal der Kriegsgefangenschaft betroffen sind (die Troerinnen), gibt es sich selbst opfemde Tochter (Iphigenie in AuIis), aber auch Frauen, die ihre eigenen Kinder toten (Medea; die Bakchen).107 Besonders letztere haben in der Antike eine Diskussion dariiber ausgelost, ob Euripides ein Frauenfeind ist oder nicht. 108 Dabei sind kaum andere TragOdien so einfluBreich und wahrend der ganzen Antike gespielt und gelesen worden, wie die des Euripides. l09 Euripideszitate werden nicht nur in Darstellungen von Frauen verwendet, llO sondem auch unter Rubriken wie 'Uber die Schlechtigkeit der Frau' gesammelt. lll IDS VgI. Kraemer, Her Share, 71-79. 106 VgI. Pollux IV. 151-54. VgI. auch Eva Cantarella, Pandora's Daughters, 93-97; Elaine Fantham, Sex, Status, and Survival. 107 Zu den Darstellungen der Frauencharaktere des Euripides vgI. u.a.: Pomeroy, Frauenleben, 155-167; Jennifer March, Euripides the Misogynist?, 32-75, und Lefkowitz, Did Ancient Women Write Novels?, 204-207. 108 Der Zeitgenosse Aristophanes (Thesm. 383-413) und Antipater (bei Stob. IV 22.25 (509,5-7) 2. Jh. v. Chr.) sowie Aulus Gellius (Noctes Atticae XV.20.6, 2. Jh. n. Chr.) halten ihn fUr einen Frauenfeind (ersterer laBt dies in seiner Komlidie eine Frau sprechen), Athenaios (Deipnosophistai xm.557e; 603e; 2. Jh. v. Chr.) fUr einen Frauenfreund. 109 VgI. Theodor Bergk, Griechische Literaturgeschichte 111,565-568. llO Z.B. von Diogenes Laertios in seiner Darstellung der Hipparchia s.o. III Bei Johannes Stobaeus IV 22 Teil 7 ist eine solche Sammlung erhalten geblieben, aber es hat sie wohl schon viel frilher gegeben. (vgI. P.Berol. 9772f (2. Jh. v. Chr.) und P.Oxy 3214 (2. Jh. n. Chr.) sowie Otto Hense, Art. Johannes Stobaeus PW 9/2 (1916), 2549-2586). Jesus Sirach klinnte mliglicherweise eine solche benutzt haben (vgI. die haufigen Verweise auf Euripides gerade bei den sich auf Frauen beziehenden Spruchen Sirachs, die T. Middendorp, Die Stellung Jesus Ben Sirach, 21 u.li. aufgefuhrt hat). Sicherer ist dies m.E. bei Clemens von Alexandrien, vgI. z.B. die Auslegung I Kor 11,3-16. (strom. IV.61-63). Dabei wird der urspriingliche Sinn oft entstellt. VgI. z.B. Eur. Med. 231-248: "Sind doch wir Frau'n das traurigste Gewlichs. Erst milssen wir fUr teures Geld den Gatten! Uns kaufen, dann verfilgt er iiber uns/ Als Herr; ist das nicht sch1immer noch als schiinIm?" Bis hierher zitiert Stob. IV 22.186 (Hense). Der Text geht allerdings folgenderrnaBen weiter: "Und davon hlingt nun alles fUr uns ab,l Ob uns ein schlechter oder guter Mann! Beschieden. Scheidung schadet ja dem Ruff Der Frau. Abweisen kann man nicht den Freier'! In ungewohnte Sitte gilt's und Art! Sich einzufilh1en. Niemand lehrte uns,l Wie einen Gatten man behandeln muB.! Gelingt uns dies und lebt der Gatte friedlichl Mit uns und trligt der Ehe Joch geduldig -I Das ist das Gluckl Wenn nicht hilft nur der Tod" (Obers. Hans von Amim). Indem die Samm1ung des Stobaeus dies auslaBt und dafilr aber etwas weiter hinten wieder einsetzt: ,,Ein Weib ist sonst ein furchtsam Wesen,l Taugt nicht zurn Kampf, scheut den geschliffen Stahl.! Doch krlinkt man sie in ihres Bettes Rechten,l Dann ist kein Herz mordgieriger als ihres." (ebd. 263-266 = Stob. IV 22.143 (Hense» bekommt der Monolog Medeas bei ilIm einen anderen Sinn.
  • 72 KAPITEL2 Zeitgenossische Frauenbilder zeichnen auch die Epigramme und Ge- dichte, die in der Anthologia Graeca gesammelt wurden. Hier finden sich Liebesgedichte, Spottverse, einfache Beschreibungen, Ideale und Bilder von Frauen der hellenistisch-griechischen Antike. An der Diskussion urn die Rolle der Frau nahm auch das zeitgenossische Judentum regen Anteil. Jfidinnen scheinen rechtlich in keiner Weise schlechter gestellt gewesen zu sein als ihre ,,heidnischen" Schwestem. Sie konnten sich scheiden lassen, Guter kaufen und verkaufen. ll2 Einige Jfidinnen verfiigten uber nicht unerhebliche finanzielle Ressourcen. In Hamman Lif (Nordafrika) stiftet eine Juliana einen ca. 50 m 2 groBen Mosaik-FuBboden fUr die Synagoge.lI3 JUdinnen verfiigten nicht nur im rechtlichen und okonomischen Bereich, sondem auch innerhalb der jfidischen Gemeinden fiber EinfluB. 114 Bernadette Brooten hat gezeigt, daB Frauen Amter in den Synagogen uberall im romischen Reich eingenommen haben, m und daB sie vermutlich in der Synagoge bei ihren mlinnlichen Glaubensgenossen saBen. 116 Es verwundert daher nicht, daB ein gesteigertes Interesse an bzw. eine groBe Sensibilitiit fUr Frauenfiguren in der Literatur des hellenistischen Judentums zu beobachten ist. In den Neuerzlihlungen des Pentateuchs und der friihen Propheten, z.B. im Jub und im LibAnt, werden Frauenfiguren wie Rebekka,1l7 Melcha (Mutter des UrgroBvaters von Abraham), Mirjam (Maria), Debora, Sella (Jephthas Tochter), Hanna, aber auch Sedecla (Witwe von Endor)ll8 ausgeschmuckt und ins Zentrum 112V gl. Kraemer, Maenads, 88-93 (Nr. 45-49) und dies, Non-Literary Evidence. 113Bernadette Brooten, Women Leaders, 161 (Nr. 22). Vgl. Erwin R. Goodenough, Jewish Symbols II, 89-100 und m, besonders Abb. 886-888. 114 VgJ. zum folgenden besonders Kraemer, Her Share, 93-127; van der Horst, Einige Beobachtungen und-allerdings nicht besonders kritisch-Gilnter Mayer, Die jiidische Frau. Mehr aus praktischen als aus inhaltlichen Grunden beschrltnke ich mich in der folgenden DarsteUung zumeist auf jildisch-hellenistische Schriften. Die rabbinischen Quellen, die nicht nur schwer zu datieren, sondern auch in ihrer Tendenz bisher kaum untersucht sind, kiionen nur am Rande und zu Einzelfragen herangezogen werden. Vgl. aber auch Barbara H. Geller Nathanson, Rejlextions und dies., Toward a Multicultural Ecumenical History o/Women. m Women Leaders, 5-99. Vgl. auch dies., IaeI1tpOO'tll.'t1')C;; Kraemer, A New Inscription from Malta, 432-38; dies. Maenads, 218-220 Nr. 84-92; Peter van der Horst, Ancient Jewish Epitaphs, 105-109, und Trebilco, Jewish Communities, 104-113, und Matthew S. Collins, Money, Sex and Power. 116 Brooten, Women Leaders, 103-38. 117 Vgl. besonders Jub 25; 27,1.7f; 31,6f. 35. VgJ. auch Chesnutt, Revelatory Experiences, 108-111, undJohn C. Endres, Biblical Interpretation, besonders 73-83; 92-97; 173-176. Aller- dings bleiben die Taten Rebekkas auf das Innere des Hauses beschrltnkt und das 'Modell Rebekka' ilberschreitet nur selten das, was sich fUr eine Matrone geMrt (vgl. aber 25,14-23 ; 27,1; 35 besonders V. 6). Mindestens ein Frauenideal in Jub zeigt sich in der Beschreibung Leas 36,23: ,,Deon sie war vollkommen und recht auf allen ihren Wegen, und sie ehrte Jakob. Und in allen Tagen des Lebens mit ibm Mrte er aus ihrem Munde kein hartes Wort, denn Sanftheit und Friede und RechtschafIenheit und Ehre war in ihr" (O'bers. nach Klaus Berger). 118 Zu Melcha vgl. LibAnt 4,11; 23,4; zu Maria LibAnt 9,9f; 20,8 (ahnliche Traditionen fmden sich auch im bSot 12,b-13a und bMeg 14,a), zu Debora LibAnt 30-34; 38,2; zu Seila LibAnt 40 (vgJ. auch Cynthia Baker, Pseudo-Philo); Hanna LibAnt 5Of; 23,12f; Sedecla
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 73 geruckt. Das IV Makkabaerbuch macht das Martyrium der Mutter der Makkabaer zum kronenden Abschlu13 der Erzawung.lI9 Einige judische Philosophen bzw. Historiker bestimmen die Rolle der judischen Frau im Sinne der Oikonomia-Philosophie. Philo (ca. 25 v. ehr. bis 40 n. ehr) z.B. meint: Es gibt niimlich zwei Formen von Staatswesen (1t()A.tC;), grofiere und kleinere. Die gro8eren werden Stadt genannt, die kleineren Wohnung (oiKia). Von jenen haben die Mlinner die Leitung in den grofieren, die man Staatsver- waltung nennt, erlangt, die Frauen aber in den kleineren, die man Haushaltung (oiKovollia) nennt. Eine Frau soIl sich urn nichts auBerhalb der Haushaltung kiimmem, (und) indem sie die Abgeschiedenheit sucht, soIl sie nicht als eine, die auf den Stra8en im Blick fremder Mlinner herumschweift, ans Licht treten, au8er wenn sie in den Tempel gehen muB.12° Josephus (ca. 38-100 n. ehr.) beschreibt das seiner Meinung nach vom Gesetzgeber Mose bestimmte Verhaltnis zwischen Frau und Mann: Heiraten aber, gebietet er, darf man nieht, indem man auf die Mitgift achtet, noch durch gewaltsame Entfiihrungen, noch indem man durch List oder Tau- LibAnt 64,3-9. In LibAnt werden noch zahlreiche andere Frauen im Gegensatz zu ihren inzwischen kanonischen Vorlagen ausgemalt, andere jedoch, wie Sara und Hagar, unterdruckt. Vgl. auch van der Horst, Portraits of Biblical Women; ders., Debora und Seila; Cheryl Anne Brown, No Longer Be Silent, Cynthia Baker, Pseudo-Philo and the Transformation of Jephthas's Daughter, und besonders Halpem-Amaru, Portraits of Women. Letztere zeigt: ,,Pseudo-Philo rewrites narratives so that they consistently demonstrate the hand of God. Within the context of the theology, women have a specific function: they are either the instruments or the active agents of God. For the various types of instruments and agents within these patterns all strong female characters are associated in one way or another with motherhood, be it in the role of parent, villainess, or leader of Israel. Conversely, when the biblical story offers no context for a matemal characterization, Pseudo-Philo either underdevelops the portrait or portrays the women ineffective and dependent" (105f). So sehr ich dieser Einschatzung zustimme, meine ich dennoch, daB man vermuten muI3, der Autor oder die Autorin habe in seiner bzw. ihrer DarsteUung auf Traditionen oder QueUen zurUckgegriffen, die an manchen Punkten, z.B. in den ausfillrrlichen Gebeten einiger Frauengestalten wie Hanna, Seila oder Debora (vgl. besonders 51,3-6; 40,5-7 (vgl. auch 40,4) 32; (vgl. auch 33,1-3.5)) oder in den Prophetenspruchen von Frauen wie Maria (9,9f 5.0.), Sedecla (64,5f) oder Melcha (4,11), seiner oder ihrer Absicht bzw. Tendenz in der DarsteUung der Frauengestalten zuwiderlaufen. Zur QueUenbenutzung Pseudo-Philos vgl. A. Zeron, Erwiigungen. 119 IV Makk 14,9-18,6. GemaB der stoischen Tradition, in der der Autor oder die Autorin steht, will er oder sie beweisen, daB ,,Dicht nur Mlinner die Leiden beherrschten, sondem auch Frauen den grOBten Folterungen widerstanden" (16,2). Daruber hinaus bleibt sein Frauenbild im Rahmen dessen, was auch andere Stoiker fUr tugendhaft halten. In der Autobiographie der Mutter heiBt es 18,7: ,,Ich wurde geboren als heiJige Jungfrau und karn nicht aus dem vllterlichen Haus heraus, hutete aber die aufgebaute Rippe." 120 SpecLeg ill 17Of, vgl. auch Quaest in Go IV. 145. Zum VerhaItnis von Frau und Mann vgl. z.B. Hypothetica 7,3.14. Zur Gemeinsarnkeit der Gedanken Philos und der Oikonornia- Wissenschaft, Balch, Let Wives be Submissive, 52-56; 58t: Zu Philos Frauenbild und seinen Quellen vgl. auch Judith Romney Wegner, Philo's Portrayal of Women, und Dorothy Sly, Philo's Perception of Women, die jedoch wenig Wert auf QueUenkritik legt. Vgl. hierzu die Rezension von Kraemer.
  • 74 KAPITEL2 schung tiberredet, sondem indem man bei dem Herm, der (die Frau) gibt, oder bei verwandten AngehOrigen urn sie wirbt. Die Frau, sagen sie (sc. die Gesetzgeber), ist in allem schwiicher (xeipmv) als der Mann. Daher solI sie gehorchen (imaKouB'tm), nicht zum Zweck einer MiBhandlung, sondem damit sie beherrscht wird (apxll'tat). Gott aber hat dem Mann die Herrschaft (Kpch~) gegeben. 121 Die Spriiche Jesus Sirachs (hebr. 2. Jh. v. Chr.; griech. 1. Jh. v. Chr.) pas- sen zu denen der Oikonomia-Philosophen. Vgl. z.B. 26,14-16; 25,2lf; 33,20a (LXX):122 (26,14-16) Eine Gabe des Herrn ist eine schweigsame (cnyrun) Frau, und es gibt kein Geld fUr eine erzogene Seele. Gnade tiber Gnade fUr eine schamhafte (aicrxuV'tTlpa) Frau. Und kein Gewicht ist angemessen fUr eine enthaltsame (eYKpCl'tol:X;) Seele. Die Sonne geht auf in den Hohen des Herrn, und die SchOnheit einer guten Frau im Schmuck ihrer Wohnung (oiKia). (25,21f) Werfe dich nicht nieder vor der SchOnheit einer Frau, und sehne dich nicht nach einer Frau. Zorn und Frechheit und Schande ist groB, wenn eine Frau ihren Mann emiihrt. 123 (33,20a) Dem Sohn und der Frau, dem Bruder und Freund, gib keine Macht (~oucria) tiber dich in deinem Leben. Aber auch im Judentwn beweist das hliufige Wiederholen dieser Meinung nicht unbedingt, daB Frauen sich auch in der Realitat mit einer schweigsamen Existenz innerhalb der Hausmauem begnugt haben. Vielmehr gibt es Zeugnisse, die bis in die Spatantike belegen, daB Frauen das Judentum besonders attraktiv fanden und sich judischen Gemeinschaften angeschlossen haben. 124 Philos Werk zeigt, trotz gegenteiliger Absicht des Verfassers, die allegorisch geschulten Therapeutinnen und birgt, tradi- tionskritisch gelesen, an manchen Stellen ein von der Oikonomia-Literatur abweichendes Frauenbild. 125 Andere judische literarische Dokumente zeigen 121 Ap IT.20Ot: Zur Einordnung des Josephus in die Oikonomia-Literatur vgl. Balch, Let Wifes be Submissive, 52-56, 58t: Zunl Frauenbild des Josephus vgl. auch James L. Bailey, Josephus' Portrayal, und Betsy Halpem-Amaro, Portraits ofBiblical Women. 122 Jesus Sirach wird im folgendenjeweils nach der Septuagintafassung zitiert. 123 S. auch oben Anm. 111. Vgl. auch Warren C. Trenchard, Ben Sira's View; Claudia V. Camp, Understanding a Patriarchy. Eine ahnliche Meinung vertritt auch Pseudo-Phokylides (1. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr.), besonders 177-217 (vgl. auch van der Horst, Pseudo- Phocylides, ad. loc). 124 Neben den Zeugnissen von Josephus z.B. Bell IT.559-61, vgl. besonders Joh.Chrys., Adversos Judaeos Orationes 2,3-6; 4,6 {Obers. bei Kraemer, Maenads, 59f (Nr. 31». Vgl. auch dies., Her Share, 121-127. 125 VitCont, besonders 28. Zunl traditionsgeschichtlichen Lest:·1 Philos vgl. Burton L. Mack, Weisheit und Allegorie, der im Traktat Congr mehrere vorphilonische Stufen der Auslegung und Allegorie aufdeckt. Der Ruckgriff auf allegorische Traditionen bei Philo ist nicht nur in Quaest in Gn und Quaest in Ex sichtbar, sondem erklart auch die merkwilrdige Doppeldeutigkeit der Figuren Sara und Rebekka einerseits als himm1ische Weisheit,
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 75 Frauen, die mutig und entschlossen ihr Volk verteidigten (Esther, Judi~126 oder die mit besonderen prophetischen Fiihigkeiten ausgezeichnet wurden (TestHiob).127 JosAs, eine Schrifi, die wie Jdt eine Frau ins Zentrum der Erz1:ihlung stellt, steht also inmitten einer Diskussion urn das Frauenbild sowohl im Judentum als auch in seiner nicht-jiidischen Umwelt. 1m folgenden wird aufgewiesen werden, wie die beiden Textfassungen je auf ihre Weise an andererseits gerade als nicht-(mehr)Frau. Vgl. auch ders., Philo Judaeus und Georgi, Frau Weisheit, besonders 248-253. David M. Hay, References to Other Exegetes, machte auf die zahheichen Zitierungen anderer Exegeten besonders in den Quaest in Gn und Quaest in Ex aufmerksam. "Philos does not think of himself as doing exegesis in a vacuum or even in an ivory tower, far removed from the serious ongoing religious decisions and challenges of Jews of his time ... He conceives of exegesis as a kind of dialogical enterprise that involves many debate partners and opponents" (97). S. auch unten 5.3. 126 Esther erlangt mit der geschickten Beachtung der ihr zugedachten Rolle die Macht des halben KOnigreiches (5,4; 7,2 u.O.), allerdings erst nachdem die rebellische Vasti verstoBen wurde (vgl. 1,12-22). Die offenkundige Spannung, daB Vasti zunachst gerade deshalb verstoBen wird, damit die Frauen in Land und Stadt ihre Manner ehren und Furcht herrsche in den Hausern (oildatc;) (vgl. besonders 1,20.22), Esther aber letzt1ich politische Macht ausfibt, ist sicher keine ungewollte Ironie. Vgl. auch Sidnie A. White, Ester. Auch Jdt arbeitet mit Ironie (vgl. Carey A. Moore, Judith, besonders 78-86). Judith stellt die Manner von Betulia sowohl theologisch als auch militarisch in den Schatten (vgl. besonders Jdt 8). Starker als bei Est sind in dieser E17Ahlung die Frauen als Betroffene stltndig im Blick (vgl. 4,10-12; 6,16; 7,22; 9,4; 15,12-14). Dabei scheint die Autorin bzw. der Autor dieser Schrift sich den Traditionen biblischer Frauengestalten sehr bewuJ3t zu sein und stellt Judith nicht nur deutlich in die Tradition der Debora und Jael, sondem bezieht sich u.a. auch auf die Miljarns- und Dina-Traditionen. Zum Buch Judith vgl. besonders Toni Craven, Tradition and Convention; White, In the Steps, und Amy-Jill Levine, Sacrifice and Salvation. S. auch unten 5.3. 127 Zu TestHiob, in dem mebr als ein Viertel der Verse von Frauen handeln, vgl. van der Horst, Images of Women, und R. P. Spittler, Testament ofHiob, besonders 83Sf Die Frage, ob die Frauen hier eine andere Rolle als die der dem Mann Untergeordneten einnehmen, ist in der Forschung umstritten. Van der Horst, ebd., besonders 101-106, und Kraemer, Her Share, 109, machen die geistbegabten TOchter Hiobs stark (TestHiob 46-51) als die einzigen neben Hiob selbst, die durch das Tragen eines besonderen gottgegebenen Gllrtels die Fahigkeit zur Wahrnehmung der, hier als eigentlich gedachten, himmlischen Wirklichkeit besitzen. Anders meint z.B. Collins, Between, 223, ,,neither Job's wife nor his servant defmitively transcends the state of deception", da beide sich vom Satan verfilhren lassen, und weist darauf hin, daB auch die TOchter nur durch Hiobs Vermittlung zur Geistbegabung geiangten. Susan R. Garrett, The "Weaker Sex", 70, meint sogar, daB im TestHiob "women are those whose hearts are naturally preoccupied with 'earthly affairs'. This preoccupation of the heart makes women vulnerable to the onslaughts of Satan". M.E. iibersieht diese Bewertung aber die interessanten ZwischentOne, die in dieser Schrift vorhanden sind. Die Wahrnehmung der himmlischen Wirklichkeit bzw. des Satans ist nur durch direkte Offenbarung Gottes bzw. das Geben des Gllrtels zu erlangen. Dies gilt sowohl filr Riob (3f; 47,S), als auch filr die TOchter Hemera, Kasia und Amaltheias Keras. Die Frau Riobs, Sidotis, d.h. die Getreidegeberin (zum Namen vgl. van der Horst, 96f) verfilgt ganz selbstverstandlich fiber beachtlichen Besitz (25,1-8; 40,1- 4), bekommt eine Offenbarung (vgl. Act 7,SSf) und wird in ahnlicher Weise von der Kreatur und den Armen beklagt (40,9.13f) wie Riob selbst, nachdem sie eines sanften Todes gewllrdigt wurde (40,6). An zahlreichen Stellen tauchen in der Scbrift zudem Frauen oder Bilder aus der Frauenwelt auf (vgl. besonders 18,4: Hiob vergleicht sein stummes Leiden mit dem einer Frau in den Wehen).
  • 76 KAPITEL2 dieser Diskussion partizipieren. Mit Hilfe des oben aufgefiihrten Literatur- kanons, der zwar keinen Anspruch auf Vollstiindigkeit erheben kann, aber doch der Versuch eines repriisentativen Querschnitt sein will, ist ein Rahmen fUr die Einordnung der Charakterisierungen von Frauenfiguren in den beiden Textfassungen von JosAs gewonnen. 3. DIE ALTE AsENETH In JosAs steht der Sinneswandel Aseneths, ihre Bekehrung oder Verwand- lung, im Zentrum der Erzahlung. Die Darstellung dieser Figur kann dabei grob in drei Phasen unterteilt werden: Die Charakterisierung der 'alten Aseneth' (ca. Kap. 1-13 und 21,10-21(B)),128 die Charakterisierung der 'neuen', d.h. verwandelten bzw. bekehrten Aseneth (Kap. 14-21,9/8) und die Erzahlung von Aseneths Begegnung mit der Welt (Kap. 22-29). Die Darstellung der 'alten Aseneth' solI hier unter zwei Gesichtspunkten untersucht werden. Zum einen wird gefragt, wie diese Figur in die Erzahlung eingefiihrt ist, d.h. wie sie der Erziihler im jeweiligen Text einleitend charakterisiert und wie sie anderen Figuren gegeniibertritt (3.1). In den Blick rUcken hier besonders die Kapitel 1-9. Zum andem werden Aseneths Monologe (Kap. 11-13 und 21,10-21(B)) danach befragt, was Aseneth im jeweiligen Text als ihre Verfehlung benennt (3.2). 1m Vordergrund der Untersuchung steht jeweils die Frage, wo und in welcher Weise die verschiedenen Textfassungen von JosAs sich in charak- teristischer Weise unterscheiden. Ich werde daher die Textabschnitte, in denen sich Kurz- und Langtext deutlich unterscheiden, aufsuchen und im Kontext des jeweiligen Gesamttextes interpretieren. Die These, die es im 128 Die Kapitelangaben fUr die ersten beiden Phasen sind m.E. nicht eindeutig vorweg zu benennen. Sanger (Bekehrung, besonders 29-33, vgl. auch ders., Antikes Judentum, 154-157) hat 9,2/2 die Stelle in den beiden Texten, an der das Stichwort J.1E'tavosiv zum ersten Mal vorkommt, als Zeitpunkt der Bekehrung ausgemacht. For ibn ist "die Bekehrung in 9,2 geschehen, Kap. 10-13 ziehen deren soziale und anthropologische, 14-18 deren soteriologische Seite aus" (Bekehrung, 33). Iedoch kann diese Bestimmung einige Details im Text nicht erkHlren. Z.B. sagt der MENSCH, der Aseneth aus dem Himmel besucht, ihr in 15,5/4 zu: "Siehe (doch), von heute an (a,7tb ~ cn1J.1Epc>v) wirst du wiederemeuert werden" (vgl. auch 15,1/1; 16, 16(B». Dies geschieht gemaB der erzlIhJ.ten Zeit acht Tage nach J.1E'tavosiv von 9,2/2. Will man also 9,2/2 als Bekehrungszeitpunkt annehmen, so mull die ,,Bullphase" in Kap. 10-13 als Zwischenstufe vor der eigentlichen Verwandlung (die zumindest liuBerlich im Langtext tlbrigens erst zwischen 18,4(B) und 18,9(B) stattfmdet) betrachtet werden. Da es sich bei Kap. 10-13 urn die ErzlIhlung von ,,BuBhandlungen" und Monologe Aseneths handelt, in denen sie auf ihr bisheriges Leben und Handeln rekurriert, werde ich diese Kapitel hier im ersten Teil als 'die alte Aseneth' verhandeln und den Schnitt bei der Erscheinung des MENSCHEN aus dem Himmel (Kap. 14) machen. Auf die Frage des Zeitpunktes der Emeuerung Aseneths in Kurz- und Langtext wird im folgenden besonders unter 4. eingegangen werden.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 77 folgenden ZU iiberpriifen gilt, ist, daB Kurz- und Langtext beide die Figur Aseneth in sich konsistent, aber jeweils in spezifischer Weise darstellen. 3.1 Die Vorstellung der Figur Aseneth Kurz- und Langtext unterscheiden sich in Kapitell-9, im Vergleich mit den weiteren Kapiteln, nur geringfiigig. Dies ist bereits ein auffiilliger Tat- bestand, denn er zeigt, daB die Figur Aseneth in beiden Texten am Beginn der Erzahlung in sehr iihnlicher Weise eingefiihrt wird. In 1,4/6 wird Aseneth mit folgenden Worten yom Erzahler vorgestellt: 129 1,4(B): Und er (pentephres) hatte 1,6(Ph) Und Pentephres hatte eine Tochter, eine Jungfrau von eine Tochter, etwa 18 Jahre, 18 Jahren, groB und anmutig Jungfrau, groB und anmutig und und sehr schOn von Gestalt besonders ausgezeichnet durch rnehr als aile SchOnheit 130 rnehr als jede Jungfrauen auf der Erde. Jungfrau auf der Erde. 1,5(B) Und sie hatte 1,7(Ph) Und sie hatte nichts gleich mit den Jungfrauen nichts gleich mit den Tochtern der Agypter, sondem sie der Agypter war gernlill allern gleich mit den Tochtern der Hebriier, und der Hebriier. 131 undsiewar 1,8(Ph) Und sie war groB wie Sara, anmutig groB wie Sara, anmutig wie Rebekka und schOn wie Rahel. wie Rebekka und schOn wie Rahel. Und der Name jener Jungfrau war Und der Name jener Jungfrau war Aseneth. 1,6(B) Und der Ruf Aseneth. 1,9(Ph) Und der Ruf ihrer SchOnheit ging aus in ihrer SchOnheit ging aus in jenes ganze Land und bis an jenes ganze Land und bis an die Grenzen der bewohnten Welt seine Grenzen und es warben urn sie und es warben urn sie aile Sohne der GroBen ... aile Sohne der GroBen ... Die V orstellung Aseneths durch den Erzahler iihnelt, wie bereits mehr- fach bemerkt wurde, dem typischen Anfang eines antiken Liebesromans.132 Besonders ausgepriigt sind die Parallelen zu Charitons Kallirhoe 1.1,1 : 129 Die beiden Textfassungen von JosAs werden in dieser Untersuchung aus Griinden der besseren Verstllndlichkeit und Ubersichtlichkeit in Ubersetzung dargeboten. Die beiden nebeneinander geordneten Spalten geben auf der linken Seite jeweils den Langtext und auf der rechten Seite jeweils den Kurztext wieder. Lediglich bei identischen Passagen oder aber bei Textpassagen, die nur der Langtext bietet, habe ich auf diesen Spaltenabdruck verzichtet. Die Textpassagen, die beide Textfassungen in Ubereinstinunung lesen, werden auch in der Ubersetzung identisch formuliert, wllhrend die Unterschiede in Wortwalil oder grarnmatischer Konstruktion zwischen beiden Textenfassungen ebenfalls ins Deutsche ubertragen werden. Die Ubersetzungen verstehen sich also vomehmlich als ein Hilfsmittel und kOnnen nicht inuner gute deutsche Ubertragungen von JosAs sein. 130 ElnrpB~ -rqi KCtA.A£t O"cp60pa, eigentlich: "sehr in die Augen fallend durch ScMnheit". 131 Die hier vorgetragene Lesar!, die von Philonenkos ediertem Text abweicht, wurde oben Kap. 1,3.3 ADm. 210 begriindet.
  • 78 KAPlTEL2 Hermokrates ... hatte eine Tochter, Kallirhoe mit Namen, die war ein ganz wunderbares GeschOpf und das Entziicken ganz Siziliens. Ihre SchOnheit (KaA.Ao<;) war nicht menschlicher, sie war gottlicher Natur, und war auch nicht die eine Neretde oder einer Bergnymphe, sondem die der Jungfrau Aphrodite selbst. Die Kunde von dem atemberaubenden Erlebnis ihres An- blicks drang in alle Lander, und Scharen von Freiem (j.LVTJCJTi'jPE~) stromten nach Syrakus, Fiirsten und Tyrannensohne, nicht nur aus Sizilien, sondem auch aus Italien und dem Festland und den nichtgriechischen Volkem auf dem Festland. 133 In JosAs wird die SchOnheit Aseneths gemaB der jUdischen Tradition, in der diese Schrift steht, nicht mit AphroditeNenus oder Artemis verglichen, sondern mit der Reihe von Erzmiittem: 134 1,5/8 KCLt ~v J.l£yaAll ~ wppa. KCLt roPCLtCL ~ 'PSf3£KKCL KCLtKCLA" ro<; 'PCLXTJA. Die Attribute ropCLtD<; und KCLA.&; fUr Rebekka und Rahel sind bereits in der Genesis belegt. m AuffaJ.lig bleibt das Attribut ~yCL<; fUr Sara. 136 1m Vergleich der Vorstellungen von Aseneth im Kurz- und Langtext werden drei Unterschiede sichtbar. Zwei davon scheinen mir nur gering- fUgiger Art. Zunachst filhrt der Langtext in der Aufz1ihlung der Attribute Aseneths 1,4(B) die Jungfrllulichkeit Aseneths vor ihrem Alter auf, wogegen der Kurztext zunachst ihr Alter angibt. Auch im spateren Vergleich mit den Agypterinnen und Hebrlierinnen nennt der Langtext die Jungfrauen der Agypter (1,5(B», der Kurztext aber die Tochter (1,7(Ph». Die Jung- frliulichkeit Aseneths wird an dieser Stelle im Langtext starker betont. Weiter heiSt es in der Reihung der SchOnheitsattribute von Aseneth im Langtext abschlieBend 1,4(B): KCLA" -rij) dost (schOn von Gestalt), wogegen der Kurztext sUrcPSm1<; -rij) KaAAEt (besonders ausgezeichnet durch SchOnheit) liest. Die Formulierung des Langtextes stellt Aseneth in die Reihe biblischer Frauengestalten. Als KCLA" -rij) StOSt werden auch Rahel (Gen 29,17), Bathseba (II Sam 11,2), Tamar (II Sam 13,1), Judith (Jdt 8,7) und Susanna (ZusDan(9) 31) beschrieben. Die Auswahl der Frauen, wie auch die wenigen weiteren Stellen der LXX, an denen diese Formulierung vorkommt, unterstreicht die erotische Komponente dieser SchOnheit. 137 Mit Ausnahme Rebekkas sind aile diese Frauen von sexuellen Obergriffen be- 132 Vgl. Philonenko, Joseph et Aseneth, 43; Burchard, Der dreizehnte Zeuge, besonders 66f; ders. Joseph et Aseneth, Questiones actuelles, 87; West, Joseph and Asenath, 71f. 133 Obers. Karl Plepelits. AhnIiche Vorstellungen der Heldin auch bei Xenophon von Ephesus 1.2,5-7; Apul. met. IV.28.!f. 134 Die Auswahl Sara, Rebekka, Rahel fmdet sich auch bei Josephus. Vgl. Halpern-Amaro, Portraits o/Biblical Women. m Vgl. Gen 26,7 (24,16) und 29,17. Auch Sara ist nach Gen 12,141CCtA.". 136 Burchard, Der dreizehnte Zeuge, 66, verweist auf ein ,,konventionelles Ideal" der Rornanheldin; Pervo, Aseneth and Her Sisters, 148 Anm. 28, auf 1QApGen 20,2-8. 137 Dtn 21,11; I Sam 25,3(A) (Abigail); illEsr 4,18; Est 2,2f; Gen 39,6 (Joseph im Anblick der 'Frau des Potiphar'). Der Ausdruck kommt nur Gen 41,2 ohne diese erotische Kornponente vor.
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 79 troffen bzw. werden von ihnen bedroht. 138 Angesichts JosAs 23,1- 27,11123,1-27,8 ist diese BeschreiblUlg auch fUr Aseneth zutreffend lUld wiirde bier, wie auch das restliche erste Kapitel, auf das spater Folgende vorausweisen. 139 An dieser Stelle fallt dieses Attribut in der ReihlUlg aller- dings etwas aus dem Rahmen.140 Die Lesart des Kurztextes ist die schwierigere. Der Ausdruck Ell1tPEnTjC;; 'tql KUAAEl findet sich weder in der LXX noch im jiidisch-hellenistischen Schrifttum ein zweites Mal. Josephus verwendet jedoch fUr die Be- schreiblUlg besonders schOner Menschen 1ihn1iche Fonnulierllllgen. 141 Mit ElmPEmlC;; werden in der LXX lUld anderen jiidisch-hellenistischen Schriften himmlische lUld engelgleiche Wesen beschrieben. 142 Die Fonnulierllllg ist, wenn auch lUlgewohnlich, so doch moglich lUld konnte eine hOhere BestimmlUlg Aseneths andeuten.143 Der HauptlUlterscbied zwischen Kurz- lUld Langtext in dieser Einfiihrung der Person findet sich in 1,5/7. Der Langtext liest bier: "Und sie hatte nichts gleich der JlUlgfrauen der Agypter, sondem sie war gemiiJ3 allem gleich mit den Tochtem der Hebraer." Aseneth wird also bereits in der VorstelllUlg im ersten Kapitel des Langtextes aus der Gruppe der Agypterinnen herausgenommen lUld den Hebraerinnen zugeordnet. Anders heiBt es im Kurztext: "Und sie hatte nichts gleich den Tochtem der Agypter lUld der Hebraer." Aseneth wird also bier sogleich aus der Gruppe der "Nonnalsterblichen" ausgesondert lUld in den Rang der Erzmiitter erhoben, die in jiidisch-hellenistischer Zeit gelegentlich auch mit himmlischen Attributen ausgestattet wurden (vgl. lQApGen 20,2-8). Der bier nur angedeutete Unterscbied zwischen beiden Texten wird in der folgenden UntersuchlUlg noch deutlicher zutage treten. Die nachste direkte Charakterisierllllg Aseneths durch die Erz1ih1er des Kurz-lUld des Langtextes ist im Kapitel2 zu finden. In 2,111 heiBt es: 2,1(B) Und Aseneth schiitzte aile 2,1(Ph) Und Aseneth schiitzte aile Manner gering und verabscheute Manner gering und verabscheute 138 Auch Rebekkas SchOnheit steht im Zusammenhang mit dem Begehren Jakobs. 139 Zur Andeutung des in Kap. 23-29 Folgenden in JosAs 1 siehe unten unter Kap. 2, 5. 140 Argumentiert werden kann, daB die Reihung an dieser Stelle deckungsgleich ist mit der AufzllhIung der Attribute der Emniitter 1,5/8. Aseneth ist im Langtext 1,4(B) flEyaA.., ... Kut ropatu ... Kut KUAT] '[iji Ei&t wie nach 1,5(B) Sara (J.tEyaAT]) Rebekka (vgl. ropuiu Gen 26,7) und Rahel (KUATV nach Gen 29,17: KUAT] 'tiji 6&l. 141 Ant 1200: Die Engel in Lots Haus sind in den Augen der Sodomiter: V6UVtcrKOt 61)1tpE1tslQ. ~ 5'1'6COC;, David wird nach Ant VI.167 beschrieben: ui6c; ... Ell1tP61tTt 00 Kut KUA.6V, Thamar eine 1t(xp8evoe; ~v en 'to 00 Kanoe; BIl1tpEm1c; (Ant VTI.162) Esther bittet urn 'to lie BtBoc; BIl1tPB1tBcr-repav (Ant XI.232) und Paulina hat ein 5'1'tv ELJ1tpEmlC; (Ant XVTIl.66) (vgl. auch Ant 1.302; IV. 129; XI. 196). 142 Vgl. Weish 7,29; Sir 24,14; TestAbr I 2,2; 16,6f; Prophetenleben 16,2. 143 Das Wort EU1tpEmlC; ist jedoch beiden Textfassungen bekannt; vgl. 2,2/3. Die von Burchard, Zum Text, 26, aufgefilhrten Lesarten lieJ3en mE. auch eine Entscheidung nur fur KUA'; zu, was angesichts der anstOBigen Formulierung ICUAT] 'tiji 6tli6t zu iiberlegen ware.
  • 80 KAPlTEL2 sie und war prahlerisch und hoch- sie, miitig zu jedem Menschen, und kein Mann hatte sie jemals und ein Mann hatte sie niemals gesehen, denn Pentephres hatte gesehen, denn Pentephres hatte einen grofien und sehr hohen Tunn, einen grofien und sehr hohen Tunn, der bei seiner Wohnung lag ... der bei seiner Wohnung lag ... Aseneth ist bier als eine Frau beschrieben, die sich von allen Mannem fernhlilt. Auch dies gehOrt zu den Topoi des antiken Liebesromans, in dem der Held (und manchmal auch die Heldin) sich Eros bzw. Aphrodite durch die eigene SchOnheit iiberlegen fiihlt und die Gottinnen und Gotter ver- achtet. l44 1m Kurztext heiJ3t es von Aseneth: ,,(sie) schlitzte alle Manner gering (B~OueSVetv) und verachtete sie (Kam1tIDStv)." Diese Aussagen stehen zwar in Spannung zu 1,6-9/9-14,145 doch sind sie zumindest innerhalb des Kurztextes nicht negativ konnotiert. Das zeigt 7,8/10. Dort freut sich Joseph dariiber, daB ihm Pentephres von Aseneth berichtet, sie sei "eine Jungfrau, die alle Manner haBt (J.ttcrslv)". In 8,111 berichtet er Aseneth dasselbe von Joseph: "er ist eine Jungfrau (1tapgevo<;) ... und haBt (J.ttcrs) jede fremde Frau, wie auch du (Aseneth) jeden fremden Mann." Aseneths Abscheu gegeniiber Mannem ist also bier im Sinne strikter sexuel1er Askese zu verstehen und stellt sie mit Joseph gleich. Der Langtext fiigt allerdings in 2,1(B) zwei weitere Attribute hinzu: Kat llV u')..aL,ffiv Kat U1tBpTJ<p<lVO<; 1tPex; mxvra iiv9pco1toV (und war prah- lerisch und hochmiitig zu jedem Menschen). Angesichts der biblisierenden Sprache von JosAs ist dieser weitere Satzteil sicher als Parallelismus membrorum gedacht, der das Vorhergehende wieder aufuimmt und noch einmal ausdriickt bzw. konkretisiert. Jedoch fillt auf den ersten Blick die Erweiterung von Mann (uviJp) auf Mensch (iiv9pco1tO<;) auf. AuBerdem sind u')..aL,ovsta und U7tBpTJ<p<lvia ausgesprochene Laster, die in den ent- sprechenden Katalogen hiiufig aufgefiibrt werden. l46 In Bezug auf Frauen tadeln zudem der Oikonomia-Pbilosopbie nahestehende Schriftstel1er Hochmut und Prahlerei als frauenspezifische "Untugenden". So schreibt Plutarch in seinen Traktat 'Ptlichten der Ehegatten': Ein lakedemonisches Madchen sagte, als sie von jemand gefragt wurde, ob sie schon zu einem Mann gegangen sei: ,,Nicht ich, sondem jener zu mir." Dieses ist das Verhalten der Hausfrau (OiKoOecmolva), glaube ich (sc. Plutarch), weder zu fliehen oder so BeschafIenes zu verabscheuen, wenn der Mann beginnt, noch selbst anzufangen. Das eine ist niimlich nach Hetarenart 144 Vgl. z.B. die GeringscMtzung des Eros durch Habrokomes (Xenophon von Ephesus 11,4-6) oder Chariklea, Heliodor IT.33. 145 Zu dieser Spannung siehe auch Pervo, Aseneth and Her Sisters, 149. 146 IV Makk 1,26; 2,15; ROm 1,30; IT Tim 3,2; I Clem 16,2; Herm mand VI 2,5; Did 5,1.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 81 (e-ratptKO<;) und frech (haIlO<;), das andere hochmutig (imep"cpavo<;) und lieblos (acptA.OCftopyo<;). 147 tmepTJcpa.via. (Hochmut) meint bier die Weigerung gegenuber den (sexuellen) Wfinschen des Mannes. aA.a.Soveia. (Prahlerei) ist u.a. ein Vorwurf gegen Schmuck tragende Frauen. Perikles wird, so Plutarch, von den Athenern wegen der Errichttmg prachtvoller Gebaude mit den Worten angegriffen: unsere Stadt ist vergoldet und ausgeschmuckt, wie eine eitle Frau (yuvi! aA.ai;wv), die sich behiingt mit kostbaren Steinen und Schmucksrucken und tausend Talenten teuren Tempeln (per. 12,2). Der Erzlihler des Langtextes rugt also dieser ersten nliheren Beschreibung Aseneths einen kritischen Akzent hinzu. Er scheint Aseneths Abgrenzung gegenuber allem Mlinnlichen negativ zu bewerten. Im weiteren Verlauf des Kapitels folgt eine detaillierte Beschreibung von Aseneths Wohnung, deren stereotype Wortwahl sicher mehr als nur den Reichtum dieser Frau ausmalen will. Besonders deutlich ist dies ab 2,10/17. Die Beschreibung des Hofes, in dem Aseneths Turm sowie Pentephres' Haus steht, gleicht der Scbilderung des Paradieses (Gen 2,6.91; athHen 26,1f).148 Der erste Dialog Aseneths folgt nach der Ankunft ihrer Eltern im vierten Kapitel. Thr Vater eroffilet ihr, daB er beabsichtigt, sie dem weisen und ,,mit dem Geist Gottes" begabten Joseph zu vermlihlen (4,7/9).149 Aseneth lehnt diese Offerte ab, indem sie sagt (4,10f/13f): 147 Mor. 14OC-D (18). Vgl. auch Josephus Ant XI. 194; XV.212 und Ov. am. 1715; ill.501 U.O. 148 Vgl. auch die Beschreibung des neuen Jerusalem bei Ez (besonders 47,1.7) und Apk 21,12f; 22,lf, und Kraemer, The Book ofAseneth.792. 149 Pentephres ist bier ilberhaupt nicht als Judenfeind dargestellt, sondem zeigt sich vielmehr sehr gut ilber jildische Geschichte und Theologie informiert. Die ganze Rede des Vaters lautet: 4,7(B) Und Pentephres, ihr Vater 4,8(Ph) Und Pentephres sagte ihr: "Joseph, der sagte ihr: "Siehe, Joseph der Starke Gottes (6 Buva'tO<; 'tOU Starke Gottes (/) Buva'tb<; 'tou 6eou), kommt zu uns heute. 6eou), kommt zu uns heute, Und er selbst ist der Herrscher und er selbst ist Herrscher des ganzen Landes Agypten und des ganzen Landes Agypten und der KOnig, der Pharao, setzte der Pharao setzte ibn als KOnig@acnAia) ibn als Herrscher (c'ipxoV'ta) des ganzen Landes ein, unseres ganzen Landes ein, und er gibt dem ganzen und er selbst gibt der ganzen Land (yiiv) Getreide Gegend (xcOpav) Getreide und rettet es aus der und rettet sie aus der kommenden Hungersnot. kommenden Hungersnot. Und Joseph ist ein 4,9(Ph) Und Joseph ist ein gottesfilrchtiger Mann gottesfilrchtiger Mann (a.viJp 6eoueJ3iJ<;), enthaltsam (a.viJp 6eocreJ3iJ<;), enthaltsam und jungfrllulich (7tlxp6ev<ll;) undjungfrllulich (7tapSevo;) wie du, heute, und Joseph wie du, heute, und
  • 82 KAPITEL2 4,1O(B) 1st dieser nieht der 4,13(Ph) 1st dieser nicht der Sohn des Hirten aus dem Land Sohn des Hirten aus dem Land Kanaan und ist er nieht Kanaan und ist er nicht auffriseher Tat ertappt worden, von ihm verlassen worden? 4,14(Ph) 1st dieser nieht, als er mit seiner Herrin der mit seiner Herrin schlief, und sein Herr warf schlief, und sein Herr warf ibn in das Geflingnis ibn in das Gefiingnis der Finsternis, der Finstemis, und der Pharao fiihrte ibn und der Pharao fiihrte ibn aus dem Geflingnis heraus, aus dem Geflingnis heraus, weil er seinen Traum weil er seinen Traum deutete, so wie aueh die deutete? alten Frauen der Agypter Traume deuten? 4,11(B) Nein, sondem ich werde 4,15(Ph) Nein, sondem ich werde verheiratet werden mit dem den erstgeborenen Sohn erstgeborenen Sohn des Konigs, des Konigs heiraten, denn er ist der Konig denn er ist der Konig des ganzen Land Agyptens. des ganzen Landes. Dies ist eine ErzahlWlg von Gen 37-41 aus einer AuBenperspektive. An eine explizite ,,fable anti-juive" muB man nicht Wlbedingt denken. lso Es gehOrt wenig Phantasie dazu, sie aus Genesis selbst zu bilden. Der Kmztext bildet zwei Episoden, eine aus Josephs Verlassenheit von seiner Familie (Gen 37) Wld eine weitere aus der 'Frau des Potiphar'-Epi- sode Wld der TraumdeutWlg (Gen 39-41).1Sl 1m Langtext bestreitet Aseneth dagegen nur die von ihrem Vater beteuerte Keuschheit Josephs. Davon, daB Joseph von seinem Vater verlassen worden sei, wird bier nicht gesprochen. Statt dessen ist die 'Frau des Potiphar-Episode' starker ausgebaut, aller- ist ein Mann, machtig ein Mann, machtig in Weisheit und Einsicht in Weisheit und Einsicht (l5uva.t<><; ev crc:xpic;r. Ka.t emcrtfv.tn) (l5uva.tOc; ev crc:xpic;r. Ka.t em<miI.Ln) und der Geist Gottes (7tVeliJla. 900u) und der Geist Gottes (1tVeulla. 9sou) ist auf ibm und die Gnade ist auf ibm und die Gnade des Herro (xclplC; Kupiou) des Herm (XclplC; Kupiou) mit ibm. mit ibm. 4,8(B) Kornm nun, mein Kind, 4,IO(Ph) Kornm nun, mein Kind, ich werde Dieh ibm zur Frau geben ich werde Dich ibm zur Frau geben und du wirst ibm eine Braut sein und du wirst ibm eine Braut sein und er wird in Ewigkeit dein und er wird in Ewigkeit dein Brautigam sein." Brautigam sein." Diese Rede weist damit nicht nur Para11elen zu den Charakterisierungen Josephs z.B. in TestSim 4,4 und TestDan 1,4 auf, sondern ahnelt auch der Beschreibung des endzeitlichen KOni~ in PsSa117,37 (Jes 11,2f). Vgl. auch Burchard, JSHRZ, 640 Anm. 7j). I Gegen Philonenko, Joseph et Aseneth, 145. lSI Diese wirkungsvolle Veranderung besteht in einem einzigen Formulierungunterschied. Der Langtext liest (4,10(B)): Ka.t£A.t1cPEh1 E1t' a.~, der Kwztext an gleicher Stelle (4,13(Ph)): Ka.ta.A£A.el1tta.l UTI' a.&tou.
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 83 dings-anders als in den meisten anderen jiidisch-hellenistischen Ausle- gungen dieser Geschichte m --ohne Abwertung dieser Frau. Der nur im Langtext erhaltene Nachsatz von der Traumdeutung der alten agyptischen Frauen, scheint abfdllig gemeint. Diese Aussage steht allerdings im Wider- spruch zu einem breit bezeugten hohen Ansehen der Traumdeutekunst in der Antike, die unter anderem von Vertretem der groBen Philosophenschulen betrieben wurde. 153 Die sich in Aseneths Worten anflinglich spiegelnde Solidaritat mit der Frau des Potiphars kiindigt sie also gegen Ende ihrer Rede gegeniiber anderen Frauen auf. In beiden Textfassungen tritt an dieser Stelle eine selbstbestimmte Frau auf, die sich nicht wie "eine Kriegsgefangene einem fremden Mann iiber- geben" lassen will (4,9112) und sich statt dessen wortgewandt und gut in- formiert wehrt. Die Erzahler von JosAs fassen das Ergebnis der Situation 4,12116 folgendermaBen zusammen: 4,12(B) Als er dieses hOrte, 4,16(Ph) Als er dieses hOrte, scheute sich Pentephres, weiterhin scheute sich Pentephres, weiterhin mit seiner Tochter Aseneth liber mit seiner Tochter liber Joseph zu reden, dennfrech Joseph zu reden, denn und mit Prahlerei und Zorn mit Prahlerei und Zorn antwortete sie ibm. antwortete sie ibm. Der Kurztext spricht, anders als der Langtext, (nur) an dieser Stelle von Aseneths Prahlerei (aA.asoveia),1S4 und deutet damit die Wirkung der folgenden Erscheinung Josephs auf Aseneth an, die ganz im Gegensatz zu ihrer anflinglichen Einschatzung seiner Person steht. aA.asoveia charak- terisiert so im Kurztext Aseneths Verhalten in dieser Situation, nicht ihre Person iiberhaupt. Anders erinnert aA.aSoveia im Langtext an die ein- fiihrende Charakterisierung ihrer Person in 2,1(B) und damit an ihr Ver- halten oder ,,Nicht-Verhalten" gegeniiber Mannem und Menschen. Dieser Erzahler fiigt zudem noch ,,frech" (epacr6~) hinzu. Frech (epacr6~) sein gehOrt ebenfalls zu den Untugendenl55 und wird zudem von zahlreichen Schriftstellem besonders an Frauen kritisiert, die ihren Willen bzw. ihre 152 Vgl. unten Kap. 2, 5.4. 153 Z.B. von den Stoikem Antipatros von Tarsos und Poseidonios oder dem Peripatetiker Dratippos. Unter den berUhmtesten Traumdeuterinnen waren die Pythia von Delphi und die Sibylle (vgl. Theodor Hopfner, Art. Traumdeutung PRE 6/A2 (1937), 2233-2245). Die Polemik gegen die alten traumdeutenden Agypterinnen (4,1O(B)) erinnert an die Polemik des Plutarch (mor. 145C-E) oder des Juvenal (Vl.573-613) gegen Astrologinnen, die nicht nur die Zukunft vorhersagen konnten, sondem auch medizinische RatschUlge erteilten und so anscheinend ihr Auskommen verdienten. Was Plutarch und Juvenal besonders argert, ist ihre Beliebtheit unter Frauen. 154 aA.a/;ov€la nur hier im Kurztext, im Langtext auch 2, I (B); 21,12(B).16(B). ISS Vgl. die Lasterkataloge: I Clem 30,8; Bam 19,3; 20,1; Did 3,9; 5,1.
  • 84 KAPITEL2 Meinung gegenuber Miinnem iiuBem und durchsetzen. 156 Auf die Frage des Konigs, "wie er mit einer Frau harmonisch leben konne", antwortet einer der 72 Weisen im Aristeasbrief: Jndem man erkennt, daB das weibliche Geschlecht frech (9pacru) ist, tatkriiftig in Bezug auf die Taten, die es will, miihelos durch Trugschliisse zu iiberreden und von Natur aus schwach (aaeEvrlC;)' Notig ist es aber, vemiinftig mit ihm zu verkehren undjedem Streit zu widerstehen (Arist 250). Der Erztihler des Langtextes tadelt somit deutlich Aseneths Unabhlingig- keitsstreben und charakterisiert es als "Frechheit" und "Prahlerei".1S7 Aseneth zieht sich anschlieBend wieder in ihren Turm zuriick, von wo aus sie den ankommenden Joseph158 erblickt. Thre Reaktion wird folgen- dermaBen beschrieben: 6,1(B) Und Aseneth sab den 6,l(Ph) Und Aseneth sab den Joseph auf dem Wagen, und sie Joseph, und sie wurde heftig betriibt, wurde heftig betriibt und in ihrer Seele, und ihre Seele wurde zerbrochen, ihr Inneres wurde zerschlagen, und ihre Knie wurden schlaff, und ihre Knie wurden gellihmt, und sie zitterte an ihrem und sie zitterte mit ihrem ganzen Korper und fiirchtete ganzen Korper und fiirchtete groBe Furcht. Und sie seufzte groBe Furcht. Und sie seufzte und sagte in ihrem Herzen ... und sagte ... Diese Beschreibung iihnelt der der Romanhelden und -heldinnen beim ersten Anblick ihrer Geliebten. 1S9 Wie die Romanheldinnen und -heIden fiihrt auch 156 Vgl. z.B. Prov 9,13; 7,13(l:); Sir 22,5; Plut. mor. 142A (vgl. auch 140C-D i"tO.~); Eur. Frgm. 3 (Stob. IV 22.161 (Hense); Frgm. 276 (Stob. IV 22.153 (Hense» . Josephus behauptet Ant IV.219: ,,Ein Zeugnis von Frauen soli es nicht geben, wegen der Leichtsinnigkeit (KO~) und Frechheit (9pUcro<;) ihres Geschlechts." 157 Dies steht irn Gegensatz zur gleichlautenden Charakterisierung Sirneons (23,7/7) und ist somit ein erster Hinweis, daB der ErziIhler des Langtextes die gleichen Worte filr Manner und Frauen unterschiedlich bewertet und moralische Tugenden geschlechtsspeziftsch zuordnet und versteht. Ahnliches wird irn folgenden auch filr 1tappTJCria und 'tOAlltpOc; zu beobachten sein. Zum gleichen Problem in der Neuzeit vgl. Frigga Haug, Die Moral ist zweigeschlechtlich wie der Mensch. 158 Die Beschreibung des einziehenden Joseph erinnert durch die Ausstattung an den Einzug eines Triumphators irn Triurnphzug (vgl. Wilhelm Ehlers, Art. Triumphus, PRE 7/Al (1939), 493-511, besonders 503-507). Filr den Triumphator ist ebenfaJIs ein goldbesetzter Vierspanner belegt, dessen Pferde mit goldenen Zilgeln gezAumt waren (vgl. JosAs 5,4/5). Der Triurnphator tragt ein weiBes Untergewand und einen goldbestickten purpumen Umhang (vgl. JosAs 5,5/6). Hinter dem Triurnphator steht ein Staatssldave, der eine goldene Krone ilber ibn hlllt (vgl. JosAs 5,5/6). In der rechten Hand hlllt der Triurnphator einen Lorbeerzweig, in der linken ein Elfenbeinszepter (vgl. JosAs 5,5/6-7 hier allerdings ein Olzweig, vgl. Gen 8,11).1nt Kurztext tragt Joseph das Szepter in der rechten Hand und es bleibt offen, ob der Autor bzw. die Autorin den Olzweig (5,7(Ph» als Interpretation des Szepters versteht oder nahelegen will, daB Joseph ibn in der anderen Hand tragt.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 85 Aseneth mm einen Monolog fiber ihre weitere Zukunft (6,2-8/2-8).160 1m Langtext wird betont, daB sie diesen Monolog lautlos spricht.l6l 1m weiteren Verlauf der ErzIDllung begegnen sich Joseph und Aseneth direkt. Dabei bleibt die Schilderung von Josephs Verhalten in beiden Texten ambivalent. Einerseits erkennt er Aseneth als seine keusche Schwester an (7,8/10-8,3/2), andererseits lehnt er ihren KuB mit der Bemerkung ab: 8,5/5 Es ziemt sich nicht fUr einen gottesfUrchtigen Mann ... , eine fremde Frau zu kiissen, die mit ihrem Mund tote und stumme Abbilder preist und von ihrem Tisch Brot der Angst iBt und aus ihrem Trankopfer einen Kelch des Hinterhalts trinkt und sich mit Salbe des Verderbens salbt ... SchlieBlich segnet er sie mit folgenden Worten: 162 8,9(B) Herr, Gott meines 8,1O(Ph) Herr, Gott meines Vaters Israel, der Hochste, Vaters Israel, der Hochste, der Starke Jakobs, der Starke, der lebendig machte das All der lebendig machte das All und von der Finsternis und von der Finstemis zum Licht rief zum Licht rief und vom Irrtum zur Wahrheit und vom Tod zum Leben; und vom Tod zum Leben; DuHerr, Du selbst, Herr, mache lebendig segne diese Jungfrau und segne diese Jungfrau und (wieder)emeuere 8,11(Ph) und (wieder)erneuere sie mit deinem Geist sie mit deinem Geist, und bilde sie emeut mit deiner verborgenen Hand und mache sie wieder lebendig mit deinem Leben, und sie sol1 Brot deines Lebens essen und sie sol1 den Kelch deines und sie sol1 den Kelch deines Segens trinken, Segens trinken, und rechne sie zu deinem Volk, das du erwiihlt hast, bevor sie, die du erwiihlt hast, bevor das All geworden ist (sie) gezeugt wurde und sie sol1 in deine Ruhe und sie sol1 in deine Ruhe hineingehen, die du deinen hineingehen, die du deinen 159 Vgl. Xenophon von Ephesus 1.3,lf; 1.4,1-4 (Habrokomes); 1.4,6f (Anthia); Chariton 1.1,7-9 u.O. Vgl. auch Chariton 1.1,14: 'tij<; (5' au-cou A.&to youva-ca ... (Hom. Od. V.297; V.406 u.O.) mit 6, 1(Ph): m yovam. aU'tij<; 1tapEA.6et]o-av. 160 Lang- und Kurztext lesen an dieser Stelle mehr oder weniger den gleichen Text; sie unterscheiden sich aber in der Reihenfolge der Verse. S. dazu oben Kap. l , 3.2. 161 Diese stillen Monologe finden sich jeweils nur im Langtext. Vgl. auch 11,3.15(B). mOglicherweise will der Langtext damit dem Schweigegebot fUr Frauen (vgl. Aristot. pol. 1260a,29f; Sir 26,14, Iambl. vita Pyth. 11.55 u.O entsprechen. .) 1 2 Aseneth wird in Kap 8 zweimaI durch Joseph gesegnet. Bereits 8,3/3 sagt Joseph zu 6 Aseneth: ,,Es segne Dich Gott, der das Alliebendig machte."
  • 86 KAPITEL2 Erwiihlten bereitet hast Erwiihlten bereitet hast. und sie sollieben in deinem ewigen Leben in Ewigkeit. Was bier als Kurztext iibersetzt wurde, ist der Text der Textzeugen der Textfamilie d (BDslav).163 Er ist nicht nur deutlich kiirzer als Josephs Segen im Langtext, sondem es sind auch inhaltliche Unterscbiede festzustellen. Die Bezeichnung Gottes als 6 8uva't0c; 'tou 'IaKffij3 im Langtext ist zwar biblisch, 164 kommt jedoch im Gegensatz zu 'Iroml'P 6 8uva't0c; 'tou geou (3,4/6; 4,7/8; 1l,7(B); 1l,9(B); 18,lfllf; 21,21(B» in JosAs sonst nicht weiter vor. Die Auslassung von Kat a1to n;~ 1tMiVl1~ e~ nlV aA:I18elav (... und vom Irrtum zur Wahrheit ...) verbindet den Kurztext mit der Passahhomilie des Melitus von Sardes, in der es von Mose heiBt: ,,Dieser ist es, der uns rettet von der Knechtschaft zur Freiheit, von der Finsternis zum Licht und vom Tod zum Leben."165 Der Hauptunterscbied l66 besteht jedoch in der Sequenz des Langtextes "und sie solI den Kelch deines Segens trinken und rechne sie zu deinem Volk, das du erwlihlt hast, bevor das All geworden ist", die gegeniiber "und sie soIl den Kelch deines Segens trinken, sie, die du erwlihlt hast bevor (sie) gezeugt wurde" im Kurztext steht. 167 Der Langtext versteht Gottes Volk (A.<X6qIsrael) als Ganzes pradestinatorisch vor der Erschaffung der Welt als erwlihlt. 168 Aseneth soIl zu diesem V olk hinzugerechnet werden. Der Kurztext setzt die Erwlihlten und Israel nicht unbedingt gleich. 169 Aseneth selbst ist bier bereits pradestinatorisch erwiihlt. 170 Damit scheint sie im Kurztext auch an dieser Stelle aus dem , Kreis der Nonnalsterblichen herausgenommen zu sein und zu einen besonderen Kreis, dem auch Joseph angehort, gerechnet zu werden.171 Die 163 Die Textausgabe Philonenkos fOgI an dieser Stelle zahlreiche Lesarten anderer Texte ein. Zur Diskussion s.o. Kap. 1,3.3 besonders Anrn. 207-211. 164 :JPlI' "':JK Oen 49,24; Ps 132,2.5; Jes 1,24; 49,26; 60,16. In der LXX liuva'tD<; ('tou) IaKrop a1Ierdings nur Gen 49,24. 16 oum; 60"t1.V 6 PUO'~Voc; ~ EK oouABta<; de; eABuSeptav. eK CllI:O'tou<; e1<; <p&<;, eK Elava'tou e1<; C;ror,v, EK mpawt1ioc; e1<; f3ac:riAB10V uiffivLOV ... (Melitus von Sardes, Pas- sahomilie 68). Vgl. auch Shlomo Pines, Joseph Halpern (Ubers.), From Darkness into Great Light. 166 Der eigentliche Text BDslav folgl nicht dem Dreierschema: nVUKatV10'ov ... nVa1tAaO'ov ... nvaC;lOO1toh)<Jov ... (8,9(B) 15,5(B)) und llUlt auch das Brot aus. Db man angesichts der liturgischen Sprache dieses gleichmlUligen Dreierschemas auch im Kurztext ergllnzen muD, oder ob man angesichts der Tatsache, daB auch in 15,4(Ph) kein Dreierschema folgt und die Salbe in 8,9/1 Of jeweils fehIt, darauf verzichten soli, kann hier nicht entschieden werden. 167 Die 'Obersetzung ist oben Kap. 1,3.3. Anrn. 198 begrtlndet worden. 168 Zur Erwahlung des Volkes Israel vgl. z.B. IV Esr 5,27. 169 Vgl. auch athHen 1,1; 5,7; 25,5; 39,6; 48,1; 93,19 u.O.; TestHiob 4,11. 170 Von prltexistenter Erwahlung spricht in Bezug auf den Menschensohn bzw. den Erwahlten athHen 48,1-7. Nach ApkAbr 29,15-18 ist Gott allein die Zahl der gerechten Manner bekannt. 171 Vgl. Joseph a1s 6KABK'tCx; 13,IO(Ph) und a1s nyamttD<; 'tep Seep 23,10(Ph). S. auch unten6.
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 87 theologische Tendenz, die bereits in 1,517 angedeutet wurde, wird hier wieder aufgenommen. Als These Hillt sich formulieren: Der Langtext sieht Gottes auserwiihltes V olk (AnOe;) Israel als eigentlichen Ort des Hells. Es gilt, diesem Yolk hinzugerechnet zu werden. Der Kurztext dagegen sieht Gottes individuelle Erwiihlung als Weg zum Hell. Die Erwiihlten zeichnen sich als besondere Menschen gegenuber ihren Mitmenschen aus. In der weiteren Untersuchung wird sich erweisen, ob noch weitere Belege zur Untermauerung dieser These gefunden werden konnen. 3.2 Aseneths Verfehlungen Von Kapitel 10 bis Kapitel 19 st~ht Aseneth allein im Zentrum der Erzab.- lung. Joseph, Pentephres und die Mutter Aseneths verabschieden sich in 10,111 voneinander und gehen fUr die nachsten sieben Tage ihre eigenen Wege. Aseneth bleibt mit ihren sieben jungfraulichen Schwestem zurUck in ihrem Turm. Nach acht Tagen der einsamen Trauer fiihrt sie im Langtext in Kapitel 11 ein Selbstgesprach und spricht in Kapitel 12f in heiden Texten ein Gebet, in dem sie unter anderem ihre Silnden bekennt (12,3-7/4-7). 12,3(B) Zu dir nehme ich Zu- flucht, Herr, und 12,4(Ph) Herr, mein Gott, zu dir werde ich schreien, Herr, zur dir werde ich schreien, dir schUtte ich meine Bitte aus, achte auf meine Bitte; dir werde ich meine Siinden und dir werde ich meine Siinden bekennen und vor dir werde bekennen und vor dir werde ich meine Gesetzlosigkeiten ich meine Gesetzlosigkeiten enthiillen. enthiillen. 12,4(B) Schone mich, Herr, denn ich siindigte vor dir 12,5(Ph) Ich siindigte, Herr, vielfach, ich siindigte, handelte gesetzeswidrig172 und handelte gesezteswidrig und war unfromm und habe Schlechtes unfromm und redete Schlechtes und Unsagbares vor dir geredet. vor dir. 12,5(B) Mein Mund ist besudelt Besudelt, Herr, ist mein Mund von den Opfem der Abbilder, von den Opfem der Abbilder und vom Tisch der Und vom Tisch der Gotter der Agypter. Gotter der Agypter. Ich siindigte, Herr, vor dir 12,6(Ph) Ich siindigte, Herr, vielfach, vor dir, siindigte in Unwissenheit ich siindigte und war unfromm und verehrte tote und als eine, die tote und stumme Abbilder stumme Abbilder verehrte, 112 uvo~iv nur hier, uV~la 12,3/4; 1I,1O(B).17(B)). Da v<'>J.to.; in IosAs keine Rolle spielt (SV'tOATt im Kurztext nur 7,6(Ph) im Langtext auch 7,5(B) 12,2(B); 18,5(B)) scheint mir "gesetzeswidrig handeln" hier als Synonym von UJ..lUp·t(XVE1V eingefilhrt. ucre:13e:iv kOnnte schon eher thematisch verstanden werden, da die dllroAu bzw. die aWl nach 2,3/5; 9,2/2; 11,7(B); 13,1 I (B); 21,13(B) verehrt (crS13e:cr9Ul) werden.
  • 88 KAPITEL2 und jetzt bin ieh nieht wilrdig, und ieh bin nieht wilrdig, meinen Mund (zu) dir, Herr, zu meinen Mund (zu) dir zu oiInen. oiInen, ieh, die Jammervolle. 12,7(Ph) leh siindigte, Herr, vor dir. Und ieh, Aseneth, Toehter leh, die Toehter des Priesters Pentephres, des Priesters Pentephres, die Jungfrau und Konigin, die einstmals eitel die eitle und hochmiitig war und hoehmiitige; und in meinem Reiehtum mehr als alle Mensehen gedieh, bin jetzt verwaist und einsam und verlassen von allen Mensehen. 12,6(B) Zu dir nehme ieh Zu- flueht, Herr, und zu dir bringe zu dir bringe ieh meine Bitte ... ieh meine Bitte ... Das ganze Gebet ist in der Sprache der Psalmen gehalten. 173 Als erste konkrete SUnde nennt Aseneth in beiden Texten: ,Jch redete Schlechtes (1tovry>6.) vor dir" (12,4/5). Der Langtext fiigt apPll'tD<; (Unsagbares) ein. Die SUnde, "Schlechtes zu reden" ist jeweils verbunden mit: ,,mein Mund ist besudelt von den Opfem der Abbilder (ei:OroAa) und von den Tischen der Gotter der Agypter" (12,5/5).174 Ob ein, und wenn ja, welcher kausale Zusammenhang zwischen diesen beiden Aussagen besteht, bleibt offen. Das Bekenntnis dieser SUnde weist zuriick auf 8,5/5; 10,13/14 (1l,9(B).16(B». 12,5/6 fiigt noch allgemein die Verehrung der toten und stummen Abbilder hinzu (vgl. 2,3/4f; 3,6/10; 8,5/5; 9,2/2; 10,12/13 (11 ,7f(B». Aseneths Verfehlungen in beiden Texten bestehen also zunachst in der Verehrung der falschen Gotter und der daraus folgenden Verunreinigung ihres Mundes. 1m Langtext nennt Aseneth noch eine zweite SUnde. In 12,5(B) heillt es: "Vnd ich, Aseneth, die Tochter des Priesters Pentephres, die Jungfrau (1t<xpijevD<;) und Konigin (pa.mAicrcra.), die einstmals eitel (crapa.pO.) und hochmiitig (intePtlcpa.VD<;) war, und in meinem Reichtum mehr als alle 173 Der detaillierte Nachweis wird unter Kap. 2, 6. gefilhrt werden. 174 Eil5wAa heiBen bei den Griechen nicht nur Gespenster und Unterweltwesen, sondem Etl5WAOV ist das Abbild im Gegensatz zum Wirldichen schlechthin. Ell5rowv steht parallel zu "'E~, gegensatzIich zu CtATJ91l; (vgl. besonders das HOhlengleichnis in Plat. rep. 514a- 518b). In der LXX werden mit Ell5roAa GOtterbilder und Gotzen benannt (vgl. z.B. Gen 31,19; Ex 20,41Dtn 5,8; Jes 41,28; 48,5 u.O.). G1eichzeitig schwingt aber in der jildischen Exegese auch hier die Bedeutung "Unwirldichkeit" mit, wenn Philo Rabel nach Gen 31,35 a1s die EI&bAwv Ka&e;~ aimh)cnc; (die auf den Abbildem sitzende Sinnlichkeit) interpretiert (All II 46). Ei&.JAa stehen bei ihm im Gegensatz zum Seienden (1'ntIlpK.Ea; Conf 74), sind Schatten (melal) und Trugbild (qxlVtOJ1ll'ta; SpecLeg I 26). Zum Ganzen siehe Friedrich Bilchsel, Art. Ei&.Jwv, ThWNT 2 (1935), 373-375 (Zitat 373f). Bei Philo steht Agypten filr den Leib bzw. die Sinnlichkeit (vgl. Carl Siegfried, Philo von Alexandria, 193).
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 89 Menschen gedieh (e~vooo(l BV "Ccp 1tAOl)'t(P /lou), 175 bin j etzt verwaist und einsam und verlassen von allen Menschen".176 Die Verbindung mit Reichtum ist zwar fUr das 8tichwort Hochmut (ll1tepr,cpavo<;) traditionell,177 deutet bier aber eine negative Haltung gegeniiber dem Reichtum dieser Frau an. 1m Fortgang des Gebetes geht Aseneth noch einmal auf ihre Fehler ein. In 13,13/9fheillt es: 13,13(B) Und verzeihe 13,9(Ph) Aber, Herr, verzeihe mir, daB ich in Unwissenheit mir, daB ich in Unwissenheit gegen Dich siindigte und gegen Dich siindigte als eine Jungfrau l78 und unwissend vom rechten Weg abgeirrt bin und Liisterworte in bezug und Liisterworte in bezug auf meinen Herm Joseph aufmeinen Herm Joseph gesagt habe, denn ich gesagt habe. 13,lO(Ph) Und ich, wuBte nicht, ich Jammervolle, die Jammervolle, wuBte nicht, daB er dein Sohn ist, weil daB er dein Sohn ist, Herr, ja die Menschen zu mir sagten, denn es sagten mir die Menschen, daB Joseph Sohn eines Hirten daB Joseph der Sohn eines Hirten aus dem Land Kanaan ist. aus dem Land Kanaan ist. Und ich, die Jammervolle, Undich habe ihnen vertraut habe ihnen vertraut und bin vom rechten Weg abgeirrt. und bin vom rechten Weg abgeirrt Und als eine, die ihn und habe deinen Auserw1ihlten, 179 verachtet, Joseph, verachtet habe ich auch tiber ihn und habe tiber ihn Schlechtes geredet, und ich Schlechtes geredet als eine, die wuBte nicht, daB er dein Sohn ist. nicht weill, daB er dein Sohn ist. Der Inhalt dieses 8iindenbekenntnisses ist den Leserinnen und Lesem bereits seit 6,2-7/2-7 bekannt. Bereits dort bekennt Aseneth, daB ihre Einschlitzung Josephs (4,lOfl13f) ein Irrtum war, da sie seine gottliche Herkunft 175 Das Verb EU9EVEiv (vgl. auch 21,12(B)) verwundert allerdings an dieser Stelle, hat es doch sonst nur positive Konnotationen (m.E. auch Dan 4,4(0)). Einen Hinweis gibt vielleicht 21,16(B): ,,1ch vertraute auf den Reichtum meines Glanzes (s7tS1toi9ElV yap btl 'tifJ 1tAOlm!> ~ 1i6l;1l<; J!ou). Das BewuBtsein eigener SchOnheit bzw. "ilbertriebene SchOnheitsspflege" ist ein hllufiger Topos antiker Frauenkritik, s.oben 2.2 und unten 4.5. 176 Die Selbstbezeichnung als eitel (cro/3ap6c;) und hochmiltig (U7tSp,;cpav~) liest auch der Kurztext mit (12,7(Ph)). Sie hat zahlreiche Parallelen in EpigranImen, z.B. Anthologia Graeca V 18; 27; 92; 249 u.O., vgl. auch Plut. Lyk. 6,l 177 Vgl. z.B. Weish 5,8; Jak 4,16. l7B Der Kurztext spricht an keiner Stelle negativ von Jungfraulichkeit, sondem parallelisiert hierin Joseph und Aseneth von Anfang an (vgl. 8,1/1). Der Langtext dagegen spricht 12,5(B); 13,13(B) und 21,12(B) mit abflllligem Unterton von 1tap9£v~. Er scheint diese Charakteri- sierung auch ab 1,5(B) starker zu betonen. 179 Joseph wird an dieser Stelle im Kurztext, Aseneth in 8,11 (Ph) als Erwllhlte Gottes bezeichnet.
  • 90 KAPITEL2 verkannte. In beiden Texten begriindet Aseneth ihr scblechtes und blasphemisches Reden (A.sMlA:rlKa 7t0VllPatpA.a.crCP1lJ.1a) gegenuber Joseph mit ihrer Unwissenheit (ayvota) bzw. damit, daB sie von Menschen in die me gefiihrt wurde. 1m Langtext ist zusatzlich ein weiterer Gedanke aufge- nommen. In 13,13(B) scheint dieses ,Jch siindigte in Unwissenheit" (tv ayvoic;t) erkliirt durch "und als eine Jungfrau und unwissend bin ich vom rechten Weg abgeirrt" (7tap9ivo<; oooa Kat &.8aiJc; 1UmMlV1lJ.1at). Diese Art der Selbstbeschreibung erinnert an Plutarch, der von der Priesterin der Pythia folgendes berichtet: Aufgezogen aber wurde sie in der Wohnung anner Bauem, so daB sie weder von einer Kunst oder irgendeiner anderen Erfahrung oder Macht hinzutriigt, wenn sie in das Orakel hineingeht, sondem gleichwie Xenophon meinte, eine Braut sollte, bevor sie zum Mann geht, so wenig wie moglich gesehen und so wenig wie mogtich gehOrt haben, so unerfahren (U7tEtpo<;) und von allem un- belehrt (aoa"c; ... a7tCivtIDv) und als wahrhafte Jungfrau lebt die Seele mit dem Gott (mor. 405 C-D). Das 7ta.p(}ivo<; oooa Kat a0<l11C; kann als Anspielung auf die oben er- wlihnte Oikonomia-Philosophie verstanden werden, die zukiinftigen Ehe- miinnern riet, glinzlich unerfahrene junge Frauen zu heiraten, die zu be- einflussen seien. 180 Auch einige antike Romane stellen die Heldinnen zu Beginn ihrer Erziihlung in entsprechender Weise dar.l8l Der Langtext laBt Aseneth ihre Siinde, Scblechtes gegenuber Joseph geredet zu haben, durch ihre Unerfahrenheit entschuldigen. Es entsteht damit der Eindruck eines kleinen unmiindigen Madchens, das noch zu erziehen ware, an Stelle des Bildes einer erwachsenen Frau. Neben diesem vom Kurztext mitgelesenen Gebet Aseneths (Kap. 12t) findet sich im Langtext zusatzlich ein Selbstgesprach Aseneths (Kap. 11) sowie ein ausfiihrliches Siindenbekenntnis (21,11-21(B)), das den soge- nannten ersten Teil von JosAs (1-21) abschlieBt. Hier bekennt Aseneth weitere Verfeblungen. Die Siindenbekenntnisse von Aseneth umfassen damit im Langtext mehr als doppelt so viele Worter wie im Kurztext. Dadurch bestimmt die Darstellung der siindigen, 'alten Aseneth' in stiirkerem MaBe die Gesamtcharakterisierung dieser Figur als im Kurztext. In dem 180 Plutarch zitiert Xen. oile. VII.Sf. Das ganze Zitat lautet: "Und wie Sokrates, meinte er, hlitte ich sie fertig ausgebildet bekommen sollen, da sie doch mit nicht einmal fiinfzehn J wen ZIl mir kam, die Zeit davor aber unter stlIndiger Aufsicht lebte, damit sie mOglichst wenig sllhe, mOglichst wenig hOrte und mOglichst wenig fragte" (Obers. Gert Audring). aOa~ kommt zwar bei Xenophon nicht vor, der Gedanke ist aber der Okonomischen Literatur sehr vertraut; vgl. Pseudo-Aristot. oile. (I) 44aI7; Kallikratidas 107,7-11 (Thesletl). 181 Die meisten anderen Heldinnen werden a1s von der AuJ3enwelt abgeschlossene Jungfrauen geschildert, die am Beginn des Romans zum ersten Mal in die Offentiichkeit gehen Cvg. z.B. Chariton 1.1,5; Ninos A4,23-26 (Kussel». Aseneth gleicht unter den alteren Romanheldinnen und -heiden am meisten dem Habrokomes. Vg. auch Pervo, Aseneth and Her Sisters, 148£
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 91 Selbstgesprach in Kapitel 11 (B) betrauert Aseneth, wiederum lautlos (11,3(B).15(B), vgl. 6,I(B», ihre mi13liche Lage. Sie werde von ihren Eltem gehaBt, weil sie deren Gotter verdarb (11,5(B». Aber auch der Gott der Hebraer hasse sie, da sie doc.oAa und fremde Gotter verehrte und ihren Mund mit deren Opfem befleckte (11,9(B». Dariiberhinaus nennt Aseneth hier noch eine weiteren Grund fUr ihre mi13liche Lage: ,,Alle Menschen (&vOpro7tOt) hassen mich, denn auch ich habe jeden Mann (avftp) gehaBt und aBe, die mich freien wollten" (11,6(B». Bemerkenswert ist die bereits in 2,1(B) zu beobachtende Verallgemeinerung nach der sie, obgleich sie (nur) jeden Mann haBt, von allen Mem-chen gehaBt wird (vgl. auch 2.1(B». In dem den ersten Teil von JosAs (1-21) abschlie13enden Sfuldenbe- kenntnis 21,10-21(B), das im Kurztext ebenfalls fehlt, faBt die Aseneth des Langtextes noch einmal ihre vier Sfulden zusammen. Die Uberleitung zu diesem Gebet ist sehr unsicher und in der im VorlT Burchards abgedruckten Form kaum zu iibersetzen. 182 Ich beschriinke mich daher auf die Verse 21,11-21(B). 21,11(B) Ieh siindigte, Herr, <ieh siindigte vor dir, vielfach siindigte ieh>;183 Ieh Aseneth, <die Toehter des Pentephres, des Priesters von Heliopolis, der der Aufseher aIler ist.> 21,12(B)<Ieh siindigte, Herr>, ich siindigte vor dir, <vielfaeh> siindigte ieh; <Ieh> bliihte (eigentlieh: gedieh) im Haus meines Vaters und war eine prahlerisehe und hoehmiitige Jungfrau. 21,13(B)<Ieh siindigte, Herr, ieh siindigte vor dir, vielfaeh siindigte ieh;> ieh verehrte nicht zu ziihlende fremde Gotter und aB Brot aus ihren Opfem. 21,14(B) <Ieh siindigte, Herr, ieh siindigte vor dir, vielfaeh siindigte ieh; Brot der Angst aB ieh und einen Kelch des Hinterhalts trank ieh vom Tisch des Todes.> 21,15(B) <Ieh siindigte, Herr, ieh siindigte vor dir, vielfaeh siindigte ieh;> Und ieh karmte nieht den Herrn, den Gott des Himmels. Und ieh vertraute nieht auf Gott, den Hoehsten des Lebens. 21,16(B) Ieh siindigte, Herr, <ieh siindigte vor dir>, vielfaeh siindigte ieh; ieh vertraute niimlieh auf den Reichtum meines Glanzes und auf meine Sehonheit und war prahleriseh und hochmiitig. 21,17(B) <Ieh siindigte, Herr, ieh siindigte vor dir, vielfaeh siindigte ieh;> Und ieh aehtete jeden Mann auf der Erde gering und es gab keinen <Mensehen>, der etwas vor mit <hi!tte ausriehten konnen.>I84 182 Die im VoriT abgedruckte Fassung heillt: "Und dann begann Aseneth, dem Herm Gott ZIlbekennen und als eine Bittende dankte sie fUr alle guten Dinge, derer sie wilrdig geachtet wurde vom Herm" (vgl. Burchard, JSHRZ, 697; EUxaptO"'tcooa statt EXapicr"tCJ)(1E gelesen). Abgesehen von dem schwierigen Satzbau wilrden die Vokabeln relativ gut in den Langtext passen. <'U;toc; noch 3,3(B); 12,5/6; Aseneth als Bittende (~al) noch 15,14(B); 28,1O(B); f;l;o~oA.OYEV K"tA.. noch 12,3/4; 14,111; 15,212. Die Einleitung innerhalb des langeren paranetischen Abschnitts der Familien F und W (vgl. Burchard, Der jUdische Asenethroman, 570) ~aBt dagegen aufgrund der Wortwahl kaum zum Text. 18 Klarnmem (<» kennzeichnen den Text, der im Griechischen nicht bezeugt ist.
  • 92 KAPITEL2 21,18(B) Ich sfuldigte, Herr, <ich sfuldigte vor dir,> vielfach sfuldigte ich; Und <ich haBte> aile, die urn mich freiten <und> achtete sie gering und ver- abscheute sie. 21,19(B) <Ich sfuldigte, Herr, ich sfuldigte vor dir, vielfach sfuldigte ich; Und ich habe dreiste Dinge in Eitelkeit geredet, und sagte: ,,Es gibt keinen machtigen Mann auf der Erde, der den Giirtel meiner Jungfraulicbkeit losen konnte." 21,20(B) Ich sfuldigte, Herr, ich sfuldigte vor dir, vielfach sfuldigte ich; "Sondem ich werde die Braut des erstgeborenen Sohnes des groBen Konigs sein."> 21,21(B) <Ich sfuldigte, Herr, ich sfuldigte vor dir, vielfach sfuldigte ich;> bis Joseph, der Starke Gottes, kam. Er stiirzte mich von meiner Herrschaft, und emiedrigte mich von meinem Hochmut, und mit seiner SchOnheit fing er mich, und mit seiner Weisheit <ergriff er mich> wie einen Fisch am Angel- haken, Und mit seinem Geist <koderte er mich> wie ein Koder des Lebens, und mit seiner Macht festigte er <mich> und fiihrte mich zum Gott der Ewig- keit, und zum Herrscher des <Hauses> des Hochsten, und er gab mir Brot des Lebens zu essen und einen Kelch der Weisheit <zu trinken> und ich wurde seine Braut in Ewigkeit. Die StellWlg dieses Gebets im Langtext nach der ErzahlWlg der Heirat von Joseph Wld Aseneth Wld der Geburt ihrer Kinder 21,9(B)18~ Wld vor der (folgenden) ErzahlWlg von ihrer GefahrdWlg durch den Sohn des Pharao neWl Jahre spater Wlterstreicht die groBe Bedeutoog dieser VerfehlWlgen fUr die hier dargestellte Figur. Nicht alle Worte dieses ,,Bekenntnisses" sind in den griechischen Handschriften belegt. In den griechischen Mss. F Wld W nicht erhalten sind neben 21,14(B) Wld 21,19f(B) vor allern die WiederholWlg des ,,1ch siindigte, Herr, ich siindigte vor dir, vielfach siindigte ich".186 Durch Aseneths SelbstcharakterisierWlg als u')..at,wv (prahlerisch) Wld im£p"cpa.voc; (hochmiitig; 21,12.16(B)) scheint eine GliederWlg in zwei Strophen gegeben. Die beiden Strophen sind zwei Thernen zugeordnet: 1. die VerweigerWlg der Bezogenheit auf den Henn, den hOchsten Gott (21,l3-IS(B)) Wld 2. die VerweigerWlg der Bezogenheit auf einen Mann (21,17-20(21)(B)). Als u')..at,wv (prahlerisch) Wld im£pTjcpa.voc; (hochmiitig) wurde Aseneth bereits einleitend (2,1 (B)) durch den Erzahler beschrieben. Die 184 In diesem Vers fmdet sich zum dritten Mal innerhalb des Langtextes die Verallgemeinerung alIer Manner zu allen Menschen. Vgl. 2,1(B); 11,6(B). 185 Es ist ilbrigens nicht ganz richtig, JosAs als ,,halachischen Midrasch" zu Gen 41,45-50 und 46,20 zu verstehen, vgl. Singer, Bekehrung, 11, denn im Gegensatz zur Genesis wird in JosAs die Geburt der SOhne Aseneths nur einmal erwahnt. JosAs legt also zunlLchst nur Gen 41,45-50 aus. Die geringe Betonung der Mutterschaft Aseneths kOnnte an der asketischen Grundtendenz der Scbrift liegen. S. auch unten Kap. 2, 5.1. 186 Zur Rekonstruktion, allerdings noch ohne die griechische Handschrift W, s. Burchard, Untersuchungen, 74-90. Der Text der Handschriften F und Wist Bestandteil einer 1lngeren Parlnese, die diese Handschriften nach 21,9 einfilgen. Der Text dieser Parlnese ist abgedruckt bei Burchard, Der jiidische Asenethroman, 569-572.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 93 Wiederholung in diesem zusammenfassenden Bekenntnis zeigt, daB Hoch- mut und Prahlerei im Langtext wesentliche Charakterziige der Figur Aseneth und Beweggriinde ihrer Siinden sind. 1m ersten Teil 21,12-15(B) wiederholt Aseneth, was sie bereits in 12,4f{B) bekannt hatte, allerdings in leicht abweichenden Formulierungen. Genannt wird das Verehren der fremden Gotter und das Essen ihrer Opfer. 187 21,16(B) erkliirt erneut und nun deutlich ihren Reichtum zur Siinde(vgl. 12,5(B». Ab 21,17(B) folgt eine bisher nur in 11,6(B) genannte Siinde, namlich die Verachtung (E~oueBvBlv) (vgl. auch 2,111) bzw. das Hassen (JllaBlv) von Miinnern. 21,17(B) interpretiert die Aussagen aus Kapitel 1, besonders 1,6- 9/9-14 in Verbindung mit 2,111. 21,18(B) nimmt wiederum 1l,6(B) und 2,111 auf. Die nur in nichtgriechischen Zeugen erhaltenen Verse 21,19f(B) schmiicken die Vorstellung weiter aus, indem Aseneth hier bekennt, A.eA.aATJKa 'toAJlTJpa EV Jla'tatan,n (ich habe dreiste Dinge in Eitelkeit geredet) und Kat dnov On OUK Banv avTtp 8uvaa'tT]e; Em 'tfje; Y11e; &; o.v AUcrn nlV l;roVTJv 'tfje; nap9Bviae; Jlou (und sagte, es gibt keinen machtigen Mann auf der Erde, der den Giirtel meiner Jungfraulichkeit losen konnte). Wenn 'tOAJlTJPOc; in Bezug auf Frauen angewendet wird, scheint es zumeist "sich erdreisten" zu bedeuten im Gegensatz zu "ertragen, wagen, den Mut haben".188 Die Dreistigkeit von Frauen besteht oft in der Verweigerung gegeniiber mlinnlichen Herrschaf'tsanspriichen. 189 Das Losen des Jungfrauengiirtels ist eine gebrauchliche Metapher fUr den Beginn einer sexuellen Beziehung. l90 Aseneths Siinde, so bekennt sie hier, besteht also in der Weigerung gegeniiber einer solchen Beziehung bzw. Ehe mit einem Mann. In gewisser Spannung hierzu nimmt 21,20(B) das in 4,11115 Berichtete auf. 187 In 21,13(B) heiBt es: eO"l:~6/lT]v 9EO~ aAAatplo~ ... Diese Fonnulierung kommt im Langtext 1l,7(B) noch einmaI vor. Sonst aber immer nur 'to~ 9EO~ ('trov Aiyu1t-rlrov), besonders auch 2,3(B), von wo der rest1iche Vers 21,13(B) bereits vorgebildet ist. 21,14(B) spricht von 'tpum:t;u wi) 9uvu'tou im GegerISatz zu -rpurcst;u 'trov 9EroV 'trov Aiyu1t-rlrov bzw. 'trov Ei8wAroV (12,S(B) u.O.). Der Rest des Verses findet sich auch in 8,S(B). 188 So jedenfalls der Befund von Gottfried Fitzer, Art. 'tOA/lUro K'tA., ThWNT 8 (1969), 182-187. Die unter A. 'Jm Griechischen' und B. 'In der Septuaginta' aufgefiihrten Belegstellen, in denen Frauen aktiv 'tOA/l~ handeln, sind aIle der vierten Bedeutungsvariante "wagen, sich erkiihnen, sich erdreisten" zugeordnet. Unter den drei anderen Bedeutungsvarianten "a ertragen, aushaIten dulden; b. wagen; c. wagen, den Mut haben, mutig sein" wird keine Frau aIs Ausfilhrende benannt. Leider iibergeht Fitzer selbst diesen Befund. In JosAs fmdet sich ein weiterer Beleg. 'tOA/l~ scheint immer, wenn es Aseneths Handlungen charakterisiert, im Sinne von dreist oder frech verstanden zu werden (vgl. 17,9f(B)). Simeons Handlungen dagegen, in 23,717 ebenfalls mit 'tOA/l~ und 9pacruC; charakterisiert, werden nicht eindeutig abgewertet. Der Kurztext liest diese Worte nur 23,7(Ph) 189 Vgl. Prov 7,13(L); Est 1,18. 190 Vgl. Plut. Lyk. IS und Dion ehr. 8,32, der das EntreiBen des Giirtels der Hypolyte durch Herakles erotisch deutet: ,,Er (Herakles) IOste den Giirtel der Amazone, die sich vor ihm rierte und geglaubt hatte, ihn mit ihrer SchOnheit kleinzukriegen; er schlief bei ihr und gab ihr zu verstehen, daB er ihrer SchOnheit nie erliegen werde" (Obers. Winfried Elliger).
  • 94 KAPITEL2 1m letzten Tell ihres Siindenbekenntnisses bekennt die inzwischen be- kehrte bzw. verwandelte 'neue Aseneth' des Langtextes, wie das Verbaltnis zwischen Frau und Mann nach ihrer jetzigen Meinung auszusehen hat: "Und es kam Joseph, der Starke Gottes, und stiel3 mich herab von meiner Herrschaft (au-ro<; ~ Ka9BtA.eV anD 'tfj<; ouvacr-reiae; ~ou), und er- niedrigte mich von meinem Hochmut (£'t<l1tBiV(ooE ~ anD 'tfj<; l:mePllcpaviac; ~ou), und mit seiner SchOnheit fing er mich (ilYPBU<JE ~), und mit seiner Weisheit ergriff er mich wie einen Fisch an einem Angel- baken (£Kpa'tllcrE ~ IDe; ix9uv £n' aYKpicr-rpcp), und mit seinem Geist kOderte er mich wie mit einem KOder des Lebens (IDe; OBA.eacr~an smile; £BeAiacrE ~), und mit seiner Stli.rke festigte er mich (£crn,PU;E ~) und fiihrte mich zu Gott." Das Herabstol3en aus der Herrschaft (Ka9etA.ev anD -rile; ouvacr-rBiae; ~ou) gehOrt zu den Lobpreisungen Gottes (vgl. Sir 10,14; Lk 1,52). Aller- dings bleibt bier vollig unklar, woriiber Aseneth geherrscht haben solI. Auch das Emiedrigen der Hochmiitigen konnte als Anspielung auf die biblische Tradition verstanden werden. 191 Aber besonders im Vergleich mit dem Folgenden tritt eine weitere Bedeutungsnuance des Wortes -ra1tBwoUcreat zutage. In der LXX ist -ra1tBwoucr9at terminus technicus fUr Vergewaltigung (vgl. Gen 31,50; 34,2; Dtn 21,14; 22,24.29; Jdc 19,24; 20,5; IT Sam 13). Die Errettung wird in der Terminologie sexueller Beherrschung beschrieben. Inwieweit Vergewaltigung ein Thema von JosAs ist, wird an spaterer Stelle untersucht werden.192 Die Verben ,,Er fing mich (aypBuBw)" und "er koderte mich (BeA.eaSBW)" haben erotische Konnotationen. So rat Ovid in seiner ars amatoria dem zukiinftigen Liebhaber: Doch nicht fallt sie von selbst dir herab aus dem luftigen Himmel: Suchen mit eigenem Blick muBt du ein passendes Kind. Weill doch der Jager genau, wo dem Hirsch man spannet die Netze; Weill er es doch, wo im Tal hauset die knirschende Sau. Wohl ist dem Vogler bekannt das Gestrliuch, und der Mann von der Angel Weill, in welcherlei Flut wimmeln die Fische zumeist. Du auch, wenn du Stofffiir dauemde Liebe dir suchest, Leme zuvor, wo stets Mlidchen in Menge du triffSt. 193 Zwar schreibt Ovid Latein, aber er bewegt sich im Vorstellungsrahmen seiner Zeitgenossen. Prov 6,25 und Philo warnen vor der Verfiihrung, d.h. dem Fangen und Kodem, von Frauen.194 191Vgl. z.B. Jes 1,25; PrOY 3,34; Sir 13,20. 192S. aueh unten 5.3f. 193 143-50, Ubers. W. Herzberg und Fritz Burger; Ygl. auch 189f; 115ff, 253ff; 415ff; 463ff. Anthologia Graeca XII 146 u.ti. 194 PrOY 6,25: ,,Lasse die Begierde nach der SeMnheit (der Frau des Nachsten) nieht siegen, dall du nicht mit deinen Augen gefangen wirst UlT)1i8 a.ypeu9fl<;)." Ahnlieh auch Philo
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 95 Diese ,,Jagdszenen" beziehen sich m.E. nicht allein auf die Mission, 195 sondem deuten das Geschehene bin auf eine bestimmte Erotik. l96 Die stolze bzw. prahlerische und hochmfitige Aseneth wird im Langtext von Joseph "gebrochen" und herabgestoBen von ihrer Herrschaft (fiber was?). Er ist ihr FUhrer und Lenker. Aseneth bleibt in ihrem gesamten Bericht der Errettung aus ihrer SOOde passiv. Die, die sich aus eigenem Antrieb weigerte, den von ihrem Vater ausgesuchten Mann zu heiraten (4,10fJ13-15), beschreibt sich bier als Fisch am Angelhaken. Sowohl der Erziihler als auch die erziihlten Monologe und Gebete des Langtextes werten die selbstandige Aseneth als prahlerisch, hochmfitig und frech. Thre Verfehlungen bestehen nicht zuletzt im Vertrauen auf ihre Eigenstandigkeit und in der Ablehnung von Mannem. Der Langtext bewegt sich damit im Rahmen einer Geschlechtermoral, wie sie bei Plutarch und im Arlsteasbrief zum Ausdruck kommt. 197 Von den vier Verfehlungen Aseneths im Langtext, nlimlich ihrer Ver- ehrung der E10r0Aa (1l,9(B).16(B», 12,5(B) 21,14f(B», ihrer Verkennung der wahren Herkunft Josephs (6,2-7(B); 13, 13 (B», ihrem Vertrauen auf ihren Reichtum (12,5(B), 21,16(B» und ihrem MannerhaB (1l,6(B), 21,17- 20(B» nennt der Kurztext nur die ersten beiden (vgl. 12,5f(Ph), 13,9f(Ph». Aseneths Ablehnung der Manner wird bier nicht zu ihren SOOden gezlihlt, sondem stellt sie im Gegenteil mit Joseph auf eine Stufe (8,I(Ph), vgl. auch 4,9(Ph». Das groBe Gebet, das Aseneth im Kurztext betet, beginnt sie mit einer theologischen Reflexion fiber Gottes SchOpfung (12,2f(ph».198 Bereits die 'alte Aseneth' wirkt im Kurztext m.E. selbstandiger. 1m folgenden wird untersucht werden, wie sich die 'neue Aseneth' zu diesen "SOOden" vehiilt. (Virt 40): "Und als sie (Midianiterinnen) in der Nahe des israelitischen Lagers waren, verlockten sie (&A.sa.t.;oum) durch hetllrische Blicke, durch Koseworte, durch unzlIhlige Gebllrden und Bewegungen den leichtsinnigen Teil der Jugend" (ahnlich auch Op 165 und Agr 103 von der t')liovfV. In diesem Zusammenhang kann Philo auch vom Lockmittel bzw. Harken sprechen (Virt 36; Op 165 a.YKlcr'tpOV). 195 So Burchard, JSHRZ, 700. Die bei Otto Betz, Donners6hne, 53f, angefiihrten Belege zeigen allerdings fast ausschlieBlich die Fanger aIs Agenten Beliars. Zu Beliars Macht, Manner mit den ,,Reizen" von Frauen zu fangen, vgl. TestRub, besonders Kap. 4f. 196 Die Darstellung Josephs an dieser Stelle steht aIlerdings fit Gegensatz zur gesamten uberlieferten Josephtradition, die auch dort, wo sie Joseph kritisch gegenubersteht (vgl. Philo, Som I 219-224; II 6-154), keinen Zweifel an seiner Keuschheit (crCO<pp<>mlVT]) lIuBert. Stellt man den antiken Charakter dieses griechisch nur in einem paranetischen Abschnitt der Handschriften FW erhaltenen Silndenbekenntnisses Aseneths in Frage (so schon Burchard, Untersuchungen 106f Anm. 3 und Peter Tachau, Einst und Jetzt, 57), so bleibt das Problem, daB man, aufgrund der deutlichen Verwandtschaft dieses Kapitels mit Kapitel 11 (vgl. besonders 21,13(B) mit 11,7(B); 21,17-19(B) mit 11,6(B)) auch am authentischen Charakter des Kapitels 11(B) zweifeln muBte. 197 Vgl. auch besonders zu 21,11-21(B) Kraemer, Her Share, 111. 198 Sowohl 7,10-8,I(Ph) aIs auch 12,2f(Ph) werden vom Langtext mitgelesen (7,8-8,1(B), 12,1f(B)). Jedoch bekommen beide Stellen fit Gesamtkontext ein anderes Gewicht. 7,8(B) steht m.E. in unaufloslicher Spannung zu 1l,6(B) und 21 ,17-2O(B). S. dam unten 3.4. 12,1f(B) verschwindet zwischen den Silndenbekenntnissen Aseneths in Kap. 11(B) und 12.
  • 96 KAPITEL2 4. DIE NEUE AsENETH Nachdem Aseneth ihr Gebet in Kapitel 12-13 beendet hat, erscheint ihr in Kapitel14 ein MENSCHI99 aus dem Himmel. Er sagt ihr in 15,5/4, sie sei "von heute an wieder emeuert und wieder lebendig gemacht worden".2oo Diese Emeuerung wird im Laufe der Erziihlung durch mehrmaliges Neu- anziehen (14,14f!15-17; 15,10/10f; 18,5-6/3-6) sowie die Beschreibung der Verwandlung von Aseneths liuBerer Gestalt (16,16(B); 18,9-1117; 20,6-7/5; 21,4/3) verdeutlicht. 1m letzten Kapitel wurde gezeigt, daB die SOnde der 'alten Aseneth' im Kurz- und im Langtext sowohl in Aseneths Monologen als auch in der Erziihlung auf jeweils spezifische Weise in den Blick kommt und gewichtet wird. Nun ist zu fragen, ob auch die 'neue Aseneth' unterschiedlich darge- stellt ist. In KapiteI14-21,9/8 tritt die Erziihlung gegeniiber den Monologen bzw. Dialogen starker hervor. Daher wird im folgenden die Er- ziihlerperspektive hauptsachlicher Gegenstand der Untersuchung sein. Es wird jedoch deutlich werden, daB die Figurenperspektiven mit dieser iiber- einstimmen. Die Erziihler charakterisieren die 'neue Aseneth' sowohl in- direkt, indem sie z.B. erzlihlen, was sie besitzt und wie sie handelt, als auch direkt, indem sie z.B. ihr neues Aussehen beschreiben. Als welche Art Frau wird die 'neue Aseneth' dargestellt, inwiefem ist sie verlindert und was ist neu an ihr? Diese Fragen sollen unter folgenden Aspekten untersucht werden. 1. An welchen Orten bewegt sich die 'neue Aseneth' jeweils und welche Tlitigkeiten fiihrt sie aus? 2. Welche Ver- fiigungsgewalt besitzt diese literarische Figur in Kurz- und Langtext, und wie wird ihr Wirkungsfeld beschrleben? 3. Was sieht und erkennt die 'neue Aseneth' in Kurz- und Langtext? 4. Welche Reaktionen und Gefiihle zeigt sie in den beiden Erzlihlungen auf das ihr Widerfahrende? 5. Wie wird das neue Aussehen der 'neuen Aseneth' beschrleben? 4.1 Aseneths Umfeld Mit Umfeld sind hier die Orte gemeint, in denen die 'neue Aseneth' sich bewegt, und ihre Moglichkeit, iiber sie zu verfiigen. Das Umfeld der 'neuen 199 Dieser MENSCH heiSt sowohl im Lang- als auch im Kurztext einfach 6 c'ivepconoc;. Anhand seiner Selbstvorstellung 14,8/7: ,,Heerfiihrer des Heeres des HOchsten (clpxl<Ttpa'tTYOS (14,7(Ph)) O"'tp<ltl6px~ (14,8(8))" ist er mtlglicherweise mit Michael zu identifizieren. In TestAbr 11,4; 2,2; 3,9 u.O. grBar 11,4-8; 13,3; ApkEsr(gr) 4,24, slHen 33,10 ist Michael clpxlO""tp<l'tTYoc; Gottes (vgl. auch Delling, Einwirkungen, 48). Anders allerdings ApkEsr(gr) 1,4 (Raphael). Vgl. auch Mach, EntwickJungsstadien, 271 Anm. 449. Die Mss.- farnilie a filhrt diese Gleichsetzung durch (s. oben 1.3.1). Da die hier bearbeiteten Texte den MENS CHEN niemals benennen, wird er in dieser Untersuchung weiterhin mit MENSCH bezeichnet und, urn Verwechslungen zu vermeiden, in GroBbuchstaben gescbrieben. 200 So jedenfalls der gesicherte gemeinsarne Textbestand (s. oben Kap. 1, 3.3 Anm. 210). Der Langtext filgt zudem ,,neu gebildet" (avanAaO"O"ElV) ein.
  • DlE DARSTELLUNG AsENElHS 97 Aseneth', so meine These, wird im Lang- und im Kurztext auf unter- schiedliche Weise dargestellt. In Kapitel 17 verUiBt der MENSCH Aseneth in Richtung Himmel. Ao- schlieBend falut die Erzlihlung folgendermaBen fort: 18,1(B) Und als Aseneth dieses 18,1(Ph) Und wiihrend dies noch bei sich redete, geschah, siehe, ein Jiingling aus der siehe, ein Jiingling aus der Dienerschaft Pentephres' Dienerschaft Josephs stiirzte herein und sagte: kam und sagte:201 "Siehe, Joseph, der Starke "Siehe, Joseph, der Starke Gottes, kommt heute zu uns. Gottes, kommt heute zu euch." Sein Vorliiufer steht nlimlich vor den Toren unseres Hofes." 18,2(B) Und es eilte Aseneth und rief ihren Erzieher, 18,2(Ph) Und Aseneth rief den Obersten ihrer Wohnung, den Obersten ihrer Wohnung202 und sagte ibm: und sagte: ,,Eile und richte die Wohnung und bereite ein gutes Mahl, ,,Bereite mir ein gutes Mahl, denn Joseph, der Starke Gottes, denn Joseph, der Starke kommt heute zu uns." Gottes, kommt zu uns." Die Unterschiede erscheinen zuniichst von geringer Bedeutung. Bei nliherer Betrachtung fallt allerdings die Nennung eines 'tPocpElx; Aseneths im Langtext auf. 'tPocpElx; konnte vielleicht mit ,,Kleinkinderzieher" wieder- gegeben werden. 203 Dies legt z.B. Plutarch nahe, der zweimal die Reihe: 'tPO<pSlx;, 1tatoayroy&;, owucncaA.oc;204 auffiihrt. Burchard iibersetzt 'tpO<pSlx; mit ,,Nlihr(vat}er".20S Eine 'tpocp&; ist jedenfalls eine Amme, und 'tpO<pSUelV beschreibt den Ammendienst. 206 Diese Bedeutung scheint auch 201 18,1(B): Kat MyEL; 18,1(Ph): MyOlV. 202 oiKla wird hier und im folgenden immer mit "WoJmung" ilbersetzt im Gegensatz zu OK?o1 (Haus). Siehe hierzu unten. 20 So jedenfalIs Komat Ziegler, Art. Zosimos, PRE lOlA (1972), 787-790. Zosimos war der 'tp<XpEU~ des Publius Aelius Aristides und von diesem vielfach in seinem Heiligen Bericht erwahnt MOglicherweise kOnnte Zosimos, wie auch die anderen in dem Heiligen Bericht erwahnten 'tpO(pEl~, Vermittlungsfunktionen in den Heilungen des Asklepius inne haben, denen der ganze iEpOc; l..6yo<; gewidmet ist. Von einem weiteren 'tpO<pE'Ix;, Epagathos, berichtet Aristides, daB er "ganz offenkundig mit den Gottern Umgang hatte und ganze OrakeIsprilche aus Traumen aus dem Gedachtnis aufsagen konnte, und diese pflegten ... in Erfilliung zu gehen" (IV.54 , Obers. Heinrich Otto Schroder). ~ ist auch ein Amt fUr die stlldtische Ve~f1egung in Rom (Ziebarth, Art. 'tpO(pE~ 2, PRE 7/A1 (1939), 675). 04 Plut Alex. 5.4; Aem. 33,3. 20S JSHRZ, 687. Burchard bemerkt: ,,Dec Mann (ist) wohl ein anderer a1s Pentephres' Haushalter 3,4." 206 Vgl. Friedrich Preiseke, Worterbuch II, 62l.
  • 98 KAPITEL2 bei Philo noch nachzuwirken, wenn er yom Logos sagt: 'tpocpsuc; yap Kat na"vOc; OO'toc;.207 1m Langtext JosAs ist der 'tPOCPSUC; ein Mann,208 was sein Aufueten lUll so verwunderlicher macht. Denn von Aseneth hieB es einleitend: ,,Kein Mann hatte sie jemals gesehen" (2,111).209 Deshalb liegt die Vermutung nahe, daB dieser ,,Erzieher" hier eingeschoben ist, lUll Aseneth nicht direkt mit dem Obersten (S1t(l.vro) der Wohnung (oiKia) sprechen zu lassen. Vergleicht man namlich 18,1-2/1-2 mit 3,4/5£ 3,4/5 Und Pentephres rief den Obersten (E1tIXVro) seiner Wohnung und sagte ibm: ,,Eile und richte meine Wohnung und bereite ein groBes Essen, denn Joseph, der Starke Gottes, kommt zu uns heute." so faUt auf, daB die Aseneth des Kurztextes in 18.2(Ph) ziemlich genau Pentephres' Rede aus 3,5f(Ph) wiederholt, wogegen die Aseneth des Lang- textes (nur) ihren ,,Erzieher" anredet. Eine solche Einschrlinkung des Wirkungsfeldes der Aseneth im Langtext Hillt sich im Vergleich zum Kurztext auch an einigen anderen SteUen beobachten. So gehOrt der Jiingling, der in 18,111 zu Aseneth ,,hineinstiirzt", im Langtext zur Dienerschaft Pentephres', im Kurztext zur Dienerschaft Josephs. Diese Vertauschung wirkt zunachst zufallig. Sie scheint mir aber im Gesamtzusammenhang von Lang- und Kurztext jeweils durchaus sinnvoU. 1m Langtext gehOrt der Jfu1gling zum Gesinde der Familie, und die 'neue Aseneth' bleibt somit im Inneren des Hauses verhaftet und hat keinen direkten Kontakt mit Fremden bzw. der AuBenwelt. Damit verhiilt sich die 'neue Aseneth' des Langtextes nach einem Idealbild, das eihe Reihe von antiken SchrifisteUem fUr Frauen entwerfen. Z.B. Xenophon beschreibt in seiner Oikonomia die Aufgaben der "Idealfrau" Aspasia: Du wirst allerdings ... im Hause bleiben und diejenigen Sklaven losschicken miissen, die drauBen Arbeit haben, diejenigen dagegen, die eine Arbeit im Hause verrichten sollen, die muBt du beaufsichtigen, auch das ins Haus Ge- brachte entgegennehmen und, was davon verwendet werden muB, austeilen, was aber ubrigbleiben muB, das hast du im Voraus zu bedenken und zu be- wachen, damit nicht der fUr ein Jahr bestimmte Vorrat in einem Monat ver- braucht ist. Und wenn Wolle ins Haus gebracht wird, muBt du dich darum kiimmem, daB diejenigen Kleidung bekommen, die sie notig haben. Auch 207 ,,Erzieher namlich und Amme ist dieser" (Migr 24). Vgl. auch die starke Betonung des Nahrens in All ill 177, wo Philo von Gott als "tpO<pE~ spricht. Bei Aischyl. Ch. 760 ist "tpO<pdJ~ die Amme. 208 Vgl. 0 'tpo<pe~ (18,2.5(B)); El1tSV a.&tqi 'AO"EvE8 (18,2.4(B)). 209 Eine in Kilikien gefundene Inschrift nennt einen Eunuchen den "tpO<pE~ der Konigin Julia der Jfingeren, die die Tochter des Konigs Tarcondimotos (gestorben 17 n. Chr.) war (vgl. Josef Keil und Adolf Wilbelm, Vorliiufiger Bericht, 57-58). Allerdings wird solches hier nicht gesagt, und es ware wohl fiberzogen, anzunehmen, aIle "tpO<pEt~ von Frauen seien Eunuchen gewesen.
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 99 darum, daB die trockenen Friichte zum Essen gut zubereitet werden, hast du dich zu kiimmern.2lO Ahnlich lautet auch ein Fragment aus Euripides' Werken: ,,Drinnen und in der Dienerschaft haben die Frauen das Sagen. "211 Die Aufgaben der (reichen) Frau liegen also streng innerhalb des Hauses und in der Verwal- tung des eigenen Dienstpersonals. Vor dem Hereinkornmen weiterer Per- sonen wird streng gewarnt: Nie solI ein kluger Mann es dulden, daB Die Frau die Tiire offnet andern Frauen. Die eine stort die Ehe urn Gewinn. Die andre sucht der Siinden Schillerin, Die dritte birst vor Wollust ... So verdirbt Das reinste Haus. Beschutzet euer Tor Mit Hebeln und mit Schlossern, wie ihr konnt!212 Wenn im Kurztext ein ,,Jiingling aus der Dienerschaft Josephs" zu Aseneth kommt, so ist dieser enge Rahmen iiberschritten. Die Erzlihlung des Lang- textes dagegen entspricht den oben genannten Prinzipien. Auch das, woriiber Aseneth verfiigen kann, wird im Langtext anders bestimmt als im Kurztext. So vermeidet es der Langtext streng, vom otKO<; (Haus) Aseneths zu sprechen, was im Kurztext allerdings dreimal geschieht (16,5f(Ph); 20,1(Ph)).213 Eine OiKia. Aseneths kennt der Langtext dagegen (16,23(B); 18,2(B); 20,2(B)).214 Dieser Befund liiBt sich interpretieren, wenn man die Bedeutungsnuancen zwischen otKa<; und OiKia. in den Blick nimmt. "Wlihrend OtKa<; neben 'Haus' als Gebaude schon bei Homer ... und Hesiod ... den gesamten Haushalt einschlieBlich der dazugehOrigen Personen und 210 VII,35; Obers. Audring. 211 Frgm. 927; Obers. Gustav AdolfSeeck. 212 Eur. Andr. 944-951 = Stob. IV 23,4 (Hense), Ubers. Ernst Buschor. Dabei wird nicht nur vor anderen Frauen gewamt. Jesus Sirach formuliert diese "Weisheit": ,,Bei der Tochter mache beharrlich stark die Wache, damit sie dich nicht zwn Gesplltt macht. ... Keinem Menschen zeige sie sich in Sch1lnheit, und inmitten der Frauen sitze sie nieht. Denn aus den Kleidern geht eine Motte hervor, und aus der einen Frau die Schlechtigkeit der andern" (Sir 42,11-13). Jesus Sirach greift dabei mllglicherweise auf "gesammelte Weisheit" des Euripides zurUek. Dies laBt zumindest der nllchste Vers vermuten: ,,Besser die Schlechtigkeit eines Mannes als eine wohltlltige Frau" (Sir 42,14a). Vgl. Eur. Frgm. 546, vgl. Stob. IV 22.187 (Hense): ,)ede (Frau) ist schlechter als ihr Mann, auch wenn der grllBte Sehuft das edelste Weib freit" (Obers. Seeck). Middendorp, Die Stellung Jesus Ben Sirach, 7-34, hat bereits auf die hlIufige Verwendung von Euripideszitaten in Sir 25f aufmerksam gemaeht und unter Verweis auf Sir 39,1 die Benutzung von Chrestomathien vermutet. Vgl. auch oben 2.2. 213 16,1015 und 16,1116 heiBt es irn Langtext BV 'tiii "taJ.Ll.d1p J.L0u, irn Kumext 6V 'tiii OlClp J.L0u. 20,111 sagt Aseneth zu Joseph irn Kumext: &lipo, lCUp£, El<JsA9s siC; 'tOY 0lC6v J.LOu (Wohlan, Herr, komm in mein Haus hinein), wogegen Aseneth irn Langtext sagt: &lipo, lCUptt J.L0u lCat El<JIlA9s sic;; nlV oilClav luiiiv (Wohlan, mein Herr, (und) komm in unsere Wohnung hinein). 214 18,212 und 20,111 liest der Kumext mit (vgl. 18,2(Ph); 20, 1(Ph». 16,23(B) fehlt irn Kumext, was zu grammatischen Schwierigkeiten fiihrt. Vgl. Burchard, Zum Text, 20, aber 16,19(B)!
  • 100 KAPlTEL2 des Besitzes bezeichnet, grenzt Xenophon OiKia. auf die Bedeutung 'Wohnhaus' ein:"2U Was verstehen wir aber nun unter ,,Haus" (01KO<;)7 Sovie1 wie "Wohnhaus" (OiKia.), oder gehOrt auch alles das zum Haus (01KO<;), was einer auBerhalb des Wohnhauses (OiKia.) besitzt7 Mir wenigstens, antwortete Kritobulos, scheint alles zum HallS (OrKO<;) zu gehOren, was jemand besitzt, auch wenn es sich nicht in demselben Staat beflinde, in dem der Besitzer wohnt.216 Auch wenn die begrifiliche Trennung zwischen otKO<; und oiKia nicht streng durchgehalten wird, meint "oiKia tendenziell das Haus im engeren Sinne und die darin wohnende Hausgemeinschaft und otKO<; dariiber hinaus den gesamten Besitz".217 Wenn der Langtext die Rede von Aseneths OtKO<; vermeidet, so Hillt sich also vermuten, der Autor oder die Autorin mochte den Eindruck vermeiden, Aseneth verfUge uber ein solches. Aseneths VerfUgungsgewalt bleibt stattdessen auf den inneren Bereich des Wohnhauses (oiKia) beschriinkt. Damit erweist sich die 'neue Aseneth' des Langtextes wiederum als eine ,,Idealfrau" im Rahmen der Oikonomia- Philosophie. 218 Der Kurztext dagegen spricht nicht nur von Aseneths otKO<;. Aseneth verfiigt auch uber ein Erbteil. In 16,2(Ph) sagt die Aseneth des Kurztextes: ,,Ich will, Herr, zum Acker meines Erbteils (aypav n;c; KATJPOvo/liac; /lou) senden." Im Langtext spricht sie (nur) von KATJPOVo/lia tiJl&v (unserem Erbteil, vgl. 16,4(B». Ahnllch steigt Aseneth im Kurztext 28,8(Ph) "von ihrem Wagen" (ana 'too OxTu.ta'tO<; a~) herab, wogegen sie im Langtext an gleicher Stelle "den Wagen ihres Schutzes" (6K 'too OxTu.ta'tO<; n;c; O"KE1tT)C; aurij<;) verliiBt (28,9(B». Die 'neue Aseneth' des Kurztextes verfiigt also uber Besitz und wirkt daher okonomisch selbstandiger als die des Langtextes. Auch der Bewegungsraum der 'neuen Aseneth' ist in beiden Texten ein unterschiedlicher. In 19,111 kUndigt ein kleines Kind (natBUplOv) ihr emeut Josephs Kommen an. Der Text flihrt fort: 19,2(B) Und Asenetb eilte und 19,1(Ph) ... und Asenetb stieg die Treppe ihres Obergemachs stieg m Dassmann/SchOlligen, Art. Haus II (Hausgemeinschaft), RAe 13 (1986), 803f. Xen. oik. I. 5, 'Obers. Audring. 216 217 Ebd., 804. Vgl. auch Wilhelm Pape, Griechisch-Deutsches Handworlerbuch II, 300- 301, und Henry George LiddellfRobert Scott A Greek-English Lexicon, 1203, unter oiKia sowie Hans-Joseph Klauck, Hausgemeintie, 15-20. 1m folgenden werde ich oiKia immer mit 'Wohnung' wiedergeben, urn den kleineren Bezugsrahmen anzuzeigen, wogegen ich otKa<; weiterhin mit 'Haus' ilbersetzen werde. 218 Vgl. z.B. Philo SpecLeg m 170f (s. oben 2.2). Philo vertritt ebenfalls eine strenge begriffliche Trennung zwischen otKD<; und olKia; vgl. Quaest in Gn rv.145: ,,Denn als Haus wird nicht allein das Gebllude, sondem auch die Gruppe von Mann, Frau und Kindem bezeichnet (Oh::a<; yap ou flOVOV AiY6't'IJ.l .0 OiKoc'i6J!TJW., aJ...'Aa. Kat .0 ~ a.v/lpO<; Kat YUVUlKO<; Kat -tEKVroV ~a)."
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 101 mit den sieben Jungfrauen mit den sieben Jungfrauen hinab zur Begegnung mit dem hinab zur Begegnung mit Joseph. Und sie trat in die ibm. 'Vorhalle' der Wohnung. DaB hier im Langtext das Herabsteigen mit einer genauen Wegangabe, "die Treppe aus dem Obergemach", angegeben wird, mag an seiner Genauig- keitsliebe liegen und wirkt etwas umstiindlich (s. auch oben 2.1). Auffallig bleibt der Nachsatz: "Und sie trat in die 'Vorhalle' (ev 'tip 1tpo8po/lq» der Wohnung." Zunachst muB das Wort 1tPOOPO/lO<; gekliirt werden, das als Ortsbe- zeichnung sonst nicht belegt ist. Die lateinische Uberlieferung liest hier in aditu(m}, also im Eingang. Burchard vennutet, daB 1tPOOPO/lO<; entweder "verderbt aus 1tPOOO/lO<; oder (eine) selbstiindige Weiterbildung aus 8po/l0<;" ist. 219 1tPOOO/lO<; ist eine iiberdachte V orhalle vor dem Haus oder das Zimmer vor den Schlafgemachern,220 8po/l0<; kann eine 'Vorhalle eines Tempels'221 sein. Wenn Burchard, wie ich meine, mit diesen Vennutungen Recht hat, deutet der Nachsatz an, daB der Autor oder die Autorin des Langtextes Aseneth nicht auf der StraBe zeigen will. Philo jedenfalls behauptet: Marktpliitze, Ratsversammlungen, Gerichtshofe, F estziige, Versammlungen groBer Menschenmengen und das Leben im Freien durch Wort und Tat im Krieg und Frieden eignen sich nur fUr Manner; fUr das weibliche Geschlecht aber eignet sich der Dienst im Haus und das hmere allein, fUr die Jungfrauen sind die Tiiren des Frauengemachs als Grenze gesetzt, fUr die Frauen die Tiiren des Hofes (SpecLeg ill 169).222 Indem die Aseneth des Langtextes betont nur bis zur Vorhalle der Wohnung geht, so bewegt sie sich innerhalb der Grenzen, die Philo und andere den Frauen stecken wollen. Damit zeichnet der Erziihler des Langtextes Aseneth wiederum im Sinne der Vorstellungen vom sitts amen Verhalten einer Frau, wie sie in der antiken Oikonomia-Philosophieformuliert werden. 219 Burchard, JSHRZ, 690 Anm. 2a 220 Vgl. Pape, Griechisch-Deutsches Handworterbuch II, 717, und Liddell/Scott, A Greek-English Lexicon, 1475 zu npOOolJ.O<;. 221 Vgl. Pape, Griechisch-Deutsches Handworterbuch I, 668 zu opOlJ.O<; (2.); Preiseke, Worterbuch I, 400 (2.) 'Vorhofeines Tempels'. 222 Vgl. auch Fiacc 89: ,,Die eingesperrten Frauen aber schritten nicht uber den Hof hinaus, und die in ihren Gemilchem lebenden Jungfrauen hielten sich aus Scheu vor den Augen der Milnner sogar vor den Verwandten fem." DaB es sich hier eher urn eine konservative Ideologie handelt als urn die Abbildung realer VerMltnisse, zeigt Philo selbst in Fiacc 95: "Denn nicht nur auf dem Markt, sondem mitten im Theater ergiff man sie (die Frauen) wie Kriegsgefangene und schleppte sie ... auf die Bilhne." Wie aber sollten die AJexandriner(innen) die Ji1dinnen auf dem Markt und im Theater ergreifen, wenn sie sich nur in ihren Wohnungen bewegten? Vgl. auch Sir 42,9-14; II Makk 3,19; ill Makk 1,18; IV Makk 18,7 Pseudo-Phokylides 215f. Zu vergleichbaren Aufierungen nichtjudischer Autoren vgl. Isaak Heinemann, Philos griechische undjiidische Bildung, 233-234, und Slinger, Bekehrung, 19-20 Anm. 51.
  • 102 KAPITEL2 Ahnliches zeigt sich auch in den Bewirtungsszenen am Ende von Kapitel 15-16 sowie im Kapitel20. In Kapitel16 fordert der MENSCH Aseneth auf, ihm eine Wabe zu bringen. Aseneth antwortet: 16,4(B) "Ich werde sofort einen 16,2(Ph) "Ich will, Herr, Knaben zum Landgut schicken, zum denn nahe ist der Acker unseres Erbteils, Acker meines Erbteils senden und er wird dir von dort schnell und werde dir eine Bienenwabe bringen, eine Honigwabe bringen." und ich werde sie dir aufuagen, Herr." Der Langtext betont wiederum, daB Aseneth das Haus nicht verlassen wird. Vielmehr will sie einen Knaben schicken, der die verlangte Wabe bringen soIl. Der Erbteil scheint Familieneigentum zu sein, an dem sie (nur) partizipiert. Die Autoren bzw. Autorinnen des Kurztextes legen anscheinend keinen Wert darauf, solches zu betonen. Das Objekt des ,,ich will senden «utOO"-retAro)" bleibt offen, und es hei13t weiter: ,,ich werde dir eine Honig- wabe bringen" (16,2(Ph». Der Kurztext scheint damit zu rechnen, daB Aseneth eigenstiindig das Haus verlassen kann. Zudem spricht sie hier von ihrem (eigenen) Erbteil. Die 'neue Aseneth' des Langtextes bewegt sich also betont ausschlieBlich im Innem ihrer Wohnung (OilCia., 16,4(B); 19,2(B». Thr Kontakt zur AuBenwelt scheint beschriinkt (18,I(B». Sie verfiigt (nur) fiber ihre Wohnung (OilCtU), nicht aber fiber das OtlCO<; und besitzt im Gegensatz zu der Aseneth im Kurztext weder ein Erbteil noch einen Wagen (vgl. 16,4- 6(B); 20,lf(B); 28,9(B». Der Langtext, so liiBt sich an dieser Stelle bereits vermuten, scheint in seinem Gesamtkonzept dem in der Oikonomia-Lehre Vertretenen ver- pflichtet zu sein. Im Sinne Xenophons beschreibt dieser Text Aseneths Wirkungsfeld im Inneren des Hauses bzw. der Wohnung. GemiiB den Idealen Philos und Jesus Sirachs verliiBt Aseneth hier das Haus nicht und wird auch nicht von Fremden aufgesucht. Haus (01lCO<;) und Erbteil gehOren den sie umgebenden Miinnem.223 Die 'neue Aseneth' des Kurztextes fibernimmt dagegen die Aufgaben ihres Vaters (18,If(Ph». Sie verfiigt fiber Erbbesitz und Wagen (16,2(Ph), 28,8(Ph» und wirkt nicht nur in okonomischer Hinsicht selbstiindiger. Uber ihren Bewegungsraum wird nichts ausdrUcklich festgestellt. Das Besondere an dieser Darstellung der 'neuen Aseneth' ist jedoch nicht, daB hier eine Frau fiber Haus (01lCO<;), Gesinde und Erbteil verfiigt, sondem daB diese 223 Vgl. das von Plut. mar. 140F, vorgetragene Ideal. Siehe oben 2.2 Anm. 90.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 103 Moglichkeiten von Frauen literarisch dargesteHt werden. 224 Der Kurztext-, so laBt sich vermuten, nimmt damit eine andere Position in der antiken Diskussion urn das Frauenbild ein. 4.2 Aseneths Handlungen Es fiel bereits oben auf, daB die Aseneth des Langtextes sich in einem bestimmten, eingeschr1inkten Raurn bewegt. 1m folgenden werde ich die Charakterisierung der 'neuen Aseneth' durch ihre Handlungen genauer untersuchen. Die 'neue Aseneth' des Langtextes scheint das Haus nicht selbstandig zu verlassen, sondem wird jeweils begleitet. So hellit es z.B. 21,4/2: 21,4(B) Der Pharao sandte 21,2(Ph) Und der Pharao sandte aus und rief den Pentephres, aus und rief den Pentephres <und (dies)er kam> und fiihrte und die Aseneth (hin) und stellte die Aseneth. sie vor den Pharao. 1m Langtext ruft der Pharao Pentephres aHein. Aseneth bleibt lediglich Objekt des Gefiihrt- (liYEtv) und Gestellt- (icrtuvat) werdens. Fast wie eine Puppe wird sie zum Pharao gelenkt und vor ibm aufgebaut. 1m Gegensatz hierzu wird Aseneth im Kurztext durch das Rufen (KUM:lv) angeredet und scheint selbstandig zu kommen.225 Die Aseneth des Langtextes wird nach ihrer EheschlieBung ausdriicklich von ihrem Ehemann begleitet. 22,10 (B) Und Joseph und Aseneth 22,7(Ph) Und Joseph und Aseneth gingen in ihr Haus (OtKOV a&rrov). gingen in ihr Haus (OtKOV autrov). 22,11(B) Und Simeon und Levi, Und Simeon und Levi die Bruder Josephs, die Sohne Leas, aHein begleiteten sie, begleiteten sie, die Sohne Silpas und Bilhars, der Miigde Leas und Rahels aber, 224 Das mit JosAs nicht wenig verwandte TestHiob (zur Verwandtschaft vgl. auch Bernd Schaller, Das Testament Hiobs, 308, s. a unten Kap. 3, 1.2) stellt ahnliche Verhaltnisse litera- risch dar. Die T<lchter Hiobs, die hier im Gegensatz zu ihren Briidem keinen Teil des weltlichen Besitzes Hiobs erhalten sollen (anders Hi 42,15), beschweren sich entrUstet (vgl. TestHiob 42,2). 22S AhnIich auch 8,111 : 8,1 (B) Und Aseneths Mutter 8,I(Ph) Und Aseneths Mutter stieg in das Obergemach stieg in das Obergemach hinauf und fiihrte sie hinauf und fiihrte Aseneth und stellte sie vor Joseph. zu Joseph. Im Langtext wird Aseneth wiederum gefiihrt (ay&V) und vor jemanden h.ingestellt icr-C<XVUl), wogegen die Mutter im Kumext Aseneth zu (1tp6c;) Joseph fiihrt (ay&V). Dieses 'jemanden vor jemanden hinstellen' scheint fiir den Langtext auch eine gewisse Hierarchie auszudrUcken. In 17,6(B) heillt es: "und Aseneth rief die sieben Jungfrauen und stellte sie vor den MENSCHEN."
  • 104 KAPITEL2 begleiteten sie nicht, denn sie waren neidisch Wid haJ3ten sie. denn die Hassenden waren neidisch 22,12(B) Und Levi war an der Wid Levi war an der Rechten (Seite) der Aseneth, Rechten (Seite) Aseneths, Joseph an der Linken. Simeon an der Linken Fili die Autorin bzw. den Autor des Kurztextes ist es dagegen vorstellbar, Aseneth von zwei nicht mit ihr verheirateten Miinnern begleiten zu lassen. 226 Wenn sich die 'neue Aseneth' des Langtextes nur in Begleitung ihres Vaters oder Ehemanns aus ihrer Wohnung bewegt, so entspricht sie z.B. den Vorstellungen Plutarchs: Der Mond erscheint uns fern von der Sonne gliinzend Wid leuchtend: in ihrer Nlihe verbirgt er sich und verliert seinen Schein. Umgekehrt ist es mit der tugendhaften Frau: sie mu6 am sichtbarsten sein, wenn ihr Mann dabei ist, aber wenn er nicht da ist, das HallS hiiten Wid drinnen bleiben.227 Die Darstellung der Frauenfigur Aseneth erfolgt im Langtext also auch an dieser Stelle im Sinne ,,konservativer" antiker Vorstellungen der Ge- schlechtermoral. In bezug auf die Bewegungen Aseneths im Langtext flillt zudem die hiiufige Wiederholung des Wortes crm6&tv (eilen) auf. Zwischen Kapitel 14 und 19 werden die meisten Ortswechsel und Handlungen Aseneths mit Ka.1. scrmucrev 'AcrevES Ka.1. eic:rilA.Sev (etc.) eingeleitet (vgl. 14,14(B); 16,1(B); 18,2(B); 18,5(B); 19,2(B».22B Es wird also betont, daB Aseneth ihre Handlungen sofort beginnt bzw. schleunigst ausf'iihrt. Da crmuoetv sonst zu den Anweisungen an Dienstleute, den Obersten des Hauses (E1t(l.Vo) bzw. den Erzieher (-tpoq>e6~) (3,6/9; 18,2(B» gehOrt, wird damit 226 Simeon wird allerdings innerhalb der Textfamilie d nur von der Handschrift B gelesen. D, slav lesen bier Joseph. Jedoch scheint mir "Simeon" nicht nur eindeutig die iectio difficilior zu sein, sondem sie wird auch noch von den Mss. A P (Q) und einer mittelengiischen Versnachdichtung unterstiltzt. 227 mor. 139C. Obers. Snell. Der Vergieich leuchtet nur schwer ein. Das nllchste Beispiel wirkt noch abstruser: ,,Die Agypterinnen durften nach ihrem Landesgesetz keine Schuhe tragen, sie hatten zu Hause zu bleiben" (142C, Obers. ebd.). Plutarchs Anekdote widerspricht allem, was wir von ligyptischen Frauen wissen. Herodot z.B. berichtet: "So gehen in Agypten die Frauen auf dem Markt und treiben Handel, und die Mllnner sitzen zu Hause und weben" (Hdt. n.35; Obers. JosefFeix). Vgi. auch Soph. OK. 337-341. Auch der dritte Vergieich, mit dem Plutarch Eurydike von dieser Auffassung zu iiberzeugen sucht, fmdet sich nur bei ibm: ,,Phidias hatte fUr die Eleer eine Aphrodite verfertigt, die auf eine KrOte trat: ein Symbol dafiIr, daB Frauen schweigen und zu Hause bleiben sollen. Eine Frau darf nur mit ihrem Marm oder durch ibn sprechen, ohne sich es verdrie6en zu lassen, daB sie wie ein FlOtenspieler durch eine fremde Zunge TOne hervorbringt" (mor. 142D; Ubers. ebd.). Zwar bringt Plutarch diese Deutung auch an anderer Stelle (mor. 318E), aber Pausanias, der die Statue ebenfalls erwllhnt, kennt eine solche Deutung nicht (VI.25, 1). Vg1. auch Phintys, 154,1-6 (Theslefl). 228 Hinzu tritt die Aufforderung des MENSCHEN an Aseneth 15,IS(B): ,,Eile und bringe (es, nllmlich den angebotenen Tisch mit Brot und Wein) sogieich" (CJ1t£OOOV Kill cp€pE O.lVt6JlCO~).
  • Dm DARSTELLUNG ASENETHS 105 moglicherweise auch in bezug auf Aseneth ein Untergebenheitsverhaltnis angedeutet. Der Kurztext verzichtet auf diese Charakterisierung der 'neuen Aseneth' .229 1m Langtext wiederholt die 'neue Aseneth' bestimmte Tiitigkeiten: 16,4(B) Ich werde sofort einen 16,2(Ph) Ich will, Herr, Knaben zum Landgut schicken, zum denn nahe ist der Acker unseres Erbteils Acker meines Erbteils senden und er wird dir von dort schnell und werde dir eine Bienenwabe bringen eine Honigwabe bringen. und ich werde sie dir auftragen, Herr. Aseneth beschreibt im Langtext ihre Aufgabe mit "aufuagen" (der Speisen, 1tapanSEV<l1). Auch in 16,1(B) und 16,IO(B) bereitet Aseneth den Tisch und tragt Brot bzw. die Wabe auf. Man konnte vermuten, daB im Hinter- grund solcher Beschreibungen eine bestimmte Vorstellung von Frauenarbeit steht. Nach Xenophon sind die von den Frauen im Inneren des Hauses zu verrichtenden Arbeiten: "Versorgung der neugeborenen Kinder, Zubereitung der Speisen aus den Feldfriichten (... und) Herstellung von Kleidung aus Wolle."230 Allerdings gehen die meisten der Oikonomia-Lehre gewidmeten Schriften von Haushalten mit Sklavinnen aus, und die Anweisungen an die Hausfrauen widmen sich hauptsachlich der Magde- fiihrung. Dennoch bleibt auch fUr freie Frauen, die in Haushalten mit vielen Sklavinnen leben, das Ideal der 'Frau am Spinnrad' bestehen. 231 Der Stoiker Musonius Rufus begrfindet dies folgendermaBen: Da wird vielleicht einer sagen: "Willst du etwa auch, daB die Manner ebenso wie die Frauen spinnen lemen sollen und die Frauen ebenso wie die Manner Gymnastik treiben?,'-Das werde ich freilich nicht fordem. Ich behaupte vielmehr-da bei den Menschen die Manner von Natur das stiirkere Ge- schlecht sind, die Frauen das schwiichere,-daB man jeder der beiden Natur- anlagen die fUr sie fdrderlichsten Leistungen zuweisen muB, die schwereren 229 Nur die 'alte Aseneth' eilt (crne6&av) im Kurztext: 3,9(Ph); 4,I(Ph); 9,I(Ph) 10,4(Ph), jeweils mit Langtextparallele. Nachdem sie am ersten Tag ihrer Trauer nachts hinabsteigt, urn Asche zu holen, 'eilt' sie nicht mehr, sondern bewegt sich bewuBt im Raurn. 230 Xen. oik. Vll.22, Obers. Audring. Ahnlich auch Xen. oik. Vll.35: "Und wenn Wolle ins Haus gebracht wird, muBt du (Aspasia) dich datum kilmmern, daB diejenigen Kleidung bekommen, die sie nlitig haben. Auch datum, daB die trockenen Friichte zum Essen gut zubereitet werden, hast du dich zu kilmmem" (Obers. ebd.). 231 Vgl. das aufrlimischen Grabinschriften hAufig ausgesprochene Lob auf Frauen: donum servavit, lanam fecit. Zu den Wollarbeiten als spezifische Frauenarbeit vgl. auch Wilhelm Kroll, Art. Lana, PRE 12,1 (1925), 594-617, und Pomeroy, Frauenleben, 309. Vgl. auch Xen. oik. Vll.6f; Pseudo-Aristot oik. (1) 43b26-44a5; Bryson m 75.80 (plessner) u.li. Umgekehrt begrUndet Plutarch sein schlechtes Urteil iiber Fulvia, die Frau des Antonius, damit, daB sie eine Frau war, die ihren Sinn weder auf Wollespinnen noch auf den Dienst im Hause richtete (00 mAamuv 06& oilcoupiuv cppovouv yUvaucov; Ant 10).
  • 106 KAPITEL2 dem stiirkeren, die leichteren dem schwiicheren Geschlecht. Daher paBt das Spinnrad besser fUr die Frauen als fUr die Manner und ebenso der Haushalt. 232 Derartige geschlechtsspezifische Hausarbeiten verrichtet Aseneth im Kurztext nicht. Neben dem Ende von 16,4(B) fehlt auch 16,1(B): "und Aseneth eilte und stel1te ihm einen neuen Tisch hin (napa:ngevat) und ging, ihm Brot zu bringen", sowie der Halbsatz 16,10(B) "und sie trug sie (sc. die Bienenwabe) auf den Tisch, den sie vor ihm bereitet hatte". DaB die Autorinnen oder Autoren diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ab- lehnten, liiJ3t sich nur e silentio schlieBen. Jedoch fiillt auf, daB der Kurztext auch an anderen Stellen, an denen der Langtext Aseneths Hausarbeiten betont und sie eindeutig subordinatorisch formuliert, hierzu schweigt. 20,1(B) Und Aseneth sagte 20,l(Ph) Und Aseneth sagte zu Joseph: "Wohlan, mein Herr, zu ibm: "Wohlan, Herr, (und) komm in unsere Wohnung komm in mein Haus hinein, hinein!" denn ich bereitete unsere Wohnung und habe ein groBes Essen gemacht!" 20,2(B) Und sie ergriff'seine Und sie ergriff' seine rechte Hand und fuhrte rechte Hand und filhrte ibn hinein in ihre Wohnung ibn hinein in ihre Wohnung. und setzte ibn 20,2(Ph) Und sie setze Joseph auf den Thron ihres Vaters auf den Thron ihres Vaters Pentephres. Pentephres, Und sie brachte Wasser, urn seine und brachte Wasser urn seine Fiille zu waschen. Fii6e zu waschen. 20,3(B) Und Joseph sagte: Und Joseph sagte zu ihr: ,,Es komme doch eine der Jung- ,,Es komme doch eine der Jung- frauen und wasche meine frauen und wasche meine Fiille." Fii6e." 20,4(B) Und Aseneth 20,3(Ph) Und Aseneth sagte zu ibm: sagte zu ibm: ,,Nein, mein Herr, "Nein, Herr, denn Du bist mein Herr von jetzt an, und ich bin deine Magd. Warum sagst du (dieses), daB eine andere Jung- frau Deine Fiille waschen solI? Denn deine Fiille sind denn meine Hiinde sind meine Fiille, deine Hiinde, und deine Hiinde sind und deine Fii6e sind meine Hiinde, meine Fii6e, und deine Seele ist meine Seele, und gewi6 nicht solI eine und gewi6 nicht solI eine andere dir die Fii6e waschen." andere deine Fii6e waschen." 232 Musonius Rufus Rede 4, 'Obers. Capelle.
  • DlE DARSTELLUNG ASENETHS 107 Im Langtext betont Aseneth wiederum ihre Verriehtung der Hausarbeit bzw. die Vorbereitung der Mahlzeit (21,1(B».233 Zudem ist die dreimal wiederholte Anrede Josephs als ,,mein Herr" bemerkenswert. 234 Noeh deut- lieher wird die subordinatorisehe Auffassung der Stellung Aseneths gegen- fiber Joseph in der Diskussion urn die FuBwasehung. 20,4(B) widersprieht Aseneth Josephs Vorsehlag, eine der Jungfrauen solIe ihm die Hille wasehen, mit dem Satz: ,,Nein, mein Herr, denn du bist mein Herr von jetzt an, und ieh bin deine Magd (1tCl18iOlCll)." Dies ist im Langtext bereits die zweite Selbstbesehreibung der 'neuen Aseneth' als Magd Josephs (vgl. 19,5(B».235 In der ansehlieBenden Begriindung: "denn deine FiiBe sind meine Hille, und deine Hande sind meine Hande, und deine Seele ist meine Seele" gibt sieh Aseneth als Subjekt ihrer Glieder und ihrer Seele zugunsten von Joseph auf. Er wird Subjekt nieht nur seiner Glieder und seiner Seele, sondem aueh Subjekt von Aseneths FiiBen, Handen und Seele. Im Kurztext wirkt Aseneths Widersprueh auf Josephs Vorsehlag, eine der Jungfrauen solIe ihm die FiiBe wasehen, dureh die Auslassung der Verhiiltnisbestimmung Josephs als Herr und Aseneths als Magd nieht explizit subordinatoriseh. Die ehiastisehe Versehrankung von ,,meine"- "deine" in 20,3(Ph): "denn meine Hande sind deine Hiinde, und deine FiiBe sind meine FiiBe" bewirkt zudem, daB Aseneth weiterhin SUbjekt der ver- 233 Wenn Aseneth behauptet, sie habe das Mahl bereitet, so weiB die aufmerksame Leserin und der aufmerksame Leser, daB sie nur die Anweisungen dazu erteilt hat, der 'tpo<pEUc; aber das eigentliehe Subjekt dieser Handlungen ist. Jedoeh seheint mir dies fur antike Leserinnen und Leser keinen Widersprueh darzustellen, da im Rahmen der Oikonomia-Lehre die Aufgaben der Hausfrau zwar mit Spinnen und Speisenzubereitung angegeben werden, jedoeh tatsaehlieh in der Beaufsiehtigung von Magden bestehen. 234 1m Langtext sprieht Aseneth Joseph mehrmals auf diese Weise an (auch 8,2(B) und 19,7(B». 1m Kuntext sprieht Aseneth nur ihren Vater Pentephres mit KUP16<; fioU an (4,6/7 und 4,9/11). 235 In 13,15/12 hatte Aseneth zum AbsehluB des groBen Gebets bereits gebetet: 13,15(B) ... und Du, Herr, gib mieh 13,12(Ph) ... und gib mieh ibm als Magd (7tallitCTKtV und als ibm als Magd (mxllitCTKtV, Dienerin (806ft-tV, und ieh werde ibm sein Bett bereiten und werde seine Fi1Be wasehen damit ieh seine FiiBe wasehe und ibm dienen (lilIXKOvT,crCJ) und ibm diene (IitIXKOvftcrCJ) und ieh werde ibm eine [nur Handsehrift B: und ibm eine Dienerin (806ft-tV sein Dienerin (8ouft-tV sein und ibm dienen (8ouA£ooCJ) und ibm dienen (8ouA£ooCJ)] bis in aile Ewigkeit. aile Zeit meines Lebens. Ahnlieh heiBt es aueh bereits 6,8/8: "Und jetzt gebe mieh mein Vater dem Joseph zur Magd (7tIXllilCTKtV und zur Dienerin (8ouft-tV, und ieh werde ihm dienen (8ouA£ucrCJ) in Ewigkeit." 1m Kuntext werden diese Wiinsehe Aseneths nieht mehr aufgenommen. Aseneth sprieht von sieh selbst als Dienerin (IiOUAtV Gottes in 17,7(Ph). 1m Langtext dagegen bezeiehnet sieh Aseneth als Dienerin (llouft-tV und Magd (7tIXtlitCTKtV Gottes (17,lO(B), als Magd (7tIXtliiCTKtV des MENS CHEN (15,12(B» und stellt sieh Joseph in 19,5(B) auf die Frage, wer sie sei, mit den Worten vor: ,,leh bin deine Magd (7tIXtliiCTKtV Aseneth und die Abbilder warf ieh aile von mir." Vg1. auch 20,4(B).
  • 108 KAPlTEL2 schmolzenen Glieder bleibt, und interpretiert die FuBwaschung nicht als Magddienst, sondem als VereinigungsprozeB,236 Aus dem bisher Beschriebenen Hillt sich folgende These formulieren: Das Bild, das der Langtext von der 'neuen Aseneth' zeichnet, ist das einer guten, sittsamen Tochter und Ehefrau im Sinne der Oikonomia-Philosophie und dem weiteren Kreis ihrer Anhlinger und Anhangerinnen. Die 'neue Aseneth' verlaBt das Haus nicht ohne Veranlassung und Begleitung durch ihren Ehemann. Sie widmet sich den ,,hauslichen Aufgaben" einer Frau, indem sie Speisen zubereitet und aufiragt. Sie bleibt moglichst unsichtbar und ,,huscht" durch den Raum. Die 'neue Aseneth' des Langtextes ordnet sich williger den sie umgebenden Miinnem unter (vgl. 19,5(B); 21,4(B» als die 'alte Aseneth' (vgl. z.B. 4,9-11/11-15). Die 'neue Aseneth' des Kurztextes wirkt dem gegenuber prasenter. Sie bewegt sich selbstandig auBerhalb der Wohnung und des Hauses. Statt sich mit der Bereitung des Tisches zu beschiiftigen, tibemimmt sie in Kapitel 18f die Aufgaben ihres Vaters und fiihrt Joseph in ihr Haus. Statt sich im Sklavinnendienst Joseph unterzuordnen, erklart sie ibm die Verschmelzung beider Leiber. Die 'neue Aseneth' des Kurztextes erscheint selbstbewuBter und freier als die alte. 4.3 Aseneths Sehen Zu den Handlungen, die die Erziihler in JosAs von ihren Figuren schildem, gehOrt die Beschreibung dessen, was die Figuren in den einzelnen Mo- menten der Handlung in den Blick nehmen. Dies dient nicht nur der Lebendigkeit der Erziihlung, sondem charakterisiert ebenso die einzelnen Figuren. Was eine Figur sehen kann und wie sie darauf reagiert, deutet auf ihre Erkenntnisfahigkeit hin und zeigt an, ob und wie sie einer Situation begegnen kann. Anhand von KapiteI14-17, dem Besuch des (himmlischen) MENS CHEN bei Aseneth, solI dies untersucht werden. In dieser Szene sind Aseneth und der MENSCH a11ein in Aseneths Obergemach. Zu Beginn der Begegnung Aseneths mit dem MENSCHEN wird mehrmals erziihlt, was Aseneth sieht und wie sie darauf reagiert. 1m folgenden fiihre ich zunachst den Beginn der Erscheinung des MENS CHEN auf. 14,1(B) Und als Aseneth 14,1(Ph) Und als Aseneth auihorte dem Herm zu auihorte dem Herm zu bekennen, siehe, der bekennen, siehe, der Morgenstern ging aus dem Morgenstern ging aus dem Himmel auf gen Osten. Himmel auf gen Osten, 236 Kraemer, The Book of Aseneth, 812, meint, es "seems plausible that the shorter text utilizes the primordial human being in Gen 1:26-27 as the dominant paradigm of marital love, whereas the longer text here subtly brings in the subordination of Eve to Adam in Genesis 2_3".
  • DIE DARSTELLUNG AsENETIIs 109 Und Aseneth sah ibn und und Aseneth sah ibn und freute sich und sagte: freute sich und sagte: ,,Also erhOrte . 14,2(Ph) ,,Also erhOrte mich der Herr, Gott, mein Gebet, denn der Herr, Gott, denn dieser Stem ging auf als Bote dieser Stem ist ein Bote und Verkiinder des Lichts und Verkiinder des Lichts des groBen Tages." des groBen Tages." 14,2(B) Und alsAseneth (noch) hinsah, (und) siehe, nahe dem 14,3(Ph) Und siehe, nahe dem Morgenstern spaltete sich Morgenstern spaltete sich der Himmel, und es der Himmel, und es erschien ein groBes und erschien ein unaussprechliches Licht. unaussprechliches Licht. 14,3(B) Und Aseneth sah (es) undfiel auf 14,4(Ph) Und Aseneth fiel auf ihr Angesicht auf die Asche. (ihr) Angesicht auf die Asche Und ein MENSCH kam zu ihr und ein MENSCH kam zu ihr aus dem Himmel aus dem Himmel und trat zu Aseneths Kopf. und er trat zu ihrem Kopf 14,4(B) Und er riefsie und und rief sie: sagte: ,,Aseneth, Aseneth!" ,,Aseneth!" Und sie sagte: "Wer 14,5(Ph) Und sie sagte: "Wer ist es, der mich ruft, ist es, der mich gerufen hat, denn die Tiir meines Gemaches denn die Tiir meines Gemaches ist verschlossen und der Turm ist verschlossen und der Turm ist hoch? ist hoch? Wie also kam er hinein Wie ist er in mein Gemach in mein Gemach?" hineingekommen?" 14,6(B) Und der MENSCH rief 14,6(Ph) Und der MENSCH rief sie zum zweiten Mal sie zum zweiten Mal und sagte: ,,Aseneth, Aseneth!" und sagte: ,,Aseneth, Aseneth!" 14,7 (B) Und sie sagte: Und sie sagte: "Siehe, ich, Herr, wer bist Du? "Siehe, ich, Herr, verkiinde mir, Verkiinde es mir!" wer Du bist!" 14,8(B) Und der MENSCH sagte: l4,7(Ph) Und der MENSCH sagte: "Ich bin der Herrscher des "Ich bin der Heerfiihrer des Hauses des Herm und Hauses des Herm und der Heerfiihrer des der (Ober-)Heerfiihrer des ganzen Heeres des Hochsten. ganzen Heeres des Hochsten. Stehe aufund stell dich Stell dich auf deine Fiille, und ich werde auf deine Fiille, und ich werde zu dir meine Worte reden." zu dir reden." 14,9(B) Und Aseneth hob ihren 14,8(Ph) Und Aseneth hob ihre Kopf empor und Augen und sah, und siehe, (es war da) ein sah, und siehe, (es war da) ein Mann gemlill allern gleich dem Mann gemlill allem gleich dem Joseph, der StoIa, Joseph, der StoIa, dem Kranz und dem koniglichen dem Kranz und dem koniglichen Stab. Nur sein Angesicht Stab. 14,9(Ph) Nur sein Angesicht war wie ein Blitz war wie ein Blitz
  • 110 KAPITEL2 und seine Augen und seine Augen wie ein Strahl der Sonne wie ein Strahl der Sonne und die Haare seines Kopfes und die Haare seines Kopfes wie eine Flamme des Feuers wie eine Flamme des Feuers, einer angeziindeten Fackel,237 und und seine Hiinde und Hille strahlten seine Hiinde und Fii6e wie Eisen aus dem Feuer, wie Eisen aus dem Feuer. und Funken fielen herab von seinen Hlinden und FiiBen. 14.10(B) Und Aseneth sah 14,1O(Ph) Und Aseneth sah (es) und fiel aufihr (es) und fiel auf ihr Angesicht Angesicht zu seinen Fii6en zu seinen FiiBen auf die Erde. Und Aseneth fiirchtete sich in groBer Furcht mit groBer Furcht und zitterte undZittem. mit allen ihren Gliedem. Der Langtext betont im Eingang dieses Abschnitt einerseits das Sehen Aseneths, anderseits die fibernatiirlichen Zfige der Erscheinung smrker als der Kurztext. Wabrend Aseneth noch hinsieht, erscheint das "groBe ood unaussprechliche Licht" (l4,2(B)), so daB es schlieBlich als zwangsliiufig erscheint, daB sie diesem Sehen nicht standhalten kann: "Und Aseneth sah ood fiel aufihr Angesicht" (14,3(B)). Thre Reaktion betont den Kontrast, die GroBe des Geschehenden. Der groBen Erscheinung ist die ,,kleine Aseneth" nicht gewachsen. Zwischen den Versen 14,3(B) und 14,10(B) bleibt sie erschreckt ood furchtsam. Der Kurztext erzlihlt dieselbe Begebenheit, jedoch ohne das Sehen Aseneths ausdrUcklich zu wiederholen (vgl. 14,2-3/2). Damit bleibt die erste Erw3.bnoog von Aseneths Sehen der Leserin ood dem Leser in Erinnerung: "Und sie sah ihn (den Morgenstern) ood freute sich" (14,1(Ph)). Nachdem der MENSCH sich als 'Heerfiihrer im Haus des Herm' (14,8/7) vorgeste11t hat, wagt es Aseneth wiederum hinzusehen. Dazu muB sie sich aber zunachst aus der Asche erheben. 1m Kurztext heiBt dies: "und Aseneth hob ihre Augen ood sah" (Kat tjpt ..oue; OcpeaAlloue; autfje; Kat ttOt, 14,8(Ph)), wiihrend der Langtext: "Und Aseneth hob ihren Kopf empor ood sah" (em;pt nlV Kt<p<lA..,V au'tfjc; 'AcrtVB9 Kat dot, 14,9(B)) schreibt. Vermutlich soIl hier eine Assoziation abgewiesen werden, die die Formulierung des Kurztextes hervorrufen konnte: das Heben der Augen konnte als Verhalten einer Prostituierten verstanden werden. In Sir 26,9 z.B. heiBt es: 237 U1tOAal.17tac; nur hier und eventuell Act 20,8 in der Bedeutung Fackel. Die Bedeutung Lichtluke (vgl. Walter Bauer, Griechisch-deutsches Worterbuch (6 1988), 184) will zumindest hier nicht passen. M.E. handelt es sich bier urn den Versuch, Aall1t6C; zu steigem. V gl. auch unten Anm. 255.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 111 Die Hurerei einer Frau sind in die Hohe gehobene Augen und an ihren Augenlidem wird sie erkannt.238 Es scheint mir allerdings unwahrscheinlich, daB der Kurztext eine soIche Anspielung bewirken will. Denn die Darstellung Aseneths ist im Kurztext gerade in dieser Hinsicht iiber jeden Verdacht erhaben (vgl. 2,1 (Ph); 7,10f(Ph) oder Kap. 26-27). Die Nennung der Augen (Cxpea4J.oi) Aseneths bildet hier vielmehr eine Klammer zu 17,6(Ph). Der MENSCH erscheint 14,8(Ph) vor Aseneths Augen und verschwindet 17,6(Ph) wiederum vor denselben.239 Nachdem der (himmlische) MENSCH in Aseneths Blickfeld beschrieben ist (14,9/8f), flillt sie wiederum auf ihr Angesicht. 1m Langtext schlieBt sich ein ausfiihrlich geschilderter ProzefJ des Fiirchtens an, der deutIich ausgernalt ist: "Und Aseneth sah (es ... und) fiirchtete sich mit groBer Furcht und zitterte an allen ihren Gliedem" (14,10(B». 1m Kurztext bleibt "in Furcht und Zittem" adverbiale Bestimrnung zum ProzeB des Fallens (14, 1O(Ph». Auch wenn der Langtext die Furcht Aseneths starker betont als der Kurztext, ist die Furcht und das Erschrecken vor himrnlischen Lichtgestalten bereits bei Ezechiel und dann in der Apokalyptik regelm1illiger Topos. Von hier aus deutet sich auch der Eingang des Gespriiches mit dern MENS CHEN. Die doppelte Anrede 14,4.6/6 und Aseneths Antwort iBoo Brill KUpI£ leitet auch in I Sam 3,4.6;240 IV Esr 14,2; ApkMos 41,1; ApkAbr 8,2f U.O.;241 TestHiob 3,lf eine gottliche Offenbarung ein.242 Die Aufforderung "Verkiinde mir, wer du bist!"243 und die anschlieBende 238 Sir 26,9: 7tClpvEia YUValKOc; ev Jlf"t£CDplOJ.lOtC; CxpeaI..J.Liiiv Kat ev 'tOtC; I3l..EcpapOtC; au~ yvcooetlcre'tal. 2 S. auch unten Anrn. 256. Der Langtext verzichtet auf eine solche Klammer. Zwar verschwindet der MENSCH auch bier 17,8(B) aus Aseneths Augen, jedoch scheint dieser Autorin bzw. diesem Autor das Heben von Augen zu eindeutig im Sinn von Sir 26,9 besetzt, so daB sie oder er lieber "und sie hob ihren Kopf' formuliert. 240 Auf die Antwort konnte auch Jes 6,8 11506 eilll iyro eingewirkt haben. 241 ApkAbr 9,lf; 12,6; 14,1; 14,9; 19,1f; 20,1f. 242 Burchard, Der dreizehnte Zeuge, 89, hat zu Recht darauf aufmerksam gemacht, daB diese Form der Anrede nicht auf den g6ttiichen Bereich beschrllnkt ist (vgl. Gen 27,19). Allerdings ist eine Tendenz, die doppelte Namensnennung auf die Anrufung durch himmlische Wesen zu beschranken, deutlich zu spUren. Vergleiche z.B. ApkAbr 8,2f; 9,1f; 19,1f; 20,1f (Anrede Abrahams durch Gott) mit ApkAbr 1,9f; 5,1f (Anrede durch seinen Vater) oder LibAnt 53,4 (vgl. auch Klaus Berger, Die Aujerstehung, 436 Anrn. 31). Wenige "profane" Beispiele doppelter Anrede sind aber nachweisbar: z.B. TestHiob 24,1; Lk 10,41. Vor aHem geMren diese heiden Elemente sowie die im folgenden aufzuzeigenden zu den "interspezifischen Elementen ... , (die sich) haufig am Beginn des Erscheinungsberichts oder zumindest der Auftragsrede oder (c) aber am SchluB fmden" (Berger, ebd., 154). Dies gilt auch, wenn diese Elemente einen "oftmals profanen Ursprung und eine eigene Traditionsgeschichte" hahen (ebd., 153). 243 14,7(B): -riC; et aU UVUYYlllAOV Ilot. 14,6(Ph): avayyetA.6v IlOl -ric; et aU. 14,5(B): -riC; Bmw 6 Kal..c1iv 1!Il. 14,5(Ph): -riC; 6 KaAia-ac; 1!Il.
  • 112 KAPITEL2 SelbstvorstellWlg des MENS CHEN Ercb EiJ.ll (14,8/7) finden sich ebenfalls in anderen ErscheinWlgsberichten (vgl. Gen 46,2f; Ex 3,4-6).244 LibAnt 53,2 Wld IV Esr 14,2f zeigen, daB sich aus Ex 3,4-6 ein Muster der Prophet(inn)enberufimg entwickelte.24s Burchard246 Wld Bernd Schaller247 haben versucht, aus JosAs 14,1-9; TestHiob 3f; ApkAbr 8,1-9,8 Wld Act 9,3-8par ein gemeinsames Darstel- lWlgsmuster einer Bekehnmgsvision zu erheben. Jedoch weist keiner ihrer Belege das 'gemeinsame DarstellWlgsmuster' aller veranschlagten For- melemente auf. So erscheinen Paulus, Abraham Wld Hiob Licht Wld Stimme gleichzeitig, nicht aber Aseneth. Die Frage "Wer bist du?" (TIc; sf (aU» stellen nur Aseneth Wld Paulus (nicht Act 22,10: n 1tOt..,crO), Wld die mit Ercb SiJ.ll eingeleitete SelbstvorstellWlg fehlt im TestHiob. Vielmehr bekommt Hiob eine Offenbanmg dessen, was sich ereignen wird, Wld in der jetzigen Form des TestAbr folgt sogar eine Himmelsreise. 248 Die amiisante Wld ausgiebige ErziihlWlg des Gotzendienstes249 in ApkAbr 1-8 wurde zu- nachst ohne die anschlieJ3ende Apokalypse iiberliefert Wld hOrte offenbar mit der SelbstkWldgabe Gottes, der Aufforderung aus Gen 12,1 Wld der Zerstorung von Abrahams Vaterhaus auf.250 In JosAs fehlt im Gegensatz zu TestHiob 2,3 Wld ApkAbr 7,6-7 die Bitte urn Offenbanmg Gottes. Sie ware auch vollig fehl am Platz, wie Klaus Berger bereits richtig gesehen hat,2S1 da Aseneth ab Kapitel 6 bereits weill, mit wem sie es zu tun hat. D.h. JosAs 14,1-9/1-9 ist keine eigenstandige Bekehnmgsvision, sondem wurde nach dem Modell der Prophet(inn)enberufimg als EpiphanieerziihlWlg gestaltet.2S2 Den EinfluJ3 von EpiphanieerziihlWlgen, besonders der sich in der Apo- kalyptik weiterentwickelnden Formen, zeigt nicht nur die zweifache Proskynese: Kat £1tScrsv E1tt 1tpocrO)1tOV E1tt nlv -recppav/Em 'to~ 1tooac; au'tou 14,3.10/4.10 (vgl. u.a. Ez 1,28; atbHen 14,14; 60,3; 71,2.11; IV Esr 244 Die Frage lautet in Ex 3,4: n EO't1.V. 245 Berger, Die Auforstehung, 193-198, vennutet den EinfluB von Ex 3f lediglich auf Bekehrungsvisionen, zu denen er aber (vtlIlig zu Recht) JosAs 14 nicht z!IhIt Fur JosAs spricht er nur von einer 'Obemahme der Elemente einer Bekehrungsvision (ebd., 197). Siehe jedoch die folgende Diskussion der ,,Bekehrungsvision" im Text. 246 Burchard, Der dreizehnte Zeuge, 88-97. 247 Schaller, Das Testament Hiob, 327 Anm. a zu TestHiob 3,1. 248 Dieses Spiel mit Unwissenheit und Offenbarung der Geheimnisse fmdet sich ausgiebig imIVEsr. 249 Gestaltet ist diese Gtltzenpolernik gleichfaIls aus Elernenten aus II Sam 5; Jes 44,12-20; 46,1-7. Die Tradition, daB Abraham sich vom GOtzendienst seiner Vliter abwendet, kennt auch Jub 11, 16f. Ahnliche Motive finden sich auch TestHiob 2, If. 250 Vgi. BeIkis Philonenko-Sayar und Marc Philonenko, Die Apokalypse Abrahams, 416- 417. 251 Berger, Die Auferstehung, 197. 252 Berger, ebd., 190, hat JosAs 14fbereits in die Nahe der Thronvisionen gebracht, jedoch ohne dies naher auszufilhren.
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 113 10,30; Apk 1,17253 ), sondern aueh die Fortfiihrung des MENS CHEN (14,11111): "Sei getrost, Aseneth, und fiirehte dich nieht, sondern stehe wieder auf (und stelle dieh) auf deine Fiille, denn ieh werde zu dir (meine Worte) sagen. "254 Zur Verdeutliehung stelle ieh parallele Passagen aus Dan 10,5-12 und dem Kurztext JosAs 14,8-11(Ph) gegenuber.2SS Dan 10,5 Kat ~pa JosAs 14,8(Ph) Kat ~PE 'toO<; o<p8aly.J.otx; 1l0U 'toO<; Ocpealy.J.oO<; a&ti;c;256 Kat Et80v Kat iOOu av9pro7tO; Kat El&: Kat i006 UvrlP EtC; EV&:OU"wvo; poo01.va 01l0mc; Ka'ta. mZ'tV'ta Kat TIJV ocrcpuv 7t£pl£SOlCfJ.l£VOC; 'tep IOlmlCP Tii cr'tOATI pucraivrp Kat EK "wcrou Kat 'tep Cf'tEcpUVrp alYtou cp&c; Kat Tii paP&P Tii pa01.AtKTI 10,6 Kat 'to croolla alYtou rocrEt 9apcnc; Kat 'to 7tpOcrOl7tOV 14,9(Ph) 7tA"V 'to 7tp6crOl7tOV alYtou rocrd opacrtc; UCf'tpa1tfic; alYtou Tjv roc; UCf'tpani] Kat oi Ocpealy.J.ot au'"COu Katoi Ocpealy.J.ot alYtou rocrd A.a.1l7taBEC; 7tUp6c; roc; yeyyoc; TJAiou Kat at 'tpiXEC; riic; KEcp<lAfjc; alYtou roc; <pM/; 7tUjJOc; Kat oi ppaXiOVEC; alYtou Kat ai XElpec; Kat Katoi7tO&:c; oi 7t6&:C; alYtou rocrd XaAKOc; ~aCf'tpU7t'tOlV ... Olcm.Ep criOTjpo; EK 7tUp6c; 14,IO(Ph) Kat et&:v 10,9 EYro TlIlTjV 7t£7t'tOlKOOc; 'AcrEVE9 Kat E7t£crEV E7tt npOcrOlnov 1l0U E7tt npOcrOl7tOV Em TIJV yTiv E7tt 'toO<; 7t00aC; alYtoii ... 10,11 Kat etnev IlOt 14,11(Ph) Kat Et7t£V auTii <> LlaVlTjA ... avepro7tO; 9apcrEt 'AcrEve9 ... EYro A.a.AOO Em cr& Katll" cpoJ3oii m S. auch Berger, ebd., 537 Anrn. 314. H4 Der Text in den Klammem gehOrt jeweils nur :rum Langtext. 8apcn;t 'AO"!wEe Kat J.L" <pOj3ou [!pO~118fl~1a.na. a.vacm1ll Kat cnijEh Em 'to~ 1t6&xs crou Kat AaJ.:Ilcroo 7tpO<; crt. m pwa'ta J.LOU. 25 Auf eine m/lgliche literarische Verwandtschaft von JosAs 14,9/9 mit Dan 10,6 hat bereits Delling, Einwirkungen, 48, hingewiesen, allerdings ohne weitere Schlilsse daraus abzuleiten. V gl. auch Christopher Rowland, A Man Clothed in Linen. Ich habe mich hier aus Gr1Inden der Praktikabilitat bzw. der Obersichtlichkeit auf den Kurztext beschrllnkt. An zwei Stellen zeigt der Langtext weitere Parallelen zu Daniel ilber den Kurztext hinaus. In l4,9(B) heillt es hier: ,,Die Haare seines Kopfes (waren) wie eine Flamme des Feuers einer angeziindeten Fackel." Der fiber den Kurztext hinausgehende Text: imoAClJ.L1tcXooc; KCltoJ.Lf.Vl1~ k/lnnte, wenn imoAClJ.L1ta~ tatsllchlich Fackel heiSt, auf Dan 10,6: "seine Augen waren wie Feuerfackeln" (AClJ.L1t~ ~) anspielen. Ebenso flIllt Aseneth im Langtext l4,10(B) ,,zu seinen Fo.Ben auf die Erde", wie Daniel 10,9 "aufsein Angesicht auf die Erde flIllt". 256 l4,8(Ph) "und sie hob ihre Augen und sah" erklllrt sich aus der m/lglicherweise beabsichtigten Parallele zu Dan 10,5 sowie Sach 2,1.S; 5,1; 6,1. Dies hat bereits Delling, Einwirkung, 34, angemerkt,jedoch ohne den Zusammenhang zu verdeutlichen.
  • 114 KAPITEL2 Kal. CJTTiSt i:J.')..,f.iJ. i:J.vci0"'t'T)9t E7tl. 'tou 'tOn:ou crou ... E7tl. 'toll<; 7t600<; crou 10,12 Kal. ei1tEV 7tp(x; JlB Kal. ')..,a')..,"croo 7tpO<; crE.2S7 Mr) cpoJ3ou... Der Vergleich von Dan 10,5-12 mit JosAs 14,8-1O(Ph) [14,9f(B)] laBt die Verwandtschaft deutlich zutage treten. Die beiden himmlischen Gestalten wirken wie Doppelganger.258 Sowohl Daniel als auch Aseneth fallen ange- sichts der Erscheinung zu Boden. Beiden wird gesagt: ,,Fiirchte dich nicht", und beide werden aufgefordert, sich wieder hinzustellen und die Botschaft entgegenzunehmen. Dabei muB man keine direkte literarische Verwandtschaft zwischen Dan und JosAs annehmen.2S9 Diese Motivkette---nlimlich das Sehen einer glan- zenden Gestalt, das 'in Furcht auf die Erde Fallen' und der anschliefiende Zuspruch ,,Fiirchte dich nicht"-ist bereits bei Ez (1,26-2,2) belegt und in m UbersetzungDan 10,5ff1JosAs 14,8ff(Ph): Dan 10,5 Und ieh hob rneine JosAs 14,8(Ph) Und Aseneth hob Augen und ieh sah, und siebe, ihre Augen und sah, und siehe, einMenseh, einMann der in Byssus gekleidet war gemaB a1lern gleieh dern Joseph, und der die HUfte mit Byssus urn- der Stoia, dem Kranz, gilrtet hatte, und aus seiner Mitte und dern kOnigliehen Stab (kam)Lieht. Und sein KOrper war wie ein Chrysolith, und sein Angesieht war 14.9(ph) Nur sein Angesieht war wie das Aussehen eines Blitzes, wie ein Blitz und seine Augen waren wie und seine Augen wie Faekeln des Feuers, ein Strahl der Sonne und die Haare seines Kopfes wie eine Flarnme des Feuers und seine Arme und Beine und seine Hllnde und seine FilBe wie hervorblitzende Bronze. wie Eisen aus dern Feuer. 10,9 reh war auf 14,1O(Ph) Und (Aseneth) tiel auf rnein Angesieht auf die Erde ge- ihr Angesieht zu seinen fallen. FilBen .... 10,11 Under 14,II(Ph) Und der MENSCH sagte: ,,Daniel sagte zu ihr: ... ieh rede zu dir "Sei getrost, Aseneth, stell dieh an deinen Platz ... " filrehte dieh nieht, 10,12 Und er sagte zu rnir: sondem stell dieh wieder auf deine ,,Filrehte dieh nieht ..." FilBe und ieh werde zu dir reden ... " 258 Sowohl Daniel a1s aueh Aseneth sehen einen Mensehen, dessen Angesieht strahlt wie ein Blitz, dessen Augen wie Feuer funkeln und dessen Gestalt wie glilhendes Metall Funken sprilht. Vgl. a Rowland, A Man clothed in Linen. 259 Die Besehreibungen erseheinender Himmelswesen sind aile sehr lIhnlieh. Vgl. besonders Apk 1,13-15; slHen 1,5; Mt 28,3 und die Besehreibung der himmlisehen Gestalten in Ez 1,26-28; itthHen 46; ApkZeph 6,11-15 (zitiert naeh O. S. Wintermute); ApkAbr 11.
  • DlE DARSTELLUNG ASENETHS 115 der apokalyptischen Literatur weit verbreitet (vgl. athHen 14,20-15,1; 71,1- 3; siHen 1,4-9; 20,1f; 22,1-5;260 grBar 7,5-6, Mt 28,2-10; Apk 1,12-19).261 Wir haben es also in JosAs 14 mit einer Epiphanieerziihlung zu tun. Von hier aus erklaren sich eine ganze Reihe weiterer Details der Erscheinung des MENSCHEN (JosAs 14-17). Aseneth wird im Fortgang des KapiteI14 vom MENS CHEN aufgefordert, sich wnzuziehen. Er sagt: 14,12(B) Lege das schwarze 14,12(Ph) Lege das schwarze Untergewand deines Leides ab ... Untergewand ab ... und ziehe ein neues, 14,13(Ph) und ziehe eine neue unberiihrtes und ausgezeichnetes und unberiihrte Leinengewand (O'tOAtl AlvTi) an, StoIa an, und giirte deine Hiifte mit und giirte deine Hiifte mit demneuen deinem leuchtenden (AUIl1tpU) doppelten Giirtel doppelten Giirtel deiner Jungfrauenschaft. deiner Jungfrauenschaft. Die Erziihlung fahrt fort, indem sie beschreibt, was Aseneth nun anzieht: 14,14(B) ... und sie zog ihr 14,15(Ph) und sie zog eine ausgezeichnetes, unberiihrtes neueund Leinengewand an leuchtende (AUIl1tpU) (StoIa) (O'tOAtl ... AlvTi) und an. 14,16(Ph) ... und giirtete sich mit giirtete sich mit ihrem doppelten Giirtel einem doppelten leuchtenden (AaIl1tpU) Giirtel ihrer Jungfrauenschaft, ihrer Jungfrauenschaft einen Giirtel urn ihre Hiifte und einen Giirtel urn die Hiifte und den anderen Giirtel bei ihrer einen auf die Brust. Brust. Auch Henoch wird, im Thronsaal angekommen, zuniichst einmal umge- zogen: The LORD said to Michael: ''Take Enoch, and extract (him) from the earthly clothing. And anoint him with the delightful oil, and put (him) into the clothes of glory." And Michael extracted me from my clothes. He anointed me with the delightful oil; and the appearance of that oil is greater than the greatest 260 SlHen wird irn folgenden, soweit nicht anders vennerkt, nach der Rekonstruktion Uld Dbersetzung des Ms A von F. 1. Andersen, 2 (Slavonic Apocalypse of) Enoch, zitiert. 261 In slHen 1,4-9, Uld Apk 1,12-19 folgen wie in JosAs aile vier Elemente direkt aufeinander: Apk 1,12-16/sIHen l,4f. BesehreibUlg des Mensehen irn Anbliek des Sehers; Apk 1,17 niederfa1len1sIHen 1,7 vemeigen in Fureht; Apk 1,18/sIHen 1,8 Zuspruch: Filrehte dieh nieht; Apk 1, 19/sIHen 1,9 Auftrag. Interessant ist, daB Mt 28,2-10 seine ,,ErseheinUlg des Auferstandenen" gegen die Markusvorlage ebenfalls in diesem Schema darzustellen scheint, ohne daB eine parallele EntwieldUlg in Lk oder Jh zu beobaehten wllre (vgl. Mt 28,3 : Engel sieht aus wie ein Blitz; Mt 28,4 die Waehen ersehrecken; Mt 28,S der Engel sagt zu den Frauen: "Filrchtet eueh nicht!"; Mt 28,7f Auftrag: "Geht Uld verkilndet"; Mt 28,9 Frauen fallen vor Jesus nieder; Mt 28,10 Jesus spricht ihnen emeut ,,Filrchtet euch nicht!" zu Uld wiederholt den Auftrag).
  • 116 KAPITEL2 light, its ointment is like sweet dew, and its fragrance like myrrh; and its shining is like the sun. And I gazed at all of myself, and I had become like one of the glorious ones, and there was no observable difference. 262 Wie Aseneth muB auch Henoch fUr den Empfang der himmlischen Bot- schaft vorbereitet werden, und zwar indem er eine neue und gHinzende Gestalt erhiilt, die die anderen Anwesenden im lbronsaal bereits haben. 263 DaB Aseneth himmlischen Besuch bekommt, Henoch sich aber auf einer Himmelsreise befindet, ist dabei m.E. kein ausschlaggebender Unterschied. Aseneth empfangt ihren Besuch zudem in ihrem Turm, der zumindest auch einen Ort zwischen Himmel und Erde symbolisiert. Es faIlt freilich auf, daB der Langtext jeweils von ,,Leinengewand" (O"'tOA:., Aivi'j) spricht, der Kurztext dagegen von einem leuchtenden (AaJ..l1tp6<;) Gewand bzw. Gilrtel,264 Eine O"'tOATt AaJ..l1tpa (gHinzende StoIa) filhrt nach TestAbr I 16,6f. zu einem Aussehen "sch/)ner und wohlan- sehnlicher als die Sohne der Menschen ... und zur Gestalt eines Erzen- gels".26~ Auch Henoch wird mit 01 gesalbt, welches "greater than the greatest light" ist (sIRen 22,9). D.h. richtig gliinzt die 'neue Aseneth' nur im Kurztext. Hier aber hat sie von nun an eine himmlische Gestalt 266 262 SlHen 22,8-10, Ubers. Andersen. 263 Brustgilrtel sind auch ApkZeph 6,12; Apk 1,13; 15,6 Attribute himmlischer Wesen. TestHiob 48-50 zeigt, daB der Empfang von (Brust-)Gilrteln zur Verwandlung in ein himmlisches Wesen filhrt. Die drei TOchter Hiobs beherrschen nach dem Anlegen der Gilrtel die himmlischen Sprachen. Vgl. z.B. TestHiob 48,2f: "Und sie bekam ein anderes Herz, so daB sie nicht mehr an irdische Dinge dachte. Sie redete begeistert in engelhafter Sprache und schickte ein Lied zu Gott empor gleich dem Gesang der Engel" 264 Vgl. auch 18,6/4. 1m Kurztext zieht Aseneth wiederum einen leuchtenden Gilrtel (~roVll AIlJ!~) an, im Langtext einen goldenen (~roVll xpucrfi). 26 Leuchtende (AIlJ!np6e;) Gewander tragen auch die himmlischen Personen aus athHen 14,20; Act 10,30; Apk 15,6; 19,8. Der himmlische Noah glanzt von Geburt an (athHen 106,2). In LibAnt spricht Gott zu Josua: ,,Aber nimm die Gewander seiner (Moses) eigenen Weisheit, und zieh dich an, und mit dem Gilrtel seines Wissens umgilrte deine Lenden, und du wirst verwandelt werden und wirst zu einem anderen Mann werden" (20,2, Ubers. Christian Dietzfelbinger). 266 In diesem Zusammenhang erklart sich m.E. auch der merkwilrdige Eingang des Kap. IS. Dort sagt der MENSCH zu Aseneth: ,,Nimm (a7tOmslAoV (15,1(B); Clpov (15,I(Ph» doch den Schleier (8eplO"tpOv) von deinem Kopf, [B: ... ], denn du bist heute eine heilige Jungfrau, und dein Kopf ist wie der eines jugendlichen Mannes" (15,111). Der Henoch des Wachterbuchs hat ebenso einen Schleier @E/3A'l',UivOV) auf dem Kopf (vgl. athHen 14,24 und Siegbert Uhlig, j'thiopischer Henoch, zur Stelle). Andererseits tragt Mose einen Schleier (KO:AU/-l/-la), nachdem er vom Berg heruntersteigt (Ex 34,29-35; LibAnt 12,1; II Kor 3,7) und nimmt diesen erst im Bundeszelt wieder ab (Ex 34,34; II Kor 3,7). Aseneth zieht ihren Schleier nach der Begegnung mit dem MENSCHEN wieder an (18,6/6). Wenn diese Stelle den Hintergrund von I Kor 11,3-16 aufbellen kann (vgl. Robin Scroggs, Paul and the Eschatological Woman: ReVisited, 536, und Dannis Ronald MacDonald, Corinthian Veils, 288-290), so bedeutet dies m.E., daB sich die Korintherinnen als verwandelt und damit als himmlische Gestalten begriffen, die, wahrend sie sich beim Prophezeien in der himmlischen Welt bewegten, natllrlich keine Kopfbedeckung trugen. S. a. unten Kap. 3, 6. Vgl. auch Kraemer, The Book ofAseneth, 81 Of.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETIIS 117 1m Kurztext behlilt die 'neue Aseneth' diese Gestalt bis zum Ende der Geschichte. Ein Verlust wird jedenfalls nicht erzlihlt. Vielmehr heiJ3t es (18,7(Ph)): ,,Thr Angesicht war wie die Sonne, und ihre Augen wie der aufgehende Morgenstern." Diese Beschreibung hat deutliche Gemeinsam- keiten mit der, die IV Esr von den himmlischen Gerechten gibt: (IV Esr 7,88) FUr die aber, die die Wege des Hochsten beachtet haben, gilt diese Ordnung, wenn sie sich von diesem vergiinglichen GefIW trennen sollen: ... (7,91) Zuerst schauen sie mit gro6em lubel die Herrlichkeit dessen, der sie aufnimmt. Dann werden sie auf sieben Stufen zur Ruhe gelangen ... (7,97). Die sechste (Stufe), daB sie ihnen gezeigt wird, wie ihr Gesicht wie die Sonne leuchten soli und wie sie dem Licht der Sterne gleichen sollen, von nun an nicht mehr vergiinglich. 267 D.h. Aseneth erlangt im Kurztext durch die Begegnung mit dem MENSCHEN bereits in Kapitel 14 (besonders 14,12-16(Ph)) eine leuch- tende, engelgleiche Gestalt, die sie bis zum Ende der Geschichte nicht mehr verliert (vgl. 18,7(Ph)).268 1m Langtext erhiilt die 'neue Aseneth' offenbar zunachst keine neue Gestalt. Sie legt (nur) ein unberillutes Leinengewand (O''tOA:., AivTj) an. Zwar wird ihr himmlische SchOnheit in 16,16(B) zugesagt, aber sie hat sie in 18,3f(B) nicht (mehr). Eine verwandelte Gestalt erhiilt sie erst, nachdem sie sich der Gebote (EVtoA.ai) des MENSCHEN erinnert und sich emeut umzieht (18,5-10(B)).269 Dies fiihrt zu einigen Unklarheiten, die die in beiden Texten gemachten Zusagen an Aseneth im Langtext auslosen. Aseneth wird verkiindet, sie sei im Buch der Lebenden bzw. des Lebens verzeichnet (15,4/3).270 Weiter 267 Obers. Joseph Schreiner. Vgl. auch IV Esr 7,125; syrBar 51,3-16; Dan 12,3 u.O. 268 Damit ist der Kurztext von JosAs kein EinzelfaIl in judisch-hellenistischer Literatur. Die ErhOhung der Gerechten m SOhnen (und TOchtern) Gottes drUckt sich bereits in Weish 5,5 aus und wird spflter weiter aufgenomrnen und in unterschiedlicher Weise ausgebaut (vgl. besonders TestHiob 46-52; slHen und James H. Charlesworth, The Portrayal, 135-147, sowie Alan F. Segal, Heavenly Ascent, besonders 1366f). Auch Burchard bernerkt, daB Aseneth nach dieser Erscheinung "enjoy(s) all the privileges that come with divine childhood, leading some sort of angelic existence" (vgl. OTP, 191). 269 Charlesworth, The Portrayal, 136f, verweist gerade auf 18,1-11(B), "the transformation of Aseneth to heavenly beauty". Iedoch geschieht diese Verwandlung im Langrext ziernlich unvermittelt und ist nur mittelbar Folge der Begegnung mit dem MENS CHEN, def 'Thronvision'. Im Langtext scheint es mir ,,nur" urn ihre Schonheit zu gehen, wogegen Aseneth im Kurztext aIle Attribute himmischer Gerechter und Engel erbalt (s. unten besonders 4.5). 270 15,4(B): /3$Mx; 'troy ~c.OV'tCJ)y; 15,3(Ph) /3$AO<; ~CJ)fi<;. Die Vorstellung eines Buchs des Lebens hat sich wohl aus Ex 32,32 entwickelt (Ex 32-34 ist ja uberhaupt Vorbild fur viele der (apokalyptischen) Visionen geworden) und fmdet sich auch Jes 4,3; Mal 3,16; Dan 12,1; flthHen 47,3. Der Begriff begegnet Ps 68,29 (LXX): /3$Mx; ~c.OV'tCJ)Y Jub 30,22; 36,10. Phil 4,3; Herm vis I 3,2; Apk 3,5; 20,15. @t/3Mx; ~CJ)fi<;) als Verzeichnis der Erwflhlten. Die kleinere Ausgabe @1!3AtOY 'tfi<; ~CJ)fi<;) beinhaltet in der Apk die Gerechten, die mehr als die andem Menschen wissen (Apk 13,8; 17,8; 21,12; 21,27).
  • 118 KAPlTEL2 preist sie der MENSCH: "Selig bist du, Aseneth, denn dir sind die unaus- sprechlichen (a.1tOPP11'ta) Geheimnisse Gottes offenbart worden" (16,14/7).271 Beides gehOrt zu den Attributen des Gerechten in der Apo- kalyptik. Jedoch scheint sie die 'neue Aseneth' im Langtext nicht dauerhaft zu besitzen (vgl. 15,12b(B) und 17,9(B». Diesem Problem wird weiter unten nachgegangen werden. Die Aufnahme der Motive von der Erscheinung des himmlischen MENSCHEN-dem Erschrecken des/der Gerechten und seiner/ihrer Ver- wandlung in eine himmlische Gestalt-macht aus JosAs noch keine Apo- kalypse. 272 Es fehlen die Mitteilungen der himmlischen Geographie 271 16,1417: ~axapia £t aU 'AcrEVi9 [1i1]&n a1tEKw..6cp6TJ cr01 'tit a7tOpprrm [J.LUcmlP1U] "Cou 9EOU [uljIlm:ou] (Klammem bieten den Langtext). a1t6pp~ geMrt in die Mysteriensprache (vgl. Plat. Theait. 152c; Eur. Jph.Taur. 1330-1331; Philo All II 57; ill 27; Sacr 60; Som J 226 u.O. SIG 406,9-10 (165 n. Chr.) m. 'til a1t6wrlm 't'iic;; Ka'tit 'tit ~UcmlP1a 'tIlAE't'i'jC;;; SIG 461,26-27; Philostratus 8,9 u.O.) wie auch die c'ippT)'tu. Es sind die Geheinmisse, die im Mysterium nur den Mysten bekannt sind. Der Hiihepunkt der Entrilckung, von dem Paulus in II Kor 12,4 berichtet, ist das ilKOUcreV c'ippT)'tu pT)).l.U'1:u Ii OUK El;,ov av9pc01t<p AUATjcrUt (s. auch Kommentare zur Stelle). Sonst erscheinen beide WOrter in der griechisch erhaltenen judisch-hellenistischen Literatur nicht oft. Der und die Entrilckte oder Visionarin teilt in der apokalyptischen Literatur ihre bzw. seine Visionen und Auditionen mit (vgl. z.B. IV Esr 14,46). Vgl. aber die Oberschrift im grBar 1,1, ein griechisches Fragment der ApkZeph (Clem.Alex. strom. V.77,2 = ApkZeph A (Wintermute)), Aristobul (Eus. praep.ev. XIII.12.5f, Text mehrfach gellndert, vgl. Walter, Fragmente jUdisch-hellenistischer Exegeten, 275 Anm. 5) und das Leben des Aesop, 109. Der seltene Gebrauch von a1tOpprrroc;lc'ippTj"Coc; in der judisch-hellenistischen Literatur und die mysterientheologischen Konnotationen dieser Begriffe machen es m.E. unwahrscheinlich, daB die a1t6jlprrm ~UcmlP1U in JosAs vorher oder nachher offen mitgeteilt werden. Sie scheinen hier vielmehr fOr Menschen nicht auszusprechende himmlische Geheimnisse zu meinen. Aseneth und die eingeweihten Leserinnen und Leser wissen an dieser Stelle also mehr, a1s den uneingeweihten Leserinnen und Lesem mitgeteilt wird. Anders Burchard, The Present State, 4lf. 272 Anders a1lerdings Edith McEwan Humphrey, The Ladies and the Cities, die zu Recht die zentrale Stellung der Kap. 14·17 innerhalb der Schrift betont. Wenn sie jedoch im Gefolge von Collins' Defmition der Gattung Apokalypse: ,,Apocoalyps is a genre of revelatory literature with a narrative framework, in which a revelation is mediated by an otherworldly being to a human recipient, disclosing a transcendent reality which is both temporal, insofar as it envisages eschatological salvation, and spatial insofar as it involves another, supernatural world" (Collins, Tawarris the Morphology, 9). JosAs 14-17 (genauer: den Langtext) unter die von Collins aufgestellte Kategorie: ,,(lc) Apocalypses with Only Personal Eschatology (and no heavenly journey)" (ebd., 14) einordnen will, so ist diese Gattungsbestimmung m.E. zu bezweifeln. Humphrey begrUfidet ihre Einordnung mit vier Beobachtungen. 1. Die Vision sei ein transzendentes Ereignis und der MENSCH ein angelus interpres. 2. JosAs 1-21 weise eine chiastische Struktur auf, deren Mittelpunkt die Vision 14-17 bilde. 3. Die Vision kreise um die Frage nach der Jdentit!t des MENSCHEN und der Aseneths. 4. 1m Mittelpunkt sowohl der anderen von Humphrey untersuchten apokalyptischen Schriften IV Esr, Herm und Apk a1s auch in JosAs 14-17 stehe die Verwandlung einer Frau zu einer Stadt (vgl. 15,7(B); 16,16(B)). 1m Gegensatz zu den anderen von Humphrey untersuchten Schriften hat Collins JosAs aber nicht a1s Beispiel in seiner "Typology of the Genre" erwllhnt (vgl. Collins, ebd., 14f), und das m.E. zu Recht. 1. Der MENSCH in JosAs ist zurnindest im Kurztext kein angelus interpres, zumindest nicht im gewOhniichen Sinne. Aseneth wird zwar in und durch seine Gegenwart verwandelt, aber er deutet nicht die von Aseneth geschauten Visionen und interpretiert auch keine historischen oder kosmischen Geheimnisse. 2. Die chiastische Struktur der Erzlihlung ist, wenn man ihr zustimmt, noch kein Gattungsmerkmal von Apokalypsen. 3. Apokalypsen (und
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 119 (Himmelsreise) oder ein Interesse am Historischen.273 Vor allem aber tbe- richten die bekannten Apokalypsen in der ersten Person, wiihrend JosAs in der dritten Person erzlihlt.274 Was JosAs mit der Apokalyptik verbindet, ist vielmehr die Verwendung einer in der Apokalyptik weiterentwickelten Tradition der Prophet(inn)enberufung. Es fragt sich, ob dies nicht auch die "Wabenkomrounion" Aseneths mit dem MENSCHEN erkUirt. Wie Ezechiel eine Buchrolle essen muB, die nach Honig schmeckt, so lit Aseneth Honig bzw. von der Wabe (Ez 3,1-3; JosAs 16,15/9).275 Wie bei Jeremia und Jesaja zwar auch und gerade nach Collins' Deftnition) er01fnen dem Seher bzw. den Lesem verborgene Identitllten und Wirklichkeiten; im Langtext JosAs aber bleibt Aseneth letzt1ich alles verhUllt, wie Humphrey selbst feststellt: "Our structuring of Aseneth (JosAs) around an unsolved mystery underscores the presence of the unknown. The transftguration of Aseneth conftrms both God's revelation and its mysterious glory" (ebd., 43, kursiv im Zitat; zum vierten Argument Humphreys s. unten Anm. 316). DaB Aseneth einem Himmelswesen be- gegnet und verwandelt wird und daB JosAs mit einer hOheren Wirklichkeit rechnet, macht also JosAs nicht zu einer Apokalypse. Es verbindet diese Schrift vielmehr mit einer Reihe anderer jildisch-mystischer Schriften weisheitlicher Provenienz, wie ich unten noch zeigen werde. 273 Zu den hier aufgefi1hrten Iiterarischen Merkmalen von Apokalypsen vgl. z.B. Philipp Vielhauer, Geschichte, 487-490. 274 Humphrey, The Ladies and the Cities, 25, filhrt TestAbr als weiteres Beispiel einer in der dritten Person erzlIhI.ten Apokalypse an, aber auch hier ist die Zuordnung zur Gattung Apokalypse unsicher. 27S Die Wabe bzw. der Honig, die/den der MENSCH und Aseneth essen, ist nach 16,14/8 die Speise der Himmelsbewohnerinnen und Himmelsbewohner. 16,14(B) Denn diese Wabe ist 16,8(Ph) Denn diesen Honig (der) Geist des Lebens, und diese haben die Bienen haben die Bienen des Paradieses der Uppigkeit des Paradieses der Uppigkeit aus dem Tau der Rosen des Lebens, die im Paradies Gottes sind, gemacht. gemacht, Und aIle Engel Gottes und aile Engel Gottes essen aus ihr essen von ibm, und aIle die Erwllhlten Gottes und aile die SOhne des HOchsten, denn diese ist eine Wabe des Lebens undjeder, der (auch immer) undjeder, der von aus ihr illt, wird nicht sterben ihm illt, wird nicht sterben in Ewigkeit. in Ewigkeit. Burchard, Untersuchungen, 129-131, hat verrnutet, daB die Honigwabe Manna symbolisiert (vgl. Ex 16,31). Dieser Meinung haben sich die meisten Forscher und Forscherinnen angeschlossen (vgl. schon Aptowitzer, Asenath, 282f; Philonenko, Joseph e/ Aseneth, 96; Thyen, Studien, 127; Sanger, Anti/res Judentum, 192 u.a.). Weitere Deutungen, nach denen die Honigwabe das Gesetz (vgl. Delling, Einwirkungen, 54, im Gefolge von Anandakumara, The Gentile Reaction, 66f) oder die Weisheit (Sanger, Antikes Judentum, 195 Anm. 20) oder das Essen 'more jUt!aico' (Burchard, ebd., 129-131) symbolisieren soli, sind aber in ihrer Einlinigkeit ilberzogen. Aseneth illt mit dem MENSCHEN himmlisches Essen, wie andere Engel und Gerechten auch (vgl. IlthHen 24,4-25,7; IV Esr 7,123; 8,52; ApkMos 28,4; TestLev 18,11; Sib ill 741-750 u.O.). Henoch, Esra und die andem essen yom Baum des Lebens, dessen Identiftzierung zwischen Olbaum und Trauben(paIme) schwankt. Der Sonnenvogel PhOnix int nach grBar 6,2 himmlisches Manna (vgl. a syrBar 29,8, Apk 2,7 1:4> vudilvn ooom ClU1:4>
  • 120 KAPITEL2 wird auch Aseneths Mund beriihrt (Jes 6,6f; Jer 1,9; JosAs 16,15/9)276 Und wie Ezechiel wird Aseneth vom MENSCHEN gefragt, ob sie aile Worte <payElV EK 'WU ~UAoU ~ l;oo~, 0 EO"'tlV EV 'tiji 1tapa&(0"1j) 'WU 900u und Apk 2,17 'tiji VLKOOV'tl 5000"00 amiji 'tou f1<ivva 'Wu KEKpUf.1I.LIlVOU). Das Essen der Himme1speise fUhrt dam, daB die Essenden mit Geist begabt und unsterblich werden. Esra trinkt einen Becher mit Wasser, "dessen Farbe ... dem Feuer gleich" war. Daraufhin fmdet sich Esra verwande1t, denn es heillt: ,,rch nahm es und trank. Als ich aber getrunken hatte, sprude1te mein Herz VerstaIldnis hervor und meine Brust schwoll an von Weisheit. Mein Geist aber bewahrte die Erinnerung" (IV Esr 14,39f, Ubers. Schreiner). Von Henoch wird berichtet, daB er irdische Speise nach seiner ersten Entrilckung ablehnt (slHen 56,2). Insofem beinhaltet der Verzehr der Wabe nattlrlich den Erwerb himmlischer Weisheit ebenso wie Unsterblichkeit, Schmerzfreiheit u.a Himmlische mehr (vgl. Sanger, ebd., 191-199). Aber es bleibt eine Himme1sspeise, die irdischen Menschen unzuganglich ist. Der Deutung als Essen more judaico steht an dieser Stelle die Tatsache entgegen, daB von den mores der Juden und Jlldinnen hier wie auch im grOBten Teil der llbrigen Schrift nur wenig berichtet wird. Auch ware der MENSCH das einzige Himme1swesen, das ohne Widerspruch irdische Speise zu sich nimmt (vgl. Jub 16; Philo, Abr 118; TestAbr 1l4). Zuzustimmen ist dagegen Burchards neuerlicher Interpetation: ,,As it (das Marma) is a heavenly substance, it made her (Aseneth) a heavenly creature even on earth" (The Importance, 116). Wenn meine Deutung zutriffi, daB der Honig bzw. die Honigwabe hier eine Himme1sspeise ist, so erhebt sich die Frage, in we1chem Verhll1tnis das Essen des Honigs ZIl dem angek1ndigten Essen des Cip-roc; l;oo~ (8,9(B)/15,5/4) steht. Man kOnnte auch im Cip-roc; l;oo~ eine Himme1speise sehen (vgl. Sib ill 741-750). Essen vom Baurn des Lebens bzw. "lebendiges Brot" bzw. Marma sind hier also synonyme Begriffe filr die Himmelsspeise. Al1erdings scheint zunachst 8,5(8) dagegen zu sprechen, wo Joseph vom gottesfilrchtigen Marm berichtet, er esse (immer) a pta<; EUAO)'1ll.liVa<; l;oo~ [1m Kuntext heillt es allerdings nur: Cip-roc; EUAo)'1lI.liVa<; aq>8apmac;, wobei hier die Text11berlieferung fragw11rdig b1eibt. S. oben Kap. 1,3.3 Anm. 210]. Es b1eiben nur zwei Deutungen llbrig, die m.E. jeweils in einer Textversion realisiert werden. Entweder Joseph spricht in 8,5/5 von himmlischem Brot und meint dementsprechend auch mit "gottesfilrchtigen Mllrmem" himmlisch begabte Wesen, oder das Essen der Himme1speise hat reinigende bzw. verwandelnde Funktion. 1m Kuntext ist m.E. die erste Deutung verwirklicht. Dieser Text nimmt namlich die Rede vom lip-ta<; l;oo~ nach 15,4(Ph) nicht mehr auf. Aseneth wird angek1ndigt, sie werde Cip-roc; l;oo~ essen, und sie illt es schlie6lich in Form der Wabe, nachdem sie eine gllinzende himmlische Gestalt angenommen hat. Joseph ist tatsachlich mehr ein himmlisches Wesen a1s ein irdisches (vgl. 6,2-7(Ph) und s. unten 6.). Wenn daher in 8,5(Ph) lip-ta<; l;oo~ oder ahnliches gestanden haben mag, so w11rde dies dieser Deutung nicht widersprechen. 1m Langtext wird dagegen die Speisung mit der Wabe auf das Cip-roc; l;oo~ zur11ckgedeutet. In 16,16(8) sagt der MENSCH zu Aseneth: "Siehe, jetzt hast du das Brot des Lebens gegessen ... Siehe, jetzt, von heute an wird dein Fleisch b111hen wie die B1llte des Lebens." In 19,5(8) deutet Aseneth den Besuch des himmlischen MENSCHEN: ,,Ein MENSCH kam zu mir aus dem Himmel, und er gab mir Brot des Lebens ... und er sagte zu mir: Ich gebe dich heute dem Joseph zur Braut." Das Brot des Lebens alias Wabe fiihrt also hier dam, daB Aseneth eine schOne Gestalt bekommt und daB sie befllhigt wird, die Braut Josephs zu sein. Es wird im Langtext als ein Mittel interpretiert, das die eigentliche Verwandlung erst initiiert und 1etztlich dam fUhrt, daB Aseneth Josephs w11rdig wird (vgi. auch Mach, Entwicklungsstadien, 270). 276 Vgl. auch die Zeichenhandlung JosAs 16,19f/14: 16,19(8) Und es wicke1ten sich (16,I4(Ph)) Und es wickelten sich alle jene Bienen urn Aseneth alle Bienen urn Aseneth von den Fll6en bis zum Kopf von den F11J3en bis zum Kopf Und andere Bienen waren groB und andere Bienen, groB und ausgewahlt wie ihre KOniginnen wie KOniginnen,
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 121 gesehen habe (JosAs 17,111; Ez 47,6: Ei eropa.1CnI;).277 Wenn in JosAs tatsiichlich eine Prophetinnenberufung geschildert ist, dann wiire zu erwarten, daB die 'neue Aseneth' von nun an auch mit einer Botschaft beauftragt ist. Ich werde im Vedauf der Untersuchung darauf zuriickkommen. 1m Kurztext verwandelt sich die 'neue Aseneth' durch die Epiphanie des MENS CHEN zu einer himmlischen Gerechten. Sie bekommt eine leuchtende himmlische Gestalt und f'iirchtet sich hinfort nicht mehr vor dem MENS CHEN. Die Aseneth des Kurztextes "schaute (9EOlpdv) alles, was der MENSCH macht" (16,12(Ph)), und nichts deutet darauf hin, daB sie das Geschaute nicht begreift.278 1m Langtext sieht Aseneth zwar alles, was der MENSCH macht (f3Ai7tEtv; 16,17b(B)),279 aber es bleibt zuniichst offen, ob sie die Relevanz des Gesehenen begreift. 280 Nicht nur wird am Anfang des Kapitels ihre Furcht stlirker betont als im Kurztext (s. auch unten); Aseneth scheint im Langtext auch eher in ein reines als in ein himmlisches Wesen verwandelt zu werden. Zum AbschluB des Kapitels tritt die unterschiedliche Charakterisierung der Figur Aseneth im Kurz- und im Langtext besonders deutlich zutage. Wld sie standen auf aus der <WWlde> der Wabe Wld wickelten sich ergriffen urn Aseneths Angesicht Wld die Aseneth machten auf ihrem MWld Wld auf ihren Lippen eine Wabe an ihren Lippen. gleich der Wabe, die bei dem MENSCHEN lag. 16,20(B) Und alle jene Bienen aBen von der Wabe; die auf dem MWld Aseneths war. Im Kurztext wird Aseneth an ihren Lippen berilhrt wie Jesaja Wld Jeremia (vgl. Jes 6,6f; Jer 1,9). Im Langtext bauen die BienenkOniginnen, nachdem sie Aseneths Gesicht urnwickelt haben, eine Wabe auf ihrem MWld, aus der die Bienen dann essen. Mit einer Wabe auf dem MWld kann man aber nicht sprechen. Daher spielt die ZeichenhandlWlg im Langtext nicht auf eine Prophetinnenberufung an. 277 Es ist filr mich daher nicht nachvollziehbar, warum Burchard, JSHRZ, 673 zu 14,9 ADm. b, meint, Aseneth habe keine Vision. Der MENSCH, den sie sieht, kommt eindeutig aus dem Thronsaal. 278 Aseneth schaut im Kurztext wie Henoch eine Vision (lithHen 1,2; 14,14.18; 89,47 (griechische Fragmente». Vgl. auch Dan 7,2fu.O. Sie wird a1s eine dargesteUt, die die hOhere Wirklichkeit, die mit der ZeichenhandlWlg des MENSCHEN ausgedrilckt ist, erkennt, auch wenn sie diese hOhere Wirklichkeit der/dem LeserIn nicht ausdrilcklich mitteilt. 279 16,17b(B) Und Aseneth stand 16,12(Ph) Und Aseneth stand an seiner linken (Seite) an der linken (Seite) Wld sah alles, Wld schaute alles, was der MENSCH machte .. . was der MENSCH machte. 280 In 16, 13(B) wirkt sie jedenfalls nicht souverlln Wld scheint das ihr Widerfahrende nicht zu begreifen. Sie filrchtet sich vor der Hand des Menschen Wld schaut gespannt mit ihren Augen auf seine Hand. S. Wlten 4.4.
  • 122 KAPITEL2 17,8/6 sieht Aseneth den MENSCHEN entschwinden. Der Text lautet im Kurz- und im Langtext: 17,8(B) Und Aseneth wandte sich 17,6(Ph) Und wandte sich Aseneth urn, urn den Tisch beiseite urn, urn den Tisch beiseite zu stellen, und der MENSCH zu stellen, und der MENSCH ging sofort weg aus ihren Augen. ging weg aus ihren Augen, Und Aseneth sah etwas wie und Aseneth sah etwas wie einen Wagen einen Feuerwagen, mit vier Pferden, der in den Himmel der wieder in den Himmel gen Osten ging. gen Osten aufgenommen wurde. Und der Wagen war wie eine Feuerflamme und die Pferde wie ein Blitz. Und der MENSCH stand oben aufjenem Wagen. Aseneth siehtjeweils das Entschwinden des MENS CHEN. Der Wortlaut des Kurztextes: ,,Aseneth sah etwas wie einen Feuerwagen, der wieder in den Himmel gen Osten aufgenommen wurde (Kat BiOEV 'AcrEvs8 ro~ ap/la 7tUPO<;; avaA.a./lI3avolJ.Evov Eic; 'tOY oupavov Ka'ta. ava'toA.a.~)" hat eine deutliche Parallele in II Reg 2,11. Bei der Himmelfahrt Elias heiBt es: Und es geschah, als sie gingen, gingen sie und redeten, und siehe, ein Feuerwagen und Feuerpferde teilten sie in ihrer Mitte, und Elia wurde in einem Sturm wie in den Himmel (wieder)aufgenommen (Kat BYEVE'tO a&t&v 1tOPEUO~VroV B1tOpEUoVtO Kat BMl.AoUV Kat ioou apl-la 1tU~ Kat l1t1tot 1tU~ Kat OUkrtE1Aa.V avo. ~crov al-l!pO'tEproV Kat aVEA:flll~ HA.1OU BV crucrcrE10"1JCj) roe; de; 'tOY OUp<lV6V).281 Wie Elisa die Aufuahme Elias in den Himmel beobachtet, sieht Aseneth im Kurztext die Wiederaufnahrne (aVaA.a./lI3a.vEtV) des MENS CHEN auf einem Feuerwagen (ap/la 7tUp~) in den Himmel (Eic; 'tOY oupavov).282 Der zuriickbleibende Elisa ist nach II Reg 2,11 durch dieses Ereignis zum N achfolger Elias berufen. Am Ende der Kapitel 14-17 stellt der Kurztext mit dieser Anspielung Aseneth wiederum in einen Zusammenhang mit den Gerechten und Prophet(inn)en. Thre Verwandlung zu einer von ihnen wird noch einmal bekraftigt. 281 Bereits Delling, Einwirkungen, 51f, vermutet hier eine Anspielung an Elias' Himmelswagen. 282 Antiken, mit der jildisch-hellenistischen Literatur vertrauten Lesem und Leserinnen muB dies aufgefa1len sein. Die StichwOrter fUr die Entrilckung Elias lauten a.vaA~a.vEtv und a.p)lU 1t.lpO;. Dies zeigen z.B. die Darstellungen der Entrilckung Elias, Prophetenleben 21,12: 'EA.lO"UlO~ 'to 'tEAEll't<ltOV a.VEA1lcpE}rJ clp)lCl'tl m>pO; oder Sir 48,9: 6 a.vaA1lJlcpeEi~ BV AalAam m>pOc; BV clp)lCl'tl t1t1tCDV 7tUplVCDV (Vgl. auch II Malek 2,58; lithHen 93,8, ApkEsr(gr),7,6).
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 123 1m Langtext sieht Aseneth 17,8(B) ZWllichst Almliches: "Und Aseneth sab etwas wie einen Wagen mit vier Pferden, der in den Himmel gen Osten ging (leat etBev 'AO"ev£9 00<; aplla 'teO"O"uprov t1t1trov 1tOpeuOjleVOV ei<; 'tOY oupavov Ka'ta. a.va'toA.a<;)." Aseneth erblickt, anders als im Kurztext, auch Pferde, deren Vierzahl sich wohl aus 5,4/5 (vier Pferde an Josephs Wagen) erkllirt. Allerdings sieht Aseneth im Langtext zunachst keinen Feuerwagen und auch keine Feuerpferde, und der MENSCH geht (1tpoe6ecr9at) in den Himmel. Letzteres ist besonders verwunderlich, da der im Kurztext gebrauchte Begriff a.vaA.a.ll/3uvetV terminus technicus fUr die Entriickung ist. 283 Der nachste Satz hat schon nicht mehr Aseneths Sehen, sondem den Wagen zum Subjekt. Dieser lihnelt dem MENS CHEN, wenn es hellit: Kat 'to aplla llV cO<; cptJX; 1tUPO<; Kat oi t7t7tOt cO<; a.O"'tpam1. Die Beschreibung des MENS CHEN 14,9/9 beinhaltete u.a.: "Sein Angesicht war wie ein Blitz (a.O"'tpam1) ... und die Haare seines Kopfes wie eine Flamme des Feuers (cptJX; 1tUp6<;)." Die letzte Fortfiihrung von 17,8(B): Kat 0 &.v9pomo<; eiO"-n1Ket E7tavro 'tOO aplla'tO<; 6Ke1VOU deutet den MENS CHEN wiederum als (himmlischen) Joseph. Von letzterem hatte es 5,4(B) geheiJ3en: ,,Er stand auf dem zweiten Wagen des Pharao (60"'tOO<; 61t1. 'tC{l apllan 'tC{l Beu'tepcp 'too <Dapam)." Der Langtext macht also die Deutung der Szene als Entriickung wie die des Elia schwieriger. Vielmehr setzt er die ,,heraufgehende" Gestalt verstarkt in Beziehung zu Joseph und deutet letzteren emeut als himmlische Lichtgestalt. Die Aufinerksamkeit der Leserinnen und Leser wird weggelenkt von dem, was Aseneth sieht, bin zu dem himmlischen MENS CHEN/Joseph, dessen wunderhafte Ziige im Mittelpunkt der Darstellung stehen. Die Charakterisierung Aseneths als Prophetin wie Elia ist im Langtext nicht angelegt. Letztlich finden sich im Langtext auch zwei Textpassagen, die Aseneth das in 15,4/3 und 16,1417 Zugesagte, niimlich das Verzeichnetsein im Buch des Lebens bzw. der Lebenden und die Offenbarung der unaussprechlichen Geheimnisse Gottes, wieder absprechen. In 15,12b(B) fragt Aseneth nach dem Namen des MENS CHEN, urn ibn zu preisen. Die Antwort wird ihr verwehrt, da der Name unsagbar (lipPll'to<;) sei. 284 Nach der Selbstvorstel- lung des MENS CHEN in 14,817 ist dies nur schwer zu erklaren und paBt nicht zu der Zusage in 16,1417. In Verbindung mit dem AbschluB der Er- scheinung im Langtext weist es aber auf einen neuen, im Kurztext nicht entbaltenen Traditionszusammenhang bin. Nachdem der MENSCH in den Himmel verschwunden ist, spricht Aseneth folgende Worte: 283 Vgl. Betz, Art. Entriickung II, TRE 9 (1982), 684. Neben den in der vorherigen Anmerkung genannten Stellen auch IV Esr 1,7; TestHiob 39,13; TestAbr 114,4; 7,16.18. 284 Das unterscheidet die Aseneth des Langtextes von Levi, der die iippTrta 8roli kennt (vgl. 22,13(B» .
  • 124 KAPITEL2 17,9(B) Torieht bin ieh und dreist, denn ieh habe in Freiheit meine Worte ge- sproehen und sagte: ,,Ein MENSCH aus dem Himmel kam in mein Gemaeh", und ieh wuBte nieht, daB Gott zu mir kam. Und, siehe, jetzt geht er wiederum in den Himmel an seinen Platz. Die Aseneth des Langtextes erkennt also die Bedeutung der Begegnung erst, nachdem sie bereits beendet ist. Ein iihnliches Motiv findet sich in Jdc 6,11- 24; 13; Tob 12, sowie den Neuerzlihlungen Jdc 13 in LibAnt 52 und Josephus Ant V.276-284.285 Diejenigen, denen der Engel dort erscheint, erhalten ,,nur" Begleitung oder eine personliche Botschafi, werden jedoch nicht verwandelt. 1m Gegensatz zu Henoch (vgl. athHen 91-105 u.o.; slHen 39-66), Esra (IV Esr 14) und den Propheten scheint die 'neue Aseneth' des Langtextes nicht zur Lehre der Menschen beauflragt worden zu sein; vielmehr bewertet sie ihr eigenes Reden in Freiheit (1tappllcr1a)286 als "toricht" und "dreist".287 1m Langtext ist Aseneth wahrend und nach der Begegnung mit dem MENS CHEN (noch) nicht in eine himmlische Gerechte verwandelt. Die 'neue Aseneth' betet daher im Lang- und Kurztext wiihrend der Be- gegnung mit dem MENS CHEN gemiiB ihrem Stand mit unterschiedlichen Worten: 15,12(B) Gesegnet sei 15,13(Ph) Gesegnet sei der Herr, dein Gott, der Hoehste, der Herr, Gott, der dieh aussehiekte, der dieh aussehiekte, mieh aus der Finstemis mieh aus der Finstemis zu retten und mieh von den Festen zu retten und mieh zum Licht des Abgrundes hinaufzufiihren, hinaufzufiihren, und gesegnet sei und gesegnet sei dein Name in Ewigkeit. sein Name in Ewigkeit. Die 'neue Aseneth' des Kurztextes ist nun im Licht. Sie reiht sich in das himmlische Loblied der Gerechten und Engel ein. Die 'neue Aseneth' des 285 Vgl. auch Burchard, JSHRZ, 598 u.O.; Mach, Entwick/ungsstadien, 269f. Das Motiv ist nur ahnlich, da in den genannten Stellen die Identitlit des Engels zunlichst verhjffit bleibt (Menschengestait, besonders ausgestaitet bei Josephus, der einen J1lngling kommen lliBt, welcher den Mann eifersilchtig macht) und erst entdeckt wird, als der himm1ische Bote zum Essen eingeladen wird In Jdc 13 und Josephus Ant V.284 ist es jeweils nur der Mann (Mano(a)ch), der nicht versteht, daB es sich urn den Engel des Herm handelt. LibAnt 52,10 filgt hinzu: ,,Es genilgte nicht, daB ich ihn sah, sondem ich habe noch seinen Namen erfragt, unwissend, daB es der Diener Gottes war" (Obers. Dietzfelbinger). Die Nennung des Namens wird auch in Jdc 13,18 Manoach verweigert, da er erstaunlich (9auJlaCTt~) sei. 286 Die Bewertung des A.e1..6.A.TjKa 1tapp'lcrl~ in 17,9(B) ist ein weiteres Beispiel fUr eine geschlechtsspezifische Moral im Langtext. Anders als bei Aseneth wird Levis Reden Jl8-ID. 1tapP'lcrtac; (23, 1O(B)) nlim1ich positiv gewertet. S. auch oben Anm. 188. 287 Darnit ist kaurn eine Verlinderung ihrer Selbsteinschlitzung 6,3f(B) [6,6f(Ph)] festzustellen. Die Zusarnmenstellung von acpprov und TOA.Jl1]plX und die damit einhergehende Einschrlinkung der Bedeutungsvielfalt von TOA.JlT]p6c; auf "frech sein, sich erdreisten", im Gegensatz zu 23,7(B), wo es von Simeon heiBt, "Simeon war ein Mann, kUhn (9pacrUc;) und mutig (TOA.JlT]p6c;)", geschieht hier in Ubereinstimmung mit einem GroBteil antiker Literatur.
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 125 Langtextes ist mm (lediglich) nicht mehr in der Finstemis. Die wirklichen Geheimnisse der himmlischen Welt bleiben ihr velWehrt. 1m folgenden werde ich untersuchen,' was ihre Begegnung mit dem MENS CHEN fiir sie bewirkte (4.5). Zuvor aber sind noch die direkten Charakterisierungen Aseneths wwend der Vision aufzuzeigen. 4.4 Aseneths Gefohle Bisher standen die indirekten Charakterisierungen Aseneths, n3mlich die DarsteHung ihres Umfelds, ihrer Handlungen sowie dessen, was sie sieht, im Mittelpunkt der Untersuchung. 1m folgenden soH es urn direkte Charak- terisierungen gehen, nlim1ich urn die Darstellung von Aseneths Gefiihlen der Furcht und der Trauer an bestimmten Schnittpunkten der Handlung. Bereits beim Blick in die Konkordanz flUlt auf, daB im Langtext die Begriffe cpo~si'creat K'tA.. und 'tpejretvhpOllo.t;Etv K'tA.. zahlreicher belegt sind als im Kurztext. So kommt das Verb cpo~si'creat im Langtext achtmal in Bezug auf Aseneth vor, im Kurztext nur zweimal;288 'tpejretv bzw. 'tPOllo.t;Etv erscheint im Langtext viermal, im Kurztext nur einmal. 289 Ahnliches zeigt sich auch beim Wortfe1d Trauer. Von Aseneth heillt es im Langtext dreimal A.U1tEicrSat, im Kurztext nur einmal;29O ahnlich auch xJ..a.ielV (5x(B)/3x(Ph».291 288 1m Langtext im Sinne von "sich 1'ilrchten vor": 6,1(B); 1O,1(B); 11,15(B); 14,10(B); 16,11(B); 16,13(B); 26,8(B); 27,10(B); im Kurztext: 6,I(Ph); 26,8(Ph). Das Nomen cp6l3oc; kommt im Langtext 6,1(B); 9,1(B); 10,1(B); 14,10(B); also viermal in Bezug auf Aseneth vor, im Kurztext dreimal: 6,I(Ph); 9,I(Ph); 14, 1O(Ph). Hinzu tritt im Langtext noch 12,8(B), wo Aseneth sich mit einem furchtsamen Kind vergleicht. S. hierzu unten Kap. 2, 6. 289 1m Langtext: 6, 1(B); 10,1(B); 14,10(B); 26,8(B); im Kurztext: 26,8(Ph). 'tl4toc; kommt im Langtext zweimal (9,1(B); 10, 1(B)) und im Kurztext einmal (14,1 O(Ph)) vor. 290 1m Langtext 8,8(B); 16,2(B); 18,7(B); im Kurztext nur 8,8(Ph). 291 Die Erzllhlung der Trauer Aseneths ist im Langtext lllnger und stllrker ausgebaut als im Kurztext. Nachdem vom Weggang Josephs und der Familie Aseneths berichtet wurde, heillt es zum Eingang der Schilderung der Trauerhandlungen Aseneths in 10,112: 10,1 (B) Und Aseneth wurde mit 10,2(Ph) Und Aseneth wurde mit ihren sieben Jungfrauen i!Jren sieben Jungfrauen allein gelassen, und sie allein gelassen, und sie war schwermiitig und weinte war lustlos und weinte, bis die Sonne unterging. bis die Sonne unterging. Sie a6 kein Brot und, Sie a6 kein Brot sie trank kein Wasser, und trank kein Wasser, und es kam die Nacht, und es schliefen alle, die sondem als alle schliefen, in der Wohnung waren, und sie wachte allein. wachte sie allein. Und sie Qberlegte (£~'tO vielleicht auch: war in Erregung) und weinte und schlug mit i!Jrer Hand oftmals auf i!Jre Brust und ftirchtete grofte Furcht und zitterte mit
  • 126 KAPITEL2 In beiden Texten JosAs wird von der Furcht der 'alten Aseneth' berichtet, jedoch oolt schon bier auf, daB der Langtext dies viel starker betont. 292 Das gleiche gilt auch fUr 14,10/10. 293 Auch damit nimmt der Langtext wieder heftigem Zittern. Ahnlich betont der Langtext auch am Ende des Kap. 10 das Weinen und das ,,merkwilrdige Be- nehmen" Aseneths stlIrker: 10,IS(B) Und sie breitete Asche auf dem Boden aus und schlug oftmals 10, 17(Ph) Und sie schlug oftmals mit ihren beiden Hlinden mit beiden Hlinden auf ihre Brust und weinte bitterlich auf ihre Brust und tiel (eigentlich: ist gefallen) und tiel (eigentlich: ist gefallen) auf die Asche und weinte oben auf die Asche und weinte heftiges unil bitterliches Weinen bitterlich die ganze Nacht die ganze Nacht mit StOhnen und Zorn mit StOhnen bis zum Morgen. bis zum Morgen. 292 Zweimal berichten Kurz- und Langtext gerneinsam von der Furcht der 'alten Aseneth': 6,111 schildert in den gleichen Worten die ZerstOrung der Konstitution Aseneths, die sie beim ersten Anblick Josephs erleidet. Furcht und Zittern sind dabei ein Aspekt unter anderen. In 9,111, nachdem Joseph ein Gebet filr Aseneths Erneuerung gesprochen hat, heiBt es dann: 9,1 (B) Und Aseneth freate sich 9,I(Ph) Und Aseneth freute mit sehr groBer Freude fiber sich mit sehr groBer Freude fiber den Segen Josephs, den Segen Josephs, und eilte und stieg und eilte und stieg zu sich in das Obergemach in ihr Obergemach und und tiel schwach werdend tie! schwach werdend auf das Bett (eigentlich: auf ihr Bett (eigentlich: ist gefallen), ist gefal!en), denn Freude und Trauer denn Freude, Trauer waren in ihr und auch viel Furcht und Furcht waren in ihr und Zittern und und ununterbrocher SchweiB, von ununterbrochenem SchweiB wurde sie umstrOmt, als sie alle die Worte Josephs als sie diese Worte bei Joseph hOrte, we!che er hOrte, der mit ihr ihr im Namen Gottes im Namen Gottes des HOchsten sagte. des HOchsten sprach. In 9,111 werden gemischte Gefilh1e beschrieben. Freude und Trauer erOffnen die Reihe als Gegensatz, die dann mit Furcht fortgefilhrt wird. 1m Kurztext bekommt der !etzte Punkt in der Reihe ein neues Verb: "es umgab sie ununterbrochen SchweiB." Darnit wird auf 4, 11 (Ph) angespielt: "Und als Aseneth die Worte ihres Vaters hOrte, umgab sie vie! roter SchweiB". 1m Vergleich zum Kurztext betont der Langtext 9,1(B) den Furchtaspekt vie! stlirker, indem er nicht nur ,,zittern" hinzufilgt, sondern durch die Aus!assung des Verbs "urnstromen (neplXElv)" den "ununterbrochenen SchweiB (18pmc; auVEXt1c;)" der Furcht zuordnet. Die Anspie!ung auf 4,9/11 (neplEx6er] a.u'tfj iSpffic; tpu9p6C;) ist weniger deutlich. 293 S. oben 4.3. 1m Kurztext wird nach 14, I O(Ph) nur noch einmal von Aseneths Furcht er- zlIhlt. In 26,8/8, als der Sohn des Pharao mit der Absicht, sie zu rauben, hinter bzw. vor ihr steht, heiBt es: 26,8(B) Und Aseneth sab ibn Und Aseneth sab ihn (den Sohn des Pharao) (den Sohn des Pharao) und filrchtete sich und filrchtete sich und wurde sehr verwirrt
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 127 typische Rollenzuweislll1gen aus der antiken Diskussion urn das Frauenbild auf. Frauen gelten in der Antike als besonders furchtsam. Fiir Xenophon z.B. gehOrt die Furcht zur Natur des weiblichen Geschlechts: Da der Gott aber der Frau auch das Bewachen des ins Haus Eingebrachten zuwies und dabei wuBte, daB es nicht schlecht ist, zum Bewachen eine iingstliche (!pO(3epa) Seele zu haben, maB er der Frau auch einen groBeren Anteil der Angstlichkeit zu als dem Mann (7tA.EOV JJi~ Kat 'tou cp6(3ou eoo.oa'to 't'fi yuvatKl. 11 'tip av8pt).294 Wie fUr Xenophon scheint auch fUr den Langtext die Furcht zur Natur von Frauen zu gehOren. Jedenfalls fUrchtet sich nicht nur die 'alte', sondem auch die 'neue Aseneth' haufig. 295 Sie fUrchtet sich vor dem MENS CHEN, als dieser sie fragt, warum sie sage, sie habe keine Bienenwabe, obwohl sie ihm doch eine gebracht habe (16,11(B». Sie fUrchtet sich emeut in 16,13(B), als der MENSCH seine Hand auf ihren Kopf legt, urn sie selig zu preisen. 16,13(B) Und Aseneth fiirchtete sich vor der Hand des MENSCHEN, denn Funken sprangen von seiner Hand wie von gliihendem Eisen. Und Aseneth blickte mit ihren Augen gespannt auf die Hand des MENSCHEN. 16,14(B) Und der MENSCH sah es und lachelte und sagte ... Aseneths Furcht wird jeweils durch das Liicheln (J.18101i'iV) des MENS CHEN beantwortet (16,12(B); 16,14(B».296 J.1810(1)i'iV kommt nur im Langtext lll1d nur auf den MENS CHEN bezogen vor lll1d mu13 wohl mit ,Jacheln", ,,frelll1dlich ansehen" iibersetzt werden. Nach Pape lll1terscheidet es sich von yeAiiv (lachen) darin, "daB diese (yeAi'iv) das laute schallende Lachen ist, J.1810i'iV das lautlose, sanfte Lacheln".297 Haufig wird von Ko- und zitterte an ihrem ganzen und zitterte. KOrper. Auch hier ist die Furcht Aseneths im Kurztext vieI weniger betont als im Langtext. Nachdem die Gefahr durch die SteinWfirfe Benjamins gebannt ist, meistert Aseneth die zweite gefllhrIiche Situation, als die SOhne der Magde J akobs mit gezogenem Schwert vor ihr stehen, urn sie zu tOten, im Kurztext ohne Furcht (27,8(Ph)). Irn Langtext filrchtet sie auch hier: "Und Aseneth sah sie und filrchtete sich sehr" (27,IO(B)). 294 Xen. oik. Vll.25; Obers. Audring. Vgi. auch Eur. Med. 263f: ,,Ein Weib ist sonst ein furchtsam Wesen, taugt nicht zurn Kampf, scheut den geschIiffenen Stahl" (Obers. von Arnim); ders., Men. Frgrn. 776 (= Scholien zu den Phoinikerinnen 61): "Jede Frau ist furchtsam vor dem Tod." 295 Neben den Verstllrkungen an den oben genannten Stellen wird die gesamte Trauerphase Aseneths von Furcht und Zittem begieitet. (10,1(B); 11,15(B)). Der Grund der Furcht in Kap. 1 ist der ,,Furcht einf10J3ende" (cpoj3ep6c;) Gott der Hebrl!erinnen und Hebraer (1l,7(B); 11, 17(B)). Aseneth furchtet sich u. a. davor, ihren Mund zu MInen und seinen Namen anzurufen (11,15(B)). 296 EflE1Biacre ist aIIerdings nur von arm, L 1 und der HandschriftenfarniIie a an dieser Stelle beIegt. FWC Iesen dagegen yeAuv, was in den foIgenden Zusamrnenhangen in ahnIichen Bedeutungszusamrnenh!ingen verwendet wird. 297 Pape, Griechisch-Deutsches Handworterbuch II, 115. In eben diesem Sinn wird es auch an der einzigen Stelle innerhalb der biblischen Schriften verwendet. In Sir 21,20 heiBt es:
  • 128 KAPlTEL2 nigen, Heerfiihrem und Weisen erzahlt, daB sie aus Wohlwollen undloder Uberlegenheit lacheln. So formuliert z.B. Plutarch: In der Uberzeugung, groJ3mJichtigster Herrscher, daJ3 es ebenso koniglich und menschenfreundlich sei, kleine Geschenke in gnadiger Huld anzunehmen wie groBe zu machen, nahm es der Perserkonig Artaxerxes einst mit freundlicher Miene an (TJ&o.x; B~a'to Kat BJ.I£Uiiam: eigentlich: er nahm es freundlich an und liichelte), daJ3 ibm auf einer Reise ein Bauer, der sonst nichts hatte, zwei Hiinde voll Wasser aus dem FluB tiberreichte ... (Maximen von Konigen und Feldherren, mor. 172B).298 Josephus demonstriert Titus' Uberlegenheit mit folgenden Worten: Noch zu dieser Zeit jedoch, als er auf dem Gipfel seines Gltickes stand, er- schien sein Sohn im Lager und fragte sehr erstaunt, warum in aller Welt die Romer zOgerten, gegen die Mauer vorzuriicken. Er war niimlich ein Kampfer, ein geborener Draufgiinger und dabei von solcher Korperkraft, daJ3 kaum einmal seine Verwegenheit ohne Erfolg blieb. Liichelnd (J.I£totacraVt<><;) ent- gegnete Titus nur: "Solche Arbeit kommt allen zu!", worauf Antiochus ohne einen Augenblick zu zOgem mit seinen Makedonen gegen die Mauer los- stiirmte. Er seiber wuJ3te freilich dank seiner Kampfkraft und Kriegserfahrung den Geschossen der Juden auszuweichen und ging ihnen seiber mit dem Bogen zuleibe, seine Jiinglinge aber wurden ibm alle bis auf wenige tibel zugerichtet (Bell. V.461-464).299 ,. unotnv beschreibt demnach das iiberlegene bzw. wohlwollende Liicheln eines Herrschers und verstiirkt so in JosAs 16,12(B) und 16,14(B) das hierarchische Gefiille zwischen dem MENS CHEN und Aseneth. Der sich fiirchtenden 'neuen Aseneth' steht ein wohlwollender, himmlischer Herr- scher gegeniiber. 300 Im Kurztext fiirchtet sich Aseneth nach 14,19(Ph) nur noch einmal, als ihr der Sohn des Pharao gegenilbersteht, urn sie zu rau- ben. 3Ol Vor dem MENS CHEN oder Joseph fiirchtet sie sich nicht. ,,Ein TOrichter erhebt seine Stimme irn Gelachter (iv YEACl)'tl); ein gewandter Mann aber wird in Stille kaum lacheln ij.L£l)ul<J£)." 298 Obers. Snell. Oberhaupt flIllt auf, da6 Plutarch fU'S()av fast ausschlieBlich filr KOnige, Heerfilhrer und Weise verwendet (vgl. mor. 146D; 149D; ISle; 164B (Gastmahl der 7 Weisen); 172B; 176E; 189C; 191F; 19SA (Maxime von KOnigen und Feldherren); 220F; 226B; 231B; (Aussprilche der Spartaner)). 299 Obers. Otto Michel und Otto Bauernfeind. fU'saV kann Josephus auch von Mlirtyrern der Essener aussagen: "Unter Schmerzen lachelnd ij.L£SCiivtE<;) und der Folterknechte spottend gaben sie freudig ihr Leben dahin in der Zuversicht, es wieder zu empfangen" (Bell 11.153, Obers. ebd.). Lediglich in Bezug auf die Ahnfrau Sara scheint Josephus die Stille dieses Uchelns zu betonen. In Ant I.l98 und 213 andert er das Y£AaV derLXX in fU'sav. 300 Dieses Ober-lUnterlegenheitsverhliltnis wird auch in IS,14(B) ausgedrilckt, wo Aseneth dem Menschen in einer Geste des Flehens begegnet: "Und Aseneth streckte ihre rechte Hand aus und legte sie an seine Knie und sagte: ,,Ich bitte dich, Herr!" Vgl. Xenophon von Ephesus I.l3,6. S. auch unten 5.4. Anm. 490. 301 Anders als irn Langtext (27,1O(B)) filrchtet sich Aseneth nicht mehr vor den SOhnen der Magde, die sie tOten wollen (27,8(Ph)).
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 129 Neben der Furcht betont der Langtext auch Aseneths Traurigkeit nach ibrer Emeuerung. 302 KJagen und Traurigkeit gehOren in der Antike ebenfalls zum venneintlichen Wesen der Frau. Ganz pauschal laBt z.B. Euripides Medea sagen: ,,Frauen sind immer den Tranen so nah."303 In 16,2(B) folgt auf die Aufforderung des MENS CHEN, Aseneth soUe ihm eine Bienenwabe bringen, folgende Beschreibung Aseneths: 16,2(B) Und Aseneth blieb stehen und war traurig, denn sie hatte keine Bienenwabe in ihrer Speisekammer. Aseneth wirkt hilflos. Verstiirkt wird der Eindruck durch die zweite Auf- forderung des MENS CHEN, die als Frage formuliert ist: "Weshalb bleibst du stehen?" (16,3(B)). Erst danach antwortet Aseneth mit dem Vorschlag, einen Knaben in die Vorstadt zum Acker des Familienerbgutes zu schicken. Das gleiche geschieht 18,7(B). Nachdem sich Aseneth als Braut angekleidet hat, hellit es: 18,7(B) Und Aseneth erinnerte sich an die Worte ihres Erziehers, denn er sagte ihr: ,,Dein Angesicht ist zusammengefallen." Und sie seufzte und war sehr traurig und sagte: "Wehe mir Niedrigen, denn mein Angesicht ist zu- sammengefallen. Joseph wird mich sehen und mich geringschiitzen." Dann erst schickt sie eine ibrer Schwestem, ibr reines Wasser von der QueUe zu holen, und erblickt ibre neue SchOnheit. 302 Vor der Emeuerung eI7Ahlen beide Texte 8,8/8 und 9,1/1 (s.o.) von der Traurigkeit Aseneths. Nachdem Joseph Aseneths KuB ablehnt, heifit es in 8,8/8: 8,8(B) Und a1s Aseneth diese 8,8(Ph) Und a1s Aseneth diese Worte Josephs hOrte, Worte hOrte, war sie heftig betrUbt, und sie wurde sehr traurig und wurde sie sehr traurig und seufml und schaute und seufml und schaute den Joseph fest an den Joseph fest an, mit ihren aufgerissenen Augen, und ihre Augen ftlllten sich und ihre Augen ftlllten sich mit Trllnen. mit Trllnen. Auch bier fl!11t die starke Betonung der Trauergeftlh1e im Langtext auf. Schon im Eingang Iiest der Langtext: ,,heftig betrUbt" (KU-a;vU'Y'l iox.~) und weist damit auf 6,1/1 zurUck. Der Genetivus absolutus aVEC!1YJ.Wvrov wv Cxpea.AIlIDV uiYri;<; (mit aufgerissen Augen) verstarkt zudem den Eindruck der momentanen Hilflosigkeit und BedUrftigkeit Die Aseneth des KUI7iextes bingegen ist nach 9, 1(Ph) nicbt mehr traurig. 303 Eur. Med. 927 CObers. Ernst Buschor). Vgl. die k1assische Stelle Phaid. 60a, aber auch Eur. Andr. 93-95.757; Men. Frgm. 776; Clem. Alex. strom. IV. 14,4; Anthologia Graeca XI 285. Von Hipparcbia betont Diogenes Laertus ausdrilcklich: ,,Allein Hipparcbia lieB sich ... dadurch nicht in Schrecken oder Verwirrung bringen, wie es sonst Weiberart ist" (Vl.97; Obers. Apelt). Der Stoa nahestehende Schriftstellerinnen und Schriftsteller betonen, daB die von ihnen ausgebildeten Frauen gerade nicht wie die anderen Frauen in sinnloses Trauern ausbrechen. S. z.B. Plut. mor. 608B-612B (Trostschreiben an seine Frau Apollonia) passim; Musonius Rufus Rede 3 (10,15 (Hense»; IV Mall 16,12.
  • 130 KAPITEL2 Der Langtext Wlterbricht zwischen Kapitel 16-18 mehrmals die Hand- lWlg, ruimlich 16,2(B); 16,9(B);304 16,11(B); 16,13(B); 17,9(B); 18,7(B); 18,10(B),JOS urn Aseneths momentane Befindlichkeit in den Blick zu neh- men. Aile diese Schilderoogen der Gefiilile Aseneths lassen sie hilflos Wld labil erscheinen. Sie ist der Situation nicht gewachsen. Was zwischen Kapitel 16 Wld 18 geschieht, scheint sie nicht wirklich zu begreifen. 306 Dieser Eindruck wird noch verstlirkt durch das Gefa1le, das zwischen Leserlnnen bzw. Lesem Wld Aseneth entsteht. Die Leserin bzw. der Leser ist ihr im Wissen und Verstehen der Situation weit voraus. 1m Gegensatz dazu erscheint Aseneth im Kurztext souverlin. Weder Furcht Wld Trauer noch andere Befindlichkeiten werden von ihr berichtet. Vielmehr bestehen die Kapitel 16-18 aus einem Wechsel von HandlWlgen Wld Dialogen. Was die Leserin bzw. der Leser weill Wld erkennt, erkennt auch Aseneth. 16,12(Ph) deutet sogar daraufhin, daB Aseneth mehr schaut, als der Leserin Wld dem Leser direkt berichtet wird. 4.5 Bilder Aseneths Oben wurde bereits gezeigt, daB Aseneth im Langtext erst in 18,5-10(B) ein neues, verwandeltes Aussehen bekommt. Dieses neue Aussehen wird ihr in 16,16(B) bereits zugesagt. Der Langtext arbeitet an beiden Stellen mit ausfUhrlichen Bildvergleichen. Was die 'neue Aseneth' im Langtext ausmacht, driickt der Erzahler, so meine These, nicht zuletzt durch diese BeschreibWlgen aus. Auch der Kurztext weist zahlreiche Bildvergleiche auf,307 jedoch verwendet er dieses Mittel im Vergleich zum Langtext selten zur BeschreibWlg der 'neuen Aseneth' (18,7(Ph)). 1m folgenden sollen die BeschreibWlgen von Aseneths neuer Gestalt 16,16(B) Wld 18,9(B) Wlter- sucht Wld mit den auch im Kurztext in der Form des Bildvergleichs gege- 304 16,9(B): "Und Aseneth staunte und sagte zu sich selbst: 'Also ist diese Wabe aus dem Mund des MENSCHEN herausgegangen, denn ihr Duft ist wie der Duft des Mundes dieses MENSCHEN'." Die Aussage wird in beiden Texten als direkte Rede Aseneths zu dem MENSCHEN wiederholt 305 18,1O(B): "Und als Aseneth sich selbst im Wasser sah, staunte sie uber den Anblick und freute sich mit grofier Freude, und sie wusch ihr Angesicht nicht, denn sie sagte: 'Vielleicht wasche ich diese groBe SchOnheit ab'." 306 Die Verwandlung ihrer Gestalt (14,14f115-17) scheint auch hier zunllchst nicht mehr zu bestehen. S. auch oben 4.3. 307 Die Bilder, die in den Vergieichen beider Texte verwendet werden (zumeist mit eindeu- tigem, wenn auch unausgesprochenem tertium comparationis), sind entweder der Natur oder dem menschlichen Zusarnmen1eben entnommen. [2,6/11: 'schOn wie die Sterne am Hinunel'; 28,8/8: 'laufen wie (dreijllhrige) Hirsche'; 4,112; 15,10110: 'geschmuckt wie eine Braut Gottes'; 4,9/12: 'ausliefem wie eine Kriegsgefangene'; 15,111: 'Kopfwie der eines Junglings'; 24,7n; 25,8/8: 'sterben wie Frauen'. Einige sind auch feststehend aus der LXX ubernommen wie 1,2/3: 'Getreide wie Sand des Meeres' (vgl. z.B. Gen 41,49); 25,5/5; 26,2/2: 'Gott behUtet wie seinen Augapfel' (vgl. z.B. Dtn 32,10; Ps 16,8(LXX); Prov 7,2); 28,10/10: 'schmelzen wie Wachs im Angesicht des Feuers' (vgl. Ps 67,3(LXX); Mi 1,4); 5,4/5; 16,8/4; 16,18/13; 22,7(B): 'wei6 wie Schnee' (vgl. z.B. Dan 7,9; llthHen 106,2 (griech.)).
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 131 benen Beschreiboogen Aseneths 13,9/8 ood 18,917 sowie mit der ebenfalls bilderreichen Beschreiboog einer mannIichen Figur im Langtext (Jakob 22,7-9(B)) verglichen werden. Zum AbschluB ihres Gebets in Kapitel 12-13 beklagt die 'alte Aseneth' in beiden Texten ihren momentanen Zustand mit einem Bildvergleich: 13,9(B) Und siehe, ich war sieben 13,8(Ph) Und siehe, ich aB sieben Tage und Niichte nuchtem Tage und sieben Niichte und aB kein Brot und trank weder Brot noch trank kein Wasser, und mein Mund ich Wasser, und mein Mund ist trocken geworden isttrocken wie eine Handpauke wie eine Handpauke und meine Zunge wie (ein) Hom und meine Zunge wie (ein) Hom und meine Lippen und meine Lippen wie eine Tonscherbe, wie eine Tonscherbe, und mein Angesicht ist und mein Angesicht ist zusammengefallen. zusammengefallen, Und meine Augen wurden in und meine Augen sind auf- Schande entziindet von grund der Entziindung meinen vielen Triinen, meiner Triinen erloschen. und meine Kraft ist ganz erloschen. Deutlich ist, daB Aseneth den schlechten Zustand ihres Korpers zum Aus- druck bringen will. Von ihrem Korper zahlt sie Mood, Zooge, Lippen, Angesicht ood Augen auf, also Ausdrucksmittel ood Sinneswerkzeuge. Auf der Bildebene, die nur ftir den Bereich Mood, Zooge, Lippen durchgefiihrt wird, erschemen Gegenstlinde, die die Verbalaussage "trocken (geworden) sein (~l'jp6v YByove!ecrnv)" verdeutlichen, n3.mlich Handpauke, Hom ood Tonscherbe. Aile drei Gegenstande sind aber gleichzeitig auch Kommuni- kationsmittel. Neben der Handpauke (WJl1tuvov)l08 kann auch KBPUC; (Hom) ftir ein Musikinstrument stehen, das aus Hom gemacht iSt. 309 Ton- scherben (OO'tpaKU) werden in der Antike als Notizzettel genutzt.3O In der Bildebene kommt das in der Sachebene Angelegte zum Ausdruck. Die 308 Die Handpauke (WIl1tClVOV) ist ilbrigens ein speziell von Frauen benutztes Instrument. Ex 15,20 (Mirjam); Jde 11,34 (Jephthas Toehter); I Sam 18,6 (Frauen der Stadte Israels); Ps 68,26 (LXX) (Jungfrauen); Jer 31,4 (Jungfrau Israels); TestHiob 52,4 (Amaltheia Keras). Stellen, in denen sie eindeutig von MBnnem benutzt wird, sind 1I.uBerst selten. In I Sam 10,5 wird das Gesehleeht derer, die vor den Propheten die Pauken sehlagen, nieht bestimmt. Ledigiieh in D Sam 6,5 sehlagen die SOhne Israels und David die Pauken vor der Lade, wenn "SOhne Israels" tats1l.ehlieh nur SOhne meint. Die Parallelstelle I Chr 13,8 sprieht hier jedenfalls von ganz Israel. Zu einer "women's performance tradition involving the hand-drums" im alten Israel s. Carol L. Meyers, OJ Drums and Damsels, 16-27 (Zitat 22). 309 V gi. Liddell/Scott, A Greek-English LeXicon, 941, Art. K£paC; TIl,2. 310 Vgi. Ziebarth, Art. Ostrakon, PRE 1812 (1942),1685-1687.
  • 132 KAPITEL2 Trockenheit des Mundes und das damit angedeutete Verstummen wird in der Bildhiilfte gegenteilig aufgegriffen und damit verstiirkt.311 1m Kurztext wird vor allem der MENSCH mit Bildem des Leuchtens beschrieben (14,9/Sf). Auch dies liest der Langtext mit. 1m Langtext aber folgen noch weitere Bildvergleiche zur Beschreibung Aseneths. In 16,16(B) fabrt dieser Text, nachdem Aseneth ein StUck der Bienenwabe gegessen hat, mit einer liingeren Rede des MENS CHEN fort, die im Kurztext fehlt. 16,16(B) Und der MENSCH sagte der Aseneth: "Siehe, jetzt hast du Brot des Lebens gegessen und einen Kelch der Unsterblichkeit getrunken und bist ge- salbt worden mit einer Salbe der Unverweslichkeit. Siehe, jetzt, von heute an, wird dein Fleisch bliihen wie eine Blute des Lebens yom Land des Hochsten, und deine Gebeine werden fettgemacht werden wie die Zedem des Paradieses der Uppigkeit Gottes, und unermudliche Miichte werden dich umfassen, und deine Jugend wird Alter nicht sehen, und deine SchOnheit wird in Ewigkeit nicht vergehen. Und du wirst sein wie eine ummauerte Mutterstadt fUr alle, die Zuflucht nehmen zum Namen des Herm, Gottes, des Konigs der Ewigkeit.'<312 Beschrieben werden hier Aseneths Fleisch und Knochen, was sicher pars pro toto fiir ihren Korper stehen solI. Allerdings erscheinen weder Kopf, Mund, Lippen, Ohren, Hiinde oder Fiille Aseneths, also Korperteile, mit denen Ausdruck oder Handlungen moglich waren. Die Bildhalfte vergleicht Aseneth mit einer Blute und mit Zedem. Solche Vergleiche der SchOnheit von Frauen mit Blumen und Pflanzen sind in der Antike nicht ungewohn- lich. 313 Hier in JosAs sind BlUte und Zeder Bestandteile des Paradieses: "dein Fleisch wird bliihen wie eine Bliite des Lebens yom Land des Hoch- sten, und deine Gebeine werden fettgemacht werden wie die Zedem des Paradieses der Uppigkeit Gottes,314 und unermiidliche Machte werden dich umfassen." Die Ausschmiickung des Paradieses, die in diesem Bildvergleich 3ll Auffilllig ist, daB der Langtext am SchluB des Vergleiches wiederum eine Selbstbezich- tigung hinzufiigt: ,,meine Augen wurden in Schande (BY aiax6vn) entzilndet" und ,,meine Kraft hat mich ganz verlassen". Der Verlust der Wahmehmungs- und AusdrucksmOglichkeiten wird so als Folge von Fehlverhalten erkHlrt. 312 Der letzte Vergleich nimmt 15,7aJ6 wieder aufund baut das Stadtbild weiter aus. In der himmlischen Stadt (vgl. auch Apk 21,10-22,5) wird Gott Konig sein. 17,6(13), 19,5.8(B) und 22, 13(B) wiederholen diese Zusage und betonen die festen Grundmauern dieser Stadt. 17,6(13) nennt als Bewohner die crUYotKot "troY BKA£K"troY, 19,8(B) die uiol. "tou ~rovro<; Seou, die dafilr sorgen, daB die Mauern unfiberwindlich bleiben. Eine Zusage an Aseneth, in dieser Stadt zu wohnen, gibt es nicht, vielmehr ist sie die Stadt selbst. 313 Vgl. z.B. Anthologia Graeca V 35 (Rufinos, ca 130 n. ehr.): ,,'s zeigten drei Madel mir jtlngst ihre blitzende Nacktheit. Wem seien, fragten als Richter sie mich, schOner die Backchen geformt. Weill wie schimmernde Blfiten und weich und schwellend erhob es sich bei der einen, rund lachten die Grubchen darin. SchneeweiB die Formen der zweiten; doch als sie sich regte, da flIrbte purpurn ihr Fleisch sich, so rot, wie auch die Rose nicht blfiht. Ruhig die drirte wie's Meer; von selbst nur flog eine leichte, schauernde Woge ihr leis fiber die wonnige Haut. Harte der Gottinnen Richter sich je diese Madel betrachtet, nie mehr hatte er dann jene zu sehen begehrt." (Obers. Hermann Beckby) Vgl. auch Anthologia Graeca V 144; 210; 227; 231 u.O. 314 Der Ausdruck 7tapcl&lC:m~ "tfjc; "tpu~ ist hier wie 16,14/8 und 18,9(B) aus der LXX fibemomrnen (vgl.: Gen 2,15; 3,23; 3,24; Joel 2,3; Ez 28,13; 31,9; wohl auch IV Esr 7,36).
  • DIE DARSTELLUNG AsENETHS 133 vorgenommen wird, ist ebenfalls nieht ungewohnlieh. Ahnlieh besehreibt z.B. slHen 8 das Paradies: slHen 8,lf: And the men took me from there. They brought me up to the third heaven. And they placed me in the midest of Paradise. And that place has an appearance of pleasan1ness that has never been seen. Every tree was in full flower. Every fruit was ripe, every food was in yield profusely; every fragrance was pleasant ... (8,8) And the angels guarding Paradise are very splendid. With never-ceasing voice and pleasant singing they worship God throughout the whole day. Aueh die Fortfiihnmg in der Ausmalung der Mutterstadt paBt hierher. w Doeh die ausgedehnte Bildhalfte laBt die Frage entstehen, wie sieh die Figur Aseneth zu diesem Paradies verhlilt. Die ersten beiden mit clx; (wie) fonnulierten Vergleiehe sagen ihr paradiesisehe SehOnheit zu. Aber die Zusage, im Paradies zu wohnen wie die Auserwahl.ten und die Sohne des lebendigen Gottes (16,14/8; 17,6(B); 19,8(B)), erhiilt Aseneth nieht. 316 Statt 31S VgI. z.B. N Esr 8,52: ,,Fiir euch (sc. die Gerechten) ist ja das Paradies geOifnet, der Lebensbaum gepflanzt, die kUnftige Welt bereitet, die SeJigkeit bereitgestellt, die Stadt erbaut, die Reimat auserwllhlt" (Obers. Schreiner). VgI. auch Apk 21,9-22,5; syrBar 4,2-6; TestHiob 40,4. Garten und Stadt sind fiir die Antike kein Gegensatz (vgl. Georgi, Die Visionen und Carl Schneider, Art. Garten, RAC 8 (1972), 1048-1061). 316 Anders meint Burchard, Untersuchungen, 117: "Aseneth ist das gottgewollte Urbild und damit die theologische Rechtfertigung der Proselyten." Er schlieBt dies aus 15,7a/6; 16,16(B); 17,6(B); 19,5(B) und 22, 13(B), wo Aseneth mit der himmlischen Stadt g1eichgesetzt wird, deren Bewohner die ,,Mitbewohner der Erwllhlten" (17,6(B)) und die VOlker (eeVll 19,5(B)) sind. "Aseneth trligt", wie Burchard richtig feststellt, besonders im Langtext "Ziige Zions" (vgl. Sach 2,15; 120). Ob sie deshalb a1s "weiblicher Abraham" (ebd.) oder ,,Mutter vieler VOlker" (ebd.) dargestellt wird, bezweifle ich. Denn die Verbindung zwischen himmlischer Stadt und Aseneth bleibt locker. Vielmehr wird anhand des Stichwortes Zufluchtstadt einiges iiber die himmlische Stadt/Zion berichtet, iiber ihre Befestigung, ihre Bewohner und Gottes Herrschaft in ihr. Die Figur Aseneths gerM dabei aber zur puren Bildtragerin. Gegen diese Deutung spricht auch nicht die Beobachtung von Humphrey, The Ladies and the Cities, daB die Verwandlung einer Frau in eine Stadt/Zion ein aus der jiidischen Tradition erwachsenes Motiv ist (vgl. Dtjes), welches sich auch in N Esr, Herm und Apk fmdet. Denn Humphrey iibersieht einen entscheidenden Unterschied zwischen JosAs und N Esr bzw. Herm und Apk. In den letzteren Schriften sieht jeweils ein Seher eine Frau, die sich in eine Stadt verwandelt. Leser und Leserinnen von N Esr, Herm oder Apk identiflzieren sich mit dem Seher (Esra, Hermas oder Joharmes von Patmos), der in der 'Stadt-Frau'-Vision die Zukunft Zions bzw. des himmlischen Jerusalems sieht. Anders ist in JosAs die Frau Aseneth die Hauptfigur der Erzahlung und damit die, die zur IdentifIkation der Leserin und des Lesers einHldt und durch die die Leserinnen und Leser an der Himmelsvision (JosAs 14-17) teilnehmen. Es gibt also eigentlich keine andere Seherin a1s Aseneth. Wenn sie hier selbst verwandelt wird, so entsteht ein Bruch in der Erzahlung. Die IdentifIkation mit der Hauptfigur wird aufgelOst, und es entsteht eine neue Position einer Seherin bzw. eines Sehers-Leserin und Leser (?)-der bzw. die die Verwandlung der Frau in die Stadt schaut. D.h. aber, nicht Aseneth bekommt zugesagt, ,,Mutter(stadt) der VOlkerlHeiden" zu sein, sondem die Figur lost sich zeitweilig auf und wird zum Bild der Stadt, deren Wirklichkeit a1s Mutterstadt der VOlker und Heiden ausgemalt wird. Da die Figur Aseneth an dieser Stelle die Stadt reprllsentiert, karm sie sich auch nicht in der Stadt aufhalten. Letztlich gesteht Humphrey diese Deutung zu, wenn
  • 134 KAPITEL2 dessen hellit es: "und deine Jugend wird Alter nicht sehen und deine ScMnheit wird in Ewigkeit nicht vergehen". 1m Langtext bekommt diese Aussage besondere Bedeutung durch 18,7(B), wo sich Aseneth beklagt: "Wehe mir Elenden, denn mein Angesicht ist zusammengefallen. Joseph wird mich sehen und verachten." Die ScMnheit einer Frau bestimmt ihren Wert, der sich darin aufiert, daB sie von Miinnem begehrt wird.317 Nur junge Frauen konnen scMn sein. Diese auch heute noch verbreitete Meinung ist in der Antike vielfach in Spottgedichten auf iiltere Frauen belegt, wie sie in der Anthologia Graeca gesammelt sind. Oem im 1. Jh. n. Chr.lebenden Lukillos wurde z.B. das folgende Spottepigramm zugeschrieben: Wenn du die Haare auch farbst, nie kannst du das Alter dir farben, niemals die runzlige Haut glatt wieder machen und jung. LaB es drum sein, dein Gesicht dir derart mit Schminke zu tUnchen, daB nicht so sehr ein Gesicht als eine Maske entsteht. Kann es denn wirklich dir heIfen? Du Niirrin! Schminkrot und SchminkweiB wandeIn die Hekabe nie zu einer Helena um.318 Ewige ScMnheit ist demnach fUr Aseneth als Frau nicht nur von unschiitz- barem Wert, sondem auch fUr Josephs Begehren unabdingbar. In 18,9(B) findet sich eine zweite, noch ausfilhrlichere Beschreibung von Aseneth. Als sie sich bilckt, urn sich zu waschen, hellit es: 18,9(B) und sie sieht ihr 18,7(Ph) und es war ihr Angesicht im Wasser, Angesicht und es war wie die Sonne wie die Sonne und ihre Augen wie der und ihre Augen wie der aufgehende Morgenstern aufgehende Morgenstern. und die Wangen wie die sie feststellt, daB die Parallelen zwischen den vier Apokalypsen (vier Schriften) "are heightened by the use of symbolic female figure who is transfigured" (ebd., 144). 317 Plutarch rlit: ,,Man ermahne aber eine rechtschaffene und enthaltsame Frau, dem Eros zu opfern, damit er wohlwollend ein Gesellschafter der Ehe ist und sie mit Reizen aller Frauen schmiickt und der Mann nicht zu einer anderen verschwindet" (mor. 769D). 318 Anthologia Graeca XI 408, Ubers. Beckby. Vgl. auch Anthologia Graeca V 27; 76; 204; XI 66-68; 71-73; 327 oder auch das bei Stob. IV 22.111 (Hense) erhaltene Euripidesfragment (24): ,,Falsch ist es, eine junge Frau einem gleichaltrigen Mann zu vermahlen; denn die Kraft der Mlinner bleibt (linger erhalten, bei der Frau dagegen schwindet die Jugend schneller" (Obers. Seeck). Ein dem allerdings erst urn 550 lebenden Konsul Makedonios zugeschriebenes Epigrarnm spricht, ebenso wie die Beschreibungen Aseneths im Langtext JosAs, die Dauer von SchOnheit einer Frau an. Es lautet: "Schmink dir, Laodike, nur die verschrumpelten Wangen auf Jugend (ist nicht die Strafe gerecht, die du den Leuten bezah1st?), Offne nur niemals den Mund! Denn nirgends gibt's einen Meister, der in kosmetischem Trug Zlihne in Reihen dir setzt. Was du an Anmut besessen, ist llingst schon vertlogen. Des Leibes SchOnheit ist wahrlich kein Quell, der for die Ewigkeit flieBt. Warst du im Lenz eine Rose, nun bist du vertrocknet; des Alters sommerlich dorrende Glut hat deine Bliite erwelkt." (Anthologia Graeca XI 374, Obers. Beckby). Dieses Gedicht vergleicht die Frau mit einer Rose (vgl. JosAs 16,14(B); 18,9(B» . AufflIIIig ist besonders auch der Spott auf die Zahnstellung bzw. die Verfassung derselben, welche vielleicht die Beschreibung Aseneths 18,9(B): "und ihre Zlihne waren wie zur Schlacht angeordnete Klimpfer" illustriert.
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 135 Acker des Hochsten, und aufihren Wangen war es rot wie (das) Blut eines Menschensohnes, und ihre Lippen waren wie eine Rose des Lebens, die aus ihrer Knospe herauskommt, und ihre Ziihne wie zur Schlacht angeordnete Klimpfer und die Haare ihres Kopfes wie ein Weinstock im Paradies Gottes, der in seinen Friichten prangt, und ihr Hals wie eine ganz bunte Zypresse319 und ihre Briiste wie die Berge Gottes des Hochsten. Nur die ersten beiden Vergleiche liest der Kurztext mit. Augen und Ange- sicht werden verglichen mit der Sonne und dem aufgehenden Morgenstern (erocr<pOpos avattA.A.rov), also mit Bildern aus der Natur, die LichtIHelligkeit aussagen. Dieser Vergleich dient besonders im Kurztext dazu, Aseneths neues Aussehen dem des MENS CHEN und seiner Er- scheinung anzugleichen. In 14,111 war das erste Zeichen der Erscheinung des MENS CHEN das Aufgehen des Morgensterns (avE'tetA£V 6 erocrcp6po<; aO"nlP). Die Sonne erinnert nicht nur an Aseneths Beschreibung von Josephs Aussehen (6,2/5), sondern auch an das Aussehen des MENS CHEN, von dem es 14,9/9 heillt: "sein Angesicht war wie ein Blitz und seine Augen wie ein Strahl der Sonne. "320 Dies gilt soweit auch fiI.r den Langtext, doch folgen dort noch weitere Beschreibungen, urn das in 16,16(B) Zugesagte als geschehen auszufiiliren. AuffaIlig ist bei dieser breiten Aufzlihlung von Aseneths Korperteilen, daB auBer den beiden erstgenannten und den Lippen keine weiteren Korperteile genannt werden, die eigenen Ausdruck ennoglichen. Statt des sen entsteht vor der Leserin und dem Leser das Bild einer Frauenbiiste mit Gesicht, Augen, Wangen, Lippen, Ziibnen, Hals und Briisten. Wie auch in 16,16(B) zeigt die Bildebene auch hier die SchOnheit der Beschriebenen in tradi- tionellen Werten.321 In einem Rufinos zugeschriebenen Epigramm heillt es: 319 7t!lJ17tOKlAO<; Burchard, JSHRZ: 'allfeinverzweigte', Riessler, Joseph und Asenath: 'wohlbehauen' . 320 Siehe auch oben 4.3. 321 Der Vergleich der SchOnheit von Frauen mit Rosen wird in Epigrarnmen Mufig eingesetzt (vgl. z.B. Anthologia Graeca V 3Sf.; 170; 210) mit Wein/Trauben V 227; 304. Geschminkt wurde hauptsllchlich mit weill und rot, und ROte ist ein Frauen auszeichnendes Attribut (ebd., V 35; IX 39). Auch Leukippes Schonheit wird bei Ach. Tat. 1.4,3 llhnIich beschrieben; bier werden Brllste mit Bergen verglichen (ebd., V.13). Weit hllufiger als der Vergleich der Bruste von Frauen mit Bergen ist der mit Apfeln (vgl. z.B. in Anthologia Graeca V 60; 62; 258; 290 u.O.). 1m Langtext JosAs' (8,5(B» ist dieser ebenfalls enthalten: 8,5(B): "Und als Aseneth herantrat, urn Joseph zu kilssen, streckte Joseph seine rechte Hand aus und
  • 136 KAPITEL2 Leuchtend ihr Auge wie Gold, kristalildar die strahlende Wange, und in purpumer Pracht lacht ihr die Rose am Mund. Blendend wie Marmor ihr HaIs, aIabastem blinkt ihr der Busen, und in blitzendem Weill gllinzt wie bei Thetis ihr Fu6...32Z Gleichzeitig entsteht vor den Augen des Lesers und der Leserin, wiederum mit traditionellen Attributen ausgestattet, das Bild des Paradieses. 323 Die ,,Acker des Hochsten" deuten dies bereits an, der "Weinstock im Paradies Gottes" spricht es deutlich aus. Die Charakterisierung der Figur Aseneths im Langtext wird m.E. von diesen Stellen stark beeinfluBt. Aseneths SchOnheit ist hier nicht nur ein Ideal, sondem sie ist paradiesesgleich. Aber diese SchOnste aller Frauen verschwindet hinter der Bildebene. Ihre SchOnheit spiegelt das Paradies, aber es bleibt vollig offen, ob sie auch zu dessen Bewohnem und Be- wohnerlnnen gehOrt. Vor aHem aber ist sie handlungsunfiihig. Die ver- gleichbare Darstellung Jakobs (22,7(B» zeigt, daB der Langtext hier ge- schiechtsspezifische Unterschiede macht. 22,7(B) Und Aseneth sah ihn und staunte fiber seine ScMnheit, denn Jakob war sehr schOn von Gestalt, und sein Alter war wie (die) Jugend eines wohl- gestalteten Mannes, und sein Kopf war ganz wei6 wie Schnee, und die Haare seines Kopfes waren ganz dieht und sehr zahlreich <wie die eines Athiopiers>, und sein Bart war weill hinabreiehend bis zu seiner Brust, und seine Augen waren frohlich und hervorblitzend, und sein Nacken324 und seine Schultem und die Arme waren wie die eines Engels, und seine Hiifte und seine Schenkel und seine FU6e wie die eines Giganten. Das Gewicht liegt hier auf der Beschreibung eines konkreten Menschen. Die detaillierte Aufz3.hlung von Nacken, Schultem, Annen, Hiiften, Schenkeln und Fiillen erweckt den Eindruck auBerordentlicher Starke. Jugend spielt trotz des ersten Vergleichs keine besondere Rolle. WeiBes Haar und langer weiBer Bart driicken vielmehr Reife und hohes, weises Alter aus.32S Die Bildh1i.1fte vergleicht Jakob mit einem Athiopier,326 einem EngeP27 und Iegte sie auf ihre Brust, inmitten ihrer zwei Brftste, und ihre Brftste standen schon wie reife Apfel." An dieser Stelle wird nicht nur ein starkes Interesse an der Erotik der Frauenfigur Aseneth deutlich, sondem es zeigt sich, daB das Interesse an den erotischen Komponenten ihres KOrpers ilber das der Entwicldung des Charakters der Figur gestellt wird. Das Subjekt wechselt in dieser Sameihe von Aseneth ilber Joseph hin zu den Brftsten, die der Leser und die Leserin am Ende allein im Blick behlllt (vgl. auch Kraemer, Her Share, 111). 322 ,,Leise schimmert ihr wohl ein silbemes Fadchen gleich einem blassen HlIlmchen im Haar, aber-ich sehe es nicht" (Anthologia Graeca V 48, Rufmos ca. 130 n. Chr., Ubers. Beckby). 323 Die blilhende Pflanzenfillle z.B. slHen 8,1-8; athHen 24,4; 31-32; das Paradies auf einem Berg: Ez 28,4; athHen 24,3ff. S. auch oben. 324 Eigentlich Plural: -revo~ Nackenmuskeln (vgl. Burchard, JSHRZ, 702). m WeiBe bzw. graue Haare scheinen fiIr Frauen dagegen ein Makel zu sein; vgl. Anthologia Graeca X 68; 408 U.O . 326 Athiopier als Himmelsgestalten auch ApkMos 35.
  • DIE DARSTELLUNG ASENETHS 137 einem Giganten, also mit personenhaften Gestalten. Die so dargestellte Figur erweckt den Eindruck groBer HandlWIgsflihigkeit. Vergleicht man die Beschreibung Aseneths 18,9(B) mit der Jakobs 22,7(B) auf der Ebene der Vergleichsempfiinger, so zeigt sich deutlich die Geschlechtsspezifik der DarstelIWIg. Statt Kopf, Haaren, Bart, Augen, Nacken, Schultem, Armen, Hiifte, Schenkeln WId Hillen werden von Aseneth Kopf, Augen, Wange, Lippen, Zlihne, Haare, Hals WId Briiste aufgezahlt. Statt eines wunderbar starken und weisen Menschen gewinnt man bei der Beschreibung Aseneths, modem gesprochen, den Eindruck einer Biiste auf einem Klavier. Die so beschriebene 'neue Aseneth' des Langtextes steht nicht auf dem Boden WId hat im Gegensatz zu Jakob kaum eine Moglichkeit, sich auszudriicken oder durchzusetzen. Das Neue an Aseneth im Langtext ist also zunachst WId vor allem durch eine paradiesesgleiche SchOnheit ausgezeichnet. Diese SchOnheit beflihigt sie dazu, die Braut Josephs zu werden (18,7(B)). Der Pharao spricht in seinem Segen diesen Zusammenhang noch einmal deutlich aus: 21,4(B) (Der Pharao) sagte: 21,3(Ph) (Dec Pharao) sagte: ,,Es segne dich (der) Herr, ,,Es segne dich (dec) Herr, der Gott Josephs, Kind, und der Gott Josephs, es soU dir diese deine SchOnheit in Ewigkeit bleiben, denn (der) Herr, dec der Gott Josephs, w1ihlte dich dich ausw1ihlte <gerechterweise> aus, dem Joseph zur Braut, zu seiner Braut, denn er ist dec erstgeborene denn Sohn Gottes, und du wirst Tochter (die) Tochter des Hochsten genannt des Hochsten wirst du genannt werden und Braut Josephs werden, und Joseph von nun an bis wird dir ein Brautigam in Ewigkeit." in Ewigkeit sein."328 Wie bereits in 16,16(B) wird noch einmal betont, daB Aseneths SchOnheit unverganglich sein solI. TItre SchOnheit, so driickt es der Pharao aus, hat dazu gefiihrt, daB sie von Gott zur Braut Josephs ausgewahlt wurde.329 Zu ihrer SchOnheit gehOrt-im Gegensatz zur SchOnheit Jakobs-nur ein 327 Jakob wird im Gebet Josephs als Engel dargestellt. 328 Der Kurztext, der allerdings nur in der slawischen Uberlieferung gelesen winl, stellt Aseneth und Joseph g1eichberechtigt als Sohn und Tochter Gottes und als Brautigam und Braut gegentlber. Die von Philonenko gegen die Textzeugen des Kurztextes in den Text genommene Passage: am&; eCTttv 6 uibl; 'tOi) 9wI) 6 1tpC.O"tOtOK<X; Kat (21,3(Ph)) habe ich ausgelassen. S. oben Kap. 1,3.3 und unten 6. 329 Vg1. StKairo<;, das jedoch nur in ann, 11 +2 tlberliefert ist. Die Benennung Aseneths als Tochter Gottes steht parallel zur Braut des Josephs.