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Nationalsozialismus als lagersystem

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  • 1. Soziologisches Seminar der Rheinischen Friedrich – Wilhelms – Universität Bonn Veranstaltung: Gesellschaft im Nationalsozialismus (Hauptseminar) Leitung: Prof. Dr. Werner Gephart Nationalsozialismus als Lagersystem – die Täter, die Opfer und das Lagersystem Soziologie, Psychologie, Islamwissenschaften Ibrahim Mazari SS 1997
  • 2. Inhalt Einleitung (S. 3) I. Sofsky  Von der kollektiven Schuld und dem Topos der Unverstehbarkeit (S. 4)  Das Konzept der absoluten Macht (S. 5)  Raum (S. 6)  Zeit (S. 7)  Soziale Strukturen (S. 8) Fazit (S. 12) II. Goldhagen  Von der Kollektivschuld, dem freien Willen und der Motivation (S. 13)  Antisemitismus (S. 14) Fazit (S. 15) III. Versuch eines Vergleiches (S. 17) Literaturverzeichnis (S. 18) 2
  • 3. Einleitung Mit dem Erscheinen des Buches „Hitlers willige Vollstrecker“ von Daniel Jonah Goldhagen wurde in der deutschen Öffentlichkeit eine Diskussion ausgelöst, die in ihrer Heftigkeit und Polemik 50 Jahre nach den untersuchten Geschehnissen erstaunlich ist und die beweist, daß dieses Thema mitnichten aufgearbeitet und bewältigt, sondern immer noch die Gemüter bewegt und die Geister scheidet. Goldhagen ist es gelungen, unabhängig von der wissenschaftlichen Qualität seiner Arbeit, die Deutschen mit ihrer Geschichte zu konfrontieren, in einer Zeit, in der das wiedervereinigte Deutschland angesichts globaler struktureller Umbrüche politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Natur seine „Identität“ neu definieren und beweisen muß und in der daher die Geschichte als identitätsstiftendes Medium von existentieller Bedeutung ist. Nach dem Zusammenbruch der pseudokommunistischen Staaten des Ostblocks stellte sich auch im Westen die Frage nach einer neuen weltpolitischen Orientierung, denn die anfängliche Euphorie nach der „Wende“, nun, da der Beweis erbracht worden sei, daß das westliche System der sozialen Marktwirtschaft überlegen und sich somit als richtig erwiesen habe, verfliegt angesichts der großen wirtschaftlichen Probleme, die sich strukturell in der hohen Arbeitslosigkeit manifestieren. Die Diskussion um den sogenannten Holocaust ist vor diesem Hintergrund stark emotionalisiert. Die Rezensionen des Buches erfolgten vor allem seitens der Historiker mit einer seltsam anmutenden Polemik, die eher von Neid und Verwirrung als von sachlicher Entrüstung ob der unwissenschaftlichen Darstellung zeugt. Es ist zugegebenermaßen schwierig, angesichts dieser Verbrechen den Topos der „unbedingten Sachlichkeit“ aufrecht zu halten, und es drängt sich die Frage auf, ob solch ein verheerendes und dem Verstand scheinbar unzugängliches Ereignis überhaupt Gegenstand einer wissenschaftlichen Diskussion sein kann. Ich werde mich in meinen Ausführungen mit der Frage beschäftigen, wie das bisher nicht dagewesene möglich werden konnte und wie in einer Kulturnation die Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen realisiert wurde. Im Vordergrund der Betrachtungen werden zwei Erklärungsansätze beleuchtet: einmal der von Sofsky, der im Lagersystem ein komplexes soziales Gebilde sieht, in dem Täter und Opfer verschiedenster Prozesse und Mechanismen ausgesetzt und deren Handeln aus diesen Strukturen ableitbar und erklärbar seien, weiterhin der vieldiskutierte und auch umstrittene Ansatz, den Goldhagen liefert. Er sieht im Völkermord primär ein identitätsstiftendes, nationales Großprojekt, dessen Wurzeln in der langen Tradition des Antijudaismus und des daraus resultierenden, rassistisch definierten Antisemitismus lägen. In diesem Diskurs wird auch die Frage der Kollektivschuld bzw. der Kollektivverantwortung von den einzelnen Theoretikern aufgeworfen und beantwortet. Bevor ich jedoch auf die einzelnen Vertreter näher eingehe, möchte ich einige allgemeine Ausführungen über die verschiedenen Lagertypen machen. Nach Hannah Arendt stellten die Lager die eigentlich zentralen Institutionen des nationalsozialistischen Macht- und Organisationsapparates dar. Und wenn man sich die etlichen NS – Organisation vor Augen führt, die das ganze Leben des Bürgers prägen und bestimmen sollten, vom Pimpf bis in das hohe Greisenalter, so läßt sich diese Überlegung nicht von der Hand weisen, vor allem vor dem Hintergrund der militärischen Strukturen dieser Institutionen. Wen wundert es, daß auch unerwünschte und unbequeme gesellschaftliche Gruppen abgesondert und sonderbehandelt werden, wie es in der NS – Sprachpolitik euphemistisch klingt. Um die immense und weitreichende Bedeutung des Lagersystems für die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und ihrer Ideologie begreiflich zu machen, werden jetzt einige Lagerformen aufgezählt, von denen jeweils Tausende im gesamten Einflußbereich der Nazideutschen eingerichtet worden sind. So gibt es Arbeitserziehungslager, „Lager für Aussiedlungszwecke“, Germanisierungslager für Kinder in Polen, Getto – Lager, 3
  • 4. Sammellager, Haftanstalten der Wehrmacht und Kriegsgefangenenlager, „Jugendschutzlager“, Lager für ausländische ZivilarbeiterInnen, Polizeihaftlager, Säuglings- und Kleinkinderlager, SS – Sonderlager, Strafgefangenenlager, Zwangsarbeiterlager, Konzentrationslager und Todeslager (z.B. Treblinka und Majdanek). Es muß betont werden, daß die Mehrheit der Juden in der Sowjetunion nicht in Lagern umgebracht, sondern vor Ort erschossen worden sind.1 Es ist wichtig anzumerken, daß die Lager im Erklärungansatz Goldhagens keine primäre Rolle spielen, sondern nur ein Bestandteil einer größeren Tötungsmachinerie sind, die in diversen Institutionen mit verschiedenen Methoden zum Ausdruck kamen, wobei der Motor dieses großnationalen Projektes der sogenannte eliminatorische Antisemitismus gewesen sei, auf den noch einzugehen ist. Hier läßt sich aber schon eine wesentliche Differenz zwischen den hier vorgestellten Ansätzen festmachen, da nach Sofsky die besonderen Strukturen des Lagers den Holocaust verstehbar machten, wohingegen das Lager bei Goldhagen nur eines von vielen Institutionen darstellt, die untersucht wurden. Goldhagen konzentrierte sehr seine Ausführungen und seine umfangreichen Darstellungen der Quellen auf die Polizeibataillone und auf die Todesmärsche, um seine These, daß „gewöhnliche“ Deutsche an den Morden beteiligt gewesen seien, zu untermauern und um die stark sozialpsychologischen und strukturanalytischen Erklärungsansätze, die annehmen, das Lager als spezifischer Lebensraum sei die Ursache der Massenvernichtung, in Frage zu stellen. Deshalb dürfte nicht verwundern, daß im Inhaltsverzeichnis von „Hitlers willige Vollstrecker“ die Konzentrationslager nur im Teil IV unter der Überschrift „Jüdische Arbeit bedeutet Vernichtung“2 relativ kurz behandelt werden. I. Sofsky: Von der kollektiven Schuld und dem Topos der Unverstehbarkeit Wolfgang Sofsky leitet seine Ausführungen3 mit Überlegungen zur Kollektivschuld an den Verbrechen und ihrer wissenschaftlichen Zugänglichkeit ein. So führt er zu ersterem aus, daß „sowenig es eine Kollektivschuld gibt, sowenig gibt es eine kollektive Unschuld“4 und weist darauf hin, daß die Deutschen keine „ahnungslosen Kleinkinder“ gewesen seien und daß die Zahl der Mittäter in die Zehntausende gehe. Erst die bereitwillige Erfüllung des einzelnen habe diese Katastrophe erst möglich gemacht. Er verwirft den Gedanken an einer kollektiven Schuld, denn für ihn seien „auch kollektive Verbrechen (...) letztlich nichts anderes als individuelle Verbrechen im Kollektiv“5. Dennoch verwahrt er sich, ideologische Überzeugungen und Ressentiments (Antisemitismus) in ihrem Erklärungswert zu überschätzen, da er denkt, daß solche Grausamkeiten auch ohne Ideologisierungen möglich seien und daher immer möglich bleiben. „So meidet man die unangenehme Einsicht, daß menschliche Grausamkeit ganz ohne Mobilisierung obskurer Ressentiments möglich ist, daß auch der Abbau von Vorurteilen nicht vor Wiederholung bewahrt.“6 Zum wissenschaftlichen Zugang schreibt er, daß die ungeheuren Verbrechen, die in den Konzentrationslagern verübt wurden, zu einem Tabu führten und den Topos der 1 In diesem Zusammenhang wollte ich auch auf die Frage der Mittäterschaft der Wehrmacht an diese Verbrechen verweisen, die heute im Rahmen der sogenannten Wehrmachtsausstellung seltsam heftige Reaktionen auslöste. 2 Daniel Jonah Goldhagen: „Hitlers willige Vollstrecker“, Berlin 1996 3 Wolfgang Sofsky: „Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager“, Stuttgart 1993 4 a.a.O. S. 16 5 a.a.O. S. 19 6 a.a.O. S. 17 4
  • 5. Unvergleichbarkeit schufen. Sofsky lehnt den Gedanken der Unvergleichbarkeit ab, da für solch ein Urteil stets ein Vergleich vorausgesetzt werden müsse. Die Wissenschaft mit ihrer analysierenden und somit „entzaubernden“ Methodik könne die moralische Tragweite und Schwere dieses Ereignisses nicht erfassen, doch sei das Ereignis, als Produkt menschlichen Handelns und den dadurch geschaffenen Beziehungsstrukturen, grundsätzlich der menschlichen Rationalität zugänglich. Dennoch, und dies bezieht er vor allem auf die Soziologie, hat der Holocaust die Begrifflichkeit, mit der man menschliches Zusammenleben zu erfassen versuchte, fundamental in Frage gestellt und obsolet gemacht, weil dieses Ereignis alles Elementare der gesellschaftlichen Idee der Solidarität als Charakteristikum der Vergemeinschaftung in den Wind bläst.7 Das Konzept der absoluten Macht8 Das Konzentrationslager ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, obschon es zu allen Zeiten Massenmorde und Massaker gab. Das neue bestand in der staatlich initiierten und industriell betriebenen Massenvernichtung mit der Hilfe einer bewährten staatlichen Verwaltung und einer modernen Logistik und Organisation. Das Hauptkonzept, auf dessen Grundlage die Betrachtung Sofskys aufbaut, ist das der absoluten Macht, die in den Lagern eine spezifische soziale Machtform herausbilde, die das Lagersystem zu einem Machtsystem eigener Art mache. Als soziale Organisation unterliege auch das Lager Prozesse und Mechanismen, die den Absichten eines einzelnen weit übersteige, so daß es nicht statthaft sei, in der Ebene der Psychologie der Täter und Opfer haften zu bleiben und dabei Prozesse der Vergesellschaftung und Dissoziation außer Acht zu lassen. Im Lager sei die geschlossene Organisation schlechthin realisiert. Sofsky differenziert die im KZ herrschende absolute Macht gegenüber anderen Machtformen, wie die der Despotie, der Tyranis, der sozialen Herrschaft und der Disziplinarmacht. Die Differenzen seien nicht gradueller, sondern fundamentaler Art. Absolute Macht sei organisiert, stigmatisierend, gestaffelt, und ohne jegliche Legitimationszwänge. Die Ideologisierung sei somit unwesentlich. Sofsky versucht diese These zu untermauern, indem er darauf hinweist, daß die ideologische Schulung der Lager – SS äußerst unzureichend war. So schildert Sofsky, daß die Schulungen eher lax waren, daß das Personal auch aus angeworbenen Ausländern bestand, die nicht des Deutschen mächtig und somit einer Indoktrination entzogen waren. Absolute Macht sei nicht Mittel zum Zweck, so wie die Arbeit im KZ nicht Mittel zum Zweck sei: „Die Häftlinge arbeiteten nicht, um zu produzieren. Sie arbeiteten, um zu sterben.“ Absolute Macht stehe weder in einem Legitimationszwang, noch schaffe sie irgend eine Sinnstruktur. Sie dulde keinerlei Freiheit, nicht einmal den Selbstmord, denn dieser negiere die absolute Macht, weil er eine Form der Selbstbestimmung sei. Wäre die absolute Macht zweckgebunden, so hätte sie gegen die Selbsttötung des Feindes (Juden) nichts einzuwenden. Doch Selbstmordversuche wurden hart sanktioniert. Die absolute Macht erzeugt absolute Ohnmacht auf der anderen Seite. Die Häftlinge lebten in permanenter Todesangst, und es gab keine Möglichkeit, durch konformes Handeln den Exzessen der Gewalt auszuweichen, weil es keine normativen Strukturen gegeben hätte, denen man hätte folgen können. „Absolute Macht zerstört den kausalen Zusammenhang zwischen Handeln und Überleben.“ Diese absolute Macht schaffe nun spezifische Strukturen, die das Lagersystem als eigenes soziales Gebilde auswiesen. Sie bringt 7 Vielleicht ist darin der Grund zu suchen, warum sich die Soziologie so seltsam zurückgehalten hat, wenn es darum ging, die Massenvernichtung der Juden und anderer Gruppen soziologisch zu beschreiben oder gar zu erklären. Statt dessen mußten die Historiker sich auch der soziologischen Perspektive dieses Verbrechens annehmen, was durchaus zu kritisieren ist, da sie zwar soziologische Begriffe übernommen haben, aber dennoch keine Fachmänner waren. 8 Wolfgang Sofsky: „Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager“, Stuttgart 1993, S.27 - 39 5
  • 6. nach Sofsky ein soziales Feld hervor, dessen Kategorien der Raum, die Zeit, und die soziale Strukturen zwischen den einzelnen Akteuren des Lagers sind. Auf diese Strukturen soll jetzt genauer eingegangen werden: 1. Raum Es gibt eine räumliche Trennung zwischen Kommandantur, Wachpersonal und den Insassen. Die Kommandantur liegt immer außerhalb der Absperrung. Das gesamte Lager ist wiederum in weitere räumliche Einheiten, Felder unterteilt, die dann abstrakte Bezeichnung erhalten wie BII und BIII, was einer totalen Bürokratisierung des Raumes gleichkommt. Die penible Geometrie des Lager- und Blockaufbaus lassen gleich den Eindruck einer Fertigungshalle, einer Fabrik entstehen. Hier ist Lebensraum technisiert und genormt und somit jeglicher Menschlichkeit beraubt. Das Lager kann als eine Stadt bezeichnet werden, mit allen infrastruktuellen Eigenheiten. Doch die Gleichheit aller Gebäude, der Uniformismus, pervertiert alles, was eine Stadt zu einem Lebensraum werden läßt. Im Lager ist der Insasse kein individueller Gefangener, sondern ein Kollektiv, und die Prozedur des Haarescherens und der Häftlingskluft dient genau dazu, den Gefangenen zu entpersonalisieren und somit zu dehumanisieren. Hier ist übrigens eine interessante Parallele zum Militär auszumachen. Doch der Insasse vermag sich im Kollektiv nicht heimisch zu fühlen, die Masse isoliert ihn. Es mag paradox klingen, doch die räumliche Verdichtung im Lager verhindert sozialen Kontakt. Die Masse ist jedoch nicht unstrukturiert zu denken. Das KZ hat eine klare und krasse Sozialhierarchie mit Privilegierten. Die Differenzen sind deutlicher als sie es im Leben außerhalb des Lagers sein können. Das KZ hat in seinen räumlichen Einteilungen auch Tabuzonen, wie etwa die berüchtigten Todestrackte. Doch es darf nicht der Eindruck entstehen, als ob die Häftlinge nicht den Tod an jedem Tag zu Gesicht bekämen. Das Konzept der Tabuzonen widerspräche ansonsten der von Sofsky charakterisierten absoluten Macht. Ein weiterer interessanter Aspekt des Raumes ist seine Begrenzung. Das KZ besitzt eine absolute Grenze, innerhalb dessen sich die absolute Macht etablieren und entfalten kann. Die Grenze hat zwei Funktionen. Einmal verbirgt sie das Innere, doch gleichzeitig signalisiert sie die ständige und totale Präsens des Terrors. Die Begrenzung des Raumes schafft im KZ eine soziale Autarkie; das KZ ist somit eine totale Organisation. Der Raum wird kontrolliert von den Scheinwerfern, die gleichfalls in einer Symmetrie zueinander stehen. Das Licht der Scheinwerfer stehlt jede Intimität, alles ist offengelegt und jeder ist ausgeliefert. Der gleiche Mechanismus greift bei den Lautsprechern, die überall im Lager angebracht waren, sogar in den Blocks. Manchmal wurde eine Rede Hitlers ausgestrahlt, und Sonntag nachmittags konnte man auch Radiomusik lauschen. Die Unmöglichkeit, sich dem zu entziehen, ist für den Häftling mehr als eine Schikane. Es zeigt in perverser Weise seine Lebenssituation, seine Ohnmacht, sein Ausgeliefertsein. Doch trotz aller technischen Mittel wurde die Grenze des Lagers erst unüberwindbar, als menschliche Kräfte eingesetzt wurden. Grenzverletzungen wurden von Anfang an mit dem Tod bestraft. Verletzung heißt in diesem Zusammenhang nicht nur der direkte Fluchtversuch, sondern auch die Kommunikation nach außen in Form von Lichtzeichen z.B. oder der Schmuggelverkehr. Die absolute Macht dulde keinen „Zweifel“. Diese strengen Bestimmungen nutzten oft die Wachkräfte, um in einem Spiel dem Häftling die Mütze abzunehmen, sie an den Zaun zu werfen, um dann den Häftling aufzufordern, diese wieder zu holen. Es darf nicht vergessen werden, daß die Häftlinge ihre Mützen beim Morgenappell in jedem Fall dabei haben mußten. Wenn nun der Häftling den Anweisungen des Wärters nachkam, wurde dieser erschossen. Die Wärter erhielten eine Prämie, wenn es ihnen gelang, einen Fluchtversuch zu vereiteln. Eine wirkliche Flucht geschah äußerst selten, und sie war mit aufwendiger Organisation verbunden. Wenn sie einem gelang, so lauerte auch außerhalb des KZ, wo deutsche und nichtdeutsche Antisemiten den Flüchtling denunzieren konnten, wenn sich herausstellte, daß es sich bei ihm 6
  • 7. um einen Juden handelte. Zahlreiche Flüchtlinge wurden von der Gestapo auf diesem Weg wieder eingefangen. Die Grenze war nicht nur physischer Natur. Es war auch eine kommunikative und soziale Absperrung. Dennoch gab es einen Austausch mit der Umwelt. Informationen und Schmuggelwaren überwanden diese Grenze. Der Schmuggel schuf dann im KZ eine Klassengesellschaft. Doch der ökonomische Faktor spielt nur eine untergeordnete Rolle bei der sozialen Differenzierung der Lagerinsassen, denn der soziale Status, wie etwa die Nationalität, eröffneten vielen erst die Möglichkeit, die Infrastruktur des Schmuggelverkehrs zu nutzen. Es gab nur eine Möglichkeit, die Grenze als freier Mensch zu überschreiten. Das Tor. Die Insassen gelangten in das Lager durch das Tor, das jedoch für sie eine Einbahnstraße war. Die Schriften, die die zukünftigen Insassen zu lesen bekamen, wenn sie durch das Tor schritten, zeugen von der Philosophie der sogenannten absoluten Macht. In Sachsenhausen stand „Schutzhaftlager“, so als ob das Lager den Insassen schützte, in Buchenwald stand „Recht und Unrecht – Mein Vaterland“, das den Häftlingen zu verstehen gab, daß ihre Anwesenheit in diesem Lager außerhalb jeder Frage von persönlicher Schuld oder Unschuld liege, in Dachau und Auschwitz trotzte der bekannte Spruch „Arbeit macht frei“, der sowohl das Vorurteil des arbeitsscheuen Juden ausdrückt, als auch das Versprechen, durch die „Arbeit“ im Lager von ihrer eigenen Existenz befreit zu werden. Das Tor war auch ein Ort der Schikane. Der Häftling betrat nicht nur das Lager, sondern verließ damit auch die Welt. Schläge und Beschimpfungen hießen den Insassen willkommen. In einigen Lagern war auch das sogenannte Torstehen eine beliebte Foltermethode. Im Sommer mußten die Häftlinge manchmal tagelang stehen, bis sie vor Erschöpfung oder wegen eines Sonnenstiches tot umfielen. Im Winter goß man ab und zu auch eiskaltes Wasser über die Häftlinge, und das mehrmals bei Außentemperaturen deutlich unter Null Grad, bis sie zu Eissäulen erstarrten. Den Raum im Lager durchschritt man im Laufschritt. Wenn es zur „Arbeit“ ging, so geschah das auch im Laufschritt, wobei die Insassen von Marschmusik der hauseigenen Kapelle begleitet worden sind. Der einzelne Häftling hatte im Lager nur sehr gering bemessenen Raum für sich. Dies zerstört seine Intimität und somit sein Selbst. Er verliert seine Scham und die Fähigkeit, als soziales Wesen zu handeln. So wenn der geschwächte Häftling täglich um einen Platz am Abort kämpfen muß und dabei über und auf Leichen steigen muß, die abends zuvor in den Baracken mit den Abborten verendeten, weil sie nicht die Zeit hatten, zum Sterben in ihre Baracke zurück zu kriechen. Zu geschwächte Insassen verrichteten ihre Notdurft, wo sie gerade standen, lagen oder saßen. Für Ekel war kein Raum.9 2. Zeit Zeit legt Intervalle, Abstände und Wiederholungen von Handlungen fest. Sie ist somit ein Instrumentarium der sozialen Kontrolle und erhält unter der absoluten Macht eine eigentümliche Bedeutung, denn die absolute Macht verläßt oft die festgelegten Zeiträume. Mal wird nur gehetzt, dann mit Bewegungslosigkeit gefoltert (Torstehen, Blocksperre, Appell). Das Lager zerstört mit dem Zeitsinn der Insassen ihre Lebenszeit, ihre Selbständigkeit, denn sie können nicht mehr über ihre Zeit verfügen. „Absolute Macht untersteht nicht der Zeit, sie manipuliert sie vielmehr, durch Dehnung und Beschleunigung, durch plötzliche Überfälle und die Tortur der Dauer. Diese multiple Zeit zerstörte die Sicherheit, die zyklische Zeitstrukturen sonst garantieren. Das Lager zwang die Menschen in eine ewige Gegenwart der Ungewißheit und des Schreckens“.10 Die Häftlinge, die zumeist nicht einmal wußten, warum sie inhaftiert worden waren, erhielten nicht die Möglichkeit, sich „einzuleben“, d.h. eine sekundäre Sozialisation zu erfahren; sie wurden in das Lagerleben hinein geworfen. Dies verhinderte das Entstehen eines lebensnotwendigen Selbstkonzeptes. Dem Häftling waren keine Handlungs- und Sinnstrukturen gegeben, an denen er sich hätte 9 a.a.O. S. 87 10 a.a.O. S. 97 7
  • 8. orientieren können. Dies führte zur Deindividualisierung. Nur Häftlinge mit starken religiösen und politischen Überzeugungen konnten ein Selbstbild aufbauen. Es stellte sich die Frage für den Häftling, angesichts der Schrecken den Lebenswillen nicht zu verlieren. Deshalb mußte der Häftling vergessen. Nostalgie und Erinnerungen an bessere Zeiten zerstörten den Lebenswillen. Das Zeitbewußtsein war dementsprechend stark eingeschränkt, denn es galt im Hier und Jetzt das Überleben zu sichern und jeden Gedanken an ein Morgen so gut es ging zu verdrängen. Zukunftsplanung im Sinne einer Lebensperspektive, die unabdingbar für die Sinnorientierung des Individuums ist, war somit nicht gegeben. Eklatanten Folgen für das Selbstkonzept des Häftlings, was sich an den sozialen Hierarchien im Lager gut beobachten läßt, waren die Konsequenzen. 3. soziale Strukturen11 Die Gesellschaft im Lager bestand aus drei Gruppen: dem Aufsichts- und Verwaltungspersonal, der Häftlingsaristokratie und schließlich den Gefangenen in den Massenblocks. Das Aufsichts- und Verwaltungspersonal bestand größtenteils aus SS – Leuten, deren Durchschnittsalter anfangs, d.h. 1936, bei 23,2 Jahren lag und 1938 auf 20,7 Jahren sank! „Für kurze Zeit waren die Wachverbände nichts anderes als eine Truppe von Minderjährigen“.12 Die SS – Totenkopfdivisionen waren unabhängig von den Sicherheitskräften, der Wehrmacht und selbst von der allgemeinen SS. Wenn man die Beziehung dieser Leute mit den Häftlingen bewerten möchte, so muß bedacht werden, daß nur ein Bruchteil der Einheiten mit dem täglichen Dienstbetrieb in den Lagern zu tun hatte. Die Drecksarbeit übernahmen die Kapos und andere Häftlinge. Die Totenkopfdivisionen unter Eicke waren anders strukturiert als die Wehrmacht. Kameradschaft sollte im Mittelpunkt stehen, alte, soldatische Tugenden und das Ständedenken wurden abgelehnt. Es ist nicht in Abrede zu stellen, die SS – Männer als Prügel- und Raufbolde zu bezeichnen. Die Wehrmacht versuchte sich zwar davon zu distanzieren, trug aber letztlich gleichfalls zum Verbrechen bei. In der SS existierte aufgrund ihrer Struktur ein großer Gruppendruck, und es wurde von jedem absolutes Gehorsam verlangt. Das Lagerpersonal der SS war keine homogene Gruppe. Es existierten verschiedene Abteilungen, die oft in Dienstaufgaben- und Kompetenzgerangel gerieten. So gab es etwa Auseinandersetzungen zwischen der politischen Abteilung und der Arbeitsverwaltung hinsichtlich der Frage, ob ein jüdischer Arzt im Lagerlazarett tätig werden durfte. Hier entstand der Dissens durch divergierenden Interessen der einzelnen Abteilungen. Es gibt die politische Abteilung, die Kommandantur, die Lagerärzte, die Rapport- und Blockführer und die Arbeitsverwaltung. Die Dezentralisierung der Macht wirft auch die Frage nach der Rolle der Bürokratie im Lager auf. Nach Sofsky führte die Dezentralisierung nicht nur zu gestiegenen Interessen- und Kompetenzkonflikten, sondern bildete geradezu den idealen Nährboden für brutale Übergriffe und Terror. Diese These steht diametral zur bisherigen Annahme, daß erst die minutiöse und reibungslose Bürokratie des Lagerwesens derartige Effizienz im Terrorüben und Töten entwickeln konnte. Sofsky hingegen führt aus, daß Entscheidungen oft ad hoc getroffen worden seien und daß die Kommandantur, als zentrale Stelle eingerichtet, bald nicht mehr den Überblick über das gesamte Lagerleben gehabt habe. Die größer werdende Autonomie der einzelnen Abteilungen und der darin implizierte Handlungsfreiraum öffnete der Willkür alle Türen. Es wurde zuvor etwas über die Rolle der Ideologie gesagt. Sofsky relativiert diese, indem er die Schulungen der SS untersucht.13 Er kommt zu dem Schluß, daß die Ideologisierung dürftig und ausschließlich aus einem Sammelsurium primitiver Lehrsätze bestand. Die Lehrstunden 11 a.a.O. S. 115 - 190 12 a.a.O. S. 117 13 a.a.O. S. 130 8
  • 9. seien genauso unbeliebt gewesen wie jede andere Militärschulung auch. Im Gegensatz zu Goldhagen, und das ist Sofskys zentraler Befund zur Rolle der Ideologie, sei „Mentalität (...) keine Frage ideologischer Überzeugung, sondern praktischer Übung und sozialer Normierung“14, weshalb Menschen grundsätzlich ohne eingehender Ideologisierung imstande seien, derartige Verbrechen zu begehen, wohingegen Goldhagen davon ausgeht, daß dem Handeln stets ein Motiv zugrunde liegen muß, das aus der Sicht des Täters sein Tun legitimiert. Hier ist ein grundsätzlicher Dissens angesprochen, der sich u.a. auch im sogenannten Historikerstreit manifestiert und auf den noch genauer in diesen Ausführungen einzugehen ist.15 Die Lagerkommandantur verrichtete ihre Arbeit vorwiegend am Schreibtisch, Neulingen wurde die Lagerordnung, wenn überhaupt, eingeprügelt. Diese Regeln worden also nicht blindlings befolgt. Es gab einen großen Handlungsspielraum nach beiden Seiten hin, d.h. der Wärter konnte entweder sehr „mild“ und „lax“ den Anordnungen Folge leisten, oder aber auch das Vorgeschriebene übertreiben und keine Gelegenheit auslassen, die Gefangenen zu schlagen, zu foltern und zu töten. Hier stellt sich die Frage der Motivation, und es drängt sich ein Hauptargument Goldhagens auf, der ja, wie wir noch sehen werden, konstatiert, daß das Handeln der Wärter in diesem relativ großen Handlungsfreiraum nur erklärt werden könne, wenn man es intrensisch motiviert denkt, so daß Vorurteile und ideologische Einstellungen wie der Antisemitismus ein zentrales Gewicht erhielten. Es ist wichtig festzuhalten, daß die Gruppe der SS – Männer nicht so homogen war, wie sie oft dargestellt wird. Dies zeigen uns divergierende Interessen, Korruption und Mißachtung der Regeln, die alles andere als ein einheitliches Bild von der SS liefern. Dies war die Gruppe der Täter. Die Opfer, diejenigen, die nicht freiwillig ein Leben im Lager ausgewählt haben, bilden zwar sprachlich eine Gruppe, doch in der Realität gab es sehr große Unterschiede zwischen den einzelnen Häftlingsgruppen. Das Lagersystem stellt ein spezielles System der Klassifikation zur Verfügung. Soziale Ungleichheit wurde in den Lagern nicht durch sozioökonomische Kategorien, sondern durch eine rassistisch definierten Klassentaxonomie geschaffen16. Den einzelnen Häftlingsgruppen wurden verschiedene Farben zugewiesen (ab 1936), die sie in Form eines Wimpels auf der linken Brustseite und auf dem rechten Hosenbein tragen mußten: grün: Kriminelle, schwarz: „Asoziale“, blau: „Emigranten“, braun – schwarz: Zigeuner, rot: politische (Ausländer zusätzlich Anfangsbuchstaben), rosa: Homosexuelle, gelb: Juden (Davidstern), Fluchtverdächtige: rotweiße Zielscheibe auf Brust und Rücken. Die einzelnen Gruppen standen sich in einem komplexen Beziehungsgeflecht paktierend, konkurrierend und gleichgültig gegenüber. Von einer Solidarität unter den Gefangenen im allgemeinen konnte nicht die Rede sein. Manche Gruppen standen den Tätern der SS viel näher als den sogenannten Parias des Lagers und machten sich als Kollaborateure mitschuldig und zu Mittätern. In jedem Fall war die Überlebenschance wesentlich höher, wenn man näher am „Ideal“ des Nazi – Menschenbildes lag. Dies widerspricht jedoch den Ausführungen Sofskys, wonach die absolute Macht keinerlei Kriterien kenne und ideologische Überlegungen und Überzeugungen keine Rollen spielten. Allein in der Zuweisung der Farbwimpel, die in jedem Fall ideologisch bestimmt sind, wird der Status und somit die Überlebenschance des Häftlings festgelegt. Es ist offensichtlich, daß Sofsky das Konzept der absoluten Macht nicht aufrecht zu erhalten vermag. Der Zusammenhang zwischen dem Status (Sozialkapital) und der Funktionsmacht wird aus folgender Darstellung ersichtlich: 14 a.a.O. S. 130 15 Es wird noch zu zeigen sein, daß die unterschiedlichen Ansätze Goldhagens und Sofskys in philosophischen Grundannahmen wurzeln, die seit Jahrhunderten diskutiert werden. 16 s. Schaubild im Anhang S. 9
  • 10. Funktionsmacht ( + ) I. Bver Politische II. Asoziale Bibelforscher Tschechen Sozial- S ozial- kapital( + ) Nordeuropäer K apital ( - ) Spanier Belgier Niederländer Polen Sver Franzosen Italiener III. sowj. Kriegsgefangene sowj. Zivilisten Zigeuner Homosexuelle Juden Funktionsmacht ( - ) Schaubild 117 Sofsky durchbricht im Grunde die totale Abgrenzung zwischen Opfern und Tätern, indem er anhand der Sozialstruktur des Lagers komplexe Macht- und Einflußstrukturen aufweist, die die Opfer nochmals wesentlich differenzierte und einige zu Mittätern werden ließ. „Die Lagerführung [gab] mehr und mehr Ordnungs- und Verwaltungsaufgaben an die Häftlinge ab und zog sich aus dem Alltagsbetrieb im Lager zurück“18. Wir hatten eben ja die Gesellschaft im Lager in drei Gruppen gegliedert. Die Opfer ließen sich in die sogenannten Häftlingsaristokraten und die Masse unterteilen. Was waren die Aristokraten, und wie lebten sie im Lager? Hier soll ein Zitat eines Häftling angeführt werden, mit dem Sofsky sein Kapitel über die Aristokratie einführt und das die krassen Unterschiede zwischen den einzelnen Gefangenen deutlich zu tage treten läßt: „Wir sind alle Kameraden, sagten unsere Kapos. Wir alle sind Konzentrationslagerhäftlinge, wir sind alle Kameraden. Derjenige, der dich umbringt, ist dein Kamerad. Paul, der Lagerälteste, hatte sich in den neuen Baracken ein regelrechtes Studio einrichten lassen mit einem Sofa, Radio, Büchern. Er aß üppig. Er wurde von einem polnischen Häftling bedient. Er war sehr elegant und wechselte oft die Kleider. Er war der Herr des Kommandos. Er empfing die Aristokratie in seinem Studio, insbesondere den französischen Stubendienst, einen Kriminellen. Dieser Stubendienst, der satt zu essen bekam, lief manchmal mit nacktem Oberkörper in der Baracke herum und ließ sich bewundern, weil er nicht abmagerte. Bei jedem Zwischenfall wollte er sich sofort prügeln. Übrigens war er nicht der einzige, der so sichtlich stolz darauf war, noch Fleisch auf den Knochen zu haben. Er sah das als einen persönlichen Erfolg an und verachtete in einer ganz natürlichen Anwandlung jene 17 übertragen aus: Sofskys „Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager“, Frankfurt 1993, S.150 18 a.a.O. S.158 10
  • 11. Mittelmäßigen, um sie dann, die SS – Logik anwendend, als Schweinehunde zu betrachten. Wenn er halbnackt herumlief, wußte er, daß er schön war.“19 Wer zur Aristokratie gehören sollte, wurde durch die Klassentaxonomie bestimmt. Teilweise wurden auch die Älteren, d.h. diejenigen, denen es gelang, für längere Zeit zu überleben und dadurch den Respekt der übrigen Lagerinsassen zu erringen, in die Aristokratie aufgenommen. Die Beziehung der Aristokraten zu den minder privilegierten Gefangenen war von Angst und Mißtrauen geprägt. Von einer Solidarität unter den Insassen kann keine Rede sein. Die Autorität der Aristokratie war genauso gefürchtet und verhaßt wie die der SS. Teilweise überstieg die Brutalität der „Kapos“ selbst die der SS – Schergen.20 Natürlich war die Aristokratie mit ihren Privilegien eine verschwindend kleine Gruppe. Die große Mehrheit der Insassen hatte natürlich keine Privilegien genießen dürfen. Sie waren rechtlos, hungrig, gedemütigt, entmenschlicht und würdelos. Man spricht nicht nur von Masse, weil es unfaßbar viele waren, sondern weil vor allem soziale Anonymität und Depersonalisierung diese Gruppe ausmachte. Es gab keine richtige Kommunikation, die Sprache des Lagers degradierte zu einer vulgären, direkten und instrumentellen Funktion, so hieß ein Knüppel „Dolmetscher“, ein Brot „Koks“, Läuse „Blondinen“ und Flöhe „Brünetten“. Wenn es einer verstand zu überleben, so hatte er ein „Arschauge“. Die Menschen im Lager wurden durch „Arbeit“ und langsamen Aushungern ermordet. Sofsky schildert eindrucksvoll den körperlichen und seelischen Verfall der Hungernden. Er zeigt die typischen Symptome wie das Schwinden der Muskulatur, die Schwächung des Pulses und der Atmungstätigkeit, bis der Körper sich aus Schwäche nicht mehr regen kann. Neben den offensichtlichen physiologischen Symptomen treten auch psychische Mangelerscheinungen, die mit Wahrnehmungsschwächen beginnen und in totaler Apathie und schizoide Attacken enden, auf. Die „Schicksalsergebenheit“, von der Sofsky spricht, erklärt unter Umständen die geringen Widerstandsaktivitäten seitens der Inhaftierten gegen die Wärter. Der Vorwurf, der von Seiten junger Israeli beispielsweise erhoben wird, daß die Juden so ergeben ihr Schicksal hingenommen hätten, läßt sich sicher nicht aufrecht halten. Fazit Sofsky liefert eine Analyse komplexer Strukturen und eröffnet damit einen Blickwinkel auf die Geschehnisse des sogenannten Holocaust, der in der Forschung in dieser Form noch nicht eingenommen worden ist. Es ist plausibel, im KZ eine spezifische soziale Struktur zu sehen, die in ihrer Komplexität eine Dynamik entwickelt, welche ihrerseits die Brutalität, die in diesem Ausmaß so noch nicht dagewesen ist, zu erklären beansprucht. Weiterhin differenziert die Studie Sofskys genauer die Beziehungsstrukturen der Häftlinge untereinander und räumt mit der naiven Dichotomie der „reinen“ Täter und Opfer auf, was, wenn man sich etwa die Ausführungen Tismas vergegenwärtigt, der seinerzeit auch in Auschwitz inhaftiert war, plausibel erscheint. Die Kritik, die er sich zu unterziehen hat, spricht vor allen seine abstrakte Darstellung an, die keinen Platz für konkrete Schicksale und Ereignisse läßt und die deshalb nicht der Einmaligkeit des einzelnen Menschen in dieser extremen Ausnahmesituation gerecht zu werden vermag. Sein Konzept der absoluten Macht trägt metaphysische Züge wie das „ewig Böse“ und kollidiert oft mit seinen eigenen Ausführungen, so etwa in seiner Beschreibung der „Rassentaxonomie“ der Nazi – Ideologie, die die Grundlage für die soziale Hierarchie der Häftlinge bildet, wesensgemäß rein ideologischer Natur ist und die das Postulat der absoluten 19 a.a.O. S. 169 20 Der serbische Autor Tisma hat in seinem Roman „Kapo“ eindrucksvoll geschildert, wie ein Häftling in seiner Not zu einem Gehilfen der Täter und zum Täter selbst werden kann und sich dessen auch bewußt ist, aber aus kleinlichen und egoistischen Gründen sich so verhält. Ideologische Überzeugungen spielten für ihn keine Rolle. 11
  • 12. Macht, die eben an keine Ideologie gebunden sei, negiert. Weiterhin beachtet Sofsky die historisch – kulturellen Zusammenhänge nicht, in denen der „Holocaust“ stattfand und führt explizit und implizit aus, daß ein solches Ereignis stets wieder passieren könne. Bilder aus der stalinistischen Ära und aus Bosnien scheinen dem Recht zu geben, doch anzunehmen, hinter all diesen Ereignissen stehe ein allgemein zu erfassender Mechanismus, verfehlt die Realität. Natürlich gab es KZ´s vor der Naziherrschaft (sie sind dennoch eine europäische Erfindung des 20. Jahrhunderts und fanden ihre Anwendung z.B. in Südafrika durch die Briten21 und in Libyen durch die Italiener22 ), doch sie waren stets von kurzer Dauer und stellten Ausnahmeerscheinungen dar, auch wenn natürlich die Grausamkeit und Tragik für den einzelnen nicht verharmlost werden darf. Dies geschieht durch diese Kritik auch nicht, denn der fundamentale Unterschied zwischen den Konzentrationslagern der Nazideutschen und anderer besteht darin, daß das Lager als System Grundbestandteil des nationalsozialistischen Weltbildes ist, so wie es Hannah Arendt ausgedrückt hat. Diese spezifische historische und kulturelle Eigenart wird von Sofsky überhaupt nicht erfaßt. Sofsky verwahrt sich, mit Revisionisten in einen Topf geworfen zu werden, indem er eindeutig feststellt, daß der einzelne nicht völlig ausgeliefert gewesen sei und daß er Verantwortung für sein Tun zu tragen habe. Seltsam mutet jedoch, daß die erklärenden Ausführungen Sofskys keinen Anhaltspunkt für seine Beteuerungen bieten. Natürlich beansprucht Sofsky nicht (auch wenn man sich manchmal nicht dieses Eindruckes erwehren kann), das gesamte Phänomen zu erklären, vor allem vor dem Hintergrund, daß er hier eine soziologische Analyse vorlegt, die, wie jede wissenschaftliche Arbeit, „nur“ ein Segment der „Wirklichkeit“ analytisch zu erfassen vermag und nicht zu moralphilosophischen Fragen Stellung beziehen kann, obwohl es bei einem solchen Thema schon fast notwendig erscheint, um nicht durch eine „moralische Abstinenz“ in ein falsches Licht gerückt zu werden. Sicherlich können die Ergebnisse seiner Analyse zu einem tieferen Verständnis des Holocaust beitragen, doch sie müssen in eine globale Betrachtung einbezogen werden. Für sich alleine genommen lassen seine Ergebnisse eine Menge Fragen offen und wesentliche Dinge außer Acht, etwa den Antisemitismus, der bei Goldhagen eine zentrale Rolle spielt. II. Goldhagen Von der Kollektivschuld, den freien Willen und der Motivation Goldhagen lehnt die Idee der Kollektivschuld ab.23 Schuldig kann nur ein Individuum sein, wenn es nachweislich Unrecht begangen hat. Menschen, die teilnahmslose und angepaßte Mitläufer waren, können moralisch, aber nicht rechtlich abgeurteilt werden. Goldhagen möchte mit seiner Untersuchung beweisen, daß der Kreis der Täter größer war als bisher angenommen wurde. Er ist der festen Überzeugung, daß der Holocaust ohne diese bereiten Helfer nicht so stattgefunden hätte. Die Deutschen seien keine „willenlose Rädchen einer Maschinerie“24 gewesen, und es habe immer die Möglichkeit der Insubordination gegeben. Der Umstand, daß davon nicht Gebrauch gemacht worden ist, liegt den Schluß nahe, daß der Antisemitismus als Motiv der Täter25 zu untersuchen sei. Dieser Ansatz, nach intrensischen Motiven zu suchen, die das Handeln der Täter erklären können, schließt explizit andere 21 Im sogenannten Burenkrieg 22 1912 – 1914 Kolonialkrieg 23 Daniel Jonah Goldhagen: „Hitlers willige Vollstrecker“, Berlin 1996, S.11 24 a.a.O. S. 12 25 a.a.O. S. 22 12
  • 13. Erklärungsansätze aus, wie sie etwa von der Sozialpsychologie vorgeschlagen werden oder wie jener, den Sofsky anbietet und der strukturanalytisch vorgeht. Der Dissens wird im sogenannten Historikerstreit ausgetragen. Es geht hierbei nicht nur um die Frage nach der Kollektivschuld, sondern auch um die Ursachen und Motive für das Handeln der Nazideutschen. Der Streit geht zwischen den extremen Positionen der Intentionalisten und der Strukturalisten. Erste vertreten die Ansicht, daß der einzelne voll für seine Taten verantwortlich sei und daß äußere Einflüsse nicht den freien Willen aufheben könnten. Das Gewissen des einzelnen als letzte Instanz sei wirksam. Letztere jedoch betonen die gesellschaftlichen Strukturen des Zwanges und verweisen auf sozialpsychologische Experimente, wie das sogenannte Milgram – Experiment, um ihre Position zu stärken. Goldhagen verwirft die bisherigen Erklärungsansätze und sieht ihren Fehler auch darin, daß sie irrtümlicherweise von der Annahme ausgingen, daß den Deutschen ihr Tun zuwider gewesen sei.26 Goldhagen spricht von der gemeinsamen Prämisse, die einfach besage, daß die Deutschen in ihrem Denken und ihren politischen und gesellschaftlichen Einstellungen nicht anders waren, als der durchschnittliche Amerikaner (Demokrat) und daß der „deutsche Charakter“ durch Propaganda und Diktatur verändert worden sei. Goldhagen bezieht jedoch die Position, wonach Zwang und Regulierung überhaupt nicht nötig gewesen seien; im Gegenteil: erst nachdem der Zwang der bürgerlichen und christlichen Moral, die die explizite Tötung einer ganzen Menschengruppe samt Kinder und Frauen tabuisierte, aufgehoben worden sei, konnte sich der latente eliminatorische Antisemitismus frei entfalten. Strukturelle Zwänge sind nach Goldhagen keine Motive, sondern bilden höchstens Anreize, eine Tat zu begehen oder sie zu unterlassen. Das Individuum füllt mit seiner freiwilligen Entscheidung diese soziale Struktur aus. Der freie Wille wird hier als letzte unabhängige Instanz gedacht, die somit keiner Kausalität unterliege. Für die These, das der Antisemitismus der zentrale Erklärungsansatz ist, spricht nach Goldhagen die Tatsache, daß Juden zweifelsohne schlechter behandelt worden seien als andere Opfergruppen. Die unglaublichen Greuel können demnach nur nachvollzogen werden, wenn man den Tätern sehr starke Motive unterstellte.27 Goldhagen kritisiert die psychosozialen Erklärungsansätze in diesem Zusammenhang, da sie die Greuel, die in ihrer Brutalität eben nicht alltäglich seien, mit den gleichen Mechanismen zu erklären versuchten, die sie für „gewöhnliches“ aggressionsbedingtes Fehlverhalten heranzögen. Goldhagen sieht hier keinen graduellen, sondern einen fundamentalen Unterschied in der Qualität des Verbrechens gegeben. Wesentlich bei der Beurteilung der Taten der Täter sei der ihnen zugemessene Handlungsfreiraum28 , der im Rahmen eines Schemas zur Analyse herangezogen werden könne. Goldhagen ordnet die Taten nach zwei Dimensionen. Erfolgten die Taten mit bzw. ohne Befehl und wurden diese Taten mit besonders viel/wenig Grausamkeit verübt?29 Exzesse und übermäßige Brutalität sind nach Goldhagen das Produkt einer Entscheidung, die von einem freien Willen so gefällt worden sei. Das Motiv, die Tat so zu verüben, sei deshalb intrensisch begründet. Nur der Antisemitismus hatte solch eine starke Wirkung auf den Täter. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß Goldhagen in diesen Ausführungen die These vertritt, daß Exzesse der eigenen Entscheidung unterliegen. „Menschen müssen Motive haben, um andere Menschen zu töten.“30 26 a.a.O. S. 25 - 27 27 a.a.O. S. 38 u. 39 28 a.a.O. S. 30 29 a.a.O. S. 32 30 a.a.O. S. 40 13
  • 14. Antisemitismus Goldhagen sieht im Holocaust einen radikalen Bruch in der Menschheitsgeschichte, der „Handlungsweisen und Orientierungen hervor[brachte], die im völligen Gegensatz zu den Grundlagen der modernen abendländischen Zivilisation standen, zur Aufklärung, zu christlichen und säkularisierten Moral- und Verhaltensnormen, die die modernen Gesellschaften des Abendlandes kennzeichneten.“31 Goldhagen entwickelt ein analytisch zu gebrauchendes Kategorienschema zur Erfassung des Antisemitismustypes. Er differenziert zwischen der Dimension Latenz versus Manifestation und der Intensität. Weiterhin wird die Ausprägung (z.B. religiös, biologisch etc.) untersucht. Antisemitismus und Nationalismus, so Goldhagen, manifestierten sich parallel, da sie ideologisch zusammenhingen.32 Goldhagen konstatiert, daß Deutschland im Mittelalter und in der frühen Neuzeit durch und durch antisemitisch gewesen sei33 und verkennt dabei, daß es damals die „deutsche“ Gesellschaft nicht gegeben hat und daß der Antijudaismus ein europäisches Phänomen war. Goldhagen versäumt es, seine These eines besonderen deutschen Antisemitismus, nämlich den des eliminatorischen, aus dem Mittelalter konsekutiv bis in die Neuzeit zu verfolgen, statt dessen macht er einen unvermittelten Sprung aus dem „deutschen“ Mittelalter in das 19. Jahrhundert des wilhelminischen Deutschlands ohne die Entwicklungslinie genauer zu beleuchten. Zudem läßt er die anderen europäischen Staaten unberücksichtigt und kann nicht erklären, warum dort kein eliminatorischer Antisemitismus entstanden ist, wenn er nicht auch dort schon längst etabliert war. Im rassistisch definierten Antisemitismus sieht Goldhagen eine neue Qualität im Haß gegen die Juden entstehen. Bot der christliche Antijudaismus den Juden noch die Gelegenheit, durch Konversion ihrem Schicksal zu entkommen, war dies nun nicht mehr möglich, denn nicht die Religion stellte nun einen Affront dar, sondern die Menschen selber, die als Juden primär eine Rasse darstellten und wegen ihres Charakters zu eliminieren waren. Besserung konnte es nicht geben, die Möglichkeit einer „Erlösung“ schloß sich kategorisch aus.34 Die Elimination als endgültige Konsequenz sei in dieser Ideologie impliziert. Die diversen Vorschläge zur Lösung der „Judenfrage“, nämlich „Rücknahme der Emanzipation [...], bis zur zwangsweisen und gewaltsamen Ausweisung und schließlich sogar totalen Vernichtung“35 seien nur Varianten des eliminatorischen Antisemitismus, dessen grundsätzlicher Wesenszug das Bestreben sei, die Juden und ihre angeblich schädigende Wirkung aus der deutschen Gesellschaft auszuschließen. Goldhagen zählt sogar die Philosemiten aus der Zeit der Judenemanzipation zu dieser Tradition, da sie letztlich die Existenz einer Judenfrage bejahten und in der Assimilation einen Weg sahen, diese Frage zu lösen. Dem Wunsch, die Juden zu assimilieren, wohne die gleiche Tendenz bei, wie sie zu eliminieren. 31 a.a.O. S. 46 Hier übersieht er den tiefen Zusammenhang zwischen dem religiös fundamentierten Antijudaismus der christlichen Welt und dem pseudowissenschaftlich rassisch definierten Antisemitismus als ungewolltes Kind der Aufklärung. Goldhagen wird in seinen Ausführungen diesen Zusammenhang aufzeigen, doch aus dem obigen Zitat läßt sich derartiges nicht herauslesen. Der kulturkritische Ansatz, den Goldhagen nur teilweise verfolgt, geht davon aus, und Zygmunt Bauman ist ein berühmter Vertreter dieser Richtung, daß der Antisemitismus primär eine abendländische Erscheinung darstellt, die sich im Kontext von tiefen religiösen Aversionen der Christenheit gegen die „Verräter“ Jesu, einem aus der Aufklärung stammendem rassisch verbrämten Nationalstaatsgedanken und einem daraus resultierenden Kulturimperialismus etabliert. Die Fortschritte in den Naturwissenschaften ermöglichten ein technisches Potential, um Ziele effizient und im großen Ausmaß zu realisieren. 32 a.a.O. S. 66 33 a.a.O. S. 48 34 a.a.O. S. 92f. 35 a.a.O. S. 96 14
  • 15. Fazit Der Ansatz Goldhagens geht dahin, nach den Motiven der Täter zu fragen, sich an der Ermordung von unschuldigen Menschen zu betätigen. Goldhagen definiert hierbei als Täter jenen, der „in einem Vernichtungslager arbeitete, einem Einsatzkommando, einem Polizeibataillon oder einer anderen polizeilichen oder zivilen Institution angehörte, die Erschießungen und Deportationen durchführte; jeder Soldat einer Wehrmachtseinheit, die sich direkt am Genozid beteiligte, jeder, der aus eigenem Antrieb einen Juden tötete, weil er wußte, daß sich Deutschland für eine Politik des Völkermords entschieden hatte, war ein Täter“ (S.201). Für Goldhagen ist es unbefriedigend, auf allgemeine sozialpsychologische Erklärungsansätze zurückzugreifen, um ein derartiges Verhalten zu beschreiben. Die Dimension des Verbrechens verlange andere Erklärungen. Bezeichnenderweise verweist Goldhagen auf den Umstand, daß die Analyse der KZ und der in ihnen beschäftigten SS – Kräfte unzureichend ist, da viel mehr Institutionen am Völkermord beteiligt gewesen seien, wie etwa die Polizeibataillone, die eben nicht aus SS – Schergen bestanden, sondern aus älteren, durchschnittlichen Deutschen aus allen Bevölkerungsschichten, die auch teilweise dem Naziregime fernstanden. Die Männer der Polizeibataillone seien keinem Zwang ausgesetzt gewesen, ihnen wurde mehrmals angeboten, sich aus den Mordaktionen zurückzuziehen. Wegen ihres fortgeschrittenen Alters und ihrer daraus resultierenden Lebenserfahrung geht Goldhagen davon aus, daß solche Mechanismen wie der des Gruppendruckes eine geringere Rolle spielten als bei ganz jungen Rekruten der Wehrmacht bzw. der NS – Kampfverbände. Das Argument, die Menschen lebten damals in einem „Ausnahmezustand“, einer ständigen Indoktrination unter einem ständigen Konformitätsdruck, versucht Goldhagen zu widerlegen, indem er sehr detailliert den Alltag der Menschen in den diversen Institutionen darstellt und untersucht. Er zeigt auf, daß es ein geregeltes Leben gegeben hat. Viele Lagerkommandanten pflegten ein idyllisches Familienleben inmitten von Tod und Schrecken. Zu den Motiven der Täter schreibt Goldhagen: „Daß die Täter den Massenmord billigten und bereitwillig daran teilnahmen, steht fest. Daß ihre Zustimmung im wesentlichen von dem Bild bestimmt war, das sie von den Juden hatten, kann man ebenfalls mit Gewißheit sagen, denn es läßt sich kein anderer plausibler Grund für ihr Handeln nennen. Wären sie nicht Antisemiten, und zwar Antisemiten einer ganz bestimmten Ausprägung gewesen, dann hätten sie sich nicht an der Vernichtung beteiligt, und Hitlers Feldzug gegen die Juden hätte sich völlig anders entwickelt. Der Antisemitismus der Täter und damit das Motiv, das sie zum Morden trieb, entsprang einzig und allein ihrer Weltanschauung. Diese ist keine zusätzliche , sondern eine unabhängige Variable, die sich ihrerseits auf keinen anderen Faktor zurückführen läßt.“ (S.487) Der spezifische Antisemitismus, den Goldhagen hier anspricht, bezeichnet er als eliminatorischen Antisemitismus, dessen Ziel es sei, die Juden zu beseitigen, und der eine lange Tradition aufweist. Bestand im antijudaistischem Mittelalter die Gelegenheit, durch Konversion dem Haß zu entrinnen, ist das nun im rassistisch definierten Antisemitismus nicht mehr möglich, weil nun Judentum nicht mehr die Leugnung und Kreuzigung Jesu sei, sondern ein Gebrechen, daß vererbbar ist. Hier stellt sich natürlich die Frage, wie die Vernichtung anderer Gruppen in den KZ´s und den anderen Mordinstitutionen erklärt werden soll. Für Goldhagen ist ein weiteres Indiz für die Richtigkeit seines Ansatzes darin zu sehen, daß die Nazis selbst unter Verlust von kriegswichtigen Arbeitern Juden vernichteten. Das, was als Arbeitslager deklariert wurde, war nur zur Vernichtung gedacht. Rein ökonomisch betrachtet waren sie nicht nur ineffizient, sondern auch schädlich, weil die gesamte Logistik und der materielle Aufwand, der in die Vernichtung der Juden investiert wurde, an anderer Stelle gefehlt hat. Die Vernichtung der Juden in Europa war primäres Kriegsziel und wurde ökonomischen Interessen übergeordnet. 15
  • 16. Selbst in den letzten Kriegswochen bewiesen die Deutschen ihre Vernichtungswut in den Todesmärchen, die aus KZ – Häftlingen bestanden. Diese unnötige und für die Peiniger angesichts des nahen Kriegsende auch unförderliche Brutalität könne nur erklärt werden aus einem rational nicht zu erfassendem Haß, der selbst eigene Interessen verletze. Goldhagen leitet die intrensische Motivation ab, indem er postuliert, daß dem einzelnen Täter in einer Handlungssituation genügend Freiraum bleibe, zu wählen. Wenn jemand selbst die Anschriften überschreite, nur um die Gefangenen zu quälen, so könne bei ihm nicht von einem Zwang die Rede sein; im Gegenteil: diese Leute riskierten sogar disziplinarische Strafen. Seltsamerweise stellt Goldhagen fest, daß nach dem Zweiten Weltkrieg der über Jahrhunderte gewachsene und wirksame Antijudaismus bzw. Antisemitismus in der bundesrepublikanischen Gesellschaft keine Rolle mehr spiele. Es dürfte offensichtlich sein, daß dies, wenn man dem Erklärungsschemas Goldhagen folgt, nicht möglich sein kann. Goldhagens Arbeit zeichnet sich vor allem durch ihre Fülle an Quellen und lebendigen Schilderungen, die den Leser die Schrecken auch bildlich näherzubringen vermögen. Auch die Fragestellung, wer die Täter waren, ist legitim und fruchtbar, denn es ist nicht von der Hand zu weisen, daß zahlreiche Historiker dieser Frage nicht allzu große Aufmerksamkeit widmeten und irrtümlicherweise den Fehler begangen, sich nur blutrünstige SS – Schergen und die NS – Führung als Schuldige und Täter zu denken. Ein Problem bei Goldhagens Ansatz ist darin zu sehen, daß man gezwungen ist, im Nachhinein Handlungen und Gedanken von Menschen intrensisch motiviert zu denken, ohne daß man Zugang zu diesen Menschen hat. Die Quellenlage, so umfangreich sie auch sein mag, reicht nicht aus, um diese Lücke zu füllen. Dessen ist sich auch Goldhagen bewußt und er verweist explizit darauf hin, daß seine Interpretation aus der Sicht der Quellenlage nicht auf gefestigten Beinen stehe, doch genauso sei jede andere Interpretation auf das angewesen, was der Zerstörung nicht anheimgefallen sei. Wesentlich sei die Stringenz und Plausibilität. Goldhagen ist überzeugt, daß sein Erklärungsansatz das Phänomen am besten zu erklären vermag. Goldhagen verwirft auch den sozialpsychologischen Standpunkt. Er geht sogar davon aus, daß der Exzeß eine frei gewollte zusätzliche Handlung sei und verkennt m.E. die oft eigenständigen Dynamiken, die in einer von Gewalt bestimmten Konfrontationssituation beinhaltet sind (z.B. im Spannungsverhältnis zwischen der Polizei und Demonstranten). Entscheidend sind hierbei Prozesse der absoluten sozialen Differenzierung zwischen „wir“ und „die anderen“, die einher geht mit Wahrnehmungsverzerrungen (zumeist auf beiden Seiten), die den anderen deindividualisiert und dehumanisiert. Erklärungsansätze, die in Exzessen den Ausbruch tief verdrängter Aggressionsimpulse und Projektionen unbewußter Haß- und Angstgefühle interpretieren, verweisen darauf, nicht der Vermutung zu erliegen, das handeln des einzelnen lasse sich von seinen Überzeugungen her begreifen. Goldhagen übersieht, daß die Irrationalität der verbrecherischen Handlungen nicht ausschließlich durch die ideologisch – normativen Wertmaßstäben der Täter bestimmt werden. Das Postulat des freien Willens36, das philosophisch in einer langen Tradition steht, gründet auf ein stark rational geprägtes Menschenbild, das die Erkenntnisse der Psychoanalyse und der modernen Psychologie außen vorläßt. Natürlich ist der Ansatz Goldhagens legitim und vor allem politisch pragmatisch, auch wenn er überhaupt nicht neu ist, denn er steht in einem seit Jahrhunderten befindlichen moralphilosophischen Diskurs um die Frage, ob der Mensch einen freien Willen habe und ob er für sein Tun Rechenschaft und Verantwortung zu übernehmen habe. 36 das schon im Titel des Buches vorweggenommen wird 16
  • 17. III. Versuch eines Vergleiches Die Ansätze Goldhagens und Sofskys scheinen diametral zueinander zu stehen, und so wird dies auch in der Öffentlichkeit gesehen. Es wird ein unüberwindbarer Dissens metaphysischer Art konstatiert. Diese Differenz liegt im wissenschaftlichen Zugang und wurde bereits oben unter dem Stichwort Intentionalisten versus Strukturalisten diskutiert. Die Unvereinbarkeit liegt aber nur in den extremen Ausrichtung des jeweiligen Ansatzes und läßt sich bei Goldhagen und Sofsky nicht unbedingt finden. Beide Theoretiker treffen sich in einigen Punkten. So beschreibt Sofsky fast ausschließlich soziale Strukturen, doch er macht in der Einleitung unmißverständlich klar, daß erst die bereitwillige Ausfüllung der Protagonisten in ihre Rolle das Geschehene möglich gemacht hätten. Goldhagen betont zwar die Priorität des Antisemitismus als Motiv, doch er verhehlt nicht die Bedeutung von gegebenen äußeren Strukturen, die ein Handeln nicht motivierten, es aber begünstigten oder eher hemmten. Beide weisen auf den Umstand hin, daß mehr Menschen von den Greueln gewußt haben als man bisher annahm und das die Verbrecher, die nicht ausschließlich Nazifunktionäre und SS – Schergen, sondern auch Wehrmachtssoldaten und „ganz gewöhnliche Deutsche“ waren, in jedem Fall für ihr Tun verantwortlich und dementsprechend zur Rechenschaft herangezogen werden müßten.37 Beide sehen die extreme Brutalität, und es ist gewiß nicht die Absicht Sofskys, diese durch seine abstrakte, in manchen Teilen gar mathematisch wirkenden, Analyse zu verharmlosen, doch es muß der Vorwurf an jene Leser gemacht werden, die nicht die intellektuelle Schärfe mitbringen, um zu erkennen, daß seine soziologische Analyse „nur“ einen Aspekt der Realität des KZ - Lebens einfangen kann. Es stellt sich die Frage, ob man beide Ansätze gleichermaßen in eine Synthese vereinen kann oder ob es andere Erklärungsansätze gibt, die zum Verständnis dieses einschneidenden Ereignisses beitragen können. Wie bereits gesagt worden ist, läßt sich eine große Differenz zwischen Goldhagen und Sofsky nicht leugnen. Es dürfte sich nicht einmal um eine inhaltliche Differenz handeln, sondern um eine formale, die die Fragestellung und den Untersuchungsgegenstand betrifft. Sofsky untersucht das KZ als eigenes soziales Gebilde und nimmt nicht Bezug zu anderen Institutionen und Methoden des Völkermordes, wohingegen Goldhagen eine globale Fragestellung bezieht und im KZ „nur“ eine marginale Erscheinung eines viel größeren Projektes sieht. Sie reden eigentlich nicht gegeneinander, sonder eher aneinander vorbei. Eine Integration Sofskys Erkenntnisse in die globale Sicht Goldhagens wäre sicherlich eine interessante Möglichkeit, auch wenn dann Abstriche von beiden Seiten zu machen wären. Einen ganz anderen Ansatz geht der schon angeschnittene Zygmunt Bauman38, der im Völkermord nicht eine spezifisch deutsche Erscheinung sieht, sondern einen kulturkritischen Ansatz wählt, der in der Modernen gleichsam die diabolischen Seiten des Menschen verstärkt und ungebändigt enthalten sieht. Die Ansicht, das Abendland sei durch die Aufklärung und die industrielle Revolution zu einem rationellen Welt- und Menschenbild gekommen, läßt sich nach Bauman nicht aufrecht halten. Er schildert wie Freud das „Unbehagen in der Kultur“, welches durch die Zwänge der Zivilisation verstärkt worden sei. In diesem Ansatz werden globale historische Zusammenhänge aufgezeigt zwischen der „Vergöttlichung“ des Menschen und seiner Fähigkeit in der Aufklärung und dem imperialen Anspruch, die Welt zu erforschen und zu erobern; zwischen der Potenzierung der technischen Fähigkeiten und der Potenzierung der Destruktivkräfte. 37 im Grunde genommen geht der Ansatz Sofskys viel weiter als Goldhagens, da in seinem Konzept jeder „gewöhnliche Mensch“ zu einem Täter werden konnte. Warum Goldhagens Buch derart diskutiert und verrissen wird, liegt m.E. daran, daß er es gewagt hatte, dieses Phänomen als spezifisch deutsch, und eben nicht nazideutsch oder faschistisch zu bezeichnen und aufzuzeigen, daß gewöhnliche Deutsche zu Täter wurden. 38 Bauman, Zygmunt: Dialektik der Ordnung; die Moderene und der Holocaust“, 1994 17
  • 18. Natürlich kann hier nicht dieser Ansatz ausgiebig diskutiert werden. Dies verdient eine eigene Arbeit. Es ist aber dennoch als Alternative zu den hier vorgestellten Ansätze interessant und betrachtenswert, denn er zeigt Zusammenhänge auf, die in Europa sicherlich größeres Unbehagen auslösen würde, als es Goldhagen in Deutschland vermocht hat. Literaturverzeichnis: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.): „Deutschland 1933 – 1945; Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft“, Bonn 1992 Benz, W./Bergmann, W. (Hrsg.): „Vorurteil und Völkermord“, Bonn 1997 Benz, W.: „Herrschaft und Gesellschaft im nationalsozialistischen Staat“, Frankfurt 1990 Goldhagen, D.J.: „Hitlers willige Vollstrecker“, Berlin 1996 Grossmann, A./Gahlmann, A.J.: „Nationalsozialismus“, München 1983 Jesse, E. (Hrsg.): „Totalitarismus im 20. Jahrhundert“, Bonn 1996 Lichtenstein, L./Romberg, O.R. (Hrsg.): „Täter – Opfer – Folgen“, Bonn 1997 Sofsky, W.: „Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager“, Frankfurt 1997 18

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