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Geschwister Geschwister Document Transcript

  • _________________________________________________________________________ Psychologisches Seminar der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn E9 Entwicklungspsychologie III (Übung) Leitung: Dr. Michael Kavsek Referent: Ibrahim Mazari Quelle: Schmidt-Denter, U."Soziale Entwicklung" (PVU), 1988 _________________________________________________________________________ Niederschrift des Referates vom 13.12.1995 "Die spezifische Bedeutung der Geschwisterbeziehungen" _________________________________________________________________________ Überblick: I. Allgemeine Ausführungen II. Einfluß der Geschwisterposition auf die Entwicklung III. Geschwisterbeziehungen als Teil des sozialen Umfeldes IV. Funktionen der Geschwisterbeziehungen V. Geschwisterinteraktion VI. Geschwisterbeziehungen im Laufe des Lebens VII.Art und Qualität der Geschwisterbeziehungen _________________________________________________________________________ I. Allgemeine Ausführungen Der Forschungsgegenstand der Geschwisterbeziehungen und ihrer Rolle bei der Entwick- lung des Individuums fand in der Vergangenheit wenig Beachtung, und erst Untersuchun- gen von Kindern in Tagesstätten und Schulen ab Mitte der siebziger Jahre rückte diese Fra- gestellung in den Mittelpunkt der Forschung. Zudem wird die Rolle der Geschwisterbezie- hungen in der Familienforschung genauer untersucht, vor allem auf dem Hintergrund der Prämisse, daß die Familie als ein soziales System aufzufassen sei, in dem die Beziehung eines Elementes zu einem anderen jede Beziehung innerhalb des Systems beeinflußt und verändert. Weiterhin muß angemerkt werden, daß die Untersuchung von Geschwisterbeziehungen einige methodische Probleme aufwirft, wenn es darum geht, die spezifische Bedeutung der Geschwisterbeziehung zu erklären. Es wurde schon oben darauf hingewiesen, daß die Be- ziehung als Teil eines Systems betrachtet werden muß, so daß eine lineare Beziehung (Kausalität) zu einer abhängigen Variablen (z.B. Erfolg in Schule,soziale Kompetenzen) schwer nachzuweisen ist. Es gibt keine empirisch abgesicherten Theorien, die nachweisen können, daß die Ge- schwisterposition für sich betrachtet einen Erklärungswert besitzt. Die Mehrzahl der Kinder in der BRD wächst mit Geschwistern auf. Doch es ist zuneh- 1
  • mend der Trend zum Einzelkind zu verzeichnen. In den siebzigern Jahren lebten in den USA 15 % (Taffel, 1978) und in der BRD 24 % (Bundesministerium, 1975) der Kinder ohne Geschwisterteil. 1978 sind in der BRD 32,5 % der Kinder unter 15 Jahren alleine und 42 % haben nur ein Geschwisterteil. Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW (1980) kam in einer Studie zu dem Schluß, daß die Geschwisterbeziehung maßgeblich für die Persönlich- keitsentwicklung sei und daß das Fehlen einer solchen Beziehung "Auswirkungen auf psy- chische Dispositionen und soziale Fähigkeiten" hätte. Die Sozialisation des Individuums in der Geschwisterbeziehung gastaltet sich anders als in den Peer-Groups. Die Unterschiede sind in der Häufigkeit und im Ausmaß der Interaktion, in der Dauer der Beziehung und im Vorhandensein bestehender Funktionen und zugewie- sener Rollen auszumachen. In der Untersuchung von Geschwisterbeziehungen stehen die interaktiven Prozesse im Vordergrund (Lamb und Sutton-Smith, 1982). II. Einfluß der Geschwisterposition auf die Entwicklung In der Tiefenpsychologie A. Adlers (1926) wird die Geschwisterbeziehung hinsichtlich der Geschwisterrivalität analysiert, und Adler führt in diesem Zusammenhang den Begriff der "Entthronung" ein, womit der Konflikt gemeint ist, den der Erstgeborene mit der Geburt eines Geschwisterteiles bewältigen müsse.Ab dem sechsten Lebensjahr versuchten dann die Geschwister (vor allem bei gleichgeschlechtigen Geschwisterpaaren sei dieser Prozeß deutlich ) ihre Eigenart und Andersartigkeit gegenüber dem anderen zu betonen. Diese Per- sönlichkeitsdifferenzierung nennt Adler "Deidentifikation". Demnach zeigen Erstgeborene mehr Leistungsehrgeiz, weil sie hoffen, damit das Minderwertigkeitsgefühl durch die Entthronung und die de facto verloren geglaubte Anerkennung der Eltern kompensieren zu können. Untersuchungen haben ergeben, daß Einzelkinder und Erstgeborene höhere Leistungen aufweisen. Toman und Toman (1970) haben u.a Politiker und Wissenschaftler untersucht, und Oberland und Zunkins (1967) sowie Skouholt, More und Wellmann (1973) kamen zum gleichen Ergebnis bei der Untersuchung der schulischen Leistungen von Einzelkinder und Erstgeborenen. Als Erklärung werden die für eine begrenzte Zeit ungeteilte Aufmerk- samkeit und Förderung durch die Eltern (Falbo, 1982), die verringerte intellektuelle Stimu- lierung (Zajonc und Marcus, 1975) und die soziokulturelle Benachteiligung größerer Fami- lien angeführt. Vor allem letzteres ist evident, wenn man sich vor Augen führt, daß die Fa- milie der bundesrepublikanischen Mittelschicht zumeist nur Einzelkinder hat. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, daß Familien mit mehreren Kindern in unserer Gesellschaft als "asozial" bezeichnet und diskriminiert werden. Die intellektuelle Entwicklung eines Kindes wird auch durch die Beziehung zu den Eltern bestimmt. Man hat auch die Rolle der Geschwisterbeziehung bei der Entwicklung sozialer Kompe- tenzen und Fähigkeiten untersucht und ist zu dem Schluß gekommen, daß Nachgeborene Vorteile gegenüber Erstgeborenen bzw. Einzelkinder haben. Erstgeborene und Einzelkin- der würden mehr "gemieden" (z.B in der Schule) als Nachgeborene. Dies ist damit zu er- klären, daß der kommunikative Verhaltensstil der Nachgeborenen abhängig von Erfahrun- gen der Interaktion mit älteren Geschwistern sei, d.h, daß Nachgeborene durch die Not- wendigkeit für "Arrangements" bei Auseinandersetzungen mit dem mächtigen Geschwis- 2
  • terteil ein soziales Feingefühl entwickeln müßten. So lernen sie frühzeitig Kompetenzen wie Überzeugungskraft, Vermittlungsgeschick, Kompromißbereitschaft, Anpassungsfähig- keit und Toleranz zu erwerben. Eine andere Erklärung liefert Conners (1963), der die Kontaktarmut der Einzelkinder mit der Ungeselligkeit der Mutter erklärt, die gerade wegen ihrer Ungeselligkeit ein Einzelkind habe. Diese Erklärung ist sehr umstritten, vor allem heute, weil die sozioökonomische Si- tuation (z.B. Alleinerziehende) überhaupt nicht berücksichtigt wird. Schachter (1959) hat festgestellt, daß Einzelkinder und Erstgeborene nur unter Streß ein stärkeres Gesellungsverhalten als Nachgeborene haben, weil die Mütter bei Erstgeborenen bzw. bei Einzelkinder ängstlicher seien, sie gäben dem weinenden Kind mehr Zuwendung, d.h das Kind erfahre die meiste Zuwendung in großen Streßsituationen. Wenn kein Druck vorhanden sei, neigten Erstgeborene bzw. Einzelkinder zu einem weni- ger intensives soziales Leben (Claudy, Farrell und Dayton, 1979). Die Geschwisterbeziehung soll auch Einfluß auf das Eheglück haben. Danach führen Ein- zelkinder und Erstgeborene weniger erfolgreiche Ehen als Nachgeborene. Toman (1974) hat festgestellt, daß die Ehe konfliktfreier und erfolgreicher ist, wenn sie mehr früheren Geschwisterbeziehungen entspricht; man spricht in diesem Zusammenhang von einem trainierten Verhalten. Eine weitere Feststellung ist, daß Einzelkinder oft auf Nachwuchs verzichten, weil sie umbestritten bleiben wollen. Bentler und Newcomb (1978) und andere Forscher weisen die Behauptung, daß Einzel- kinder aus zerrütteten Ehen auch zerrüttete Ehen führten, als unbegründet ab. III. Geschwisterbeziehungen als Teil des sozialen Netzwerkes Wie schon oben erwähnt worden ist, betrachtet man die Familie als ein System. Dieses kann in drei Subsysteme unterteilt werden, nämlich die Beziehung der Ehepartner, die El- tern-Kind-Beziehung und die Geschwisterbeziehungen. Jede Untergruppe ist ein halboffe- nes System, und die Geschwister sind aktiver und passiver Teil im Sozialisationsprozeß, der für das ganze Leben prägend ist. Bei der Geburts eines weiteren Kindes erfolgt eine Umstruktuierung des familiären Netz- werkes, was eine Veränderung des Interaktionssystems bedeutet, was wiederum eine Neu- formulierung von Positionen, Rollen und Normen erfordert. Man unterscheidet die Schwerpunkte der familiären Interaktion in drei Phasen. In der ers- ten Phase (0-8 Monate) wird die Aufmerksamkeit der Eltern gleichmäßig auf die Kinder verteilt. In der zweiten Phase (9-16 Mon.) etabliert sich die Geschwisterbeziehung. Dann erfolgt in der dritten Phase (17-24 Mon.) die Differenzierung zwischen den Generationen. Die Veränderung, die bei der Geburt eines weiteren Kindes einsetzen, beschränken sich nicht ausschließlich auf die Familie, sondern betreffen auch das soziale Umfeld (z.B Kin- dergarten, Schule). IV. Funktionen der Geschwisterbeziehungen Die Geschwister übernehmen in der gegenseitigen Sozialisation verschiedene Funktionen. Eine wichtige Funktion der älteren Geschwisterteile für die jüngeren ist die Pionierfunk- tion (Initiation), die älteren Geschwister sind Vorbilder, und man ahmt ihnen nach, so etwa im Brechen von Regeln, Rauchen und ungehorsamen Verhalten gegenüber Autoritäten (Bank und Kahn, 1975). Eltern mit mehreren Kindern reagieren in solchen Fällen gelasse- ner, wegen ihrer Erfahrungen mit dem Erstgeborenem. 3
  • Weiterhin fungieren ältere Geschwister als "Mediatoren" (Übersetzer) zwischen Eltern und dem jüngeren Kind (z.B. "Babysprache").Dadurch werden die Beziehungen innerhalb der Familie solidarischer.Dazu zählt aber auch das Verhandeln mit den Eltern und die Bildung von Koalitionen. Caplow (1968) hat festgestellt, daß die Geschwister untereinander stark koalieren, wenn die Eltern koalieren. Es gibt aber auch Koalitionen zwischen einem Kind und einem Elternteil, wenn das andere Elternteil dominiert. Eine hohe Geschwisterrivalität ist dann festzustellen, wenn weder ein Elternteil dominiert noch eine Koalition zwischen den Eltern vorliegt. Bank und Kahn (1975) gehen von zwei Faktoren aus, die den "Kitt" der Geschwisterbe- ziehung ausmachten und die diametral zueinander stünden, nämlich die Identifikation und die Differenzierung. Hierbei geht es darum, sowohl dem Vorbild zu folgen als auch die eigene Individualität zu entwickeln.Eine gleichgewichtige Entwicklung ins unabdingbar für die Reifung des sozialen Ichs. Weiterhin übernehmen ältere Geschwister Betreuungs- und Lehrfunktionen, wie etwa dem Hüten der kleineren Kinder, was übrigens ein kulturübergreifendes Phänomen darstellt. Dennoch sind innerhalb der Gesellschaft je nach sozialer Schichtzugehörigkeit deutliche Unterschiede im Hütungsverhalten auszumachen. So hüten 30 % der älteren Geschwister aus den niedrigeren sozialen Schichten ihre jüngeren Geschwister, während der entspre- chende Anteil bei den höheren Schichten nur 15 % beträgt (Schmidt-Denter, 1984). Eine wesentliche Funktion der älteren Geschwister ist die Schulaufgabenhilfe, die durch- gehend in allen sozialen Schichten anzutreffen ist und die von 78 % aller älteren Geschwi- sterteile erfüllt wird (Bryant, 1982). Interessant ist in diesem Zusammenhang der von Cicerelli (1972) festgestellte Unterschied in der Lernmethodik zwischen Mädchen und Jungen.Die Mädchen verwendeten eher einen deduktiven Lernstil, die Jungen dagegen vorwiegend die induktive Methodik. Zudem wurde festgestellt, daß ältere Schwestern eher als "Lehrerfigur" akzeptiert werden, wahrscheinlich weil sie dem Bild der Mutter und der "Lehrerin" am ehesten entsprechen, was auch in den Rollenspielen der Kinder deutlich zum Ausdruck kommt (Cicerelli, 1975). Sind die älteren Geschwister männlich, so sind sie weniger effektiv, weil sie Konkurrenz- faktoren miteinbringen, dennoch sind sie für die intellektuelle Entwicklung der jüngeren Geschwister sehr stimulierend (Freedman, 1979). Die Geschwisterbeziehungen erfüllen auch Therapeutenfunktionen. Agressive Auseinan- dersetzungen werden hauptsächlich in der Kind-Kind-Beziehung ausgetragen und gelöst (Granbaum, 1965). Bryant (1979) hat sieben- und zehnjährige Kinder befragt, welche Betreuungsfunktionen sie mit den verschiedenen Familienmitglieder assoziieren. Interessanterweise wurde die "Betreuungsdimension" der körperlichen Bestrafung hauptsächlich mit den Geschwistern assoziiert ("Cornell Parent Behavior Qustionnaire", Bryant, 1979). Geschwister fungieren auch als Betreuer zweiter Ordnung (second-order-caretakers). Wenn Eltern Forderungen ignorieren, führt dies zu prosozialen Interktionen zwischen den Geschwistern, d.h die Geschwisterbeziehungen werden intensiviert. Das Verhalten der Mutter gegenüber den Kindern ist geprägt durch das Geschlecht des ältesten Kindes; sie geben mehr Instruktionen, wenn der Erstgeborene ein Junge ist. (Civerelli, 1976) Dies impliziert, daß Mütter "Teilaspekte" ihrer Betreuungsrolle an ältere Töchter abgeben. (Bryant und Crockenberg, 1980; Cicerelli, 1976) 4
  • V. Geschwisterinteraktion Geschwisterbeziehungen gehören zu den intensivsten menschlichen Beziehungen über- haupt. Diese Beziehungen sind durch Gegensätze wie Rivalität versus Unterstützung und Liebe versus Haß gekennzeichnet. Die Rivalität ist aus dem Wettstreit um die elterliche Belohnung und den Status innerhalb der Geschwisterbeziehung zu erklären. Crochenberg und Lasko behaupten, daß der Zweitgeborene mehr mütterliche Fürsorge erhielte als der Erstgegorene. Genau das Gegenteil behauptet die Studie von Rothbart (1971). Diese gegensätzliche Befunde resultieren aus der beschränkten Sichtweise der Frage- stellung, die den Untersuchungen zugrunde lagen. Ich habe schon zu Anfang auf methodi- sche Schwierigkeiten hingewiesen. Wenn man die Erkenntnisse der sozialen Systemtheo- rie heranzieht, so sind die Befunde in einer Erklärung in Einklang zu bringen. Das Erstge- borene wird in der dyadischen Interaktion mit der Mutter bevorzugt, in der Triade der Mutter- Geschwisterbeziehung hingegen erhält das Zweitgeborene mehr Führsorge. Die Geschwisterbeziehung untereinander ist auch abhängig von der gegenseitigen Be- urteilung. Allgemein kann festgestellt werden, daß mit zunehmendem Alter die Erklärun- gen abstrakter werden, was mit der kognitiven Entwicklung zusammenhängt. Aber unabhängig vom Alter weisen die Beurteilungen bestimmte Merkmale auf, die ge- schlechtsneutral sind. Positive Merkmale werden auf niedrigem Abstraktionsniveau mit konkreten Begriffen beschrieben, wohingegen negative Eigenschaften in zunehmenden Alter allgemein und mit psychologischer Distanz geschildert werden (Bigner, 1974). Besonders hohe Ambivalenz in der gegenseitigen Beurteilung der Geschwisterteile liegt dann vor, wenn es sich um ein annähernd gleichaltriges, weibliches Geschwisterpaar handelt (Bigner, 1974). Die Geschwisterinteraktionen sind vor allem durch die Machtkonstellation bestimmt. Bei einer Bruder-Schwester-Beziehung wird der Bruder dann als sehr mächtig erlebt, wenn er zwischen 12 und 20 Monaten (nicht mehr !) älter ist als die Schwester. Auch hier wird die ambivalente Einstellung gegenüber den älteren Geschwistern deutlich, die man einmal als Unterdrücker, aber auch als Unterstützung, erlebt. Selbst die Unterstützung durch die älteren Geschwister wird ambivalent bewertet und oft mit Macht und Kontrolle gleichge- setzt. Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß die Machtkonstellation innerhalb der Ge- schwisterbeziehung vom Alter und Geschlecht abhängig ist. Als Fazit kann man sagen, daß ein geringerer Altersabstand mehr Konfliktpotential birgt. Aber die Geschwisterbeziehung ist auch von großer Loyalität gekennzeichnet. Unter Loya- lität ist die gegenseitige Beeinflußung der Persönlichkeiten während des ganzen Lebens, gegenseitige Identifikation und Bereitschaft zu Opfer und Verpflichtungen zu verstehen. Hier sind ähnliche Strukturen wie bei der Freundschaft auszumachen, so z.B. das aktive Suchen nach Zusammensein, Kooperation und Sympathie, spezielle Sprache (Geheim- sprache), gegenseitige Verteidigung gegen Außenstehende und eine hohe Qualität der Konfliktlösung (u.a Rituale des Verzeihens). Die Bedeutung der intensiven Geschwisterbeziehung nimmt dann zu, wenn die elterliche Fürsorge schwach oder gar nicht gegeben ist, so etwa beim Tod eines Elternteiles. Die Bedeutung der Geschwisterbeziehung liegt vor allem in der Möglichkeit, Defizite in der elterlichen Betreuungs- und Bindungsqualität auszugleichen und zur zentralen sozialen Unterstützung im Leben zu werden. 5
  • VI. Geschwisterbeziehungen im Laufe des Lebens Geschwisterbeziehungen enden nicht mit der Jugendzeit, sondern gehen bis ins hohe Alter und enden mit dem Tod (Cicerelli, 1982). 88 % der 33 jährigen haben wenigstens ein Geschwisterteil (amerikanische Erhebung, Adams, 1968). Es stellt sich die Frage, welche Faktoren die Lebensfähigkeit der Geschwisterbeziehungen fördern bzw. hemmen. Man ist zu dem Schluß gekommen, daß man Kontakte pflegt, wenn dies die geographische Entfernung der Wohnorte zuläßt. In einer Fallstudie wurde die Kon- takthäufigkeit (Anzahl der Besuche, Telefonate und Briefe) von Geschwisterpaaren unter-sucht, die in der gleichen Stadt bzw. in einer Entfernung von etwa 100 Meilen voneinander weit wohnen. Wohnten die Geschwister in der gleichen Stadt, so sahen sich 69 % min. ein- mal in der Woche und immerhin 93 % min. einmal im Monat. Wohnten die Geschwister- paare 100 Meilen voneinander entfernt, so sahen sie sich 12 % min. einmal in der Woche und 65 % min. einmal im Monat. Weiterhin kann gesagt werden, daß mit zunehmenden Alter die Besuchshäufigkeit ab- nimmt, dafür aber nimmt die Häufigkeit der Telefonate zu. VII. Art und Qualität der Geschwisterbeziehungen Die Häufigkeit des Kontaktes sagt nocht nichts über die Qualität der Beziehung aus. Die Einstellung kann von Gleichgültigkeit über enge Verbundenheit bis zu Rivalität reichen. In einer Untersuchung von Cicirelli (1980) sollten 100 College-Studenten auf einer Sieben- Punkte-Skala ihre Zuneigung für ihre Geschwister, Mutter und ihren Vater einstufen. Die Geschwisterteile wurden mit mehr positiven Gefühlen "belegt" als der Vater, die Mut- ter war statistisch gesehen nicht signifikant. Dabei wurde auch festgestellt, daß ein hohes Ausmaß an positiven Gefühlen zu den Geschwisternteilen vorhanden war, wenn es sich um Spätgeborene mit geringem Altersabstand handelte; das Geschlecht war in diesem Zusam- menhang irrelevant. Für Rivalität sind männliche Geschwisterdyaden mit geringem Altersabstand besonders empfänglich. In einer Befragung von Ross-Milgramm (1980) wurden 25 - 93 jährige Per- sonen gefragt, wann ihre Geschwisterbeziehung von Rivalität gekennzeichnet gewesen sei. 71 % der Befragten erklärten, daß sie Rivalitätsgefühle vorwiegend in der Kindheit und Adoleszens hatten, 45 % hielten gar die Rivalität für noch bestehend. Mit zunehmendem Alter verminderten sich die Rivalitätsgefühle. Im Alter gewinnt die Geschwisterbeziehung sogar an Bedeutung, weil sie Hilfeleistung in Krisen gewährt, wie etwa beim Tod des Ehepartners, aber auch bei Erziehungsproblemen mit den eigenen Kindern. Geschwisterbeziehungen sind zusammenfassend von entschei- dend sozialer und emotioneller Bedeutung. Ibrahim Mazari _________________________________________________________________________ 6