HaysWorld: Spielen (Gesamtausgabe 01/2012)

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„Wir spielen immer; wer es weiß, ist klug“, schrieb der österreichische Erzähler und Dramatiker Arthur Schnitzler einmal. Und tatsächlich: Wir spielen Theater, Rollen, Gesellschaftsspiele und am …

„Wir spielen immer; wer es weiß, ist klug“, schrieb der österreichische Erzähler und Dramatiker Arthur Schnitzler einmal. Und tatsächlich: Wir spielen Theater, Rollen, Gesellschaftsspiele und am Computer. Wir spielen mit Worten, Bällen, Gefühlen, mit der Macht und manchmal auch mit dem Feuer. Das Spiel ist allgegenwärtig – und das aus gutem Grund, wie der Psychiater und Psychologe Manfred Spitzer im Interview (S. 8) bestätigt: Im Spiel sind wir aktiv bei der Sache, probieren Neues aus und haben Spaß: wichtige Voraussetzungen für rasches Lernen


Nicht zuletzt wollen auch wir Sie zum Spielen ermutigen. Deshalb zieht sich unser Gewinnspiel – das Thema verpflichtet – in dieser Ausgabe durchs ganze Heft. Die Lösung können Sie unter www.haysworld.de eingeben und dabei gleich die neue Onlineausgabe unseres Magazins kennenlernen. Diese bietet Ihnen neben weiterführenden Informationen, Bildergalerien und Videos auch die Möglichkeit, einzelne Artikel zu kommentieren oder mit anderen zu teilen.

Ob analog oder digital – ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

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  • 1. HAYSWORLDDas Kundenmagazin für Deutschland,Österreich und die Schweiz 01/2012SPIELEN
  • 2. INHALTHAYSWORLD 01/2012 · SPIELEN04 Spielen ist lebenswichtig Ein Plädoyer für das Spiel08 Der Mensch ist nur im Spiel ganz Mensch Interview mit Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer12 Wir wollen doch nur spielen Wie Unternehmen die Erkenntnisse der Spieltheorie nutzen16 „Im business gibt es keine Nullsummenspiele“ Interview mit Professor Christian Rieck18 Vom Kinderzimmer in den Konferenzraum Lego und Playmobil als neues Tool der Teamarbeit 1820 Denk­Pause Strategiespiele für zwischendurch22 Auf der Suche nach der Super­App Warum immer mehr Unternehmen auf Apps setzen24 128 Jahre Spiel(be)trieb Der Spielehersteller und Verlag Ravensburger VOM KINDERzIMMER IN DEN KONFERENzRAuM27 Nachhaltiger Erfolg ist nur möglich, wenn man sich an Werte hält Spielzeug erobert sich derzeit einen Platz im Interview mit Anselm Bilgri Werkzeugkasten des Managements.30 HaysWorld Online und gewinnspiel31 News und TermineIMPRESSuMHerausgeber:Hays AGMarketing/Corporate Communications, Frank SchabelWilly-Brandt-Platz 1–3 · 68161 MannheimAuflage: 16.000chefredaktion: Alexandra MaierAutoren dieser Ausgabe: Annette Frank, Judith-Maria Gillies,Ina Hönicke, Jana Nolte, Britta Nonnast, Frank Schabel,Bernd Seidel, Julia Wittenhagengestaltung: srg werbeagentur ag, MannheimFotos: Mathias Ernert, Getty Images, srg werbeagentur,Universitätsklinikum Ulm, Zukunftsinstitut GmbHDruck: Dinner Druck GmbH, Schlehenweg 6, 2777963 Schwanau, Ortsteil AllmannsweierKontakt:HaysWorld RedaktionTelefon: +49 621 1788-1490 · E-Mail: info@haysworld.deNachdruck: Für den Nachdruck von Beiträgen – auchauszugsweise – ist die schriftliche Genehmigung derRedaktion erforderlich. Dies gilt auch für die Aufnahme NAcHHALTIgERin elektronische Datenbanken und für die Vervielfältigung ERFOLg IST NuRauf elektronische Datenträger.copyright © 2012 by Hays Ag MÖgLIcH, WENN MANAlle Rechte, insbesondere das Recht auf Verbreitung, Nachdruckvon Text und Bild, Übersetzung in Fremdsprachen sowie Ver- SIcH AN WERTE HÄLTvielfältigungen jeder Art durch Fotokopien, Mikrofilm, Funk- und Interview mit Anselm Bilgri – Geistlicher, RednerFernsehsendungen, für alle veröffentlichten Beiträge einschließlich und Ratgeber – zu werteorientierter FührungAbbildungen vorbehalten. und den Spielräumen, die sie eröffnet.02 | HaysWorld 01/2012
  • 3. EDITORIAL Im Spiel lassen sich komplexe Themen und Prozesse greifbar machen und anschaulich erproben.Liebe Leserinnenund Leser,„Wir spielen immer; wer es weiß, ist klug“, schrieb der „Nur spielen“ lautete auch der Auftrag an zwölf Managerösterreichische Erzähler und Dramatiker Arthur Schnitzler der Fraport AG. Um Zukunftsszenarien für den Frankfurtereinmal. Und tatsächlich: Wir spielen Theater, Rollen, Gesell- Flughafenbetreiber zu entwickeln, ließ sie der Leiter derschaftsspiele und am Computer. Wir spielen mit Worten, internationalen Personalentwicklung Knut R. WaltherBällen, Gefühlen, mit der Macht und manchmal auch mit keine abstrakten PowerPoint-Folien erstellen, sonderndem Feuer. Das Spiel ist allgegenwärtig – und das aus stellte ihnen Lego auf den Tisch. Seitdem ist er überzeugt:gutem Grund, wie der Psychiater und Psychologe Manfred Die Bausteine taugen nicht nur für das Kinderzimmer,Spitzer im Interview (S. 8) bestätigt: Im Spiel sind wir aktiv sondern auch für den Konferenzraum. Denn mit ihrerbei der Sache, probieren Neues aus und haben Spaß: Hilfe lassen sich komplexe Themen und Prozesse greifbarwichtige Voraussetzungen für rasches Lernen. machen und anschaulich erproben (S. 18).Dennoch tut man sich hierzulande schwer mit dem Thema. Nicht zuletzt wollen auch wir Sie zum Spielen ermutigen.Zu unernst für eine Welt, in der es auf Vernunft, Rationalität Deshalb zieht sich unser Gewinnspiel – das Thema ver-und Ergebnisorientierung ankommt, so das weitläufige pflichtet – in dieser Ausgabe durchs ganze Heft. DieUrteil. Rainer Buland, Leiter des Instituts für Spielforschung Lösung können Sie unter www.haysworld.de eingebenam Mozarteum in Salzburg, führt diese Haltung auf die im und dabei gleich die neue Onlineausgabe unseres Magazins19. Jahrhundert etablierte Arbeitsethik zurück. Sie dränge kennenlernen. Diese bietet Ihnen neben weiterführendenbis heute den Mut zum spielerischen Ausprobieren im Informationen, Bildergalerien und Videos auch die Möglich-deutschsprachigen Kulturraum zurück, wie er im Artikel keit, einzelne Artikel zu kommentieren oder mit anderen„Spielen ist lebenswichtig“ (S. 4) beschreibt. zu teilen.Kein Wunder also, dass das Spiel seinen Einzug in die Öko- Ob analog oder digital – ich wünsche Ihnen eine anregendenomie zunächst durch die Hintertür genommen hat – in Lektüre.Form von handfester Wissenschaft nämlich: Die Spieltheo-rie und ihre Erkenntnisse, für die es 1994 immerhin denWirtschaftsnobelpreis gab, haben sich in der Geschäftsweltmittlerweile fest etabliert. Denn sie helfen Unternehmenganz praktisch, die Regeln des Business zu verstehen undselbst zu gestalten – sei es bei der Strategiefindung, derPreis- und Marktgestaltung oder im Einkauf. Wie das genaufunktioniert, skizziert der Artikel „Wir wollen doch nur Klaus Breitschopfspielen“ (S. 12). Vorstandsvorsitzender der Hays AG HaysWorld 01/2012 | 03
  • 4. Spielen istlebenswichtig04 | HaysWorld 01/2012
  • 5. … und trotzdem kommt Von Julia Wittenhagenes auf den ersten Blick Neulich hat die stets freundliche Susanne D. ihre Kollegin umgebracht. Das konnte sie sehr lange für sich behalten,in der Erwachsenenwelt aber nach einer Stunde kam ihr der Kollege Mittenbach durch hartnäckiges Fragen dann doch auf die Schliche.nur selten vor. Dabei gibt Extrem gut gelaunt ging sie abends nach Hause. Das Krimi- spiel als Teil eines Kommunikationsseminars hat ihr vieles viele gute Gründe für Spaß gemacht, die Auswertung hat ihr Neues über ihr Auf- treten und ihre Rolle im Team enthüllt. So gelang es ihr wohldas ergebnisoffene Sich­ ganz gut, sich souverän abzugrenzen, als die Verdächtigun- gen und Unterstellungen der Hobbydetektive begannen.einlassen auf Menschen Nützliche Eigenschaft im Firmenalltag! Nur Mittenbachs Scharfsinn hatten sie und alle anderen unterschätzt. „Spaßund Situationen. ist für nachhaltige Lernprozesse ganz wichtig. Deshalb sind Spiele für mich ein ganz wichtiges Element im Seminar“, sagt Gerhard Etzel, der als erfahrener Trainer Krimi-Rollen- spiele speziell für Firmenteams entwickelt und kürzlich das Buch „Mord im Seminar“ veröffentlicht hat. Spielen, das ist eine Tätigkeit, die zum Vergnügen, zur Ent- spannung, allein aus Freude an ihrer Ausübung ausgeführt werden kann, häufig in Gesellschaft mit anderen, nach bestimmten Regeln. Oft werde sie begleitet von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des „Andersseins“ als im gewöhnlichen Leben, schrieb der niederländische Kulturanthroposoph und Spielforscher HaysWorld 01/2012 | 05
  • 6. Schach ist im Westen so erfolgreich, weil hier Einzelkämpfer gegen Einzelkämpfer spielt und erst das Schlagen des hierarchisch Höchsten zum Sieg führt. In Japan dagegen ist Go viel beliebter, weil eine gewisse Art von Höflichkeit gewahrt wird.Johan Huizinga in den 30er-Jahren. Im Flow sein, nennen Das Jammertal ist eine von sehr vielen Möglichkeiten,es heute jüngere Vertreter seiner Disziplin: gewohnte Rol- blockierte Situationen spielerisch aufzulösen“, sagt Petralen abstreifen, sich auf Ungewohntes einlassen, alles um Klapps. Sie ist Ärztin, Psychotherapeutin, Clown undsich herum vergessen, ungehemmt sein. Der Schüchterne Gründerin des Kolibri-Instituts für Training, Coaching undwirft plötzlich die meisten Tore, die Unscheinbare malt Seminare in Köln. Warum sich die Leute auf solche Spiel-wunderschön und der Beliebteste will unbedingt gewinnen chen einlassen? „Sie sehnen sich nach mehr Leichtigkeit“,und erweist sich als unangenehm ehrgeizig. weiß Klapps.Kinder spielen häufig. Der Nutzen des Spielens ist für sieauch seit Jahrhunderten anerkannt: Er reicht vom Entdecken Spielen schenkt Vitalität, Leichtigkeit, Freudedurch Ausprobieren über Konfliktbewältigung, Einordnung und Beweglichkeitin eine Gruppe und Verlierenlernen bis hin zum Entspannen,Träumen und Kreativsein. Eigentlich Dinge, die für Menschen Was genau Spielen im Gehirn auslöst, ist kaum erforscht.jeden Alters nützlich sind. Warum, was und wie oft Erwach- Spielforscher gibt es wenige. „Das liegt unter anderemsene – ob mit oder ohne Kinder – spielen oder spielen daran, dass der Begriff kaum exakt einzugrenzen ist“,sollten, ist jedoch wenig erforscht. Dabei hat Huizinga mit sagt Rainer Buland, der als Leiter des Instituts für Spiel-seinem berühmt gewordenen Begriff des „homo ludens“ forschung am Mozarteum in Salzburg zu den wenigenschon Ende der 30er-Jahre eine Lanze gebrochen für das Vertretern dieser Gattung gehört. Schon immer habenSpiel der Großen. Seine Idee: Der Mensch entwickelt seine Menschen gespielt. Die Olympischen Spiele, aber auchFähigkeiten über das Spiel. Im Spiel entdeckt er seine indi- Lotto, Mühle und Mikado wurden schon viele hundert Jahreviduellen Eigenschaften und entwickelt sich anhand der vor Christus erfunden. Spielen kann man Verstecken, Lego,Erfahrungen zu dem, was er ist. Seine These: Alle kulturellen Eisenbahn, Roulette, Fußball, Teekesselchen, SiedlerSysteme wie Politik, Wissenschaft, Recht haben sich aus von Catan, Theater, Wii, Klavier und World of Warcraft.spielerischen Verhaltensweisen entwickelt und über Rituali- Sprich: Geschichte, Bedeutung und Entwicklung diesersierung im Laufe der Zeit institutionell verfestigt. Beschäftigungen zu erforschen fällt in viele Disziplinen wie Sport, Pädagogik, Musik, Psychologie, GeschichteGenau an dieser Verfestigung rütteln all die Trainer, oder Medienwissenschaft.Therapeuten, Coaches, die qua Amt heute die Erlaubnishaben, mit Erwachsenen zu spielen. Ins Jammertal schickt „Vier Begriffe umreißen grob, was Spielen alles seinPetra Klapps Mitarbeiter großer Unternehmen schon mal, kann“, sagt Buland. „Play im Sinne von freiem Gestalten,wenn diese gebeutelt von Fusionen, Übernahmen und game im Sinne von Spielen nach Regeln, gambling, dasUmstrukturierungen über mangelnde Wertschätzung und Glücksspiel, und acting/sports.“ Er findet das ThemaFreude klagen. Wenn Situationen verfahren erscheinen und Spiel interessant, „weil es ein Spiegel der Gesellschaftein Weiterkommen vor lauter Schwarzseherei blockiert ist. ist“. Zeige mir, was du spielst, und ich sage dir, an wel-Dann sollen gestandene Fachkräfte aus dunklen, düsteren che Werte du glaubst. „Schach ist im Westen so erfolg-Gegenständen ein Bühnenbild bauen und an eine schwarze reich, weil hier Einzelkämpfer gegen Einzelkämpfer spieltWand Zettel mit Missständen anpinnen, die sie später mit und erst das Schlagen des hierarchisch Höchsten, desmöglichst trauriger, jammernder Stimme vorlesen. „Bereits Königs, zum Sieg führt.“ In Japan dagegen sei Go vielbeim Sammeln trister Gegenstände wird zum ersten Mal beliebter, weil eine gewisse Art von Höflichkeit gewahrtgelacht, und beim Bühnenbilderstellen und Jammern kom- werde. „Man macht den Gegner nicht fertig, sondern hatmen erste Sätze wie „Na, so schlimm ist es ja auch nicht!“. am Ende nur das größere Gebiet“, erklärt Buland.06 | HaysWorld 01/2012
  • 7. Eine kurze Geschichte des Spiels Seit es Menschen gibt, wird gespielt. Davon zeugen zahlreiche Höhlenzeichnungen und Funde von primitiven Puppen, Rasseln, Knochen und Steinen. Die alten Ägypter vertrieben sich schon vor 5.000 Jahren die Zeit mit Brettspielen. Nach der griechischen Mythologie soll der Gott Hermes in der Antike das Würfelspiel und damit das Spiel an sich erfunden haben. Damit ver- lieh er ihm spirituelle Bedeutung, Foto: Boardman, SVA (1977) die lange anhielt: So wurde der Wurf eines Würfels als Versuch gewertet, den göttlichen Willen oder Unwillen zu ermitteln. Auch die ersten Olympischen Spiele 776 vor Christus waren mehr als ein rein sportliches Kräftemessen. Sie wurden zu Ehren des gött­ lichen Helden Pelops und des Gottvaters Zeus veranstaltet. Von der besonderen Euphorie und Begeisterung sind bis heute Elemente erhalten geblieben – denken wir an die emotionale Wirkung der aufwendig gestalteten Eröffnungs- und Abschlussfeiern. Mikado war bereits bei den Römern 100 vor Christus bekannt. Anhand der Anordnung der Stäbchen wurde orakelt und es wurden Rückschlüsse auf den Spieler gezogen. Den Stäbchen wurden Eigen- schaften zugeordnet, sodass der Gesamtwurf, aber auch die ent- nehmbaren Teile etwas über sein Schicksal aussagten. Auch Lotto,Sehr religiöse Kulturen lieben das Glücksspiel, sehr leis- Wetten sowie Spiele um Besitz und Geld haben in vielen Kulturen einetungsorientierte den Wettkampf. Wobei Buland als neuzeitli- lange Geschichte. Sie waren wechselweise mal verboten mit ihremches Phänomen gerade im Sport eine regelrechte Rekord- Ansatz, das Glück der Götter herauszufordern, dann wieder beliebtessucht beklagt. „Jahrtausendelang wurden bei einer Mittel zur Finanzierung von Kriegen oder aufwendigen Bauten.Olympiade die Sieger ermittelt und gefeiert. Heute werdendie Leistungssteigerungen Einzelner um Zehntelsekunden viel Im deutschen Sprachraum war im Mittelalter der Schwerttanz sehrmehr herausgestellt.“ beliebt. Daher kommt auch die ursprüngliche Bedeutung des alt-Seiner Meinung nach tun sich die deutschsprachigen hochdeutschen Wortes Spiel: EsLänder mit dem Spielen derzeit schwer. Seine Begründung: bedeutet Tanz oder tanzen. Stein-Seit dem 19. Jahrhundert hat sich immer stärker eine Arbeits­ stoßen, Speerwerfen, Wettlaufen und Kegeln waren weitere Favoriten.ethik etabliert, die bis heute den Mut zum Spielen, zum Ritter liebten – Abbild ihrer Wirk-Ausprobieren und Spaßhaben bei den Erwachsenen zurück- lichkeit – Kampfspiele. Bei ihrengedrängt hat. Die elektronischen Medien tun ein Übriges: Kreuzzügen ins Morgenland entdeckten sie Brettspiele wie Schach,„Die Gesellschaft will alles beschleunigen, will Effizienz. dessen Urform schon im 5. Jahrhundert nach Christus in IndienIch aber habe eine diebische Freude daran, zu beobachten, erfunden worden war. Mit lebensnahen Gegenständen wie kleinen Ritterfiguren oder Miniaturausgaben von Waffen wurden Jungen ausdass sich Kreativität, Kunst, Kultur einfach nicht beschleu­ dem Adel und Bürgertum auf spätere Rollen vorbereitet, Mädchennigen lassen. Ein Ölbild zu malen, Schach zu spielen oder bekamen Puppenstuben und Nähutensilien.Geige dauert heute immer noch so lange wie im 16. Jahr-hundert.“ Mehr Spielzeit und Gelassenheit wünscht er den Heute gelten Brettspiele als Spezialität der Deutschen. JedesMenschen. „Damit kommen wir zu besseren Lösungen als Jahr kommen viele neue Spielideen auf den Markt. Mensch ärgeremit immer mehr Stress und Burn-outs.“ Dich nicht wurde bereits 1907/1908 erfunden. Zu den neueren Bestsellern gehören Siedler von Catan (1995) oder Carcassonne (2000). Mit dem Aufstieg des Computers zum MassenmediumHierzulande sei privat und beruflich, Ernst und Unterhal- sind digitale Spiele immer beliebter geworden.tung streng getrennt, beobachtet auch Volker Klärchen.Seine Hobbys sind Zauberei und Improvisationstheater. Seit Ende der 90er-Jahre hat sichSein Geld verdient er als Coach und Trainer in Hamburg. daher die Ludologie als neuer eigen-„Ich musste erst lernen, dass ich bei der Akquise das Wort ständiger Forschungszweig der Spielforschung etabliert: Sie unter-Spielen auf keinen Fall erwähnen darf. Denn das hat nach sucht das Massenphänomen digitalerMeinung vieler Unternehmen am Arbeitsplatz nichts ver­ Spiele und ihre Auswirkungen aufloren.“ Dabei sei beides so eng miteinander verwoben. die Gegenwartskultur. Im Zuge des-Neulich habe er seine Teilnehmer gruppenweise Tricks sen werden die Bemühungen wiedervorführen lassen vor einem Publikum aus Kollegen und größer, die Geschichte des Spiels, seine Abgrenzungen und KategorienVorstand. „Was meinen Sie, wie stolz die waren und wie erneut zu untersuchen und dabei auch Gegenwartsfragen wieviel sie dabei über Außenwirkung erfahren haben.“ Methodik, Wirkung und Gestaltung von Computerspielen wissen- schaftlich aufzuarbeiten.Singen im Auto, hüpfen statt gehen, Hip-Hop statt Mara-thon, Wolken anschauen statt Smartphone-Displays, Puppe Quelle: Wikipedia et al.spielen mit der Tochter – für bekennende Spielkinder wiePetra Klapps sind es ganz kleine Schritte, die uns zurück-führen zu einem vergnügteren, gelösteren Ich. HaysWorld 01/2012 | 07
  • 8. Interview mit Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer Der Mensch ist nur im Spiel ganz Mensch Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer ist Professor und Ärztlicher Direktor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. Der Psychiater und Psychologe leitet außerdem das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen, das didaktische und pädagogische Konzepte aufgrund von Erkenntnissen der Hirnforschung entwickelt. Hier entstand das Konzept „Spielen macht Schule“, mit dem an Grundschulen ein spielerisches Lernen vermittelt werden soll. Das Interview führte Jana Nolte Wann haben Sie denn zuletzt gespielt? Gestern Abend war das: Schlagzeug, beim Üben mit zwei Freunden. Wir haben eine kleine Jazz-Band und probten für einen Auftritt im April. Aber ganz ehrlich: Wann und in welchem Zusammenhang spielen Erwachsene überhaupt? Viele Erwachsene haben als Kinder oder Jugendliche zum Beispiel musiziert und betreiben dieses „Spielen“ nun nicht mehr. Das ist sehr schade. Im Grunde hat man ja als „im Leben stehender“ Erwachsener nie Zeit für das Spielen: Immer gibt es Wichtigeres. Man muss sich diese Zeit also aktiv nehmen. Egal was es ist: ob Sport, Musik oder irgendeine andere gemeinschaftliche Aktivität. Warum spielen Menschen? Wir reden beim Erwachsenen im Bezug aufs Spielen gerne von „Zeitvertreib“, aber das wird der Sache nicht gerecht. Im Spiel probieren wir Neues aus, sind bei der Sache, schweifen weder mit den Gedanken ab, noch grübeln wir über uns selbst nach. Studien haben gezeigt, dass das Abschweifen der Gedanken mit negativen Gefühlen verknüpft ist und dass die dauernde Beschäftigung mit sich selbst ebenfalls nicht zum Glück beiträgt. Ich würde im Zusammenhang mit Spielen auch keineswegs von „Ablenkung“ sprechen. Beim Spiel sind wir aktiv bei der Sache und bei den anderen Spielern und das tut uns Menschen gut.08 | HaysWorld 01/2012
  • 9. HaysWorld 01/2012 | 09
  • 10. Über die Frage, warum Menschen überhaupt spielen, Lebens“ anfängt, und wir meinen damit die Schule. Es unter-wurde schon viel nachgedacht und geschrieben. Ich halte scheidet also nicht „der Mensch“ zwischen Spielen undes da durchaus mit Friedrich Schiller, der gesagt hat, dass Lernen, vielmehr tun wir Erwachsenen dies, weil wir selbstder Mensch nur im Spiel ganz Mensch ist. Damit ist letzt­- die Schule nicht spielerisch erlebt haben. Das müsste aberlich gemeint, was ich oben versucht habe auszu­ rücken: d nicht so sein! Selbst das angesprochene VokabelnpaukenMenschen sind Gemeinschaftswesen und in der gemein- könnte anders ablaufen: Wenn ich beispielsweise in einemschaftlichen Aktivität, darin, gemeinschaftlich bei der fremden Land bin und dort mit anderen Menschen kommu-Sache zu sein, finden sie höchste Befriedigung. nizieren möchte, komme ich um das Erlernen der Sprache gar nicht herum. Es macht sehr viel Spaß, sich zu verstän­ digen und eine neue Kultur, eine neue Sprache und neueWieso öffnen sich durch Freude an einer Sache oder Menschen kennenzulernen. Die PISA-Daten zeigen, dassBegeisterung scheinbar mehr „Lernkanäle“? ein halbes Jahr Aufenthalt in England oder Frankreich für die Kenntnis der entsprechenden Fremdsprache besser istDie Gehirnforschung der letzten zehn Jahre hat gezeigt, als vier Jahre Französisch- oder Englischleistungskurs.dass Glück und Lernen tief in unserem Gehirn sehr engbeieinanderliegen. Wenn wir neugierig sind, aktivieren wirMechanismen, die für rasches Lernen sorgen. Die Verän­ Wie gehen wir mit Druck im Spiel um, Stichwortderung an Synapsen wird durch Neugierde – auch das ist „gewinnen wollen“? Inwiefern ist Wettbewerb einmittlerweile nachgewiesen – beschleunigt, sodass man Antrieb, zu spielen?von einer Art „Lernturbo“ sprechen kann. Der Wettbewerb im Spiel ist eben nur „spielerisch“ und solange er das bleibt, schadet er auch nicht. AnsonstenFür (kleine) Kinder ist spielen und lernen dasselbe – kommt es bei Wettbewerb zu Stress, Druck und all dem,wann fängt der Mensch an, zu trennen? Vokabeln lernen was wir beim Nichtspielen, also beispielsweise in der Arbeits­ist doch definitiv nicht mehr spielerisch? welt, sowieso erleben. Ich kenne viele Menschen, die gar nicht mehr anders können als bei jeglicher Arbeit sofort mitWir Erwachsene beginnen schon sehr früh damit, unseren anderen in Wettbewerb zu treten. Das haben sie vielleichtKindern zu erzählen, dass irgendwann der „Ernst des durch ihr Berufsleben so verinnerlicht. Dies ist sehr schade, „Die Veränderung an Synapsen wird durch Neugierde beschleunigt, sodass man von einer Art ‚Lernturbo‘ sprechen kann.“10 | HaysWorld 01/2012
  • 11. denn im Spiel soll eigentlich genau nicht der normale Lehrmeister als der Computer. Dies folgt allein schonAlltag wiederholt werden. daraus, dass die reale Welt mit allen Sinnen aufgenom- men wird. Nachgewiesen ist, dass gewalthaltige Spiele zu mehr Gewalt und zu einer Abstumpfung gegenüberIn der Pubertät hören vorher begeisterungsfähige Kinder Gewalt in der realen Welt führen.oft auf einmal mit dem Spielen auf und mutieren schein­bar zu unerträglich passiven und unmotivierten Wesen –was passiert da im Gehirn? Wo bleibt die Lust am Spiel? Kann ich mich durch bestimmte Denkspiele geistig fit halten?Wir beginnen erst zu begreifen, dass die Pubertät einePhase ist, in der große Umbauvorgänge im Gehirn statt­ Nein. Der ganze Ansatz stimmt nicht: Wer glaubt, mit einemfinden. Dies geht – auch das ist mittlerweile nachweisbar – Joghurt morgens die Verdauung, mit einem Spaziergangmit Verlusten an Leistungsfähigkeit im Hinblick auf be- nachmittags Herz und Kreislauf und mit einem Kreuzwort-stimmte geistige Fähigkeiten einher. Die Sache ist jedoch rätsel am Abend vielleicht noch das Gehirn abgehakt zuvorübergehend und die geistige Leistungsfähigkeit nimmt haben, um sich dann wieder für den Rest des Tages vor denlangfristig wieder zu. Die Lust am Spiel geht im Grunde Fernsehapparat zu setzen, der irrt. Geistig und körperlich fitnicht verloren, sie verlagert sich jedoch und richtet sich halte ich mich durch eine Lebensweise, die meinen ganzenauf andere Aktivitäten, insbesondere sozialer Art. Alltag betrifft, nicht durch Fünfminutenaktivitäten, die bestimmte Organsysteme abhaken. Dies wird oft suggeriert, ist jedoch falsch. Gerade Computeraktivitäten führen – diesWenn Sie bei „Google“ den Begriff „Spielen“ eingeben, ist sehr gut nachgewiesen – nicht dazu, dass man im Alltagerhalten Sie Tausende Ergebnisse zu Computerspielen – in irgendeiner Weise seine geistige Leistungsfähigkeit verbes-und wahrscheinlich denken auch die meisten Jugendlichen sert. Man lernt vielmehr genau das am Computer, was manreflexartig an solche. Wie geht das Gehirn mit Computer­ eben am Computer tut. Eine Generalisierung im Hinblickspielen im Vergleich zu Brettspielen um? auf andere Fähigkeiten und Fertigkeiten findet nicht statt.Es hängt ganz vom Spiel ab, was man lernt. Aus meinerSicht ist die reale Welt immer noch ein viel besserer Prof. Spitzer, wir danken für das Gespräch. Foto: Universitätsklinikum Ulm HaysWorld 01/2012 | 11
  • 12. Wir wollen doch nur spielen Die Spieltheorie bezieht in alles Handeln mögliche Reaktionen der anderen Mitspieler mit ein. Unternehmen können die Erkenntnisse dieser noch recht jungen Disziplin nutzen, um die Regeln im Business zu verstehen und selbst zu gestalten.Von Bernd SeidelDie drei Pioniere John Forbes Nash, John Harsanyi undReinhard Selten haben die Spieltheorie – die auch Wissen-schaft vom strategischen Denken genannt wird – bekanntgemacht. 1994 erhielten sie für ihre Arbeiten den Nobelpreisfür Ökonomie. Die Verfilmung von John Forbes Nashs Lebenund Werk im Hollywoodstreifen „A Beautiful Mind – Genieund Wahnsinn“ erhielt 2002 den Oskar als bester Film.Die Auszeichnungen von Oslo bis Hollywood kommennicht von ungefähr. „Die Spieltheorie ist heute ein festerBestandteil unserer Ökonomie und Gesellschaft – malsehr bewusst, mal implizit, ohne dass man sich darüber imKlaren ist“, erklärt Peter Kenning, Professor für Marketing ander Zeppelin Universität Friedrichshafen. Der Kern der Spiel-theorie besteht darin, bei entsprechenden Handlungen dieReaktionen des anderen zu antizipieren und seine eigenenAktionen und Reaktionen darauf abzustimmen.Marketingfachmann Kenning weiß, dass die Erkenntnissehäufig zur Anwendung kommen: ob bei Gehaltsverhand-lungen, bei Tarifauseinandersetzungen, der Wahl einesneuen Autos, bei bilateralen Verhandlungen zwischenRegierungen, Friedensgesprächen im Nahen Osten, derVergabe von Lizenzen von Mobilfunkfrequenzen und beiPrivatauktionen auf dem Marktplatz von eBay. „Für vieleEntscheidungen und Verhaltensweisen bietet die Spiel-theorie rationale Erklärungen. Aber den wenigsten istbekannt, dass man sie auch normativ nutzen kann, zumBeispiel, um Märkte zu gestalten und Verhandlungenstrategisch zu führen“, so Kenning weiter.„Die Spieltheorie ist für Unternehmen hilfreich, um zuverstehen, in welchem Spiel sie mitspielen. Wer sind dieKonkurrenten, Lieferanten und Kunden, nach welchen Regelnwird auf dem Markt agiert, wie kann man diese gegebenen-falls ändern und einen Markt zu seinen Gunsten entwickeln“,ergänzt Spieltheoretiker Alexander Klein, Vorstands­ it­ mglied der TWS Partner AG. Das Beratungshaus ist auf diepraktische Anwendung der Spieltheorie, insbesondere für12 | HaysWorld 01/2012
  • 13. John Forbes Nash Reinhard Selten John Harsanyi1994 erhielten die drei Pioniere der Spieltheorie Nash, Selten und Harsanyi den Nobelpreisfür Ökonomie. HaysWorld 01/2012 | 13
  • 14. Auch beim Kauf eines neuen Autos können die Erkenntnisse der Spieltheorie dabei helfen, die Reaktionen des Verhandlungspartners zu antizipierenund entsprechend zu reagieren.  Einkauf und Vertrieb, spezialisiert. So sei Market-Design Spieltheoretiker ist jedoch, die Strategien erstens konse-eine vergleichsweise neue Disziplin, die sich nicht damit quent zu Ende zu denken und zweitens strikt danach zubegnügt, das Spiel von Angebot und Nachfrage zu verste- handeln – ohne die Regeln zu verwässern. „Das sieht in derhen – sie will es vielmehr optimieren. „Marktdesigner“ ent- Praxis oft anders aus“, berichtet Alexander Klein. Er erlebtwerfen, entwickeln und verfeinern die Regeln, nach denen häufig, dass etwa nach Abschluss einer Vergabe die Ent-ökonomische Institutionen oder weniger ausgereifte Märkte wicklungsabteilung doch ihre persönlichen Vorlieben durch-wie der Energiemarkt funktionieren. Auch für Auktionen setzt. Regelmäßig würden auch im laufenden Vergabepro-oder im Einkauf ließen sich auf Basis der Spieltheorie zess Regeln verändert oder ein Teil der Vorgaben sei ersterfolgreich Strategien entwickeln. gar nicht transparent für die Bieter.Wie das konkret geht? „Plant ein Unternehmen beispiels- Nur wenn es ein stabiles Entscheidungsmodell gibt, kommenweise den Einkauf eines komplexen Bauteils, starten wir in Schritt zwei – der sogenannten Designphase – die Ansätzemit einer Bestandsaufnahme. Unser Ziel ist es, eine stabile der Spieltheorie zum Tragen. Hierbei entstehen quasi dieDatenbasis zusammenzustellen“, erklärt TWS-Spezialist Klein. Spielregeln für die Einkaufsentscheidung mit dem Zusatz:In dieser Phase, die rund zwei bis drei Wochen dauern kann, Sie sind optimal im Sinne des Veranstalters, und um einentragen die Berater Entscheidungskriterien zusammen und Mindesteinsatz von zwei Millionen Euro sollte schon gespieltstrukturieren gleichzeitig den späteren Prozess. Abgefragt werden. „Für Einkaufsprojekte, die kleiner sind, ist derwürden die Grunddaten der Vergabe: Welche Lieferanten Aufwand zu hoch“, sagt Klein.kommen in Frage? Auf Basis welcher Kriterien entscheidetdas einkaufende Unternehmen, wie verlaufen Entscheidungs- Wie bei den Festlegungen eines komplexen Gesellschafts-prozesse und wer trägt dazu bei? Soll am Ende der Lieferant spiels legen Kunden und TWS-Berater in dieser Phase einmit dem günstigsten Angebot das Rennen machen oder Regelwerk an. Zug für Zug schreiben sie fest, wie Lieferantenderjenige, der eine bestimme Technologie anbietet? vorzugehen haben, wenn sie die Ausschreibung gewinnen wollen. Auch hier gilt: Die Vorgaben sind für die Beteiligten bindend – sie entscheiden über den Verbleib oder AusstiegStrategien konsequent zu Ende denken eines Bieters. „Hintertürchen gibt es nicht, es wird mit offenen Karten gespielt“, konstatiert Klein. Über verbind­„Machen wir doch genauso, ohne etwas von Spieltheorie liche Boni und Mali erhalten Neueinsteiger genauso einezu wissen“, unken Unternehmensstrategen hier. Der Clou der Gewinnchance wie langjährige Haus- und Hoflieferanten –14 | HaysWorld 01/2012
  • 15. auch wenn sie für den „Sieg“ vielleicht mehr tun müssen. Wahrscheinlichkeiten und Verhaltensmustern der Markt­­Die strenge Vorgehensweise kann sich auszahlen: So teilnehmer ein Gleichgewicht zu ermitteln, auch mithilfesparten Kunden im Schnitt etwa 15 bis 20 Prozent gegen- mathematischer Gleichungen. „In Phase zwei eines Einkaufs-über früheren Beschaffungsprojekten ein. Je nach Volumen projekts kommen die Gleichgewichtsmodelle von Nash zumkönnen dabei schnell mehrere Millionen Euro zusammen- Einsatz, und für jeden Schritt im Biet­ erfahren antizipieren vkommen. wir die möglichen Reaktionen der Teilnehmer.“ Hier setzen Kritiker weiter an: Die Parameter, die nötigDas Nash-Gleichgewicht sind, um ein Gleichgewicht etwa für eine Auktion rechne- risch zu ermitteln, seien in der Realität so nicht vorhanden.Trivial ist das Gedankengut der Spieltheorie jedenfalls „Zu komplex, zu rational“, diese Urteile gegenüber dernicht, wenn man das Verhalten anderer Marktteilnehmer Spieltheorie kennt TWS-Vorstand Klein und er ist ganz inantizipieren möchte. Kritiker sehen hier die Schwachstellen, seinem Element. „Hier fängt die Arbeit der Spieltheoretikerweil rationales Verhalten vorausgesetzt wird und die Zahl an, genau die Kriterien herauszufiltern, die ein Spiel wirklichder Marktteilnehmer und deren Ziele sehr verschieden beeinflussen, das ist die Kür.“ Seine Antwort lautet: verein-sein können. Neben den Regeln der Antizipation greift das fachen und zusammenfassen. Konkret: „Was nützen IhnenKonzept der Gleichgewichte, bei dem nun Nobelpreisträger 20 Parameter, die Sie bei der Kaufentscheidung für einNash ins Spiel kommt: Er hat als Erster das nach ihm benannte Auto heranziehen, wenn Sie sich am Ende doch für dasGleichgewicht formuliert und seine Existenz bewiesen. Das Auto mit dem für Sie besten Image entscheiden?“Nash-Gleichgewicht beschreibt für nicht-kooperative Spiele –das typische Verhalten auf Märkten – eine Kombination von Auch gegen Emotionen hat der Berater nichts. Business-Strategien. Es umfasst eine Strategie für jeden Spieler, von Entscheidungen lediglich mit irrationalem Verhalten zuder ausgehend kein Einzelner für sich einen Vorteil erzielen erklären, wäre ihm aber zu simpel: Nach dem Motto „Dennkann, indem er einseitig von seiner Vorgehensweise abweicht. er wusste nicht, was er tat“. „Wir versuchen mit Rationalität„In einem Nash-Gleichgewicht bereut kein Spieler seine das zu erklären, was man sonst weitläufig mit PsychologieStrategiewahl. Sie sind wechselseitig beste Antworten“, zu erklären versucht. Dafür gibt es Nobelpreise.“ Im Umkehr-bringt es TWS-Berater Klein auf den Punkt. In der Praxis schluss heiße das nicht, dass Spieltheoretiker glaubten,bedeutet das, aus Entscheidungsvarianten, Parametern, die Welt sei nur rational. „In einem Nash-Gleich- gewicht bereut kein Spieler seine Strategiewahl.“ Spieltheoretiker Alexander Klein, Vorstandsmitglied der TWS Partner AG HaysWorld 01/2012 | 15
  • 16. Coopetition: kooperativ konkurrieren „Im Business gibt es keine Nullsummenspiele“ Wenn Geschäft ein Spiel ist, dann ist es interessant, die Mitspieler und deren Rollen zu kennen. Wie vergrößert man den Kuchen, wenn es viele Mitbewerber gibt, und wie teilt man ihn danach auf? Christian Rieck, Professor für Finance an der Fachhochschule Frankfurt am Main, erläutert, warum es sich lohnt, Schwarz-Weiß-Denke über Bord zu werfen und seine Marktbegleiter mit neuen Augen zu sehen.Das Interview führte Bernd SeidelSie sind Verfechter der Idee, dass Unternehmen Partner nicht automatisch das gewinnt, was der anderekonstruktiv kooperieren. Das Kunstwort dafür ist verliert. Es gibt Konkurrenz und Kooperation – gleichzeitig.Coopetition – eine Zusammensetzung aus Competition(Wettbewerb) und Cooperation (Zusammenarbeit).Was genau verstehen Sie darunter? Es gibt also mehr als Schwarz und Weiß?Coopetition beschreibt eine bestimmte Art der Wett­ Schwarz-Weiß-Denke existiert im Sport und bei Gesellschafts­bewerbssituation. Und zwar eine Form, in der der eine spielen, etwa bei Mensch ärgere Dich nicht. Da kann es nur16 | HaysWorld 01/2012
  • 17. „Wenn man erkennt, wie ein Gleichgewichtaussehen könnte, fangen die meisten an,neu über ihre Strategien nachzudenken.“einen Gewinner oder eine Gewinnerin geben. Diese Spiele ckeln? Das dauert viel zu lang und die Entwicklungskostensind gezielt so konstruiert, sonst wären sie langweilig. kann er wahrscheinlich niemals wieder einspielen. Hier istIm Business ist es jedoch viel zu kurz gesprungen, sogar kooperative Konkurrenz die Antwort.kontraproduktiv zu glauben, dass ein Unternehmen alleindas Rennen macht. Aus meiner Erfahrung gibt es in derGeschäftswelt kein Nullsummenspiel. Wie schafft man es, mit seinen Mitbewerbern den Kuchen zu vergrößern, und wie kann man ihn dann aufteilen?Coopetition fußt auf den Konzepten der Spieltheorie. Wichtig ist zu differenzieren: Zunächst muss man erkennen,Können Sie bitte den Zusammenhang erklären? welches Spiel man spielt, also in welchem Markt oder Markt­­­ segment man Teilnehmer ist, welche Regeln gelten, wasSpieltheorie ist die Wissenschaft, die Konflikte mathema- die Stellgrößen und Marktmechanismen sind. Wer sind dietisch erforscht, zunächst waren das militärische, später Komple­ entäre, Wettbewerber, Lieferanten und Kunden in mdann geschäftliche. Dabei ist immer deutlicher geworden, meinem Netzwerk? Und – das ist aus meiner Erfahrung eindass in den meisten Konflikten viel weniger Kampf steckt, weiterer wichtiger Aspekt – man muss lernen, die Handlungenals man zuvor angenommen hat – dass also Coopetition seiner Mitbewerber zu verstehen und auf Signale zu achten.der Normalfall ist. Signale sind häufig Preiserhöhungen oder -senkungen.Worin besteht der Nutzen, Coopetition in das eigene Was soll mir dieses Signal sagen, wenn ich Manager desunternehmerische Denken und Handeln mit einzubeziehen? Mitbewerbers bin?Zum einen hört man auf, seine Mitbewerber zu unterschätzen, Nehmen wir das Beispiel von zwei konkurrierenden Tages-und glaubt nicht, dass das, was man gerade tut, einmalig zeitungen. Plötzlich hebt Verleger A den Verkaufspreis an.sei. Diese Haltung erlebe ich regelmäßig bei meinen Semi- Dies kann einerseits bedeuten, dass die Herstellkostennaren: Ich teile Teilnehmer in verschiedene Gruppen auf, in gestiegen sind und er die Kosten an die Leser weitergibt.denen sie dann in Teams an Aufgaben in einer Konkurrenz- Andererseits kann A auch der Überzeugung sein, dass dersituation arbeiten. Dabei stelle ich häufig fest, dass sich die Markt bereit ist, einen höheren Preis zu bezahlen. Mitbe-Teams bei der Erarbeitung der Lösung nur mit sich beschäf- werber B verhält sich zunächst defensiv und belässt estigen und so tun, als sei der Wettbewerb „verblödet“. beim alten Preis, mit der Folge, dass er kurzfristig Leser hinzugewinnt.Menschen sind, so meine Erfahrungen, häufig so sehr darangewöhnt, Geschäft als Kampf zu betrachten, und so verbis- Das kann A nicht auf sich sitzen lassen und verschenktsen darin, den anderen Schaden zuzufügen, dass sie ihre jetzt kostenlose Probeabonnements, zieht damit wiederMitspieler nur als Mitbewerber sehen. Das ist ein Fehler, Kunden von B ab und erhöht so den Druck in der Hoffnung,denn im Regelfall lässt sich der Kuchen vergrößern. Mehr dass sein Mitbewerber nun endlich aufwacht und handelt.sogar noch: Ohne die Kooperation von Mitbewerbern sind Ich nenne das Zuckerbrot und Peitsche.viele Aufgaben und Zukunftskonzepte gar nicht umsetzbar. Kooperativ konkurrieren fällt Managern schwer, wieAuf welche spielen Sie an? Sie erklärt haben. Welche Angewohnheiten müssen Führungskräfte über Bord werfen?Aktuell sind dies Themen wie Elektromobilität oder SmartGrid in der Energieversorgung (Anm. d. Red.: intelligentes Erstens: den Hang, besser sein zu wollen als der andereStromnetz, das sämtliche Akteure auf dem Strommarkt und ihm schaden zu wollen. Der Glaube scheint leider tiefdurch das Zusammenspiel von Erzeugung, Speicherung, in uns angelegt zu sein, dass nur der Abstand zum anderenNetzmanagement und Verbrauch in ein Gesamtsystem zählt und man diesen vergrößert, indem man ihn behindert.integriert). Um diese Herausforderungen zu bewältigen, Das Zweite ist zu begreifen, dass Nullsummenspiele diemüssen neue Wertnetze entstehen – Automobilhersteller, Ausnahme sind. Und drittens sollten sie erst handeln, wennEnergieversorger, IT-Unternehmen, Abrechnungsspezialisten, sie die Mechanik hinter der Wettbewerbssituation verstan-Betreiber von Elektrotankstellen und Netzen etc. müssen den haben. Sonst sehen sie zwar, dass es mal gut läuft undkooperieren. Solche Konzepte erfordern es, in Wertenetzen mal schlecht, aber sie verstehen nicht, welche Signale ihrerzu denken, denn hier entsteht ein Feld der Kooperation. Mitbewerber in Wahrheit dafür verantwortlich sind.Gleichzeitig nimmt der Batterieproduzent dem Automobil-hersteller einen Teil seiner Wertschöpfung ab. Was wärenun die Alternative für den Autobauer? Alles selbst entwi- Herr Professor Rieck, vielen Dank für das Gespräch. HaysWorld 01/2012 | 17
  • 18. Vom Kinderzimmer in Manager entdecken Spielzeug wie Lego oder Playmobil als neues Tool der Teamarbeit. So lassen sich ernsthafte Business-Probleme spielerisch lösen.Von Judith-Maria GilliesDieser Anblick lässt Kinderherzen höherschlagen: Auf dem Dialoge in Gang bringenriesigen Tisch liegen überall verstreut Lego-Steine undFiguren, Männchen und Autos, Zäune und Treppen, Schlangen Problemstellungen, für die Spielsachen in Büros eingesetztund Löwen, Platten und Bäume, Schläuche, Leitern und werden, sind vielfältig: Teamkonflikte und Umstrukturierun-Brücken. Ein wahres Spielzeugparadies! gen, Produkteinführungen und Strategiewechsel, Nachfolge- regelungen und Firmenübernahmen. Lego hat dafür sogarTrotzdem findet man hier kein Kind weit und breit. Statt- mit dem renommierten International Institute for Manage-dessen basteln zwölf Manager der Frankfurter Fraport AG ment Development (IMD) in Lausanne eine eigene Modelllinieeifrig mit dem bunten Spielzeug herum. Ihr Auftrag ist rein entwickelt: Lego Serious Play. Die speziellen Bausteineberuflicher Natur. Mithilfe der Bausteine sollen sie darstel- sollen in moderierten Workshops einen Teamdialog in Ganglen und erklären, wie ihr persönlicher Beitrag im Team des bringen. „Das ist kein Kinderkram“, sagt Reinhard Ematinger,Flughafenbetreibers aussieht. zertifizierter Lego-Serious-Play-Managementtrainer in Heidelberg. „Mit dem Format lassen sich Themen im wahrstenDie Fraportler sind Trendsetter. Spielzeug erobert sich Sinne des Wortes auf den Tisch bringen – und dann kannderzeit einen Platz im Werkzeugkasten des Managements gemeinsam nach Lösungen gesucht werden.“diverser Branchen. Es soll Mitarbeitern helfen, Abläufe undProbleme in Teams greifbar zu machen und mit dem Die Spielregeln sind einfach: Jeder baut, jeder erklärt,Durchspielen verschiedener Szenarien gemeinsam neue jeder hört zu, und jeder hat genau eine Stimme – auch derLösungen zu erarbeiten. „Soziales Lernen kann man nicht Chef. „Manch traditioneller Mittelständler hat damit anfangsvon einer PowerPoint-Folie ablesen“, erklärt Axel Rachow, Probleme“, so Ematinger. „Doch nur so hat er die Chance,Sozialpädagoge, Fachbuchautor und Inhaber von Dart einen ehrlichen Dialog in seinem Team anzustoßen.“Consulting in Köln. „Wer dagegen Situationen selbst durch-spielt, erlebt seine Rolle und die Dynamik der Gruppe haut- Einer, der genau das erreicht hat, ist Knut R. Walther, Leiternah. Damit legt er den Grundstein für soziales Lernen.“ Internationale Personalentwicklung bei Fraport. In seinem18 | HaysWorld 01/2012
  • 19. den KonferenzraumLego-Workshop spielten die Teilnehmer unterschiedliche Prinzessin & Co symbolisierten die beteiligten Personen wieSzenarien für Fraport im Jahr 2020 durch. So kam eine Programmierer, Händler und Endkunden. Doch währendlebhafte Diskussion über die betriebliche Zukunft zustande. Schmidt verschiedene Marketingszenarien durchspielte,Walther war angetan: „Die Bausteine ermöglichen es den fiel plötzlich der Groschen: Egal, wie sehr er das eigeneTeilnehmern, auch komplizierte Themen zu begreifen, zu Produkt aufhübschte, die Figur, die seinen Kunden darstellte,beschreiben und selbstständig weiterzuentwickeln.“ guckte immer in eine andere Richtung. „Während man normalerweise in denselben StrukturenFantasie freisetzen denkt, findet man so schnell eine globalere Perspektive.“ Schmidt schwärmt von dem schnellen Erfolg, der ihn selbstDas geht nicht nur mit Lego, sondern genauso gut mit überrascht habe. Nach nur 90 Minuten war klar: Es gingnormalen Playmobil-Männchen aus dem Kinderzimmer. nicht um immer mehr Produkt-Schnickschnack, sondernMit denen hat Kurt-Georg Scheible, Management-Coach um eine bessere Händlerbetreuung. Genau das tat Schmidtund Inhaber des ErfolgsCampus in Stuttgart, schon mehr auch in der realen Welt.als 1.000 Trainings in Firmen unterschiedlichster Branchengestaltet. Scheible schwört dabei auf eine Ressource, „Bei einer anderen Aufgabenstellung würde ich die Play-die im Business oft brachliegt: Fantasie. „Die Teilnehmer“, mobil-Kiste direkt wieder öffnen“, sagt der Diplom-Ingenieur.so der Trainer, „tauchen schnell in eine andere Welt ein, Doch bisher sei er einfach noch nicht dazu gekommen.in der sie sich auch verrückte Dinge trauen.“ Sein neues Produkt ist so erfolgreich am Markt eingeführt, dass sich der Firmenumsatz verdreifacht hat.Heiko Schmidt ist einer dieser Mutigen. Der Mitgeschäfts-führer der Schmidt & Fuchs Computertechnik in Eislingensetzte auf Playmobil, um eine Vermarktungsstrategie fürein neues Produkt zu suchen. Polizist, Krankenwagenfahrer, HaysWorld 01/2012 | 19
  • 20. DENK­PAuSE SPROuTS – SPROSSEN Kurz, aber knifflig ist das 1967 vom Mathematiker John Horton Conway entwickelte Spiel „Sprouts“, für das Sie nur ein Stück Papier, einen Bleistift und einen Mitspieler brauchen. Zunächst zeichnen Sie gemeinsam eine beliebige Menge von Punkten auf. Je mehr Punkte, desto komplizierter undAusgangslage: 2 Punkte. Spieler A zieht. langwieriger wird das Spiel. Abwechselnd verbinden Sie jeweils zwei Punkte, oder Sie zeichnen eine Schleife, die am selben Punkt beginnt und endet, und setzen auf der Verbin- dungslinie einen neuen Punkt (wie im Beispiel bei Abbildung rechts oben). Aber Achtung: Die Linie darf keine andere Linie kreuzen oder berühren. Und: An jedem Punkt dürfen höchstens drei Linienenden zusammentreffen. Gewinner ist der Spieler, der die letzte mögliche Linie zeichnet.Spieler B zieht. Spieler A zieht.Spieler B zieht. Kein weiterer Zug möglich – Spieler B gewinnt. MARIENbAD Cineasten wissen jetzt vielleicht schon, um was es geht, allen anderen sei gesagt, dass es sich bei diesem Spiel um eine Variante des alten „Nim-Spiels“ handelt, das in dem Film „Letztes Jahr in Marienbad“ von Alais Resnais aus dem Jahr 1961 eine Rolle spielt. Die Regeln sind ganz einfach: 16 Streichhölzer werden – wie links gezeigt – hingelegt. Zwei Spieler nehmen abwechselnd so viele Hölzchen aus einer Reihe weg, wie sie möchten: mindestens eines, höchstens alle. Aber eben immer nur aus einer Reihe. Es verliert, wer das letzte Streichholz wegnehmen muss. Finden Sie heraus, wie man auf jeden Fall gewinnt? Wenn nicht: Der Film ist es wert, gesehen zu werden!20 | HaysWorld 01/2012
  • 21. Vier Spiele, mit denen man sich auf schlaue Art die zeitvertreiben und bei denen man ganz nebenbei sein strategischesDenken einsetzen kann. cHOMP – ScHOKOLADENTAFELN X X Das einzig Unlogische an diesem Spiel ist die Tatsache, dass verliert, wer den letzten Bissen der Schokoladentafel bekommt. Der besteht aus dem linken oberen Kästchen 1. A 2. B einer rechteckigen Kästchenformation, die an eine Tafel Schokolade erinnert. Es spielen zwei Spieler, benötigt wird X X Kästchenpapier und Schreibutensil. In besagtem Rechteck sucht sich der Spieler, der an der Reihe ist, ein sogenanntes Ankerfeld, von dem ausgehend er alle Kästchen weg- 3. A 4. B streicht, die nach unten und rechts bis zum Spielfeldrand reichen. Der Spieler, der das linke obere Feld nehmen X X muss, ist im übertragenen Sinn um zehn Kalorien reicher und – vielleicht ja deswegen – der Verlierer. 5. A 6. B X Spieler A Spieler B 7. A KÄSEKÄSTcHEN Dieses Spiel können Sie zu zweit, dritt oder sogar viert spielen. Am besten mit Kästchenpapier und Bleistift. Anfänger spielen auf einer Fläche von acht mal zehn Kästchen, die Fläche ist aber beliebig variierbar. Der Spieler, der am Zug ist, zieht eine Linie, die der Seitenfläche eines Kästchens entspricht. Jedes Mal, wenn er damit ein oder sogar zwei Kästchen schließt, darf er die „gewonnene“ Fläche als seine markieren. Anschließend darf er erneut ziehen. Gewinner ist der Spieler mit den meisten gewonnenen Feldern. HaysWorld 01/2012 | 21
  • 22. Auf der Suche nach der Super-App Die Unternehmen wollen heutzutage nicht länger „nur“ dabei sein, sie wollen mit ihren Apps bei ihren Kunden auch punkten.Von Ina HönickeApps sind hin und wieder etwas skurril, wesentlich öfter Unternehmen sehr genau überlegen, was sie mit einerindes sind sie überaus nützlich. Zu den beliebtesten Apps App erreichen wollen, und hohe Anforderungen an derengehören unter anderem die Anwendung „Cardiograph“, mit Entwicklung stellen. Einerseits wollten sie ein neues Produktder der Pulsschlag gemessen werden kann, die Foto-Apps oder einen neuen Service anbieten, andererseits sollen diefürs iPhone, die mit dem unscharfen, verwackelten Handy- Apps gut aussehen und intuitiv bedienbar sein. Giosis:Foto Schluss machen, aber auch die Tank-Apps, die die „Die Unternehmen hoffen, durch das Spielerische in dengünstigsten Tankstellen in der Umgebung anzeigen. Warum Apps die Kunden auf eine neue Art und Weise zu erreichen.Apps so erfolgreich sind? Sie sind frappierend einfach Wenn es den Unternehmen gelingt, die Kunden neugierigzu bedienen, bieten den Kunden Komfort sowie Mehrwert zu machen, haben sie tatsächlich viel erreicht.“und befriedigen ein Stück weit den Spieltrieb, der wohl inden meisten von uns wohnt. Erweiterung des Produktportfolios und verbes­Begonnen hat die Geschichte der Apps im Jahr 2007, als serter KundenserviceSteve Jobs die erste Version des iPhones vorstellte. Bereitsdrei Jahre später hatte Apple etwa vier Milliarden Dollar Sehr genau beobachtet wird die App-Entwicklung selbst-Umsatz mit seinen Apps erwirtschaftet. Andere Hersteller verständlich auch von Bitkom. Im vergangenen Jahr befragtezogen schnell nach. Im Februar dieses Jahres wurden in der ITK-Dachverband seine Mitglieder zu den Gründen,den App Stores der verschiedenen Betriebssysteme fast warum sie mobile Anwendungen programmieren oder ihreneine Million Anwendungen zum Download angeboten. Kein Kunden zur Verfügung stellen. Bei den Antworten liegt mitWunder, dass sich mittlerweile durch die sogenannte App immerhin 73 Prozent die „Erweiterung des Produktport­Economy ein neuer Wirtschaftszweig innerhalb der Soft- folios“ ganz vorn. Sehr wichtig sind den Befragten zudemwareentwicklung und Kreativbranche herausgebildet hat. die „verbesserte Kundenbindung“ sowie der „verbesserte Kundenservice“ mit jeweils 57 Prozent. Last, but not leastEiner dieser App-Entwickler ist Walantis Giosis, dessen spielt die „Neukundengewinnung“ mit 52 Prozent eineerste populäre Anwendung die meisten kennen werden: wichtige Rolle.wetter.com. Der Diplom-Informatiker, der schon häufig fürdie Hays AG in Kundenprojekten tätig war, hat die Verände­ Warum die Erweiterung des Produktportfolios an ersterrungen in der App-Welt genau verfolgt: „Zu Beginn wollten Stelle steht, erklärt der Bitkom-Experte für Apps, Tobias Arns:die Unternehmen mit ihrer App vor allem dabei sein.“ Dieser „Dabei handelt es sich um Dienstleistungen, die es ohneTrend habe sich indes gelegt. Seit 2010 würden sich die diese mobile Anwendung nicht geben würde.“ Ein Beispiel2220 | HaysWorld 01/2012
  • 23. Diplom-Informatiker und App-Entwickler Walantis Giosis, dessen erste populäre Anwendung die meisten kennen werden: wetter.com tauschen können, dann geht das in Richtung Social TV“, erklärt Bitkom-Experte Arns. Dank Social TV kann man mit Freunden Promiauftritte kommentieren oder sich während einer Abstimmung austauschen, welchen Kandidaten man unterstützen will. So sollen sich in den USA bereits 40 Prozent aller Zuschauer, die ein Smartphone besitzen, während „Mobile des Fernsehens parallel im Internet darüber austauschen. Anwendungen Bei Sendungen, die am eifrigsten diskutiert werden, dürfte sich dies allemal auf die Quote auswirken. liegen weiter im Trend.“ Zunehmend durchsetzen werden sich Apps nach Meinung von Marktbeobachtern auch bei den Banken. Schließlich sind sichere Mobile-Banking-Lösungen bereits heute für Kunden ein wichtiges Entscheidungskriterium. Dass im kommenden Jahr rund ein Fünftel aller Banktransaktionen über Smartphones durchgeführt wird, wird die Finanzinsti- tute, so Analysten, ganz sicher dazu veranlassen, mithilfeTobias Arns, Bitkom-Experte für Apps von Apps die Kunden noch stärker an sich zu binden. Bitkom-Mann Arns ist sich sicher: Mobile Anwendungenunter vielen sei das Handy-Ticket der Deutschen Bahn liegen weiter im Trend. Die Nutzer würden nach immeroder der regionalen Verkehrsbetriebe. So stellten die Kölner neuen Anwendungen fragen – egal, ob im öffentlichenVerkehrsbetriebe beispielsweise eine App zur Verfügung, Personenverkehr oder im Navigations-, Informationsdienste-mit deren Hilfe man ein Guthaben erwerben und das und Spielebereich. Sein Fazit: „Das Smartphone der ZukunftTicket genau dann kaufen könne, wenn man es benötigt. wird für immer mehr Nutzer mithilfe der Sprachsteuerung zum digitalen Assistenten, der bei Terminplanung oder Ein-„Fernsehsender wie RTL oder SAT.1 sind dagegen vor­ käufen hilft.“ In der Tat erwarten Marktbeobachter geraderangig an verstärkter Kundenbindung interessiert. Wenn von der Sprachsteuerung eine große Zahl an Neuerungen,ein Sender eine interessante Musikshow mit einer guten denn die Welt des digitalen Gesprächs lässt der KreativitätApp begleitet und sich junge Leute deutschlandweit aus- noch jede Menge Spielraum. HaysWorld 01/2012 || 23 HaysWorld 01/2012 21
  • 24. 128 JahreSpiel(be)triebApp oder klassisches Brettspiel, der Spielehersteller und Verlag Ravensburgermacht beides und vereint so Tradition und Innovation in einer Marke.Von Britta Nonnast„Memory“, „Malefiz“ und „Fang den Hut“ – wer kennt sie Die vierte Generationnicht, die Klassiker aus dem Ravensburger-Spielesortiment?Rund 75 Millionen Mal verkaufte sich das Gedächtnisspiel „Memory“ und „Malefiz“ tragen seit 1974 genauso wie„Memory“ und schaffte als App nun auch den Sprung ins alle anderen Ravensburger-Spiele das blaue Dreieck aufdigitale Zeitalter. Dass seine Produkte einmal in virtuelle der Schachtel. Daran hat sich auch nach der UmwandlungWelten vordringen könnten – daran denkt der Buchhändler des Unternehmens 1993 in eine Aktiengesellschaft nichtsOtto Maier wohl nicht im Traum, als er 1883 die kleine geändert. Allerdings verbleiben die Aktien im Besitz derVerlagssparte der Eltern übernimmt. Ein Jahr später verlegt Gründerfamilie.er sein erstes Brettspiel: „Die Reise um die Erde“ nach demBestseller von Jules Verne. Die handgefertigte Ausgabe „Ravensburger ist und bleibt ein Familienunternehmen“, be-­mit den Zinnfigürchen kostet drei Goldmark und ist die tont Clemens Maier, der Urenkel des Gründers. Der 40-Jährigeerste Spieleschachtel aus dem Hause Ravensburger. ist seit 2011 einer von drei Vorständen der Ravensburger AG und kümmert sich vor allem um die neuen Geschäfts­ elder f wie digitale Spiele: „Meine Herausforderung besteht darin,Spiele für alle die Tradition fortzuführen und trotzdem Neues zu wagen. Das bedeutet, die Wachstumschancen im klassischen BereichMaier startet sein Unternehmen genau zur richtigen Zeit, zu nutzen und im digitalen Bereich auszubauen.“in der Hochindustrialisierung. Spiele sind nicht mehr nurSache des Bildungsbürgertums. Immer mehr Menschen Digitale Spiele werden laut Maier künftig einen höherenziehen in die Städte, arbeiten in der Industrie, haben ein Stellenwert einnehmen. „In Deutschland erzielten wir 2011Einkommen und suchen mitunter Zerstreuung. Maier ent- rund 20 Prozent des Spielwarenumsatzes mit elektronischwickelt neben den „feinen“ Ausgaben bezahlbare Spiele unterstützten oder digitalen Spielen“, so der Manager.für die Arbeiterschaft. Das Angebot kommt an. Anfang des Insgesamt erwirtschaftete Ravensburger mit dem Bereich20. Jahrhunderts kann er die Belegschaft auf 19 Mitarbeiter Spiele, Puzzle und Beschäftigung im vergangenen Jahrmehr als verdoppeln. einen Umsatz von rund 249 Millionen Euro. Das war ein Plus von 1,5 Prozent. Vor allem das audiodigitale LernsystemDoch das Spieleunternehmen kann nicht so wachsen, wie „Tiptoi“, das Spiel mit dem elektronischen Stift, bescherteMaier es plant. Ravensburg liegt abseits der kulturellen und Ravensburger im vergangenen Jahr das knappe Wachstumwirtschaftlichen Zentren und wird als Absatzmarkt bald zu im Bereich Spiele.klein. Aus diesem Grund schickt der Gründer ab 1902 einen„Reisenden Herrn“ durch Deutschland und ins nahe Ausland,um seine Produkte zu bewerben. Die Investition ist zu der TrendforschungZeit nicht üblich, lohnt sich aber. Kurz vor dem ErstenWeltkrieg hat der Verlag gute Kontakte ins Ausland. „Tiptoi“ und auch die erfolgreichen 3-D-Bauwerke-Puzzles sind das Ergebnis der Ravensburger-Trendsuche. Um immer auf den neusten Stand zu sein, betreibt Ravensburger seitSpiele überleben 2008 ein aktives Innovationsmanagement in der Produkt­ entwicklung und der Supply Chain. Die fünf MitarbeiterRavensburger übersteht den Ersten Weltkrieg und die arbeiten eng mit externen Trendforschern zusammen.lange Inflationszeit, denn trotz der Krise kaufen die Menschen Für Maier ist dieser Austausch sehr wertvoll: „Unser TeamQuartette und die günstigeren Bogenausgaben der Spiele. ist permanent in Kontakt mit externen Instituten wie zumSo können auch nach dem Tod Maiers 1925 die Söhne Otto, Beispiel dem Fraunhofer-Institut oder Universitäten wieKarl und Eugen die Erfolgsgeschichte weiterführen: 1927 der von St. Gallen. Dies hat bereits Früchte getragen, wieverlegen sie den Spiele-Klassiker „Fang den Hut“, der ins- man an den neuen Produktlinien „Tiptoi“ oder 3-D-Puzzle-gesamt 26 Millionen Mal verkauft wird. Das Spiel mit den Gebäude sieht.“Hütchen überlebt den Zweiten Weltkrieg genauso wie derVerlag, der die Produktion schnell wieder aufnimmt und inder Wirtschaftswunderzeit gleich zwei Bestseller landet. Memory forever1959 erscheint „Memory“, das bisher erfolgreichste Ravens-burger-Spiel aller Zeiten. Ein Jahr später kommt das bekannte Die Zukunft des klassischen Brettspiels sieht Maier trotzBrettspiel mit den Hindernissen „Malefiz“ auf den Markt. des digitalen Trends nicht gefährdet: „Der klassische Spiele-24 | HaysWorld 01/2012
  • 25. Clemens Maier, der Urenkeldes Gründers Otto Maier, ist seit2011 einer von drei Vorständender Ravensburger AG. HaysWorld 01/2012 | 25
  • 26. markt ist in den vergangenen Jahren sogar um zwei bis Erwachsene gegen Siebenjährige verlieren.“ Das habedrei Prozent gewachsen. Heute gibt es beides. Einen Markt neurologische Gründe, erklärt der zweifache Vater,für klassische Spiele und einen für digitales Spielen.“ Einige der das Phänomen aus eigener Erfahrung kennt. „Es istKlassiker haben es als App mit großem Erfolg auch in die wissenschaftlich erwiesen, dass ihre Gedächtnisstrukturdigitale Welt geschafft, wie zum Beispiel „Memory“. Das Kindern beim ,Memory‘ einen entscheidenden Vorteilist auch für Maier nach wie vor das beste Ravensburger- verschafft.“ Den können sie nun auch auf SmartphonesSpiel. „Es fasziniert mich immer wieder, dass bei ,Memory‘ und Tablets ausspielen. Interview mit Spieleerfinder Spaß. Jeden Abend außer Freitag treffe ich mich mit Dr. Reiner Knizia verschiedenen Spielgruppen. Einmal in der Woche „Spiele sind gehe ich in den Kindergarten und spiele mit den ganz Kleinen. ein Spiegel Welches Spiel mögen Sie besonders, das Sie selbst unserer Zeit“ nicht entwickelt haben? Ich finde nach wie vor, dass Mäxchen ein tolles Spiel ist. Man braucht nur zwei Würfel, einen Becher und einen Welche Kriterien muss ein Spiel Ihrer Meinung nach Bierdeckel. Da es um Bluffen und Täuschen geht, ist erfüllen? das Spiel in seiner Einfachheit einfach toll und sehr facettenreich. Jeder Mitspieler kann wie ein Schauspieler Ganz einfach: Es muss Spaß machen und es muss span- auf einer Bühne agieren. nend sein. Inwiefern hat sich ihre Arbeit im Laufe der Zeit Sie sind promovierter Mathematiker und haben zuletzt gewandelt? im Management einer deutschen Großbank gearbeitet. Wie wurden Sie Spieleautor? Spiele sind ein Spiegel unserer Zeit. Heute sind viel mehr Action und viel mehr Erlebnis gefragt. Die Spieler Es war einfach die „Liebe zum Spiel“. Ich komme aus nehmen sich heute weniger Zeit zum Spielen. Die Spiel- einer schwäbischen Kleinstadt, in der es nur einen Spiel- dauer muss daher kürzer sein. Die Spielanleitungen zeugladen mit einem sehr überschaubaren Spieleangebot müssen noch verständlicher und knapper sein, sodass gab. Da wird man erfinderisch, wenn man einen aus­ ein schneller Einstieg in ein Spiel möglich ist. Die Verän- geprägten Spieltrieb hat. Bereits als Kind habe ich mein derungen der Spielekultur sind erstaunlich, beinhalten erstes Spiel kreiert. Ernsthafter habe ich mich Mitte der aber auch große Chancen. Ich nutze diese Herausforde- 80er-Jahre mit dem Spieleerfinden beschäftigt. 1997 rungen und habe auch Spiele für Nintendo DS oder die machte ich dann mein Hobby zum Hauptberuf. Wii gemacht. Der Kern meiner Arbeit ist es, neue Einfälle zu haben. Das ist die schönste Herausforderung – auch im Wandel der Zeit. Wie kommen Sie auf neue Ideen? Dr. Reiner Knizia Inspiration gibt es überall, man muss nur genau beo­ ­ b achten und hinsehen. Ich habe mehr Ideen, als ich umsetzen kann, denn ein Spiel bis zur Marktreife zu bringen, bedeutet monatelange Arbeit. Da ich meine Spiele immer in Zusammenarbeit mit einem Verlag kreiere, bekomme ich beispielsweise ein Thema vorge- geben. Dann ziehe ich mich zurück, denke sehr viel nach und tauche nach und nach in diese Welt ein. Zu welchen Tageszeiten sind Sie besonders kreativ? Ich bin ein Frühaufsteher. Für mich beginnt der Tag zwischen vier und fünf Uhr morgens. In den frühen Morgenstunden kann ich ungestört kreativ sein, später am Tag muss ich mich dann auch um das operative Geschäft kümmern. Dr. Reiner Knizia, Jahrgang 1957, ist ein erfolgreicher Spieleautor, der mehr als 500 Spiele entwickelt hat. Darunter sind die bekannten Bestseller „Wer war’s?“, „Herr der Ringe“, „Keltis“ und „Alles Tomate“. Die Spiele des gebürtigen Schwaben werden weltweit millionenfach Spielen Sie selbst? verkauft. Viele davon sind mehrfach im In- und Ausland ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Deutschen Spielepreis, als Spiel des Ich spiele jeden Tag, um meine Erfindungen zu testen, Jahres und als Kinderspiel des Jahres. Der Spieleerfinder lebt seit zu überarbeiten und besser zu machen und auch zum 1997 in Großbritannien.26 | HaysWorld 01/2012
  • 27. Interview mit Anselm Bilgri – Geistlicher, Rednerund Ratgeber – zu werteorientierter Führung undden Spielräumen, die sie eröffnet.NachhaltigerErfolg ist nurmöglich, wennman sich anWerte hältHerr Bilgri, wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Spielen? daher also schon viel Spielraum, ich habe es an mir auch so erlebt. Ich konnte meine Arbeitsbereiche nach meinenIch bedaure, dass ich zu wenig spiele. Gelegentlich spiele ich Vorstellungen – natürlich immer in Abstimmung mit demMonopoly, aber ich würde gern viel mehr spielen und habe großen Ziel – gestalten.sogar einen Schrank voller Spiele zu Hause. Miteinander zuspielen, ist ein ganz wichtiger Teil der menschlichen Kultur.Mich hat der Satz von Friedrich Schiller sehr beeindruckt: Sie waren Mönch und Manager der Klosterbrauerei.Der Mensch ist nur dann ganz Mensch, wenn er spielt. Welche Rolle war für Sie wichtiger? Ich habe das nie als zwiespältig, sondern als sehr schönWieso? ergänzend empfunden. Auf der einen Seite hatte ich einen Tagesplan durch das klösterliche Leben. Wenn SieSpielen hat ja eigentlich einen paradoxen Beiklang. Der dann mittags eine Viertelstunde in der Kapelle sitzen undZweck vom Spiel ist eigentlich, keinen Zweck zu haben, Psalmen beten, geht Ihnen durch den Kopf, was war undsondern Freude daran zu schaffen, nach Regeln miteinan- was sein wird. Auf der anderen Seite hat mich das wirt-der etwas zu tun, was nicht beruflich verwertet wird. schaftliche Engagement sehr motiviert. Ich hatte mit vielen Menschen zu tun. Was treibt sie um? Ob es jetzt die eigenen Mitarbeiter waren mit ihren finanziellen und persönlichenWie viel Spielraum hat das Individuum im Kloster? Problemen oder die Kunden, Lieferanten oder Verbände. Meine Mitbrüder im Kloster waren wiederum gut für meineWenn Sie die Führungstugend des Abtes nehmen, die Erdung, weil sie mich auf den Boden zurückholten, nachdemDiscretio, die Gabe der Unterscheidung, dann bedeutet es: ich kurz zuvor mit dem Wirtschaftsminister gesprochenEr soll jeden in seiner Unterschiedlichkeit wahrnehmen, hatte. Sie sorgten dafür, dass mich der Alltag des Klostersalso die Individualität des Einzelnen respektieren. Es bleibt wiederhatte. HaysWorld 01/2012 | 27
  • 28. Ein fester Tagesablauf wie im Kloster, ist der auch für um dasselbe: Wie führt man andere Menschen, wie löst manUnternehmen empfehlenswert? zum Beispiel Konflikte, wie findet man gemeinsame Ziele, wie motiviere ich andere dabeizubleiben, wie begeistere ichNatürlich funktioniert in Unternehmen nicht ein Tages­ sie, finde ich enthusiastische Visionen, bei denen alle bereitablauf wie im Kloster mit diesen festen Gebetszeiten. Aber sind mitzumachen? Ich glaube daher, dass solche Regelnvielleicht gäbe es etwas Adäquates, das in Unternehmen wie die von Benedikt zeitlos sind. Er verwendet nur andereauch vorgelesen werden könnte: eine ritualisierte Form Begriffe, die zu seiner Zeit gebräuchlich waren.der Erinnerungen an die eigene Unternehmenskultur oderauch an die Leitbilder der Unternehmensphilosophie. VieleMenschen haben in ihrer Organisation ein tolles Leitbild Das heißt, Werte sind für Sie eher zeitlos?entwickelt, aber es verstaubt in Schubladen, weil es nichterinnert wird. Alle wollen es leben, aber dazu bräuchte Ja, aber sicher nicht alle. Die Gewichte verschieben sich,es Rituale. welche als wichtig erachtet werden. Heute ist die individu- elle Freiheit wahnsinnig wichtig. Vor 1.000 Jahren waren es andere Werte wie Gemeinschaft oder Gerechtigkeit.Ihr großes Thema ist die Benediktinerregel, die mehr als Was durchgehend zentral bleibt über die Jahrhunderte, ist1.500 Jahre alt ist. Kann sie uns noch etwas sagen? der Wert Vertrauen. Deshalb sollten auch alle Maßnahmen, die wirklich greifen, vertrauensbildende Maßnahmen sein.Ich habe gerade ein Buch über die Evolution des Menschen Ich denke daher schon, dass es Grundwertigeres gibt, dasgelesen: Der Mensch hat sich seit 100.000 Jahren nicht mehr gleich bleibt. Aber dann gibt es wiederum einzelne Werte,wirklich verändert. Unsere ganzen emotionalen, kognitiven die wie kommunizierende Röhren schwanken in ihrerund sozialen Fähigkeiten sind seither mehr oder weniger Bedeutung und Priorität, je nach Zeit.unverändert geblieben. Was sich verändert hat, sind dietechnischen Möglichkeiten, die wir inzwischen entwickelthaben. Das heißt, die Mechanismen, wie wir Menschen mitein- Wie erklären Sie sich dann unsere gegenwärtige Hinwen­ander umgehen, müssen immer wieder neu gelernt werden. dung zur Werteorientierung?Dazu gibt es eigentlich gleichbleibende Regeln. Egal, ob dasjetzt die ersten verschrifteten Regeln der alten Griechen sind Gerade die Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns gezeigt,oder die von Benedikt, der vor 1.500 Jahren eine Gemein- dass dieses mechanistische Bild der rational geprägtenschaft von Menschen formen musste, die zusammenbleiben Wirtschaft, die mit Methoden und vernunftgemäßen Rech-und ein gemeinsames Ziel verfolgen sollten. Es geht immer nungsarten alles in den Griff bekommt, nicht wirklich greift. „Ich finde es positiv, dass wir uns unserer Werte wieder versichern und dass wir auf der Suche nach ihnen sind.“28 | HaysWorld 01/2012
  • 29. „Gerade die Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns gezeigt, dass dieses mechanistische Bild der rational geprägten Wirtschaft nicht wirklich greift.“Sondern dass es immer auf menschliche Intuition, auf Aber ich glaube, dass es ein tiefes Wissen gibt, dass manmenschliche Fehler und Stärken ankommt. Die spielen nachhaltigen Erfolg nur erringen kann, wenn man sich aneine ganz große Rolle. Das rein rationale Bild setzt eher Werte hält. Das schnelle Geld braucht keine Werte. Aberdie Laster frei. Diese müssen wir dann wieder eindämmen – wenn ich als Unternehmen länger auf dem Markt bestehendurch ein gemeinsames Wertesystem, das das Zusammen- will, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als ein wertegelei-leben wertvoll macht. tetes Agieren auf dem Markt zu praktizieren.In der Wirtschaft merke ich, dass vor allem Menschen inFührungsverantwortung Orientierung suchen, nach welchen Heißt das, Menschen verlassen sich auch wieder stärkerWerten sie ihre Entscheidungen treffen sollen. Was prägt auf ihre Intuition?mich selbst, ist das noch da? Deshalb ist auch der Ruf nachWerten lauter geworden. Ich finde es positiv, dass wir uns Die meisten Konzerne haben als von Eigentümern geführteunserer Werte wieder versichern und wir auf der Suche nach Unternehmen begonnen und sind dann gewachsen. Daihnen sind. Vielleicht braucht es auch Krisen, damit einem steht jemand am Anfang mit einer Intuition und mit einembewusst wird, was man verliert oder was sich gewandelt Wertegefüge, das ihn prägt. Einer Begeisterung für dashat und was eigentlich ein gedeihliches Zusammenleben Produkt oder die Dienstleistung und einer Begeisterungbraucht: dass dies eben die gemeinsamen Werte sind. dafür, dass es bei seinen Kunden auch Nutzen bringt. Genau das darf nicht passieren: dass man den Kunden aus dem Auge verliert. Das würde ich mit Intuition bezeichnen:Ist das ein ganz tiefes Bedürfnis oder eher eine Mode­ das richtige Näschen für den Kunden und dessen Bedürf-erscheinung? nisse zu haben. Ich muss natürlich auch bereit sein, mich hier mit meinem ganzen Engagement einzubringen.Ich hoffe nicht, dass es eine Modeerscheinung ist. Es istvielleicht modisch, das Thema aufs Tapet zu bringen. Herr Bilgri, vielen Dank für das Gespräch.Anselm BilgriAnselm Bilgri, 1953 geboren, trat 1975 ins Benediktinerkloster Andechs ein und studierte in Passau, München und RomPhilosophie und Theologie. 1980 erfolgte die Weihe zum Priester durch Kardinal Joseph Ratzinger. 18 Jahre lang leitete erdie erfolgreichen Wirtschaftsbetriebe als Cellerar der Abtei St. Bonifaz in München und Andechs und gründete 1992 dasFestival „Orff in Andechs“. 1994 übernahm er zusätzlich die Aufgaben des Priors und Wallfahrtsdirektors auf Bayerns HeiligemBerg. Nach seinem Ausscheiden aus dem Kloster und dem Benediktinerorden war er von 2004 bis 2008 Gesellschafterdes von ihm mitbegründeten Beratungsunternehmens „Anselm Bilgri – Zentrum für Unternehmenskultur“ in München.Seitdem gibt Anselm Bilgri als Vortragsredner, Dozent und Coach Impulse zur werteorientierten Unternehmenskultur.In seinen zahlreichen Veröffentlichungen schlägt er die Brücke von Philosophie und Religion zu Wirtschaft und Gesellschaft. HaysWorld 01/2012 | 29
  • 30. HAYSWORLDONLINEENILNOENILNOSie würden die HaysWorld unterwegs gerne auch mal nen sowie die Möglichkeit, einzelne Artikel zu kommen-online lesen? Oder fanden einen Artikel besonders inter- tieren oder mit anderen zu teilen. Über www.haysworld.deessant und würden ihn gerne weiterempfehlen? Oder Sie können Sie außerdem kostenlos die Printausgabe unseresmöchten noch mehr zum Thema erfahren? Dann gehen Magazins abonnieren, einzelne Ausgaben nachbestellenSie auf www.haysworld.de. Denn ab sofort gibt es die und am Gewinnspiel teilnehmen. Oder uns einfach mal IhreHaysWorld nicht nur als Printausgabe, sondern auch als Meinung sagen – zum Beispiel, ob Ihnen das neue Online-komfortables Onlinemagazin mit intuitiver Nutzerführung. format gefällt. Wir freuen uns auf einen regen AustauschAuf www.haysworld.de finden Sie ungekürzte Texte, und wünschen weiterhin eine anregende Lektüre.multimedial aufbereitet und teilweise um Bildergalerienund Videos ergänzt. Sie erhalten Hintergrundinformatio- Ihre HaysWorld-Redaktion gEWINNSPIEL Egal, ob Sie es zum Spielen nutzen oder um die HaysWorld online zu lesen: Mit ein bisschen Glück sind Sie bald HAYS VERLOST ultraschnell mit dem neuen iPad unter- wegs. Beantworten Sie einfach die unten stehenden Fragen. Die richtigen EIN NEuES IPAD Antworten finden Sie spielerisch in den Artikeln dieser Ausgabe der HaysWorld. Die jeweils angegebenen buchstaben der Antworten ergeben das Lösungs­ wort, das Sie bis 15. Mai 2012 online unter www.haysworld.de eingeben können. Der Gewinner wird schriftlich benachrichtigt. Der Rechtsweg ist aus- geschlossen. Viel Glück! Welchen begriff hat Johan Huizinga Ende der 30er­Jahre geprägt? (6. buchstabe des 2. Wortes) Wie heißt das aus cooperation und competition zusammengesetzte Kunstwort? (4. buchstabe) Welcher neue zweig der Spielforschung hat sich seit Ende der 90er­Jahre entwickelt? (8. und 9. buchstabe) Wer hat die bekannte App wetter.com erfunden? (3. und 6. buchstabe des Vornamens) Welcher griechische gott soll das Würfelspiel erfunden haben? (1. und 2. buchstabe) Wessen Leben wurde in dem Hollywoodstreifen „A beautiful Mind – genie und Wahnsinn“ verfilmt? (2. buchstabe des 1. und 3. buchstabe des 2. Vornamens) Was beschleunigt die Veränderungen an den Synapsen im gehirn? (5. und 6. buchstabe)30 | HaysWorld 01/2012
  • 31. w news und termine Job nach Maß Ideen von heute für den Arbeitsplatz von morgen suchte Wissensarbeiter im Fokus die Deutsche Seniorenliga e.V., als sie im Oktober 2011 den Wettbewerb „Job nach Maß“ auslobte. Ziel dieses Wettbe- Wissensarbeiter sind zu einem entscheidenden Faktor werbs war es, über eine offene Plattform im Internet Ideen für den Erfolg von Unternehmen geworden. Ihr Know- zu finden, die Menschen ein längeres Arbeitsleben über eine how in und für Organisationen zu nutzen sowie zu ver- hohe Beschäftigungsfähigkeit ermöglichen. Die Resonanz netzen, ist jedoch alles andere als ein triviales Unterfan- auf diese von der Bundesministerin für Arbeit und Soziales, gen. Wie das Spannungsfeld zwischen Wissensarbeitern Dr. Ursula von der Leyen, unterstützten Initiative war groß. und Organisationen besser ausbalanciert werden kann, „Die eingereichten Konzepte zeigen, dass flexible Arbeitszeit- ist Gegenstand des auf zwei Jahre angelegten Studien- modelle und ergonomische Arbeitsplätze keine ausreichende projekts von PAC und Hays. Regelmäßige Ergebnisse Antwort auf den demografischen Wandel und die damit zu diesem Projekt finden Sie unter: verbundenen Konsequenzen für die Arbeitswelt bieten“, www.wissensarbeiter-studie.de sagt Frank Schabel, Leiter Marketing/Corporate Communi- cations der Hays AG und Mitglied der Expertenjury, die die Vorschläge auswertete. Es gehe vielmehr darum, die Berufs- erfahrung und Kompetenz älterer Beschäftigter wertzu- schätzen und sinnvoll zu nutzen. Die Jury prämierte die Idee einer zweiten Berufsausbildung für das Alter, ein Konzept zum intergenerativen Lernen sowie die Einrichtung eines Seniorenrats mit dem Namen „Die Weisen“. Hays AG erweitert Vorstand Lernen Sie Hays bei folgenden Veranstaltungen persönlich kennen 18. – 22. Juni 2012 ACHEMA 2012 Weltforum der Prozessindustrie und richtungsweisender Technologiegipfel für chemische Technik, Umweltschutz und Biotechnologie Messe; Frankfurt am Main Halle 9.2, Stand D19 Mit Wirkung zum 1. Januar 2012 wurde Christoph Niewerth 11. – 16. September 2012 neues Vorstandsmitglied der Hays AG. Durch die Erweite- ILA Berlin Air Show 2012 rung des Vorstands stellt der Personaldienstleister die Wei- Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung chen weiter auf Wachstum. In den letzten Jahren ist Hays in ExpoCenter Airport; Berlin Deutschland stark gewachsen und hat sein Serviceportfolio systematisch erweitert. Künftig besteht der Vorstand der Hays AG aus vier Mitgliedern. Neben Niewerth sind dies der 18. – 21. September 2012 Vorstandsvorsitzende Klaus Breitschopf, Tom Schoenrock InnoTrans und Dirk Hahn. Internationale Fachmesse für Verkehrstechnik Messe; Berlin Niewerth ist seit Abschluss seines Studiums zum Wirt- schaftsingenieur im Jahr 1999 bei Hays angestellt. Seither 25. – 27. September 2012 hat er verschiedene Führungsaufgaben übernommen. Zukunft Personal Zuletzt war er Director für den größten Geschäftsbereich Europas größte Fachmesse von Hays, die Vermittlung von Freiberuflern in den Bereichen für Personalmanagement IT, Engineering und Finance. Als Vorstandsmitglied verant- Messe; Köln wortet Niewerth weiterhin diesen Bereich. HaysWorld 01/2012 | 31
  • 32. Hays Hays (Schweiz) AG Hays Österreich GmbHWilly-Brandt-Platz 1–3 Nüschelerstrasse 32 Personnel Services68161 Mannheim 8001 Zürich Europaplatz 3/5T: +49 621 1788 0 T: +41 44 2255 000 1150 WienF: +49 621 1788 1299 F: +41 44 2255 299 T: +43 1 535 34 43 0info@hays.de info@hays.ch F: +43 1 535 34 43 299www.hays.de www.hays.ch info@hays.at www.hays.atUnsere Niederlassungen Unsere Niederlassungenfinden Sie unter finden Sie unterwww.hays.de/standorte www.hays.ch/standorte© Copyright Hays plc, 2012. HAYS, die H-Symbole für das Unternehmen und die jeweilige Branche,Recruiting Experts Worldwide, das Logo Hays Recruiting Experts Worldwide und Powering theWorld of Work sind eingetragene Markenzeichen der Hays plc. Die H-Symbole für das Unternehmenund die jeweilige Branche sind Originaldesigns, die in vielen Ländern geschützt sind. Alle Rechtevorbehalten. Dieses Werk darf ohne die schriftliche Genehmigung des Eigentümers weder ganz nochin Teilen wiedergegeben oder übertragen werden, weder durch Fotokopie noch durch Speicherungauf elektronischen oder anderen Medien. Unzulässige Handlungen hinsichtlich des Werkes könnenzu zivil- und/oder strafrechtlicher Verfolgung führen.