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  • 1. LEGISLATIVES THEATER zur DEMOKRATISIERUNG DER POLITIK DURCH THEATER“ [Theater der Unterdrückten] - [Augusto Boal] - [Das Legislative Theater in Rio] - [Legislatives Theater in Deutschland?] - [Das CTO Rio:] - [Wie geht's weiter?] - [Grundlagen des Theater der Unterdrückten] - [Literatur] Einführung http://fritz-letsch.de Fritz Letsch: meine Erfahrungen mit den Versuchen hierzulande
  • 2. Center for Theatre of the Oppressed Rio de Janeiro
    • Die Arbeitsgruppe in Rio mit Boal ->
    • Hier folgt meine Übertragung eines englischen Textes des CTO Rio, mit dem Augusto Boal das "Teatro Legislativo" entwickelt hatte,
    • Zuerst lagen diese Erfahrungen nur in portugiesisch vor, die englische Ausgabe ist 1998 bei Routledge / London mit einem Kapitel: Symbolism in Munich erschienen.
  • 3. Theater der Unterdrückten
    • Das Theater der Unterdrückten, entwickelt durch Augusto Boal, ist eine Sammlung von Übungen, Spielen und Theatertechniken, die eine neue, aktive Dimension des Theaters für alle Beteiligten eröffnen.
    • Es ist weltweit in mehr als 70 Ländern verbreitet.
  • 4. Spiele, Übungen und Theatertechniken 1
    • sind in die folgenden Kategorien eingeteilt:
    • 1. Gruppe: "fühlen, was wir berühren“
    • zur Erforschung der Fähigkeiten in Bewegung, Balance und Berührung
    • 2. Gruppe: "Horchen, was wir hören" z ur Verbesserung der Wahrnehmung von Klang und Rhythmus
    • Julian Boal in Linz 2004
  • 5. Spiele, Übungen und Theatertechniken 2
    • 3. Gruppe: "Dynamisierung verschiedener Sinne" zur Anregung und Entwicklung der Sinne ohne die Hilfe der Augen
    4. Gruppe: "wahrnehmen, was wir sehen" zur Kommunikation durch Bilder in nicht-verbaler Sprache
  • 6. Die Sprache des Körpers ist international
    • Hier entsteht ein wichtiger Übergang zur interkulturellen Kommunikation: Uns in der gemeinsamen Deutung der Gesten wiederfinden:
    • Nachfragen, statt selber deuten!
  • 7. Bilder-Theater
    • Techniken, die Fragen, Probleme und Gefühle in konkrete Bilder übertragen.
    • Das Lesen der Sprache des Körpers bringt ein Verständnis der Fakten und Situationen, die von den Teilnehmenden präsentiert werden.
    • Bilder-Arbeit schult auch den Blick für die nächste gewünschte und mögliche Veränderung.
    • Statuen können zu Galerien werden, Bilder werden gemeinsam „gelesen“: Kodierung und Dekodierung führt zu gemeinsamer Bildsprache
  • 8. Zeitungs-Theater
    • ein weiterer Satz von Theatertechniken, die Nachrichten einer Zeitung in verschiedene Formen theatralischer Präsentation zu bringen.
    • Wer schreibt dort was, in welchem Zusammenhang, was steht dort nicht, wer bezahlt für die Veröffentlichung?
    • Wie werden wir informiert, mobilisiert, manipuliert?
    • Wo liegen die Auswege und Alternativen? Wie könnte ihr Stil interaktiv verbessert werden?
    • Wann macht uns Information müde und resigniert, wann motiviert sie uns? Wann lesen wir?
  • 9. Unsichtbares Theater
    • Die Inszenierung einer alltäglichen Szene zur Präsentation an einem Platz, wo sie wirklich stattfinden könnte.
    • Sie wird in einer Weise verwirklicht, daß die ZuschauerInnen wirklich an dem Ereignis teilnehmen und so spontan auf die Diskussion in der Vorstellung reagieren, als wäre es ein normales Ereignis.
    • Sie wird für das Publikum nicht aufgelöst, die Vorbereitung braucht ein klares gemeinsames Ziel
  • 10. Forum-Theater
    • In Forum-Theater-Stücken ist die Zentralfigur eine unterdrückte Person, die ihre Wünsche nicht verwirklichen kann, weil sie durch eine Figur der Unterdrückung daran gehindert wird.
    • Im ersten Durchlauf soll das Publikum nur zusehen,
    • dann beginnt die Szene von vorne und der Joker / die Spielleiterin regt die ZuschauerInnen an, in die Szene zu gehen und die Zentralfigur zu ersetzen, um einen anderen Ausgang der Situation zu probieren und so viele mögliche Alternativen zu erproben.
  • 11. Der Regenbogen der Wünsche
    • holt einzelne „Farben der Emotionen“ auf die Bühne
    • Die "Boal-Methoden für Theater und Therapie" sind eine Sammlung therapeutischer und theatraler / dramaturgischer Techniken zur Untersuchung zwischenmenschlicher und persönlicher Themen und Anliegen.
    • Die ausführliche Arbeit damit braucht Zeit und Rahmen einer vertrauensvollen Gruppe.
    • Der Regenbogen macht die verschiedenen Anteile unserer Motive sichtbar und unser Handeln verstehbar.
  • 12. Legislatives Theater
    • setzt den Aufbau von örtlichen Theatergruppen voraus, die in Forum-Theater-Stücken von ihrem Thema berichten und für ein vorbereitetes Publikum spielen.
    • Die Änderungsversuche des Publikums werden in Berichten festgehalten, die dann mit ExpertInnen auf Möglichkeiten für politische, gesetzgebende oder rechtliche Aktionen untersucht werden.
    • Ein gemeinsamer Klärungsprozess formuliert und diskutiert die Gesetzesvorschläge
    • Das Parlament reagiert in seiner gewohnten Weise auf die Eingaben: Diskussion und Abstimmung.
  • 13. Augusto Boal
    • Boal begann seine Laufbahn als Theaterleiter 1956 und entwickelte seitdem seine innovativen, kreativen und erfinderischen Fähigkeiten in Zusammenarbeit mit vielen Gruppen und Personen.
    • Seine gegenwärtigen Projekte sind aus der gleichen imaginativen und inspirativen Energie geboren, mit der er auch das Teatro de Arena in Sao Paulo leitete.
    • Dort baute er ein Seminar für Dramaturgie und ein Laboratorium der Interpretation auf, die neue Theater-Talente zum Vorschein brachten und die Konzepte des brasilianischen Theaters dieser Zeit transformierten.
  • 14. 1971 wurde Boal für seine Herausforderungen der Militärdiktatur durch sein revolutionäres Theater exiliert.
    • Er arbeitete in Peru in einem Alfabetisierungprojekt, das die Pädagogik der Unterdrückten von Paulo Freire benutzte.
    • In Argentinien schrieb er Bücher, gab Unterricht, produzierte Stücke und setzte die Entwicklung des Theater der Unterdrückten fort.
    • Während der 70er Jahre arbeitete er in den meisten lateinamerikanischen Ländern, aber die Diktaturen, die sich über den Kontinent ausbreiteten, zwangen ihn, sich nach demokratischen Ländern umzusehen.
  • 15. Er ging 1976 nach Europa , zuerst nach Portugal, dann nach Frankreich,
    • wo er 1979 in Paris, unterstützt durch das Kulturministerium, sein erstes CTO, das Zentrum des Theater der Unterdrückten gründete. Er lehrte an der Sorbonne und anderen europäischen Universitäten.
    • Inzwischen wird das Theater der Unterdrückten in vielen Ländern der Welt praktiziert, was seinen Namen weltweit bekannt gemacht hat.
    • 1980 besuchte das Pariser Zentrum des Theater der Unterdrückten Rio de Janeiro, was langfristig zu Boals Rückkehr nach Brasilien führte. 1986 gründete er das CTO Rio und siedelte sich wieder fest in Brasilien an.
  • 16. Von der Volkstheaterfabrik zum Vereador
    • Volkstheaterfabrik: Ein Projekt, das eine Gruppe von dreissig Kultur-Animatoren mit der Aufgabe der Weitergabe der Techniken und der Organisation von Gemeinde-/Community-Theatergruppen ausbildete (1986-1987)
    • Gewerkschaftsworkshops: Das CTO Rio half verschiedenen Gewerkschaften (öffentliche Erziehung / Metallarbeiter / Banken / Versicherungen) beim Aufbau von Theatergruppen und bei der Vorbereitung öffentlicher Aktionen.
    • Aufbau von Volkstheaterzentren in Zusammenarbeit mit progressiven Stadtparlamenten in verschiedenen Städten einschließlich Ipatinga, Betim, Belo Horizonte (MG), Sao Bernado de Campo e Campias (SP). Gruppen vor Ort wurden zur Förderung und Diskussion lokaler Themen organisiert.
  • 17. Es begann ganz einfach ...
    • mit dem Angebot der Gruppe um Augusto Boal an die Arbeiterpartei PT in Rio de Janeiro, 1991 ihren Wahlkampf zu gestalten, wenn diese im Gegenzug später für Räume und Finanzierung der Grundlagen der Theaterarbeit eintreten würde.
    • Der Zustimmung folgte die Bitte, auch einen Kandidaten für die Wahl zum Parlament zu benennen,
    • die zuerst nicht so realistisch wirkte, da Wahlkampf in Rio auch etwas dem Karneval verwandt ist und 1200 Bewerber für 42 Plätze kandidierten.
    Hab den Mut, glücklich zu sein
  • 18. Es braucht Mut, glücklich zu sein
    • Da die Presse auf die neuen politischen Formen positiv reagierte und das Motto motivierend wirkte, zeichnete sich doch bald ab, daß Augusto Chancen für das Amt eines Vereador hat und seine gesamte Theater-Gruppe als Mitarbeitende einstellen kann.
    • Der Stab wird mit einigen Fachfrauen zur Verwaltung, zu Recht und Organisation erweitert,
    • und bald spielen mehr als zwanzig Gruppen in der 7-Millionenstadt nicht nur ihre eigenen Themen und die der aktuellen Rathauspolitik,
    • sondern auch die ihrer Umgebung und des Publikums auf den Strassen und Plätzen der Stadt.
    • Die Reaktionen und Vorschläge werden aufgezeichnet und ausgewertet ...
  • 19. Fiestas und die Verwaltung
    • Nach der Einbeziehung der interessierten Mitspielenden kommt eine Auseinandersetzung in Gang, die zwischen den Gruppen in Fiestas besprochen und vertieft wird und dann fachlich alle Ebenen der Verwaltung ergreifen kann:
    • Nach dem behindertengerechten Umbau der vorher für Blinde gefährlichen Telefonzellen
    • wurde ein Gesetz zum Zeugenschutz auf den Weg gebracht, um überhaupt Verbrechen verfolgen zu können, auf den verschiedensten Ebenen Initiativen zum Umweltschutz entwickelt und Altenmedizin eingerichtet.
    • Die Legislaturperiode endete Dezember 1996, die Gruppe um Augusto arbeitet jetzt, mit dem Forum-Theater in den Stadtvierteln weiter und mit dem Legislativen Theater auch in andern Ländern.
  • 20. Land und Demokratie
    • Arbeit mit den Landlosenprojekten und gegen die Übermacht der Gutsbesitzenden, Bodenreformen
    • Austauschprogramme zwischen Brasilien und Deutschland, organisiert durch Internationale Dritte-Welt- Organisationen seit 1992, weitergeführt mit einem bundesweiten Curinga-Projekt der PFG 2000 u.a.
    • Die UNESCO würdigte 1994 seine Arbeit mit der "Pablo Picasso-Medaille", neben vielen anderen Ehrungen bekamen er und Paulo Freire 1996 bei einer grossen Tagung die Ehrendoktorwürde der Universität Nebraska.
  • 21. Das Legislative Theater entsteht im Parlament
    • Als Theaterleiter verwandelte Augusto Boal die Zuschauer in Schauspielende, als Stadtrat oder Senator verwandelte er die Wähler zu Gesetzgebenden.
    • Seine Art der Amtsführung eröffnete eine neue Bühne des Theater der Unterdrückten: Das Legislative Theater.
    • Die Ziele seines Mandats waren die Demokratisierung der Politik durch Theater und die Entwicklung einer neuen Beziehung zwischen Gesetzgebenden und Bürgern.
    • Die Gestaltung der Politik durch Theater war gleichzeitig Ziel, Thema und Erfüllung des Projekts.
  • 22. Das Team ...
    • Während der vier Jahre seines Mandats ist das Team der "curingas" / Joker / Spielleiterinnen / Trainer in vielen Teilen der Stadt präsent und organisiert Gruppen nach ihrer Stadtteil-Identität oder ihren besonderen Themen.
    • Es entwickelte Stücke über alle drückenden Themen, die dann auf öffentlichen Plätzen, Strassen, in Schulen, Krankenhäusern, Gemeindezentren gespielt werden.
    • Wann immer ein Stück vorgestellt wird, ist das Publikum eingeladen, auf die Bühne zu kommen,die Hauptfigur zu ersetzen, um Lösungen für ihr Problem zu finden.
  • 23. ... notiert die Vorschläge:
    • Die Versuche werden aufgeschrieben und in Berichte verwandelt, die von Boals politisch-legislativem Team ausgewertet werden.
    Nach der Analyse werden die möglichen Lösungen in Projekte zur Erarbeitung eines neuen Gesetzes, in Änderungen existierender Vorschriften, zu Initiativen oder auch zur Anregung politischer Aktionen verwandelt.
  • 24. Dialoge zwischen Gruppen
    • Das Mandat regt Dialoge zwischen den Gruppen an, indem es Treffen organisiert, die gegenseitiges Verständnis erwecken und die "Knoten der Solidarität" festigen.
    • Alle zwei Monate bringen Festivals des Theater der Unterdrückten die aktuellen Szenen: Theater und Gesetze auf die Plätze der Stadt.
  • 25. Chamber in the Street
    • Das Projekt bringt nicht nur die Probleme der Bewohnerkreise ins Rathaus, sondern auch das Geschehen in der "Kammer" in die Aussenwelt. Experten Asyl München Marienplatz 1998
    • Parlaments-Sitzungen werden in gediegener Form als "Der Stadtrat auf den Plätzen" organisiert.
    • Legislative Diskussionen über Projekte, die im Stadtrat / Senat beginnen und auf den öffentlichen Plätzen weitergehen, bekommen dadurch Niveau und Tiefe.
    • Auf diesem Weg kann jeder Vorschlag zur Meinungs-bildung und Entscheidung des Parlaments beitragen.
  • 26. Legislatives Theater in Deutschland?
    • Zuerst ist es noch schwer vorstellbar, weil hierzulande eher alles zu sehr geregelt ist und wir uns sehr daran gewöhnt haben, uns von "Herrschaften" PolitikerInnen regieren zu lassen. Ich sehe eine große Notwendigkeit:
    • Einerseits muß im Rahmen der Deregulierung auch für eine neue Abstimmung unter den Bürgern gesorgt werden, unser Konsens mit Gesetz und Steuern erzeugt werden,
    • andererseits schwindet das Vertrauen in die Parteienpolitik mit deren Unfähigkeit zu direkter Kommunikation und ihrer Vermischung struktureller und privater Eigeninteressen.
  • 27. unser Staat? unser Europa?
    • Im derzeitigen Abbau des Sozialstaates und vor allem des allgemeinen Gemeinsinns durch die reichen und einflußreichen Schichten wird es immer mehr notwendig, daß die Bürger sich selbst organisieren und für neue Sozialstrukturen sorgen, die auch bis in internationales Denken und solidarisches Handeln reichen.
  • 28. Eine Welt in der Münchner Agenda 21
    • Das Fachforum entwickelt in Kontakten und Zusammenarbeit dafür Projekte, die vom solidarischen Lebensstil bis zur CO 2 -Reduzierung für Zukunft sorgen:
    • Dunkle Geschäfte wie Minenproduktion und Waffenhandel, Müllexporte und Altkleider-Vermarktung, geben sich in unserer Stadt zwar oft ehrbares Ansehen, sind aber zentral an den Armuts- und Fluchtgründen beteiligt, die MigrantInnen nur noch auf eine Zukunft in unserem Land hoffen lassen.
    • Die Kampagne gegen ausbeuterische Kinderarbeit, wie z.B. „unfaire Arbeitsbedingungen“ in der Herstellung von Fußbällen, Spielzeug, Sportkleidung, und nun auch gegen den Import von Grabsteinen aus billiger Kinderarbeit in Indien
    • Fairhandel und Bildungsarbeit gegen dunkle Geschäfte
  • 29. Internationale Festivals des Theater der Unterdrückten
    • 7. Internationales Festival des Theater der Unterdrückten in Rio
    • 8. Internationales Festival des Theater der Unterdrückten "The Ripple Effect" Mai / Juni 1997 in Toronto / Canada
    • 1997 Europäische Konferenz zum Legislativen Theater
    • 1999 Europa-Treffen Rotterdam + Boal in Wien
    • 2000 Curingas quer durch Deutschland
    • 2004 Augusto und Julian Boal in Wien und Linz
    • 2005 Projekt in Köln
    • www.theatreoftheoppressed.org (Link auch auf fritz-letsch.de)
  • 30. Legislatives Theater
    • Arbeitsweisen
    • Das Projekt in München 1997 in Boals Rückblick: SYMBOLISM IN MUNICH
  • 31. Dabei wird immer nach dem gleichen Muster gearbeitet: Für FORUM -THEATER
    • bereiten wir mit den Teilnehmenden eine kurze Spielszene vor, in der ein "Held" exemplarisch scheitert: Dem Publikum bleibt vorbehalten, Lösungen für das Problem durch Übernahme der Hauptrolle zu finden. Auf dieser brechtischen Grundlage, nach der Theater immer der Veränderung dient, werden die Versuche und Vorschläge des Publikums protokolliert und ins Rathaus zur Auswertung und Aufbereitung gegeben, zu Eingaben verarbeitet und weiter diskutiert.
  • 32. Vom Theater der Unterdrückten zum Legislativen Theater kann den Blick schärfen: Wo haben wir Druck, woher kommt er, wo gebe ich nach? Der Blick für den Körper löst ein Tabu unserer Kultur. Hier in der Pflege
  • 33. Vom Theater der Unterdrückten zum Legislativen Theater
    • Im Oktober 1997 trafen sich gut 30 Theater-KollegInnen aus Brasilien, Finnland, Frankreich, den Niederlanden, Schweden, Österreich und Deutschland an der Fachhochschule München, um die neue Anwendung im Feld der Politik für ihre eigenen Länder zu entwickeln.
    den Blick schärfen: Wo haben wir Druck, woher kommt er, wo gebe ich nach? Der Blick für den Körper löst ein Tabu unserer Kultur. Hier in der Pflege
  • 34. Projekte, die wir dann im Rathaus präsentierten:
    • Gewalt in einer binationalen Ehe bringt die moderne Sklavenhaltung durch unser aktuelles Ausländerrecht zutage
    • Eine verdeckte schwul-lesbische Doppel-Hochzeit sollte die Situation einer Ausländerin und die Liebe von zwei Paaren schützen und legalisieren
    • Der Stadion-Neubau auf den begrenzten Flächen der Bürger macht Geschäfts- Interessen sichtbar - und auch Kultur-Verhältnisse überbezahlter Dirigenten?
    • Kann ein garantiertes Grundeinkommen die Situation belasteter Familien verbessern?
    • Wer hat wieviel Platz zum Leben und wie gestaltet es sich gemeinsam?
    • Unsere unbewältigte Vergangenheit rülpst ausgerechnet zur Reichs-PogromNacht wieder in der "Hauptstadt der Bewegung"? (nicht vorgestellt)
  • 35. Nach öffentlicher Probe und Begrüssung
    • durch Bürgermeister Hep Monatzeder konnten die Gäste mit Unterstützung Augusto Boals Szenen ihrer Wahl in ihrem Sinne verändern.
    • Die abschliessend der Stadträtin Jutta Koller überreichten "Gesetzesvorschläge" sind nun natürlich noch nicht genügend mit der Bevölkerung diskutiert,
    • sollen aber als Signal dienen, diese neue Möglichkeit der BürgerInnenbeteiligung selbst zu erproben und Initiativen behilflich zu sein, entsprechende dialogische Elemente einzusetzen.
  • 36. SYMBOLISM IN MUNICH Augusto BOAL Übersetzung: Fritz Letsch
    • Der Artikel ist in etwa der Abschluß des Buches "Legislative Theater" im Routledge Verlag London / New York 1999 die englische Übersetzung und Erweiterung der "Beta-Version" "Teatro Legislativo", CIVILIZACAO BRASILEIRA; Rio de Janeiro 1996
    • Die Paulo-Freire-Gesellschaft, nach dem großen brasilianischen Pädagogen benannt, lud mich ein, einige Beispiele des Legislativen Theaters in der Stadt München vorzustellen.
    • Ich erklärte, daß es in Rio ganze vier Jahre gebraucht hatte, 13 neue Gesetze zu entwickeln, und daß wir in nur vier Tagen höchstens eine blasse und symbolische Vorstellung davon bringen können, was diese Theaterform in der Zukunft in der Stadt München oder an anderen Orten bedeuten könnte.
  • 37.
    • Wir begannen unsere Arbeit und bereiteten in vier Tagen fünf kleine Szenen zu Unterdrückungs-Situationen vor, die für die 35 Workshop-TeilnehmerInnen aufschlußreich waren und sie, zumindest indirekt, selbst angingen.
    • Wenn der Hochzeiter seine Frau ausgesucht hat, wird sie von der Agentur importiert, die ihr die Hochzeit und ein wunderbares, prinzessinenhaftes europäisches Leben verspricht. Natürlich sind diese jungen Frauen sehr arm und voller Hoffnung, auch sehr naiv.
  • 38.
    • Wenn sie das Land erreichen ist das Versprechen der Agentur erfüllt: Sie heiraten. Einmal verheiratet, benimmt sich der Ehemann - in den meisten Fällen, nicht immer! - als hätte er eine Sklavin gekauft, und behandelt sie entsprechend in der Küche und auch im Bett.
    • Meistens sprechen diese Frauen kein Wort Deutsch und haben Schwierigkeiten, diese Sprache zu lernen. Sie haben keine FreundInnen und manchmal ist es ihnen verboten, ohne ihren Mann auszugehen. Diese Ehemänner haben strikte Kontrolle über sie.
    • Meister und Sklavin.
  • 39.
    • Wenn sich die Frau entscheidet, ihren Mann zu verlassen - es ist nicht leicht, aber möglich - ist das einzige Problem, daß sie automatisch ihre deutsche Staatsbürgerschaft verliert und von der Polizei in ihr Land zurückgeschickt wird. Sie wird bestraft: nicht er!
    • Während des Forum-Theaters, das wir innerhalb der Gruppe dazu machten, bildeten die Teilnehmenden ihre Meinung: Wenn ein Vergehen vorliegt - durch eine Heirat mit dem Vorteil, die deutsche Nationalität für die Frau und eine Sklavin für den Mann - sind beide für das Vergehen verantwortlich, nicht alleine die Frau.
  • 40.
    • Der Vorschlag für ein Gesetzesprojekt wurde klar: Die Frau sollte mit dem Verlust ihrer Nationalität bestraft werden, aber nicht mit der Ausweisung aus Deutschland: Viele dieser Frauen haben nicht nur wirtschaftliche Probleme, nach Hause zu kommen, sondern auch politische - in einigen Fällen kann die Ausweisung ihr Leben gefährden.
    • Der Ehemann, angenommen, daß er ebenso verantwortlich war, die Heirat zu "fälschen / erschleichen ..." sollte mit einer kurzen Gefängniszeit bestraft werden, um ihn von weiteren Heiraten mit ausländischen Frauen zur Ausnützung ihrer Notlage abzuschrecken.
  • 41.
    • Andere kurze Szenen wurden zu Sozialer Sicherheit / Mindesteinkommen, schwul-lesbischer Ehe, der Nutzung öffentlichen Raumes für private Aktivitäten etc. entwickelt.
    • Für den fünften Tag hatte Fritz Letsch von der Paulo-Freire-Gesellschaft die Gelegenheit vorbereitet, die Forum-Theater-Szenen im Sitzungssaal des Rathauses zu zeigen und lud dazu viele PolitikerInnen, einschließlich den Bürgermeistern, ein.
  • 42. Der OB konnte nicht kommen, er hatte an diesem Tag 50. Geburtstag.
    • Einige Leute kamen um 11 Uhr morgens ins Rathaus, als wir für die Präsentation um 13.30 Uhr probten.
    • Darunter war eine alte Dame mit ganz weissen Haaren und Stock. Sie war bei der öffentlichen Vorstellung der Methoden am ersten Workshop-Tag, an dem ich die Funktion des Legislativen Theater erklärte.
    • Ich erinnere mich daran, weil während des Gesprächs nach meinen Ausführungen eine andere Frau sagte, daß dieser Prozeß wohl in Brasilien gut funktionierte, weil wir in Brasilien Brasilianer sind (womit sie wohl meinte, daß wir tanzen und singen, was nicht unbedingt auf alle von uns zutrifft ...) und daß wir extrovertierte Leute sind. Aber - so meinte sie - das geht nicht in einem Land wie Deutschland, wo die Leute mehr introvertiert, weniger nach außen gehend sind. Sie dachte dabei nicht an's Oktoberfest!
  • 43.
    • Ich antwortete, daß ich regelmäßig die gleiche Vorhersage hörte, als ich das Theater der Unterdrückten in Europa vorstellte - und doch: Heute wird das Theater der Unterdrückten in fast allen europäischen Ländern angewandt, und auch immer mehr. Natürlich müssen die Leute in jedem Land die Methoden auf ihre eigene Kultur, Sprache, Wünsche und Notwendigkeiten übertragen. TO ist keine Bibel, kein Rezeptbuch, es ist eine Methode zum Gebrauch durch die Menschen, und diese sind wichtiger als die Methoden.
    • Das gleiche kann mit dem Legislativen Theater geschehen: In jedem Land muß es seine eigene Anwendung auf die realen Situationen finden. Aber die Frau blieb in jener Nacht bei ihrer Meinung und die alte Dame mit den weissen Haaren und ihrem schönen Stock an ihrer Seite sagte nichts.
  • 44.
    • Als wir die Vorstellung im Rathaus begannen, erklärte ich, daß wir nur einen symbolischen Anlaß haben, wir hatten nicht den ganzen Vorgang des Legislativen Theaters durchlaufen, wir hatten nicht viele Vorstellungen vor verschiedenen Arten von Publikum, wir hatten keine "Sitzung auf den Strassen" über die Probleme, die in den Szenen gezeigt wurden, wir hatten keine "interaktive Mailing-List", um Menschen zu befragen, die hilfreich sein könnten, ein Gesetz vorzubereiten und deren Fachwissen uns "erleuchten" könnte.
    • Dagegen schrieben wir die Gesetzesprojekte selbst, was wirklich nicht der richtige Weg wäre. So konnte unsere Präsentation im Rathaus nur symbolischen Wert haben. - (Und natürlich den Lerneffekt des Workshops, das Hauptziel der Europäischen Fachtagung Theaterpädagogik)
  • 45.
    • Nach meiner Einleitung spielten wir die Szenen, das Publikum entschied sich für drei von ihnen, einschließlich der Sklavinnen-Szene, und wir arbeiteten mit Forum-Methoden daran. Viele Teilnehmende griffen ein, sogar die Mitarbeiterin des Bürgermeisters. Die meisten Veränderungen in der Sklaven-Szene waren unseren eigenen ähnlich.
    • Zum Abschluß der Veranstaltung überreichten wir unsere Gesetzesprojekte - jemand hatte wunderbare Buchstaben auf feines Papier geschrieben, um die Stadträte zu beeindrucken. Jutta Koller von den Grünen / Bündnis 90 / Rosa Liste war sehr freundlich zu uns und meinte, daß sie den symbolischen Charakter des Anlasses verstünde, aber trotzdem würde sie die Gesetzesvorschläge den grünen Stadträten zur Berücksichtigung vorschlagen.
  • 46.
    • Wir waren sehr glücklich. Auf ihrem Weg zum Ausgang kam die alte Dame mit dem Stock und den weissen Haaren zu mir: Sie war eine der Ersten, die kamen, und eine der Letzten, zu Gehen.
    • Sie rief mich und meinte: Es ist sehr unterhaltsam, was sie gemacht haben. Ich stimme Ihnen zu und ich weiß, daß es nur eine symbolische Aktion ist. Aber es war sehr wichtig für mich: Sie haben gezeigt, daß es möglich ist.
    • Und ich hätte mir nie träumen lassen, daß Leute, gewöhnliche Menschen, Leute wie wir, zusammen kommen könnten, Theater über ihre Probleme zu machen, sie auf der Bühne diskutieren, und sich dann hinsetzen, ein neues Gesetz zu schreiben ... Ich stimme mit Ihnen überein: Wir müssen unsere Wünsche Gesetz werden lassen!
    • Ich muß sagen, daß ich glücklich war.
  • 47. Von den Grundlagen des Theater der Unterdrückten ...
    • sind hierzulande nur die ersten Methoden bekannt, wie sie auch im suhrkamp-Büchlein beschrieben sind:
    • !Das STATUEN-THEATER
  • 48. FORUM-THEATER
    • holt die Antwort für eine Problematik aus dem Publikum: Es kann eine Szene, die von einer Gruppe mit schlechtem Ausgang vorgestellt wird, anders zu Ende zu spielen, indem jemand in die Rolle der Unterdrückten einsteigt. CTO-Mitarbeiter bei Bert Brecht in Berlin 2000
  • 49. Das UNSICHTBARE THEATER
    • stammt aus der Zeit der Zensur: Was ist bei uns so verboten und tabu, daß wir es mit einer öffentlichen Szene erproben sollten, von der niemand erfährt, daß es Theater war? In der Aktionsforschung findet es heute adäquate Anwendung.
    • ... bis zu psychologischen Methoden ...
    • Die Arbeit am Tabu: fünf Finger
    • Faustregel als Orientierung:
      • Sexualität
      • Geld
      • Philosophie
      • Beziehungen
      • Anders sein
  • 50. Der POLIZIST IM KOPF und der REGENBOGEN DER WÜNSCHE
    • sind hilfreiche Techniken, unsere Gedanken zu ordnen und den Blick auf die Wirklichkeit mit den Augen der Anderen zu üben.
    • ... und zur politischen Umsetzung reicht die Palette der Anwendungen auch hierzulande: Vor allem in der politischen Bildung, aber auch in der Aus- und Fortbildung bei SozialpädagogInnen sind die Methoden an vielen Hochschulen bereits Standard, wogegen die direkte Anwendung in politischen Aktionsgruppen mangels konzentrierter längerer Entwicklungsarbeit zurückgegangen ist.
  • 51. Wie geht's weiter?
    • In diesen 25 Jahren, in denen sich das Theater der Unterdrückten in der Welt verbreitete, wurde es in allen seinen Dimensionen genutzt: Pädagogisch, Sozial und Therapeutisch. Aber ohne jeden Zweifel wurde 1993 -96 in Brasilien am klarsten seine politischer Kontext mit dem Legislativen Theater entwickelt.
    • Neue Bedeutung könnte den bewußtseinsbildenden Faktoren zukommen, wenn Grundlagen für längerfristig arbeitende Theatergruppen auch auf beruflicher Ebene geschaffen werden könnten, die Auftragsarbeiten wie Aids-, Gewalt- und Suchtprävention, Konfliktbearbeitung und Bürgerbeteiligung professionell übernehmen.
    • Bislang sind die innovationsbereiten Einrichtungen meist nicht mit den Finanzen gesegnet ... und umgekehrt.
  • 52. Literatur: reichhaltige Materialien auf http://fritz-letsch.de
    • Augusto Boal: Games for Actors and Non-Actors, Legislative Theater ...
    • Daniel Feldhendler: Psychodrama und Theater der Unterdrückten, erweitert, ffm 92 und: Das Leben in Szene setzen! Ansätze für eine fremdsprachliche Dramaturgie, in: Die Neueren Sprachen, Bd. 90 Heft 2,April 1991 Diesterweg ffm und: Einsatz von Dramaturgischen und Psychodramatischen Lehr- und Lernformen in der Fremdsprachenausbildung, in: Praktische Handreichungen für den Fremdsprachenlehrer, Hg: Jung, Udo O.H.
    • Videofilm: "Theater, wie im richtigen Leben!" interkulturelles schul - theaterprojekt "miteinander reden lernen", Verleih und Bezug über das Inkomm, INKOMM Projektzentrum interkulturelle Kommunikation, Rupprechtstr. 25-27, 80636 München,tel. 089-121643-06,fax 089-121643-07 Euro20.- für Einrichtungen (mit Aufführungsrecht) und Euro12,50- für Privat.
    • Fritz Letsch, Theater macht Politik, Die Methoden des Teotro Oprimido in der Jugendbildungsarbeit, Werkstattbuch in der Reihe "Gautinger Protokolle", www.institutgauting.de erhältlich im Institut für Jugendarbeit des Bayrischen Jugendrings, Germeringerstr. 30, 82131 Gauting für ca. Euro 8.- + Porto & Verpackung
    • Helmut Wiegand (Hg): Theater im Dialog: heiter, aufmüpfig und demokratisch: Deutsche und europäische Anwendungen des Theaters der Unterdrückten. Mit einem Beitrag von Augusto Boal. als Buch bei mir oder im ibidem-Verlag zu haben: http://www.theaterderunterdrueckten.de