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Fragen an die Experten des Hearings in der Studiengruppe zu SOC/472 (1,4-11)

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Presentation by Prof. Dr. Jürgen Armbruster (Evangelische Gesellschaft Stuttgart/Deutschland) on the occasion of the EESC SOC hearing on the European Year of Mental Health – Better Work, Better Quality of Life in Brussels on 30 October 2012

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Transcript of "Fragen an die Experten des Hearings in der Studiengruppe zu SOC/472 (1,4-11)"

  1. 1.   Prof. Dr. Jürgen Armbruster (Evangelische Gesellschaft Stuttgart/Deutsch- land) 1 Public hearing on the EUROPEAN YEAR OF MENTAL HEALTH – BETTER WORK, BET- TER QUALITIY OF LIFE Tuesday, 30 October 2012 Fragen an die Experten des Hearings in der Studiengruppe zu SOC/472 (1,4-11)1  1. Inwiefern besteht ein Zusammenhang zwischen Entwicklungen der modernen Zeit und ihrer Ausstrahlung auf den einzelnen und der Häufigkeit von psychischen Er- krankungen in Europa? Welche Unterschiede bestehen in Bezug auf die Häufigkeit, wenn man Erkrankungen verschiedener Formenkreise, wie z.B. Depression, Angst- zustände, bipolare oder schizoide Erkrankungen, etc. betrachtet? Welche Unter- schiede bestehen zwischen den Mitgliedstaaten oder Gruppen von Mitgliedstaaten? Antwort: Zur Datenlage aus: „Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgungsstrukturen in Deutschland – Bestandsaufnahme und Perspektiven Bericht der AG Psychiatrie der AOLG“ - Bericht für die Gesundheitsministerkonferenz der Länder 2012 15.03.2012, S.4f 2 „Die Relevanz psychischer Erkrankungen in Deutschland: Statistisch gesehen erkrankt in Deutschland jeder dritte Erwachsene im Laufe des Lebens an einer psy- chischen Störung (Männer: 24%, Frauen: 37%). Psychische Störungen und Erkran- kungen sind somit häufig und sie verlaufen oft chronisch mit der Folge, dass sie sich auf alle Lebensbereiche auswirken. Diesen Erkenntnissen und der hohen Bedeutung psychischer Erkrankungen für die Gesellschaft hat das gesundheitliche und soziale Hilfesystem zu entsprechen. Die am weitesten verbreiteten Störungen bzw. Erkrankungen in Deutschland und Eu- ropa sind Angststörungen, Depressionen und Suchterkrankungen. Nach Schätzun- gen der Europäischen Union leiden 9% der erwachsenen Europäer und 17% der er- wachsenen Europäerinnen in den westlichen und südlichen EU-Staaten an Depressi- onen. Es wird damit gerechnet, dass bis zum Jahr 2020 Depressionen in den Indust- riestaaten die zweithäufigsten Erkrankungen sein werden. Die epidemiologischen Daten verweisen auf die volkswirtschaftliche Dimension psy- chischer Erkrankungen. Nach Angaben der EU belaufen sich beispielsweise die auf- grund psychischer Erkrankungen verursachten gesellschaftlichen Kosten auf ca. 3 bis 4 % des Bruttoinlandprodukts (BIP) der europäischen Mitgliedsstaaten. Außerdem zählen psychische Störungen und Erkrankungen in diesen Ländern zu den Hauptur-                                                              1  Unter Mitarbeit von Dr. Kathrin Ratzke (Diakonie Bundesverband/Deutschland)  2  Bericht der AG Psychiatrie der Obersten Landesgesundheitsbehörden an die Gesundheitsministerkonferenz  2012 
  2. 2.   sachen für Frühverrentung und verminderte Erwerbsfähigkeit. In Deutschland sind psychische Erkrankungen innerhalb der Gesamtkrankheitskosten in Höhe von 254,3 Mrd Euro (in 2008) die Krankheitsgruppe mit den dritthöchsten volkswirtschaftlichen Kosten (nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krankheiten des Verdauungssys- tems), wobei die beiden Erkrankungen Demenz und Depression gut die Hälfte dieser Kosten verursachten. Die Steigerungsrate innerhalb von zwei Jahren (2006 zu 2008) war bei Psychischen und Verhaltensstörungen mit 16% die größte unter allen Krank- heitsarten (Statistisches Bundesamt, Krankheitskostenrechnung 2008). Insofern ist es nur folgerichtig, dass psychische Erkrankungen der Bevölkerung allmählich auf al- len Ebenen als gleich bedeutsam wie somatische Erkrankungen erachtet werden und2  seelische Gesundheit inzwischen eine Zielsetzung vielfältiger gesundheitspolitischer Aktivitäten des Bundes, der Länder und Kommunen, von Verbänden und Fachgesell- schaften, Selbsthilfegruppen, Krankenkassen und anderer Akteure im Gesundheits- und Sozialwesen ist. Dabei muss sich das Gesundheitssystem in Deutschland zumindest bei einzelnen Störungsbildern auf deutlich steigende Diagnoseraten einstellen. Dies weisen diverse Krankenkassenreporte und Fachstudien übereinstimmend aus. Eine aktuelle Unter- suchung in den 27 EU-Staaten sowie der Schweiz, Norwegen und Island zeigt De- menz und Depression als einzige psychische Erkrankungen, bei denen sich eine deutliche Zunahme der Prävalenzraten über die vergangenen Jahre verzeichnen ließ. Die Häufigkeit psychotischer Erkrankungen hingegen ist über Jahre hinweg stabil ge- blieben. Die Entwicklungen beim Anstieg einzelner psychiatrischer Störungsbilder müssen zukünftig verstärkt ihre Berücksichtigung in der Ausbildung, in der Präventi- on, Früherkennung und Behandlung finden, aber ebenso im Sinne einer Quer- schnittsaufgabe von den relevanten Politikfeldern wie Bildung, Arbeitsmarktpolitik, Soziales, Städtebau etc. aufgegriffen werden. Dabei fehlen bis heute in weiten Berei- chen belastbare Erkenntnisse zu den Ursachen dieser aktuellen Entwicklungsten- denzen. Die gestiegene und weiter steigende Lebenserwartung gilt als eine maßgeb- liche Erklärung, da im höheren Alter die Multimorbidität somatischer Erkrankungen ansteigt, die mit einem erhöhten Depressionsrisiko einhergeht. Ebenso lösen be- stimmte altersbedingte Erkrankungen wie z.B. Alzheimer und Parkinson oft als Be- gleiterkrankung eine Depression aus. Bei jüngeren Menschen sowie bei Kindern und Jugendlichen, bei denen bzgl. Depressionen ein ansteigendes Ersterkrankungsrisiko sowie ein absinkendes Ersterkrankungsalter festzustellen ist, scheint die Ursache auch in der Unsicherheit der Lebensverhältnisse zu liegen. In der Fachdiskussion werden sowohl gesellschaftliche als auch definitorische Ursachen vermutet.“ Der französische Medizinsoziologe Alain Ehrenberg 3 liefert eine mögliche Begrün- dung für die Zunahme seelischer Erkrankungen und insbesondere der Depression. Er spricht vom erschöpften Selbst: Die meisten Menschen sind in einer von Umbrüchen und individuellen und globalen Risiken bedrohten Zeit vielfältigen beruflichen, gesell- schaftlichen und geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen ausgesetzt, einem be- stimmten gesellschaftlichen Erwartungshorizont unterworfen, um beruflichen Erfolg bemüht. Sie tragen in einer Multioptionsgesellschaft die maximale Verantwortung für ihren Lebensweg. Burn out, Depressionen und Angstsymptome erscheinen als Reak- tionen und Bewältigungsformen im gesellschaftlichen Kampf, in der beruflichen und                                                              3  Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst – Depression und Gesellschaft in der Gegenwart, Frankfurt 2004 
  3. 3.   sozialen Konkurrenz und angesichts des Risikos des Scheiterns. Depressionen kön- nen als Auszeit in Phasen individueller Überforderung wirken. Die genannten Zahlen zum Anstieg psychischer Erkrankungen verweisen allerdings zunächst vor allem auf eine steigende Anzahl von Menschen, die psychiatrische und psychosoziale Hilfe in Anspruch nehmen. Das muss nicht notwendigerweise bedeu- ten, dass auch die Zahl der psychisch erkrankten Menschen zunimmt. Nahe liegend ist, dass die Bereitschaft, in seelischer Not Hilfe anzunehmen, gewachsen ist und psychische Probleme inzwischen auf eine gesteigerte öffentliche Sensibilität treffen. Bemerkenswert ist, dass die Suizidmortalität sich in Westdeutschland seit den 80er Jahren halbiert hat und in Ostdeutschland sich auf ein Drittel reduziert hat. Das lässt3  – mit aller Vorsicht - darauf schließen, dass viele Menschen die einschneidenden ge- sellschaftlichen und lebensbiographischen Veränderungen dieser Jahrzehnte mit Hil- fe eines ausgebauten und ausdifferenzierten Hilfesystems zu bewältigen scheinen. 2. Welche Stressfaktoren bedingen entsprechende Erkrankungen? Inwiefern tragen Ar- beitsbedingungen als Auslöser der Erkrankungen bei? Gibt es gute Beispiele aus Ih- rer Erfahrung, die Betriebe innerhalb der EU anwenden, um seelischen Erkrankungen aufgrund von Arbeitsumständen vorzubeugen?
  4. 4.  4  Grundsätzlich müsste das Thema der psychischen Gesundheit in die systematische Praxis des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz eingehen. Risiken der Gefährdung psychischer Gesundheit müssten regelhaft in den vorgeschriebenen arbeitsplatzbe- zogenen Gefährdungsanalysen miteinbezogen werden und müssten Gegenstand der betrieblichen Gesundheitsförderung im Rahmen der Verhältnisprävention sein.   In der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE im Deut‐ schen Bundestag heißt es: 4  „Entsprechend einer 2008/09 vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) durchgeführten Betriebsrätebefragung wurden in 56 Prozent der mitbestimmten Betriebe (> 19 Beschäftigte) Gefährdungsbeurteilungen ganz oder teilweise durchgeführt. Eine Gefährdungsbeurteilung unter Berücksichti- gung psychischer Belastungen bestätigten allerdings nur 20 Prozent der befragten Betriebsräte…“ „Eine repräsentative Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedi- zin (BAuA) aus dem Jahr 2010 zum Kenntnisstand von Unternehmen auf dem Gebiet des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in kleinen und mittleren Unternehmen ergab, dass Gefährdungsbeurteilungen in kleinen Betrieben deutlich seltener umgesetzt werden als in großen Betrieben. Nur 38 Prozent der befragten Kleinst- und Kleinun- ternehmen (< 50 Beschäftigte) bestätigten die Durchführung einer Gefährdungsbeur-                                                              4  Deutscher Bundestag, Drucksache 17/9478 /30.04.2012, Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage  der Fraktion DIE LINKE‐  Psychische Belastung in der Arbeitswelt  S.13f 
  5. 5.   teilung und nur 6 Prozent die Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung, in der auch psychische Belastungen berücksichtigt wurden“. Die BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragungen 1998/1999 und 2005/2006 zeigen einen Anstieg psychischer Arbeitsanforderungen. Während in der ersten Befragung 46,2 Prozent der abhängig Beschäftigten angaben, dass diese zugenommen haben, lag dieser Prozentsatz in der letzten BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung bei 49,8 Pro- zent. Die Entwicklung der psychischen Arbeitsanforderungen im Detail zeigt die nach- folgende Abbildung 1.“5  Die allgemeinen Arbeitsanforderungen steigen in allen Arbeitsfeldern. Systematische Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsprävention im Bereich der psychischen Gesundheit sind in der Regel kaum vorhanden. Anzustreben wären betriebliche Ge- sundheitszirkel, die sich mit den Themen der psychischen Gesundheit auf der Basis des Konzepts der Salutogenese von Aron Antonovsky beschäftigen. Nach Anto- novsky wird psychische Gesundheit dann gestärkt, wenn Menschen ein subjektives Gefühl der Kohärenz entwickeln können, wenn ihre Lebenssituation und die sich dar- aus ergebenden Anforderungen ihnen als verstehbar, bewältigbar und sinnhaft er- scheinen. Dies erfordert eine grundsätzliche Befassung mit dem Zusammenhang zwischen Unternehmenskultur und den Bedingungen seelischer Gesundheit. Beispielhaft Initiativen: Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen und der Bundesverband der Ange- hörigen psychisch Kranker bieten Seminare für Betriebe, in denen grundlegende In- formationen über psychische Erkrankungen vermittelt werden und deren Auswirkun-
  6. 6.   gen auf die Arbeitssituation. Auf diese Weise können die Betriebe Handlungsanwei- sungen zum Umgang mit Krisen und für die betriebliche Wiedereingliederung erhal- ten. Der BKK Bundesverband hat darüber hinaus zusammen mit 16 Kooperationspart- nern und dem Deutschen Netzwerks für Betriebliche Gesundheitsförderung (DNBGF)  das Projekt psyGA-transfer auf den Weg gebracht. Den beteiligten Firmen werden vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten erschlossen (Internet, Mailings, Newsletter, Mitarbeiterzeitungen, Infostände) sowie Workshops angeboten. Die Gesundheitsför- derung soll dabei zu einem übergreifenden Unternehmensziel und als Aufgabe der Führungskräfte identifiziert werden.6  3. Wie könnte eine „gute Flexibilität“ in der Form der Personenzentriertheit am Arbeits- platz aussehen, die zum einen zur Vorbeugung einer solchen Erkrankung beiträgt (siehe auch 2.), zum anderen auch zur Inklusion von Krankheitserfahrenen? Gibt es die allgemeine Fürsorgepflicht des Arbeitgebers in allen Mitgliedstaaten? --- 4. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen der immer noch vorhandenen Tabui- sierung dieser Thematik in der Öffentlichkeit, der Stigmatisierung und Ungleichbe- handlung der Erkrankten im Vergleich zu körperlich Erkrankten (Beispiel: Aus- schlussklausel der psychischen Erkrankungen bei unterschiedlichen Versicherungen, auch Reise-) und dem Umgang mit dem Erkrankten am Arbeitsplatz? Der Zusammenhang zwischen Vorurteilen in der Öffentlichkeit, der Stigmatisierung und Diskriminierung von psychisch erkrankten Menschen im Alltag und insbesondere am Arbeitsplatz und ihre Ungleichbehandlung ist evident. Zumindest in der Bundes- republik Deutschland fehlen in den meisten Betrieben systematische Konzepte zur Förderung der beruflichen Wiedereingliederung psychisch erkrankter Menschen. Die systematische Thematisierung der Fragen psychischer Gesundheit in den Betrieben verbunden mit arbeitsplatzbezogenen Konzepte der medizinisch-beruflichen Rehabili- tation könnte Betriebe in die Lage versetzen mit diesen Themen viel sensibler und of- fensiver umzugehen. Eine systematische Verknüpfung externer professioneller Hilfen mit betriebsinternen Formen der Gesundheitsförderung muss systematisch entwickelt werden. Dadurch könnten Arbeitsbedingungen, individuelle Leistungsanforderungen und individuelle Behandlungs- und Rehabilitationsverläufe aufeinander abgestimmt werden und in den Betrieben eine Grundhaltung des förderlichen Umgangs mit psy- chischen Erkrankungen geschaffen werden. Im Hinblick auf den Umgang mit Suchterkrankungen gibt es in vielen Betrieben Be- triebsvereinbarungen, seltener auch im Umgang mit anderen Formen psychischer Er- krankungen. Eine nur auf Sachinformationen basierende Öffentlichkeitsarbeit über psychische Er- krankungen verändert an den Vorurteilen in der Öffentlichkeit und in den Betrieben nach den vorliegenden Erfahrungen nichts Entscheidendes. Anzustreben sind viel- mehr offene Formen des Umgangs und der Begegnung mit psychisch erkrankten Menschen, von deren Erfahrungen präventiv auch Menschen profitieren können, die bislang nur in ihrer seelischen Gesundheit bedroht sind.
  7. 7.   5. In welchen Lebensphasen bzw. in welchem Alter treten die Erkrankungen am häu- figsten auf? Gibt es insoweit Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten? „Die Mehrheit der psychischen Störungen manifestiert sich im entscheidendsten Zeit- abschnitt für eine erfolgreiche gesundheitliche Entwicklung und Sozialisation – näm- lich in der Kindheit und Adoleszenz. Die Befunde zeigen deutlich, dass frühe psychi- sche Störungen vielfältige negative Effekte auf viele Bereiche des Lebens haben (z.B. akademische Erfolge, berufliche Karriere, Partnerschaft und Familienleben). Bleibt eine adäquate Behandlung einer psychischen Störung im frühen Verlaufsprozess aus, ist das Risiko für eine lebenslange Leidensgeschichte und Beeinträchtigung stark erhöht...7  Viele psychische Störungen (am häufigsten Angststörungen, Substanzstörungen, somatoforme Störungen) beginnen vor dem 20. Lebensjahr und bleiben über die ge- samte Lebenspanne bestehen; einige Störungen, z.B. depressive Störungen, können jederzeit im Leben auftreten, andere haben einen typischen Beginn, z.B. nicht vor dem 60. Lebensjahr (z.B. Demenz).“ 5 Bei mehr als einem Drittel der Betroffenen münden psychische Erkrankungen, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden, in chronische Behinderungen mit vielfältigen Beeinträchtigungen. Aus AG Psychiatrie der AOLG – Bericht für die GMK 2012 15.03.2012 Weiterentwick- lung der psychiatrischen Versorgungsstrukturen in Deutschland – Bestandsaufnahme und Perspektiven Bericht der AG Psychiatrie der AOLG S.1116f „Praktiker der Kinder- und Jugendpsychiatrie (gehen) tendenziell von einer Zunahme klinisch relevanter Störungsbilder aus. Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) hat vor allem gezeigt, dass im Rahmen des allgemeinen Wandels des Krankheitsspektrums (auch) bei der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen ein Phänomen in Erscheinung tritt, das als „neue Morbidität“ bezeichnet wird. Gemeint ist damit (auch) eine Verschiebung von den somatischen zu den psychischen Störun- gen. Dabei geht es insbesondere um Angststörungen, Depressionen, Entwicklungs- und Verhaltensstörungen wie z.B. Lernstörungen, Aufmerksamkeits- und Aktivitäts- störungen, emotionale Auffälligkeiten, Störungen des Sozialverhaltens, Dissozialität sowie Alkohol- und Drogenkonsum. Die „neue Morbidität“ wird zu einem großen Teil von Störungen der Entwicklung, der Emotionalität und des Sozialverhaltens bestimmt. Nach dem KiGGS treten Auffälligkeiten des Erlebens und Verhaltens bei 10 bis 20% der Kinder- und Jugendlichen auf, wobei bei einem bedeutenden Anteil der psychisch auffälligen Kinder und Jugendlichen eine chronische Störung angenommen werden muss. Nach Angaben aus der Praxis der Kinder- und Jugendpsychiatrie entwickeln                                                              5  „Psychische Störungen in Deutschland und der EU“‐ Größenordnung und Belastung, Hans‐Ulrich Wittchen,  Professor der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden, Dezember 2005  1. Deutsche Präventionskongresse, Metaanalyse im Auftrag des European College of  Neuropsychopharmacology (ECNP) unter Mitwirkung des European BrainCouncil (EBC) zur aktuellen Situation  der psychischen Gesundheit in Europa. Berücksichtigt wurden die Daten von insgesamt 150.000 Betroffenen  aus 27 Studien.   
  8. 8.   rund 18% der Kinder und Jugendlichen belastende psychische oder psychosomati- sche Symptome. Ca. 5% leiden an behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankun- gen, einige davon in dem Maße, dass eine ambulante Behandlung nicht ausreicht.“ 6. Können Sie eine Zunahme der Verschreibung und Einnahme von Psychopharmaka in den vergangenen zehn Jahren bei Kindern und Jugendlichen feststellen? Wenn ja, worauf führen Sie dies zurück? ----8  7. Spielt soziale Benachteiligung, speziell Armut oder Behinderung bei den Ursachen der Erkrankungen eine Rolle? Unbestritten sind die Zusammenhänge, dass Armut das Risiko psychisch zu erkran- ken erhöht und umgekehrt psychische Erkrankungen das Armutsrisiko der Betroffe- nen erhöht. Armut macht krankt, grenzt aus und verkürzt die Lebenserwartung. Das größte Armutsrisiko ergibt sich aus der Erwerbslosigkeit. Kroll und Lampert (2012) dokumentieren einen stabilen Zusammenhang von Arbeitslosigkeit, prekärer Be- schäftigung und Gesundheit in Deutschland. Arbeitslose haben demnach ein höheres Sterberisiko, sind häufiger von psychischer Erkrankung betroffen und verhalten sich häufiger gesundheitsriskant 6 . Den höchsten Anteil an Krankheitstagen und die höchs- te Rate der Behandlung mit Psychopharmaka weisen arbeitslose Menschen auf. Sie erhalten mehr als doppelt so häufig Psychopharmaka wie Menschen in Beschäfti- gungsverhältnissen. 8. Wie sehen Krankheitserfahrene selbst die Bedeutung von Arbeit als Faktor von Inklu- sion? Wie müsste sich die gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit verändern, um das Stigma „erwerbsunfähig“ oder allgemein „arbeitslos“ zu neutralisieren? ---- 9. Welche positiven und welche negativen Tendenzen und Beispiele der Versorgung psychisch erkrankter Menschen stellen Sie in den Mitgliedstaaten fest? Wie weit ist die Deinstitutionalisierung fortgeschritten? Wie fließend ist der Übergang von statio- närer zu ambulanter Behandlung, wie wird einer „Drehtürpsychiatrie“ entgegenge- wirkt? Seit den 70er Jahren gibt ein in den verschiedenen Ländern Europas unterschiedlich gestaltete Prozesse der De-Institutionalisierung, der Überwindung von Anstaltsstruk- turen und des Ausbaus gemeindepsychiatrischer Versorgungsangebote. Seither sind in allen Ländern Europas in großem Umfang Klinikbetten abgebaut worden. Beispiel- haft waren die De-Institutionalisierungsprozesse in einigen Regionen Italiens, wo per Gesetz 1978 die Schließung psychiatrischer Anstalten vorgeschrieben wurde, die Entwicklung in den skandinavischen Länder sowie Großbritannien. In der Bundesre- publik Deutschland begann der Prozess der Psychiatriereform Mitte der 70er Jahre mit der Psychiatrieenquete. Dieser Prozess hat zu einem sehr unterschiedlichen                                                              66  Kroll / Lampert, Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Gesundheit, in GBE Kompakt 1 (3), siehe auch:  Cornelia Weiß, Psychische Erkrankung und Armut Über den Zusammenhang von Prekarität und Gesundheit, in:  Fachzeitschrift Die Kerbe, 3/2012, S. 4f 
  9. 9.   Ausbau gemeindepsychiatrischer Versorgungsstrukturen geführt, aber zum Teil auch zu Prozessen der Trans-Institutionalisierung, der Verlegung von psychisch kranken Menschen in weiterhin wohnortferne Heime, zu einem Anwachsen der sog. Straßen- psychiatrie, der wachsenden Zahl von psychisch erkrankten Menschen, die in nicht gesicherten Wohnverhältnisse leben sowie einem stetigen Anwachsen forensischer Unterbringungen. In vielen Ländern sind sozialraumorientierte Netzwerke der Behandlung und Assis- tenz entstanden, die koordinierte und integrierte Hilfen bieten unter Einbeziehung von Selbsthilfeinitiativen. Von wesentlicher Bedeutung sind ambulante Formen der aufsu- chenden Krisenbehandlung (home treatment, assertive community treatment).9  10. Wie ist die neurologisch-psychiatrische Versorgung älterer Menschen strukturell an- gelegt? Ist sie ein Querschnittthema in der geriatrischen Versorgung, so dass Erkran- kungen wie Altersdepression (hohe Suizidrate) frühzeitig erkannt werden können? AG Psychiatrie der AOLG – Bericht für die GMK 2012 15.03.2012 S.26f: „In Deutschland sind derzeit mehr als 25% der über 65-jährigen Menschen – das sind etwa 4,25 Millionen Menschen – von einer psychischen Störung betroffen. Dieser Be- fund wird übereinstimmend von in- und ausländischen epidemiologischen Untersu- chungen bestätigt. Zu diesem Personenkreis gehören diejenigen, die mit ihrer psychi- schen Erkrankung, etwa einer psychotischen Störung, alt geworden sind. Bei dem größeren Teil handelt es sich jedoch um Menschen, die erst im Alter erkranken, zum Beispiel an einer Depression oder Demenz. Frauen sind hiervon häufiger betroffen als Männer, ihr Anteil beträgt z.B. über zwei Drittel an allen Demenzkranken, insbe- sondere wegen ihrer höheren Lebenserwartung. Auch bei Angststörungen und De- pressionen überwiegt der Anteil der Frauen, zum einen weil weibliches Geschlecht in allen Altersgruppen ein erhöhtes Risiko für diese Erkrankungen bedeutet, zum ande- ren, weil das Erkrankungsrisiko bei Hochaltrigen steigt“. „Die Versorgung und Unterstützung psychisch kranker alter Menschen (umfasst) die medizinische, psychotherapeutische, pflegerische und psychosoziale Behandlung und Begleitung im ambulanten und (teil-)stationären Bereich wie auch alltagsbeglei- tende und hauswirtschaftliche Hilfen. Es ist darauf hinzuweisen, dass die Mehrheit der psychisch kranken alten Menschen überwiegend in der Altenhilfe und der Allge- meinmedizin versorgt wird. Hierbei ist kritisch festzustellen, dass dort fachspezifische gerontopsychiatrische Kompetenzen nicht ausreichend zur Verfügung stehen“ (ebd. S.28). Zumindest für die Bundesrepublik Deutschland lässt sich konstatieren, dass die ge- rontopsychiatrische Versorgung älterer Menschen, die alleine oder in Einrichtungen der Altenhilfe leben häufig sehr unzureichend ist. Es fehlt außerhalb der Kliniken an gerontopsychiatrisch qualifizierten Fachärzten und an integrierten medizinischen, psychosozialen, rehabilitativen und fachpflegerischen Angeboten. Nötig wären die systematische Entwicklung sozialraumbezogener gerontopsychiatrischer Verbundsys- teme sowie eine breite Qualifizierung der Strukturen der Altenhilfe im Umgang mit ge- rontopsychiatrisch veränderten Menschen. 11. Wie sieht es mit der Organisation der Selbsthilfe aus und wie mit der systematischen Einbeziehung von Psychiatrie-Erfahrenen und deren Angehörigen in die Behand- lungs- und Unterstützungsprozesse, in die Planung der Hilfen sowie in die Forschung aus?
  10. 10.   Seit den 90er Jahren haben sich Psychiatrie-Erfahrene auf regionaler, staatlicher so- wie europäischer Ebene in Selbsthilfeverbänden organisiert. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Kultur des Umgangs zwischen Professionellen, Psy- chiatrie-Erfahrenen und Angehörigen verändert hat. Aber längst ist der Anspruch nicht in allen Ländern Europas, in allen Regionen und Kommunen realisiert, dass Selbsthilfegruppen regelhaft an Hilfeprozesse, Sozialplanungsprozessen und an der Erarbeitung von Gesetzesinitiativen beteiligt werden. Bislang gibt es vereinzelte For- schungsvorhaben, an denen Psychiatrie-Erfahrene unmittelbar beteiligt sind. Die sys- tematische Beteiligung von Nutzern an der Entwicklung, Durchführung und Bewer- tung von Forschungsprojekten ist aber noch längst nicht zum Standard geworden.10  Beispielhafte Erfahrungen für die Beteiligung von Nutzern an Forschungsvorhaben liegen vor allem aus England vor. 12. Welche Anstrengungen werden europaweit zur Umsetzung der UN- Behindertenrechtskonvention unternommen und wie sieht es um die europäische Harmonisierung der Zwangsmaßnahmen gegenüber Menschen mit psychischen Er- krankungen aus? Die Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention und ihre Unterzeichnung durch die Staaten der EU hat in vielen Ländern eine intensive Auseinandersetzung darüber ergeben, welche Verpflichtungen sich daraus für die Staaten ergeben. Ein wesentlicher Punkt stellt dabei die Notwendigkeit dar, die zivilgesetzlichen und ord- nungsrechtlichen Regelungen für Zwangsunterbringungen und Zwangsbehandlungen auf ihre Kompatibilität mit der UN-Konvention hin zu überprüfen. In Deutschland hat inzwischen das Bundesverfassungsgericht die in zwei Bundesländern geltenden Psy- chiatriegesetze für verfassungswidrig erklärt. Der Bundesgerichtshof (BHG) hat mit ähnlicher Intention die Regelungen zur fürsorglichen Behandlung im Rahmen des Be- treuungsrechts für nichtig erklärt. Der BGH kritisiert, die bis dahin geltenden Rege- lungen zur Rechtmäßigkeit von Zwangseinweisungen. Hier besteht in vielen Ländern ein Handlungsbedarf, um die herrschende Gesetzgebung den Vorgaben der UN- Konvention entsprechend zu gestalten. Es ist festzustellen, dass die Raten der Zwangsunterbringungen, Zwangsbehandlun- gen und gesetzlichen Betreuungen insgesamt europaweit stetig zunehmen und län- derweit, regional und kommunal erheblich divergieren. Versorgungsstrukturelle Be- dingungen und juristische Verfahrensweisen haben demnach einen ganz erheblichen Anteil an einer äußerst heterogenen Entwicklung in dieser Hinsicht.

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