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Religionsmonitor 2013
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Religionsmonitor 2013

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Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung zeigt: Die Trennung von Religion und Politik wird deutlich befürwortet. Rückgang der Religiosität von Generation zu Generation. …

Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung zeigt: Die Trennung von Religion und Politik wird deutlich befürwortet. Rückgang der Religiosität von Generation zu Generation.

Die Türkei (82 Prozent), Brasilien (74 %), Indien (70) und die USA (67) weisen den größten Anteil derjenigen auf, die angeben "sehr", "ziemlich" oder "mittel religiös" zu sein. In Schweden (28 %) und Israel (31 %) liegt dieser Wert am niedrigsten. Deutschland liegt mit 57 Prozent im Mittelfeld (in Ostdeutschland 26 %, in Westdeutschland 64 %). Das ist ein Ergebnis der internationalen Auswertung des Religionsmonitors 2013 der Bertelsmann Stiftung. Ihr liegt eine Befragung von 14.000 Menschen in 13 ausgewählten Ländern zugrunde. In Europa gab weniger als die Hälfte der Befragten an, dass Religion ein wichtiger Bereich in ihrem Leben sei.

Nur eine Minderheit der Befragten in allen Ländern befürwortet, dass führende Religionsvertreter Einfluss auf die Politik nehmen sollten. Die höchste Zustimmung gibt es in den USA (28 Prozent), während sich die geringste Zustimmung in Spanien (13 %) findet. In Deutschland stimmen 21 Prozent der Befragten dieser Aussage zu. Analog verhält es sich mit der Aussage, dass nur solche Politiker für ein Amt geeignet sind, die auch an Gott glauben: dies befürworten in den USA 25 Prozent und in Spanien 8 Prozent (Deutschland: 10 %). Dabei sind 32 Prozent der Christen in den USA der Meinung, dass nur Politiker, die an Gott glauben, für ein öffentliches Amt geeignet seien. Evangelisch-Freikirchliche bejahen diese Aussage in den USA sogar zu 42 Prozent.

Die Zustimmung zur Demokratie als Regierungsform ist in allen im Religionsmonitor befragten Ländern hoch. Sie wird auch religionsübergreifend getragen. Von 79 Prozent der Befragten in Großbritannien bis zu 95 in Schweden sagen, dass die Demokratie eine gute Regierungsform sei. In Deutschland sind es 85 Prozent. In der Türkei stimmen 82 Prozent der Befragten zu.

Über Ländergrenzen hinweg betrachtet, sagen 88 Prozent der Christen, 81 % der Muslime, 84 % der Juden und 84 % der Konfessionslosen, dass die Demokratie eine gute Regierungsform ist. In der Türkei, in Spanien und in Frankreich sind die nicht religiösen Menschen der Demokratie gegenüber etwas positiver eingestellt, als die religiösen Befragten: In Frankreich sagen 86 Prozent der nicht religiösen, aber 79 % der religiösen Befragten, dass die Demokratie eine gute Regierungsform ist (in der Türkei: 85 % der nicht religiösen, 67 % der religiösen Befragten; in Spanien 85 % der nicht religiösen, 78 % der religiösen Befragten).

In den meisten Befragungsländern zeigt sich ein Rückgang von Religiosität bei der jüngeren Generation. Besonders in Spanien findet trotz hohem religiösen Sozialisationsgrad ein Traditionsabbruch über die Generationen hinweg statt: Während unter den Befragten über 45 Jahren noch 85 Prozent mittel- oder hochreligiös sind, so sind es bei den unter 29-Jährigen nur noch 58 Prozent.

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  • 1. Religionsmonitorverstehen was verbindetReligiosität im internationalen Vergleich
  • 2. Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichAutorGert PickelReligionsmonitorverstehen was verbindetReligiosität im internationalen Vergleich
  • 3. Inhalt
  • 4. 5Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichInhaltVorwort 6Einleitung 81. Überblick 102. Bedeutung des Religiösen im Vergleich 163. Religionen und Bedrohungsgefühle 284. Religion und gesellschaftlicher Zusammenhalt 38Literatur 48Der Autor 52Impressum 53
  • 5. 6VorwortVorwortLiz Mohnstellvertretende Vorsitzendedes Vorstandes derBertelsmann StiftungReligiöse Vielfalt ist Teil unserer heutigenLebenswirklichkeit. In vielen Ländern lebenGläubige unterschiedlicher Religionen undKonfessionen, aber auch Konfessionsloseund Atheisten zusammen. Gleichzeitig spieltReligion international für das Miteinanderunterschiedlicher Staaten und Kulturen einewesentliche Rolle. Es ist eine der zentralenHerausforderungen der modernen Gesell-schaft, ein friedliches Miteinander der Men-schen mit unterschiedlichen kulturellen undreligiösen Hintergründen zu ermöglichen.Seit vielen Jahren beschäftigt mich die Frage,was Menschen verbindet und was ihnen Haltund Orientierung gibt. Bei meinen Reisenund Begegnungen mit Menschen ganz unter-schiedlicher Kulturen, Religionen und persön-licher Lebensgeschichten beeindruckt michimmer wieder die Vielfältigkeit menschlichenLebens. Diese Vielfalt ist ein Reichtum undein Wert an sich, den wir nicht leichtfertigverspielen dürfen!Ich habe dabei festgestellt, dass der Dialogüber scheinbar trennende Unterschiede hin-weg möglich ist und dass dafür Offenheit undToleranz wesentliche Voraussetzungen sind.Gleichzeitig bedarf es geteilter Grundwertewie Freiheit, Gerechtigkeit für die Teilhabeam gesellschaftlichen Leben und einer tiefen
  • 6. 7Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichMenschlichkeit als Grundlage für ein gelin-gendes Miteinander in der gesellschaftlichenVielfalt.Religion ist weltweit ein wesentlicher Faktorfür das Denken und Handeln der Menschen.Sie gibt den Menschen Orientierung undSinn. Blicken wir von Europa auf andereKontinente, sehen wir die große Bedeutungvon Religion für Gesellschaft und Politik. Soist beispielsweise in Brasilien eine überwälti-gende Mehrheit der Bevölkerung gläubig unddie aufstrebenden evangelikalen Religions-gemeinschaften sind ein wahrnehmbarergesellschaftlicher Akteur mit großem poli-tischem Einfluss. Auch in den USA besitztReligion einen hohen Stellenwert für dasöffentliche Leben.In vielen Gesellschaften spielt Religioneine wichtige Rolle für den Zusammenhalt.Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dassunterschiedliche Religionen, wenn sie aufei-nanderstoßen, ein großes Konfliktpotenzialbesitzen. Wie kann es zukünftig gelingen,dass die Menschen sich stärker auf die ver-bindenden Grundwerte besinnen, die allenWeltreligionen innewohnen?Mit dem Religionsmonitor stellt die Bertels-mann Stiftung ein Instrument zur Verfügung,das dabei helfen soll, die Wechselwirkungenvon Religion und Gesellschaft genauer zubeleuchten. Er ist ein internationales Projekt,an dessen Entwicklung Wissenschaftler ganzunterschiedlicher Disziplinen mitgewirkthaben. Der hier entwickelte Fragebogenermöglicht die international und interreligiöseinheitliche Anwendung und die Vergleich-barkeit der Ergebnisse.In die Auswertung des Religionsmonitors 2013sind die Antworten von 14.000 Menschenaus 13 Ländern auf rund 100 Fragen einge-flossen. Jeder dieser Menschen hat sich ganzpersönlich zu seinen Überzeugungen, Ein-stellungen und Verhaltensweisen geäußert.Die Befragten stehen aber auch repräsentativfür Millionen von Menschen rund um denGlobus. Wir sehen: Religion ist und bleibteine bedeutsame soziale Wirkkraft. Wennwir auch zukünftig in Vielfalt und Freiheitmiteinander leben wollen, dann müssen wirdie Religion und ihre Bedeutung für gesell-schaftliche Entwicklung besser verstehen.Der Religionsmonitor der Bertelsmann Stif-tung soll uns dabei unterstützen.
  • 7. 8EinleitungEinleitungIn den letzten Jahren haben Diskussionenüber Säkularisierung (Bruce 2002), dieWiederkehr der Religionen (Riesebrodt 2001)oder des Religiösen (Graf 2004) sowie überden „Kampf der Kulturen“ (Huntington 1996)maßgeblich den öffentlichen Diskurs überReligion und ihre Rolle in der Gesellschaftgeprägt. Immer wieder wurde angesichtswidersprüchlicher Medienberichte die Fragegestellt: Kommt es zu einem Aufschwung desReligiösen (in welcher Form auch immer)oder sind der rückläufige Gottesdienstbesuchund die Zahlen der Kirchenaustritte doch In-dizien für einen sozialen Bedeutungsverlustvon Religion? Vertreter der Säkularisierungs-theorie verweisen darauf, dass die Religionfür die Menschen an Bedeutung verloren hat.Anhänger der Individualisierungstheoriehingegen konstatieren, dass Religion nachwie vor floriere und nur ihre Form gewech-selt habe, eben „individueller“ und dadurchauch „unsichtbar“ (Luckmann 1991) gewor-den sei.Doch viele dieser Befunde werden als aufEuropa begrenzt angesehen (Casanova 2009).Deutschland und Europa beschreiten inreligiöser Hinsicht einen Weg, der nichttypisch für andere Teile der Welt ist. Interna-tional spricht vieles für eine gleichbleibende,wenn nicht gar zunehmende Bedeutung vonReligion: So lassen sich in Afrika, Asien undin Lateinamerika bei den „traditionellen“Kirchen massive Beitrittswellen feststellen,und in vielen politischen Konflikten spielenreligiöse Überzeugungen eine wesentlicheRolle.Vor diesem Hintergrund initiierte die Ber-telsmann Stiftung vor einigen Jahren einneues Messinstrument für die Ausprägungvon Religiosität, den Religionsmonitor. Dabeiwurde ein substanzieller Religionsbegriffzugrunde gelegt, der sowohl für alle Reli-gionen anwendbar ist als auch individuali-sierte Formen der Religiosität erfasst. DerReligionsmonitor wurde 2007 in 21 Staatenrepräsentativ erhoben und ermöglichte erst-mals den fundierten Vergleich individuellerReligiosität von Menschen aller Weltreligio-nen und Kontinente.Mit dem überarbeiteten und ergänztenReligionsmonitor sind wir noch einen Schrittweitergegangen und untersuchen die sozialeund politische Relevanz der Religion empi-risch. Daher haben wir neben den bewährtenFragen zur Zentralität von Religion des ers-ten Religionsmonitors auch Fragen zu Wer-ten und Werthaltungen, zur Wahrnehmungreligiöser Vielfalt und zum gesellschaftlichenZusammenhalt aufgenommen. Der Religions-monitor 2013 ermöglicht somit, wesentlicheAspekte moderner Gesellschaften genauerzu analysieren.Der Religionsmonitor erhebt nicht denAnspruch, die Entwicklung von Religiosität
  • 8. 9Religionsmonitor | Religiosität im internationalen Vergleichweltweit zu erfassen. Vielmehr haben wir beider Länderauswahl den Schwerpunkt auf dieVergleichbarkeit der untersuchten Staatengelegt. So können wir in vertiefenden Analy-sen erfolgreiche Strategien für den Umgangmit gesellschaftspolitischen Herausforde-rungen herausarbeiten. Die wesentlicheVergleichsgruppe bilden daher Deutschland,Großbritannien, Schweden, die Schweiz,Frankreich, Spanien, Kanada und die USA.Darüber hinaus haben wir Daten in Ländernerhoben, die aus deutscher Perspektivebesonders relevant (Türkei, Israel) bzw. ausglobaler Perspektive besonders interessantsind (Brasilien, Indien und Südkorea).Die Ergebnisse wurden zunächst überblicks-artig ausgewertet, in der vorliegenden Studieim internationalen Vergleich und in einerparallel erscheinenden Untersuchung fürDeutschland. In weiteren Veröffentlichungenwerden wir zu einzelnen Ländern Länderbe-richte sowie zu spezifischen Fragestellungenfür Deutschland jeweils vertiefende Analysenerstellen.Für die Erstauswertung der internationalenErgebnisse standen folgende Fragen imVordergrund: Wie stellen sich Religiositätund Spiritualität in den erhobenen Ländernheute dar? Wie gehen die Menschen mit derwachsenden religiösen Vielfalt um? WelcheRolle spielt Religion für gesellschaftlichenZusammenhalt?Danken möchten wir allen voran dem Autor,Gert Pickel, für die erste Auswertung undAnalyse der internationalen Daten desReligionsmonitors 2013. Darüber hinaus giltunser besonderer Dank Stefan Huber, derwesentlich für die Entwicklung des erstenReligionsmonitors verantwortlich war undden Prozess der Weiterentwicklung beratendbegleitete. Außerdem gilt unser Dank Cars-ten Gennerich, Constantin Klein, Olaf Müller,Detlef Pollack und Richard Traunmüller, dieden Entwicklungsprozess mit ihren Hinwei-sen wesentlich unterstützt haben, sowie JoséCasanova, David Voas, Jinhyung Park, EvaHamberg, Tamar Hermann, Franz Höllinger,Peter Beyer und Üzeyir Ok, die uns bei derÜberprüfung der verschiedenen Länderfas-sungen des Fragebogens zur Seite gestandenhaben. Und schließlich wäre die Umsetzungnicht ohne die zuverlässige Koordination undDurchführung der Befragung durch infasund hier insbesondere Robert Follmer undJanina Belz sowie Matthias Kappeler vonISOPUBLIC möglich gewesen.Stephan VopelDirectorProgramm Lebendige WerteDr. Berthold WeigSenior Project ManagerProjekt Religionsmonitor
  • 9. 101. ÜberblickReligiosität: Unterschiede in denLändernDie Bindung an Religion und die persönli-che Religiosität weisen im internationalenVergleich deutliche Unterschiede in derVerteilung auf, was sowohl auf nationaleTraditionen wie auch auf übergreifende Ent-wicklungen zurückzuführen ist. Dabei findetman die höchste Zuwendung zu Religionaußerhalb Europas. Brasilien, Indien, dieTürkei und die USA sind hier die Beispieleim Religionsmonitor 2013. Steht Brasilienexemplarisch für das zum größten Teil hoch-religiöse Lateinamerika (Schäfer 2009, 2010),stellen die USA weltweit einen Sonderfalldar: Ihre Situation ist geprägt durch einenhohen Bevölkerungsanteil mit Migrationshin-tergrund, religiöse Pluralität und Konkurrenzsowie einen hohen Modernisierungsstand.Aber auch innerhalb Europas bestehendeutliche Differenzen in der Religiosität, diesich im Hinblick auf den Glauben an Gott,auf religiöse Praktiken oder die Bedeutung,die man der Religion für den Lebensalltagzukommen lässt, äußern können. Fällt derAnteil religiöser Menschen im protestanti-schen Schweden, dem laizistischen Frank-reich oder in Ostdeutschland am niedrigstenaus, so liegt er in Untersuchungsländern wieder Schweiz, Westdeutschland und Spanienam höchsten. Diese Unterschiede betreffenverschiedene Dimensionen der Religiosität(persönliche Religiosität, religiöse Praktikenwie Gottesdienstbesuch oder Gebet, Spiri-tualität und religiöse Erfahrungen) in sehrähnlicher Weise. Hinsichtlich der Bedeutungvon Religiosität resultieren die Länderunter-schiede aus einer Kombination der Faktorenreligiös-kulturelle Traditionen, Modernisie-rung und Besonderheiten nationaler Ent-wicklungen, seien diese historisch oder auchdurch aktuelle politische Ereignisse bedingt.Junge Menschen sind weniger religiösZur Erklärung der zwischen den Ländernbeobachtbaren Unterschiede kann die Säku-larisierungstheorie herangezogen werden.Dieser Theorie zufolge verliert Religion mitsteigendem Grad an Modernität und insbe-sondere sozioökonomischer Wohlfahrt in denGesellschaften zum Teil an sozialer Bedeu-tung und immer weniger Menschen begrün-den ihre Lebenspraxis auf religiösen Normenoder Vorgaben. Anzeichen hierfür lieferndie Differenzen zwischen den Generationen.In nahezu allen Ländern (mit AusnahmeIsraels) lässt sich über die Generationen einRückgang der Zentralität und Bedeutungvon Religion für den Lebensalltag feststellen:Je jünger man ist, desto weniger religiös istman in der Regel. Interessant dabei ist, dassdieser „Generationenwandel“ auch für dienichteuropäischen Länder gilt und nicht nurinnerhalb Europas zu finden ist, wie es an-1. Überblick
  • 10. 11Religionsmonitor | Religiosität im internationalen Vergleichdere Befunde bislang aufzeigten. Er ist aberin Europa bereits weiter vorangeschritten. Sowird mehrheitlich eine Trennung zwischenReligion und Politik gewünscht, genausowie auch relevante Teile der Bevölkerungsich selbst nicht als religiös oder spirituelleinstufen.Europa – religiös und säkularReligion spielt im komplexen Lebensalltagmoderner Gesellschaften eine nachgeordneteRolle oder wird privat gelebt. Die Wirkungengesellschaftlicher Modernisierungsprozessesind in starkem Umfang für diese Situationmitverantwortlich.Dies bedeutet allerdings nicht, dass Reli-giosität und religiöse Handlungen vollständigaus dem Leben der Menschen verschwundensind bzw. verschwinden werden: Immerhinweisen zwischen 40 % und 80 % der Bürgerin den europäischen Ländern nach demZentralitätsindex der Religiosität zumindesteine mittlere Religiosität auf.INFOStark religiöse Länder liegensämtlich außerhalb Europas:Brasilien, Indien und die USA.Aber auch innerhalb Europasgibt es große Unterschiede:Schweden, Frankreich undOstdeutschland haben dengeringsten Anteil religiöserMenschen, während dieserin der Schweiz, in West-deutschland und Spanien amhöchsten ist.„Von einem säkularen Europakann trotz Säkularisierungnicht gesprochen werden“Von einem „säkularen Europa“ kann trotzSäkularisierung bei Weitem nicht gespro-chen werden. Hier sind Entwicklung undStand zu unterscheiden. Allerdings wirdReligion nur noch von 30 % bis 50 % derBefragten als wichtig für das eigene Lebenangesehen, und auch die Eigeneinschätzungals religiös fällt moderat aus. Damit weistdie Bevölkerung Europas hinsichtlich ihrerZusammensetzung aus religiösen und säku-laren bzw. religiös indifferenten Menscheneine hohe Heterogenität auf. Die „Leucht-türme“ hoher Religiosität sind mittlerweileweitgehend aus Europa in andere Gebiete derWelt abgewandert.Kulturelle Prägung und ReligiositätReligiosität und die Zentralität von Religionfür den Lebensalltag sind hochgradig von derkonfessionellen und religiösen Prägung derMenschen und der sie umgebenden Kulturabhängig. So weisen Muslime, Katholiken,aber auch Evangelikale oder Mitglieder derPfingstbewegung beispielsweise eine höhereReligiosität auf als lutherische, unierte oderreformierte Protestanten (vgl. auch Martin2001; Schäfer 2008, 2009). Diese unter-schiedliche religiöse Bindekraft kennzeich-net oft auch die jeweiligen religiösen Kul-turen. Dementsprechend findet sich in derSchweiz die insgesamt höchste persönliche
  • 11. 12Religiosität und Bedeutung von Religion inEuropa. In der Türkei, dem einzigen mus-limischen Land im Religionsmonitor, zeigtsich von allen befragten Ländern die höchsteAusprägung von Religiosität.Ebenso sind die katholischen Länder Europasim Durchschnitt religiöser als die protestan-tischen Länder. Doch auch die Minderheitenspezifischer religiöser Gruppen in anderenLändern weisen einen unterschiedlichenGrad an Religiosität auf. Dabei kann nichtvollständig geklärt werden, ob dies durch dieReligion, den Einfluss der kulturellen Traditi-on des Herkunftslandes oder durch Diaspora-Effekte der Minderheitenposition bedingtist. Gleichzeitig schließen religiöse KulturenSäkularisierungsprozesse nicht aus, sondernbeeinflussen nur ihre Ausprägung.Religionen und BedrohungsgefühleDie Ergebnisse des Religionsmonitors 2013zeigen ebenfalls, dass weltweit Bedrohungs-gefühle gegenüber anderen Religionenbestehen. Speziell in Europa existiert einegewisse Grundangst gegenüber „dem Islam“.Am stärksten wird „der Islam“ in Israel,Spanien, der Schweiz und den USA alsBedrohung empfunden. Spezifische Kontexteund Ereignisse sowie die Verbindung desIslam mit Terrorismus im Einstellungsgefügeder Bürger dürften hier eine entscheidendeBedeutung besitzen.So stimmen der Aussage „Der Islam passt indie westliche Welt“ auch nur 20 % (Spanien)bis 50 % (Deutschland, Südkorea) der Befrag-ten zu; eine Ausnahme bildet hier die Türkei(70 %). Allerdings führt diese diffuse Angstnicht zwingend zu einer pauschalen Ableh-nungshaltung gegenüber anderen Religionenund insbesondere deren Angehörigen. Diemit den Vorstellungen über eine Religionverbundenen Bedrohungsgefühle schwindenerheblich, wenn konkrete Personen benanntwerden – Muslime bereiten weniger Sorgenals „der Islam“. Auch das Vertrauen in Ange-hörige einer anderen Religion ist nicht erheb-lich geringer ausgeprägt als das Vertrauen indie Mitglieder der eigenen Religion.Religiöser PluralismusDies wirkt sich auch auf die Einstellung zureligiöser Vielfalt im eigenen Land aus. Sofindet sich in der Regel eine ambivalenteHaltung gegenüber religiöser Pluralisie-rung. Dies gilt für rund 60 % der Befragtenin nahezu allen Untersuchungsländern. Siesehen religiöse Pluralisierung gleicherma-ßen als bedrohlich wie auch als bereicherndan. Stärkere Differenzen zwischen denbeiden Beurteilungen finden sich in Spanienund der Türkei, wo die Zahl derjenigen, diereligiöse Vielfalt als bereichernd ansehen,die Zahl derjenigen, die diese Vielfalt alskonfliktträchtig wahrnehmen, um 10 % bis20 % übersteigt. Umgekehrt verhält es sich inIsrael und der Schweiz, wo die Beurteilungablehnender ausfällt. Insgesamt herrschteine abwartende und pragmatische Haltunggegenüber religiösem Pluralismus vor. DieMenschen reagieren jedoch auch sensibelauf öffentliche Debatten und politische Ent-scheidungen, da ihre Einstellungen oft weni-ger auf Wissen als auf Emotionen beruhen.Dogmatismus und religiöse ToleranzDas eher pragmatische Verhältnis zu ande-ren Religionen spiegelt sich zudem darinwider, dass im Durchschnitt etwa 70 % derBefragten anerkennen, dass jede Religioneinen wahren Kern enthalten kann. Entspre-chend sollte man ihren Anhängern gegen-„Religiöse Kulturen schließenSäkularisierungs-prozesse nicht aus“1. Überblick
  • 12. 13Religionsmonitor | Religiosität im internationalen Vergleichüber auch offen sein. Diese zunächst positiveHaltung wird in einigen Ländern allerdingsvon Gruppen unterlaufen, die eine Exklusi-vität der eigenen Religion hinsichtlich derAntworten auf religiöse Fragen sowie derHeilserlangung zu erkennen glauben.Diese Gruppen finden sich am stärkstenin Israel, der Türkei und Südkorea. Die Grup-pengrößen bewegen sich dabei zwischen27 % und 44 % der Bevölkerung. In Europa,aber auch in den übrigen Untersuchungslän-dern des Religionsmonitors 2013 fallen dieAnteile dieser als Dogmatiker einzustufen-den Gruppen mit exklusivem Religionsbildeher gering aus. Religiöser Dogmatismusscheint im Europa der Zukunft kein vor-dringliches Problem zu sein, wenn man diegeringe Basis der Unterstützungsgruppen inBetracht zieht. Gleichzeitig wird allerdingsauch sichtbar, dass es in einigen Länderneine Art Polarisierung zwischen Dogmati-kern und Hochreligiösen auf der einen undSäkularisten auf der anderen Seite gibt. Amstärksten sichtbar wird dies in Israel, denUSA und innerhalb Europas am ehestennoch in Spanien.Gesellschaftlicher Zusammenhalt:Engagement und VertrauenIn den meisten der untersuchten Länder istein starkes zivilgesellschaftliches Enga-gement zu verzeichnen. Die Mitarbeit insozialen Freiwilligennetzwerken und Sozi-algruppen besitzt eine nicht unerheblicheBedeutung für die daran beteiligten Einzel-personen, aber auch für die die Demokratiekonstituierende Zivilgesellschaft. Geradereligiöses Engagement oder ein – zunächsteinmal keineswegs als religiös verstandenes –Engagement in kirchennahen Gruppenspielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle.Religiöse Menschen sind in der Regel etwasaktiver als nicht religiöse Menschen. Dieskann aus ethisch-religiösen Gründen der Fallsein, es kann jedoch ebenso auf der sehr gu-ten zivilgesellschaftlichen Infrastruktur imUmfeld religiöser Gemeinschaften beruhen.Die Mitarbeit in Freiwilligennetzwerkenerweist sich dabei als vertrauenssteigernd.Gleichzeitig wird erkennbar, dass religiöseMenschen insgesamt ein höheres sozialesVertrauen aufweisen als nicht religiöse Men-schen. Allerdings ist nicht immer eindeutigauszumachen, welche Rolle die Religion inden Netzwerken einnimmt: die einer Gele-genheitsstruktur für weitgehend säkulareNetzwerke oder die eines Anknüpfungs-punktes für die Sammlung religiöser Men-schen. Modernisierung mit einhergehenderBereitstellung von Zeit für zivilgesellschaftli-che Aktivitäten sowie die normative Verbin-dung von Zivilgesellschaft und Demokratieerweisen sich für die Ausweitung zivilgesell-schaftlichen Engagements als vorteilhaft undstützen ebenso die Ausbildung kirchlicherNetzwerk- bzw. Gelegenheitsstrukturen.Demokratie: hohe ZustimmungswerteDies ist gleichfalls von Bedeutung für dasVerhältnis zwischen Demokratie und Religi-on. So scheint die Demokratie bei religiösenund nicht religiösen Menschen wie auchbei Katholiken, Protestanten oder Muslimennahezu gleichermaßen Zustimmung zufinden. Die Mitarbeit in zivilgesellschaftli-chen Netzwerken und das dort gewonneneVertrauen sind dabei förderlich. KleinereDifferenzen zwischen Christen und Musli-men in Europa sind vor dem Hintergrundder hohen Demokratielegitimität relativunproblematisch. Inwieweit hier die weithinanerkannte Trennung von Politik undReligion mit entscheidend ist, muss offen-bleiben. Allerdings wird auch deutlich, dassReligiosität einen Unterschied ausmachen„Religiöse Menschen weisen insgesamtein höheres soziales Vertrauenauf als nicht religiöse Menschen“
  • 13. 14kann, wenn es um politische Fragen geht. Soneigen religiöse Menschen etwas stärker zuablehnenden Haltungen gegenüber Zuwan-derern (mit Ausnahme der in religiösenNetzwerken Aktiven). Allerdings dominierenin der Zuwanderungsfrage insgesamt eherländerspezifische Einstellungsmuster.Sonderfall IsraelAufgrund der politischen Lage findet sichin Israel eine besondere Situation auch desReligiösen: Hier scheinen die öffentlicheBedeutung von Religion und persönlicheReligiosität ebenso auseinanderzufallen,wie sich eine religiös-säkulare Polarisierungin der Gesellschaft ausbildet. So stehensich in Israel hochreligiöse Personen undsäkular orientierte oder religiös indifferenteMenschen gegenüber. Gleichzeitig wird derReligion – vornehmlich bedingt durch diepolitische Situation – selbst bei den eherweniger bis gar nicht religiösen Israeliseine relativ hohe soziale bzw. politischeBedeutung zugemessen. Dies äußert sich inder starken Bedrohungswahrnehmung undbeeinflusst insbesondere die Haltungen ge-genüber Muslimen und „dem Islam“. Israelweist damit eine ganz eigene – und paradoxanmutende – Kombination von hoher Rele-vanz von Religion für den Lebensalltag undgleichzeitig begrenzter persönlicher Religio-sität auf, die weltweit in dieser Konstellationkaum zu finden ist.1. Überblick
  • 14. 15Religionsmonitor | Religiosität im internationalen Vergleich
  • 15. 162. Bedeutung des Religiösen im VergleichEine der Kernfragen bei der internationalenBetrachtung von Religion ist ihre Bedeutungfür die Individuen und für die Gesellschaftinsgesamt. Gewinnt Religion an Bedeutungoder ist es eher so, dass in Zukunft weltweitmit Prozessen der Säkularisierung gerechnetwerden muss? Vor allem ländervergleichen-de Umfragen können hier Auskunft geben.Greift man wie bereits im Religionsmonitor2008 (Bertelsmann Stiftung 2007, 2009) aufdas bewährte Instrument des Zentralitätsin-dex der Religiosität zurück (Huber 2009), soscheint sich in den letzten vier Jahren eherwenig verändert zu haben. Zwar sind zwischen2008 und 2013 kleinere Schwankungen inder Ausprägung von Religiosität festzustellen,diese sind allerdings aufgrund der geringenzeitlichen Distanz kaum hinsichtlich ihrer Be-deutung für die Entwicklung interpretierbar;zudem besitzen sie einen zu geringen Umfang.2. Bedeutung des Religiösenim VergleichAbbildung 1 Zentralität von Religiosität im Vergleich (Angaben in %)TürkeiSchweizIndienDeutschland(West)BrasilienSpanienUSAGroßbritannienKanadaFrankreichIsraelSchwedenSüdkoreaDeutschland(Ost)0102030405060708090100hochreligiös mittelreligiösZentralitätsindex der Religion; Kategorien: hochreligiös, mittelreligiös – Residualkategorie: wenig oder nicht religiös. Zur Konstruktion siehe Huber 2009
  • 16. 17Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichWandel von Religiosität alslangfristiger ProzessSelbst wenn der kurze Zeitraum von fünfJahren kaum Hinweise auf eine umfassendeSäkularisierung oder eine breite religiöseRevitalisierung zulässt, ist doch eine gewisseKonstanz der Zentralität von Religion für denEinzelnen in allen Regionen der Welt festzu-stellen. Der Wandel von Religiosität ist eineher langfristiger Prozess, der sich über denWechsel der Generationen hinweg vollzieht.Für die Religiosität ist es wesentlich, in wel-cher Form und wie intensiv man Religion inder Jugend erfahren, verinnerlicht und somitin sein Denken übernommen hat. Gibt esAbbruchsprozesse, dann sind diese maßgeb-lich in den Übergängen von der einen auf dieandere Generation zu suchen (Norris/Ingle-hart 2004; Pollack 2003).Diese langfristigen Prozesse sind kulturge-bunden. Denn wie und mit welcher Wirkungdie nachfolgenden Generationen sozialisiertwerden, hängt maßgeblich von den gesell-schaftlichen Rahmenbedingungen und derRolle, die Religion darin spielt, ab. Das zeigtein Blick auf die Unterschiede zwischen denLändern hinsichtlich der Religiosität.Das Zentrum religiöser Verbundenheit liegtden vorliegenden Zahlen zufolge nicht mehrin Europa, sondern in anderen Regionen derWelt. Diese Erkenntnis aus dem Religionsmo-nitor 2008 wurde 2013 bestätigt. Die Zentra-lität von Religiosität wie auch die subjektiveBedeutungszuweisung für das Leben sind inBrasilien und Indien, aber auch in den USAund Kanada deutlich höher als in den euro-päischen Vergleichsstaaten. Das Bild des re-lativ fortgeschritten säkularisierten Europaswird dabei weitgehend bestätigt. Werte vonüber 50 % Hochreligiösen wie in der Türkeifinden sich nur im außereuropäischen Raum(Brasilien, Indien und den USA). In Israelsowie Südkorea und speziell den europäi-schen Vergleichsstaaten Spanien, Schweiz,Deutschland, Großbritannien, Frankreichund Schweden liegen die Anteile wesentlichniedriger. In Schweden übersteigt die Zahlder als „religiös“ einzuschätzenden Bürgernicht die 50%-Marke. Damit rückt Schwedendicht an das als besonders säkularisiert undentkirchlicht geltende Ostdeutschland heran,das in Abbildung 1 gesondert aufgeführt ist.„Das Zentrumreligiöser Verbundenheitliegt nicht mehr in Europa“
  • 17. 18Europa: christlich geprägt undsäkularisiertDoch auch Europa kann deswegen noch kei-neswegs als säkular bezeichnet werden: Mankann zwar fundiert von einem bedeutendenNiveau der Säkularisierung sprechen, aller-dings existiert immer noch eine überwiegendreligiös geprägte Kulturtradition – und weit-gehend auch eine Kultur des Christentums.In Europa sind nur Albanien und Bosnien-Herzegowina durch muslimische Mehr-heitskulturen geprägt. Wie bereits erwähnt,weist der Zentralitätsindex nach wie vorMehrheiten mit einer zumindest mittlerenZentralität von Religiosität auf. Und auchEinschätzungen der Bedeutung von Religio-sität und Spiritualität für das eigene Lebenzeigen nennenswerte Zustimmungsraten,allerdings unterhalb der 50%-Marke (sieheAbbildung 2).Religion hat für die europäischen Bürger anBedeutung verloren und ist – dies zeigenweitere Daten des Religionsmonitors – inihrer Wertigkeit mittlerweile deutlich hinterFamilie, Arbeit und Freizeit als Lebensinhaltangesiedelt. Sie findet sich aber immer nochtief in den Kulturen der europäischen Länderverankert und ist nicht ausschließlich insPrivate abgewandert. Doch selbst wenn vieleMenschen in Europa weiterhin in verschiede-nen Lebensphasen persönlich auf Religiositätzurückgreifen, so scheint deren Anteil eherrückläufig zu sein. Oft stehen religiöse Men-schen einer ebenso großen Anzahl religiösindifferenter Menschen gegenüber.Religiöse SelbsteinschätzungDie nachgeordnete Bedeutung des Religiösenwird auch deutlich, wenn man die Menschennach ihrer Einschätzung der eigenen Religio-sität befragt. Hier sind die kulturellen Unter-schiede zwischen den UntersuchungsländernINFOEuropa hat ein bedeutendesNiveau der Säkularisierungerreicht, doch ist hier nochimmer eine christlich gepräg-te Kulturtradition lebendig.Religion hat für die europäi-schen Bürger an Bedeutungverloren und rangiert hinterFamilie, Arbeit und Freizeit,aber verschwunden ist siedeshalb nicht. In den einzel-nen europäischen Länderngibt es häufig eine ebensogroße Anzahl religiöser wienicht religiöser Menschen.„Religion hat in Europa an Bedeutungverloren, verschwunden ist sie aber nicht“Abbildung 2 Wichtigkeit von Religion und Spiritualität für das Leben (Angaben in %)0102030405060708090100Religion SpiritualitätZustimmende Antworten (sehr wichtig/eher wichtig) auf die Frage: „Ich möchte Ihnen zunächst verschiedene Bereiche vorlesen und Sie fragen, wie wichtig diesein ihrem Leben sind.“TürkeiUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden2. Bedeutung des Religiösen im Vergleich
  • 18. 19Religionsmonitor | Religiosität im internationalen Vergleichbeachtlich. Es wird erkennbar, dass die Zahlderjenigen, die sich persönlich als nicht oderwenig religiös einschätzen, in Teilen Europasein bedeutsames Niveau erreicht hat.Auffällig ist die hohe Zahl der sich als nichtreligiös einschätzenden Menschen in Schwe-den, Israel und Südkorea. So verorten sich70 % der Schweden als nicht religiös. Diesliegt nah an den Werten für Ostdeutschland,das häufig als Beispiel für ein besondersentchristlichtes Gebiet in Europa angeführtwird (vgl. Pickel 2011b). Aber auch in Spani-en findet sich eine Mehrheit von Personen,die sich als wenig oder gar nicht religiöseinstufen. Auffällig ist zudem die erstaunlichhohe persönliche religiöse Indifferenz inSüdkorea und Israel, was nicht nur manchemMedienbericht widerspricht, sondern zumin-dest in Bezug auf Israel auch einen gewissenKontrast zur gesellschaftlichen Bedeutungvon Religion abbildet.Spiritualität und ReligiositätDie meisten Menschen unterscheiden nichtzwischen Religiosität und Spiritualität –Spiritualität erscheint ihnen als ein Bestand-teil von Religiosität. Darauf weist auch dieenge Korrelation (r=,53) hin, die länderüber-greifend beobachtet werden kann. So wirdSpiritualität wohl weitgehend als religiöseErfahrung oder ein diffuses Gefühl vonReligiosität verstanden. Dennoch ermöglichtdieses Verständnis von Spiritualität eineUnterscheidung von dem stärker mit den In-stitutionen der Religion verbundenen Begriffder Religiosität.„In Teilen Europas hat die Zahlder Menschen, die sich als wenigreligiös einschätzen,ein bedeutsames Niveau erreicht“Abbildung 3 Selbsteinschätzung als nicht oder wenig religiös bzw. spirituell(Angaben in %)0102030405060708090100nicht oder wenig religiös nicht oder wenig spirituellAblehnende Antworten (gar nicht/wenig) auf die Fragen: „Als wie religiös würden Sie sich selbst bezeichnen?“ und „Einmal abgesehen davon, ob Sie sich selbstals religiöse Person bezeichnen würden: Als wie spirituell würden Sie sich selbst bezeichnen?“.TürkeiSchweizIndienDeutschland(West)BrasilienSpanienUSAGroßbritannienKanadaFrankreichIsraelSchwedenSüdkoreaDeutschland(Ost)
  • 19. 20Hierauf deutet hin, dass in fast allen StaatenEuropas mit Ausnahme Deutschlands undder Schweiz die Werte für die Wichtigkeitvon Spiritualität leicht über denen für Religi-osität liegen. Insgesamt überwiegt aber dieNähe zwischen beiden Auffassungen dieseDifferenzen, sodass man hieraus weder einzu starkes Argument für die Individualisie-rungstheorie mit ihrer stärker persönlichenSpiritualität als Kennzeichen noch einenHinweis auf eine „spirituelle Revolution“(Heelas/Woodhead 2005; Luckmann 1967)ableiten sollte.Gleichzeitig ist religiöse Indifferenz einPhänomen, das nicht auf Europa beschränktist. Auch in Südkorea und bemerkenswerter-weise in Israel unterschreitet die Zahl derPersonen, die sich als religiös einschätzen,die 40%-Marke. Möglicherweise sind dieHinweise auf einen religiösen Aufschwung inSüdkorea differenzierter zu betrachten, da ernicht die gesamte Bevölkerung zu betreffenscheint. Ein wenig widersprüchlich sinddie Ergebnisse für Israel, wo die Bedeutungvon Religion und die eigene Religiositätetwas stärker auseinanderzufallen scheinen.Übereinstimmend mit den Ergebnissen desZentralitätsindex empfinden sich die Bürgerin der Türkei sowie in Indien und Brasilienam häufigsten als religiöse Menschen. Undselbst innerhalb Europas sind die Bandbrei-ten erheblich, wie die Unterschiede zwi-schen Schweden, Deutschland und Spanienbelegen.Religiosität und sozioökonomischeModernisierungDeckt sich das Ergebnis in Schweden mitanderen Befunden (Pickel 2010) und derErkenntnis, dass vor allem in den protes-tantischen Kulturgebieten Europas (sieheunten) starke Säkularisierungsprozessestattgefunden haben, führen speziell dieErgebnisse in Südkorea und Israel zu einerweiteren Erklärung: Es scheint, als wür-den sich Prozesse der sozioökonomischenModernisierung für die soziale Bedeutungvon Religion, aber auch für die individuelleReligiosität als nachteilig erweisen (Norris/Inglehart 2004). Angesichts einer breiterenVerteilung des Wohlstandes scheint nicht nurdie Religiosität an Bedeutung zu verlieren,auch Begleitprozesse der Demokratisierungund Pluralisierung untergraben die Bedeu-tung von Religion für das Alltagsleben. In Ge-sellschaften, die von der sozioökonomischenModernisierung profitiert haben, betrifftder aus Armut und Not abgeleitete Wunschnach einem „besseren Leben im Jenseits“viele Menschen nicht mehr. Mit zunehmen-dem Wohlstand wendet man sich nicht nurverstärkt dem Diesseits zu, man ist dort auchweitgehend zufrieden mit seiner Situation,da Erfahrungen der prinzipiellen Offenheitund Ungewissheit des menschlichen Lebensabnehmen. Damit soll aber die Religion kei-neswegs nur als Instrument zur Bewältigungmaterieller Defizite verstanden werden. Daswürde den Begriff von Religion zu sehr aufeinen einzelnen Aspekt religiöser Motivationvon Menschen verengen.Gleichzeitig treten im Modernisierungspro-zess immer mehr Alternativen als Konkur-renz zu Religion auf (Stolz 2009). Zusammenmit dem Prozess zunehmender Individuali-sierung, der Selbstbestimmung und individu-ell begründete Entscheidungen vom Men-schen einfordert, führt diese Optionsvielfaltzwar nicht zu einer aktiven Abwendung vonReligion, jedoch zum Verlust ihrer sozialen„In fast allen Staaten Europas liegen dieWerte für die Relevanzvon Spiritualitätleicht über denen für Religiosität“„Im Modernisierungs-prozess treten immermehr Alternativenzur Religion auf“2. Bedeutung des Religiösen im Vergleich
  • 20. 21Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichBedeutung in Relation zu den Konkurrenten(vielfältige Freizeit, berufliche Veränderungs-und Aufstiegschancen).Wichtig ist, hier einen Kontextbezug zwi-schen Religiosität und sozioökonomischerModernisierung zu bedenken. Zunehmendesoziale Ungleichheit und die nach wie vor inweiten Teilen der Bevölkerungen bestehendeArmut sind potenzielle Reaktivierungsfakto-ren für Religiosität. Allerdings ist ebenfallszu bedenken, dass die sozioökonomischeModernisierung nicht der einzige Faktor ist,der Säkularisierung vorantreibt. Bildungsex-pansion, Rationalisierung, Bürokratisierung,höhere Mobilität, Demokratisierung undfunktionale Differenzierung wirken solchenRückkehrbewegungen gegebenenfalls immernoch entgegen, wenn auch viele dieser Pro-zesse an die sozioökonomische Modernisie-rung rückgekoppelt sind (Pickel 2011a: 141;Bruce 2002: 4; Norris/Inglehart 2004).Protestantismus und SäkularisierungNeben den Prozessen sozioökonomischerModernisierung, die sich im Falle der Kir-chen durch einen Rückgang ihrer Mitglieder-zahlen auswirken, scheint es speziell demProtestantismus in den letzten Jahrzehntenweniger gut gelungen zu sein, seine Mitglie-der zu halten und Religion als zentral fürdas Alltagsleben des Individuums definierenzu können (Pickel 2010). Länder mit einerprotestantischen Kulturgeschichte scheinenmittlerweile – so legen es zumindest dieaktuellen Vergleichsergebnisse nahe – einenbeträchtlichen Weg der Säkularisierunghinter sich gebracht zu haben. Nicht vonungefähr findet sich so in Schweden dergeringste Anteil an Personen, die nach demZentralitätsindex als religiös oder hochreli-giös einzustufen sind. Für Ostdeutschlandkann dies (neben der sozialistischen Vergan-genheit und ihren Repressionen) ebenfallsals Argument angeführt werden. Und auchinnerhalb der Länder schätzen sich dieProtestanten der sogenannten „MainlineChurches“ in der Regel als weniger religiösein als Mitglieder anderer Religionsgemein-schaften (siehe Abbildung 4). Spezifischhistorisch bedingte Entwicklungen wie inFrankreich haben teilweise in nicht protes-tantischen Ländern zu ähnlichen Ergebnis-sen (niedrige Religiosität und Bedeutung vonReligion) geführt.Religiös-kulturelle TraditionslinienGrundsätzlich sind die Wirkungen religiös-kultureller Traditionslinien nicht zu unter-schätzen. Deutlich erkennbar wird, dass einemuslimische Tradition wie in der Türkei einevitalisierende Wirkung auf Religion besitzt.Die unterschiedliche Religiosität im Rahmender verschiedenen Religionen wird auchinnerhalb der Länder deutlich: So weisenin allen Ländern Angehörige der verschie-denen muslimischen Glaubensrichtungen(mit Ausnahme der Aleviten) eine höhereReligiosität auf als Angehörige christlicherKirchen (siehe Abbildung 4). Betrachtet mandie Muslime noch einmal gesondert nach Al-tersgruppen, dann wird allerdings – soweitaufgrund der begrenzten Fallzahlen für dieMuslime in den meisten Untersuchungs-ländern ermittelbar – eine interessanteEntwicklung sichtbar: Sie scheinen sich mitder Zeit an die Religiosität des Umfeldesanzupassen.Doch die Zentralität von Religiosität ist eben-so unter den Mitgliedern der christlichenKirchen different. Am niedrigsten ist sie beiden „Mainline“-Protestanten ausgeprägt, amstärksten bei den Mitgliedern evangelikaler„Religiosität ist unter Mitgliedernverschiedenerchristlicher Kirchenunterschiedlich stark ausgeprägt“INFODie Tatsache, dass in den pro-testantisch geprägten StaatenEuropas die Säkularisierungein hohes Niveau erreichthat, darf nicht darüber hin-wegtäuschen, dass sich vorallem die sozioökonomischeModernisierung von Gesell-schaften eher negativ aufdie Bedeutung von Religionauswirkt. Ein Beispiel hierfürist Südkorea. In Gesellschaf-ten, die von der sozioöko-nomischen Modernisierungprofitiert haben, betrifft deraus Armut und Not abgeleite-te Wunsch nach einem „bes-seren Leben im Jenseits“ vieleMenschen nicht mehr. Mitzunehmendem Wohlstandwendet man sich verstärktdem Diesseits zu. Das bedeu-tet aber nicht, dass Religionzwangsläufig zurückgehenmuss. Mit der Befriedigungmaterieller Bedürfnisseentstehen neue Fragen nachLebensqualität, Selbstverwirk-lichung und dem Sinn des Le-bens – Fragen, die durchausunter Rückgriff auf religiöseSinnangebote beantwortetwerden können.
  • 21. 22christlicher Gruppen oder Mitgliedern derPfingstkirche (Martin 2001). Hier findetsich in Europa (und auch in den USA) derinsgesamt stärkste Anteil an Hochreligiösen.Weitaus häufiger als bei den anderen christli-chen Kirchen finden sich dort als dogmatischbzw. fundamentalistisch zu bezeichnendeOrientierungen (vgl. Riesebrodt 2001).Fundamentalismus wird dabei als eine Formvon Glauben verstanden, die sich einerseitskompromisslos auf die vorliegenden religiö-sen Texte beruft und sie als nicht diskutabeloder interpretierbar ansieht, andererseitsexplizit nur eine Religion als „die wahreReligion“ erachtet. Die Erfolge dieser christli-chen Kirchen, z. B. in Brasilien, sind auf eineMischung aus einem eine gewisse Sicherheitgarantierenden Dogmatismus, der starkensozialen Integrationskraft dieser Kirchenund einem hohen Charisma ihrer Geistlichenzurückzuführen. Erfolgreich sind sie beson-ders bei den sozial benachteiligten ärmerenSchichten der Bevölkerung in diesen Län-dern. Der Anteil der Armen in Brasilien istaufgrund der dort im Vergleich mit Europawesentlich höheren sozialen Ungleichheitbedeutend größer.Es ist deutlich erkennbar, dass die konfessio-nelle Zugehörigkeit die Pfade der Religiositätnicht unwesentlich festlegt (Martin 1978;McLeod 2000; Norris/Inglehart 2004; Pickel2010). Die Dominanz unterschiedlicher reli-giöser und konfessioneller Kulturen sorgt so-mit wesentlich für die Differenzen zwischenden Ländern hinsichtlich vieler Facettender persönlichen Religiosität, aber auch derHaltung der Menschen zu Religion im Allge-meinen. Berücksichtigt man außerdem, dassReligiosität für die meisten Konfessionslosenexplizit keine Bedeutung besitzt, dann ergibtsich eine Bandbreite von unterschiedlichenreligiös-kulturellen Pfaden, die hohe Gradeder Ausbildung einer säkularen Kultur (z. B.in Ostdeutschland, aber auch in Frankreich)einschließt.Abbildung 4 Zentralität von Religiosität nach Religionszugehörigkeit in Europa(Angaben in %)020406080100hochreligiös mittelreligiösZentralitätsindex der Religion, aufgeteilt nach Zugehörigkeit zu religiösen GemeinschaftenKatholikenProtestantenChristlich-OrthodoxeEvangelikale/PfingstkircheSchiitenSunnitenAlevitenBuddhistenJudenKonfessionslose2. Bedeutung des Religiösen im Vergleich
  • 22. 23Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichDimensionen der Religiosität imLändervergleichDiese einstellungsbezogenen Daten sind fürden Ländervergleich gleichsam die Spie-gelbilder anderer Merkmale. Charles Glock(1962; auch Glock/Stark 1965) hat Religi-osität in die Dimensionen des Glaubens,der Praktiken, des Wissens, der religiösenErfahrung und der Konsequenzen eingeteilt.Stefan Huber (2003) hat diese Dimensionenkonzeptionell erweitert und für den Religi-onsmonitor 2008 umgesetzt. Eine Kernan-nahme bei ihm wie auch bei Glock ist, dassdie Dimensionen untereinander verbundensind. Dies hat eine wesentliche Konsequenz:Es ist davon auszugehen, dass auch dieanderen Dimensionen der Religiosität imLändervergleich sehr ähnliche Ausprägungenaufweisen. Betrachtet man im Folgenden dieAnzahl der durchschnittlichen persönlichenGebete pro Jahr und Land1, was zugegebener-maßen eine sehr grobe Mittelung darstellt,dann wird diese Annahme weitgehend bestä-tigt (Abbildung 5).Die Rangfolge der Länder entspricht denErgebnissen der vorangegangenen Merk-malsbeschreibungen. Korrelationsanalysenbestätigen diese Ergebnisse. So finden sichbei den verschiedenen Merkmalen derpersönlichen Religiosität, der religiösenPraxis und der Spiritualität Korrelationenvon über r=,50, was für Individualdaten ei-nen äußerst hohen Zusammenhang darstellt.Anders ausgedrückt: Religiöse Praxis undreligiöse Einstellungen sind extrem eng mit-einander verbunden – und dies gilt sowohlinnerhalb aller Länder als auch über dieLändergrenzen hinweg. Das bedeutet eben-falls, dass, wenn man von religiösem Wandelspricht – und dies gilt nach den vorliegendenDaten des Religionsmonitors 2013 für dieMehrzahl der Untersuchungsländer –, dieserBegriff ein Phänomen bezeichnet, bei demÜberzeugungen und Praktiken miteinanderverzahnt sind.„Religiöse Praxis undreligiöse Einstellungen sindeng miteinander verbunden“Abbildung 5 Durchschnittliche Gebetshäufigkeit im internationalen Vergleich050100150200250300350Gebete pro JahrAntwort auf die Frage: „Wie häufig beten Sie?“ (mit kultur- und religionsspezifischen Anpassungen); Mittelwerte der Gebete pro JahrTürkeiIndienBrasilienUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden1Die Anzahl der Gebete verweist auf die private Praxis und wird hier bewusstausgewählt, da hinsichtlich des weit verbreiteten Merkmals der kollektivenPraxis des Gottesdienstbesuches häufig auf Differenzen zwischen Katholikenund Protestanten verwiesen wird. Die Ergebnisse zeigen aber eher übergrei-fende Effekte, die mehr auf soziale Rahmenfaktoren zurückzuführen seindürften.
  • 23. 24Bedeutungsrückgang des Religiösenals Zukunftsprognose?Kulturelle Prägungen werden sehr starküber religiöse Sozialisation vermittelt. Derheutige Stand der Religiosität ist daher davonabhängig, inwieweit Eltern religiöse Werte,Traditionen oder Wissen an ihre Kinderweitergeben. Vergleicht man die verschie-denen Altersgruppen miteinander, scheintein Abbruchsprozess des Religiösen stattzu-finden. In allen Untersuchungsländern (mitAusnahme Israels) geht die Zentralität vonReligiosität mit jedem Generationswechselzurück. Die Gruppe der jungen Erwachsenenunter 29 Jahren weist in der Regel wenigerReligiöse oder Hochreligiöse auf als dieAltersgruppe der 30- bis 45-Jährigen odergar über 45-Jährigen. Bestimmt man dieAltersstufen noch kleinteiliger, verstärkt sichdas Bild eines kontinuierlichen Abbruchs-prozesses. Dieses Ergebnis manifestiert dannin Kombination mit den unterschiedlichenPfaden die beobachtbaren Länderunterschie-de. Wenngleich sich nicht ausschließen lässt,dass Menschen mit zunehmendem Alterreligiöser werden (ein sogenannter Lebens-zykluseffekt), so kann beides zusammen alsHinweis darauf interpretiert werden, dasses in Europa keinen religiösen Aufschwunggibt. Den Ergebnissen des Religionsmonitorszufolge nimmt ebenso in Südkorea und inder Türkei (wenn auch von einem hohenNiveau ausgehend) die Anzahl der Hochre-ligiösen altersgruppenspezifisch ab (Abbil-dung 6).Die aufgeführten Ergebnisse zur Zentralitätvon Religion werden darüber hinaus durchdie Altersverteilungen zu anderen Fragennach Religiosität gestützt. Dabei ist dieBedeutung von Religion im gleichen Maßeüber die Altersstufen abnehmend wie dieEigeneinschätzung der Religiosität oder dieTeilnahme am Gottesdienst. Selbst indivi-duelle Praktiken wie das persönliche Gebetsind entlang der Altersstufen rückläufig. DerBedeutungsrückgang verläuft vielleicht nichtin allen Dimensionen der Religiosität mitgleicher Geschwindigkeit und zum gleichenAbbildung 6 Zentralität von Religiosität nach Altersgruppen (Angaben in %)0102030405060708090100hochreligiös mittelreligiösZentralitätsindex der Religionen, gestaffelt nach drei AltersstufenTürkei30–45Jahre>45Jahre16–29JahreUSA30–45Jahre>45Jahre16–29JahreIsrael30–45Jahre>45Jahre16–29JahreSüdkorea30–45Jahre>45Jahre16–29JahreDeutschland30–45Jahre>45Jahre16–29JahreSpanien30–45Jahre>45Jahre16–29Jahre2. Bedeutung des Religiösen im Vergleich
  • 24. 25Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichZeitpunkt, sondern eher in aufeinanderfol-genden Stufen; dennoch ist er nicht allein aufreligiöse Praktiken oder die soziale Bedeu-tung von Religion beschränkt (Pickel 2012;Pollack 2009).Eine Ausnahme von dieser Regel stellt Israeldar. Hier scheint über die Generationenhinweg eine hohe Konstanz in Bezug auf Re-ligiosität zu bestehen. Wahrscheinlich bildetsie in gewisser Weise die bereits festgestelltePolarisierung in der israelischen Gesellschaftab. Hochreligiöse Gruppen stehen über alleGenerationen hinweg hochsäkularen Grup-pen gegenüber. Auch hier würde man vermu-ten, dass der Sozialisation eine maßgeblicheBedeutung zukommt. Wie Abbildung 7 zeigt,trifft dies im Fall Israels allerdings nicht zu.So antworten auf die Frage, ob sie religiöserzogen wurden, gerade einmal 30 % der Be-fragten mit Ja. Ein wesentlich größerer Anteilverneint jedoch, eine religiöse Sozialisationerfahren zu haben. Nur in Schweden ist dieZahl der nach eigenem Bekunden religiössozialisierten Menschen geringer. Entwederspiegelt sich auch in diesem Ergebnis die inIsrael anscheinend vorherrschende Polari-sierung im Bereich der Religion wider, oderaber die religiöse Haltung ist überwiegendsituativ durch die spezifischen politischenBedingungen des Lebensumfeldes geprägt.Verhältnis von Politik und ReligionWenn von Säkularisierung gesprochen wird,ist das Verhältnis von Politik und Religionstets von besonderem Interesse (Gorski2000). Vor allem die „funktionale Differen-zierung“ zwischen den Bereichen Religionund Politik kennzeichnet die Moderne (u. a.Casanova 1994, 1996). Auf jeden Fall ist esangebracht, von einer relativen Autonomieder beiden Einflusssphären auszugehen.Die Ergebnisse des Religionsmonitors 2013ergeben in diesem Punkt ein deutlich stärkerin Richtung Säkularität neigendes Bild alsbei der Betrachtung der persönlichen Religi-„Hohe Konstanz in Bezugauf Religiositätin Israel“Abbildung 7 Religiöse Sozialisation (Angaben in %)0102030405060708090100ja teils, teils neinAntworten (Ja, teils, teils, nein) auf die Frage: „Sind Sie religiös erzogen worden?“TürkeiIndienBrasilienUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 25. 26osität. So herrscht in den befragten Länderndeutlich die Überzeugung vor, dass religiöseFührer keinen Einfluss auf Regierungsent-scheidungen nehmen sollen.Der Sektor des Politischen wird weitgehendals Domäne des Säkularen angesehen. Selbstin den USA, der Türkei und Israel, wo nen-nenswerte Bevölkerungsgruppen einen stär-keren Einfluss der Religion auf die Politik zuakzeptieren bereit sind, handelt es sich umdeutliche Minderheiten (Abbildung 8). Ver-gleicht man die oben angeführten Ergebnissezur subjektiven Bedeutungseinschätzungvon Religion und persönlicher Religiositätmit diesen Resultaten, so wird eine Bezie-hung erkennbar: In den Ländern, in denenbesonders häufig die Trennung der BereichePolitik und Religion gewünscht wird, ist inder Regel auch die persönliche Religiositätweniger stark ausgeprägt. Allerdings findensich erhebliche Niveauunterschiede zwi-schen der persönlichen Religiosität und denWünschen hinsichtlich des Verhältnisses vonPolitik und Religion – auch hier bildet Israelwiederum die Ausnahme.„Der Sektor des Politischen wirdweitgehend als Domänedes Säkularen angesehen“2. Bedeutung des Religiösen im VergleichAbbildung 8 Funktionale Differenzierung – Politik und Religion (Angaben in %)051015202530religiöser Einfluss gottesgläubige PolitikerZustimmende Äußerungen (stimme voll und ganz zu/stimme eher zu) auf die Aussagen: „Nur Politiker, die an Gott glauben, sind geeignet für ein öffentlichesAmt“ und „Führende Vertreter der Religionen sollten auf die Entscheidungen der Regierung Einfluss nehmen“IsraelTürkeiUSAKanadaSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 26. 27Religionsmonitor | Religiosität im internationalen Vergleich
  • 27. 28In den letzten Jahrzehnten wurde wiederholtmit dem Begriff „Kampf der Kulturen“ einBedrohungsszenario entworfen. Speziell derIslam wird oft als bedrohlich, wenn nicht garals gefährlich wahrgenommen. Verweise aufden internationalen islamistischen Terroris-mus wurden dabei mit realen Integrations-problemen in den Ländern vermengt. Diesich dabei ausbildenden Stereotype habenFolgen bis weit hinein in die internen poli-tischen und gesellschaftlichen Debatten inEuropa, wie Diskussionen um die Integrati-on muslimischer Mitbürger oder Debattenüber Minarett- oder Kopftuchverbote zeigen.Doch was lässt sich nun tatsächlich feststel-len, wenn man das Blickfeld über einzelneStaaten hinaus erweitert? Herrscht wirklichso viel Angst vor Angehörigen andererReligionen?Verhältnis der Religionen: gelassenesNebeneinanderInsgesamt ist die Haltung gegenüber denmeisten Religionen relativ ausgeglichenoder entspannt. Dies trifft speziell dann zu,wenn man nicht direkt mit Angehörigendieser Religionen in Kontakt steht. Insbeson-dere der Hinduismus und der Buddhismuswerden von den meisten Menschen in denUntersuchungsländern des Religionsmoni-tors als ungefährlich angesehen. Von diesenReligionen geht aus Sicht der Bürger kaumeine Gefährdung aus. Allerdings werden sieauch nur selten als eine Bereicherung für dieeigene Kultur empfunden. Hier scheint sichein relativ gelassenes Nebeneinander zu ver-festigen, das weitgehend durch die Distanzzu diesen Religionen aufgrund fehlenderdirekter Kontakte erklärt werden kann.Eine gewichtige Ausnahme stellt der Islamdar. Die umfangreiche Medienberichterstat-tung mit ihren überwiegend negativen Kon-notationen hat bei den europäischen Bürgernrelativ breitflächig Misstrauen gegenüberdem Islam geweckt. Sind die hohen Bedro-hungswahrnehmungen in Israel aufgrundder dortigen politischen Situation durchausnachvollziehbar, so sind die doch recht ho-hen Werte in Spanien, der Schweiz, den USAund Deutschland nur durch die Verbindungvon Terrorismuserfahrungen, Medienbericht-erstattung und internen Integrationsproble-men zu erklären. Gerade in Ostdeutschland,wo der Anteil von Muslimen extrem geringausfällt, bestehen starke Stereotype hinsicht-lich „des Islam“.3. Religionen und Bedrohungsgefühle3. Religionen undBedrohungsgefühle„Islamophobie ist einPhänomen der westlichen Welt“
  • 28. 29Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichDass dies ein Phänomen der westlichen Weltzu sein scheint, lassen die doch eher niedri-gen Werte in Südkorea oder Indien vermu-ten. So stimmen in den meisten westlichenLändern die Befragten weitgehend darinüberein, dass der Islam nicht in die westlicheWelt passe (Abbildung 10). Selbst wenn nichtunwesentliche Gruppen den Islam ebensoals eine Bereicherung der eigenen Kulturwahrnehmen, scheint der Begriff „Kampf derKulturen“ als stereotypes Schlagwort die Si-tuation doch zu beschreiben. Bemerkenswertsind wiederum die Unterschiede zwischenWest- und Ostdeutschland, allerdings auchdie skeptische Haltung in Spanien.Abbildung 9 Bedrohungswahrnehmung in Bezug auf den Islam und das Judentum(Angaben in %)01020304050607080Islam als Bedrohung Judentum als BedrohungAntworten (sehr bedrohlich/eher bedrohlich) auf die Frage: „Wenn Sie an die Religionen denken, die es auf der Welt gibt: Als wie bedrohlich bzw. wie berei-chernd nehmen Sie die folgenden Religionen wahr?“TürkeiSchweizIndienDeutschland(West)BrasilienSpanienUSAGroßbritannienKanadaFrankreichIsraelSchwedenSüdkoreaDeutschland(Ost)
  • 29. 30Islam und Christentum:Wechselseitigkeit der StereotypeAllerdings werden auch andere Religionenmit einer gewissen Skepsis beobachtet. Sofinden sich in der Türkei (32 %) und Israel(27 %) nennenswerte Gruppen, die dasChristentum als Bedrohung wahrnehmen. Esbesteht also eine gewisse Wechselseitigkeitder Stereotype – nicht nur die Mitglieder dermuslimischen Glaubenstraditionen werdenmit Sorge beobachtet. Zumindest zeigt sichhier eine bedenkliche Verbreitung von Ste-reotypen, die unterschwellig – und zumin-dest bei Fehlen größerer Kenntnisse über diejeweils andere Religion – Bedrohungsgefühleverstärkt. Zweifelsohne liegt hier eine Aufga-be für moderne Gesellschaften: das Verständ-nis für die anderen Religionen zu fördernund Kontakte zwischen ihren Mitgliedernanzuregen.Denn, wie die Analysen der Daten des Reli-gionsmonitors zum sozialen Umfeld ergeben,hängen intensivere oder häufigere Kontaktein Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaftbzw. in der Freizeit oder am Arbeitsplatz zuAngehörigen anderer religiöser Gruppen mitgeringen Stereotypen und Bedrohungswahr-nehmungen zusammen. Dieses Ergebnisstimmt auch mit der sogenannten Kontakt-hypothese (Allport 1954) überein, bei dervon einer positiven Wirkung von Kontaktenzwischen heterogenen Bevölkerungsgruppenausgegangen wird. Die Wirkung ist in derRegel stärker, wenn die Kontakte freiwilligzustande kommen und zudem von positivenErfahrungen gestützt werden. Dies kann andieser Stelle nur begrenzt überprüft werden.Allerdings scheint eine höhere Häufigkeitvon Kontakten zu Mitgliedern anderer Reli-gionen eine Verringerung der Bedrohungs-wahrnehmungen zu befördern.3. Religionen und BedrohungsgefühleINFOFremde Religionen, besondersder Islam, werden vielfachmit Stereotypen belegt. Dieseführen unterschwellig zu Be-drohungsgefühlen. HäufigereKontakte mit Angehörigenanderer Religionsgemein-schaften können die Stereoty-pe aufweichen und letztlichdas diffuse Gefühl derBedrohung durch die fremdeReligion verringern.Abbildung 10 Wahrnehmung des Islam (Angaben in %)010203040506070Islam passt nicht in die westliche WeltAblehnende Äußerungen (stimme nicht zu/stimme gar nicht zu) zur Aussage „Der Islam passt durchaus in die westliche Welt“TürkeiSchweizDeutschland(West)SpanienUSAGroßbritannienKanadaFrankreichIsraelSchwedenSüdkoreaDeutschland(Ost)„Kontakte zu Angehörigenanderer religiöser Gruppenverringern dieBedrohungswahrnehmung“
  • 30. 31Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichAbbildung 11 Bedrohungswahrnehmung in Bezug auf Christentum und Atheismus(Angaben in %)Bedrohungsgefühle durch AtheismusGleichermaßen interessant ist ein andererBefund: Auch Atheisten rufen in weitenTeilen der Welt ein gewisses Bedrohungs-gefühl hervor. Dies ist weniger in dem sichin vielerlei Hinsicht säkular verstehendenEuropa der Fall, umso stärker dagegen inden hochreligiösen Ländern Brasilien undder Türkei. So nehmen über die Hälfte derBrasilianer Atheisten als „bedrohlich“ wahr.Ähnlich verhält es sich in den USA undauch in Kanada findet sich ein relativ hoherWert der Ablehnung gegenüber Atheisten.Ein zentraler Grund hierfür ist sicherlichdie in beiden Ländern in den vergangenenJahrzehnten heftig geführte publizistischeAuseinandersetzung mit den „neuen Atheis-ten“. Andererseits passen die USA aufgrundder hier weit verbreiteten Zentralität vonReligiosität gut in das Muster der anderenhochreligiösen Gesellschaften. Auf jedenFall scheint diese öffentliche, stark emotio-nal aufgeladene Konfrontation eine gewissePolarisierung zwischen „Religiösen“ und„Atheisten“ zur Folge zu haben.Insgesamt betrachtet werden Religionenzumeist nicht grundsätzlich als schädlich an-gesehen. Doch es gibt Ausnahmen, die sichaus tagespolitischen Ereignissen erklärenlassen. So ist die Vorstellung, dass Religio-nen schädlich sein können, zum Beispiel inSpanien oder in Israel feststellbar. Dort istaufgrund spezifischer Kontexte und Ereig-nisse (Terroranschlag in Madrid) der Bezugzwischen Konflikt und Religion weitaus re-aler als anderswo. Selbst in Frankreich undGroßbritannien beurteilen über 30 %der Befragten Religionen als schädlich.0102030405060Atheismus ChristentumAntworten (sehr bedrohlich/bedrohlich) auf die Frage: „Wenn Sie an die Religionen denken, die es auf der Welt gibt: Als wie bedrohlich bzw. bereichernd neh-men Sie die folgenden Religionen wahr?“TürkeiIndienBrasilienUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 31. 32Akzeptanz von religiösem PluralismusWas bedeuten diese Ergebnisse nun für dieAkzeptanz von religiösem Pluralismus undden Umgang mit ihm? Immerhin handeltes sich dabei um ein Phänomen, das in denletzten Jahrzehnten vor allem in Europa,aber auch darüber hinaus eine zunehmendeBedeutung erlangt hat. Insgesamt findetsich in nahezu allen Ländern eine sehrausgewogene Haltung, der zufolge manandere Religionen in der Regel sowohl alskulturell bereichernd wie auch als konflikt-trächtig wahrnimmt. In Israel und interes-santerweise auch in der Schweiz wird diezunehmende religiöse Vielfalt häufiger alskonfliktträchtig angesehen und weniger alskulturell bereichernd. Dieses Verhältnis istin Spanien und der Türkei umgekehrt. Hierüberwiegen die positiven Einstellungen ge-genüber religiöser Vielfalt. In allen anderenLändern kommen beide Sichtweisen zumTragen: Religiöser Pluralismus kann berei-chernd, aber auch konfliktträchtig sein.In gewisser Hinsicht handelt es sich umeine pragmatische Haltung, die durch einhohes Maß an Realismus gekennzeichnet ist:Man geht nicht davon aus, dass Religion nur„gut“ oder nur „schlecht“ ist. Entsprechendgeht man nicht davon aus, dass Religionennur eine Bereicherung der Kultur darstel-len oder nur Konfliktpotenzial bergen. Eshandelt sich somit um ein Gleichgewichts-verhältnis, das sensibel auf soziale undpolitische Einflüsse reagiert. So könnenTerroranschläge oder allein eine negativeBerichterstattung über andere Religionendiese sehr schnell in den Ruf der Konflikt-trächtigkeit geraten lassen. Gleichzeitigkann zum Beispiel durch Wissen überandere Religionen und insbesondere durchpersönliche Kontakte eine positivere Sichtauf andere Religionen entstehen.3. Religionen und Bedrohungsgefühle„Die Haltung gegenüberreligiöser Vielfaltistvon Pragmatismus undRealismus geprägt“Abbildung 12 Schädlichkeit von Religionen (Angaben in %)0102030405060Religionen sind eher schädlichZustimmende Äußerungen (stimme voll und ganz zu/stimme eher zu) auf die Aussage: „Ich bin davon überzeugt, dass Religionen eher schädlich sind“TürkeiIndienBrasilienUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 32. 33Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichAbbildung 13 Religiöse Pluralisierung – bereichernd oder konfliktträchtig?(Angaben in %)0102030405060708090bereichernd konfliktträchtigZustimmende Äußerungen (stimme voll und ganz zu/stimme eher zu) auf die Aussagen: „Die zunehmende Vielfalt von religiösen Gruppen in unserer Gesellschaftstellt eine kulturelle Bereicherung dar“ und „Die zunehmende Vielfalt von religiösen Gruppen in unserer Gesellschaft ist eine Ursache von Konflikten“TürkeiIndienBrasilienUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchwedenReligiöse ToleranzDaher ist es nicht verwunderlich, wenndie meisten Bürger in den Untersuchungs-ländern auch der Überzeugung sind, dasseigentlich jede Religion einen wahren Kernbesitzt und man allen Religionen gegenüberoffen sein sollte. Zumindest auf der Ebeneder gegebenen Antworten zeigt sich dasBild einer erkennbaren religiösen Toleranz.Dabei wird die Frage nach der Offenheitgegenüber allen Religionen nahezu gleicher-maßen von Hochreligiösen, Religiösen undreligiös Indifferenten zustimmend beant-wortet (Abbildung 14). Etwas anders siehtes bei der Frage nach dem wahren Kernjeder Religion aus. So gestehen sich Christenunterschiedlicher Ausrichtung dies wech-selseitig zu. Allerdings trifft die Aussage„Alle Religionen haben einen wahren Kern“auf Ablehnung bei bedeutenden Gruppeninnerhalb des Islam (32 %), bei den Evan-gelikalen und Pfingstkirchen (30 %) sowieinsbesondere unter den nicht Religiösenoder bekennenden Atheisten (knapp 37 %).Halten nicht religiöse Menschen jeglicheReligion für überflüssig, so sehen Anhängerder evangelikalen Gruppierungen und desIslam dies eher als eine Sache der Exklusi-vität der eigenen Religion an: Nur die eigeneReligion hat recht.Religiöser DogmatismusVor dem Hintergrund dieser Ergebnisseist es naheliegend zu fragen, inwieweitdogmatische oder sogar fundamentalisti-sche Haltungen eher in Ländern zu findensind, in denen entsprechende religiöseGemeinschaften dominieren. Da der Begriffdes Fundamentalismus normativ sehrstark aufgeladen und zudem schwierigmit Umfragedaten exakt zu identifizierenist, wird auf den objektiveren Begriff desDogmatismus zurückgegriffen. Allerdingsvertreten Dogmatiker bereits einige Haltun-
  • 33. 34gen, die auch Fundamentalisten ausmachen.Zwei Fragen können hier Auskunft geben:Zum einen wurde gefragt, inwieweit manüberzeugt ist, dass nur die eigene Religionrecht hat, andere Religionen dagegen eherunrecht haben. Zum anderen wurde gefragt,ob man überzeugt ist, dass nur Mitgliederder eigenen Religion zum Heil gelangen.Insbesondere die zuletzt angesprocheneHeilserwartung ist für jede Religion vonerheblicher Bedeutung. Findet sich nun einegroße Häufigkeit entsprechender Aussagenund sind diese dann in einem eher radikalenSinn zu interpretieren? Dies ist nur begrenztder Fall. Jedoch neigen die Angehörigen be-stimmter religiöser Gemeinschaften stärkerzu exklusiven, also dogmatischen Aussagenals andere Religionsgemeinschaften.Zustimmung zu den vorgelegten Aussagenfindet sich vor allem bei Muslimen undMitgliedern evangelikaler Gruppierungender protestantischen Kirche. Dieses Er-gebnis entspricht in etwa der Verteilungdes Zentralitätsindex über die religiösenGemeinschaften. Gleichzeitig ist allerdingsauch zu konstatieren, dass die Häufigkeitdogmatischer Antworten insgesamt weitge-hend moderat ausfällt.Speziell in Europa finden sich deutlicheMinderheiten zwischen 10 % und 20 %, diesolchen Aussagen zustimmen. Fast ein wenigüberraschend zählt auch Brasilien nicht zuden Ländern mit einem stärkeren Anteilan Dogmatikern (Abbildung 15). Dies kannder Tatsache geschuldet sein, dass religiöseGruppen mit einer entsprechenden Ausrich-tung dort zwar Zuwächse verzeichnen, aberdennoch eher einen Minderheitenstatus ein-nehmen. Die Türkei ist hier eine Ausnahme,da zwischen 44 % und 59 % der türkischenBürger einen stärker exklusiven Charakterihrer Religion sehen. Ähnlich verhält es sichin Israel und Südkorea: Immerhin zwischen3. Religionen und Bedrohungsgefühle„DogmatischeTendenzen unter Muslimenund evangelikalenProtestanten“Abbildung 14 Religiöse Toleranz und Offenheit (Angaben in %)0102030405060708090100Alle Religionen haben wahren Kern religiöse OffenheitZustimmende Äußerungen (stimme voll und ganz zu/stimme eher zu) auf die Aussagen: „Für mich hat jede Religion einen wahren Kern“ und „Man sollte allenReligionen gegenüber offen sein“TürkeiIndienBrasilienUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 34. 35Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichAbbildung 15 Hinweise auf religiösen Dogmatismus (Angaben in %)010203040506070nur eigene Religion hat recht nur eigene Religion führt zum HeilZustimmende Äußerungen (stimme voll und ganz zu/stimme eher zu) auf die Aussagen: „Ich bin davon überzeugt, dass in religiösen Fragen vor allem meineReligion recht hat und andere Religionen eher unrecht haben“ und „Ich bin davon überzeugt, dass nur Mitglieder meiner eigenen Religion zum Heil gelangen“TürkeiIndienBrasilienUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden33 % und 45 % der israelischen Bürger undetwa 30 % der Südkoreaner nehmen eineneher exklusiven Charakter ihrer Religion fürsich in Anspruch. Am stärksten sind dogma-tische Positionen also in der Türkei, in Israelund in Südkorea verbreitet. Dort kann manvermutlich auch am ehesten fundamentalisti-sche Gruppen in diesem Wortsinn vermuten.Angesichts der bisherigen Ergebnisse fürSüdkorea und Israel wird nun deutlich, dasses sich dort in Bezug auf Religiosität unddas Verständnis von Religion um erheblichgespaltene Gesellschaften handelt.Dies lässt gerade Israel als Sonderfallheraustreten. Ist in der Türkei auch die Zahlder Hochreligiösen bedeutend, trifft dies fürIsrael nicht zu. Die meisten Israelis sehensich weder als religiös noch als spirituell.Daneben weist aber ein Drittel der Israelisstarke dogmatische Züge auf. Diese extremePolarisierung wird noch durch die ebenfallshohe Bedeutung von Religion ohne großeeigene Religiosität begleitet. Hier scheinendie politischen Rahmenbedingungen eineentscheidende Rolle für die Sicht auf Religionund die Bedeutung von Religion zu spielen.Dies erklärt auch, dass knapp 50 % der Isra-elis bereit sind, große Opfer für ihre Religionzu erbringen, ein Wert, der nur in den USA,in Indien und in der Türkei übertroffen wird.Eine solche Opferbereitschaft ist ebenso inSüdkorea sowie Brasilien nach wie vor rechtausgeprägt. Nun lässt sich nicht vorhersagen,welche Auswirkung diese Haltung im Fallkonkreter Handlungen haben würde. Gleich-zeitig weist diese Opferbereitschaft aber aufeine Zentralität von Religion für das eigeneLeben hin, die in Europa eher abhandenge-kommen zu sein scheint.Missionsbereitschaft bei gesellschaft-lichen MinderheitenAbbildung 16 weist ein wenig in diese Rich-tung. Die Missionsbereitschaft für die eigeneReligion, also das Ziel, andere Menschenvon der eigenen Religion überzeugen zuwollen, ist in der Regel nur bei ausgeprägten
  • 35. 36gesellschaftlichen Minderheiten zu finden.Dies korrespondiert in hohem Maße mit demGrad der Religiosität dieser Minderheiten.Einen wirklich stark ausgeprägten Missi-onsgedanken findet man nur in der weitge-hend muslimischen Türkei (63 %), in denUSA (35%), Brasilien (47 %) sowie Südkorea(44 %) – immerhin einem in den letztenJahrzehnten von christlicher Mission starkbetroffenen Land. Aber auch in anderenZusammenhängen lässt sich feststellen, dassin den meisten europäischen Ländern dieseÜberzeugungsbereitschaft eher gering aus-fällt. Darüber hinaus ist man sogar häufigder Meinung, Religion sei etwas Privatesund dementsprechend solle man im öffentli-chen Leben eigentlich eher nicht darüber re-den. Man könnte dies als „säkulare Schwei-gespirale“ (Pickel 2011b, 2012) bezeichnen,die die Wirkung eines säkularen Umfeldesnur verstärkt und Religion noch stärker alsetwas Privates erscheinen lässt. Inwieweites sich dabei um ein spezifisch europäischesPhänomen (Berger et al. 2008; Casanova2009; Davie 2002) handelt oder dies als einintegraler Prozess der Säkularisierung undModernisierung anzusehen ist, muss andieser Stelle offenbleiben.Fasst man die Ergebnisse zusammen, sosind zwei Befunde besonders bemerkens-wert: Einerseits scheinen eine gewisseGelassenheit und ein gewisser Pragmatis-mus im Umgang mit anderen Religionenzu bestehen. Gesehen werden die gutenwie die gefährlichen Seiten, die Religionenhaben können. Verbunden mit einer speziellin Europa recht großen selbst bekundetenOffenheit gegenüber anderen Religionen istdies zunächst ein positives Resultat. Diesegrundsätzlich offene Haltung bedeutetjedoch andererseits nicht, dass man gegenBedrohungswahrnehmungen gefeit ist oderReligionen auf naive Weise nur als guterachtet. Vorherrschend ist vielmehr einverbreitetes Bedrohungsgefühl. Zwar wägtman die Wirkungen von Religionen ab, ohnesogleich einen grundsätzlichen „Kampf derKulturen“-Verdacht zu hegen, aber manist auch bereit, sich eines Besseren (oderSchlechteren) belehren zu lassen. Mankönnte diesen Zustand auch als ein relativlabiles Gleichgewicht bezeichnen, das in derFolge politischer Ereignisse sehr schnell zuinstabilen Situationen führen kann.3. Religionen und BedrohungsgefühleAbbildung 16 Opfer- und Missionsbereitschaft (Angaben in %)0102030405060708090große Opfer erbringen viele Menschen gewinnenZustimmende Äußerungen (stimme voll und ganz zu/stimme eher zu) auf die Aussagen: „Ich bin bereit, für meine Religion auch große Opfer zu erbringen“ und„Ich versuche, möglichst viele Menschen für meine Religion zu gewinnen“TürkeiIndienBrasilienUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 36. 37Religionsmonitor | Religiosität im internationalen Vergleich
  • 37. 38Was kann nun Religion vor diesem Hinter-grund für den gesellschaftlichen Zusammen-halt leisten? In der Religionssoziologie wurdebereits früh die Integrationskraft von Religi-on thematisiert (Durkheim 1981). ReligiöseWerte und Normen wurden als wesentlicheElemente für den Zusammenhalt von Gesell-schaften angesehen. Als gemeinsam geteiltes,anzustrebendes Ideal oder als Orientierungfür das eigene Verhalten dienten Werte undNormen dem kollektiven Zusammenhalt. Inmodernen Gesellschaften, die insbesonderedurch den Prozess der gesellschaftlichenIndividualisierung gekennzeichnet sind,werden jedoch gemeinsam geteilte Normenimmer seltener. Die aus der Individualisie-rung resultierende Pluralität der Wertorien-tierungen rückt umso mehr die Frage in denMittelpunkt, wie moderne Gesellschaftenangesichts zunehmender Wertepluralität,gleichzeitig aber auch zunehmender Diversi-tät und Heterogenität, weiterhin zusammen-halten können. Die Kernfrage der politischenKulturforschung (Pickel/Pickel 2006) nachder Korrespondenz zwischen gesellschaft-licher Struktur und Kultur (Wertorientie-rungen) wird also unter sich veränderndenstrukturellen Bedingungen neu gestellt.Gerade den sozialen Beziehungen und ihrerWirkung auf Einstellungen und Wertori-entierungen kommt dabei in modernenGesellschaften eine besondere Bedeutungzu. So wird davon ausgegangen, dass sozialeBeziehungen Vertrauen aufbauen und zudemdas Zusammenleben von Mitgliedern hetero-gener Gruppen verbessern (Wuthnow 1996).Dieses „Sozialkapital“, wie es der amerikani-sche Wissenschaftler Robert Putnam (2000)nennt, dient als eine wichtige Ressource fürden gesellschaftlichen Zusammenhalt. Esumfasst zwei wesentliche Bestandteile: sozi-ale Netzwerke mit persönlichen Kontaktensowie das daraus resultierende Vertrauen indie Mitmenschen.Voraussetzung ist ein freiwilliges Engage-ment von Menschen. Es stellt die Grundlagefür die Ausbildung sozialen Vertrauens dar.So kommuniziert man innerhalb dieserFreiwilligennetzwerke, lernt andere Men-schen kennen und überträgt das gewonneneIn-Group-Vertrauen dann auch auf andereMitglieder der Gesellschaft. Damit dienenFreiwilligennetzwerke (Putnam 2000, aberauch Smidt 2003 oder Traunmüller 2009)gleichermaßen als „Kitt der Gesellschaft“und – aufgrund der im diskursiven Umgangmit anderen Menschen gewonnenen Kom-munikationserfahrungen – als „Schule der4. Religion und gesellschaftlicher Zusammenhalt4. Religion und gesellschaft-licher Zusammenhalt„In modernenGesellschaftenwerden gemeinsam geteilteNormen immer seltener“INFO„Gesellschaftlichen Zusam-menhalt verstehen wir alsein Qualitätsmerkmal vonGesellschaften, das drei Di-mensionen hat. Zunächst gehtes darum, dass Menschensich mit dem Gemeinwesenemotional verbunden fühlen(Verbundenheit). Des Wei-teren müssen die Mitgliederin einem funktionierendenGemeinwesen miteinanderinteragieren und tatsächlichan den politischen und sozi-alen Prozessen teilhaben: Esmuss stabile und vertrauens-volle soziale Beziehungengeben. Letztlich müssen dieMenschen füreinander und fürdas Gemeinwesen insgesamtVerantwortung übernehmen(Gemeinwohlorientierung).Wenn von gesellschaftlichemZusammenhalt die Rede ist,sind damit immer Verbunden-heit, soziale Beziehungen undGemeinwohlorientierung ge-meint“ (Bertelsmann Stiftung2012).Im Religionsmonitor wurdeninsbesondere die sozialenBeziehungen untersucht undhierbei vor allem das sozialeKapital als deren zentralesElement.
  • 38. 39Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichDemokratie“. So geht man davon aus, dassMenschen in Freiwilligennetzwerken nichtnur den Umgang mit anderen, sondern auchihre Interessen zu artikulieren und dieseauszudiskutieren lernen (Traunmüller 2009).Freiwilliges Engagement imLändervergleichDieses freiwillige Engagement fällt imLändervergleich sehr unterschiedlich aus,wie Abbildung 17 zeigt. Engagiert sich inSchweden und in der Schweiz fast die Hälfte,in den USA immerhin gut 40 % der Bürgernach eigenem Bekunden in entsprechendensozialen Gruppen, so beläuft sich diese Zahlin Israel, Südkorea und der Türkei nichteinmal auf ein Fünftel. Den Aussagen derBefragten zufolge ist nur ein begrenzterAnteil der Engagierten religiös orientiert unddieser liegt in einigen Untersuchungslän-dern unter 10 %. Demgegenüber erreichendie Werte für Brasilien, Kanada und Indienfast 20 %, in den USA sogar darüber. ReligiösAbbildung 17 Freiwilliges Engagement und dessen Anteil mit religiöser Ausrichtung(Angaben in %)0102030405060freiwilliges Engagement insgesamt freiwilliges Engagement mit religiösem ZielZustimmende Antworten (Ja) auf die Fragen: „Nun interessiert uns, ob Sie sich außerhalb von Beruf und Familie freiwillig engagieren. Es geht um freiwilligübernommene Funktionen, die man regelmäßig und unbezahlt oder gegen geringe Aufwandsentschädigung ausübt. „Engagieren Sie sich in dieser Form zurzeitfreiwillig?‘ und ‚Hat ihr Engagement vor allem nicht religiöse oder vor allem religiöse Ziele oder religiöse und nicht religiöse Ziele gleichermaßen?‘.“ Der Anteil„freiwilliges Engagement mit religiösem Ziel“ berechnet sich aus „religiöse Ziele“ und „religiöse und nicht religiöse Ziele“.TürkeiIndienBrasilienUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 39. 40orientiertes Freiwilligenengagement macht indiesen Ländern – mit Ausnahme Kanadas –den überwiegenden Anteil allen freiwilligenEngagements aus. Speziell die USA nehmenmit ihrer zivilreligiösen Ausrichtung (Bellah1967) eine Sonderstellung ein – religiöseMotivation scheint hier soziales Engagementstark voranzutreiben.Man kann davon ausgehen, dass Moderni-sierung, verbunden mit der Freisetzung zeit-licher Kapazitäten, sich in der Regel positivauf das freiwillige Engagement der Bürgerauswirkt, selbst wenn in einigen Befra-gungsländern wie Südkorea möglicherweisespezifische Rahmenbedingungen vorherr-schen. Dies wäre in vertiefenden Studien zuanalysieren.Insgesamt bestehen wohl wesentliche Poten-ziale für die Zukunft sich modernisierenderGesellschaften. Auch religiöse Netzwerkeprofitieren davon. So scheinen sich Frei-willigengruppen vor allem im Umfeld derimmer stärker sozial ausgerichteten Kirchenanzusiedeln. Allerdings liegt der Beteiligungnicht unbedingt eine religiöse Motivationzugrunde, was dazu führt, dass viele dieserGruppen von ihren Mitgliedern gleichsam als„säkular“ angesehen werden. Entsprechendist der Anteil der religiös orientierten (faith-based) Netzwerke vermutlich sogar nochhöher einzuschätzen, als dies die in Abbil-dung 17 dargestellten Ergebnisse nahelegen(Roßteutscher 2009; Pickel/Gladkich 2012).Kirchen und soziale VerantwortungDoch neben der gewissermaßen „infrastruk-turellen“ Leistung der Kirchen für den Auf-4. Religion und gesellschaftlicher Zusammenhaltund Ausbau von Zivilgesellschaft und Sozial-kapital ist auch der genuin religiöse Beitragzu würdigen. Dies wird deutlich, wennman aus der ebenfalls in die Untersuchungdes Religionsmonitors 2013 einbezogenenWerteskala von Schwartz die Fragestellungzur sozialen Hilfe herausnimmt. Anhandvon Korrelationsanalysen zeigt sich relativdeutlich, dass religiöse Menschen stärker alsandere dazu neigen, anderen Menschen inihrem Umfeld zu helfen und sich um sie zukümmern (Abbildung 18).Gleichzeitig wird erkennbar, dass Werte-muster wie Hedonismus oder Selbstentfal-tung (Abenteuer und aufregendes Leben)seltener bei religiösen Menschen zu findensind. Hier wird auch zum ersten Mal einUnterschied zwischen der Eigeneinschät-zung als religiös und der als spirituellerkennbar: Spirituelle Personen sind offenerfür neue Ideen und Kreativität. Möglicher-weise bestehen hier bei begrenzten Gruppen,die einen individualistischen Charakterbesitzen, zumindest kleinere Auffassungsun-terschiede.Wer hat Vertrauen in religiöseMenschen?Es scheint, dass diese Freiwilligennetzwerkeeine positive, vertrauensbildende Wirkungauf Menschen ausüben. Zunächst gilt es je-doch, sich einen allgemeinen Überblick überdie Vertrauenswerte zu verschaffen.Insgesamt zeigt sich weltweit ein rechthohes Vertrauen in religiöse Menschen, egalob Mitglieder der eigenen oder irgendeinerReligion (Abbildung 20). Vergleicht man dieLänder untereinander, so scheint das gene-relle Vertrauensniveau länderübergreifendbemerkenswert hoch zu liegen (Abbildung19). Entweder ist ein grundsätzliches sozialesVertrauen vorhanden, und dies wird weitge-hend auch auf andere Gruppen übertragen,oder es bestehen Defizite hinsichtlich dieses„Freiwilligengruppenscheinen sich im Umfeld vonsozial ausgerichtetenKirchen anzusiedeln“
  • 40. 41Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichGrundvertrauens. Dies ist im Fall der Türkeizu beobachten, wo weniger als die Hälfte derBefragten angeben, Vertrauen in die Mitglie-der der eigenen Religion zu besitzen. Dane-ben ist das Vertrauen in die Mitglieder gleichwelcher Religion insbesondere in der Türkei,Deutschland und in Spanien am geringstenausgeprägt.Das hier feststellbare grundsätzliche sozialeVertrauen steht in Zusammenhang mit derLebenszufriedenheit sowie der Beurteilungder wirtschaftlichen Lage. SozioökonomischeModernisierung scheint Vertrauensressour-cen freizusetzen. Signifikante Korrelations-koeffizienten von r=,17 für die Beziehungzwischen der Einschätzung der eigenenWirtschaftslage und sozialem Vertrauensowie von r=,15 zwischen der Lebenszufrie-denheit und sozialem Vertrauen über alleLänder (und in vergleichbaren Höhen in denLändern) belegen dies. Diese ErkenntnisAbbildung 18 Beziehungen zwischen Wertvorstellungen und ReligiositätTraditionen fortführensich korrekt verhalten undanpassenGefahr meiden und sicheresUmfeldMenschen im Umfeld helfenund sich kümmernsich um Natur und Umweltkümmernneue Ideen entwickeln undkreativ seinAbenteuer und aufregendes LebenSpaß haben und sich was gönnenreich sein und teure Dinge besitzennegativer Zusammenhang positiver ZusammenhangDie Balken zeigen positive und negative Zusammenhänge von Religiosität bzw. Spiritualität mit bestimmen Werten an (Pearsons Produkt-Moment-Korrelation; Variatio-nen zwischen 1,00 und –1,00; nur signifikante Werte). Positiv bedeutet, dass höhere Religiosität mit einer stärkeren Ausprägung des jeweiligen Werts einhergeht. Negativentsprechend, dass religiösere Menschen diesen Wert seltener vertreten. Entsprechendes gilt für Spiritualität.–0,2 –0,1 0 0,1 0,2–0,4 0,3–0,3 0,4Spiritualität persönliche Religiositätkein Zusammenhang nachweisbar
  • 41. 42ist nicht ganz neu, erfolgt doch auf diesemWege eine Reduktion der Bedrohungswahr-nehmungen.Gleichzeitig besteht zwischen Modernisie-rung und dem sozialen Engagement vonMenschen eine Beziehung, da erst einegewisse sozioökonomische AbsicherungMöglichkeiten freisetzt, sich aktiv sozial oderpolitisch zu engagieren. Und auch innerhalbder sozialen Netzwerke scheint sich eineVerfestigung oder Ausbildung von sozialemVertrauen zu manifestieren. So bestehendeutliche Beziehungen zwischen der Mit-arbeit in einem Freiwilligennetzwerk unddem Vertrauen, das man den Mitmenschenim Allgemeinen entgegenbringt. Menschenohne Religionszugehörigkeit werden hiervonnicht ausgeschlossen.4. Religion und gesellschaftlicher ZusammenhaltNun wird bei der These vom „Kampf derKulturen“ auf die wechselseitige Abgrenzunggegenüber anderen Religionen und derenMitgliedern Bezug genommen. Vertrauenmag man in die Mitglieder der eigenenKultur und der eigenen Sozialgruppe haben,aber als „nicht dazugehörig“ wahrgenom-mene Menschen und Sozialgruppen werdeneher abgelehnt. Dieser Sachverhalt wirdin der Sozialkapitalforschung als „BondingSocial Capital“ bezeichnet. Positive Bezie-hungen entstehen allerdings erst, wenn dasVertrauen auf die Mitglieder der Gesamtge-sellschaft erweitert wird, wie heterogen dieseauch sein mag (sogenanntes „Bridging SocialCapital“). Ist die Situation des interpersona-len Vertrauens nun wirklich so bedenklich,wie die Angaben zu den Bedrohungsgefühlenausdrücken? Fragt man gezielt nach demVertrauen, das in andere Menschen – ins-besondere in religiöse Menschen – gesetztwird, so fällt das Ergebnis deutlich positi-ver aus als möglicherweise erwartet. Aufder zwischenmenschlichen Ebene werdenandere religiöse Menschen mehrheitlich alsAbbildung 19 Vertrauen in andere Menschen und in Menschen ohneReligionszugehörigkeit (Angaben in %)0102030405060708090100Menschen im Allgemeinen Menschen ohne ReligionszugehörigkeitAntwort (völlig/ziemlich) auf die Frage: „Ich nenne Ihnen nun verschiedene Gruppen. Bitte Sagen Sie mir jeweils, ob Sie dieser Gruppe gar nicht, kaum, ziemlichoder völlig vertrauen“TürkeiUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden„SozioökonomischeModernisierung scheintVertrauensressourcenfreizusetzen“
  • 42. 43Religionsmonitor | Religiosität im internationalen Vergleichvertrauenswürdig angesehen. Zwischen „derReligion“ beziehungsweise „dem Islam“ aufder einen Seite und den religiösen Menschenauf der anderen wird eine recht deutlicheTrennung vollzogen. Religiosität scheintalso nicht per se in Abgrenzung münden zumüssen.Vertrauensbildende MaßnahmenErfolg versprechendDiese Ergebnisse können zwar nicht alsEntwarnung gewertet werden, sie relativie-ren allerdings die bedenklich stimmendenErgebnisse zur Bedrohungswahrnehmungdurch andere Religionen. Sie schließendamit auch an die positiven Resultate zurOffenheit gegenüber anderen Religionen an.Vertrauensbildende Maßnahmen und dieFörderung von Zusammenarbeit zwischenMenschen unterschiedlicher Herkunft schei-nen lohnend, da hierdurch das Vertrauen indie Mitmenschen gefördert werden kann.Darüber hinaus wirkt sich dieses Vertrauengünstig für Demokratien aus. So steigt mitdem Vertrauen in die Mitmenschen auch diepositive Haltung zur Demokratie. Abgesehenvon Israel, Südkorea und der Türkei über-steigt die Zahl der Demokratiebefürworterunter den Menschen mit sozialem Vertrauendie Zahl der Demokratiebefürworter unterden Menschen ohne soziales Vertrauen(Abbildung 21a).Was denken religiöse und nicht reli-giöse Menschen über die Demokratie?In fast allen Untersuchungsländern isteine überwältigende Unterstützung demo-kratischer Prinzipien feststellbar. GewisseEinschränkungen finden sich allein in Israelund etwas deutlicher in Südkorea, wo mögli-cherweise mehr Zeit als angenommen für dieVerankerung einer die ganze Bevölkerungumfassenden demokratischen politischenKultur benötigt wird. Die Grundlage hierfürAbbildung 20 Unterschiede beim Vertrauen in Angehörige der eigenen oderirgendeiner Religion (Angaben in %)0102030405060708090100Angehörige der eigenen Religion Angehörige irgendeiner ReligionAntwort (völlig/ziemlich) auf die Frage: „Ich nenne Ihnen nun verschiedene Gruppen. Bitte sagen Sie mir jeweils, ob Sie dieser Gruppe gar nicht, kaum, ziemlichoder völlig vertrauen“TürkeiUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 43. 44ist allerdings vorhanden, stimmen dochimmerhin jeweils über 80 % der Befragtender Aussage „Die Demokratie ist eine guteRegierungsform“ zu, wenn man neben denvoll und ganz zustimmenden Antworten auchdie eher zustimmenden Antworten berück-sichtigt.Dazu ist anzumerken, dass die hier gestellteFrage zur Demokratie als guter Regierungs-form eine Abwandlung anderer Fragestellun-gen, die auf die Legitimität der Demokratiein den Bevölkerungen abzielen, ist. DieseErgebnisse sind von den Befunden hinsicht-lich der – auch durch die Effektivität vonDemokratie bedingten – Zufriedenheit mitdem aktuellen demokratischen System zuunterscheiden (vgl. Pickel/Pickel 2006). Mankann gemeinhin davon ausgehen, dass Ant-worten auf diese Frage Auskünfte über dieStabilität der Demokratien (auch in Krisen-phasen) zulassen.Da die Fragestellung mit „gute Regierungs-form“ weicher formuliert ist als mit dersonst zumeist verwendeten Bezeichnung„beste Regierungsform“, wurde hier nur dieZustimmung zur Antwortvorgabe „voll undganz“ berücksichtigt (Abbildung 21).Etwas uneinheitlicher fallen die Ergebnis-se aus, vergleicht man die Haltung nichtreligiöser Menschen zur Demokratie mit dervon religiösen Menschen (Abbildung 21b). Ineinigen Ländern haben die nicht religiösenBürger eine etwas positivere Auffassung vonder Demokratie (Türkei, Frankreich, Spani-en) als in anderen Ländern (Deutschland,Schweiz, USA). Insgesamt überwiegt aberdie breite Unterstützung der Demokratie, diedurch religiöse Vorstellungen kaum beein-trächtigt wird. Unter den Bürgern habenDemokratie und Religion mittlerweile einAuskommen nebeneinander gefunden.4. Religion und gesellschaftlicher ZusammenhaltAbbildung 21 Die Demokratie ist eine gute Regierungsform (Angaben in %)0102030405060708090100stimme voll und ganz zu stimme eher zuZustimmende Antworten (stimme voll und ganz zu/stimme eher zu) auf die Aussage „Die Demokratie ist eine gute Regierungsform“TürkeiUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden„In fast allen Untersuchungsländernist eine überwältigendeUnterstützungdemokratischerPrinzipien feststellbar“
  • 44. 45Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichTürkei: hohe Zustimmung zurDemokratieVor dem Hintergrund der bisherigen Ergeb-nisse ist auch das Resultat in der Türkeierwähnenswert: Dort findet sich eine hoheZustimmung zur Demokratie als Regierungs-form. Lässt man einmal die Frage unberück-sichtigt, welches Demokratieverständnis imEinzelnen damit verbunden ist, scheinenGruppen hoher Religiosität und auch einemuslimische Mehrheitsgesellschaft nichtzwangsläufig eine demokratiefeindliche oderdemokratieskeptische Haltung einnehmen zumüssen. Dies zeigt übrigens ebenso eine Auf-schlüsselung der Ergebnisse innerhalb derLänder nach Religionszugehörigkeiten, beider sich zumeist erhebliche Zustimmungs-werte ergeben. Allerdings ist zu erwähnen,dass die Zustimmung „voll und ganz“ beiden Angehörigen islamischer Religionsge-meinschaften in den europäischen Staatensieben bis acht Prozentpunkte unter denZustimmungswerten der Mitglieder christ-licher Glaubensgemeinschaften liegt. Diesist ein signifikanter Unterschied, der jedochangesichts des hohen Zustimmungsniveausauch unter den Muslimen nicht überbewertetwerden sollte. Auffällig ist erneut der FallIsrael: Hier ist die Zustimmung zur Demokra-tie unter den Muslimen wesentlich stärkerverbreitet als unter den Bevölkerungsteilenjüdischer Religionszugehörigkeit. Möglicher-weise kommt hier eine Hoffnung der mus-limischen Bevölkerung zum Ausdruck, vordem Hintergrund der prekären politischenLage Schutzrechte aufgrund des Minderhei-tenstatus besser erhalten und sichern zukönnen.Unterschiede in der Haltunggegenüber ZuwanderernInteressant ist auch ein anderes, allgemei-nes Merkmal für Toleranz: die Haltunggegenüber Zuwanderern. Hier weisen dieUntersuchungsländer zum Teil erheblicheUnterschiede auf (vgl. Abbildung 22). So mo-derat die Haltung gegenüber Zuwanderern inSchweden und den EinwanderungsländernAbbildung 21a Beziehung zwischen Demokratie und sozialem Vertrauen (Angaben in %)0102030405060708090100Gruppe soziales Vertrauen Gruppe kein soziales VertrauenZustimmende Antworten (stimme voll und ganz zu) auf die Aussage „Die Demokratie ist eine gute Regierungsform“, aufgeteilt nach Gruppen mit hohem undmit geringem Vertrauen in Menschen im AllgemeinenTürkeiUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 45. 46USA und Kanada ist, so ablehnend ist siein der Türkei, Südkorea, Großbritannien,Deutschland und der Schweiz. Nun lassensich die Antworten auf die vorgegebene Aus-sage auch als Bestandsaufnahme deuten –dies könnte zum Beispiel in Großbritanniender Fall sein. Insgesamt reflektieren sie aberauch die Offenheit bzw. Geschlossenheiteiner Gesellschaft. Deutschland nimmt hiereine mittlere Position ein, wobei sich dieHaltung gegenüber Zuwanderern („Es gibt zuviele Zuwanderer im Land“) in Ostdeutsch-land (61% Zustimmung) als weniger toleranterweist als in Westdeutschland (50 %).Es zeigt sich, dass Religiosität in diesemZusammenhang einen ungünstigen Einflussauszuüben scheint. Religiöse Menschenneigen nach eigenem Bekunden mehr alsnicht religiöse zu einem exklusiven Gesell-schaftsverständnis. Dies verdeutlichen insbe-sondere die Werte für Spanien. Auch diesesErgebnis kann wieder als Hinweis auf diesich abzeichnende Polarisierung in Spanienhinsichtlich der Haltung zu Religion gedeu-tet werden. So ist anzunehmen, dass eineVerbindung von Religiosität und Nähe so-wohl zu konservativen Parteien wie auch zunicht republikanischen Traditionen besteht.Allerdings fallen ebenso in Israel, den USAund Frankreich die Differenzen zwischenReligiösen und nicht Religiösen hinsichtlichder Bewertung von Zuwanderung deutlichaus. In Deutschland (sowohl West- wie auchOstdeutschland), der Schweiz und Südkoreahingegen sind die Unterschiede verschwin-dend gering. Allerdings sind die Ergebnisseim Gesamtzusammenhang zu interpretieren.So überwiegen in der Regel wahrscheinlichgesamtgesellschaftliche Haltungen zurZuwanderung, die öffentlichen Diskursen,politischen und sozialen Erfahrungen undkollektiven Gruppenwahrnehmungen ge-schuldet sind. Religiosität ist dabei nur einezusätzlich differenzierende Komponente,4. Religion und gesellschaftlicher Zusammenhalt„Religiöse Menschenneigen mehr als nicht religiöse zueinem exklusivenGesellschaftsverständnis“Abbildung 21b Beziehung zwischen Demokratie und Religiosität (Angaben in %)0102030405060708090100Gruppe religiös Gruppe nicht religiösZustimmende Antworten (stimme voll und ganz zu) auf die Aussage „Die Demokratie ist eine gute Regierungsform“, aufgeteilt nach religiösen und nicht religiösenMenschenTürkeiUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 46. 47Religionsmonitor | Religiosität im internationalen Vergleichkann aber nicht die Länderunterschiede ansich erklären.Gleichzeitig gibt dieser Befund auch Anlasszu Bedenken, da kulturelle Abwehrhaltun-gen eine hohe Begründungskraft entfaltenzu können scheinen. Es hat den Anschein,dass die Skepsis gegenüber Menschen ausanderen Kulturkreisen nicht nur in kleinenMinderheiten existiert. Eine hohe Legitimitätder Demokratie ist folglich gut vereinbar mitskeptischen Haltungen auf der Ebene der„politischen Gemeinschaft“, wie sie die po-litische Kulturforschung bezeichnet (Easton1975).Religiöses Sozialkapital und Offenheitgegenüber ZuwanderernAn dieser Stelle sei angemerkt, dass sich dasreligiöse Sozialkapital bzw. das Sozialkapitalinsgesamt auch hinsichtlich der Offenheitgegenüber Zuwanderern günstig auswirkt,selbst wenn beide nicht die gesamtgesell-schaftlichen Haltungen überwinden können.So führt die Untersuchung für die befragtenLänder letztlich zu einem widersprüchlichenResultat: Einerseits stellen Religionen durchihre Vereine und sozialen Netzwerke Gele-genheitsstrukturen bereit, die eine positiveEinstellung gegenüber der Demokratie oderauch Toleranz befördern. Andererseits kannReligiosität in ihrer unmittelbar persönlichenAusprägung aber auch zu einem exklusivenGesellschaftsverständnis führen.Abbildung 22 Einstellung gegenüber Zuwanderern (Angaben in %)0102030405060708090100religiös nicht religiösZustimmende Antworten (stimme voll und ganz zu/stimme eher zu) auf die Aussage „Es gibt zu viele Zuwanderer in [Land]“, aufgeteilt nach religiösen und nichtreligiösen MenschenTürkeiUSAKanadaIsraelSüdkoreaSchweizDeutschlandSpanienGroßbritannienFrankreichSchweden
  • 47. 48LiteraturLiteraturAllport, Gordon (1954): The Nature of Prejudice. Cambridge.Bellah, Robert N. (1967): Civil Religion in America. In: Daedalus 96, 1–21.Berger, Peter/Davie, Grace/Fokas, Effie (Hrsg.) (2008): Religious America, Secular Europe?A Theme and Variations. Burlington.Bertelsmann Stiftung (2007): Religionsmonitor 2008. Gütersloh.Bertelsmann Stiftung (2009): Woran glaubt die Welt? Analysen und Kommentare zum Religions-monitor 2008. Gütersloh.Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (2012): Kohäsionsradar: Zusammenhalt messen. GesellschaftlicherZusammenhalt in Deutschland – ein erster Überblick. Gütersloh.Bruce, Steve (2002): God is Dead: Secularization in the West. Oxford.Casanova, José (1994): Public Religions in the Modern World. Chicago.Casanova, José (1996): Chancen und Gefahren öffentlicher Religion. Ost- und Westeuropa imVergleich. In: Kallscheuer, Otto (Hrsg.): Das Europa der Religionen. Ein Kontinent zwischenSäkularisierung und Fundamentalismus. Frankfurt a.M., 181–211.Casanova, José (2009): Europas Angst vor der Religion. Berlin.Davie, Grace (2002): Europe: The Exceptional Case. Parameters of Faith in the Modern World.London.Dobbelaere, Karel (2002): Secularization: An Analysis at Three Levels. Brüssel.Durkheim, Émile (1981 [1912]): Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Frankfurt a.M.ABCD
  • 48. 49Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichEaston, David (1975): A Re-Assessment of the Concept of Political Support. In: British Journal ofPolitical Science 5/4, 435–457Finke, Roger/Stark, Rodney (2006): The Churching of America 1776–2005. Winners and Losersin Our Religious Economy. New Brunswick.Fox, Jonathan (2004): Religion, Civilization, and Civil War: 1945 through the New Millennium.Lanham.Fox, Jonathan (2008): A World Survey of Religion and the State. Cambridge.Glock, Charles Y. (1962): On the Study of Religious Commitment. Religious Education (SpecialIssue).Glock, Charles Y./Stark, Rodney (1965): Religion and Society in Tension. Chicago.Gorski, Philip (2000): Historicizing the Secularization Debate: Church, State, and Society in LateMedieval and Early Modern Europe, ca. 1300 to 1700. In: American Sociological Review 65:1,138–166.Graf, Friedrich Wilhelm (2004): Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur.Bonn.Haynes, Jeffrey (Hrsg.) (2009): Routledge Handbook of Religion and Politics. New York.Heelas, Paul/Woodhead, Linda (2005): The Spiritual Revolution: Why Religion is Giving Way toSpirituality. Oxford.Huber, Stefan (2003): Zentralität und Inhalt. Ein neues multidimensionales Messmodell derReligiosität. Opladen.EFGH
  • 49. 50LiteraturHuber, Stefan (2009): Der Religionsmonitor 2008: Strukturierende Prinzipien, operationaleKonstrukte, Auswertungsstrategien. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Woran glaubt die Welt?Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008. Gütersloh, 17–52.Huntington, Samuel P. (1996): The Clash of Civilizations. New York.Inglehart, Ronald/Welzel, Christian (2005): Modernization, Cultural Change, and Democratiza-tion. The Human Development Sequence. Cambridge.Luckmann, Thomas (1991 [engl. 1967]): The Invisible Religion: The Problem of Religion inModern Society. New York.Martin, David (1978): A General Theory of Secularization. Oxford.Martin, David (2001): Pentecostalism: The World their Parish. London.McLeod, Hugh (2000): Secularization in Western Europe, 1848–1914. Basingstoke.Norris, Pippa/Inglehart, Ronald (2004): Sacred and Secular: Religion and Politics Worldwide.Cambridge.Pickel, Gert (2010): Säkularisierung, Individualisierung oder Marktmodell? Religiosität und ihreErklärungsfaktoren im europäischen Vergleich. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsy-chologie 62, 219–245.Pickel, Gert (2011a): Religionssoziologie. Eine Einführung in zentrale Themenbereiche.Wiesbaden.Pickel, Gert (2011b): Ostdeutschland im europäischen Vergleich. Immer noch ein Sonderfall oderein Sonderweg? In: Pickel, Gert/Sammet, Kornelia (Hrsg.): Religion und Religiosität im vereinig-ten Deutschland. Zwanzig Jahre nach dem Umbruch. Wiesbaden, 165–190.Pickel, Gert (2012): Rückkehr des Religiösen oder voranschreitende Säkularisierung? ZwischenHoffnung und Realitätswahrnehmung. In: Pickel, Gert/Hidalgo, Oliver (Hrsg.): Religion und Poli-tik im vereinigten Deutschland. Was bleibt von der Rückkehr des Religiösen? Wiesbaden, 59–84.Pickel, Gert/Gladkich, Anja (2012): Religious Social Capital in Europe. Connections betweenReligiosity and Civil Society. In: Pickel, Gert/Sammet, Kornelia (Hrsg.): Transformations of Reli-giosity – Religion and Religiosity in Central and Eastern Europe 1989–2010. Wiesbaden, 69–94.Pickel, Susanne/Pickel, Gert (2006): Politische Kultur- und Demokratieforschung. Grundbegriffe,Theorien, Methoden. Eine Einführung. Wiesbaden.Pollack, Detlef (2003): Säkularisierung – ein moderner Mythos? Tübingen.ILMNP
  • 50. 51Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichPollack, Detlef (2009): Rückkehr des Religiösen? Studien zum religiösen Wandel in Deutschlandund Europa II. Tübingen.Pollack, Detlef/Müller, Olaf/Pickel, Gert (Hrsg.) (2012): The Social Significance of Religion in theEnlarged Europe. Secularization, Individualization and Pluralization. Farnham.Putnam, Robert (2000): Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community.New York.Riesebrodt, Martin (2001): Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der „Kampfder Kulturen“. München, (2. Auflage).Rittberger, Volker/Hasenclever, Andreas (2000): Religionen in Konflikten – Religiöser Glaubeals Quelle von Gewalt und Frieden. Stuttgart.Roßteutscher, Sigrid (2009): Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie. Eine international verglei-chende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesell-schaften. Baden-Baden.Schäfer, Friedrich Wilhelm (2009): Lateinamerika: Dynamik des religiösen Feldes. In: Bertels-mann Stiftung (Hrsg.): Woran glaubt die Welt? Gütersloh, 481–505.Schäfer, Heinrich Wilhelm (2008): Kampf der Fundamentalismen: Radikales Christentum,radikaler Islam und Europas Moderne. Berlin.Schäfer, Heinrich Wilhelm (2010): Religion in der konfliktiven Moderne Lateinamerikas.In: Reder, Michael/Rugel, Matthias (Hrsg.): Religion und die umstrittene Moderne. Stuttgart,89–113.Smidt, Corwin (Hrsg.) (2003): Religion as Social Capital. Producing the Common Good. Waco.Stolz, Jörg (2009): Explaining Religiosity: Towards a Unified Theoretical Model. In: BritishJournal of Sociology 60:2, 345–376.Taylor, Charles (2007): A Secular Age. London.Traunmüller, Richard (2009): Religion und Sozialintegration. Eine empirische Analyse derreligiösen Grundlagen sozialen Kapitals. In: Berliner Journal für Soziologie 19:3, 435–468.Wilson, Bryan (1982): Religion in Sociological Perspective. Oxford.Wuthnow, Robert (1996): Der Wandel der religiösen Landschaft in den USA seit dem zweitenWeltkrieg. Würzburg.RSTW
  • 51. 52Der AutorDer AutorGert PickelSeit 2009 Professor für Religions- und Kir-chensoziologie an der Theologischen Fakultätder Universität Leipzig. Von 2011 bis 2012Mitglied des wissenschaftlichen Beirats derKirchenmitgliedschaftsuntersuchung derEvangelischen Kirche Deutschlands. Arbeits-und Forschungsschwerpunkte: politischeKulturforschung, Demokratieforschung,empirische Religionssoziologie, Säkularisie-rungstheorie, Verhältnis von Religion undPolitik und Integration religiöser Gemein-schaften.
  • 52. 53Religionsmonitor | Religiosität im internationalen VergleichImpressum© 2013 Bertelsmann StiftungBertelsmann StiftungCarl-Bertelsmann-Straße 25633311 Güterslohwww.bertelsmann-stiftung.deVerantwortlichStephan Vopel, Dr. Berthold Weig,Dr. Kai UnzickerGestaltungMedienfabrik Gütersloh GmbH, GüterslohBildnachweisTitelbild © Blend Images – Fotolia.comSeite 11 © Nuiiko – Shutterstock ImagesSeite 17 © Tongshan – iStockphoto.comSeite 29 © Distinctive Images – ShutterstockImagesSeite 39 © Urbanheats – Fotolia.comDruckHans Kock Buch- und Offsetdruck GmbH,Bielefeld
  • 53. Religionsmonitorverstehen was verbindetReligiosität im internationalen VergleichAdresse | KontaktBertelsmann StiftungCarl-Bertelsmann-Straße 25633311 GüterslohTelefon +49 5241 81-0Fax +49 5241 81-81999KontaktStephan VopelDirectorProgramm Lebendige WerteTelefon: +49 5241 81-81397Fax: +49 5241 681131E-Mail: stephan.vopel@bertelsmann-stiftung.deDr. Berthold WeigSenior Project ManagerProjekt ReligionsmonitorTelefon: +49 5241 81-81524Fax: +49 5241 681131E-Mail: berthold.weig@bertelsmann-stiftung.dewww.religionsmonitor.de

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