Aufbrechen - Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des BLLV
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Die Festschrift erzählt die bewegte Geschichte des BLLV von seiner Gründung im Jahr 1861 bis 2011. Parallel zur Verbandshistorie werden auch Meilensteine der deutschen und bayerischen Geschichte ...

Die Festschrift erzählt die bewegte Geschichte des BLLV von seiner Gründung im Jahr 1861 bis 2011. Parallel zur Verbandshistorie werden auch Meilensteine der deutschen und bayerischen Geschichte schlaglichtartig beleuchtet. So lässt die Festschrift ein Stück Vergangenheit wieder lebendig werden.

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Aufbrechen - Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des BLLV Aufbrechen - Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des BLLV Document Transcript

  • Festschrift anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des BLLV
  • ImpressumHerausgeber:Bayerischer Lehrer- undLehrerinnenverband (BLLV)Bavariaring 3780336 MünchenRedaktion:Dieter ReithmeierText Geschichte des BLLV:Dieter ReithmeierGrafik:creativ3 werbeagentur gmbhFotos:BLLV, Studio RoederDruck:OrtmannTe@m Ainring2. erweiterte Auflage
  • Festschrift anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des BLLVBayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband
  • InhaltKlaus WenzelAufbrechen – 150 Jahre für Bildung als Menschenrecht // 6Dr. h. c. Albin DannhäuserUmbruch der Gesellschaft – Aufbruch als moderner Gesamtverband // 10Dr. h. c. Wilhelm EbertAufbruch zur Demokratie – der Wiederaufbau des BLLV nach 1945 // 12Dr. Ludwig Spaenle // 14Geschichte und VerantwortungKarl HeißAufruf zur Gründung eines „Bayerischen Lehrervereins“ // 24Die Gründungsversammlung im historischen Reichssaal zu Regensburg // 26Eröffnungsrede des Achdorfer Volksschullehrers Karl Heiß // 32Aufbruch – Widerstand – StärkeDie Geschichte des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes // 38Max LiedtkeDie Bedeutung des BLLV in der Bayerischen Bildungsgeschichte // 72
  • Aufbrechen 150 Jahre für Bildung als Menschenrecht Als sich am 27. Dezember 1861 annähernd 200 Lehrer anschickten, in Regensburg den Bayerischen Lehrerverein zu gründen, lagen schon 40 Jahre des Kampfes für eine ge- meinsame Selbsthilfeorganisation hinter ihnen. Einige der Gründungsmitglieder erinnerten sich noch daran, dass schon 1823 in Nürnberg Johann Konrad Grißhammer einen ersten Versuch unternommen hatte, einen überkonfessionellen „Allgemeinen Lehrerverein für Baiern“ aus der Taufe zu heben, der aber zehn Jahre später wieder verboten wurde. Andere der 1861 in Regensburg Anwesenden waren selbst dabei gewesen, als 1848 in Schwa- bach in den kurzen Jahren des freiheitlichen Aufbruchs, der als Vormärz bezeichnet wird, erneut ein Anlauf zu einer Vereinsgründung genommen wurde. 180 Lehrer beauftragten auf dieser Versammlung den Nürnberger Lehrerverein, einen „Zentral-Volksschullehrer- verein“ zu gründen, der die bereits existierenden 35 Ortsvereine von Lehrern in Bayern zusammenführen sollte. Bereits 1849 aber gab es obrigkeitliche Androhungen von Dienstentlassungen. Später wurden tatsächlich Entlassungen von Lehrervereinsmit- gliedern ausgesprochen, lokale Mitgliedsvereine verboten und Gefängnisstrafen verhängt. Weil der Zentral-Volksschullehrerverein sich auf seiner Versammlung am 22. Juni 1850 u. a. mit dem Verhältnis von Staat, Kirche und Schule auseinandersetzen wollte, wurde er am 4. Juni 1850 kurzerhand als politischer Verein klassifiziert und aufgelöst. Die Zeichen standen auf Restauration, denn es war „politischen Vereinen und solchen, die sich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftigen“ verboten, „sich mit anderen solchen Vereinen zu einem gegliederten Ganzen zu vereinen“. Die Gründung 1861 nun war die Stunde gekommen – die Stunde zu einem neuen AUFBRUCH. Zwei Verbote lagen zurück, aber die Idee der Bildung und des Zusammenhalts aller Lehrer war stärker. Dem ambitionierten niederbayerischen Volksschullehrer Karl Heiß ist dieser neue Aufbruch zu verdanken. Dazu gehörte nicht nur besonderer Mut, sondern auch eine tragfähige, ausgereifte pädagogische und professionelle Vision. Im Rückblick wirkt es wie klug vorbereitet: Heiß hatte im Jahr 1860, als der Herausgeber und Chefredakteur der „Bayerischen Schulzeitung“ Michael Oechsner Publikationsverbot erhielt, die Redaktion der Zeitschrift, die in keinem Lehrerhaushalt fehlte, übernommen. Dort veröffentlichte er im August 1861 den Gründungsaufruf. Dass er auf der Regensburger Gründungsver- sammlung dann zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde, war folgerichtig.// 6
  • Die Vorbereitungszeit von 1860 bis 1861 ist auch im historischen Rückblick mit ganzen20 Monaten sehr kurz. Das heißt, die Zeit war reif. Es gab bereits zahlreiche örtlicheZusammenschlüsse, die sich nach einem überregionalen Zusammenschluss sehnten.Sie waren die Ansprechpartner von Heiß. Diese Ortsvereine waren gut organisiert undentsandten ihre in Mitgliederversammlungen gewählten Bevollmächtigten im Dezember1861nach Regensburg. Der Erfolg der dritten Gründung war durchschlagend. Innerhalbvon nur zehn Jahren war die Mitgliederzahl bereits auf über 5 000 angewachsen.Die VisionWenn wir heute zurückblicken, dann stellt sich die Frage, was den Kern dieser Organisationausmacht, die heute mit über 55 000 Mitgliedern aus allen Schularten und zahlreichen Lehr-amtsstudenten und Pensionisten so großen Zuspruch findet. Hierzu empfiehlt es sich, dieAntrittsrede von Karl Heiß zu lesen, die aus diesem Grunde in dieser Festschrift abgedrucktist. Mit der damals dringend notwendigen Vorsicht und Zurückhaltung – die Versammlungwurde genau beobachtet und ein erneutes Verbot musste dringend verhindert werden – sindwichtige Teile des Selbstverständnisses des BLLV bereits angesprochen.Bildung ist nicht teilbar. Die Bildung aller jungen Menschen sollte die zentrale Aufgabeder Lehrerschaft und des BLLV sein: „Wir glauben ganz sicher, dass die Erziehung undVeredlung des Menschen eine gemeinsame Sache und unter allen Bestrebungen desmenschlichen Geistes den ersten Rang einnehmen werde“, sagte Heiß. Der Vorrang derBildung aller jungen Menschen ohne soziale Differenzierung und Ausgrenzung ist unserBestreben bis heute. Wenn eine Schule oder ein Schulsystem Kinder sozial ausgrenzt,stehen wir dagegen auf. In diesem Sinne muss Bildung die Gesellschaft zusammenführenund zu gegenseitigem Respekt und Anerkennung bereits unter den Kindern führen.Die Lehrerschaft hat eine gemeinsame Aufgabe über Konfessionen und Schularten hin-weg. Heiß umschreibt dies noch ganz vorsichtig: „Als eine bedauernswerte Erscheinung mussauch angesehen werden, dass zwischen uns und dem Stande, welcher doch in Bezug auf seinenBeruf uns so nahe steht, im Allgemeinen wenigstens eine große Kluft besteht, wie sie wohlin keinem andern Lande vorkommen dürfte.“ Das Miteinander aller Pädagogen und Lehrerwünscht er sich ausdrücklich, auch wenn dies zu seiner Zeit noch sehr vermessen klang. 7 //
  • Heiß lädt alle ein – auch die Lehrer an Gymnasien und an den Oberrealschulen – die Visi- on der Bildung als ein zentrales Menschenrecht gemeinsam Wirklichkeit werden zu lassen und zwar einer ganzheitlichen Bildung, nicht nur der wissenschaftlichen. Zu diesem Mitei- nander gehörte damals auch, dass der BLLV von der Stunde seiner Gründung an alle Kollegen in seinen Reihen aufnahm, unabhängig davon ob sie evangelisch, katholisch oder „israelitisch“ waren – ein Fakt, der über Jahrzehnte zu den heftigsten Anfeindungen führte. Der Glaube an ein gemeinsames Professions- und Berufsverständnis aller Lehrer prägt heute mehr denn je die Arbeit des BLLV, denn angesichts der radikalen gesellschaft- lichen Veränderungen, mit denen wir konfrontiert sind, sind unterschiedliche Professions- verständnisse anachronistisch und überholt. Lehrer sind die Experten in der Schule. Ihnen gebührt deshalb Respekt und Anerken- nung. Der BLLV glaubt an die Würde und die Kompetenz der Praxis. Lehrer stehen in einer besonderen Verantwortung. Dazu gehört auch, dass sie in vielen Fragen der Schul- gestaltung und der Schulentwicklung selbst entscheiden können müssen. Von Anfang an war das Thema der Eigenverantwortung und der Mitgestaltung ein zentrales Thema des BLLV. Karl Heiß prangert einen Missstand an, der auch heute noch zu beobachten ist: „Man möchte wohl sagen, dass sich zu viele um die Schule bekümmern; denn fast alles glaubt sich berufen, der Schule und dem Lehrer zu diktieren und jeder will die Schule nach seiner Facon haben.“ Konkret fordert er dann: „Freilich ist notwendig, dass die Volksschule einige Selbstständigkeit erhalte, dass besonders die Lehrorgane in der Ausübung ihres Amtes gleich andern Ständen gesetzlich geschützt werden“. Darüber hinaus fordert er eine bessere Ausbildung, und von den Kollegen selbst kontinuierliche Fortbildung, hohes Verantwortungsbewusstsein und ein durchaus selbstkritisches Professionsverständnis. Der Auftrag Der BLLV definiert sich aus der Vision einer Bildung für alle und eines gemeinsamen Professionsverständnisses aller Lehrer. Die Geschichte des BLLV zeigt, dass dieses Ziel zeitlos ist. Es muss immer wieder bewusst gemacht, aber auch immer wieder neu defi- niert, mit konkretem Inhalt gefüllt und erkämpft werden.// 8
  • Der BLLV hat mit Ausnahme seiner dunklen Geschichte im Nazideutschland immer seineUnabhängigkeit gewahrt – von gesellschaftlichen Interessengruppen, von den Kirchenund von den Regierungen. Unabhängigkeit darf nicht Überheblichkeit heißen, sondernerfordert Dialogbereitschaft mit allen und konstruktive Teilnahme am öffentlichen Diskursüber Schule und Bildung. Wir werben bei Politikern, Eltern, in der Öffentlichkeit und auchin den eigenen Reihen für unsere Überzeugungen und für unsere Vision. Und wir hoffen,möglichst viele Menschen und Entscheidungsträger in unserer Gesellschaft dafür zu be-geistern und sich mit uns dafür einzusetzen.Karl Heiß und seine Mitstreiter haben Geschichte geschrieben, die bis heute ausstrahlt. Ge-nerationen von Lehrern und Lehrerinnen in Bayern war der BLLV berufspolitische, berufs-wissenschaftliche und kollegiale Heimat. Karl Heiß und seine Mitstreiter haben uns im BLLVein großes Erbe hinterlassen: unabhängig und selbstkritisch unsere Aufgabe als eine derwichtigsten Berufsgruppen in unserer Gesellschaft zu erfüllen und dabei nicht aus dem Augezu verlieren, dass wir für die Zukunft der Gesellschaft eine große Verantwortung tragen.Im Jahr der 150-Jahr-Feiern des BLLV wollen wir uns stolz an die faszinierende Geschich-te des BLLV erinnern und mutig die großen Herausforderungen der Zukunft annehmen.Klaus WenzelPräsident des BLLV seit 2007 9 //
  • Umbruch der Gesellschaft – Aufbruch als moderner Gesamtverband Die Vision des BLLV von einem demokratischen, leistungsfähigen und sozial gerechten Bildungswesen gewann in den letzten drei Jahrzehnten eine neue Dimension. Sie war und ist vor allem herausgefordert durch einen epochalen gesellschaftlichen Umbruch, durch die digitale Informationsexplosion und den globalen Wettbewerb. Allerdings sahen wir uns konfrontiert mit übermächtigen Kräften der strukturellen Restauration, mit rück- läufigen Bildungsfinanzen und mit der Bedrohung der Professionalität und des Status der Lehrerinnen und Lehrer. Deshalb leistete der BLLV durch neue Wirkungsformen offensive Aufklärungs­ rbeit und a erhöhte den öffentlichen Druck, z. B. durch kritische bildungspolitische Foren, durch die Mobilisierung der Kollegen und Kolleginnen, der BLLV-Kreis- und Bezirksverbände und der Eltern durch bisher nie erreichte Massen­ etitionen mit über 100 000 Unterschriften, p durch machtvolle Großdemonstrationen mit bis zu 15 000 Teilnehmern, durch die Grün- dung des breiten Bildungsbündnisses Forum Bildungspolitik in Bayern. Damit gelang es, die Blockade in der Bildungsfinanzierung wenigstens aufzubrechen – wenngleich Bayern im internationalen Vergleich zu den PISA-Spitzenländern immer noch weit zurückliegt. Nicht gelungen ist dagegen ein innovativer Schub in der Schulpolitik, wie er sich nach der wiedergewonnenen Einheit Deutschlands durch die Neugestaltung des Schulwesens in den neuen Bundesländern aufgedrängt hätte. Im Gegenteil: In Bayern wurde die Restau- ration der Schulstrukturen verschärft. Deshalb sah sich der BLLV zu einem Schulvolks­­ begehren gezwungen. Dieses verfehlte zwar die erforderliche Mehrheit, aber die pädago­ i­ g schen und schulpolitischen Warnungen des BLLV wurden zwischenzeitlich in fataler Weise bestätigt. Darüber hinaus hat der BLLV als unabhängige und selbstbewusste Bildungs­ organisation an Überzeugungskraft gewonnen, mit der er seine Vision eines sozial gerech- ten und regional stimmigen Schulwesens weiter vorantreiben kann.// 10
  • Um die Zukunftsfähigkeit des BLLV zu sichern, öffnete er sich als Gesamtverband füralle Lehrämter und Erziehergruppen. Er entwickelte ein modernes Erscheinungsbild, einprofessionelles Management und neue Dienstleistungssegmente für seine Mitglieder:Er pflegt zeitgerechte, interaktive Formen der digitalen Information und Kommunikation.Er verstärkte Beratung und Rechtsschutz, gründete eine eigene Fortbildungsakademie– auch zur Schulung seines Verbandsnachwuchses. Er unterhält ein exklusives Institutfür Gesundheit in pädagogischen Berufen und verfügt über einen leistungsfähigen Wirt-schafts- und Reisedienst. Seiner besonderen sozialen Verantwortung wird er durch eininternational tätiges Kinderhilfswerk gerecht.Mit berechtigtem Stolz darf ich feststellen: Als mitgliederstärkste Bildungs- und Berufs­organisation überzeugt der BLLV durch Kompetenz, Unabhängigkeit und Solidarität. Es istmir eine Ehre, dass auch ich dazu beitragen durfte.Dr. h. c. Albin DannhäuserEhrenpräsidentPräsident des BLLV von 1984 bis 2007 11 //
  • Aufbruch zur Demokratie – der wiederaufbau des BLLV nach 1945 Meiner Generation war es aufgetragen, nach dem 2. Weltkrieg den Weg aus der Dik- tatur des Dritten Reiches in die neue Demokratie und die Öffnung zu den Ländern der „freien Welt“ zu bahnen. Die Kämpfe um die Lösung schulpolitischer Nöte ließen Alt und Jung zusammenwach- sen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war die Eingliederung der Flüchtlings- und heimatvertriebenen Lehrer und Lehrerinnen eine wichtige kollegiale Herausforderung. Hilfreich für den BLLV waren anfänglich die Forderungen der Erziehungsabteilung der amerikanischen Besatzungsmacht, die unseren eigenen entsprachen. Jedoch blieb die Schulpolitik der 50er bis zum Ende der 60er Jahre geprägt vom Kampf zwischen eman- zipatorischen und politisch beharrenden Kräften. Die Trennung der Schüler und Lehrer nach Konfessionen wurde neu etabliert und verfestigt. 1954 gelang es mir, mit der außerparlamentarischen Kraft des BLLV, dass eine bay- erische Regierung gebildet wurde auf der Grundlage unserer bildungspolitischen For- derungen. In den Jahren dieser Viererkoalition (ohne CSU) von 1954-1957 veränderte sich das Verständnis für eine zukunftsorientierte Schule in den Parteien und relevan- ten Gruppen der Öffentlichkeit. Unser Verband wurde zu einem anerkannten und nicht (mehr) zu vernachlässigenden bildungspolitischen Faktor. Unter Einsatz seiner berufswissenschaftlichen Autorität und seines gewachsenen bil- dungspolitischen Gewichts kämpfte der BLLV um die akademische Bildung von Volks- schullehrern und -lehrerinnen. In einem historischen Durchbruch wurde vom Landtag 1958 einstimmig ein Lehrerbildungsgesetz verabschiedet, mit dem ein Jahrhundert ständischer Diskriminierung endete. Nach zehn Jahren weiteren Ringens wurde 1968 mit einem wesentlich vom BLLV ini- tiierten Text über einen Volksentscheid die Bayerische Verfassung geändert. Der BLLV erreichte damit die Abschaffung der strikt nach Konfessionen getrennten staatlichen Bekenntnisschulen zu Gunsten einer für alle Schüler und Lehrer gemeinsamen „Christ- lichen Schule“.// 12
  • Um den gesellschaftlichen Status des BLLV zu erhalten und zu steigern, hatte ich 1959eine Professionalisierung der BLLV-Führungsstruktur mit hauptamtlichen Mitarbeiterninitiiert. Meine Nachfolger haben jeder auf seine Weise die Bedeutung des BLLV alsBildungsverband, der die historisch überholte Aufteilung in schulartspezifische Interes-sen überwunden hat, gestärkt und ausgebaut.Die weitere Zunahme an Mitgliedern und öffentlicher Bedeutung des BLLV erfüllt michmit großer Zufriedenheit. Stolz bin ich auch, dass der BLLV entgegen mancher politischerVersuchungen und interner Bestrebungen seinen Grundprinzipien treu geblieben ist, allenvoran seiner Unabhängigkeit von Parteien, Kirchen und bildungsfremden Einflüssen.Vor 50 Jahren hatte ich das Privileg, als Erster Vorsitzender im Regensburger Reichssaaldie 100-Jahr-Feier des BLLV mitzugestalten. In dankbarer Freude auch die 150-Jahr-Feier noch zu erleben, gratuliere ich zu diesem Jubiläum und wünsche dem BLLVweiterhin reichen Erfolg.Dr. h. c. Wilhelm EbertEhrenpräsidentPräsident des BLLV von 1955 bis 1962und von 1967 bis 1984 13 //
  • Geschichte und Verantwortung zum Jubiläum des BLLV Dr. Ludwig Spaenle 150 Jahre Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband – dieses Jubiläum bezeich- net einen Zeitraum, der zwei Jahrhundertwenden überspannt. Ich freue mich, dieses besondere Jubiläum im Kontext der reichen Zeit-, Bildungs- und Verbandsgeschichte des BLLV zu würdigen, was mir als Historiker nahe und besonders am Herzen liegt. Geschichte ist nichts Abgelegtes unter Staub und Spinnweben im Antiquitätenladen fernab unserer heutigen Verhältnisse. Geschichte ist mit dem niederländischen Historiker Johan Huizinga die Rechenschaftsablage von uns Gegenwärtigen über die Bedingungen des Gewordenen – und zwar in einem durchaus grundsätzlich wertenden Sinn. Es geht um Verantwortung, um Einsichten aus der Vergangenheit für eine humane Zukunft. Ursprünge des BLLV Wenn der BLLV seines 150-jährigen Bestehens und damit auch seiner Anfänge zu Be- ginn der 60er Jahre des vorletzten Jahrhunderts gedenkt, dann richten sich die Blicke über einen langen Zeitraum zurück. Wir fokussieren eine Welt, die zunächst von unserer heutigen ganz verschieden anmutet, die aber zugleich durch erstaunliche Analogien ge- kennzeichnet ist: ••  um einen haben wir es mit einer Welt grundlegender technisch-ökonomischer Z Umstellungen zu tun. Das Stichwort „Industrielle Revolution“ bezeichnet durchaus zutreffend das damalige Aufbrechen bisheriger agrarisch-ständischer Verhältnisse. ••  inzu kommt die Veränderung der politischen Umstände: Die Anfänge des BLLV – H damals noch BLV, Bayerischer Lehrerverein – fallen in eine Zeit vielfacher Gründun- gen von Verbänden, aber auch von Vereinen und Gesellschaften, ob Turner, Feu- erwehren oder Sänger. Auch und gerade im monarchischen und alles andere als bereits demokratischen Staat entwickelt sich so etwas wie eine Bürgergesellschaft.// 14
  • ••  ugleich geht es um die Legitimation des Staates selbst: Es wird nicht nur um Z Verfassungsordnungen, um Wahlrecht und Partizipation gerungen, es entstehen zudem Fraktionen und Parteien.••  s geht auch um die Frage der Rückbindung, manche würden auch sagen Abhängig- E keit, von Staat und Gesellschaft in ihrem Verhältnis zu religiösen Überzeugungen und religiösen Bekenntnissen. Einer liberalen, sich als aufgeklärt verstehenden Grundrich- tung steht eine nach dem Zeitalter der Französischen Revolution durchaus erstarkte, sehr unmittelbare Volksfrömmigkeit gegenüber, wie sie der lange in München lehrende Historiker Franz Schnabel in seiner Deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts anschaulich darstellte. Die Reichsgründung von 1871 ist sozusagen der deutlichs- te Ausdruck dieses Spannungsverhältnisses – im Übrigen aber keineswegs nur auf deutschem Boden, sondern als damalige Tendenz in großen Teilen Europas, in Italien etwa in der Auseinandersetzung zwischen dem neuen italienischen Nationalstaat und dem Heiligen Stuhl. Besonders militant begegnet er uns in Frankreich, wo sich dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts der laizistische Staat mit voller Vehemenz durchsetzt, die Trennung von Staat und Kirche in rigider Weise kodifiziert. Und auch hier spie- len Schule und Lehrer eine besondere Rolle: Die dritte französische Republik wertet nach der Niederlage von 1871 gegen Preußen-Deutschland sehr bewusst die Rolle von Schule und Lehrer auf, in Lehrerbildung, -besoldung und Identität des pädago- gischen Berufes, um die Modernisierung der eigenen Gesellschaft wie insbesondere ihre Wettbewerbsfähigkeit in Europa zu befördern.Der Kampf um die Befreiung des Schulwesens und zumal der Lehrerschaft von Bevor-mundung und um ihre berufliche wie intellektuelle Aufwertung ist somit, bei unterschied-lichen Schwerpunkten wie Anlässen, damals geradezu ein europäischer Kampf. 15 //
  • Die Gründung des BLV fällt also in eine Zeit vielfacher Gärungen und Umbrüche. Dass der Bestand von Staat und Gesellschaft in existenzieller Weise von Bildungspolitik und Bildungswesen abhängt, wird während des 19. Jahrhunderts zum Allgemeingut – nicht nur, weil die Industrielle Revolution Kompetenzerfordernisse stellt, die es so vorher nicht gab. Es geht auch, viel elementarer, darum, von Unmündigkeit zu Mündigkeit zu gelan- gen, höhere Bildungsstandards für alle Menschen und in allen Regionen durchzusetzen und, wenn auch gewiss nicht schon in unserem heutigen ausgeformten Verständnis, auch Staatsbürger heranzubilden. Das Bayern der sechziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts ist ja bereits seit 1818 ein Verfassungsstaat, ein Staat, der den politischen Diskurs und den politischen Wett- bewerb kennt. Und es ist ein Staat, der sich zwar anders, aber durchaus auf ähnliche Weise wie heute, selbst im Wettbewerb befindet: Fünf Jahre später, im Juli 1866, findet der letzte innerdeutsche Krieg statt: die Auseinandersetzung zwischen Preußen auf der einen und Österreich mit seinen Verbündeten, darunter Bayern, auf der anderen Seite. Es ging um die Frage, wie und mit wem eine künftige deutsche Einheit zu erreichen sei. Das Sprichwort sagt, Preußen habe den Erfolg weniger seiner militärisch wichtigsten In- novation, dem sogenannten Zündnadelgewehr, zu verdanken gehabt, sondern – gesell- schaftspolitisch – dem preußischen Volksschullehrer bzw. „Schulmeister“ in der Diktion von damals. Denn durch ihn seien die mobilisierten Wehrpflichtigen zu eigenständigem, verantwortungsbewusstem wie effizientem Handeln fähig gewesen – Kompetenzen, die heute gewiss nicht minder nachgefragt sind. Ob die Preußen damals den Österreichern in dieser Hinsicht tatsächlich deutlich voraus waren, sei dahingestellt. Das Beispiel zeigt aber jedenfalls, wie wichtig der Erfolg des Bildungswesens für den Erfolg von Staaten und Gesellschaften insgesamt ist und dass sich dafür jegliche Investition lohnt; und diese Erkenntnis ist unbestreitbar dauerhaft gültig.// 16
  • Bei allen einschneidenden Wandlungen der Gesellschaft im 19. Jahrhundert: Sie warnoch eine Klassengesellschaft. Der Volksschullehrer war kein Akademiker. Er war damitnicht – was damals unerhört viel zählte – „satisfaktionsfähig“, also würdig genug, umzum Duell gefordert zu werden oder selbst zu fordern. Auch diese aus heutiger SichtSkurrilität einer militanten Männergesellschaft zeigt im übrigen, wie grundlegend sichunsere Gesellschaft geändert hat. Ausbildung und Bezahlung des sogenannten Volks-schullehrerstandes lagen damals weit zurück. Dazu wurde die kirchliche Schulaufsicht,die es bis zum Ende der Monarchie gab, als Fremdbestimmung empfunden.Die bayerischen Volksschullehrer hatten also viele gute Gründe, sich vor 150 Jahreneine neue und schlagkräftige organisatorische Plattform zu schaffen. Und wenn mandamals und heute vergleicht, so schwierig das eben auch ist, so lässt sich jedenfallsbilanzieren: Eine erfolgreichere Verbandsgründung dürfte es in der neueren bayerischenGeschichte schwerlich gegeben haben!Zur Geschichte des Bildungswesens bis zur Wiedergründung des BLV 1946Umgekehrt lässt sich heute sagen und bilanzieren: Die bayerische Geschichte insge-samt findet gerade in der Geschichte des Bildungswesens, in den Wechselfällen vonFortschritt und Emanzipation auf der einen Seite, aber auch von Niedergang und totali-tärer Zerstörung auf der anderen ihren besonders signifikanten Niederschlag.Zentrale Entwicklungen wie die Umformung des Staates, die Notwendigkeit inhaltlicherwie formaler Höherqualifizierung, die revolutionär gewandelte Rolle der Frau, die steteWeiterentwicklung des Staat-Kirche-Verhältnisses und schließlich die Transzendierungnationaler Grenzen durch europäische Integration wie Globalisierung: Diese beherr-schenden säkularen Trends haben das Bildungswesen geprägt und umgekehrt. Und siehaben zugleich das jeweilige Bild von Schüler und Lehrer wesentlich beeinflusst. 17 //
  • Durch den nationalsozialistischen Staatsstreich vom 9. März 1933 wurde Bayern für über 12 Jahre seiner Eigenstaatlichkeit beraubt. Die Gleichschaltung der Länder bedeu- tete nicht zuletzt eine Gleichschaltung ihrer Bildungspolitiken. Deutschland war nie so zentralisiert wie in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur von 1933 bis 1945. Der nationalsozialistische Unitarismus vermittelte in seiner Bildungspolitik flächendeckend den Ungeist von Gottlosigkeit, von Antisemitismus und Rassenwahn, von Geopolitik und von Imperialismus. Reflexion und kritisches Denken, heute zentrale Bildungsziele, soll- ten möglichst unterbunden werden – Ausdruck eines auch bildungspolitischen Totalita- rismus. Und in dieses Bild gehört auch, dass es für Vielfalt, Pluralität und eigenständige Interessenwahrnehmung keinen Platz mehr geben durfte: Auch der BLV verlor seine Eigenständigkeit. Ideologisch war naturgemäß der „Natio- nalsozialistische Lehrerbund“ (NSLB) Partner, ja Bestandteil des Regimes, in dessen unmittelbarer „Gefolgschaft“, so die Sprache des sogenannten Dritten Reiches – unter der Führung des braunen Musterpädagogen, Gauleiters („Gau Bayerische Ostmark“ aus Oberfranken und der Oberpfalz) und schließlich seit März 1933 Bayerischen Kul- tusministers Hans Schemm. Der BLV wurde am 1. Juli 1934 korporativ der „Abteilung Wirtschaft und Recht“ im NSLB angefügt, sein weithin nur noch formales Eigenleben endete mit Wirkung vom 31. Dezember 1937. Die Lehrer selbst wurden Reichsbeamte, die Volksschullehrer dabei auf dem Besoldungsniveau des gehobenen Dienstes. Von einer wissenschaftlich fundierten Ausbildung blieb man weiter entfernt denn je. Ein Höhepunkt der Selbstvergötzung des Regimes war die Entfernung der Kruzifixe aus den Klassenzimmern im Jahr 1941. Viele jetzt Hochbetagte in unserem Land erinnern sich heute noch daran. Gegen keine Maßnahme des Regimes im Bildungsbereich gab es soviel Widerspruch, Resistenz, ja Widerstand wie eben gegen dieses Vorgehen. Es konnte und sollte vor allem symbolisieren: Der Mensch als Wesen mit eigener Persona- lität, mit einer Rückbindung an eine transzendente Dimension, hatte aus dem Bewusst- sein zu verschwinden. Totalitäre Allmachtsphantasien können keinen Raum für sittliche wie intellektuelle Autonomie dulden.// 18
  • Umgekehrt liegt in dieser fundamentalen Erkenntnis zugleich die stete Mahnung anjede Bildungspolitik, die sich in einem sittlichen Bezugsrahmen sieht, die Würde wie diePersonalität des Menschen an die erste Stelle zu setzen. Das heißt zugleich: Der Res-pekt vor dem Menschen steht vor dem Zweck, vor der Rolle und vor der Funktion. DerMensch ist nicht Objekt, im übrigen auch nicht für ökonomische Zwecke – woran manheute in Zeiten unentwegt beschworener, manchmal wie zum Mantra erhobener Globa-lisierung sehr nachhaltig erinnern muss – sondern seine Würde und seine Individualitätgehen jeder Zweckbestimmung voraus. So verbietet sich etwa, wenn Sie mir diesenauf unsere Gegenwart bezogenen Hinweis gestatten, ein Begriff wie „Humankapital“ethisch eigentlich wie von selbst. Humanität, Rechtlichkeit und Demokratie setzenzwingend diese Einsichten voraus – auch und vor allem als dauerhaft gültige Voraus-setzungen des verfassungsmäßigen und politischen Neubeginns nach 1945.Leistungen des Verbandes seit der Wiedergründung 19461946 erfolgte die Wiedergründung des BLV, der im Jahre 1951 in BLLV umbenanntwurde, nachdem bereits seit 1878 auch Lehrerinnen Mitglied werden konnten.Die bayerische Geschichte in der Nachkriegszeit ist, auch und gerade im innerdeut-schen Vergleich, weit überdurchschnittlich eine Modernisierungsgeschichte. Es geht vorallem um••  ine sogenannte überholende Modernisierung. Sie machte aus einem im innerdeut- e schen Vergleich zurückliegenden Agrarland ein Land neuester Industrien auf hohem For- schungsniveau – gewissermaßen an den alten, schwerindustriellen Revieren an Rhein, Ruhr und Saar vorbei: Wenn Sie so wollen „High Tech“ statt rauchender Schlote;••  ie Entwicklung eines spezifisch bayerischen Staats- und Gesellschafts- d modells, das auf dem Zusammenhang von Modernität und Identität gründet und das viel zur gesellschaftlichen Stabilität wie Prosperität unseres Landes bis in die Gegen- wart – und hoffentlich auch in die Zukunft – beigetragen hat. 19 //
  • Eine der wichtigsten Voraussetzungen waren und sind die gravierenden Innovationen, die das bayerische Bildungswesen in den bislang rund zwei Generationen Nachkriegs- geschichte unseres Landes erfuhr. Diese bayerische Bildungsgeschichte ist keine Harmoniegeschichte gewesen und sie wird es vermutlich auch in Zukunft nicht sein können. Sie präsentiert sich vielmehr in mehrfacher Hinsicht auch als demokratische Streitgeschichte. Insofern sehe ich hier aber ein positives Moment: Der lösungsorientierte Konflikt ist in der Demokratie nicht etwa ungeliebt-unvermeidlich, nein, er ist innovativ, er mobilisiert intellektuelle Potentiale und er legitimiert die Entscheidungen, die am Ende getroffen werden. Auf dieser langen Wegstrecke war der BLLV in dieser bayerischen Bildungs- wie in der bayerischen Lan- desgeschichte insgesamt ein ganz wesentlicher Akteur – und es spricht alles dafür, dass sich daran auch in der Zukunft nichts ändern wird. Eine der essentiellen Voraussetzungen war – und bleibt – seine parteipolitische Unab- hängigkeit. Das heißt zugleich gewiss nicht, dass er gerade nach seinem Selbstver- ständnis nicht in den bildungs- und gesellschaftspolitischen Konflikten der Zeit Partei ergriffen hätte und ergreift. Lassen Sie mich an einem Beispiel zeigen, dass auf sehr indirekte Weise, meine eigene Partei, die CSU, davon vermutlich sogar einmal wesentlich profitiert hat: Ausgangspunkt ist die sogenannte Viererkoalition in Bayern von 1954 bis 1957. Bei deren Gründung spielte – da sind sich die Historiker in allen Lagern einig – der dama- lige BLLV-Vorsitzende Wilhelm Ebert eine wesentliche, vielleicht entscheidende Rolle, insbesondere weil es ihm um die damals zentralen bildungspolitischen Anliegen ging, darunter an erster Stelle um die Weiterentwicklung der Lehrerbildung. Diese Koalition währte nur drei Jahre und danach gelangte eine regenerierte CSU wieder in die Regie- rungsverantwortung. Ihr erst gelang dann 1958 eine Neuregelung der Lehrerbildung mit an die Universitäten angebundenen pädagogischen Hochschulen. Im Übrigen zeigt das Beispiel auch, dass Modernisierung einen Prozess darstellt. Sie gelangt eben nie an ein definitives Ende. Der Status von 1958 ist selbstverständlich seit langem gewissermaßen aufgehobene Vergangenheit: Lehrerbildung als Teil des Universitätsprofils ist heute eine Selbstverständlichkeit.// 20
  • Die zweite große Zäsur bezeichnet eine Konstellation rund ein Jahrzehnt später. Ichmeine die Auseinandersetzung um Konfessionsschule wie (christliche) Gemeinschafts-schule. Auch diese Auseinandersetzung der ausgehenden sechziger Jahre steht in einerlangen Kontinuität bayerischer Geschichte über die Zäsur von 1918 hinweg: So warbereits 1869/70, also acht Jahre nach Gründung des BLV, der damalige bayerischeMinisterpräsident Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst an einem Schulgesetz gescheitert,das die geistliche Schulaufsicht zurückführen sollte – gegenüber einer dezidiert katho-lisch-ländlichen Majorität nach Neuwahlen, der sogenannten „Patriotenpartei“, in derZweiten Kammer des Bayerischen Landtages. Diese sehr spezifisch bayerische Mehr-heit begegnete dem damaligen liberalistischen Fortschrittsdenken der Ministerialbüro-kratie höchst misstrauisch – in Ludwig Thomas „Filserbriefen“ findet diese Konstellationihre erheiternde, historisch aber zugleich wohlbegründete Fortführung.Ziemlich genau ein Jahrhundert später, 1968/69, war es vor allem der Kooperationzwischen dem damaligen BLLV-Präsidenten Wilhelm Ebert und Franz-Josef Strauß zuverdanken, dass der Streit um die Bekenntnisschule nicht in einem weiteren Kultur-kampf eskalierte, der die Atmosphäre im Lande hätte vergiften können. Statt einersehr heftigen Auseinandersetzung zwischen SPD und FDP wie BLLV auf der einenund CSU wie weitgehend der Katholischen Kirche auf der anderen Seite gelang dieDurchsetzung des Modells der christlichen Gemeinschaftsschule in einer Fassung fürden Volksentscheid vom 7. Juli 1968, auf die sich schließlich die tragenden politischenKräfte im Land verständigt hatten. Es war im übrigen eine Zeit, in der auf Bundesebenein einer Großen Koalition von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger mit Vizekanzler WillyBrandt gesamtgesellschaftliche sogenannte „konzertierte Aktionen“ – also kollektive Ab-stimmungsprozesse der in Staat und Gesellschaft verantwortlichen Kräfte – vielfach underfolgreich praktiziert wurden. 21 //
  • Innovation bedarf sowohl des demokratischen Streites wie auch des demokratischen Miteinanders. Franz Josef Strauß, Wilhelm Ebert und Hans Maier, letzterer von 1970 bis 1986 Mitglied der Bayerischen Staatsregierung, bildeten für die Folgezeit ein Trio, das die Bildungs- wie die Landespolitik nicht selten streitig, aber eben auch effizient und bei allen Beteiligten engagiert prägte: Hans Maier schreibt in seinen im Frühjahr 2011 erschienenen Memoiren, dass Ebert einerseits Strauß mit Unterlagen über eine angeb- lich zu rigide, ja disziplinierende Personalpolitik des Kultusministeriums gegenüber der Lehrerschaft versorgte, was im Ministerrat mancherlei Ärger produzierte. Dagegen verbündete Maier sich dann mit der CSU-Landtagsfraktion – insgesamt be- merkenswerte und auch sehr bayerisch-saftige Bündnisstrukturen. Zugleich aber gab Ebert zu Maiers Ausscheiden aus der Staatsregierung 1986 eigens einen Empfang – gewiss, um Verbundenheit gegenüber der großen gemeinsamen Sache und, mit Noblesse, Respekt vor dem Menschen zu bekunden, bei allen Divergenzen in Sach- problemen – so soll es sein. Im BLLV folgte dann die Ära Dannhäuser von 1984 bis 2007. Ebert und Dannhäuser waren auf ihre je eigene Weise ungemein erfolgreich. Aber schon die Zeitumstände mach- ten es unvermeidlich, dass Inhalte und Vorgehensweisen sich deutlich unterschieden – Zunächst, auch noch im Schatten der Nachkriegszeit, die quantitativen Bedingungen wie Erfolge: Mehr Schüler, dafür mehr Lehrer. Seit Mitte der sechziger Jahre stand dies unter dem Primat einer sogenannten Mobilisierung von Bildungsreserven vor allem im ländlichen Raum. Hinzu kamen die Akademisierung des Lehrerberufs und seine Statusaufwertung. Hingegen die Agenda seit den neunziger Jahren: Wahrnehmung des demografischen Wandels, Migration, Relativierung nationaler Grenzen und zunehmende Internationalität als Referenzebene für Bildung und Bildungsevaluation, dazu die Revolution in Medien und Kommunikation.// 22
  • Die Tugend der VerantwortungsethikDie Vergangenheit hält, zumal für unübersichtliche und schwierige Zeiten – ich nennenur die Stichworte Migration und Globalisierung – keine Rezepte bereit, die sichschematisch anwenden ließen. Aber die Vergangenheit lehrt uns eben doch, welcheGrundsätze und Verhaltensweisen unabdingbar sind, um ein Gemeinwesen verantwort-lich und human entwickeln zu können.Max Weber spricht in diesem Zusammenhang von der Tugend der „Verantwortungsethik“,also einer Haltung, die das sittlich Gebotene mit dem Machbaren vernünftig und vermit-telbar zusammenzubringen sucht, die also weder mit dem Kopf durch die Wand will nochstandpunktlos-beliebig kurzfristigen und auch nur vermeintlichen Nutzen erstrebt.Verantwortungsbewusstsein gepaart mit einem besonderen Selbstbewusstsein hat denBLLV über den Zeitraum von nunmehr fünf Generationen ausgezeichnet.Ich bin sicher, dass Bayern auch künftig auf dieses Kapital zu bauen vermag.Dr. Ludwig SpaenleBayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus 23 //
  • Aufruf zur Gründung eines „Bayerischen Lehrervereines“ Bayerische Schulzeitung 22. August 1861 Fast in den meisten deutschen Staaten bestehen schon Lehrervereine und es lässt sich nicht leugnen, dass sie sowohl zur Kräftigung des Lehrerstandes als auch zur Hebung der Volksschule ungemein viel beitragen; es ist ihnen auch rühmend nachzusagen, dass sie frei von Parteigetriebe eifrigst bestrebt sind, das vorgesteckte Ziel zu erreichen und dabei stets das intellektuelle und moralische Gedeihen der vaterländischen Jugend im Auge zu behalten. Überall, wo solche Vereine existieren, bemerkt man ein reges und tätiges Leben unter der Lehrerwelt; man kann sich überzeugen, dass die Lehrer vom korporativen Geiste durchdrungen, ohne Ausnahme für das Interesse der Schule einstehen und wirklich Gro- ßes leisten. Es ist auch ganz natürlich, dass nur mit vereinter Kraft Großes erreicht und die einem Stande auferlegten Pflichten vollkommen erfüllt werden können. Mögen die einzelnen Glieder noch so tüchtig sein, erst durch die Vereinigung zu einem Ganzen, zu einem Körper wird es ihnen möglich, mit Heftigkeit aufzutreten und durch das harmonische Zusammenwirken das Gelingen des Werkes herbeizuführen. Andere Stände halten schon lange an dem Grundsatze „viribus unitis“ fest und mit dem besten Erfolge. Gestählt von Innen, sind sie geachtet von Außen und selbst die Regierungen berücksichtigen möglichst ihre wohl motivierten Anträge und Bitten. Wir erinnern hier nur an die Handelskammern, die Gewerbevereine, die Apotheker-Gremien, die agronomischen Vereine etc. Sollen nun wir Lehrer immer und in Ewigkeit isoliert und ohne Vertretung bleiben; wir, die wir für eine höchst wichtige, auf das Volkswohl sehr großen Einfluss ausübende Sache – für die Volkserziehung einzustehen haben; wir, die wir nur durch gehobene Achtung mit Erfolg unserm Berufe uns widmen können und wir, die wir auf Grund unserer Praxis und Erfahrung ein nicht ganz zu ignorierendes Urteil abzugeben vermöchten! – Haben wir nicht gerade in der Gegenwart so recht das Bedürfnis nach Einigung gefühlt? Sollen wir nun nicht zur Realisierung eines bereits gehegten Wunsches schreiten?// 24
  • Auf denn, teure Amtsbrüder, in allen Gauen unsers lieben Vaterlandes! Zeigt Euch alsMänner, die für ihr Amt begeistert sind; gründet einen „Bayerischen Lehrerverein“, der freivon jeder politischen Tendenz nur das Wohl der Schule und der vaterländischen Jugendim Auge behält. Seid gewiss, dass Euer edles Streben vom herrlichsten Erfolge gekröntsein wird, und dass Regierung und Volk mit Vertrauen auf Euch schauen werden, die Ihres durch die Tat beweiset, dass Euch heilig Euer Beruf und dass Ihr mit ganzer Kraft ein-stehet für Volk, Thron und Altar!Am 16. August 1861Kollegialen Handschlag!Die Redaktion der „Bayerischen Schulzeitung“Karl Heiß 25 //
  • Die Gründungsversammlung im historischen reichssaal zu Regensburg Die Versammlung bayerischer Schullehrer behufs der Gründung eines bayerischen Volksschullehrer-Vereines in Regensburg am 27. Dezember 1861 (Auszüge) Wenn man teuere Freunde zur Ausführung eines wichtigen Werkes in die Ferne sendet, so ist man sehr gespannt auf deren Zurückkunft, und sind sie endlich wieder in der Heimat angelangt, so fallen Fragen auf Fragen und Alles möchte wissen, wie es gegangen und ob die Sache gelungen. Auch ich glaube schon die Frage so Vieler zu vernehmen: „Was ist denn in Regensburg alles geschehen?“ Nun, nur etwas Geduld, ich werde getreulich erzählen. Wenn ich mit dem Wetter beginne, so dürfen die lieben Leser nicht Wortarmut vermuten, oder glauben, ich werde wässerig, wie Knigge sagt; allein es waren eben gar so schöne Wintertage und die liebe Sonne schien so mild auf uns herab, als ob sie sich freute, dass auch wir uns einmal als Brüder begegnen wollen. Die meisten von uns kamen schon Donnerstag, den 26. Dezember, in Regensburg an. Wir wurden von den dortigen Herren Kollegen und von denen in Stadtamhof in der herzlichsten Weise empfangen und freundlich in die Gasthöfe begleitet. Abends 7 Uhr trafen wir im kleinen Neuhaussaal zu einer Vorbesprechung zusammen. Nachdem man sich gegenseitig begrüßt hatte, wobei es natürlich an freudigen Über- raschungen nicht fehlte, setzte ich in einer kurzen Anrede den Zweck der Vorberatung auseinander, bemerkte, dass zwei Statuten-Entwürfe für den bayerischen Volksschul- lehrer-Verein vorliegen und unter die Anwesenden verteilt werden, damit sie sich darüber schlüssig machen könnten, welcher von beiden bei der Hauptversammlung als Grund- lage zu dienen hätte, und hieß endlich die Versammelten herzlich willkommen. Hierauf ergriff Herr Lehrer Marschall das Wort, verbreitete sich über den von ihm angefertigten Statuten-Entwurf und legte der Versammlung an’s Herz, dem begonnenen Werke durch Eintracht die Krone aufzusetzen. Herr Lehrer Stöckl von Landsberg, der Verfasser des zweiten Statuten-Entwurfes, erklärte sodann, dass er, weil beide Entwürfe prinzipiell nicht weit von einander abweichen, den seinen zurückziehe, sich jedoch vorbehalte, bei der Hauptversammlung einige Modifikationen anzubringen. Hierauf beschloss die Ver- sammlung einstimmig, den Entwurf des Herrn Marschall als Grundlage bei der Haupt- Konferenz anzunehmen.// 26
  • Nun wurde zur Feststellung der Geschäftsordnung geschritten und beschlossen:1.  ür die Hauptversammlung sind zwei Vorsitzende, zwei Schriftführer und F ein Beisitzer zu wählen. Die Wahl kann durch Akklamation geschehen.2.  n den Beratungen können sich sämtliche anwesende Lehrer beteiligen; A beschlussfähig sind aber nur die Bevollmächtigten.3. Die Abstimmungen erfolgen durch Aufstehen und Sitzenbleiben; bei zweifelhafter  Gegenprobe oder bei wichtigen Fragen durch Namensaufruf oder Stimmzettel, je nach Entscheid des Vorsitzenden.4.  arüber, welche Gegenstände zurückzustellen seien, wenn die Zeit zur Erledigung D aller nicht ausreicht, entscheidet die Versammlung; die Reihenfolge der Gegenstände aber wird vom Präsidium festgesetzt.5.  er Vorsitzende hat das Recht, einen Gegenstand zum Schluss zu bringen, wenn sich D die Mehrzahl der Stimmberechtigten dafür ausspricht.6.  er Vorsitzende erteilt das Wort nach der Reihenfolge der Anmeldungen. D7.  erselbe hat das Recht einem Redner das Wort zu entziehen, wenn er vom Gegen- D stand abschweift, Ungehöriges vorbringt, oder zu viel Zeit für sich in Anspruch nimmt.Bezüglich der Tagesordnung wurde festgesetzt:1. Beginn der Konferenz: 9 Uhr morgens2.  röffnung der Versammlung durch einen Vortrag des Redakteurs der E Bayerischen Schulzeitung3. Wahl des Präsidiums4. Prüfung der Vollmachten5. Beratung und Beschlussfassung über den Statuten-Entwurf6. Wahl des Hauptausschusses7. Wahl des Vereinsorganes.8. Beratung über den Ort und die Zeit der nächsten 1. Hauptversammlung.Nachdem somit die Aufgabe der Vorversammlung erfüllt war, verkehrten die Anwesendenin gemütlicher Weise noch einige Zeit und so gegen 11 Uhr trennte man sich, um derRuhe zu pflegen, damit man den folgenden Tag mit neuer Kraft beginnen könne. 27 //
  • Noch an diesem Abende wurden Einzeichnungsbogen sowohl für die Herren Bevollmäch- tigten als auch für die übrigen Herren Teilnehmer aufgelegt, um diese Verzeichnisse durch die Güte eines Regensburger Kollegen noch in der Nacht autographiert, so dass sie schon am andern Morgen in die Hände der Versammelten gegeben werden konnten. Ein von Herrn Lehrer Stöckl in Landsberg entworfenes ausgeführtes und an diesem Abende zur Einsicht aufgelegtes Tableau erregte sowohl bezüglich dessen symbolischer Anord- nung als auch dessen herrlicher Vollendung allgemeine Bewunderung. In dasselbe werden die Namen der Herren Bevollmächtigten, als der Gründer des Vereines, aufgenommen. Das Original bleibt Vereinseigentum und in den Händen des jeweiligen 1. Vorstandes. Es wird dasselbe jedoch auch durch Farbendruck vervielfältigt und haben sich bereits schon viele der in Regensburg anwesenden Lehrer hierauf subskribiert. Es lässt sich auch nicht zweifeln, dass es bald in die Hände der zweiten Vereinsmitglieder übergeben wird, umso mehr der Preis bei großer Beteiligung sehr niedrig zu stehen kommt.// 28
  • Am Haupttage (27. Dez.) versammelten wir uns präzis 9 Uhr morgens in dem alten undehrwürdigen Rathause der Stadt Regensburg, woselbst uns durch die Güte des hoch-löblichen Stadtmagistrates der sogenannte Lottosaal zu unserer Verhandlung eingeräumtwurde. Nachdem der Kommissär, der rechtskundige Magistratsrat Herr Mahr, erschienenwar, eröffnete ich die Versammlung und sprach mich in einem längern Vortrage über denZweck und das Ziel des zu gründenden Vereines aus.Hierauf folgte die Wahl des Präsidiums. Zum 1. Vorsitzenden wurde der Berichterstatter,zum 2. Vorsitzenden Herrn Lehrer Wölfel in Nürnberg, zum 1. Schriftführer Herr LehrerMarschall, Vertreter der Stadt Würzburg, zum 2. Schriftführer Herr Seminarlehrer Blum-berger in Freising und zum Beisitzer Herr Lehrer Sturm in Stadtamhof, sämtliche perAkklamation gewählt. Hierauf wurden die Vollmachten der Herren Bevollmächtigten durchdas Präsidium geprüft und zu den Akten genommen.Ehe zur Beratung der Statuten geschritten wurde, stellte der Vorsitzende die Frage an dieAnwesenden: „Soll ein bayerischer Volksschullehrer-Verein gegründet werden?“ Ein ent-schiedenes „Ja“ tönte durch den ganzen Saal.Sodann ging es an die Beratung der Statuten. Nachdem diese Beratung beendigt, schrittman zur Wahl des Hauptausschusses, welche statutengemäß auf der Hauptversammlungund zwar mittels Stimmenzettel und bei absoluter Mehrheit erfolgen muss.Nachdem der ganze Gang der Verhandlungen zu Protokoll konstatiert und dieses von denMitgliedern des Präsidiums unterzeichnet worden war, erteilte der 1. Vorsitzende demRektor der Versammlung, Herrn Lehrer und Jubilarius Schultheiß in Nürnberg das Wort.Derselbe belobte die Versammlung wegen ihres parlamentarischen Taktes, äußerte seineFreude darüber, dass es ihm, dem 78-jährigen Greise, vergönnt war, an dem Werke derEintracht und Liebe mitzubauen, sprach den heißen Wunsch aus, es möge des HimmelsSegen mit dem jungen Vereine immerdar sein. Sodann wies er hin auf die Segnungenderen sich unser Vaterland unter dem Schutze einer wohlwollenden Regierung zu erfreuenhat, Segnungen, von welchen auch dem Lehrerstande ein gut Teil zufließe und schlossmit einem Hoch auf Seine Majestät unsern allergnädigsten König, Max II., in welches dieganze Versammlung mit Begeisterung einstimmte. 29 //
  • Somit war die Verhandlung beendigt. Der Hauptausschuss begab sich hierauf zu dem stellvertretenden Bürgermeister, Herrn Rechtsrat Mayr, um die Gründung des Vereines zu melden, das Verzeichnis der Mitglieder des Hauptausschusses zu übergeben und zugleich den wärmsten Dank für das freundliche Entgegenkommen des Stadtmagistrates auszu- sprechen. Herr Rat Mayr bemerkte, dass er einen Verein, der eine solch edle Tendenz verfolge, mit Freuden begrüße und ihm das vollste Gedeihen wünsche. Am Abend des genannten Tages war auch eine Produktion des Regensburger Liederkran- zes, wozu wir sämtliche eingeladen waren. Die einzelnen Stücke wurden mit wahrer Meis- terschaft durchgeführt und die Unterhaltung war eine so angenehme und erfrischende, dass wir uns erst in später Stunde von einander trennten. Zu geeigneter Zeit wurde dem verehrlichen Liederkranze von Herrn Lehrer Marschall in gut gewählten Worten herzlicher Dank für die besondere Aufmerksamkeit ausgesprochen und dieser Toast von Seite des Vorstandes des Liederkranzes, Herrn Assessor Steffaneli, in freundlicher Weise erwiesen und als Gegengruß den anwesenden Lehrern der Singspruch des Liederkranzes in vollem Chor dargebracht. Am 28. Dez., morgens, versammelten sich die meisten der städtischen und fremden Lehrer im Gasthause zum Wirt, um noch vor dem Scheiden ein Paar Stunden gemütlich und herzlich mit einander verkehren zu können. In heiterer Stimmung verbrachte man diese Zeit und man begegnete sich mit einer Innigkeit, die nur aus wahrem kollegiali- schen Bewusstsein fließen konnte. Auch wurden auf die hohe Kammer der Abgeordneten, den Magistrat der Stadt Regensburg, Herrn Rechtsrat Mayr, auf die Regensburger und Stadtamhofer Kollegen, den Gründer und Verleger des Vereinsblattes, den Vorstand des Vereines und auf die daheim weilenden Amtsbrüder Toaste ausgebracht. Als dann Herr Lehrer Kutschmann von Vilshofen von Herrn Landtags-Abgeordneten Föckerer freundlichen Gruß und den herzlichen Wunsch überbrachte, es möge der Verein blühen und gedeihen, ließ man allsogleich ein Telegramm an diesen warmen Vertreter unseres Standes abgehen, in welchem ihm für sein stets bewiesenes Wohlwollen innigster Dank gesagt wurde.// 30
  • Endlich nahte die Stunde der Trennung und nur hart ging man von einander. Alle schiedenwir jedoch von der alten Ratisblonà mit dem herrlichen Gefühle, für eine edle Sache gear-beitet und unvergessliche Tage verlebt zu haben. – Und jetzt noch einen kleinen Nachtrag.Die Beratung am Haupttage dauerte ununterbrochen von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags3 Uhr. Es waren nahezu 200 Teilnehmer aus den verschiedenen Kreisen gegenwärtigund haben dieselben circa 1 500 Lehrer Bayerns repräsentiert. Rechnet man hiezu nochjene Bezirke, welche zwar keinen Bevollmächtigten gesendet, ihren Beitritt aber bestimmterklärt haben, so darf man jetzt schon 2 000 Mitglieder rechnen, und es lässt sich mitGewissheit annehmen, dass sich die Beitritts-Erklärungen mit jedem Tag mehren.Achdorf, bei Landshut, den 1. Januar 1862Der 1. Vorstand des Bayerischen Volks-Schullehrer-Vereins Karl Heiß 31 //
  • Eröffnungsrede des achdorfer lehrers Karl HeiSS Einleitungsvortrag des Schullehrers und Redakteurs der Bayerischen Schulzeitung, Karl Heiß zu Achdorf, gehalten bei der Versammlung bevollmächtigter Schullehrer Bayerns zu Regensburg am 27. Dezember 1861 Meine Herren! Am 16. Aug. legte ich den Samen der Konzentration in die Herzen meiner lieben Amts­ brüder mit dem vollsten Vertrauen, dass er tiefe Wurzeln schlage, und doch nicht ohne Bangen, es möchte eine ungeweihte Hand dessen Wachstum zu verhindern suchen. Ist nun das Letztere wirklich eingetroffen, da man von einer Seite, von der man es am wenig­ ten s vermuten konnte, durch ätzende Stoffe dem Humus alle Tragfähigkeit benehmen wollte, so schoss dessen ungeachtet der Keim üppig empor, und schon nach wenigen Monaten haben wir einen lebensfrischen Baum vor uns, dessen Äste weithin durch die Gauen un- sers Vaterlandes reichen, und dessen ausgebildete Krone die herrlichsten Früchte erwar- ten lässt. Meine Herren! Schauen wir etwas in die Zukunft und betrachten wir die Früchte, welche unsern mit aller Sorgfalt gepflegten Baum zieren. Vor allem ist es die Frucht des Gemeinsinns. wenn wir so in unserm Stande Umschau hal- ten, so finden wir nicht überall diese Tugend. Mögen nun hieran die Verhältnisse außer uns in vielfacher Hinsicht die Schuld tragen, soviel ist gewiss, dass es auch bei uns an ech- ter, wahrer Harmonie fehlt. Wir haben nämlich Standesgenossen, die sich selbst an den edelsten Bestrebungen ihrer Amtsbrüder nicht beteiligen, weil sie nach dem Anspruche Horaz: „Wen die Götter hassen, den machen Sie zum Schulmeister“ überall nur Kalamität erblicken und sich und ihre Kollegen als Sündenbock anderer Stände betrachten. Wieder andere sind zwar begeistert für ihren Beruf, wurden aber schon schroff enttäuscht, und sind deshalb von Misstrauen so übermannt, dass sie sich passiv verhalten, wenn es gleich- wohl die heiligsten Standesinteressen betrifft. Außer diesen finden sich welche, die sich aller Kollegialität entschlagen und ihren eigenen Weg gehen, unbekümmert, ob er auch der rechte sei; welche kein gemeinsames Ziel kennen und deshalb auch kein Bedürfnis fühlen, mit ihren Amtsbrüdern gleichen Schritt zu halten. …// 32
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  • Ich möchte doch sagen, dass der Gemeinsinn auch bei uns noch sehr der Vervollkomm- nung bedarf. Wir haben zu wenig Sympathie; wir betrachten uns großenteils bloß als ein- zelne Glieder und nicht als geschlossene Kette und doch haben wir alle nur ein Ziel! Unsere Aufgabe ist daher von nun an, des Gemeinsinns zu pflegen. Stets müssen wir der schönen Worte Schillers eingedenk sein: „Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber sein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an!“ Alle unsere Bestrebungen gelten daher den Amtsbrüdern, dem ganzen Stande; nicht eng- herzig seien unser Wissen und unsere Erfahrungen verschlossen in unserm Innern; nein, alles werde zum Gemeingute des ganzen Standes. Teilnahme, Wärme, Liebe durchdringe uns alle und heilig sei uns die Standes-Ehre. Meine Herren! Werfen wir uns nicht selbst weg durch unwürdiges und unmännliches Betragen; bedenken wir, dass wir Glieder eines öffentlichen Standes sind und dass es die Standes-Ehre gilt. Wenn wir nun so zur tatkräf- tigen Korporation heranwachsen, wenn wir alle zusammenstehen wie ein Mann, wenn wahre, innige Kollegialität in uns tief gewurzelt hat, so wird uns auch erhöhte geistige Tat- kräftigkeit und erfolgreiche Erfüllung unseres Berufes als reife Frucht entgegenwinken.// 34
  • Keinem Stande ist die Fortbildung und geistige Tätigkeit wohl dringender geboten, alsdem Lehrerstande. Sind es schon die äußeren Umstände, das Leben der Meisten aufdem Lande, die seltene Berührung mit Gebildeten anderer Stände, ja selbst mit Standes­genossen, welche den Lehrer zwingen wenigstens im geistigen Verkehr mit der gebildetenWelt zu bleiben, wenn er nicht, wie man gewöhnlich sagt, verbauern und versauern will,so verlangt dieses noch gebieterischer sein Beruf. Ein altes Sprichwort sagt: „Stillstandist Rückschritt“ und wie wahr ist dieser Satz. Welche verderbliche Folge zeiht nicht dieses„Stillstehen“ bei dem Lehrer nach sich. Anstatt Leben in seine Schule zu bringen, bringt erMonotonie in dieselbe und seine Gleichgültigkeit, sein Kaltsinn pflanzen sich auf die Kin-der fort. Ein Lehrer, welcher seine Fortbildung vernachlässigt, ist eine Schale ohne Kern,eine Frucht ohne Saft und Geschmack und seine Schule gleicht einer Haide auf der manvergebens üppige Gewächse und wohlriechende Blumen sucht. …Es sei ferne von mir, vor fremden Türen kehren zu wollen, allein das muss ich doch bemer-ken, dass manche unter den Lehrern ihre nicht besonders große Amtstätigkeit mit demScheingrunde beschönigen wollen. Weihen wir unsere ganze Kraft unsern Standesoblie-genheiten, wenden wir uns mit Ausdauer und Liebe unserm schönen Amte zu, welchesuns die Veredlung der Jugend zur Pflicht macht. Stets wollen wir der Pflicht eingedenksein, welche jedem Gebildeten auferlegt ist, den in Finsternis Lebenden dem wahrenLichte zuzuführen.Freilich ist notwendig, dass die Volksschule einige Selbstständigkeit erhalte, dass beson­ders die Lehrorgane in der Ausübung ihres Amtes gleich andern Ständen gesetzlich ge-schützt werden und eine feste Stellung angewiesen bekommen. Seit jener Zeit nämlich,in welcher man uns aus dem Zunftverbande gebracht hat (die Münchner Lehrer warendamals die ersten, welche dagegen protestierten) sind wir als gasförmige Waffe, ja als kör-perlose Wesen in sozialer Beziehung zu betrachten; denn es fehlt uns jede sichere Basis inder Gesellschaft. Es gibt wohl keinen Stand, welcher auf der einen Seite so viele Pflichtenund auf der andern so wenig oder gar keine Rechte hat, als der Schullehrerstand. … 35 //
  • Man möchte wohl sagen, dass sich zu viele um die Schule bekümmern; denn fast alles glaubt sich berufen, der Schule und dem Lehrer zu diktieren und jeder will die Schule nach seiner Facon haben. Sehr treffend bemerkt ein gewiegter Schulmann unserer Zeit: Jeder sieht die Volksschule von seinem Standpunkte an. Wer gern Honigschnittchen isst, dem soll die Volksschule Bienenzucht treiben, dem einen soll sie drechseln, dem andern Obst pflanzen, dem dritten Seide spinnen, einem Vierten erscheint sie als ein Anti-Brannt- weininstitut, einem Fünften als ein Zuchthaus zur Verbesserung verdorbener Kinder. Dem Gelehrten ist ihr Treiben zu oberflächlich, dem Unwissenden zu gründlich. Wer zählt die Wünsche, die auf diesem Gebiete laut geworden sind. Das ist natürlich nicht das rechte Interesse und eine solche Teilnahme schadet soviel als gänzliche Abneigung, und dass die Volksschule auch ihre Gegner hat, ist längst erwiesen. Es gibt sogar unter den Glie- dern der gebildeten Stände welche, die die Volksschule als ein ganz überflüssiges Institut betrachten und welche die Lehrer an Schulen, weil sie keine höhere Ausbildung erhalten haben, durchweg als Ignoranten ansehen. Jene sollten freilich bedenken, dass sich ohne Volksschule bald alle Bande der Ordnung lösen müssen. Ebenso sollten sie wissen, dass, wenn auch die Ausbildung der Lehrer nicht von allen Mängeln frei zu sprechen ist, sie doch die allgemeine Bildung fördert und dass jeder strebsame Lehrer vorwärts trachtet und deshalb doch nicht so ganz als Idiot gelten dürfte. Als eine bedauernswerte Erscheinung muss auch angesehen werden, dass zwischen uns und dem Stande, welcher doch in Bezug auf seinen Beruf uns so nahe steht*, im All- gemeinen wenigstens eine große Kluft besteht, wie sie wohl in keinem andern Lande vorkommen dürfte und doch könnten diese wissenschaftlich gebildeten Männer soviel zur Hebung der Volksschule und der Lehrer an derselben beitragen. Diesem gegenüber ha- ben wir aber, und Gott sei es gedankt auch Freunde, recht viele und aufrichtige Freunde, Freunde in den verschiedenen Ständen; allein diese konnten bis jetzt nicht mit Kraft auf uns und unsere Verhältnisse einwirken, weil sie keinen festen Boden hatten. Unser Lehrerverein soll nun das allgemeine Interesse erwecken. Wir müssen nämlich selbst die Hand bieten, wir müssen zeigen, dass uns an der Schule und an der Ausbildung des Volkes Alles gelegen ist; wir müssen die Erfolge laut sprechen lassen, dann wird der Volksschule auch von Außen mehr Beachtung geschenkt werden. …// 36
  • Meine Herren! Groß ist die Aufgabe, die wir uns stellen; allein vermöchten wir sie auchbei dem besten Willen und rastlosesten Streben nicht durchzuführen; aber wir hoffen mitZuversicht auf Unterstützung; wir glauben ganz sicher, dass die Erziehung und Veredlungdes Menschen eine gemeinsame Sache und unter allen Bestrebungen des menschlichenGeistes den ersten Rang einnehmen werde.Und nun seien Sie herzlichst und tausendmal gegrüßt, meine Herren! die Sie dem RufeIhres Mitbruders so freudig gefolgt sind, die sie nicht den weiten Weg, nicht anderweitigeHindernisse gescheut haben, sondern ohne rechts und links zu schauen herbeigeeilt sind,ein Werk zu gründen, das von den segensreichsten Folgen sein wird. Wenn wir auch,meine Herren! nicht heute oder morgen schon diese herrlichen Früchte genießen kön-nen, ja wenn es sogar manchen von uns nicht vergönnt wäre, je von diesen Früchten zukosten; wir tragen doch alle das Bewusstsein in uns, für eine edle Sache stet und warmeingestanden zu sein und unserem Berufe all unsere Kraft zugewendet zu haben. Es isterhebend, so viele wackere Kämpen hier vereinigt zu sehen, und Dank, herzlichen DankIhnen Allen, die Sie hier versammelt sind. O, ich möchte Jeden aus Ihnen umarmen, undinnig an die Brust drücken.Und nun, meine Herren! frisch an’s Werk, es wird gelingen.* gemeint sind Gymnasiallehrer 37 //
  • Aufbruch – Widerstand – Stärke Die Geschichte des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes 1848 1823 Auf der 2. Allgemeinen Lehrerver- Der Nürnberger Lehrer Johann sammlung in Schwabach im Jahr Konrad Grißhammer ruft am 1833 1848 mit ca. 180 Teilnehmern 15. November 1823 zur Gründung Der „Allgemeine Lehrerverein für wird der Nürnberger Lehrerverein des ersten „Allgemeinen Lehrer- Baiern“ wird verboten, da der Staat beauftragt, einen „Zentral-Volks- vereins für Baiern“ auf. Zweck des nach den Erfahrungen mit dem schullehrerverein“ zu gründen, der überkonfessionellen Vereins ist „die „Hambacher Fest“ keine Lehrer- die nachweislich existierenden Fortbildung und Vervollkommnung fortbildung ohne staatliche Aufsicht 35 Zweigvereine in ganz Bayern der Mitglieder in ihrem Beruf“. Da duldet. Am 26. Januar 1833 findet zusammenführen soll. Die Ver- wegen der fehlenden Verkehrs- die letzte Sitzung statt. Zu diesem sammlung geht auf einen „An verbindungen noch keine über- Zeitpunkt hatte der Verein 243 Mit- sämtliche Volksschullehrer Bay- regionalen Treffen möglich sind, glieder aus mindestens 6 der 7 heu- erns“ gerichteten Aufruf der Nürn- erscheint 1825 als „verbindendes tigen Bezirke Bayerns, außerdem berger und Fürther Lehrerschaft Mittel“ des Vereins die Zeitschrift hatten sich Ortsvereine gebildet. Der vom 12.3.1848 zurück. Darin sind „Der Volksschullehrerverein“. Schwerpunkt lag in Nordbayern. erstmals die zentralen bildungs- 1806  Bayern wird Königreich 1834  Höhepunkt der Restaura- 1848  Märzunruhen der 1825  Ludwig I wird König tion: Prozesswelle gegen Studenten in München liberale Wortführer Rücktritt Ludwigs I., 1831  Einführung der Nachfolger wird Max II. Pressezensur, 1840  Verbot der Kinderarbeit in Verschärfung des Fabriken Vereinsrechts// 38
  • 1850 Der Druck auf den „Zentral- Volksschullehrerverein“ und seine Zweigverbände von Seiten des Staates und der Kirche beginnt unmittelbar nach der Vereinsgrün- dung. Nach dem Bayerischen Vereinsgesetz vom 26. Februar 1850 ist es „politischen Vereinen und solchen, die sich mit öffentli- chen Angelegenheiten beschäfti- gen“, verboten, „sich mit anderen solchen Vereinen zu einem ge-politischen Forderungen aufge- gliederten Ganzen zu vereinen.“führt, die später auch in der Denk- Bereits 1849 gibt es obrigkeitlicheschrift des BLV (1863) erscheinen: Androhungen von Dienstentlas-„1. Freie Stellung der Volksschule sungen. Es werden tatsächlichund ihrer Lehrer. 2. Gleichstellung Entlassungen von Lehrervereins-der Lehrer mit den Staatsdienern. mitgliedern ausgesprochen, lokale3. ... wissenschaftliche Bildung der Mitgliedsvereine werden verboten, 1851Lehrer. 4. Vertretung des Standes Gefängnisstrafen verhängt. Weil In Bayern gibt es 96 Lateinschulen... durch Standesglieder. 5. Revi- der Zentral-Volksschullehrerverein (Unterstufe des Gymnasiums), 28sion des Lehrplans ... mit Beizie- sich auf seiner Versammlung am Gymnasien und 10 Lyceen (höherehung der Lehrer. 6. Verwandlung 22. Juni 1850 u. a. mit dem Ver- Töchterschule), mit insgesamt etwades Schulgeldes in eine allgemeine hältnis von Staat, Kirche und Schule 11 000 Schülern. Daneben existie-Umlage. 7. Gehaltsverbesserung auseinandersetzen wollte, wird er ren 7 113 Volksschulen – viele da-der Lehrer. ... 9. Verleihung eines am 4. Juni 1850 als politischer von einklassige Landschulen – mitallgemeinen Schulgesetzes.“ Verein klassifiziert und aufgelöst. einer knappen Million Schüler.1849  Phase der Liberalisierung: 1854  Todesstrafe wird Die Pressefreiheit, öffentliche das letzte Mal in Bayern Gerichtsverfahren, freies vollzogen Wahl­ esetz, freies Versamm­ g 1856  Schulpflicht wird auf sieben lungs- und Vereinigungsrecht Jahre verlängert Erste Wahl zur Kammer der Abgeordneten (später Bayerischer Landtag) 39 //
  • 1861 Am 22. August 1861 ruft der Achdorfer Lehrer Karl Heiß zur Gründung des Bayerischen Leh- 1857 rervereins auf. Der Gründungsauf- Im Normativ über die Bildung der ruf erscheint in der „Bayerischen Schullehrer wird die Lehrer­ ildung b Schulzeitung“. neu geordnet. Im Mittelpunkt steht Der Aufruf stößt bayernweit auf das Bestreben Königs Max II, „den große Resonanz. Am 27. Dezem- Lehrstoff der Schullehrerbildung ber 1861 versammeln sich etwa auf sein angemessenes, häufig 200 Lehrer aus ganz Bayern im überschrittenes Maß“ zurückzufüh- Reichstagssaal des Regensburger ren, um die Lehrer vor „Wissens- Rathauses und gründen den Bay- dünkel, Anmaßung, Unzufrieden- erischen Lehrerverein. Karl Heiß heit und Ungehorsam“ zu schüt- wird zum 1. Vorsitzenden gewählt. zen, die Folge einer übertriebenen Vereinsorgan wird die bereits seit Verstandesbildung seien. Hierzu 1857 existierende „Bayerische gehört auch das Verbot der Lek- Schulzeitung“. Der BLV versteht türe der pädagogischen Schrif- sich von Anfang an als überkon- ten Friedrich Adolf Diesterwegs fessionell. In seinen Reihen finden und anderer fortschrittlicher Pä­ katholische, evangelische und „is- dagogen. raelitische“ Lehrer ihre Heimat. 1859  Eisenbahnlinie Nürnberg – 1861  Wilhelm I wird König von 1862  tto Graf Bismarck wird O Regensburg eröffnet Preußen Ministerpräsident und Charles Darwin veröffent­icht l Beginn des amerikanischen Außenminister sein Werk „Die Ent­ te­ ung s h Bürgerkriegs Bismarck löst das preußi- der Arten“ und begründet sche Abgeordnetenhaus damit die Evo­utionstheorie l auf// 40
  • 1863Der Bayerische Lehrerverein veröf-fentlicht die erste 80-seitige Denk-schrift mit dem Titel „Denkschrift be-treffend die Zusammenstellung vonMaterialien zu einem allergnädigst 1866zu erlassenden vollständigen Geset- 1864 Der Hauptausschuss des BLV be-ze für die Volksschulen in Bayern“. In der Denkschrift steht der zentrale Drei der Gründungsmitglieder des schließt, eine eigene Vereinszeit- Satz für das Selbstverständnis des BLV rufen in München das Baye- schrift mit dem Titel „BayerischeKernanliegen der Denkschrift sind BLV bis in unsere Zeit: „Die Umge- rische Lehrerwaisenstift ins Leben. Lehrerzeitung“ herauszugeben.»»  ie Institutionalisierung der d staltung der Lehrerbildung muss als Den zahlreichen Lehrerwaisen soll Die erste Ausgabe erscheint am Volksschule als Staatsanstalt, der Kern- und Angelpunkt der ge- die Stiftung „ … das Elternhaus 3. Januar 1867.»»  ie Rechtsstellung des Lehrers d samten Schulfrage erklärt werden. ersetzen durch Unterbringung in als „öffentlicher Diener“ Die Lehrerbildung ist das Zentrum, geeigneten Familien oder in schon Die bayerische Regierung erlässt (Beamter), in welchem alle Fäden der Schulre- bestehenden Erziehungsinstituten ein neues Normativ für die Lehrer-»»  er Verzicht auf die geistliche d form nach fachlichen und personel- oder eigens zu errichtenden, kon- bildung, das wesentliche Forderun- Lokalschulaufsicht, len Beziehungen zusammenlaufen.“ fessionell getrennten Erziehungs- gen des BLV aufgreift. Es löst das»»  ie Modernisierung der d Die Denkschrift wird Ende Oktober anstalten. …“ restriktive Lehrerbildungsnormativ Volksbildung und 1863 dem „Hohen Staatsministe- aus dem Jahr 1857 ab. Allerdings»»  ie nachhaltige Verbesserung d rium des Innern für Kirchen- und Der Bayerische Lehrerverein hat ist die Lehrerbildung weiterhin nach der Lehrerbildung. Schulangelegenheiten“ überreicht. 4 193 Mitglieder. Konfessionen getrennt.1863  ründung der bayerischen G 1864  udwig II wird im Alter von L 1866  rieg Österreich-Preußen. K Fortschrittspartei 18 Jahren König Bayern kämpft an der Seite Ferdinand Lasalle gründet 1865  Ende des amerikanischen Österreichs in Leipzig den Allgemeinen Bürgerkriegs und Sieg Preußens Deutschen Arbeiterverein Abschaffung der Sklaverei (ADAV) in den USA 41 //
  • 1875 1867 Der 1. Vorsitzende des BLV Karl Auf der 3. Hauptversammlung nissen und distanziert sich offen Heiß wird zum Kreisschulinspektor des BLV in Augsburg umreißt der von einem Schulverständnis, das in München berufen. Aus diesem 1. Vorsitzende Karl Heiß die Grund- konfessionell oder weltanschaulich Grunde gibt er sein Amt ab. Auf linien des Verbandsverständnisses: geleitet ist. der Hauptversammlung des BLV „Die Pädagogen sollten sich weder im August 1875 in Kaiserslautern konfessionell noch nach Ständen Da das Volksschulwesen bislang wird der Geisenfelder Lehrer Max von einander absperren. Hätte nicht in Form eines Gesetzes, Koppenstätter offiziell zum neuen man auf gewisser Seite dies be- sondern nur durch Verordnungen 1. Vorsitzenden gewählt. achtet, so hätte der Schulstreit geregelt war, wird von der Staats- nicht mit solcher Erbitterung und regierung im Landtag ein Schul­ Der Bayerische Lehrerverein grün- von ihr mit solcher Unkenntnis der gesetz eingebracht, das wesentliche det die Kinder- und Jugendzeit- Errungenschaften der neueren Teile der Denkschrift des BLV aus schrift „Jugendlust“, „... um dem wissenschaftlichen Pädagogik ge- dem Jahr 1863 übernimmt. Zent- Verlangen der Jugend nach einer führt werden können.“ Hintergrund ral sind hierbei eine Stärkung des guten Lektüre Rechung zu tragen.“ ist ein kulturkampfähnlicher Streit Staates gegenüber der Kirche Heute erscheint die Kinder- und um die Frage der Rolle der Kirche durch Überwindung der geistlichen Jugendzeitschrift bundesweit un- und des Staates in der Schule. Er Schulaufsicht und die Überwindung ter dem Namen „Floh“ und „Floh- wird mit massiven Anfeindungen der konfessionellen Trennung. Das kiste“. In Bayern ist sie bis heute und Verleumdungen von Vertretern Gesetz trifft auf massiven Wider- eine der wichtigsten pädagogi- der evangelischen und der katho- stand der Kirchen, die auch die schen Kinderzeitschriften. lischen Kirche gegen den BLV Bevölkerung mobilisieren und wird geführt. Der BLV orientiert sich 1869 im Landtag von der kirchlich- Der Bayerische Lehrerverein hat an wissenschaftlichen Erkennt- konservativen Mehrheit abgelehnt. 7 172 Mitglieder. 1867  eichstagswahlen in R 1869  ründung der klerikal-kon- G 1870  ayern kämpft an der Seite B 1875  Einführung der Zivilehe im Preußen servativen Zentrumspartei Preußens gegen Frankreich deutschen Reich 1868  Einführung eines neuen August Bebel und Wilhelm 1871  roklamation des Deutschen P 1877  ie Serienproduktion von D Heimatrechts und der Liebknecht gründen die Kaiserreichs Gartenzwergen wird aufge- Gewerbefreiheit in Bayern. Sozialdemokratische Arbei- Bayern verliert Autonomie nommen terpartei (SDAP) 1873 Schulsprengelverordnung// 42
  • 1878 Auf der 7. Hauptversammlung des BLV in Passau wird eine Öffnung des Verbandes für andere Lehrer- gruppen, Frauen und Interessierte beschlossen. Im Antrag heißt es: „Die Aufnahme in den Verein er- halten sämtliche Mitglieder des Schullehrerstandes, gleichviel ob sie ständige, unständige oder in 1883 Ruhestand versetzte Lehrer oder Die Verordnung zur Einrichtung Lehrerinnen sind. Auch Lehrer und der Volksschulen tritt in Kraft. Lehrerinnen an höheren, sowie an Die konfessionell getrennten Be- Privatbildungsanstalten, Geistliche, kenntnisschulen werden erneut als sodann gebildete Per-sonen aus Regelschule festgeschrieben. Da- anderen Ständen und beiderlei mit scheitern die Bestrebungen des Geschlechtes können als Mitglie- BLV, eine konfessionsunabhängige der beitreten“ Simultanschule durchzusetzen.1878  Sozialistengesetze verbie- 1883  Auswanderungswelle 1884  ründung deutscher G 1887  Würzburg wird das erste In ten sozialistische Organisa- erreicht ihren Höhepunkt Kolonien Süd-West-Afrika Telefonnetz eingerichtet tionen (464 000 Personen) (heute Namibia) 1888  Wilhelm II wird deutscher Abschaffung der Kinder­ Krankenversicherung wird 1886  ntmündigung und Tod E Kaiser arbeit per Gesetz zur Pflichtver­ Ludwigs II sicherung Prinzregent Luitpold wird König 43 //
  • 1889 Der 1. Vorsitzende Max Koppen- stätter stirbt am 24. Mai 1889. Johann Baptist Schubert wird auf der 11. Hauptversammlung des BLV in Landshut im Jahr 1890 als Vorsitzender gewählt. Schubert ist ein überzeugter Ver- fechter der Trennung von Staat 1896 und Kirche ebenso wie von Schu- Die allgemeine Unterstützungs- le und Kirche und von Pädagogik kasse wird gegründet. Sie soll in und Theologie. Es gelingt ihm trotz besonderen Notfällen Familien zahlreicher Trennungsversuche von helfen, wenn durch lange Krank- konfessioneller Seite den Bayeri- heit oder Tod des Ernährers oder schen Lehrerverein geschlossen zu durch Krankheit der Lehrerwitwe halten und ihn als überkonfessio- die Familien in Not gerieten. Die nellen Lehrerverein für Katholiken, Unterstützungskasse hilft auch Protestanten und „Kollegen israeli- erwerbsbeschränkten und erwerbs- tischen Glaubens“ zu bewahren. unfähigen Lehrerwaisen. 1890 Rücktritt Bismarcks 1893  Sozialdemokraten und 1895  Georg Kerschensteiner 1896  Gründung des Satireblattes Sozialistengesetz wird Bauernbund werden wird Stadtschulrat Simplicissimus in München aufgehoben zum ersten Mal in den Gründung des Bayerischen Erste olympische Spiele Landtag gewählt Bauernverbandes der Neuzeit in Athen 1891 Verbot der Sonntagsarbeit 1894  Bauernrevolte in der Oberpfalz// 44
  • 1905 Auf seiner Hauptversammlung in Bayreuth widmet sich der BLV intensiv der Frage der staatlichen Fachaufsicht und wendet sich er- neut gegen den Einfluss der Kirche1900 auf die Schule. Des Weiteren for-Der BLV-Hauptausschuss gründet dert der BLV das Verbot des niede-am 15.11.1900 das „Institut des ren Kirchendienstes für Lehrer. InRechtsschutzes“ auch Rechts- 1902 der Folge kommt es erneut zu ei-schutzkommission genannt. Damit Der Bayerische Lehrerverein richtet ner scharfen Kampagne der Ultra­steht allen BLV-Mitgliedern kosten- einen Haftpflichtschutz für Mitglie- montanen und der katholischenfreier Rechtsschutz zu. Arbeitsbe- der des BLV ein, der die Mitglieder Kirche gegen den BLV.ginn ist der 1. Januar 1901. Dies gegen ungerechtfertigte Forderun-ist die Grundlegung der aktuellen gen bei vorgeblicher Haftung vertritt Der Bayerische Lehrerverein rich-Rechtsabteilung des BLLV, die heute und bei erwiesener Schuld eine an- tet einen „Mobiliar-Feuerversiche-ein zentraler Aufgabenbereich des gemessene Entschädigung leistet. rungs-Verein“ (Feuerschutzverein)BLLV ist. Der BLLV ist heute der für bayerische Lehrer ein. Er wirdeinzige Lehrerverband in Bayern mit Der Bayerische Lehrerverein hat im Jahr 1909 durch eine Einbruch-hauptamtlichen Juristen. 12 863 Mitglieder. diebstahlversicherung ergänzt.1900  as Bürgerliche Gesetz- D 1903 n Bayern werden Frauen I 1905  Ludwig Thoma veröffentlich buch (BGB) tritt in Kraft zum Hochschulstudium die Lausbubengeschichten zugelassen 1906  Neues Gesetz erlaubt Pariser Weltausstellung Verbindliche Einführung direkte Wahl der Landtags- Volkszählung zählt von Rechtschreibregeln abgeordneten 56 345 014 Deutsche, davon 6 176 057 Bayern Gründung der Volks- hochschule durch Georg Kerschensteiner 45 //
  • 1908 In München gründen am 9. Mai Im Zusammenhang mit der Dis­ 1908 Mitglieder des Verbandes kussion um ein neues Beamten­ Paedagogia die Arbeitsgemein- gesetz wird auch die deutliche 1909 1910 schaft Bayerischer Junglehrer (ABJ). Verbesserung der Lehrergehälter Der Hauptausschuss des BLV Der Münchner Lehrerverein grün- Grund ist das gemeinsame Ziel, die diskutiert. Es kommt zu einer beschließt den Kauf von Schloss det in enger Absprache mit dem materielle Notlage der Junglehrer kontro­ ersen Auseinandersetzung v Fürstenstein in Berchtesgaden. In BLV am 10. März 1910 das Päda- zu überwinden. Am 16. Mai bereits innerhalb des BLV zur Höhe der den folgenden Jahren wird es um- gogisch-Psychologische Institut. werden die Anliegen der Vorstand- Gehaltsforderungen, zur Frage der gebaut zu einem Lehrererholungs- Spiritus Rector und Leiter ist der schaft des BLV vorgetragen. Über unterschiedlichen Gehälter für Stadt- heim. Da in dieser Zeit für Lehrer prominente Pädagoge Privatdozent die materielle Besserstellung hin- und Landlehrer und zur politischen kaum Möglichkeiten einer Sommer- Dr. Alois Fischer. Die Eröffnung aus definiert die ABJ als Ziel, „die Strategie. Auf einer Versammlung frische bestehen, wird das Schloss des Instituts findet am 20. Okto- grundlegende Beschäftigung mit in München, an der 4 000 Lehrer in den Alpen zu einem beliebten ber 1911 statt. Das Institut dient moderner Pädagogik, Schulpolitik teilnehmen, wird die zukünftige Urlaubsziel. In und unmittelbar nach der fachlichen Professionalisierung und Volkswirtschaft“. Marschroute festgelegt, die zur Ge- der Kriegszeit dient es auch Mit- und Qualifizierung der Lehrer- Ab 1. Januar 1911 erscheint die haltsdenkschrift des BLV im Jahr gliedern, die als Soldaten im Krieg schaft. 1997 wurde es in die Aka- „Deutsche Junglehrerzeitung“. 1909 führt. waren, als Erholungsheim. demie des BLLV übergeführt. 1908 n Bayern existieren I 1909  ine in München vorge­ E  Mehrheit der Arbeiter- Die 1910  reisinnige und Demo- F 80 000 Fernsprech- legte Untersuchung von familien ist unterernährt. kraten vereinigen sich zur anschlüsse Arbeiterfamilien erschüttert  den Landtagswahlen Bei Fortschrittlichen Volkspartei  dem neuen Gemeinde- Mit die Öffentlichkeit: Von dem bleibt Zentrum die stärkste 1911  Preußen führt man die In wahlrecht wird in Bayern Verdienst eines gelernten Partei in Bayern Unterrichtsstunde mit 45 die Verhältniswahl (Wahl­ Arbeiters kann nur eine Minuten ein listen) eingeführt. Familie von bis zu drei Kinder leben.// 46
  • 1914 Die Hauptversammlung des BLV vom 3. bis 6. August 1914 wird wegen des Ausbruchs des 1. Welt- kriegs abgesagt. Johann-Baptist Schubert, der nach 25-jähriger Amtszeit als Vorsitzender des BLV sein Amt zur Verfügung stellen wollte, bleibt bis 1919 im Amt. Kultusminister Eugen von Knilling legt eine „Denkschrift über die Neu­ regelung der Dienst- und Gehalts- verhältnisse des Volksschullehrer- personals in Bayern“ vor, die zu deutlichen Verbesserungen führen sollte. In Folge des Kriegsaus­ bruches wird die Beratung ver- schoben. Der BLV hat 16  291 Mitglieder.1912  Bayern erhält bei der In 1914  Ausbruch des 1915  Internationaler Frauenfrie- 1917  Gründung der Deutschen Landtagswahl das Zentrum ersten Weltkrieges denskongress in Den Haag Vaterlandspartei in Bayern die absolute Mehrheit 1916  Gründung der Bayerischen Hungersnöte in1913  udwig III wird König von L Motorenwerke in München Deutschland Bayern R  ussische Revolution und Gemeinden erhalten das Proklamation der Sozialisti- Recht, die Schulpflicht auf schen Sowjetrepublik acht Jahre zu verlängern 47 //
  • 1918 In der kurzen Regierungszeit von Ministerpräsident und Kultusmi- nister Johannes Hoffmann (SPD), der dem ermordeten sozialistischen 1919 Ministerpräsidenten Kurt Eisner Johann Baptist Schubert gibt im Verwaltungsebenen festgeschrie- nachfolgt, wird am 16. Dezember Alter von 72 Jahren sein Amt als ben. Dr. Friedrich Nüchter bezeich- 1918 die geistliche Schulaufsicht 1. Vorsitzender ab. Nachfolger net diese Verordnung namens des abgeschafft und die Aufsicht un- wird Daniel Winkle (geb. 1867). BLV „als eine Magna Charta unse- ter die ausschließliche Kontrolle Daniel Winkle entstammt einer In- rer Selbstständigkeit“. Des Weite- des Staates gestellt. Johannes dustriellenfamilie und wählt aus ren wird in diesem Jahr das heftig Hoffmann ist Volksschullehrer und pädagogischer Überzeugung den umstrittene Volksschullehrergesetz war Mitglied im BLV in der Pfalz, Volksschullehrerberuf. Durch einen verabschiedet, das den Status der die von 1816 bis 1935 zu Bayern vielbeachteten Vortrag zur Fachauf- Lehrer erheblich verbessert und sie gehörte. Damit ist der jahrzehn- sicht, den er 1905 in Bayreuth bei zu Beamten macht. telange Kampf des Bayerischen der 16. Hauptversammlung des BLV Lehrervereins für eine staatliche hielt, machte er sich über Schwaben Am 3. November 1919 wird die Schulaufsicht zu einem erfolgrei- hinaus im BLV einen Namen. ABJ in den Bayerischen Lehrer- chen Ende geführt. verein eingegliedert. 1919 wird das Schul- und Lehrer- Die Mitgliederzahl verringert sich bedarfsgesetz verabschiedet. Mit Im Juni 1919 wird der Weimarer aufgrund der Kriegswirren, in de- der „Verordnung zur Bildung von Schulkompromiss geschlossen, nen viele Kollegen fallen, bis zum Lehrerräten für das Volksschulwe- der für das deutsche Reich verbind- Ende des Krieges im Jahr 1918 sen“ werden umfangreiche Mitwir- lich eine vierjährige Grundschule auf unter 13 000 Mitglieder. kungsrechte der Lehrer auf allen festlegt. 1918  nde des 1. Weltkriegs E Gründung der Bayerischen 1919  rmordung Kurt Eisners, E E  inrichtung des ersten durch Kapitulation Deutsch- Volkspartei als politischer Wahl von Johannes Bayerischen Landtags lands (Versailler Verträge) Arm des Katholizismus Hoffmann (SPD) zum Gründung der Deutschen Novemberrevolution. Kurt Friedrich Ebert (SPD) wird Ministerpräsidenten Arbeiterpartei (Vorläufer der Eisner ruft den „Freien erster Reichspräsident und Ausrufung einer NSDAP) Volksstaat Bayern“ aus, Räterepublik Ludwig III flieht nach Salzburg// 48
  • 1920Der Deutsche Reichstag verab- Reihe der schulpolitischen Refor-schiedet das Reichsvolksschulge- men der Regierung Hoffmann wie-setz, das festlegt, dass die Grund- der aufgehoben bzw. geändert wieschule von allen Kindern ab dem z.B. die Simultanschulverordnung,6. Lebensjahr besucht werden muss das Recht auf Eheschließung vonund dass sie vier Jahre dauert. Die Lehrerinnen, der Religionserlass und 1925von sozialdemokratischen Kräften die Verordnung über Schulpflege, Die Vollversammlung des BLVgeforderte sechsjährige Grund- Schulleitung und Schulaufsicht, die beschließt am 17. April 1925 dieschule wird von den Konservativen die Mitwirkungsrechte der Lehrer- Einrichtung einer „Krankenhilfe“.als sozialistische Einheitsschule räte festgelegt hatte. Es kommt 1937 wird sie aus dem BLV ausge-bekämpft und abgelehnt. zu scharfen Auseinandersetzungen gliedert und in einen eigenen Versi- mit dem BLV. Eine BLV-Befragung 1924 cherungsverein auf GegenseitigkeitDer BLV-Vorsitzende Daniel Wink- aller Lehrerräte zu ihren Erfahrun- Höhepunkt der schulpolitischen umgewandelt und als „Kranken-le wird 1920 vom Reichsinnenmi- gen mit den neuen Mitwirkungs- Revision ist die Auseinanderset- kasse bayerischer Erzieher (KbE)“nister als Experte für das Thema rechten führt zu dem sog. „Maul- zung um das Konkordat mit dem weiter besteht. 1938 wird sie unterPrivatschulwesen zur Reichsschul- korberlass“ vom 15.11.1920, der Heiligen Stuhl, in dem die bayeri- dem Nationalsozialistischen Lehrer-konferenz nach Berlin eingeladen. den Lehrerräten verbietet, „einem sche Regierung der katholischen bund (NSLB) als KdE auf ganz Privaten gegenüber – das ist für Kirche erneut weitgehende Ein- Deutschland ausgeweitet. Am 1.In den Jahren 1920 bis 1925 wer- sie auch der Vorsitzende des Bay- griffsmöglichkeiten in das Volks- November 1945 übernimmt dieden von der Regierung des Minis- erischen Lehrervereins – über ihre schulwesen einräumt. Es kommt Bayerische Beamtenkrankenkasse,terpräsidenten Dr. Gustav Ritter von dienstliche Tätigkeit und über ihre zu heftigen Kontroversen mit dem die bereits damals zur BayerischenKahr und Kultusminister Franz Matt dienstlichen Wahrnehmungen ohne BLV. Das Konkordat wird trotz des Versicherungskammer gehörte, die– beide Mitglieder der konservati- Erlaubnis der zuständigen Behörde Widerstandes am 13.1.1925 vom bei der KbE versicherten Lehrerin-ven Bayerischen Volkspartei – eine Auskunft zu geben.“ Landtag verabschiedet. nen und Lehrer.1920  Rücktritt der Regierung 1922  Massenstreik von 160 000 1924  . Bayerisches Konkordat 3 1925  Eröffnung des Deutschen Hoffmann nach Kapp- Metallarbeitern (Staatskirchenvertrag) regelt Museums Putsch 1923 Hitlerputsch in München Nichteinmischung des Staa- Reichspräsident Friedrich  1919 gegründete Die tes in innere Angelegenheit Ebert stirbt, Nachfolger wird Inflation erreicht ihren der Kirche Deutsche Arbeiter Partei Höhepunkt: 1 Pfund Brot Paul von Hindenburg wird zur NSDAP umbe- kostet 33 Milliarden Mark Gewinne der Konservativen 1926  rbeitslosenversicherung A nannt bei Landtagswahlen wird per Gesetz eingeführt 49 //
  • 1933 1930 Drei Monate nach der Machtüber- Der Bayerische Lehrerverein nahme der Nationalsozialisten fin- kauft eine Villa am Bavariaring in det in München am 24. und 25. München, um dort die kontinuier- April 1933 eine außerordentliche lich anwachsende Süddeutsche Hauptversammlung des BLV statt. Lehrerbücherei unterzubringen. Der Bei dieser Versammlung tritt der Buchbestand beim Umzug in das gesamte Vorstand unter Leitung herrschaftliche neue Heim beträgt 1932 des 1. Vorsitzenden Daniel Winkle knapp 60 000 Bände und zahlreiche Der Bayerische Lehrerverein grün- zurück. Als neuer Vorsitzender wird Zeitschriften. Heute ist am Bava- det im Winter 1932/33 das „Kinder- der Münchner Lehrer Josef Bauer riaring die Landesgeschäftsstelle hilfswerk des BLV für die bedräng- gewählt. Bauer ist ein Vertrauter untergebracht. Die Süddeutsche ten Grenzgebiete“ zur Unterstützung Adolf Hitlers. Er hat die Partei- Lehrerbücherei steht seit 1987 in der Notgebiete des Bayerischen nummer 34, war zuerst Mitglied der Stadtbibliothek im Kulturzent- Waldes, des Fichtelgebirges und der SA und später der SS. Er hatte rum Gasteig und ist dort benutzbar. des Frankenwaldes. Am 11. Feb- sich aktiv am Hitlerputsch 1923 Sie umfasst etwa 120 000 teilweise ruar 1933 wird es vom Kultus- und beteiligt. 1935 wird er in München wertvolle Bände. Innenministerium genehmigt. Stadtschuldirektor. 1930  Gründung des Bayerischen  der 1. Fußballweltmeis- Bei 1932  andtagswahl Bayerische L 1933  inrichtung des 1. KZ in E Rundfunks terschaft gewinnt Uruguay Volkspartei (45 Sitze), Dachau Einwohnerzahl 7,7 Mio gegen Argentinien NSDAP (43 Sitze), NSDAP erhält bei Reichs- Bauern (40%),Handwerk, SPD (20 Sitze) tagswahlen 43,9 %, Hitler Industrie (32,5%), Arbeiter 554 000 Menschen sind wird Reichskanzler (38 %) Gewerbetreibende, erwerbslos gemeldet Beamte (22 %)// 50
  • Infolge des „Gesetzes zur Wieder- 1936herstellung des Berufsbeamten- Die Lehrerseminare, deren Besuchtums“, das bereits im April 1933 nur den Abschluss der Volksschuleverabschiedet wird, werden alle jü- voraussetzt, werden zur Deutschendischen, sozialdemokratischen und Oberschule ausgebaut. Die sechs-kommunistischen Lehrer entbe- jährige Deutsche Oberschule ver-amtet und aus dem Schuldienst gibt die allgemeine Hochschulreifeentfernt. Gleichzeitig wird im Ge- und berechtigt zum Besuch dersetz gegen die Überfüllung deut- staatlichen Hochschulen der Leh-scher Schulen und Hochschulen 1935 rerbildung. Zehn der in Bayern exis-festgelegt, die Zahl der jüdischen In den sog. Nürnberger Rassegeset- tierenden Lehrerseminare werdenSchüler und Studenten jeweils auf zen wird festegelegt, dass jüdische zu Oberschulen, drei zu Hochschu-den Prozentsatz zu beschränken, Kinder nicht mehr an staatlichen len für Lehrerbildung (München,den die jüdische Bevölkerung an Schulen unterrichtet werden dürfen, Bayreuth, Würzburg) und eine ge-der Gesamtbevölkerung einnimmt. was zu zahlreichen Gründungen schlossen (Coburg). Die konfessio-(1933: 1,5%). kleiner jüdischer Schulen führt. nelle Lehrerbildung wird aufgelöst.  esetz zur Wiederherstel- G 1934  esetz über den Neu­ G 1935  ersammlungen gegen V 1937  ie Ausstellung „Entartete D lung des Berufsbeamten- aufbau des Reiches, die die Abschaffung der Kunst“ wird in München tums, erster Judenboykott Hoheits­echte des Staates r Bekenntnisschulen werden eröffnet Ermächtigungsgesetz wird Bayern erlöschen. Auf­ verboten  Lehrer, die kirchlichen Alle vom Reichstag verabschie- lösung des Bayerischen Nürnberger Rassengesetze Orden angehören, werden det, die Gleichschaltung Landtags beschneiden Juden in allen aus den Volksschulen beginnt  Nürnberg findet der In Bürgerrechten entlassen Reichsparteitag statt 51 //
  • 1938 Der Bayerische Lehrerverein kann sich aufgrund der herausragenden Position des Vorsitzenden Josef Bauer innerhalb der NSDAP relativ lang der Gleichschaltung, d. h. der Auflösung erwehren. Als Abteilung Wirtschaft und Recht innerhalb des Nationalsozialistischen Lehrer­­bun­ des (NSLB) bleibt er bis zum 31. Dezember 1937 formal und vermögensrechtlich, nicht aber welt­ anschaulich unabhängig. Zum 1. Januar 1938 geht der BLV schließlich in den Nationalsozialisti- schen Lehrerbund über, seine Ver- 1941 mögenswerte werden dem NSLB Neben der Volksschule wird eine überschrieben inklusive des Hau- vierjährige Hauptschule eingeführt. ses am Bavariaring und Schloss Sie sollen Schüler besuchen, die Fürstenstein. nach Meinung der Lehrer und Par- 1939 teifunktionäre charakterlich dafür Die Bekenntnisschule wird abge- Die Archivmaterialien des BLV wer- besonders geeignet sind, wobei ins- schafft und im ganzen deutschen den in das Haus des Deutschen besondere körperliche und geistige Reich eine „deutsche Gemein- Lehrers nach Bayreuth, das1937 Leistungsfähigkeit eine Rolle spiel- schaftsschule“ eingeführt. Juden errichtet wurde, ausgelagert. Dort ten. Gleichzeitig wird die sechs- wird der Besuch deutscher Schulen fallen sie während eines Bombenan- jährige Mittelschule (Realschule) generell verboten. griffes 1944 dem Feuer zum Opfer. abgeschafft. 1938  Klösterliche Privatschulen 1939  eutschland annektiert D 1940  Beginn der systemati- 1941  Entfernung der Kruzifixe werden geschlossen Tschechien und Teile der schen Deportationen der aus den Klassenzimmern Reichspogromnacht Slowakei jüdischen Bevölkerung 1943  Geschwister Scholl Die Verfolgung der Juden und Beginn des 2. Weltkrieges Errichtung des KZ organisieren Widerstand an Zerstörung von Synagogen mit dem Einmarsch in Polen Auschwitz der Münchner Universität, und jüdischen Geschäften werden verhaftet und ermordet// 52
  • 1945 Der frühere Leiter der schulpoliti­ 1946 schen Hauptstelle im BLV (bis Am 20. März wird die Wiedergrün- 1933), Dr. Friedrich Nüchter, be- dung des BLV von der amerika- treibt bereits kurz nach Kriegsende nischen Militärregierung in Berlin die Wiedergründung des BLV. Am genehmigt. In den im Juni veröf- 21. August richtet er zusammen fentlichten „Aufruf zum Zusammen- mit einigen nicht belasteten frü- schluss aller bayerischen Lehrer heren BLV-Mitgliedern ein Gesuch und Erzieher“ wird ausdrücklich „petition concerning the reestab- festgehalten, dass der Zusammen- lishing of the Bavarian Teachers schluss in einem neuen Verband Association“ an die amerikanische „die Interessen und Vertreter aller Militärregierung in Bayern. Schulgattungen umfassen“ soll. Am 26. August 1946 wird daraufhin in Die Bekenntnisschule wird gegen Nürnberg der Bayerische Lehrer- die Vorstellungen der amerikani- verein neu gegründet. Als 1. Vorsit- schen Besatzungsmacht wieder zender wird Franz Xaver Hartmann eingeführt. gewählt1943  Verstärkte Luftangriffe der 1944  Große Schäden und 1945  Bayern wird amerikanische 1946  Eine neue bayerische Alliierten auf bayerische zehntausende Tote durch Besatzungszone und erhält Verfassung tritt durch Städte Luftangriffe auf bayerische eine Militärregierung Volksentscheid in Kraft Schüler werden als Luft- Städte Ende des 2. Weltkriegs  Vollversammlung der 1. waffenhelfer zum Kriegs- und Kapitulation UNO in New York einsatz herangezogen Deutschlands 53 //
  • 1948 Der 25-jährige Wilhelm Ebert ruft in der 1. Ausgabe der Bayerischen Lehrerzeitung im Juli 1948 zur Neugründung der „Arbeitsgemein- schaft Bayerischer Junglehrer“ 1946 auf: „Erste Aufgabe von Jungleh- Die amerikanische Militärregierung rern ist es, jung zu sein! Mit ju- fordert eine Abkehr vom geglieder- gendlicher Begeisterung wollen wir ten Schulwesen, die Einführung vor unsere Schüler treten und mit 1951 einer sechsjährigen Grundschule heiterem und aufgeschlossenem Die Vollversammlung des BLV im und den Ausbau der Beteiligungs- Herzen unsere schöne Aufgabe Juli in Augsburg beschließt nach rechte der Lehrerschaft. Diese meistern. Das Zeichen gesunden kontroverser Diskussion mit 196 Anliegen stoßen auf den massi- jungen Geistes war zu allen Zei- zu 116 Stimmen einen neuen ven Widerstand von Kultusminister ten ‚Sturm und Drang‘. Wir fühlen Namen: Bayerischer Lehrer- und Alois Hundhammer (CSU), der im diesen Geist, wir wollen nicht mehr Lehrerinnenverband. Damit wird Gegenzug einen „Erziehungsplan säumen. Wir dürfen uns nicht ver- der Verbandsname der Tatsache auf weite Sicht“ vorlegt. Die Be- zetteln. Schließen wir uns zusam- gerecht, dass 28 % der Mitglieder kenntnisschule wird schließlich als men!“ Im Sommer 1948 wird die Frauen sind. Regelschule in der Bayerischen ABJ wieder gegründet und Ebert Verfassung festgeschrieben. zum 1. Vorsitzenden gewählt. Der BLV hat 17 176 Mitglieder. 1946  Nürnberger Kriegs- 1948  Tägliche Fleischration wird 1950  olkszählung ergibt, dass V 1951  Gymnasialzeit wird auf verbrecherprozesse von 435g auf 100g herab- in Bayern 9 126 010 neun Jahre verlängert 1947  rster bayerischer E gesetzt Menschen leben Beginn des sog. Ministerpräsident wird Verkündung der  Landtagswahlen wird Bei Wirtschaftswunders Hans Ehard (CSU) UN-Menschenrechts- SPD stärkste Fraktion. konvention Hans Ehard (CSU) bleibt Ministerpräsident// 54
  • 1953 Am 1. Februar 1953 finden zeit- gleich in München und Nürnberg zwei Großkundgebungen des BLLV statt. In München nehmen 6 000 und in Nürnberg 3 000 Lehrerinnen und Lehrer teil. Im Mittelpunkt ste- hen die desolate wirtschaftliche Situ­ ation der bayerischen Lehrerschaft in der Nachkriegszeit und der Kampf gegen die von der CSU geführten Staatsregierung angestrebten kon- fessionellen Lehrerbildung. 1953  ufstand der Bürger A1952  eutschland tritt unter D (Montanunion. Sie wird gegen das politische Bundeskanzler Konrad Grundlage der europäi- System der DDR Adenauer der Europäischen schen Gemeinschaft) Verteidigungs­ emeinschaft g B  eginn der Bürgerrechts- Deutschland tritt dem bei. Gründung der Euro­ ä­ p bewegung in den USA zur Inter­ ationalen Währungs- n ischen Gemeinschaft für Aufhebung der Rassen- fond bei Kohle und Stahl trennung 55 //
  • 1954 Der BLLV mischt sich mit Ver- sammlungen in ganz Bayern in den vertriebenen und Entrechteten und Wahlkampf ein. In einer Kundge- FDP) erreichen 121 Mandate. Alle bung in der TH München äußert ihre Kandidaten hatten in den Ver- Wilhelm Ebert bildungspolitische sammlungen den BLLV-Forderun- Grundsätze des BLLV: „Trennung gen zugestimmt. Bei und mit Wal- schafft Vorurteile“. „Es ist ein welt- demar von Knoeringen setzt sich fremdes Ideal sich voneinander ab- Ebert sofort für ein Viererbündnis 1955 zuschließen, um dann ungestört in auf bildungspolitischer Grundlage 1955 wird der 32-jährige Wilhelm Frieden zu leben.“ ein. In der Zeit dieser Viererko- Ebert zum 1. Vorsitzenden des BLLV alition (ohne CSU) mit Wilhelm gewählt. Ebert steht für eine Neu- Bei den Landtagswahlen am Hoegner als Ministerpräsident von orientierung und einen Neuanfang 28. November 1954 erreicht die 1954-1957 verändert sich das im Verbandsverständnis: Die junge CSU 83 Mandate (bisher hatte sie Verständnis für eine zukunftsorien- Demokratie soll auch zum Aufbruch 54). Sie triumphiert und kündigt tierte Schule in den Parteien und in der Bildungspolitik führen. Ebert eine konsequente „konfessionelle relevanten Gruppen der Öffent- setzt sich gegen die Bekenntnis- Lehrerbildung“ an. lichkeit. Der BLLV wird zu einem schule, für eine „demokratische anerkannten und nicht mehr zu Erziehungsschule“, für den Stufen- Die anderen (vier) Parteien (SPD, vernachlässigenden bildungspoliti- lehrer und für eine Gleichwertigkeit Bayernpartei, Bund der Heimat- schen Faktor. der Lehrer ein. 1954  Vierer-Koalition ohne CSU,  eseitigung der Rassen- B  1956  erlängerung der Amtszeit V Wilhelm Hoegner (SPD) trennung in Schulen in der Kommunalpolitiker auf Ministerpräsident den USA sechs Jahre Aufbau der Bundeswehr Einführung der allgemeinen Deutschland wird Fußball- Wehrpflicht weltmeister gegen Ungarn Volksaufstand in Ungarn// 56
  • 1958 Unter Einsatz seiner berufswissen- schaftlichen Autorität und seines gewachsenen bildungspolitischen Gewichts kämpft der BLLV um die akademische Bildung von Volks- schullehrern und -lehrerinnen. In einem historischen Durchbruch verabschiedet der Landtag am 2. Juni 1958 einstimmig ein Leh- rerbildungsgesetz, mit dem ein Jahrhundert ständischer Diskrimi- nierung endet.1957Der Hauptausschuss des BLV be- Die zweite Stufe der großen Besol-schließt den Bau des Münchner dungsreform tritt in Kraft. Sie warStudentenwohnheims. Es wird notwendig geworden, nachdem1959 eingeweiht und bezogen. Es Bundestag und Bundesrat dasfolgt der Kauf eines kleinen Wohn- Bundesbesoldungsgesetz und dasheimes in der Altstadt von Regens- Beamtenrechtsrahmengesetz, dasburg. Die Studentenwohnheime verbindliche Vorschriften für diebilden den Verein Studentenwohn- Beamtengesetzgebung der Län-heime des BLLV e.V. der macht, verabschiedet hat. Die Volksschullehrer werden in A 10Der BLLV hat 21 939 Mitglieder. eingestuft.1957  Hanns Seidl (CSU) wird 1959  Kubanische Revolution 1961 n Bayern leben 9 494 939 I  Gagarin (UdSSR) ist Juri Ministerpräsident unter Fidel Castro Menschen erster Mensch im Weltraum Einführung der Bau der Berliner Mauer Aufhebung der Rassen- 45-Stundenwoche  nwerbeabkommen mit A  trennung in den USA Gründung der Europäi- der Türkei schen Wirtschaftsgemein- schaft (Sechs Gründungs- mitglieder) 57 //
  • 1964 Georg Picht prägt den Begriff der „Bildungskatastrophe“, der eine langjährige intensive Diskussion 1962 rück. Er geht nach Paris und übt über Bildungsbeteiligung und das An der von Wilhelm Ebert forcierten seine Tätigkeit als Direktor des Schulsystem anstößt. Im Fokus Einstellung eines hauptamtlichen Pariser Büros des Weltlehrerverban- dieser Diskussion steht, die sozi- Studenten- und Junglehrerrefe- des WCOTP und Ständiger Vertre- ale Benachteiligung in der Schu- renten entzündet sich eine bereits ter der WCOTP bei der UNESCO le zu verringern und die Zahl der länger schwelende Auseinanderset- hauptamtlich aus. Er arbeitet dabei „Höherqualifizierten“ zu erhöhen. zung um den Führungsstil des ers- an führender Stelle mit u. a. an der Das „katholische Landmädchen“ 1965 ten Vorsitzenden. In der Einstellung Magna Charta des Lehrers und den wird zum Begriff der dreifachen Die Besoldungsnovelle tritt in Kraft, hauptamtlicher Mitarbeiter sehen UNESCO-Empfehlungen zum Sta- Bildungsbenachteiligung: In ka- mit der die Lehrer an Volksschulen Eberts Gegner eine Abwertung der tus des Lehrers, die am 5. Oktober tholischen Regionen, in ländlichen als Eingangsstufe A 11 erhalten. ehrenamtlichen Arbeit im Verband. 1966 verabschiedet werden. Gebieten und bei Mädchen ist die Da Ebert von der Notwendigkeit der Neuer 1. Vorsitzender des BLLV Bildungsbeteiligung am niedrigs- Auf Initiative von Hugo Zirngibl wird Professionalisierung überzeugt ist, wird Hugo Zirngibl. ten. Picht spricht von „Bildungs- die BLLV-Eigenhilfe gegründet, um aber die innere Einheit des BLLV reserven“, die es zu aktivieren gilt, in Not geratenen Mitgliedern un- nicht gefährden will, tritt er am Der BLLV hat über 25 000 um wirtschaftlich konkurrenzfähig bürokratisch und schnell finanziell 2. Juni 1962 als Vorsitzender zu- Mitglieder. zu werden. helfen zu können. 1962  Universitätsgründung in 1963  Ermordung des amerikani- 1964  er bayerische Kultus- D Regensburg schen Präsidenten John F. minister Theodor Maunz Alfons Goppel wird Minis- Kennedy (CSU) tritt wegen terpräsident Vertrag über deutsch-fran- Nazivergangenheit zurück Arbeitslosenquote sinkt zösische Zusammenarbeit Neuer Kultusminister wird auf 0,7 % Beginn des 1. Auschwitz- Ludwig Huber prozesses// 58
  • 1968 Die Auseinandersetzung um eine grundlegende Schulreform führt zu einem Volksbegehren der SPD und daraufhin zu einem der CSU. In Verbindung mit dem Parteivor- sitzenden der CSU und Bundes- finanzminister Franz Josef Strauß1966 gelingt Präsident Wilhelm Ebert,Nach dem sog. Hamburger Ab- dass ein über die beiden Volksbe-kommen der Ministerpräsidenten 1967 gehren hinausgehender Vorschlagaus dem Jahr 1964 wird eine Wei- Auf Bitten herausragender Per- des BLLV zur Verfassungsänderungterentwicklung der Volksschulen zu sönlichkeiten im BLLV stellt sich im Einvernehmen mit allen Parteieneiner weiterführenden Schule in der Wilhelm Ebert bei der Hauptver- erarbeitet wird und vom Landtag alsBundesrepublik angestrebt. Dazu sammlung des BLLV vom 18. bis dritte Alternative zur Abstimmunggehört auch die Verlängerung der 21. Mai 1967 in Regensburg nach steht. Dieser vom BLLV öffentlichSchulpflicht auf neun Jahre und die fünf Jahren Aufenthalt in Paris er- massiv unterstützte Vorschlag wirdBestimmung, dass der Begriff der neut zur Wahl zur Verfügung. Er im Volksentscheid am 7. Juli 1968Volksschule nur noch verwendet erhält 422 von 551 abgegebenen mit 85% angenommen. Die staat-werden soll, wenn beide Schularten Stimmen. Als zentrale Ziele nennt liche Konfessionsschule wird ab-organisatorisch zusammengefasst er eine grundlegende Schulreform, geschafft zu Gunsten einer für allesind. In Bayern wird das 9. Schul- wobei die „christliche Gemein- Schüler und Lehrer gemeinsamenjahr an der Hauptschule eingeführt schaftsschule“ nicht das Ziel, son- „Christlichen Schule“. In der folgen-und die Landschulreform begon- dern die Voraussetzung sei, eben- den „großen Schulreform“ werdennen – langjährige Forderungen des so wie eine weitere Reform der weit über tausend ZwergschulenBLLV. Lehrerbildung. geschlossen.1966  Große Koalition aus CDU/ 1967  Bayerisches Fernsehen 1968  Zugangsbeschränkung 1969  Zahl der in Bayern Die CSU und SPD, Kanzler ist beginnt die Ausstrahlung zu den Hochschulen wird arbeitenden Migranten Georg Kiesinger des Telekollegs eingeführt übersteigt 200 000 Sechs-Tage Krieg zwischen Vatikan spricht sich gegen Willy Brandt (SPD) wird Israel und den arabischen künstliche Empfängnisver- Bundeskanzler Nachbarstaaten hütung aus Erste Mondlandung 59 //
  • 1974 Auf einer BLLV-Kundgebung in Traunstein am 4. März bekundet Finanzminister Ludwig Huber seine 1970 Auffassungen zu Lehrerbildung und In der Bundesrepublik beginnt Die Gesetzgebungskompetenz in Lehrerbesoldung, die mit denen eine heftige Debatte um eine für Beamtenbesoldung, Versorgungs- des BLLV weitgehend identisch alle Schüler gemeinsame Orientie- recht und Laufbahnrecht wird von sind: die Abkehr vom Schularten- rungsstufe und die Gesamtschule Landes- auf Bundesebene ge- lehrer zum Stufenlehrer, die Nicht- als Alternative zum gegliederten hoben. Das zweite Besoldungs- unterscheidung des Primarstufen- Schulsystem, die zu nachhaltigen neuregelungsgesetz wird vom lehrers vom Sekundarstufenlehrer ideologischen Verwerfungen führt. Deutschen Bundestag und das in der Besoldungskonzeption. Hu- In Bayern bremst Kultusminister zweite bayerische Besoldungsneu- ber statuiert: „Die staatspolitische Hans Maier mit der CSU diese Be- regelungsgesetz vom Bayerischen Priorität dieser Neuordnung recht- wegung zu mehr Integration aller Landtag verabschiedet. Damit fertige die Mittel“. Schüler und verhindert deren weite- werden Volksschullehrer in die re Entwicklung. Dies führt zu einer Besoldungsgruppe A 12 und Real- Am 17. Juli wird das Lehrerbil- viele Jahre währenden scharfen und Sonderschullehrer in die Be- dungsgesetz mit dem „Stufenleh- Konfrontation zwischen der Schul- soldungsgruppe A 13 eingestuft. rer“ verabschiedet. politik der CSU und dem BLLV. 1970  Einrichtung von Fachhoch- 1972  lympische Spiele in O 1974  Energiekrise und Sonn- schulen München, Terroranschlag tagsfahrverbot Herabsetzung des aktiven Radikalenerlass, Überprü- Rücktritt von Bundes- Wahlalters auf 18 Jahre fung aller Bewerber für den kanzler Willy Brandt wegen durch Volksentscheid öffentlichen Dienst auf eine Guillaume-Affäre Gründung der Universität Mitgliedschaft in einer extre­ Helmut Schmidt wird Augsburg mistischen Organisation Bundeskanzler// 60
  • 1975 1978 Wilhelm Ebert wird in Berlin zum Der BLLV gründet zusammen mit Präsidenten des Weltlehrerver- Prof. Dr. Hans Schiefele die Aka- bandes WCOTP (World Confede- demie für Bildungsreform und ration of the Organizations of the pädagogische Entwicklung. Ihr Teaching Profession) mit Sitz in gehören zahlreiche prominente Er- Morges bei Genf gewählt. Er übt ziehungswissenschaftler und Päda- dieses Amt bis 1978 aus und bleibt gogen aus der ganzen Bundesrepu- noch weitere Jahre im Vorstand blik Deutschland an. Ziel ist es, die der WCOTP. Bildungsreformen in Deutschland wissenschaftlich zu begleiten und Bau der Studentenwohnheime in Reformkräfte in der Wissenschaft Regensburg und Augsburg. und der Praxis zusammenzuführen.1975  Errichtung von Selbst- 1976  § 218 zur Regelung Der 1977  rmordung von Arbeit­ E 1978  Franz-Joseph Strauß schussanlagen an der der Abtreibung wird verab- geberpräsident Hans- wird bayerischer deutsch-deutschen Grenze schiedet Martin Schleyer Ministerpräsident Ende des Vietnamkrieges  China endet die Kultur­ In Entführung des Verkehrs- Neugründung der  Europäische Rat tritt Der revolution mit dem Tod Mao flugzeuges Landshut durch Universität Passau das erste Mal zusammen Zedongs die RAF Soweto-Aufstand in Süd­ afrika gegen das System der Apartheid 61 //
  • 1984 Auf der 44. Landesdelegiertenver- sammlung in Augsburg wird Albin Dannhäuser zum neuen Präsiden- ten des BLLV gewählt. Dannhäuser war u. a. Vorsitzender der ABJ, Leiter der schulpolitischen Hauptstelle im BLLV und für drei Jahre Geschäftsführer des Verban- des Bildung und Erziehung (VBE). In seiner Antrittsrede umschreibt er seine Ziele als neuer Präsident. Schwerpunkte sind die Stärkung der professionellen Unabhängigkeit der Lehrer und die Verbesserung der individuellen Förderung der Schüler. 1979  Erste Wahlen zum Europa- 1981  Großdemonstrationen 1982  elmut Kohl wird H 1986  Atomkatastrophe in parlament gegen Atomkraft Bundeskanzler Tschernobyl 1980  Gründung der Grünen als  riechenland tritt der  G  erste Compact Disc Die 1986  Hans Maier scheidet als Bundespartei Europäischen Wirtschafts- (CD) kommt auf den Markt Kultusminister aus. Erster Golfkrieg zwischen gemeinschaft bei 1983  rfindung der E Nachfolger wird Hans Iran und Irak Computer-Maus Zehetmair (bis 1998)// 62
  • 1987 1989Der BLLV verabschiedet auf der Im November 1989, wenige Wo-Landesdelegiertenversammlung in chen nach der Öffnung der GrenzeWürzburg das Konzept der „Schule zur DDR, findet das erste deutsch-in der Region“. Es fußt auf einem deutsche Pädagogentreffen auf Ini­Schulmodell, das Albin Dannhäuser tiative des BLLV statt. Aus dieserangesichts der ersten demografi- ersten Begegnung entsteht eineschen Probleme als Leiter der intensive Kooperation zwischenschulpolitischen Hauptstelle im BLLV BLLV und Lehrerkollegen in denund als VBE-Geschäftsführer ent- neuen Bundesländern. Der BLLVwickelt hat. Kern des Schulmodells unterstützt die Lehrer in den neuenist die Neubewertung der Schule in Bundesländern in den 90er Jahrenihrer regionalen Einbindung. Schul- intensiv beim Aufbau unabhängigerpolitisch wird die Möglichkeit integra­ Lehrerverbände.tiver Schulkonzepte vor Ort vorge-schlagen. Eine Stärkung der Eigen- Präsident Albin Dannhäuser fordertverantwortung der Einzelschule ist­ die Einführung von Beförderungs-Voraussetzung dieses Konzeptes, ämtern für Grund-, Haupt-, Förder-das zuerst in Rheinland-Pfalz rezi- und Realschullehrer als Schritt zurpiert und umgesetzt wird. Gleichwertigkeit der Lehrer.1987  USA beginnen mit der 1989 In Berlin fällt die Mauer Vermessung der Welt Verkündung der UN- mit GPS Kinderrechtskonvention1988  Max Streibl wird neuer Ministerpräsident 63 //
  • 1992 Präsident Albin Dannhäuser grün- men an der Schule zu demonstrie- det das Forum Bildungspolitik in ren. Im gleichen Jahr übergibt Albin Bayern. Ihm gehören 15 Organisa- Dannhäuser dem Präsidenten des tionen an, die Lehrer, Eltern, Schü- Bayerischen Landtags 198.370 ler und andere pädagogische Initia- Unterschriften bayerischer Bürge- tiven repräsentieren. Ziel ist es, in rinnen und Bürger, die eine bessere Bayern die Zusammenarbeit in der Unterrichtsversorgung und eine in- Bildungspolitik über Verbändegren- novativere Schulpolitik fordern. Es zen hinaus zu fördern. Bis zum Jahr handelt sich hierbei um die größte 1990 2011 ist die Zahl der Mitgliedsorga- Massenpetition in der Geschichte Gründung des BLLV-Wirtschafts- nisationen auf 44 angewachsen. Bayerns. dienstes und des BLLV-Reisediens- tes in der Rechtsform einer GmbH, Am 26. September 1992 folgen Das Forum Kindertagesstätten, in um die wirtschaftlichen Tätigkeiten über 10.000 Eltern, Lehrer und dem Erzieherinnen organisiert sind, des BLLV für seine Mitglieder von Schüler dem Aufruf des Forums tritt in den BLLV ein. Damit verstärkt den ideellen Aktivitäten des BLLV Bildungspolitik, auf dem Münchner der BLLV seine Aktivitäten im Be- zu trennen. Marienplatz gegen Sparmaßnah- reich der frühkindlichen Erziehung. 1990  Michail Gorbatschow wird 1992  Maastrichter Vertrag,  UN-Konferenz über Die Präsident der Sowjetunion Gründung der Umwelt und Entwicklung Deutsche Europäischen Union in Rio de Janeiro beschließt Wiedervereinigung  erste gesamtdeutsche Der das umweltpolitische Bundestag tritt zusammen Aktions­ rogramm für p 1991 Auflösung der Sowjetunion das 21. Jahrhundert die „Agenda 21“// 64
  • 1993Die BLLV-Landesdelegiertenver-sammlung verabschiedet einenInitiativantrag „Schule 2000 – leis-tungsfähig, demokratisch, mensch-lich“. Er richtet sich gegen die bil- 1994dungspolitische Restauration unter Während des Krieges im ehema-Kultusminister Hans Zehetmair und ligen Jugoslawien zwischen 1990plädiert für pädagogische Innova- und 1992 sammelt der BLLVtionen. Er wird Grundlage für das 1,5 Mio DM, um FlüchtlingskindernVolksbegehren „Bessere Schulen“. zu helfen. Eine beispiellose WelleAufgrund interner Konflikte zieht der der Hilfe wird durch den Aufruf desBLLV seine Mitarbeit an der Vorbe- BLLV an den bayerischen Schulenreitung des Volksbegehrens zurück. initiiert. Daraufhin gründet der BLLV-Es wird von anderen Organisationen Landesvorstand im Herbst 1994 dieweiterbetrieben, vom Bayerischen BLLV-Kinderhilfe als eigenständigenVerfassungsgericht jedoch nicht Verein. Die BLLV-Kinderhilfe unter-zugelassen. stützt seitdem regelmäßig Schulen und Kinderhäuser in der ganzen WeltDas freiwillige 10. Hauptschuljahr u. a. in Ruanda, Vietnam, Bulgarien.wird eingeführt, eine langjährige Schwerpunkt ist das BLLV-Kinder-Forderung der BLLV. haus in Ayacucho, Peru.1993  Max Streibl tritt wegen  Deutschland werden der In 1994  ufhebung des Straftat- A der „Amigo-Affäre“ zurück Besitz und die Besitzver- bestands der Homosexualität Edmund Stoiber schaffung von Kinder­ 1995  Norderweiterung der EU wird Ministerpräsident pornografie strafbar (15 Mitgliedstaaten)  Internationale Konferenz 2. Verwirklichung des Euro­ Wegfall der Grenzkontrollen über Menschenrechte in päischen Binnenmarkts in der EU (Schengener Wien Abkommen) 65 //
  • 1998 Der BLLV ruft zu einem Demon­ strationszug unter dem Motto „Mehr Geld für Bildung“ auf. Fast 15 000 Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Schüler ziehen durch die Münchner Innenstadt vorbei an der Staats- kanzlei und dem Finanzministerium zur Abschlusskundgebung auf dem Odeonsplatz. Dies ist die größte Demonstration, die in Bayern je- 1997 mals für Bildungsthemen durchge- Der Landesvorstand gründet den führt wurde. Auf dem Odeonsplatz Verein Bildungswerk und Akade- wird für jeden der 1,3 Millionen mie des BLLV. Vorsitzender wird bayerischen Schüler je ein symbo- der langjährige Leiter der berufs- lischer Pfennig in eine übergroße wissenschaftlichen Hauptstelle Sparkasse geworfen. Prof. Dr. Heinz-Jürgen Ipfling. Die Akademie setzt die Tradition des Nachdem die Staatsregierung und 1910 gegründeten Pädagogisch- das Kultusministerium an ihrem Psychologischen Instituts fort. Im Vorhaben, die bislang vierjährige Mittelpunkt des Seminarprogramms Realschule auf sechs Jahre zu ver- stehen persönlichkeitsorientierte, längern, festhält, beginnen im BLLV auf die besonderen Aufgaben des die Vorbereitungen auf ein Volksbe- Lehrerberufs ausgerichtete Tages- gehren gegen die Einführung der seminare. sechsstufigen Realschule. 1997  uf der Kyoto-Konferenz A  1998  onika Hohlmeier wird M  Volksentscheid in Ein Gründung der globalisie- einigen sich die UN- Kultusministerin (bis 2005) Bayern streicht die Todes- rungskritischen Nicht- Staaten auf verbindliche Rot-grüne Koalition unter strafe aus der bayerischen Regierungs-Organisation Klimaschutzziele Bundeskanzler Gerhard Verfassung ATTAC Schröder Gründung von Google// 66
  • 2001 Im Dezember wird das erste Mal die internationale Vergleichsstudie 2000 „Program for International Student 508 425 Bürger unterstützten das Assessement“ kurz PISA von der Volksbegehren, das im Februar OECD veröffentlicht. Deutschland 2000 stattfindet. Dies reicht nicht liegt in dem Vergleich von 32 Län- zum Volksentscheid. Die Befürch- dern in fast allen Kategorien im letz- tungen des BLLV, dass in vielen ten Drittel. Mit der Veröffentlichung ländlichen Regionen die wohn- der ersten PISA-Ergebnisse verän- ortnahen Hauptschulen schließen dert sich die schulpolitische Diskus- müssen, stellen sich in kürzester sion in Deutschland grundlegend. Zeit noch dramatischer dar als vo- rausgesagt. Der BLLV-Landesvorstand setzt auf Initiative des Präsidenten eine1999 Nach dem Scheitern des Volks- Kommission „BLLV – Die ZukunftDer BLLV startet das Volksbegeh- begehrens wird die sechsstufige beginnt heute“ ein, die sich mit derren „Die bessere Schulreform“, um Realschule flächendeckend ein- Frage auseinandersetzt, welchedie Einführung der sechsstufigen geführt. Die Hauptschule erhält im Innovationen der BLLV braucht,Realschule zu verhindern. Die Be- Gegenzug die Berechtigung, einen um in der modernen Informations-fürchtungen des BLLV sind eine mittleren Abschluss zu vergeben. gesellschaft als größter Pädago-weitere Verstärkung des Über- Dafür werden M-Klassen und genverband in Bayern bestehentrittsdrucks in der Grundschule, M-Züge eingerichtet. Außerdem zu können. Weitreichende Ver-ein massives Schulsterben in den werden Praxisklassen geschaffen. änderungen in Organisation undländlichen Regionen und eine Kos- Erscheinungsbild werden in ver-tenexplosion zu Lasten der Unter- Im Jahr 2000 überschreiten die schiedenen Gremien und auf Re-richtsversorgung und der Arbeits- Mitgliederzahlen des BLLV kons- gionalkonferenzen diskutiert und inbedingungen der Lehrer. tant die 50 000. die Wege geleitet.1999 n der Schweiz wird das I 2000  as Recht auf gewalt- D 2001  nschlag auf A 2002  Einführung des Euro als World Wide Web entwickelt freie Erziehung wird in World Trade Center Bargeld Unterzeichnung eines Deutschland gesetzlich Amoklauf am Gutenberg- Abkommens zur Schaffung festgeschrieben Gymnasium in Erfurt eines Europäischen Hoch- Microsoft bringt das Weltgipfel für nachhaltige schulraumes in Bologna Betriebssystem Windows Entwicklung in Johannes- 2000 auf den Markt burg/Südafrika 67 //
  • 2004 Der BLLV initiiert die „Aktion Rot- stift – mehr geht nicht!“ Mit ihr soll deutlich gemacht werden, dass Lehrer und Schulleiter den ständi- gen Mehraufgaben, die ohne Be- reitstellung finanzieller und perso- 2003 neller Ressourcen erledigt werden Der BLLV übergibt dem Bayeri- sollen, entgegen treten. Zahlreiche schen Landtag eine von 102 317 Kollegien beteiligen sich an dieser Eltern und Lehrern unterzeichnete Aktion, die zu heftigen Attacken der Eingabe zur Sicherung der pä­ Regierungspartei CSU und der Kul- dagogischen Arbeit in der Grund- tusministerin auf den BLLV führt. schule. Forderungen sind bessere Förderung, mehr Unterrichtsstun- Die Einführung der sechsjährigen den, kleinere Klassen und mehr Realschule ist abgeschlossen. Das finanzielle Mittel. Ziel einer „Entlastung“ des Gym- nasiums und einer Stärkung der Das achtjährige Gymnasium wird Haupt­ chule wird nicht erreicht. s gegen massive Widerstände unter Sowohl die Übertrittsquoten auf das Ministerpräsident Edmund Stoiber Gymnasium als auch auf die Real- eingeführt. Der erste Jahrgang schulen steigen. Die Hauptschulen legt im Jahr 2011 das Abitur ab. verlieren deutlich an Attraktivität. 2003 Beginn des Irakkriegs 2004  acebook wird F B  undesweite Proteste T  sunami-Katastrophe im Neues Ladenschlussgesetz implementiert gegen die Sozialgesetz­ Indischen Ozean mit über erlaubt Öffnung bis Erste Osterweiterung der gebung der Bundes­ 200 000 Toten 20:00 Uhr EU (25 Mitgliedstaaten) regierung, insbesondere die Hartz IV Gesetze// 68
  • 2005Der BLLV gründet unter dem Dach 2006der BLLV-Akademie das „Institut Der Bundestag und der Bundes-für Gesundheit in pädagogischen rat beschließen die Föderalismus­ Bayern beginnt ein intensiver Ge-Berufen“ als Service-, Informa- reform. Sie umfasst ein sog. Ko- setzgebungsprozess für ein neuestions- und Beratungsstelle für Leh- operationsverbot, das ausschließen Dienstrecht.rerinnen und Lehrer, die aufgrund soll, dass der Bund in Fragen derberufsbezogener Stressbelastun- Schulpolitik aktiv mit den Ländern Der Dachverband des BLLV, dergen gesundheitliche Probleme zusammenarbeiten kann. Sie setzt Bayerische Beamtenbund (BBB),haben. Leiter des Instituts ist Prof. damit die 2007 mit der Auflösung nimmt unter Führung des LeitersDr. Joachim Bauer von der Univer- der Bund-Länder-Kommission für der Abteilung Dienstrecht und Be-sität Freiburg. Bildungsplanung und Forschungs- soldung im BLLV, Rolf Habermann, förderung eingeschlagene Zerschla­ nachhaltig Einfluss auf das zu ent-Der BLLV ist Mitinitiator des „Bünd- gung landesübergreifender Koordi- wickelnde neue Dienstrecht. Esnisses für Toleranz in Bayern“, bei nationsgremien fort. gelingt in diesem Zusammenhangdem sich 20 Organisationen, dar- die strukturelle Diskriminierung derunter die beiden Kirchen und die In Folge der Föderalismusreform Grund-, Haupt-, Förder- und Real-israelitische Kultusgemeinde aktiv fällt die Gesetzgebungskompetenz schullehrer in der Frage eines Be-zum Schutz der Menschenrechte in Fragen der Besoldung, Laufbahn förderungsamtes zu überwinden.in Bayern gegen rechtsextremisti- und Versorgung der Länderbeamte Das neue Dienstrecht tritt 2010sche Angriffe bekennen. an die Bundesländer zurück. In in Kraft.2005  Siegfried Schneider wird Joseph Ratzinger wird 2006  Zahl der Arbeitslosen in Bundestag erhöht Mehr- Kultusminister (bis 2008) Papst Benedikt XVI Deutschland steigt auf über wertsteuer auf 19 % Gewalttätige Unruhen Große Koalition unter 5 Mio (12,1 %)  undestag verabschiedet B  Jugendlicher in Frankreich Bundeskanzlerin Verkündung der UN-Be- das Allgemeine Gleich- Angela Merkel hindertenrechtskonvention stellungsgesetz und das (Inklusion) Verbraucherinformationsge- setz 69 //
  • 2007 Auf der 51. Landesdelegiertenver- sammlung des BLLV in Würzburg wird der Leiter der Abteilung Schul- und Bildungspolitik, Klaus Wenzel, zum neuen Präsidenten des BLLV gewählt. Klaus Wenzel hat über 30 Jahre in Schulen unterrichtet. 15 Jahre war er Seminarlehrer. Von 1984 bis 2007 leitete er die Ab- teilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV. Klaus Wenzel setzt als Schwerpunkt 2008 seiner Arbeit die Überwindung des Der BLLV initiiert die Aktion „Un- Übertrittsdrucks, den Ausbau der sere Kleinen ganz GROSS“. Über individuellen Förderung und die re- 100 000 Bürgerinnen und Bürger gionale Schulentwicklung. In einer unterstützen die Initiative des BLLV Reihe von Positionspapieren zur mit ihrer Unterschrift. Im Mittel- Lehrerbildung, zur Schulleitung, punkt stehen die Verbesserung der zum Gymnasium und zur Inklusi- individuellen Förderung und eine on werden die BLLV-Positionen längere gemeinsame Schulzeit. neu bestimmt und zur Diskussion Im Zuge dieser Initiative wird die gestellt. Klaus Wenzel öffnet den Zusammenarbeit mit den Eltern BLLV verstärkt für interessierte verstärkt. Lehrerinnen und Lehrer aus der Realschule und dem Gymnasium. Der BLLV hat 53 917 Mitglieder. 2007  Günter Beckstein wird Bundestag verabschiedet 2008  Landtagswahlen verliert Bei Ministerpräsident die Rente mit 67 Jahren die CSU die absolute Zweite Osterweiterung der Gründung der neuen Partei Mehrheit EU (27 Mitgliedstaaten) Die Linke  Freien Wähler ziehen in Die  erste Weltfinanzkrise Die den Landtag ein belastet die Wirtschaft// 70
  • 2011 Die demografische Entwicklung führt in allen Bundesländern zur 2009 Einführung eines zweigliedrigen Klaus Wenzel initiiert vor dem Schulsystems und zur Abschaffung Hintergrund der demografischen der Hauptschule auch in CDU- Entwicklung, des geänderten regierten Bundesländern außer in Übertrittsverhaltens und des Schul- Bayern. Die CSU erklärt den Erhalt sterbens eine Kampagne zum des dreigliedrigen Schulsystems zu Erhalt der wohnortnahen Schu- einem Kern konservativer Werteo- le in Bayern unter dem Slogan rientierung. Der Bundesparteitag „Regionale Schulentwicklung“. der CDU diskutiert die Forderung Hierbei fordert er pragmatische, nach Einführung eines zweigliedri- Schulart übergreifende Modell- gen Schulsystems. versuche. Über 80 Schulen und Klaus Wenzel wird mit 97 % in Gemeinden beantragen beim Kul- seinem Amt bestätigt. Das Forum tusministerium Modellversuche, die Bildungspolitik spricht sich im Rah- alle mit Formschreiben abgelehnt men seines 20-jährigen Jubiläums werden. für eine zweigliedrige Schulstruktur aus. Ihm gehören inzwischen 44 Als Antwort auf diese Initiative ent- Organisationen an. wickelt das Kultusministerium die Hauptschule zur Mittelschule wei- Im BLLV sind über 55 000 Lehre- ter mit verstärkter berufsorientier- rinnen und Lehrer aller Schularten, ter Ausrichtung. Gefährdete kleine Lehramtstudenten, Pensionisten Hauptschulen werden zu Schulver- und Schulsekretärinnen Mitglied. bünden zusammengefasst. 75 % der Mitglieder sind Frauen.  SU/FDP Koalition, C   arack Obama wird B  2009  Amoklauf an der Albertville- 2011  ie zweite Weltfinanzkrise D Horst Seehofer wird erster afroamerikanischer Realschule in Winnenden Volksaufstände in Tunesien, Ministerpräsident Präsident der USA 2010  Einführung des elektroni- Ägypten, Libyen, Jemen Ludwig Spaenle wird schen Personalausweises und anderen arabischen Kultusminister Ländern Doppelter Abiturjahrgang verlässt das Gymnasium 71 //
  • Die Bedeutung des BLLV in der Bayerischen Bildungsgeschichte1 Max Liedtke – Professor für Pädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg 1. Von der Schwierigkeit und der Möglichkeit, historische Erfolge zu belegen Die geschichtliche Bedeutung eines Verbandes zu würdigen ist ein schwieriges Ge- schäft. Alle kulturellen und sozialen Phänomene haben viele Väter und Mütter, haben ein im Detail nicht zu durchschauendes Netz an Ursachen und an Rahmenbedingungen. Es gibt auch in der Bayerischen Bildungsgeschichte kein einziges Ereignis, das in einem strengen Sinn einer einzelnen Person zuzuordnen wäre, auch nicht einer exakt isolier- baren Personengruppe. Aber das schließt Zuordnungen nach dem Grad der Beteiligung nicht aus. So war zum Beispiel Charles Darwin nicht der Erfinder oder der Entdecker der Evolution. Die Wur- zeln der Evolutionstheorie reichen bis in die griechische Antike zurück. Ganz unmittelbar zehrt Darwin von den „Evolutionisten“ des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Aber die Intensität seiner Forschungen und die kausale Interpretation der empirischen Befun- de machen ihn dennoch zum Begründer und zum „Namen“ der modernen Evolutions- theorie. Karl Heiß ist nicht der „Erfinder“ der Lehrervereine, auch nicht der bayerischen. Es gibt ein ganzes Geflecht an hochverdienten bayerischen und außerbayerischen „Vorfahren“, denen er seine Ideen und seinen Erfolg zu danken hat. Aber er hat in güns- tiger geschichtlicher Situation Ideen aufgenommen und sie mit großem bildungspoliti- schen Engagement, mit professionellem organisatorischen Geschick sowie mit hervor- ragendem juristischen Sachverstand umgesetzt, den Bayerischen Lehrerverein (wieder-) gegründet und ihn mit bewundernswerter Ausdauer gegen eine Vielzahl an Hemmnissen und Widerständen auf einen offenkundig dauerhaften Weg gebracht. Er ist – trotz aller „Vorfahren“ und Helfer – der Gründer des Bayerischen Lehrervereins. Eine vergleichbare Argumentation gilt, wenn man nach der geschichtlichen Bedeutung eines Verbandes fragt. Aber die Argumentation ist hier einerseits schwieriger, anderer- seits leichter. Sie ist schwieriger, wenn es darum geht, den Einfluss eines Verbandes auf 1 Ich habe über diesen Fragenkreis bereits mehrfach gearbeitet und erspare mir deshalb weitgehend detaillierte Belege. Die Bezugsliteratur ist im Literaturverzeichnis angegeben.// 72
  • komplexe bildungsgeschichtliche Entwicklungen zu belegen. Schon wegen des Rangesder Schule für die individuelle Entwicklung der Kinder, mehr noch für die wirtschaftlicheund weltanschauliche Entwicklung der Gesellschaft, ist die Zahl derer, die aktuell undgeschichtlich auf die Gestaltung der Schule Einfluss zu nehmen versuchen bzw. Einflussgenommen haben, wesentlich höher, als dies in der bisherigen Geschichte bei einzelnenwissenschaftlichen Entdeckungen, erst recht bei relativ isolierten vereinsrechtlichen An-gelegenheiten der Fall war. Die Argumentation ist leichter, weil in einem Verband vieleIndividuen miteinander verbunden sind. Daher sind die verbindenden Ideen/Interessenmutmaßlich auch verbreiteter und wirksamer, insbesondere wenn die Verbandsmitgliedernoch multiplikatorische Funktionen haben (z. B. Erzieher, Lehrer). Die Argumentationbezüglich der geschichtlichen Wirkungen eines Verbandes ist an erster Stelle aberdadurch leichter, weil durch den Verband Ideen/Interessen eine größere Lebensdauererhalten, als ein Einzelmitglied sie erreichen könnte. Die Chance einer Idee, wirksam zuwerden, hängt von vielen Faktoren ab, aber ganz sicher auch von ihrer Langlebigkeit ineiner Gesellschaft. Verbandsgeschichten bieten die Möglichkeit, geschichtlich zu verfol-gen, wo und wann Ideen aufgetaucht und dauerhaft vertreten worden sind und ob siesich schließlich in welchem Grade in der gesellschaftlichen Realität finden lassen.2. Von Glanz und SchattenDurch die „Dauerhaftigkeit“ eines Verbandes erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, nach-haltige Wirkungen zu erzeugen. Die Dauerhaftigkeit hat aber auch ihre Probleme. Ge-schichte ist nicht homogen, sondern hat Brüche. Auch die Bildungsgeschichte. DerBLLV wurde 1861 unter den Bedingungen einer konstitutionellen Monarchie gegrün-det, auch die Vorgeschichte des BLLV, beginnend mit dem „Allgemeinen Lehrervereinin Bayern“ (1823), gehörte zu dieser politischen Epoche. Es kam die Kaiserzeit, die im1. Weltkrieg gipfelte und endete. Dann folgte die republikanische Phase der WeimarerZeit, 1933 abgelöst durch die Diktatur der Nationalsozialisten, die – begleitet durchdie bislang größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte – in der Katastrophe des2. Weltkrieges ihr Ende fand. Es folgte die Zeit des wirtschaftlichen Aufbaus und derWiederherstellung eines demokratischen Staates, die Zeit des Kalten Krieges zwischenOst und West und schließlich nach 1989 die Auflösung des Ost-Westgegensatzes. 73 //
  • Auch wenn grundlegende bildungspolitische Forderungen des BLLV in all diesen Zeiten weitgehend identisch geblieben sind, das politische Umfeld wechselte in – mitunter – extremer Weise, damit verbunden auch schulische Inhalte und Erziehungsziele. Mit Blick auf die lange Geschichte des BLLV lässt sich keineswegs sagen, der BLLV habe eine durchgängig glanzvolle Geschichte. Natürlich war die Verbandspolitik nicht immer frei von Irrtümern und verbandspolitisch unklugem Verhalten. Es gibt aber auch Phasen, in denen sich der BLLV zu willfährig zum Instrument der Politik hat machen lassen. Dass der BLLV mindestens auf der Führungsebene tiefer im Nationalsozialismus verstrickt war, als es in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit eingestanden wurde, ist unter- dessen bekannt (vgl. Schäffer, Fr. 1995; Liedtke, M./Schneider, M. 1996; Reithmeier, D./Schäffer, Fr. 2012). Noch die Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum des BLLV (Guthmann, J. 1961) ist, so sehr ich die Lebensleistung von J. Guthmann schätze, nach meiner Ansicht zu exkulpierend und zu verschleiernd mit dieser Phase der Geschichte des BLLV umgegangen (a.a.O., S. 308-326). Obwohl sich auch viele seinerzeitige Mit- glieder distanziert, ja widerständig verhalten haben, der BLLV war in der Nazizeit durch seine Führungsgruppe nicht nur ein angepasstes „mitläuferisches“ Instrument der Nazis, sondern er war ein überzeugtes, williges Instrument. Aber auch in der Kaiserzeit hatte der BLLV vielfach nicht die nötige Distanz zu den politischen Zielen der politischen Herrschaft. Der BLLV hat sich in den Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg keineswegs etwa den Kriegsvorbereitungen widersetzt, die schon vor 1900 erkennbar waren, insbesondere nicht dem Aufbau und der Verbreitung von Feind- bildern (z. B. der „Erbfeind“ Frankreich). Lautstarker Widerstand oder auch nur laut- starke Mahnungen waren nicht zu hören. Im Gegenteil, besonders im zeitgenössischen Jugendschrifttum des BLLV wurden diese politischen Ziele immer wieder aufgenommen und – faktisch kritiklos – begleitet. Vermutlich haben die führenden Vertreter des BLLV nicht durchschaut, was hier geschah, und haben bei dem mitgemacht, was wohl Geist der Zeit war. Man mag Gründe finden, Verantwortlichkeiten zu relativieren und Schuld zu mindern. Aber man wird die tiefen Schatten nicht wegwischen können, die auch durch den 1. Weltkrieg, durch dessen „pädagogische“ Vorbereitung und dessen „pädagogi- sche“ Förderung, auf der Geschichte des BLLV liegen. Es gehört nicht nur Glanz zur langen Geschichte des BLLV, auch Schatten gehören dazu. Das soll nicht verschwiegen werden, auch wenn – zu Recht – der Glanz gefeiert wird.// 74
  • 3. Die bildungsgeschichtlichen Spuren des ältesten bayerischen LehrerverbandesAlle großen, bereits im 19. Jahrhundert gegründeten bayerischen Lehrervereinigungenhaben auch ihre Vorgeschichte, ob es der BLLV ist, der Philologenverband, der Real-schullehrerverband, der Katholische Lehrerverein (Vorgänger der KEG von 1948) oderder 1898 gegründete Bayerische Lehrerinnenverein. Aber ob man sich auf das ge-schichtliche Wurzelwerk der Verbände bezieht, auf die jeweilige „Vorgeschichte“, oderauf das juristisch fixierte Gründungsdatum, der BLLV ist der älteste Lehrerverband. Mitdem gleichwohl jüngeren Philologenverband verbindet ihn allerdings besonders, dassbeide Vereine – auch nach dem juristischen Datum – noch vor der Reichsgründung von1871 unter den Bedingungen des Königreichs Bayern gegründet worden sind. Ausdieser Geschichte des BLLV mögen sich daher – außer aus den kulturpolitischen Son-derwegen Bayerns – auch die immer wieder beobachtbaren Bemühungen um Eigen-ständigkeit des Verbandes im Kreis der deutschen Lehrerverbände erklären.Wenn man nach der Bedeutung dieser Verbände in der bayerischen Bildungsgeschichtefragt, wird der Vergleich natürlich schwieriger. Aber es gibt drei Argumente, die sehrschnell vermuten lassen, dass der BLLV, ohne die spezifischen Verdienste der anderenVerbände zu schmälern, wohl auch in diesem Punkt einen Vorsprung hat.Der erste Grund ist die größere Zahl an Mitgliedern. Abgesehen von der Nazizeit war derBLLV immer der mitgliederstärkste Lehrerverband in Bayern und ist es weiterhin. Schondadurch könnte sein bildungspolitischer Einfluss größer sein bzw. gewesen sein.Der zweite Grund ist auch ein quantitativer. Auch was die Schülerschaft betrifft, standder BLLV, vergleicht man ihn mit dem Philologen- und dem Realschullehrerverband,über seine Mitglieder durchgehend mit einem wesentlich größeren Teil der Bevölkerungin Kontakt. Überdies hatte der BLLV durch seine Mitglieder geografisch ein wesentlichdichteres Netz über Bayern gelegt. Zwar war nicht jeder Volksschullehrer im BLLV, aucherreichte der BLLV nicht alle Gemeinden in Bayern, aber was immer der BLLV bildungs-politisch forderte oder umsetzte, betraf in den ersten 6 Jahrzehnten seiner Existenz 75 //
  • deutlich über 90 % der bayerischen Schülerschaft, auch wenn sich ab 1893 neben dem BLLV der Katholische Lehrerverband, der ausdrücklich mit dem BLLV konkurrierte, und 1898 der Bayerische Lehrerinnenverein etablierten. Zwar steigerte sich im Laufe der Zeit der Anteil der Schülerschaft, die in das besondere Interessensfeld des Philologen- verbandes und des Realschullehrerverbandes fielen, aber durch die Einführung der vier- jährigen Grundschulpflicht (seit 1919) – verbunden mit dem Verbot spezieller „Vorschulen“ bei den weiterführenden Schulen – verschob sich der quantitative Einflussbereich der Verbände auch bis zum 100-jährigen Jubiläum des BLLV (1961) nicht wesentlich. In den dann folgenden Jahren gab es ab dem 5. bzw. 7. Schuljahr zwar eine zunehmend deutliche Gewichtsverlagerung zu den Gymnasien bzw. zu den Realschulen. Aber wiede- rum insbesondere über das traditionelle Interessensfeld „Grundschulen“, aber auch über die Interessenfelder „Hauptschule/Mittelschule“ und „Förderschulen“ besitzt der BLLV bildungspolitisch weiterhin ein sehr bedeutsames, Spuren ziehendes Gewicht, zumal er sich, wie bereits in seiner Gründungsphase, erneut betont als Verband von Lehrern aller Schularten versteht und seit dem Beginn es 21. Jahrhunderts an diesen Schularten deutlich an Mitgliedern gewinnt. Aber die bildungspolitischen Spuren hängen am stärksten mit den jeweiligen Program- men der Lehrerverbände zusammen. Das ist der dritte Grund, durch den der BLLV in der bisherigen Geschichte die Spitzenposition unter den bayerischen Lehrerverbänden einnimmt. Natürlich ging es bei der Gründung aller Lehrerverbände immer auch um Standesinteressen. Aber es ist in keinem Fall zu bestreiten, dass es allen hier genann- ten Lehrerverbänden zugleich auch um eine Verbesserung „ihrer“ Schulen, um eine Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten ihrer Schülerklientel ging. Der Bayerische Phi- lologenverband, dessen Vertreter es in der Gründungszeit zunächst um die rechtliche und finanzielle Gleichstellung mit den staatlich bediensteten Juristen ging, hat sicher in vieler Hinsicht dazu beigetragen, dass das Gymnasium sich zur erfolgreichsten und attraktivsten Schule der Sekundarstufe II entwickelt hat. Sieht man von den Hoch- schulen und Universitäten ab, haben die Gymnasien so auch in besonderer Weise zur Steigerung und zur Streuung der Wissenskumulation in der Gesellschaft beigetragen.// 76
  • In langfristiger schulgeschichtlicher Sicht ist aber wohl noch bedeutsamer, dass derRealschullehrerverband, dem es zunächst zwar auch primär um eine Gleichstellung mitden „Philologen“ ging, erfolgreich für ein neues Verständnis von „Bildung“ gestrittenhat. Dem Realschullehrerverband ist wesentlich zu danken, dass der spezifische„Bildungswert“ der naturwissenschaftlichen Fächer, die insbesondere von den Vertre-tern der traditionsreichen humanistischen Gymnasien des 19. Jahrhunderts abgewertetworden waren, an pädagogischer und gesellschaftlicher Anerkennung gewannen. Daswar nicht weniger als ein einschneidender bildungsgeschichtlicher Paradigmenwechsel,der vereinsgeschichtlich auch zu erheblichen Umorientierungen im konkurrierendenPhilologenverband geführt hat. Eben durch diesen Paradigmenwechsel ist auch erstdie von mir dem Philologenverband zugeschriebenen Wissenskumulation möglichgeworden. Der Bayerische Lehrerinnenverein, der nach dem 2. Weltkrieg faktisch in den„BLV“ aufgegangen ist und 1951 aus dem „BLV“ erst den „BLLV“ gemacht hat (Bayeri-scher Lehrer- und Lehrerinnenverband), hat sicher nicht nur wesentlich zur Gleichstellungvon Mann und Frau im Schuldienst, sondern im gesamten Staatsdienst beigetragen. DerKatholische Lehrerverein kann sich schulgeschichtlich als Verdienst anrechnen, dasssich im umgreifenden Säkularisierungsprozess der letzten drei Jahrhunderte rechtlicheund inhaltliche Positionen der Kirche trotz sich intensivierender Gegenströmungen undtrotz entsprechend vieler Rückschläge doch immer noch erhalten haben.Aber die bildungspolitischen Felder, auf denen der BLLV zu streiten hatte, waren erstensgrößer, zweitens viel schwerer zu bestellen. Sie waren größer, weil – selbstverständlichneben dem standespolitischen Interesse – die Zahl der bildungspolitischen und päda-gogischen Problemen, die Zahl der gesellschaftlichen und pädagogischen Defizite vielgrößer war. Beispielsweise brauchten Lehrer der weiterführenden Schulen sich nebender üblichen Unterrichtstätigkeit nicht (mindestens nicht im gleichen Umfang) umFragen der Bildungsfähigkeit und des Bildungsrechtes aller Kinder (u. a. auch derMädchen, auch der Bauernkinder, auch der Behinderten) zu kümmern, brauchten sichnicht in gleichem Maße um spezifische Unterrichtsmethoden für Kinder, die in irgendeinerWeise beeinträchtigt waren, zu sorgen. Sie hatten auch nicht in gleichem Maße mit all 77 //
  • den Problemen zu tun, die sich auch schulisch aus dem oft ungünstigen wirtschaftli- chen und sozialen Umfeld der „durchschnittlichen“ Volksschulkinder ergaben. Auch die Lebensbedingungen der – in größter Zahl – ländlichen Volksschullehrer waren bis Ende des 1. Weltkrieges wesentlich schwieriger als die der städtischen Lehrer, erst recht als der Lehrer der weiterführenden Schulen. All dies forderte Wachsamkeit und zusätzliche politische Aktivitäten. Die bildungspolitischen Felder der Volksschullehrer waren aber auch viel schwerer zu bestellen. Im Gegensatz zu den Gymnasien und den Realschulen (in unterschiedlicher Ausprägung) waren die Volksschulen (ausgenommen zwischen 1937 und 1945) bis 1968 z. B. konfessionsgebunden. Bei bildungspolitischen Fragen, ob in Schule oder Lehrerbildung, ging es oft nicht nur um Zuständigkeiten des Staates oder der Gemein- den, es ging auch um konkordatär oder staatsrechtlich absicherte Zuständigkeiten der Kirchen. Ein leidiges Problem war auch die Schulaufsicht. Seit 1802 war die Volks- schule zwar eine staatliche Einrichtung, aber die lokale Schulaufsicht lag – delegiert durch den Staat – insbesondere auf dem Lande bis 1918 in den Händen des jeweiligen Orts- bzw. Sprengelpfarrers. Bis 1918 hatte der Volksschullehrer auf dem Lande auch durchgängig bestimmte gemeindliche Arbeiten zu übernehmen (z. B. Kirchendienste, Organist, Chorleiter, Gemeindeschreiber). Auch die Zahl der zu betreuenden Schüler lag im Volksschulbereich durchweg deutlich über der Schülerzahl in den weiterführenden Schulen. Der hohe Grad der Probleme, mit denen speziell die Volksschullehrerschaft zu kämpfen hatte, ist auch daran abzulesen, dass der Lehrerverein durch eine unein- sichtige und keineswegs mit besonderer sozialen Sensibilität ausgestatteten Obrigkeit schon zweimal verboten worden war (1832; 1850), bevor überhaupt einer der anderen Lehrerverbände in Bayern gegründet worden ist. Insoweit war der Aufwand, bildungspolitische Veränderungen zu erzielen, für die Volks- schullehrerschaft wesentlich schwieriger. Weil aber von bildungspolitischen Veränderun- gen in der Volksschule jeweils ein großer Teil der Bevölkerung unmittelbar betroffen ist, sind hier die geschichtlichen Spuren deutlicher wahrzunehmen. Noch deutlicher sind sie, sofern zu den angestrebten oder erfolgten Veränderungen Diskussionen und Be- schlüsse nicht nur über gesetzliche Grundlagen, sondern auch über Verfassungsfragen und konkordatäre Bindungen erforderlich sind bzw. waren. Aus diesen Gründen hat der BLLV nicht zu übersehende Merkzeichen in der Bayerischen Schulgeschichte gesetzt.// 78
  • 4. Große Ziele, lange Wege, Erfolge4.1 Große ZieleWelche Ziele waren das? Natürlich zunächst das Ziel, den Bayerischen Lehrerverein zugründen und damit ein machtvolles Instrument der Verbandsinteressen zu schaffen, einZiel, das die bayerische Lehrerschaft bislang mehrfach verfehlt hatte. Doch der Anlass, denVerein zu gründen, war ein Kanon bildungspolitischer Ziele der Lehrerschaft. Diese Zielesind – mit Datenmaterial unterfüttert und mit eingehenden Begründungen abgesichert –in der Denkschrift des BLLV von 1863 zusammengestellt. Aber genau diese Ziele hattenschon eine ausgedehnte konkrete Vorgeschichte. Ohne Kenntnis dieser Vorgeschichtesind die Dynamik und die Probleme der Umsetzung dieser Ziele kaum zu verstehen.Die zentralen Ziele des BLLV tauchen in der Vorgeschichte des Verbandes konkretzusammengefasst erstmals in einem auf den 12.3.1848 datierten Aufruf der LehrerNürnbergs und Fürths auf. Der Aufruf, verfasst in der „Morgenröthe der Freiheit“ von1848, wandte sich in der Adresse an „sämtliche Volksschullehrer Bayerns“ und hattedas Ziel, dass „Einheit in unsere Bitten gebracht wird“. Gemeint waren die Forderungenund Anträge, mit denen sich die bayerische Lehrerschaft in der Aufbruchsstimmung derRevolution von 1848 an das Ministerium und an die Bayerische Abgeordnetenkammergewandt hat bzw. wenden wollte. In dem Aufruf waren in neun Punkten die zentralenForderungen, mit denen „längst gefühlte Mißstände“ ausgeräumt werden sollten, benannt:„1. Freie Stellung der Volksschule und ihrer Lehrer. ...“: Konkret war hier – ohne imGrundsatz kirchenfeindlich zu sein – eine konsequentere Trennung von Kirche und Staatgefordert. Es ging um eine Reduzierung des kirchlichen Einflusses innerhalb des staat-lichen, aber eben immer noch konfessionell getrennten und durch vielfältige kirchlicheMitspracherechte bestimmten Schulwesens, insbesondere um die Beseitigung der loka-len Schulaufsicht, die faktisch immer noch in den Händen der Ortspfarrer lag und ebennicht in den Händen ausgebildeter Pädagogen.„2. Gleichstellung der Lehrer mit den Staatsdienern ...“: Dies war nach heutiger Termi-nologie die Forderung nach einer Verbeamtung der Lehrerschaft, unter staatlicher undnicht unter gemeindlicher Zuständigkeit. 79 //
  • „3. Eine dem Lehrerberuf entsprechende wissenschaftliche Bildung“: Zwar war seit Be- ginn des 19. Jahrhunderts eine seminaristische Ausbildung der Lehrer vorgeschrieben. Aber das Niveau dieser Ausbildung war immer wieder umstritten und – auch wegen der Besorgnis revolutionärer Umtriebe durch die Lehrer – durchweg auf ein sehr elementa- res inhaltliches Programm beschränkt. „4. Vertretung des Standes sowohl im Landtage als in der Schulkommission durch Stan- desglieder“: Die Lehrerschaft wollte in Schulfragen konkret mitbestimmen und in ent- scheidenden Gremien nicht lediglich durch Geistliche oder Juristen vertreten sein. „5. Revision des Lehrplans und zweckmäßige Auswahl der Lehrmittel ... mit Beziehung der Lehrer“: Seit den frühen Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gehörte es zu den zentralen Anliegen der Lehrerschaft, die Volksschule nicht auf ein Minimalprogramm von Religi- ons- sowie Lese- und Schreibunterricht reduzieren zu lassen, vielmehr sollte die Schü- lerschaft rundum gebildet werden. Sie sollte aufgeschlossen sein für „alles Wahre, Gute und Schöne“, ein Postulat, das auch in der Lehrerschaft der frühen Vereinsgründungen für eine umfassende, im Grundsatz unbegrenzte Bildung stand. So hatte auch Johann Konrad Grießhammer, der Gründer des „Allgemeinen Lehrervereins in Bayern“ und auch der 1. Vorsitzende des Nachfolgevereins, des Zentralvolksschullehrerveins, anlässlich der Wiedereröffnung des Nürnberger Lehrervereins 1842 die Trias „alles Wahre, Gute und Schöne“ zitiert (1843, S. 118f.), die Trias, die schließlich auch Eingang in die Bayerische Verfassung von 1946 gefunden hat (Art. 131). In geschichtlicher Sicht ist die Trias „alles Wahre, Gute und Schöne“ kein ästhetisierendes oder gar bloß musisches Dekor von Bil- dung, sondern eine harte Forderung nach inhaltlich/fachlich umfassender Bildung. „6. Verwandlung des Schulgeldes in eine allgemeine Umlage“: Die Eltern hatten für ihre schulpflichtigen Kinder den Lehrern ein Schulgeld in vorgeschriebener Höhe zu entrich- ten. In der Regel sammelte der Lehrer dieses Geld ein. Hier wird eine durch Steuern abzusichernde Finanzierung der Schulen gefordert.// 80
  • „7. Eine den Anforderungen der Zeit entsprechende Gehaltsverbesserung der Lehrer, Ge-hilfen und Verweser“: Dieses Anliegen gehört selbstverständlich zu den nie vergessenenForderungen.„8. Beschränkung der ... Zeit der Verwesung von Lehrstellen“: Freie Lehrerstellen durch„Verweser“ verwalten zu lassen war für Staat und Gemeinde kostengünstiger als einenvollausgebildeten Lehrer in das Amt zu nehmen.„9. Verleihung eines allgemeinen Schulgesetzes“: Schulangelegenheiten waren im Grund-satz seit Beginn des 19. Jahrhunderts zwar Staatssache, aber in vielen Details dann dochKreis- (in heutiger Terminologie Bezirk-) und Gemeindeangelegenheiten. Die Lehrerschaftforderte eine landesweite Vereinheitlichung der Schulangelegenheiten und damit aucheine bessere Absicherung der Rechte der Lehrer.Dies ist ein Kanon an Forderungen, die keineswegs nur von bayerischen Lehrern dieserZeit vorgetragen wurden. Ein ähnlicher Kanon findet sich auch bei dem am 3.8.1848in Dresden gegründeten „Allgemeinen deutschen Lehrerverein“ (vgl. Brinkmann, W./Arnold, B. 1997, S. 572). Wann und wo erstmals ein derartiger Kanon fixiert wordenist, muss vorerst offenbleiben.Der Aufruf aus Nürnberg/Fürth ist jedenfalls fast ein halbes Jahr älter als der Kanon des„Allgemeinen deutschen Lehrervereins“, dessen Gründungsaufruf auch von dem Nürn-berger Wolfgang Konrad Schultheiß, einziger Vertreter der Lehrerschaft aus dem sei-nerzeitigen Bayern sowie ältester Teilnehmer der Gründungsversammlung des BLLV von1861, unterschrieben worden ist. Die 1848er Variante des „Allgemeinen Lehrervereinsin Bayern“, also der Zentralvolksschullehrerverein, hat vermutlich die Forderungen ausdem Aufruf vom 12.3.1848 in vollem Umfang übernommen und in einem 1848 in Nürn-berg erschienenen, 62 Seiten umfassenden Band veröffentlicht: „Grundsätze und Planeiner künftigen Volksbildung. Eine Denkschrift, den Abgeordneten des Reiches gewidmet“(Nürnberg. Verlag W. Tümmel, der langjährige Verlag der „Jugendlust“). Ein Exemplardieser Denkschrift, deren Existenz und deren Versand archivalisch eindeutig belegt ist 81 //
  • (Schulgeschichtliche Sammlung der Universität Erlangen-Nürnberg), war bisher aber trotz intensiver Recherche nicht mehr auffindbar. Die Denkschrift ist nur aus Zitaten, die sich in A. Därrs Buch über die „Geschichte des Nürnberger Lehrervereins“ (1899) finden, rekonstruierbar. Aber nach den dortigen Auszügen und vom geschichtlichen Umfeld her (u. a. Johann Konrad Grießhammer als 1. Vorsitzender des Zentralvolksschullehrerver- eins) ist zu schließen, dass in dieser Denkschrift die Forderungen vom 12.3.1848 eine zentrale Rolle gespielt haben. Man darf auf diesem Hintergrund annehmen, dass diese Forderungen, mindestens in Bayern, deutlich hörbar waren. Nun steht außer Frage, dass die 1863 erschienene, 80 Seiten umfassende Denkschrift des BLLV eine eigenständige Leistung des neugegründeten Lehrervereins ist. Sowohl der Grad der Detaillierung wie aber auch der Systematisierungsgrad ist in der Denk- schrift des BLLV von 1863 selbstverständlich größer als im schlichten Forderungskanon von 1848 und wohl auch größer als in der – aber eben auch schon 62 Seiten umfassen- den – Denkschrift des Zentralvolksschullehrervereins von 1849. Dadurch ist die neue Denkschrift des BLLV auch zu einem „klassischen“, immer wieder zitierten, aber auch häufig attackierten programmatischen Fundament der bildungspolitischen Grundsätze des BLLV geworden (vgl. Apel, H. J. 1993). Gleichwohl ist die Denkschrift keineswegs zu einem fixen Dogma des BLLV geworden. Würde es eine „Denkschrift“ des BLLV von 1920, 1980 oder 2000 geben, es wären enorme Weiterentwicklungen, zeitgeschicht- liche Anpassungen und Spezifizierungen zu finden. Aber dennoch gibt die Denkschrift von 1863 einen Maßstab vor, an dem sich markante schulgeschichtliche Erfolge des Verbandes messen lassen. Überdies gibt es elementare bildungstheoretische Grundla- gen, die nicht überholbar sind, so lange es Erziehung und Unterricht geben wird. 4.2 Lange Wege, Teilerfolge Natürlich ist es das Ziel jeden Verbandes und es muss auch beständiges Ziel bleiben, die von der Mitgliederschaft als Probleme empfundenen Umstände möglichst unver- züglich anzugehen und zu beseitigen. Die konkreten Ziele sind aber vielfach nicht im gewünschten Tempo umzusetzen. Deswegen dämpfte Karl Heiß in der begeisterten Aufbruchsstimmung vom 27.12.1861 überzogene Hoffnungen. Man werde nicht alles von heute auf morgen erreichen können. Er konnte natürlich auch nicht einmal aus- schließen, dass alle unter den anwesenden Gründern die Früchte der vereinten Anstren- gungen des neuen Vereins werden genießen können.// 82
  • Insbesondere die frühe Geschichte (die „Vorgeschichte“) der Lehrervereine ist eineGeschichte vielfacher Enttäuschungen. Die Forderungen der Lehrer stießen auf har-te Gegenwehr. Mindestens seit 1830 waren die Lehrer immer wieder revolutionärerTendenzen verdächtigt worden und wurden misstrauisch überwacht. Mit besonderemMisstrauen sahen die Kirchen, insbesondere die katholische Kirche, auf die schulpoliti-schen Forderungen der Lehrervereine. Mit der Würzburger Denkschrift vom 14.11.1848wehrten sich die deutschen Bischöfe gegen die Beschneidung überkommener kirch-licher Rechte. Für Bayern wurden die kirchlichen Positionen durch die bayerischenBischöfe nochmals am 20.10.1850 in der Freisinger Denkschrift zusammengestellt(Englmann, J. A. 1871, S. 19f.).Die königliche Regierung bestätigte und gewährleistete 1852 nochmals ausdrücklich dieAnsprüche der Kirche. J. A. Englmann kommentierte 1871, dass der Ruf nach Trennungvon Schule und Kirche „in Baiern, wie damals im übrigen Deutschland, ohne Änderung desbestehenden Verhältnisses“ vorübergegangen sei (a.a.O., S. 19). Die Enttäuschungen inder großen Mehrheit der Lehrerschaft waren aber noch umfassender. Mit dem Scheiternder Revolution von 1848 scheiterten nach 1832 erneut auch die Lehrervereine (Verbotdes Zentralvolksschullehrervereins und seiner Untergliederungen). Auch diese Verboteund die diesen Verboten vorangegangenen öffentlichen Auseinandersetzungen sind – injenem Jahrhundert allein den BLLV (in seiner Vorgeschichte) betreffende – tiefe Spurender Schulgeschichte. Die großen Hoffnungen der 1840er Jahre hatten sich zerschla-gen. Die Situation der Volksschule und die Situation der Lehrerschaft verschlechtertensich zu Beginn der 1850er Jahre in allen deutschen Ländern erheblich.Aber die Forderungen, wie sie im Aufruf vom 12.3.1848 formuliert waren, tauchten dochwieder auf. Sie waren – unausgesprochen – die Grundlage der neuerlichen Vereinsgrün-dung von 1861 und sie waren die grundlegenden Thesen der Denkschrift des BLLV von1863. Auch das konkrete Anliegen des Aufrufs vom 12.3.1848, der Denkschrift desZentralvolksschullehrervereins von 1849 und der Denkschrift des BLLV von 1863 waridentisch. Es ging darum, Einfluss auf Abgeordnete und auf die Regierung zu gewinnen,um zu einem „vollständigen Gesetze für die Volksschulen Bayerns“ zu kommen, wie dieDenkschrift von 1863 es formulierte. Der Aufruf von 1848 hatte als Forderung formu-liert: „Verleihung eines allgemeinen Schulgesetzes.“ 83 //
  • Fragt man nun aber danach, ob und wann denn welche Forderungen umgesetzt worden sind, ergibt sich ein sehr divergierendes Bild an Antworten. Einige Beispiele seien genannt. Das allgemeine Schulgesetz, das 1848 (Forderung 9), 1849 und 1863 gefordert wor- den ist und dessen konkreterer Fassung die Vorschläge der Lehrer dienen sollten, ist in den 1860er Jahren zwar beraten worden, ist aber 1869 vornehmlich am Widerstand der katholischen Kirche gescheitert. Auch spätere Vorstöße waren vergeblich. Aber das ursprünglich angestrebte „Allgemeine Schulgesetz“ kam nicht zustande. Doch das Scheitern des intendierten Gesetzes schließt Erfolge in Teilbereichen nicht aus. In der Geschichte des BLLV handelt es sich dabei meist um kleinschrittige Erfolge. Erste unmittelbare Auswirkungen der Denkschrift von 1863 (Wissenschaftliche Aus- bildung der Lehrer) finden sich bereits im „Normativ über die Bildung der Schullehrer im Königreiche Baiern vom 29. September 1866“. Die Lehrerbildung wurde in der Prä- parandie (Vorbereitungsschule nach der „Werktagsschule“), im Lehrerseminar und in der Schulgehilfenphase besser strukturiert und inhaltlich anspruchsvoller gestaltet. Im Lehrerseminar wurden die schulischen Unterrichtsfächer intensiver vorbereitet. In schul- geschichtlicher Sicht ist festzuhalten, dass durch das Normativ von 1866 in Bayern die Epoche der „Stiehl‘schen Regulative“ eine gesamtdeutsche Phase engherziger Gänge- lung der Lehrerschaft (1854-1872) sechs Jahre früher zu Ende ging als in Preußen. Ein großer standespolitischer Nebeneffekt war es, dass die Seminarabschlussprüfung ab 1868 als Voraussetzung für die Ableistung des „einjährig freiwilligen Dienstes“ in der bayerischen Armee anerkannt wurde (Guthmann, J. 1961, S. 158) und somit dem Lehrer die Offizierslaufbahn eröffnete. Das war ein Mut machender schneller Erfolg der Vereinsgründer von 1861. Aber relativierend muss man sagen, dass die Forderung nach einer besseren Ausbildung bereits am 12.3.1848 (Forderung 3) und erneut 1849 ge- stellt worden, aber zunächst ohne Erfolg geblieben war. Bis zu einer wissenschaftlichen universitären Lehrerbildung bedurfte es aber noch vieler kleiner Schritte, vieler kleiner Zwischenerfolge. Dieses Ziel war erst 1972 erreicht, also – von 1848 an gerechnet – nach 124 Jahren.// 84
  • Auch die Forderung der Denkschrift von 1863 nach einer Revision des Lehrplanes derVolksschulen, insbesondere nach einer quantitativen und qualitativen Veränderung derUnterrichtsfächer zeitigte alsbald Erfolge. Zwar kam es bis 1926 nicht zu dem angestreb-ten landesweiten einheitlichen Lehrplan. Die Lehrpläne blieben bis dahin Kreisangele-genheiten (heutige Bezirke). Aber schon alsbald nach Verabschiedung der Denkschriftvon 1863 sind nach den Forderungen der Lehrerschaft beständig Verbesserungen in dieKreislehrpläne eingeflossen.Relativ schnell war auch die „Verwandlung des Schulgeldes in eine allgemeine Umlage“(Forderung 6 von 1848, wiederholt 1863) wenigstens in Gang gesetzt. 1870 führte dieStadt München, die sich in den ersten Jahren nach 1869 überhaupt sehr reformfreudigzeigte, als erste bayerische Stadt die Schulgeldfreiheit ein. Andere Städte folgten (z. B.Nürnberg 1883). Eine gesetzliche Festschreibung der Schulgeldfreiheit für alle bayeri-schen Volksschulen erfolgte erst 1919.Partielle, aber meist sehr kleinschrittige Erfolge hat es ohne Zweifel auch bei der Forde-rung nach Gehaltsverbesserung (1848: Forderung 7, wiederholt 1863) gegeben. Aberdiese Frage war auf dem Hintergrund der allgemeinen Gehaltsentwicklung in der Ge-sellschaft ein fortdauerndes Thema und wird es vermutlich bleiben. Eine auf Grund deruniversitären Lehrerbildung gerechtfertigte Eingliederung der Volksschullehrerschaft inden höheren Dienst steht seit 1972 noch aus.4.3 Große Schritte, langer AtemEs lassen sich auch große Schritte, tiefgreifende Spuren markieren. Diese geschichtli-chen Markierungen benötigten aber allesamt lange Wege und erforderten von der Leh-rerschaft einen langen Atem.Zu diesen großen Schritten, zu diesen „großen Daten“, wie J. Guthmann sie nennt(1961, S. 12), zählen sicher die „Gleichstellung der Lehrer mit den Staatsdienern“ (1848:Forderung 2; wiederholt 1863) und das umfassende Forderungspaket „Freie Stellungder Volksschule und ihrer Lehrer“ (1848: Forderung 1; wiederholt 1863). 85 //
  • Die „Gleichstellung mit den Staatsdienern“, also die Verbeamtung der Lehrer, konnte nach langen, mühevollen Auseinandersetzungen 1919 in den revolutionären Unruhen um die Gründung des Freistaates Bayern durchgesetzt werden, also 71 Jahre nach der ersten belegten Forderung von 1848. Das wurde von der Lehrerschaft nahezu als Quantensprung der Standesgeschichte empfunden. Bei der Bewertung dieser neuen rechtlichen Zuordnung ist zu bedenken, dass der Lehrer bis zu diesem Termin „Gemein- dediener“ und damit sehr unterschiedlichen lokalen Anforderungen ausgesetzt war. Die Forderung „Freie Stellung der Volksschule und ihrer Lehrer“ ist ein sehr weites und in mancher Hinsicht auch ein spezifisch bayerisches Feld. Lehrervereine anderer deut- scher Länder hatten entsprechende Probleme nicht in gleicher Schärfe. Es hängt sehr eng mit dem Faktum zusammen, dass Bayern bis 1801 ein katholischer Staat war und der kirchlich-katholische Einfluss auch nach diesem Termin dominant blieb. Die entscheidenden Punkte dieser Forderung waren die Beseitigung der sog. „geistlichen Schulaufsicht“ und die Entkonfessionalisierung von Schule und Lehrerbildung. „Geistliche Schulaufsicht“ ist insoweit ein irreführender Begriff, als das Schulwesen seit 1802 verstaatlicht war, der Staat aber, weil es an qualifiziertem lokalen Personal fehlte und es zugleich wohl auch eine freundliche Geste gegenüber den Kirchen sein sollte, die lokale Schulaufsicht und zumeist auch die Schulaufsicht in den Distrikten (heutige Kreise) an die örtliche Geistlichkeit delegierte. Diese Regelung der Schulaufsicht war schon in den ältesten Lehrervereinen, wie etwa dem Nürnberger Lehrerverein von 1821, ein be- ständiges Ärgernis. Die Forderung nach Auflösung der „geistlichen Schulaufsicht“ gehört daher auch zu den ältesten und immer wiederholten Forderungen der großen Mehrzahl der Lehrerschaft und fehlt in keinem Forderungskatalog der Lehrervereine. Entspre- chend groß war auch die Gegenwehr der Kirche, weshalb sich der BLLV in seiner frühen Geschichte in den betont katholischen Regionen Bayerns auch sehr schwer tat. Zu dem Programm der kirchlichen Gegenwehr zählt auch, dass 1893 unter starkem kirchlichen Einfluss genau wegen jener, auch in der Denkschrift von 1863 explizit aufgeführten Forderung des BLLV, der Katholische Lehrerverein gegründet wurde. Es war daher ein// 86
  • sehr markanter Einschnitt in der Schulgeschichte Bayerns, dass die „geistliche Schulauf-sicht“ 1919, also 117 Jahre nach ihrer Einführung, aufgehoben wurde. Dieser Schrittwar auch deshalb so bedeutsam, weil nunmehr pädagogisch qualifizierte Personen Auf-sichtsfunktionen, zu denen sie in den größeren Städten aber schon seit 1802 Zuganghatten, übernehmen konnten.Der Prozess, den man „Entkonfessionalisierung des Volksschulwesens“ nennen kann,verlief noch komplizierter und langwieriger. Auch nach Aufhebung der „geistlichenSchulaufsicht“ von 1919 wurde die bayerische Schule, abgesehen von 1937-1945,als Konfessionsschule beibehalten, die sie seit der Reformation – zunächst unter allei-niger Zuständigkeit der Kirchen – war und auch als staatliche Schule seit 1802 blieb.Mit der Verstaatlichung des Schulwesens konnte die Kirche sich ohnehin nicht abfin-den. Der Münchener Kardinal M. Faulhaber hatte noch in den 20er Jahren des 20.Jahrhunderts diesbezüglich polemisiert und gesagt. „Der Schulgedanke der gebildetenVölker ist beschlagnahmtes Kirchengut“ (zitiert nach Held, H. 1926, S. VIII). Das Inter-esse an der Konfessionsschule war den Kirchen, besonders wiederum der katholischenKirche, deswegen so besonders wichtig, weil sie auf diesem Weg unmittelbaren Zugriffauf alle schulpflichtigen Kinder ihrer Konfession hatte.Die Kirche hatte zudem nicht nur Mitspracherechte bei schulischen Inhalten und beiInhalten der Lehrerseminare, sondern selbstverständlich auch Mitspracherechte bei derBesetzung von Lehrer- sowie Professoren- und Dozentenstellen. Die Entkonfessionali-sierung der bayerischen Volksschulen durch die Umwandlung der Konfessionsschule indie Christliche Gemeinschaftsschule war ein schulgeschichtlicher „Kraftakt“. Es musstedazu die Bayerische Verfassung (Artikel 135) geändert werden. Dies geschah 1968.Wie zu keinem anderen Zeitpunkt seiner Geschichte ist so sauber belegbar, in welchhohem Maße der BLLV bei der Vorbereitung und bei der Durchführung dieses bildungs-politischen Kraftakts beteiligt war. Dies ist eine äußerst tiefgehende schulgeschichtliche 87 //
  • Spur. Aber im Rahmen der diesbezüglichen Aktivitäten des BLLV war auch noch nie so deutlich, in welchem Maße entscheidende Weichenstellungen einer einzelnen Person zu danken waren, nämlich dem seinerzeitigen Präsidenten des BLLV, Dr. h. c. Wilhelm Ebert. Im Gefolge dieses Prozesses wurde 1972 auch die Lehrerbildung zu einer uni- versitären Lehrerbildung. Auf Grund dieser „großen Daten“ gehört Wilhelm Ebert sicher zu den bedeutendsten Gestalten der Geschichte des BLLV. 4.4 Leistungsfelder: Fortbildung, Soziales Feld, Kulturelles Feld Organisierter Verband Der BLLV war in seiner gesamten Geschichte ein geradezu vorbildlich organisierter Ver- band. Die Reihe der verbandsinternen schulischen, sozialen und kulturellen Initiativen und institutionalisierten Aktivitäten lässt sich kaum benennen. Die Verbindungen innerhalb des Verbandes wurden durch ein Netz lokaler, regionaler und landesweiter Treffen und Tagun- gen gesichert, ab 1867 zusätzlich und mit großer Streuweite durch die eigene Verbands- zeitschrift, die zunächst unter dem Titel „Bayerische Lehrerzeitung“ firmierte. Das war das organisatorische Fundament, auf dem die Vereinsarbeit ein Jahrhundert hindurch durch- aus effektiv verlief. Dennoch war es ein großer, allerdings innerhalb des BLLV zunächst sehr umstrittener Professionalisierungsschritt, als um 1962, nachdem der BLLV bereits 25 000 Mitglieder zählte, die bisher nur auf ehrenamtlicher Mitarbeit beruhenden Vereins- leitung durch die Einstellung hauptamtlicher Mitarbeiter ausgebaut wurde. Fortbildung Die breitesten Aktivitäten liefen im Bereich der Lehrerfortbildung auf lokaler und zen- traler Ebene. Institutionelle Niederschläge dieser Aktivitäten waren die 1944/45 dem Krieg zum Opfer gefallenen Schulmuseen von Augsburg (1881-1945) und Nürnberg (1906-1944/45), die in „permanenten Ausstellungen“ nicht etwa schulgeschichtliche Materialien zeigten, sondern neue Lehr- und Lernmittel für den Unterricht. Ein wei- terer institutioneller Niederschlag dieser Aktivitäten war die Gründung der „Landes- bücherei des BLLV“, „eines der schönsten und segenreichsten Werke des Bayerischen Lehrervereins“ (Hans Schreyer, BLZ 1920, S. 15). Die Bücherei hatte sich aus einer „Musterbücherei“ (Bücher für den Lehrer) von 1896, ausgestellt in München anlässlich// 88
  • der 13. Hauptversammlung, entwickelt. Die Landesbücherei des BLLV erhielt noch1920 den Titel „Süddeutsche Lehrerbücherei“ und gehörte zu den drei größten deut-schen Lehrerbibliotheken. 1995 hat der BLLV die Süddeutsche Bücherei, die – ins-besondere nach 1945 stark frequentiert – durch Stiftungen und gezielte Nachkäufeeinen Bestand von 165.000 Bänden hatte und schon wegen ihrer Größe die biblio-thekarischen Betreuungsmöglichkeiten des BLLV überforderte, an die Stadt Münchenabgetreten. Aber ohne Zweifel ist auch diese Bibliothek ein markantes Dokument derFortbildungsarbeit des BLLV, und zwar speziell der Fortbildungsarbeit in der voruniver-sitären Phase der Lehrerbildung. Zu den markantesten Zeugnissen der institutionali-sierten Fortbildungsarbeit des BLLV gehört sicher auch die „Akademie des BLLV“, dieauf das vom Münchner Lehrerverein 1910 gegründete Psychologisch-PädagogischeInstitut zurückgeht. In ihr bündelt sich gegenwärtig die Fortbildungsarbeit des BLLV.Durch die Einrichtung des Instituts für Gesundheit in pädagogischen Berufen (IGP)unter dem Dach der Akademie setzt sich der BLLV mit dem in den letzten Jahren zu-nehmend virulenten Problem der gesundheitlichen Belastung von Lehrern professionellauseinander. Das Gewicht, das der BLLV der Akademie beimisst, ist auch daran ab-lesbar, dass der gegenwärtige Präsident des BLLV, Klaus Wenzel, seit 2009 persönlichdie Leitung der Akademie übernommen hat.Soziales FeldEin Musterbeispiel der sozialen Initiativen und Aktivitäten und zugleich die erste dauerhaftetablierte Einrichtung des BLLV nach 1861 war die Gründung des Bayerischen Lehrer-waisenstifts im Jahre 1864. Es folgte eine Vielzahl an sozialen Einrichtungen für hilfsbe-dürftige Mitglieder oder deren Familien, darunter auch die Einrichtung des Lehrererho-lungsheims in Berchtesgaden (1909). Auch die Einrichtung von Studentenwohnheimen(nach 1957: München, Regensburg, Würzburg, Augsburg) gehört zu diesen Aktivitäten.Ein Höhepunkt der sozialen Arbeit des BLLV ist sicher die in der Präsidentschaft vonDr. h.c. Albin Dannhäuser 1994 gegründete und weltweit agierende Kinderhilfe. 89 //
  • Kulturelles Feld Aber der BLLV hat im Laufe seiner Geschichte auch sehr deutliche kulturelle Spuren hinterlassen. Im Feld zwischen Schule und Kultur ist die Herausgabe der „Jugendlust“ zu nennen, die Schülerzeitschrift, die der BLLV 1876 gegründet hat und die – seit 1982 unter den Titeln „Floh“ und „Flohkiste“, gestaltet und vertrieben durch den Domino- Verlag – weiterhin, und zwar bundesweit, existiert. Diese Schülerzeitschrift, bis heute reklamefrei, ist schon deswegen eine einzigartige schulgeschichtliche Spur, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit weltweit die älteste noch existierende Schüler-/Jugendzeit- schrift ist. Die „Jugendlust“ hatte in ihrer langen Geschichte natürlich sehr unterschied- liche Gesichter, aber es gibt eine Fülle an Zeugnissen, dass die „Jugendlust“ zur frühen Lektüre ganzer Generationen von Schülern gehörte und dass sie die literarische Welt dieser Schülerschaft mitunter nachhaltig mitbestimmt hat. Eine große, weit über den Schulbereich hinausreichende kulturelle Spur hat der BLLV auch durch die in seinem unmittelbaren Umfeld entstandenen Lehrergesangvereine ge- zogen. Als Beispiel seien die Lehrergesangvereine München (heute: Oratorienchor), gegründet 1878, Nürnberg, ebenso 1878 gegründet, und Fürth, gegründet 1881, ge- nannt. Die Chöre sind in der Regel anlässlich von Lehrervereinssitzungen entstanden. Diese Chöre mögen heute Chöre unter vielen anderen Chören sein und mitunter, trotz des Namens, nur zu einem kleinen Prozentsatz aus Lehrern bestehen. Sie setzten sich seinerzeit zunächst ausschließlich aus Lehrern zusammen, die im Rahmen ihrer Ausbil- dung immer auch eine musikalische Ausbildung hatten. Auch wenn die Männerchöre alsbald zu „Gemischten Chören“ wurden, dominierten mindestens in den Männerstimmen bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts noch die Lehrer. Mindestens für Nürnberg lässt sich belegen, dass eben dieser Lehrergesangverein die große Oratorienmusik in der städtischen Gesellschaft überhaupt erst hörbar gemacht hat. Das mögen vergan- gene kulturelle Verdienste sein, aber es sind Verdienste, von denen mittelbar auch die Schülerschaft profitierte.// 90
  • 4.5 Die größten ErfolgeEs ist eine gewisse Gefahr, wenn man sich geschichtlich nur auf die „großen Daten“ kon-zentriert oder auf archivalisch gut belegbare Institutionen. Es gibt Leistungen, die sich inder Datenreihe oft nicht so präzisieren lassen, nicht unmittelbar an Institutionen gebundensind oder die erst in der Serie von alltäglichem Tun ihr Gewicht erhalten. Das gilt auch fürdie Frage nach der Bedeutung des BLLV in der Bayerischen Bildungsgeschichte.Es ist sicher auch von ungeheurem Gewicht, dass sich Lehrer und Lehrerinnen in Vereinengefunden haben, sich gegenseitig über ihre Arbeit austauschen, sich gegenseitig Mut ma-chen, Hilfestellungen leisten, Freundschaften schließen, sich weiterbilden, gemeinsam dieschulische Entwicklung beobachten und versuchen, Einfluss zu nehmen, falls es erforder-lich erscheint. Obwohl die Auswirkungen dieser Aktivitäten sich nicht messen lassen, siewerden nicht gering sein. Die meisten aus dem BLLV gewachsenen Innovationen beruhenvermutlich auf der beständigen Kommunikation unter den Vereinsmitgliedern.Aber es gibt spezifische Einstellungen und pädagogische Positionen, die große – wennauch wiederum kaum messbare (mindestens noch nicht gemessene) bildungspolitischeund gesellschaftliche Auswirkungen haben.Alle alles lehrenZu den grundlegenden Positionen des BLLV zählte immer, dass jedem Menschen derZugang zu allen Bildungsgütern, zu allen Kulturgütern geöffnet sein müsse. Das war inder langen Geschichte der Schule, besonders auch in der christlichen Schule keineswegsimmer schon selbstverständlich, sondern bedurfte langer, z. T. bitterer Auseinanderset-zungen. Das Gebot umfassender Bildungsangebote für jeden Menschen ist nachdrücklicherst von J. A. Comenius (1592-1672) vertreten worden. Dessen klassisches Postulat„Omnes, omnia, omnino“ (Alle alles vollständig lehren) stand in Geschichte und Vorge-schichte des BLLV niemals in Zweifel. Insoweit hat der BLLV mit dazu beigetragen, dassBildungsmöglichkeit als elementares Menschenrecht verstanden werden konnte. 91 //
  • Die Verschiebbarkeit von Bildungsgrenzen Unter anthropologischem Aspekt von mindestens gleichem Rang ist die Einsicht, dass der Begabungsbegriff nicht statisch verstanden werden kann. Da auch jede Fähigkeit des Menschen immer und ausschließlich ein Produkt aus Anlage und Umwelt ist, ist – zunächst mindestens im Grundsatz – auch „Begabung“ durch Veränderung der Faktoren immer modifizierbar. Daher gibt es in strengem Sinn keine statischen Bildungsgrenzen. Die vermeintlichen Bildungsgrenzen sind verschiebbar und zwar in pädagogischer Sicht durch Verbesserung der Erziehungs- und Unterrichtsmethoden. Barbaren, Sklaven und Mädchen sind im klassischen Griechenland, wenn überhaupt, nur als eingeschränkt „bildungsfähig“ angesehen worden. Sie wurden alle einfach dadurch „bildungsfähig“, dass man sie in die Schule ließ. Die Gehörlosen, noch von I. Kant in einem strengen Sinn als „bildungsunfähig“ angesehen – sie könnten nach Kants Meinung allenfalls zu einem „Analogon“ der Vernunft gelangen – wurden durch Verbesserung der Unterrichts- und Kommunikationsmethoden bildungsfähig. Der BLLV hat – auch bereits schon in seiner Vorgeschichte – auf diese Verschiebbarkeit der Bildungsgrenzen gesetzt und sich – ebenfalls schon in seiner Vorgeschichte – um die Bildung der Kinder mit besonderem Förderungsbedarf gekümmert. Er tut dies – leider mit bitterer Unterbrechung während der Nazizeit – bis auf den heutigen Tag. Es ist vielfach nicht bekannt, aber in diesem Zusammenhang eine sehr beziehungsreiche Ergänzung, dass Johann Michael Völckel (auch: Völkel), enger Mitstreiter von Karl Heiss, 1861 Gründungsmitglied des BLLV und 1. Hauptkassier des Vereins, mindestens schon 1836 Lehrer an einer „Taubstummen- schule“ war. Das Setzen auf die Verschiebbarkeit von Bildungsgrenzen und das Bemühen um die Durchsetzung dieses Denkens gehören zu den großartigsten und humansten Leistungen des BLLV in der Schulgeschichte.// 92
  • LiteraturBayerische Schule (ehemals: Bayerische Lehrerzeitung) (1867ff.). Inhaber und Verleger: Liedtke, Max (1991ff.): Handbuch der Geschichte des Bayerischen Bildungswesens.Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband. München. Bad Heilbrunn. 4 Bände. Bd. I:1991; Bd. II: 1993; Bd. III: 1997; Bd. IV: 1997.Brinkmann, Wilhelm/Arnold, Bernd (1997): Lehrerverbände in Bayern. Ein geschicht- Liedtke, Max (1995a): Die Geschichte des BLLV beginnt 1823. – Die Geschichte deslicher Überblick über die Organisation der beruflichen Interessen von Lehrern und Allgemeinen Lehrervereins in Bayern. München.Lehrerinnen. In: Liedtke, Max (Hg.): Handbuch der Geschichte des Bayerischen Liedtke, Max (1995b): Auf der Seite des Alphabets. – Der BLLV und die SüddeutscheBildungswesens. Bad Heilbrunn. Bd. IV, S. 569-600. Lehrerbücherei. Vortag zur Übergabe der Süddeutschen Lehrerbücherei an die StadtDärr, Andreas (1911): Geschichte des Nürnberger Lehrervereins bzw. des Bezirks- München am 18.1.1995. In: Bayerische Schule. H. 4, S. 11-15.lehrervereins Nürnberg-Stadt. Nürnberg. 1. Auflage 1899. Liedtke, Max (1998): Der Lehrergesangverein Nürnberg. – Ein Beitrag zur GeschichteDenkschrift betreffend die Zusammenstellung von Materialien zu einem allergnädigst zu der Chormusik in Nürnberg. In: Brusniak, Fr./Klenke, D. (Hg.): Volksschullehrer underlassenden vollständigen Gesetze für die Volksschulen Bayerns. Verfasst von dem Aus- außerschulische Musikkultur. Augsburg. S. 75-126.- In überarbeiteter Fassung alsschusse des Bayerischen Volksschullehrervereins. München 1863. 2. Auflage: Augs- Sendung durch den Bayerischen Rundfunk übernommen (18.1.1998, 12-13 Uhr).burg 1897. 3. Auflage: Die Denkschrift des Bayerischen Lehrervereins. Eingeleitet, Liedtke, Max (2001b): Jugendlust. – Die Geschichte einer Zeitschrift 1876-2001.ediert und kommentiert von Hans Jürgen Apel. Schriftenreihe „Erziehung, Unterricht, Domino-Verlag. München 2001. (Dazu eine Sendung in Bayern2Radio: 12.12.2001,Schule (geschichtliche Serie). In Verbindung mit dem BLLV herausgegeben von Max 22.05-23.00 Uhr)Liedtke. Bad Heilbrunn 1993. Liedtke, Max/Heim, Miriam (1999): Die Geschichte des Vereins Lehrerheim NürnbergEbert, Wilhelm (2009): Mein Leben für eine pädagogische Schule. Im Spannungsfeld e.V. Herausgeber: Verein Lehrerheim Nürnberg e.V. Nürnberg 1999. 269 Seiten.von Wissenschaft, Weltanschauung und Politik. 2 Bände. Bad Heilbrunn. Liedtke, M./Schneider, M. (1996): 175 Jahre Wirkungsgeschichte des BLLVEnglmann, Johann, Anton (1871): Das bairische Volksschulwesen. München. (1821-1996). Schulmuseum der Universität Erlangen-Nürnberg.Grießhammer, Johann Konrad (1825): Über einige Klagen wider die Volksschulen Reithmeier, Dieter/Schäffer, Fritz (2012): Der Bayerische Lehrerverein imunserer Zeit. In: Der Volksschullehrerverein. Nürnberg. S. 103-128. Nationalsozialismus (erscheint 2012).Grießhammer, Johann Konrad (1843): Über Fortbildung. Zur Wiedereröffnung des Schäffer, Fritz (1995): Josef Bauer - ein „aufrechter“ Nationalsozialist? PolitischeVolksschullehrer-Vereines in Nürnberg, am 26.11. 1842. In: Der Wittwen- und Waisen- Biographie des Münchner Stadtschulrats und Vorsitzenden des Bayerischen Lehrer-freund. München. S. 111-120. vereins im Dritten Reich. Bad Heilbrunn.Guthmann, Johannes (1961): Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverein. Seine Schaller, Ernst (2003 und 2007): Die Gründungsgeschichte des BayerischenGeschichte. Band II: Ein Jahrhundert Standes- und Vereinsgeschichte. München. Lehrervereins. 2 Bände. Trostberg.Held, Heinrich (1926): Altbayerische Volkserziehung und Voksschule. München. Bd. I.Liedtke, Max (1987): Zur Diskussion gestellt: Wie alt ist der Bayerische Lehrer- undLehrerinnenverein? Die Vorgeschichte des BLLV im Anschluß an die Protokollbücherdes Nürnberger Lehrervereins 1821-1830.Liedtke, Max (1989a): Lehrervereins-Protokolle Nürnberg 1821-1830. – Aus denAnfängen der Lehrervereinsbewegung. Bad Heilbrunn. 443 Seiten. (Dazu eine Sen-dung des Bayerischen Rundfunks, Studio Nürnberg vom 13.12.1987, 12.05-13.00Uhr: „Über die Verhandlungen des Vereins der Herren Lehrer an den hiesigen Volks-schulen. – Aus den frühen Protokollen des ältesten Lehrervereins, Nürnberg 1821“).Liedtke, Max (1989b): Der weite Schulweg der Mädchen. – Historische und systema-tische Aspekte einer Benachteiligung. In: Bayerische Schule. 1989, H. 7. S. 4-10. 93 //
  • // 94
  • www.bllv.de 95 //
  • Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband