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Piotr Witek, Geschlossene und offene Geschichtspolitik. Die polnische Dimension des europaischen Ringens mit der Vergangenheit, (Aus dem Polnischen von Sandra Ewers), "Historie" 2009/2010, Folge 3, …

Piotr Witek, Geschlossene und offene Geschichtspolitik. Die polnische Dimension des europaischen Ringens mit der Vergangenheit, (Aus dem Polnischen von Sandra Ewers), "Historie" 2009/2010, Folge 3, s. 23-51

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  • 1. Piotr Geschlossene und Witek offene Gesch ichtspol itik. Die polnische Dimension des europóischen Ringens mit der VergangenheitVersuch einer Konzeptualisierungln einer seiner Arbeiten formulierte Michel Foucault die Ansicht, dasszwischen den Diskursen und Techniken des wissens und den Diskursenund Strategien der Macht keine AuBerlichkeit besteht, auch wenn siejeweils ihre spezifische Rolle haben und sich von ihrer Differenzierungaus aneinanderftigen,l Die Ceschichte als Diskurs des Wissens befindetsich also in einem bestimmten verhóltnis zum Diskurs der Macht, derPolitik.Die klassische Konzeptualisierung der Geschichte verlóuft zweigleisig: inVogelperspektive, als res gestae, also als Ceschehenes, und in erkennt-nistheoretischer und ósthetischer Perspektive, als historia rerum ge-starum, also als Bericht uber das Geschehene. Geschichte, verstandenals res gestae ist also Gegenstand des lnteresses der historia rerum ge-starum. So wie es sich bei den res gestae gewissermaBen um die kon-kretisierte, vergangene gesel lschaft l iche Wi rkl ichkeit handelt, wi rd d ie 23historia rerum gestarum, der Bericht 0ber jene Wirklichkeit, meistensals geschichtliche Erzżihlung verstanden, die Produkt bestimmter ge-sellschaftlicher praktiken ist.zVor dem Hintergrund der fur den vorliegenden Text bertickichtigtenńeoretischen Annahmen, die ihre Quelle in der Tradition des Konstruk-tivismus haben, erscheint Ceschichte im Allgemeinen als ein bestimm-tes, kulturell abhóngiges, kognitives Konstrukt und als ein Komplexunterschiedlicher Formen, sich die Welt anzueignen. Diese óuBern sichin Gestalt bestimmter Vorgehensweisen, wie eine Gemeinschaft - angegebenem Ort und zu gegebener Zeit - der Vergangenheit, die diese] łtct et Foucault, sexualitet und Wahrheit. FrankfurVM,: Suhrkamp 1 986, S. l 1 9-1 20.2 Vgl. 1erry Topolski, Metodologia hlstorii [Methodologie der Geschichte], Warchau: PWN 1968,S. 34: Jerzy Topolski, Wprowadzenie do historii IEinfnhrung in die Geschichte], Posen: Wydaw-nictwo Poznańskiel998, S. l0-12,
  • 2. piotr witek Cemeinschaft noch in der Cegenwart, in Form unterschiedlich ver- standener historischer Erzóhlungen begleitet, Status, Gestalt und Sinn verleiht. Diese Erzóhlungen nehmen den Charakter wissenschaftlicher, publizistischer, ktjnstlerischer: schriftlicher: mt]ndlicher multimedialer, audiovisueller, theatralischer und óhnlicher Aussagen tjber die Vergan- genheit an, die den historischen Diskurs konstituieren. Die Politik wiederum, wird in der Regel mit Diskurs und Praxis der Machiausu bu ng assozi iert. Auf u ntersJh ied l ichen l nterpretationsebe- nen beurteilt man sie als Handeln, das auf verschiedenen Formen der Einflussnahme beruht: 1) institutionell, auf Denken, Verhalten und Handeln anderer Menschen durch Anwendung unterschiedlicher For- men von Uberzeugung, Ausschluss und Einbóziehung sowie Bestra- fung, darunter verschiedene Varianten von Cewalt; 2) nicht institu- tionell, auf Denken, verhalten und Handeln anderer Menschen durch Berufung auf die Autoritót der herrschenden Normen und gesell- schaftlichen Regulierungen im Rahmen einzelner Bezugssysteme.3 Die Politik erftjllt also eine ganze Reihe von Regulierungsfunktionen: eine organisatorische, stabilisierende, sozialisierende, integrative und desintegrative, eine enthLjllende und kaschierende, eine progressive und regressive, eine wertende, abrechnende und andere, Anknilpfend daran lósst sich sagen, dass die Haupteigenschaft von Politik die Len- kung oder Verwaltung des Prozesses gesellschaftlicher Kontrolle ist, die auf Grenzbestimmung des Móglichen und Unmóglichen im gege- benen gesellschaftlichen System innerhalb eines definierten kulturhi- storischen kontextes beruht. ln einer seiner Arbeiten kommt der ósterreichische Philosoph Karl R. Popper zu der Uberzeugung, dass politische Macht und soziales Wis- sen komplementar zueinander sind - in der Bedeutung, wie Niels Bohr sie dem Begriff gegeben hat. Es geht hierbei um ein Verstandnis24 der Komplementaritót, in dem: 1) sich zwei Phónomene gegenseitig ergónzen; 2) sich zwei Phónomene gegenseitig insofern ausschlieBen, dass je mehr man von dem einen ausgeht, umso weniger von dem an- deren ausgehen kann. Hóufung und Konzentration politischer Macht verhalten sich demnach komplementór zum sozialen Wissen. In der Konsequenz hóngen Qualitót und Entwicklung des Wissens von der freien Konkurrenz des Denkens und der Freiheit der MeinungsóuBer- ung ab - letalich also, wie man sich unschwer vorstellen kann, von politischen Freiheiten. Das heiBt, je gróBer die zentralisierte politische Macht, desto geringer die Qualitót des uberwachten Wissens, mangels 3 Vgl. Andrzej W. PolĘka. tnterpretacje definicyjne IPolitik. Defin itorische lnterpretationen], Jabłoński, in: Andrzej W. Jabłoński/Leszek Sobkowiak (Hg.), Kategorie analizy politologicznej [Kategorien poli- tischerAnalyse], Breslau: Wydawnictwo Uniwersytetu Wrocławskiego 1991, S. 1O; Vgl. auch: jaro- sław Nocoń/Artur Laska, Teoria polĘki. Wprowadzenie [Politische Theorie. Einfi.ihrung], Warschau: Wydawnictwo Wyższej Szkoły Pedagogicznej TWP 2005, S. l0l ;Vgl. auch: AndrĄ Czajowski, Wtadza polityczna. Analiza pojęcia [Politische Macht. Begriffsanalysej, in: Andrzej W 1abłonski/ Leszek Sobkowiak (Hg.), Kategorie analizy politologicznej...,a.a.O., S. 21-35.
  • 3. Ceschlossene und offene Geschichtspolitik. Die polnische Dimension ..,-:eiem Cedankenaustausch. Zentralisierung von Macht und Wissen hat:ie Eliminierung kritischer Reflexion zur Folge.4Zusammenfassend lasst sich sagen, dass sich das AusmaB der Entwick- ungsmóglichkeiten von sozialem Wissen umgekehrt proportional zumĄusmaB der Zentralisierung politischer Macht und direkt proportionalzum AusmaB ihrer Dezentralisierung verhólt. Das AusmaB der Zentra- isierung politischer Macht ist direkt proportional zur Wissensabnahme.lnd umgekehrt proportional zum AusmaB der Entwicklungsmóglich-<eiten von Wissen. Die Wissenstechniken sind also in Beziehung zurMachtstrategie funktional reflexiv. Abhóngig von Crad und Ausma8ler Zentralisierung oder Dezentralisierung von Macht, ist Wissen Ob-jekt oder Subjekt der Politik, In all diesen Fóllen werden Macht undWissen, das sich als Wissenspolitik óuBert und in der Praxis entwedercie cestalt einer holistischen sozialtechnik oder einer sozialtechnikder kIei nen sch ritte an n i m mt, aufeinanderstoBen. sln eben dieser Denkweise kann die Konzeption der Ceschichtspolitikihre Begrundung finden. Ceschichtspolitik bedeutet hier ein kulturel-les Spiel, das die Crenzen des Móglichen und Unmóglichen fur denhistorischen Diskurs und das historische wissen in,einem bestimmtenBezugssystem definiert. Abhóngig vom Grad der Macht- und Wissens-zentralisierung erfiillt der historische Diskurs auf unterschiedliche Wei-se kognitive, ósthetische, ethische, bewertende, sozialisierende, inte-grative, legitimierende und delegitimierende Funktionen. Je hóher da-bei der Crad der Macht- und Wissenszentralisierung, desto mehr sinddie kognitiven, ethischen und ósthetischen Funktionen den bewerten-den, sozialisierenden, integrativen, legitimierenden und delegitimie-renden Funktionen untergeordnet. Die Geschichte wird zum Objektund lnstrument der Macht, zu einer amtlichen, verherrlichenden, affir-mativen und gegenUber der Vergangenheit a priori identifikatorischenGeschichte. Die Konstituierung einer amtlichen Ceschichte zieht das 25Erscheinen ihrer kehrseite, in Form einer revisionistischen und aufstón-dischen Geschichte nach sich, einer Cegen-Geschichte, die Objekt undInstrument der Emanzipation ist. Auch sie charakterisiert ein a prioriidentifi katorisches Verhóltn is zu r Vergangen heit.0 Bei abneh mendemZentralisierungsgrad von Macht und Wissen in einem bestimmten Be-zugssystem, kehren sich die Proportionen der Haupteigenschaften deshistorischen Diskurses um. Die Ceschichte wird zum Subjekt der Politikund zum Objekt und lnstrument der Selbstreflexion - zu einer kri-tischen Ceschichte.z Uber die Ausgestaltung des historischen Bewusst-j rarl. n. Popper, Das Elend des Histońłismus, Ttibingen: Mohr 5iebeck ZOO:7, S, SO-al.) Ebd., s.56-87: Karl R, Popper, DieoffeneCesellschaftundihreFeinde, Bd. 1, TObingen: Mohrsiebeck 2003ó. s. 1 87-] 92.6 Krzysłof Pomian, Historia - nauka wobec pamięci [Geschichte Wissenschaft versus Erinnerung], -Lublin: Wydawnictwo Uniwersytetu Marii Curie-Skłodowskiej 2006, s. |88-195; Zum Thema 6e-gen-Ceschichte vgl. Michel Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1 999,s. 76-98.7 Krzyszlof Pomian, Historia - naukawobecpamięci..., a.a,O. S. 195-192.
  • 4. piotr witek seins in einer bestimmten cemeinschaft, an einem bestimmten oft, zu bestimmter Zeit, entscheidet also in groBem MaBe die Geschichts- politik, oder genauer gesagt die Spannung, die aus dem Wechselspiel zwischen den die geschichtlichen Beziehungen gestaltenden Króften - als einem Diskurs von wissen - und der politik - als einem Diskurs der Macht - entsteht. ln der Praxis zeigt sich die Geschichtspolitik als Gesel lschaftstechnologie mit zentraler und/oder lokaler Dimension. Geschichtspolitik als holistische Sozialtechnik erf0llt als starke Lehr- doktrin Aufgaben, die auf einer umfassenden Kontrolle und einem ra- dikalen gesellschaftlichen Umbau des historischen Bewusstseins, ent- sprechend eines von oben bestimmten radikalen Plans beruhen. Die- ser strebt danach, die einzig richtige, dem aktuellen Bedarf des mit Gese lschaft gleichgesetzten Staats entsprechende, totale Vorstel ung l l von Ceschichte zu bestimmen. Diese artikuliert sich in groBen, mus- terhaften Erzóhlungen und sanktioniert eine relativ neue, zentral pro- grammierte gesellschaftliche Ordnung, die sich auf ein System von Geboten und Verboten, also auf ein Konzept der reglementierten Frei- heit stutzt und den Aufbau einer geschlossenen mono-historischen Cesellschaft nach sich zieht. Wir haben es hier mit Verstaatlichung von Geschichte zu tun. Geschichtspolitik als lokale Sozialtechnik erfrjllt als eine schwache Lehrdoktrin die Aufgabe, Móglichkeiten fOr das freie Funktionieren verschiedener Wissenspraktien und -diskurse sowie multimodaler Mi- kro-Erzżihlungen zu schaffen, die verschiedenartige, oftmals mitein- ander nicht vergleichbare, aber einander gegenuber tolerante, lo- kale Varianten gemeinsamer Erinnerung und gesellschaftlichen his- torischen Bewusstseins gestalten. Sie sanktionieren ein gesellschaft- liches System, das auf Kompromiss und Verschiedenartigkeit ba- siert, deren Grundlage eine konsensual regulierte Freiheit ist, Diese wi rd als gesel lschaftl iches E nverstand n is begriffen, ei nzel ne Besch rón-26 i kungen durch andere zu ersetzen, was den Aufbau einer offenen, polyhistorischen Cesellschaft nach sich zieht. ln diesem Fall haben wir es mit der Verantwortung des Staates fur Freiheit und Pluralismus von Erinnerung und Geschichte zu tun, Die Debatte 2005-2007 Bei dem Versuch, den Argumentationsaustausch zum Thema Ce- schichtspolitik nachzuvollziehen, springt sofort ins Auge, dass der Streit ,,fundamentale" Fragen beruhrt. Wir haben es hier mit zwei sich bekómpfenden Lagern zu tun, 1) den Beftjrwortern der Geschichts- politik und 2) den Cegnern der Ceschichtspolitik. Kurz lżsst sich der Konflikt folgendermaBen zusammenfassen: so wie ihre Befurworter Ceschichtspolitik fljr unentbehrlich und notwendig halten, so sinc
  • 5. Geschlossene und offene 6eschichtspolitik, Die polnische Dimension ..,ihre Cegner davon uberzeugt, dass sie schżdlich und daher uberflris-sig und unntitz ist, und dass Geschichte sich so weit als móglich vonpolitik fernhalten sol lte.eC,eschichtspolitik - der Programmentwurf ihrer Schópferlnsbesondere ihre Befurworter halten Ceschichtspolitik fUr unerlóss-lich. Demnach sollte jedwede Anstrengung unternommen werden,um ihre polnische Prżgung bekannt zu machen, vor allem deshalb,weil nach 19B9 in der lnnen- und AuBenpolitik das Phónomen der Re-vanche von E ri n nerung, i n Cestalt revision istischer Cesch ichtsinterpre-Etionen aufgetreten sei, die zu lnstrumenten dieser Politik wt]rden,9Die Konzeption der Ceschichtspolitik entspringt der Uberzeugung,dass der Staat das Subjekt ist, das die Bedingungen fur den Fortbe-stand des kollektiven historischen Gedóchtnisses und die nationaleldentitót schaffe. Deshalb sei dem Staat und den Politikern nicht egal,was die Btirger erinnern und was in Vergessenheit gerót.loDaran anschlieBend wird die Ceschichtspolitik konzeptualisiert: a) alsjedes beabsichtigte Handeln von Politikern und Beamten, das dieFortschreibung, Beseitigung oder Umdefinierung bestimmter lnhaltedes gesellschaftlichen Gedichtnisses zum Ziel hat. Diese Umdefinier-ung óuBere sich in der Propagierung von Forschungsergebnissen, de-nen die Staatspolitik Cewicht beimisst, so wie beispielsweise im Falleder Propagierung zeitgenóssischer Kunst; b) als ein weiterer Politik-bereich, neben AuBenpolitik, Wirtschaftspolitik, Arbeits- und Sozial-politik; c) als Stórkung des óffentlichen Diskurses riber die Vergan-genheit im Land selbst, wie auch nach AuBen. Dies geschehe mittelsverschiedener Formen der lnstitutionalisierung dieses Diskurses, aufder Ebene zentraler, staatlicher und lokaler - selbstverwalteter wieauch regionaler - Stellen,l l 27Geschichtspolitik richtet sich gegen: a) das liberale Demokratiemodellder 3. Republik2, das eine eigentumliche Variante der political cor-rectness in Form einer Flucht vor Ceschichte propagiere. Der 3. Re-8 Vgl. Rufuł Stobiecki. Historycy wobec polityki historycznej [Historiker verus Ceschichtspolitik], in:Sławomir M. Nowinowski/Jan Pomorski/Rafał Stobiecki (Hg.), Pamięć i polityka hinoryczna |Erinne-rung und Ceschichtspolitik]. Łódź: Wydawnictwo lPN 2008, S. ] 75-193.9 Dariusz Cawin, O pożytkach i szkodliwości historyanego rewizjonizmu [Uber Nutzen und Schadendes historischen Revisionismus], in: Robert Kostro/ Tomasz Merta (Hg.), Pamięć i odpowiedzialność[Erinnerung und Verantwońung], Krakau/ Breslau: ośrodek MyśliPolitycznej 2000, s. 29. |U Marek Cichocki, Czas silnych tożsamości [Zeit starker ldentitaten], in: Polityka historyczna.Hiłorycy - poliEcy - prasa. [Geschichtspolitik. Historiker - Politiker - Presse], Warschau: MuzeumPowstania Warszawskieqo 2004, S. ]5.1l Lech M. Nijakowski Baron Muenchausen czyli o potskiej polityce pamięci [Baron Munchhausenoder óber polnische Geschichtspolitik], in: Przegląd Polityczny, 7612006.5. 54; Dariusz 6awiniPaweł Kowal, Polska polityka hiłoryczna [Polnische Geschichtspolitik] . iff Polityka historyczna. Histo-rycy - polĘcy - prasa..., a.a.O.. S. 3; Marek Cichocki. PolĘka hiłoryczna - za i pneciw f6e- l l0-17.,ciichtspolitik - Fr]r und Wider]. in: ,,Mówią Wieki", 8/2006, S. | 2 3. Republik meint die Republik Polen nach dem politischen l.Jmbruch von 1989, in Anknilpfung an dieTraditionen der 1. und 2. Republik (l569-1795 und t918-t939). (Anm. d. Ub.)
  • 6. piotr witek publik wird hierbei vorgeworfen, den Begriff der weltanschaulichen NeutralitAt des Staates auf den Bereich der Erinnerung und der his- torischen ldentitót auszudehnen, auf den Begriff des Volk zugun- sten der Kategorie der Cesellschaft zu verzichten, kollektive Amnesie zu verbreiten und dadurch in polen nach ] 9B9 den romantischen, eine starke nationale ldentitdt konstituierenden wertekanon zu de- montieren, dessen Aufbau und Existenz unter pluralistischen Bedin- gungen weder móglich noch notwendig sei.t:; b) den Revisionismus der kritischen Ceschichtswissenschaft und die Konzeption des kri- tischen Patriotismus von Jan Józef Lipski und seinen Nachfolgerntł; c) den Aufbau einer Cemeinschaft der Scham, die sich auf eine kri- tische Einstellung gegentjber der Vergangenheit stt]tze und durch das liberale Demokratiemodell der 3. Republik gefórdert werdels; d) die akademische ceschichtswissenschaft und die Berufshistoriker, da das kollektive Gedóchtnis in Wahrheit ein politisches und kein wissen- schaftliches problem sei, und man die Macht daruber nicht allein his- torischen Forschungsinstituten uberlassen durfe. Man ist der Ansicht, der Anspruch der Historiker, die einzigen Verwalter des kollektiven ceddchtnisses in der demokratischen cesellschaft zu sein, sei unan- nehmbar, denn die Erinnerung habe ihren Platz im Zentrum der polis, solle Cegenstand der óffentlichen Debatte mit all den daraus resultie- renden Konsequenzen sein und durfe nicht in der Pathologie der Ce- schichtsinstitute eingesch lossen werden. AuBerdem du rften, nsbeson- i dere in polen, die Berufshistoriker deshalb nicht Treuhdnder des kollektiven historischen Cedżichtnisses sein, weil sie die Aufgaben, die von der universitóren Wissenschaft gefordert und erwartet werden, nicht erfL]llten,l6; e) eine lnstrumentalisierung der Geschichte und neumodische postmoderne Rhetorik, die Subjektivismus und Relati- vismus propagiere und damit die Objektivitót historischer Forschun- gen abstreitel7; f) die Kategorie des historischen Gedóchtnisses, das aufgrund seines selektiven, rekonstruktiven und diachronen Chararak-2B ters und deshalb, weil Ceschichte als menschengemachtes Produkt einer Umgestaltung unterliege, die Relativismus nach sich ziehe, als ]3 Dariusz Cawin, Od romantycznego narodu do liberalnego społeczeńłtwa. W poszukiwaniu nowej toŻsamoŚci kulturowej w polityce pobkiej po roku l989. [Vom romantischen Volk zur liberaIen cesel|_ schaft. Auf der Suche nach einer neuen kulturel|en ldentitat in der polnischen Politik nach 1989| in: Joanna Kurczewska (Hg.), Ku/tura narodowa i polityka INationalkultur und politik], Warschau: oficyna Naukowa 2000, S. ] 8] -206: Zdzisław Krasnodębski, Zwycięscy i pokonani fcówinner und Verlierer], in: Robeń Kostro/ Tomasz Merta (Hg,), Pamięć iodpowiedzialność..., a.a,o,, S. 68: Zdzi- sław Krasnodębski, Demokracja peryferii [Periphere Demokratie], Danzig: Słowo / obraz Terytoria 2oo3. s. 229-27 1 . 14 Dariusz Gawin, O poż}Ąkań i szkodtiwości historycznego rewizjonizmu..., a.a.O., S. ]-29, | ) Zdzisław Krasnodębski. Demokracja peryferii..., a,a.O., S. 264. |6 Marek A, Cichocki, Czas silnych tożsa,mości..., a.a,o,, S. ]5; Siehe auch: Marek A, Cichocki, O po- trzebie pamięci i grozie pojednania [Uber die Notwendigkeit und die Bedrohlichkeit von Versóhnung], In: Piotr Kosiewski (Hg,), Pamlęćjako przedmiotwładzy |Erinnerung als Cegenstand der Machi], Warschau: Fundacja Stefana Batorego 2008, S. 9-1 0; Siehe auch: Marek A. Cichocki, Hiltoria pow- raca [Die Ceschichte kehrt zurtick], in: ,,Rzeczpospolila", 14.12.2oo4., Zdzis|aw Krasnodębski, Roz- mowy istotne inieistotne [Wjchtige und unwichtige Cesprżiche], in: Piotr Kosiewski (Hg.), Pamięć jako przedmiotwładzy..., a.a,o,, S. i9; MarekA. Cichocki,,,ozon"]0.11.20O5; Dariusz cawin.opóżyt- kach i szkodliwosci historycznego rewizjonizmu,.., a.a,O,. 5, l -29, |/ Tomasz Merta, Pamięc i nadzieja IErinnerung und Hoffnung], in: Robert Kostro/ Tomasz Meńa (Hg.), Pamięć i odpowiedzialność..., a.a,O., 5, 80
  • 7. Ceschlossene und offene Ceschichtspolitik. Die polnische Dimension ...-hwierig angesehen wird.l8; g) Versóhnungspolitik, in der man die}fahr des Vergessens von Schmerz und Leid sieht, die auf naturliche./eise mit ldentitót und Erinnerung verbunden seien.]9frschichtspolitik spricht sich aus fUr: a) die Rrickgewinnung, Wieder-,lerstellung und Pflege des kollektiven Cedóchtnisses2o; b) eine beja-rende EinsteIlung zur Vergangenheit, die der Uberzeugung entspringt,Cass positive Erfahrungen wichtiger sind als negative und schmach-,łolle, und Helden wichtiger als Verróter und Feiglinge. Dies sei furden gesellschaftlichen Zusammenhalt und die generationenubergrei-;ende kommunikation von fundamentaler Bedeutungzl; c) die schaf-,ung einer bejahenden Cesellschaft auf der Crundlage von Geschichte,als einer Cemeinschaft des Stolzes, die sich auf einen national-pa-riotischen wertekanon der romantischen Tradition beruft und Funda-;nent einer starken nationalen und historischen ldentitót seizz; d) dieKonzeption eines heroischen Patriotismus, der eine Antwort auf denkritischen patriotismus darstellez3; e) die Anwendung wissenschaft-licher Kriterien bei der Vergangenheitsforschung, die eine Uberwin-dung der neumodischen, relativistischen und postmodernen Rhetoriksowie das Streben nach historischer Wahrheit ermógliche, soweit die-se zugónglich sei2a; 0 die Abrechnung mit der Vergangenheit der Volk-republik, Lustration und Entkommunisierung, die eine Befreiung vonder Vergangenheit sicherstellen sollen sowie die Erneuerung und Be-wahrung der, durch den Kommunismus unterbrochenen, historischenKontinuitit mit dem Cenerationenerbe der ]. und 2. Republikzs;g) die Unterordnung des verónderbaren historischen Cedóchtnissesunter die Konzeption eines unverónderlichen anamnestischen und on-tologischen Cedżichtnisses sowie eines axiologischen Gedóchtnisses.Bei genauerer Betrachtung wird Ersteres als ewiger ontologischerCrundsatz verstanden, der Crundlage der gesamten Geschichte ist,sowie als anamnesis, die die Notwendigkeit der Aufhebung menschli-cher, historischer Zeit (die Vorgeschichte, das, was vorzeitig ist) mit 29dem Phónomen eines Cedżichtnisses verbinde, das die Erinnerung derauBerhalb der Zeit existierenden, ursprUnglichen ldeen darstelle.26; h)ehrendes Cedenken an Helden und Ereignisse, als eine der wichtigs-l 8 Dariusz Kańowicz, Pamięć aksjologiczna a historia fAxiologisches Gedachtnis und Geschichte], in:Roben Kostro/ Tomasz Meńa (Hg.), Pamięć iodpowiedzialność..., a.a.O., S. 35-4l: Marek A. Ci-chocki, Wladza i pamięć. O politycznej funkcji histoii [Macht und Erinnerung. Uber die politischeFunktion von Ceschichte], Krakau: Ośrodek Myśli Politycznej 2005, S. l52-|64 |9 Marek A, Cichocki, O potżebie pamięci igrozie pojednania..., a.a.O., S. 9-12ZU Robeń Kostro, Kazimierz M. Ujazdowski, Odzyskać pamięć [Die Zuriickgewinnung von Erinne-ru,ng], in: Robeń Kostro/Tomasz Merta (Hg.), Pamięći odpowiedzialność..., a.a,O., S,43-53!] Tomasz Meńa, Pamięć i nadzieja..., a.a.O., S, 7322 Zdzisław Krasnodębski, Demokracja peryferii..., a.a.O., S. 264: Dariusz Gawin, Od romantycznegonarodu do liberalnego społeczeństwa..., a.a.O., S. l8|-206: Marek A. Cichocki, Czas silnych tożsa-mości...,a.a,O., S. l5-2|]] Oariusz Gawin, O pożytkach i szkodliwości historycznego rewizjonizmu..,, a.a.O., 5. 20.24 Karol Mazur Politykahiłoryczna za i pzeciw..,., a.a.O. -|| Zdzlsław Krasnodębski, De mokracja peryferii..., a.a.O., S. 247 -25 6.Żb Dariusz Karłowicz, Pamięć aksjologiczna a histońa, a.a.O., S. 35-4l; Marek A. Cichocki, Władzai pamięć..., a.a.o., S. 152-164
  • 8. piotr witek ten Formen, in der das kollektive cedachtnis zum Ausdruck komme. Durch Erinnerung werde die ldentitót der Cesellschaft immer wieder neu konstituiert. Eine groBe Rolle hierbei spielten óffentliche 6edenk- feierlichkeiten, die die Bedeutung der verehrten Helden und Ereignisse rituell bestótigten und dank derer die Cemeinschaft ihrer ldentitat in Form einer musterhaften Erzóhlung, der Zeremonie, erinneft werde. Dabei sei das Ritual jedoch nicht nur Tagebuch oder Aufzeichnung. Die musterhafte Erzóhlung des Rituals stelle vor allem einen in seiner Bedeutung bestótigten Erinnerungskult dar. Der wóhrend der rituellen Zeremon ie praktizierte E ri n n eru n gsku lt bes itze pararel igiósen Charak- ter. Als Form der Sakralisierung von Erinnerung bekunde er zugleich die Akzeptanz der Wahrheit dessen, was gerade erinnert wird.27 Ceschichtspolitik - Kritik ihrer Cegner Die Ceschichtspolitik ist nach Meinung ihrer Kritiker ein Rżitsel. Bekannt sei weder was sie ist, noch worauf sie beruhen soll. Es gebe einige Elemente, die sie beschreiben, nicht aber definieren. Diese sind: Be- jahung der nationalen Geschichte, Ablehnung des kritischen Patrio- tismus, Ceschichtskontrolle durch Staat und Regierung, Anerkennung des erzieherischen Werts der Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit, besonders im Rahmen juristischer Prozesse, sowie die Notwendigkeit der Kodifizierung einer Ceschichtsvision. Alle diese Elemente seien zweifelhaft und bedenklich.zs Die Geschichtspolitik, die abwechselnd die Begriffe Ceschichte, Erinne- rung kol lektives Gedóchtn is, gemeinschaftl iches Cedóchtn is, geschicht- liches Cedżichtnis usw. verwendet, scheine einerseits Erinnerung mit Ceschichte gleichzusetzen und andererseits die Kategorie Ceschichte durch den Begriff Erinnerung zu verdrżingen und zu ersetzen. Gleich-30 zeitig handle es sich hier um zweiverschiedene Bereiche gesellschaftli- cher Erfahrungen. Erinnerung und Oral History erft]llten andere Auf- gaben und Funktionen als forschende Ceschichte.z9 Hinzu komme das problem der kontrolle der staatsmacht uber ceschichte und Erinne- rung. Eine solche Geschichtspolitik neige dazu, mittels staatlicher lnstitu- tionen, wie dem lnstitut fur Nationales cedenken oder dem Museum des Warschauer Aufstands, einen bejahenden, eindimensionalen und instrumentalisierenden Umgang mit Ceschichte zu propagieren, der 2_! Zdzisław Krasnodębski, Demokracja peryferii.... a.a.O., 5.. 243-249 28 Niemand lehnt den Sinn einer Po|itik gegen0ber Ceschichte generell ab, sondern |ediglich die Form, die ihr von ihren Befurwortern Anfang des 21. _Jahrhunderts gegeben wurde. Vgl, Roben Traba, Hstoria - przestrzeń dlalogu [Ceschichte - Raum des Dialogs], Warschau: lnstytut Studióy, Politycznych PAN 2006, S. 1 0, Andrzej Romanowski, Majsterkowicze naszej pamięci [Bastler unserer Ęrinnerung],,,Gazeta Wyborcza", 0 i,-02.03.2008. Ż9 Adam Pomorski. Dyskusp IDiskussion], in: Piotr Kosiewski (Hg.), Pamięć jako pnedmiotwładzy a.a.O,. 5. 39-40.
  • 9. 6eschlossene und offene Geschichtspolitik. Die polnische Dimension .,.-s einzig richtige Ceschichtsbild hervorbringe, das Eingang in Leben,l,,lnnerung und Bewusstsein der Cesellschaft finden soll, Es sei uber--i8ig auf das Eigene konzentriert, das als separat, einmalig und:.l8ergewóhnlich wahrgenommen wird, und so als eine Form der Ka--hierung eigener Komplexe erscheine.30 Dies ziehe ein Handeln nach; :h, das nationalen GróBenwahn, Stolz auf die nationale Ceschichte-nd in ihrer Konsequenz eine unkritische Selbstuberschótzung des Po- entums propagiere. Aller Realitót zum Trotz werde hier die Bedeutsam-<eit der nicht vorhandenen, polnischen Errungenschaften verktjndet-nd ein durchschnittliches, an der Peripherie gelegenes und rezep-:ves Land wie Polen, als den schópferischsten Kulturen Europas eben-:Ortig dargestellt, was kompromittierend, dumm und peinlich sei.:l]as Betreiben von ceschichte im nationalen ceist zu fórdern, lasseJie Ceschichtspolitik, selbst bei der wohlwollenden Annahme, ihr Ziel-i die Verbreitung n icht-national istischer Einstel lungen, schód l ich er-scheinen, da das durch sie verbreitete Geschichtsbild ein nationalesGeschichtsbild sei. ln der internationalen Geschichtsschreibung sei dieKategorie der Nation dagegen seit langem schon keine wesentliche,Jen historischen Diskurs organisierende Metapher mehr. Man suchehier eher nach neuen analytischen Kategorien, die es erlauben, sichaus dem Diktat der Geschichte, verstanden als Nationalgeschichte, zubefreien,:z lndem sie einen bejahenden Zugang zur Vergangenheit propagiereund der Ceschichtswissenschaft gegenuber miBtrauisch sei, neige Ce-schichtspolitik dazu, historisches Wissen zu manipulieren. Dieses óuBe-re sich als: 1) suggestio falsi, die darauf beruhe, eine offenkundig fal-sche Ceschichtsdarstellung zu unterstLjtzen; 2) suppressio veri, die sichdarauf beschrónke, jene Aspekte der Nationalgeschichte zu unter-drtjcken, auf die man nicht unbedingt stolz sein kónne,33 Dies habezur Folge, dass Ceschichtspolitik, indem sie ausgewóhlte Ereignisse der 3]Vergangenheit, insbesondere aus Zeiten der l. und 2. Republik, be-jahe, Ausdruck historischer Realitótsflucht sei.:ą Durch Betonung und30 Marcin Kula, Polrryka historyczna za i przeciw..., a.a.O.; Siehe auch: Maciej - Janowski, Politykahiłoryczna. Między edukacją a propagandą [Ceschichspolitik. Zwischen Bildung und Propaganda],in: Sławomir M. Nowinowski/ Jan Pomorski/ Rafał Stobiecki (Hg.), Pamięć i polityka hiłoryczna...,a.a.O., S. 234.31 Maciej .Janowski, PoliĘka historyczna. Między edukacją a propagandą.,., a.a.O., S. 234: AndrzejWerner, Polityka historyczna-zaipzeciw..., a,a.O,; Marcin Kula, PolMa historyczna-zaiprzeciw...,a.a,O.]] macie; Janowski, Polityka historyczna. Między edukacją a propagandą.,., a.a,O., S. 235.5J Joanna Tokarska-Bakir, Nędza polityki historycznej [Das Elend der Ceschichtspolitik]. in: Piotr Ko_siewski (Hg,), Pamięć jako pzedmiot władzy..., a.a.O., 5. 29; Siehe auch: Jerzy Kochan, Zycie co-dzienne w matńksie. Filozofia społeczna w ponowoczesności [Alltag in der Matrix, Cesellschaftsphiloso-phie im Postmodernismus], Warschau: Wydawnictwo Naukowe Scholar 2007, S, 95-108; 5ieheauch: Alekander Smolar: Wladza i geografia pamięci [Macht und Geographie der Erinnerung], in:Piotr Kosiewski (Hg.). Pamięć jako pnedmiot..,, a.a.o., s. 50-54,Ja Maciej Janowski. Pamięćto nie domena państwa [Erinnerung ist nicht die Domźine des staates],in: Piotr Kosiewski (Hg.). Pamięć jako pnedmiot..., a.a,o., S. l4-1 5: Andrzej Romanowski, Majster-kowicze naszej pamięci..., a.a.O.; Robert Traba, Hrstorla - pzestneń dialogu..., a.a.O., S.. 64;Alekander Smolar, Władza i geografia pamięci..,, a.a.O., S. 5l
  • 10. piotr witek Hervorhebung der angenehmen Zeiten und Strange der Vergangen- heit und die Tabuisierung unangenehmer und moralisch zweifelhaf- ter Ereignisse, fixiere und mythologisiere CeschichtspoIitik die Vorstel- lung von Ceschichte und konserviere das historische Bewusstsein, was im Widerspruch zum Erkenntnistrieb stehe.:s zudem verstórke das unwesen einer durch die staatsmacht kontrol- lierten Ceschichtsmanipulation, die Kodifizierung der Wissenschaft, bei der die Forschungspraxis gesetzlichen Regelungen untergeordnet werde. Die gesamte Doktrin der Ceschichtspolitik gehe davon aus, dass Funktionen des Rechtsapparats und wissenschaftliche Verfahren miteinander verbunden werden kónnen bzw. austauschbar sind. Die klassischen methodologischen Grundsótze von Umfragen, wie von Quellenkritik und -interpretation, mit denen wir es in der Ceschichts- wissenschaft zu tun haben, wtirden durch Artikel des Strafgesetz- buchs ergónzt. Ein Beispiel dieser Praxis war Artikel 132a des pol- nischen StCB, der 2007 verabschiedet und im September 2008 vom polnischen Verfassungsgericht aufgrund der Unvereinbarkeit mit der Verfassung auBer Kraft gesetzt wurde. Dieser Artikel drohte mit Frei- heitsstrafe bis zu drei Jahren f0r Verleumdung des polnischen Volk. Folge sei die Ungleichberechtigung der unterschiedlichen Einstellun- gen zur Vergangenheitsforschung gewesen.36 Nach Auffassung der Kritiker der Ceschichtspolitk ist es nicht zulóssig, monolithische lnstitutionen zu schaffen, die eine bestimmte, einzig zulóssige und gultige Art von Ceschichte fórdern und alle anderen Formen wissenschaftlichen Nachdenkens uber Vergangenheit intellek- tueller Achtung anheimstellen. Es sollte keine lnstitutionen geben, deren Erzeugnisse priviligierten Status besitzen und die historische Wissenschaft darauf reduzieren, gesetzliche Urteile zu formulieren. Cesetzlicher Urteilsspruch und historiographische Hypothese seien grundverschieden und drjrften nicht vermischt werden.3z32 Die bejahende Betrachtungsweise der eigenen Ceschichte sei streng politisch und propagandistisch, sie missachte zeitgenóssische histo- rische Erzóhlungen, die darauf ausgerichtet seien, die komplizierten Beziehungen der Vergangenheit zu verstehen. ln der Folge werde die Cemeinschaft gegeneinander aufgebracht und unbequeme Widersa- cher aus ihr ausgeschlossen.38 Die ldee, dass die Staatsmacht fijr die Ausgestaltung des kollektiven cedóchtnisses verantwortlich sein soll, halten die kritiker der ce- ] | Rnarzej Werner, Po/ityka historyczna - za i pneciw, a.a.O. ]! Rndrzej Romanowski, Majsterkowicze naszej pamięci..., a.a.O. 3/ Andrzei Skrzypek, Dyskus;a [Diskussion], in: Piotr Kosiewski (Hg.), Pamięć jako pzedmiot..., a.a.O., S.40-41: Halina Bońnowska, IDiskussion], in: Piotr Kosiewski (Hg.), Pamięćjakopzed- miot.... a.a.O., S.38; Daria Nałęcz, Dyskusla, [Diskussion], in: Piotr Kosiewski (Hg.), Pamięćjako przedmiot..., a.a.O., 5. 38. 38 Robe.t Traba, Historia - pnestzeń dialoqu,.., a,a.O., S. ] 07.
  • 11. Ceschlossene und offene Geschichtspolitik. Die polnische Dimension .,,:.:T ichtspolitik fur erstaunlich und absurd. Es sei geradezu unverstand- ::l, dass Erinnerung in einem freien, demokratischen Land lnteres--lsgegenstand der Amtsgewalt sein soll. Es heiBt sogar, der Versuch:er Cedóchtnisbildung durch die Amtsgewalt fuhre zu intellektuell-;ulosen Ergebnissen. Das lnteresse, das die Staatsgewalt an der Fór-:€rung einer bestimmten Vorstellung von Erinnerung haben kónnte,:sse sich daher schwer definieren und begrunden.:e]iese Ansicht beruht auf der Uberzeugung, dass Erinnerung eine derŁrmen von Freiheit sei. Als eines der Menschenrechte musste sie also_nter Schutz gestellt sein, sowohl als Recht von lndividuen, wie auch alsiecht der durch sie geschaffenen Cemeinschaft. Wenn man bedenkt,:ass das definitorische Charakteristikum europóischer Cesel lschaften:in Pluralismus der Erinnerungen ist, erscheine e5 naturlich, dass keineŁlitik von oben in diese Ordnung ingerieren sollte. Man dt]rfe dieirinnerung nicht in einen einheitlichen Pflichtritus verwandeln, der:urch die Amtsgewalt oder einen anderen Cewaltakt auferzwungenłird. Der Wandlungsprozess der Erinnerung, ihre Umgestaltung in<ollektive Erinnerung, musse freiwillig erfolgen.ło Eine emphatischeiorderung der Kritiker der Geschichtspolitik ist deshalb, dass nicht dieSnatsmacht das historische Cedóchtnis gestalten sollte. Wie viele an-;ere, móchten natljrlich auch sie, dass bestimmte Vorstellungen tiberJie Vergangenheit sich mehr verbreiten und andere weniger, da einigeArten uber Vergangenheit nachzudenken erwunschter sind als andere.Trotzdem sollten sie sich auf dem freien Markt der ldeen ,,aneinander:,eiben".ąlEin weiteres kontroverses Problem, das der Kritik unterzogen wurde,ist der Begriff des heroischen Patriotismus und der starken nationalenldentitót.Nach Meinung ihrer Kritiker erkennt Geschichtspolitik den sogenann- 33ten modernen patriotismus nur in einer Form, als unkritische variante,an, einer Variante also, die sich selbst dazu bekennt, dass positive Er-fahrungen wichtiger sind als negative und schmachvolle und Heldenrvichtiger als Verróter und Feiglinge. Der so verstandene ,,Patriotismusvon morgen" grunde sich auf die Werte des ethnischen Patriotismusdes 19. Jahrhunderts: auf Traditionen, Ceschichte und kulturelle Er-rungenschaften. Der nationale Stolz der Polen und die Uberzeugungvon der eigenen Uberlegenheit uber die Nachbarn speise sich de-mentsprechend nicht aus konkreten Errungenschaften, sondern eheraus dem Clauben an das polnische Blutopfer und die Aufopferungftjr andere. Deshalb gebuhre den Polen Respekt, Genugtuung und dasRecht auf moralische Uberlegenheit. Jede Form des kritischen oderreflektierenden patriotismus werde als fehlender patriotismus beur-3| maciej Janowski, Pamięć to nie domena państwa..., a.a.O., S. 13.40 Halini-Bortnowska, Dyskusja..., a.a.O.. Ś.38: Daria Nałęcz, Dyskusja..., a.a.O., S.324l Maciej Janowski, Pamięćtóniedomenapaństwa..., a.a.O., S, l:.
  • 12. piotr witek teilt.ąz Auf Crundlage des ,,Patriotismus von morgen" und der beja- henden Betrachtung der eigenen Vergangenheit entwerfen die Befur- worter der 6eschichtspolitik die Konzeption einer starken nationalen Identitdt, indem sie sich auf das ethnische Zusammengehórigkeitsge- fuhl berufen, das sich auf die Dichotomie - wir: die Unsrigen - sie: die Feinde - st0tzt. Dies fuhre zu einem Sensibilitótsverlust gegenuber der Subjekthaftigkeit anderer Cesellschaften und zur Neigung sich von ih- nen abzugrenzen, so dass Polen zu einer belagerten Festung werde.a3 Eine weitere Konsequenz der Verbreitung dieser Konfrontationslogik sei mangelndes Verstóndnis fur eine Logik und ldentitót der Versóh- nung sowie die Ablehnung einer auf Versóhnung zielenden Politik.ąą Nach Uberzeugung der Kritiker der Ceschichtspolitik ist dieses Vorge- hen, das auf der Konzeption des ,,Patriotismus von morgen" und einer bejahenden Betrachtung der eigenen Vergangenheit beruht und bei dem einer auf Stolz basierenden Vorstellung der Cemeinschaft eine andere Konzeption von Gemeinschaft entgegengestellt wird, die sich auf die kritische Geschichte und die ldee des kritischen patriotismus beruft und auf ein ceftjhl von scham und schande baut, falsch und populistisch. Die aus der Bejahung der eigenen Vergangenheit resul- tierende unreflektierte stolze Haltung sei infantil und kennzeichne eine kindische im Cegensatz zu einer reifen Gesellschaft, die es in ei- nem prozess der selbstreflexion schaffe, sich zu schuld und Fehlern ihrer vorfahren zu bekennen.a5 Deshalb sprechen sich die kritiker der Ceschichtspolitik, die Konzeption des ,,Patriotismus von morgen" und die Konzeption einer starken nationalen ldentitót im ethnischen sinne ablehnend, fur die ldee eines kritischen patriotismus aus, eines burgerlichen Patriotismus also, der einen monolithischen, nationalen Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit verwirft.a6 Auch die Diagnose, die die ldeologen der Ceschichtspolitik dem libe-34 ralen Demokratiemodell der 3. Republik stellten, ist nach Meinung der Kritiker der Doktrin fehlerhaft. Sie halten den Vorwurl die 3. Re- publik fliehe vor der Ceschichte und fórdere eine Amnesie als eigen- artige Form der political correctness, fur ungerecht, da es in Polen, gerade in den l990er Jahren, eine Renaissance des lnteresses fur Ce- schichte gegeben habe. Es wóren tauchten Themen aufgetaucht, die vorher tabuisieft waren und insbesondere kommunistische verbre- chen betrafen. Es hótte eine symbolische Abrechnung mit der Volksre- publik Polen gegeben u.a. durch Schaffung einer neuen lkonosphóre - Wappen, lnsignien, Denkmóler; die alten Nationalfeiertage des 3. Mai und ] l, November wurden wiederbelebt; Staatsnamen, StraBen und Plótze wurden umbenannt, die He|den der Vollsrepublik wurden 42 AndrzeiWerner, Polityka historyczna-zaipzeciw..., a.a.O.; Siehe auch: RobertTraba, Historia- przestrzeń dialoqu..., a.a,O., S, l 0- I 9, 78-] 08. 43 Robe,t Trabi, Historła przestrzeń diatogu.... a.a.O,, 5. 16-11, 94-97. - 44 Andrze,1 Romanowski. ńajsterkowicze nŹszej pami ęci..,, a. a.O. ]j Tokarska-Bakir, Nędza poliĘki historycznej, a.a,O., S, 30. qo Joanna Traba, Robert Historia - przestzeń dialoqu..., a.a.O., S. 97-1 03.
  • 13. Cesch]ossetle uncl offene Ceschichtspolitik, Die poInische Dinrension .,, :m Sockel gesturzt, die Ceschichtslehrplóne fur Schulen umgestaltet, e in politischen Prozessen Verurteilten rehabilitiert, und im Jahre -C0 wurde das lnstitut fur Nationales Cedenken ins Leben gerufen.: ^e Abrechnung mit der Philosophie und ldeologie des Kommunis--ls hdtten Leszek Kołakowski,.Jacek Kuroń, AndrzejWalicki und Józef-;chner vorgenommen.ąz Ebenfalls ftir ungerecht wird die Anschul-: 3ung gehalten, das liberale Demokratiemodell propagiere eine aus-,::iieBlich kritische und revisionistische ceschichte, und die kritische]eschichte fórdere ein schwarzes und negatives Bild von Polens Ver-::,lgenheit. So deutlich die abrechnende oder anti-verherrlichendei:,ómung im geschichtlichen Diskurs der 3, Republik auch war, so ..:l, sie nach Meinung der Kritiker der Ceschichtspolitik nicht domi--:it und bemóchtigte sich der polnischen Gemuter auch nicht voll-,:ndig. Neben offen revisionistischen Texten habe es auch heroisch--:nyriologische Veróffentlichungen gegeben, die jedoch nicht den_-:,rakter von Kriegserzóhlungen hatten und verschiedene Stand-: _rkte darstellten. BeispieIe und Titel solcher Veróffentlichungen fin-::l sich beispielsweise in der ,,Cazeta Wyborcza".ł8 Andererseits be- ::-,:te der kritische Blick auf die Vergangenheit des eigenen Volls ledig- :- die Fóhigkeit, fur sich selbst eine gewisse emotionale Distanz zu_,:-affen, was nicht gleichbedeutend sei mit der Propagierung einer. :riori negativen Haltung, die auf Anschwórzung und Herabwurdi-:-:g der eigenen Ceschichte zielt. Kritische Ceschichte sei lediglich. - Cegenmittel gegen Erzóhlungen uber die polnische CroBartigkeit,--3ergewóhnlichkeit und Unschuldigkeit, mit denen die polnische Be- . : kerung seit der Romantik genóhrt wurde, und ein Cegengift gegen :=,l Chauvinismus der kommunistischen Ceschichtspropaganda, die:=3enwórtig unkritische 6edankenlosigkeit zur Folge habe,a9- : Kritiker der Geschichtspolitik lehnen die Doktrin der Ceschicht- ::litik also aus mehreren prinzipiellen Crunden ab. Sie halten sie.:, allem fur einen Ausdruck von paternalismus, der sich in einem 35: ::en Misstrauen gegenLiber der Cesellschaft auBert und sich auf die_:erzeugung grtindet, dass die Polen Objekt eines stóndigen Erzieh---.qsprozesses sein mussen, Ceschichtspolitik sei ihrer Meinung nach- ::lt uneigennritzig und behandle die Ceschichte als Dienstmagd der:: itik, wenn sie sich unter dem vorwand der Redlichkeit und der .::antwortung fur die historische Wahrheit auf die Notwendigkeit der- ::ionalen ldentitótsbildung und des richtigen historischen Bewusst-.= rs berufe, nutze sie soziotechnische Mittel, die es erlaubten im ln-- d Ausland eine bestimmte, fertige Vorstellung von Ceschichte zu pró- -.-=r, die wiederum lnstrument politischen Handelns sei, Die Doktrin- :. eksander 5molat, Władza i geografia pamięci..., a.a,O., 5. 62: Robert Traba, Historia - pzestrzeń: , _.!..., a,a.O., S. 65: Paweł Machcewicz, Dwa mity twórców polityki historycznejlV RP [Zwei My- -.:- Jer Schópfer der 6eschichtspolitik der 4. RepubIik], ,,6azeta Wyborcza", 29,08.2008.-: łndrzej Romanowski, Majsterkowicze naszej pamięci..., a,a.O,; Paweł Machcewicz, Dwa mity-":,:ów polityki historycznej /Y RP.,,. a.a.O,; Andrzej Kaczyński, Pustynia historyczna? [Historische ,.-;:s?]. ..Cazeta Wyborcza", 26,08.2008.-- .iaciej Janowski, Politykahistoryczna. Międzyedukacjąapropagandą,.., a.a.O,, S. 232-233.
  • 14. piotr witek der Geschichtspolitik werde durch den Diskurs der politischen Rech- ten dominiert, was zur Folge habe, dass andere Traditionen, wie die sozialistische, verschwiegen wurden, und die nationalistische Tradi- tion vollstóndig verwische. Mittels logischer Verdrehungen ziele Ge- schichtspolitik auf Vagheit und Verschwommenheit, was ihren Anhón- gern vollkommen beliebige, die Bedurfnisse der aktuellen Politik be- friedigende, lnterpretationen der Vergangenheit erlaube. Sie sei ein Werkzeug der GeiBelung und des Ausschlusses aus der nationalen Ce- meinschaft. Sie zeige sich als Keule, mit der politische Cegner geschla- gen und vernichtet wOrden, sie sei Feind des kognitiven Pluralismus, sakralisiere die Vergangenheit, und sie korrumpiere die Geschichte, in dem sie aus ihr einen fertigen, gleichfórmigen und eindeutigen, nicht zur Diskussion stehenden Brei mache, Aus methodologischer Sicht ver- seże die Geschichtspolitik die Reflexion tiber Vergangenheit zuruck in das |9. Jahrhundert. Sie stehe mitunter im Widerspruch zur polni- schen Staatsróson. SchlieBlich sei Geschichtspolitik bedenklich, weil sie Politik, ein Historiker aber kein Politiker sei und nicht in irgend- eine Art der Politisierung hineingezogen werden wollen kann,50 kommentar Geschichtspolitik, in der durch ihre Befijrworter verbreiteten Variante, zeigt sich als paradigmatisches Beispiel einer holistischen Sozialtech- nik. oberstes, von den Befijrwortern einer holistischen sozialtechnik verbreitetes 6ebot, ist der Monismus von Grundsżitzen, zielen und Arten ihrer Umsetzung. Sie konzentrieren sich vor allem auf die Umge- staltung und Kontrolle der Erzóhlung Llber Vergangenheit und auf eine moralische Revolution, die eine Umgestaltung und Vereinheitlichung des Wertesystems anstrebt. Sie propagieren die Konzeption einer ge- schlossenen Gesellschaft als homogene politische Cemeinschaft mit36 einheitlichen und unverinderbaren werten und einem mono-histo- rischen Diskurs, der sich der Ceschichte Anderer verschlieBt. Sie spre- chen sich also fijr eine mono-historische 6esellschaft und eine natio- nale und mórtyrerhafte, apologetische Geschichte aus, die sich auf die Grundsótze der Sakralisierung von Vergangenheit und auf ehrendes 6edenken stt]tzt. Die holistische Sozialtechnik verfolgt zwei grundlegende Hand- lungsstrategien, die Ergebnis eines von oben umrissenen zentralen Plans sind, und die Alekander Smolar als Strategie der Unterwerfung und Strategie des kalten Brirgerkriegs bezeichnet. Beide verhalten sich komplementór zueinander und beruhen daraufl dass die Herrschen- den der Cesellschaft ihre Vorstellung von Geschichte, Patriotismus, 50 Marcin Kula, Polityka historyczna-zai pzeciw..., a,a.O.: Andrzej Werner, Po/ityka historyczna- za i pneciw..., a.a,O.; Andrzej Romanowski, Majsterkowicze naszej pamięci..., a.a,O.; Robert Traba, Historia - pżestżeńdialogu..., a.a.o., S. 9-l08,
  • 15. Ceschlossene und offene Ceschichtspolitik. Die polnische Dimension .,. :Ę--_itat, der Beziehung zum Staat und der wichtigsten Werte, denen :i -ationale Cemeinschaft dienen soll, gewaltsam aufzwingen.51l- _-,t khópfer der Geschichtspolitik jonglieren im Kampf um die Macht|- :ę. Seelen gern mit den Begriffen Erinnerung und Geschichte, die sie)- t -,:ch Bedari entweder als Kategorien mit unterschiedlichen Bedeu-n --iien oder als synonyme verwenden, Eine solche strategie ist im|- _c,tl um das gesellschaftliche historische Bewusstsein, das die Schópferi- :r Geschichtspolitik betreiben, uberaus bequem und nrltzlich, denn -;, !,€ wir gleich sehen werden - findet sie, anscheinend und paradoxer-n lę se, eine intellektuelle Basis in der zeitgenóssischen Philosophie un-lt cnventioneller Ceschichte (in der Bedeutung, wie Ewa Domańska sie :€5€m Begriff gab). Bei der Umsetzung ihres Programms scheinen diek 3<hichtspolitiker also auf ziemlich perfide Weise, vielleicht sogar rłissentlich, Argumente und Denkweisen heranzuziehen, die wir inil r-rr Gru nd lagen der Eri n nerungsph losoph ie fi nden, deren wichtigster i .€ftreter und Verfechter Pierre Nora ist. ].eser Autor vertritt in seinen Texten die Ansicht, dass die Zeit der iinnerung gekommen sei, was verschiedenste Formen der Kritik an -r offiziellen Geschichtsdarstellung nach sich ziehe. Er propagiert ein ,|fi edererwachen der verd róngten Antei e des h istorischen ceschehens, l jie Einforderung der Spuren einer zerstórten und beschlagnahmten .€rgangenheit, die Pflege der Wurzeln (roots) und die Entwicklung der łtnenforschung, das Aufbluhen aller móglichen Arten des Ceden- ćns, die juristische Aufarbeitung der Vergangenheit, die Eróffnung łerschiedenster Museen und eine erhóhte Aufmerkamkeit frjr Archiv- rstónde. Diese Welle der Erinnerung, suggeriert Nora, verbindet die Treue zur,,realen" oder imaginóren Vergangenheit mit dem Zugehórig- łeitsgeftih l, das Kol ektivbewusstsei n m it dem nd ivi d uel len Sel bstge- l i fuhl und das Cedóchtnis mit ldentitót auf engste Weise.52 lm Verhólt- nis zur Geschichte, die sich immer in den Hónden der Macht und an- 37 gesehener Historiker befand, hat sich das Cedżchtnis mit neuen Privi- legien geschmUckt. Es erschien als Rache der Erniedrigten, Beleidigten und Unglticklichen, als ,,kleine" Ceschichte derer schlieBlich, die von der ,,groBen" Geschichte nicht wahrgenommen wurden.53 Das Auftre- ten einer Ordnung von Gedżchtnis hat zur Folge, dass dem Historiker die Kontrolle Uber die Vergangenheit und das Monopol die Vergan- genheit zu interpretieren entzogen wird. Der Historiker ist so einer von Vielen, der Vergangenheit produziert und sich diese Funktion mit Rich-l tern, Zeugen und Medien teilt.s+,),| Wie wir sehen, entspringt Noras Geschichtskritik der Uberzeugung, dass Ceschichte, die sich die politischen und intellektuellen Salons der !] łleksander Smolar, Wladza i geografia pamięci,.., a.a.O., S. 55-56. 52 pierre Nora, cedechtniskoniuńktir, Transit 22l2OO2, S. ] 8. 53 ebd.. s. zo. 54 rbd,, s. :o.
  • 16. piotr witek westlichen Welt gewisserma8en zu eigen machte, zu einem bestimm- ten Zeitpunkt zu einem offiziellen, privilegierten Diskurs wurde. ln de- ren Folge dróngt sie den Beherrschten ein bestimmtes Bild historischer Ereignisse aul eine Art, die Vergangenheit zu verstehen, wobei jene nicht nur nicht zu Wort kommen, sondern oftmals auch vergessen werden. ln diesem Zusammenhang erscheint die von dem franzósi- schen Forscher bevgrzugte Kategorie von Gedóchtnis als Werkzeug im Kampf gegen die Dominanz von Geschichte, und dies im doppelten Sinne: politisch, denn sie tritt fur die Ausgeschlossenen ein und holt sie in den SchoB des gesellschaftlichen Cedżichtnisses zuruck, und epistemologisch, denn sie schlógt philosophisch und theoretisch neue, fremde Ceschichten vor - Móglichkeiten, mit Vergangenheit zurecht- zukommen. Gedóchtnis zeigt sich hier als ,,kleine", (im Verstóndnis von Krzysztof Pomian) revisionistische Geschichte gegenuber unter- schiedlichen Historismen der Hauptstrómung der ,,groBen", akademi- schen Geschichte, die als offiziell angesehen wird und demzufolge die entscheidende Stimme hat, wenn es darum geht, mit Vergangenheit zurechtzukommen. Die Behauptung, dass ,,kleine" und ,,groBe" Ce- schichte einander entgegen gestellt werden, ist in der Konsequenz gleichbedeutend mit der Behauptung, dass Gedóchtnis und ,,groBe" ceschichte miteinander konfrontiert wurden. Es bedeutet auch, dass die Begriffe Cedóchtnis und Geschichte in unterschiedlichen Kontex- ten, abhóngig von dem verwendeten Bezugssystem und der Subtilitat der Reflexion, synonym oder antonym gebraucht werden. wie unschwer zu erkennen ist, hat Nora, ob er wollte oder nicht, und obwohl er von ihnen nicht zitiert wird, den Schópfern der Ceschichts- politik eine hervorragende geistige Vorlage, Argumente und gedank- liche Werkzeuge geliefert. Genau wie er denken jene, dass der domi- nierende Diskurs die Ceschichtswissenschaft ist, die das gesellschaftli- che Gedóchtnis der Beherrschten und ihre Version der Vergangenheit ausklammert. 6enau wie er verwenden jene den Cedóchtnis-Begriff38 zum Kampf mit der Dominanz der Geschichtswissenschaft. Ahnlich wie er meinen jene, dass das Cedóchtnis unsere Beziehung zur Vergan- genheit anders organisiert, als es die Geschichtswissenschaft tut. Bei oberflóchlichem Vergleich kónnte man meinen, die Doktrin der Ce- schichtspolitik sei eine Kopie der Erinnerungsphilosophie von Nora. Unterdessen ist sie eine Philosophie der Erinnerung a rebours. Das liegt daran, dass die Geschichtspolitiker, wenn sie eine parallele Rhetorik zu der, auf Grundlage der Erinnerungsphilosophie angewandten Rhetorik benutzen, sie zur Realisierung vollkommen anderer Ziele verwenden, als die, die den Verkt]ndern der Konzeption einer unkonventionellen Geschichte vorschwebt. Daher haben Denkart und verwendete kate- gorien, auch wenn sie sich formal óhneln, vollkommen unterschiedli- che Bedeutungen. Die Geschichtspolitiker sehen die offizielle Geschichte, also die, die sich in den intellektuellen und politischen Salons der 3. Republik
  • 17. Ceschlossene und offene Geschichtspolitik. Die polnische Dimension ... :urchgesetzt hat, als kritische 6eschichte, im Sinne einer Praxis, die :uf die Betonung schmachvoller Begebenheiten der Vergangenheit lnd Auslassung oder Ausblendung der positiven oder heldenhaften Srónge konzentriert ist. lhrer Uberzeugung nach hat die kritische Ce- schichte die herrschende ceschichtsversion uberdeckt und damit den Teil der Cemeinschaft mit einer anderen als der offiziellen Vorstellungl .on Vergangenheit aus dem historischen Cedóchtnis der Cesellschaft ausgeschlossen. Die Ausgeschlossenen, Beherrschten und daher Cede-,|t :ltitigten und UnglLicklichen sind die Schópfer der Ceschichtspolitikl .:nd ihre Sympathisanten selbst, wóhrend die vorherrschende, abge- ehnte Vorstellung von Vergangenheit, die auBerhalb des offiziellen Ceschichtsdiskurses nur in der Ordnung des kollektiven Gedóchtnisses unktioniert, die von ihnen propagierte, bejahende Geschichte ist. lm Zusammenhang mit dem Cesagten gewinnt die kritische Ceschichte rier den Status der dominierenden, ,,groBen" Ceschichte, wóhrend Jie bejahende Ceschichte den Status einer revisionistischen, ,,kleinen" óeschichte erhólt. wir haben es hier auBerdem mit einer ldentifizie- ,ung der bejahenden Ceschichte mit Erinnerung und der kritischen ceschichte mit ceschichtswissenschaft zu tun. Damit verschafft sich Jie Geschichtspolitik ein philosophisches und epistemologisches Alibi :ur das eigene Vorgehen im Diskurs der Erinnerungsphilosophie. Es er- ,aubt ihr, unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Dominanz Jer Geschichtswissenschaft, mit der kritischen Geschichte abzurechnen -lnd unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Dominanz der kri- rschen Ceschichte, die bejahende Geschichte von der potentiell me- :hodologischen und inhaltlichen, hegemonialen Vormundschaft der Ceschichtswissenschaft, unter dem Deckmantel des Erinnerungsdis- rurses, zu befreien. Dies fuhrt in der Konsequenz dazu, dass die beja- :lende Ceschichte, die sich auf die Legende der Erinnerungsphiloso- phie, als ein von wissenschaftlichen Begrenzungen vollkommen freies und flexibles lnstrument der Aneignung von Vergangenheit stużen rann, ein hervorragendes Werkzeug politischer und historiosophi- 39 scher Manipulation wird, das die Autoritót der Erinnerungsphiloso- phie ausnutż, um deren Grundsótzen widersprechende, eigene Ziele zu erreichen. Noras Konzeption ist eine Strategie, die sich die Kategorien Cedżcht- ;lis und 6eschichte als Werkzeug im Kampf um Pluralisierung und De- mokratisierung der Reflexion uber die Vergangenheit sowohl in poli- :ischer als auch in epistemologischer Hinsicht zunutze macht. Sie ist ein Appell dafrjr, dass ein jeder seine eigene Geschichte erzóhlen und ,.róumen kann, nichts und niemand sie sich einverleibt, sie verzerrt oder dominiert, und sie genauso wichtig ist wie andere Erzóhlungen, Ceren Vielzahl und Verschiedenheit einem besseren wechselseitigen Sich-Óffnen der eigenen Andersartigkeit gegenuber und gegenseiti- gem Verstżndnis nur dienen kann, Die Ceschichtspolitik, die sich in zy- nischer Weise die Rhetorik und die geistige Vorlage der Erinnerungs- philosophie zunutze macht, zielt Ęingegen nicht auf Demokratisie-
  • 18. Piolr ,Vitek rung und Pluralisierung des historischen Diskurses ab. lhre Aufgabe und ihr Ziel ist es, der Konzeption der bejahenden Ceschichte mit- tels einer Nationalisierung des historischen Diskurses Celtung zu ver- schaffen und ihr den Status einer dominierenden Staatsgeschichte, die sich selbst die Autoritót und das Prestige der Ceschichtswissenschaft zuschreibt, zu sichern, Diese ist intellektuell gefangen, un-dialogisch und un-reflektierend, wodurch sie sich als Ceschópf des mythischen Bewusstseins erweist. lm Falle der Ceschichtspolitik haben wir es mit einer Logik zu tun, die fur mythisches Bewusstsein charakteristisch ist, und deren Hauptei- genschaft darin besteht, der Cemeinschaft ein Cefuhl der Ordnung und des sinns in der welt zu versichern und deren kohórenz anzu- streben. Dies befreit sie davon, das Nicht-Widerspruchsprinzip oder, wenn man so will, das Recht der ausgeschlossenen Mitte zu respektie- ren, Das mythische BewuBtsein ist durch bestimmte Annahmen uber die Welt gekennzeichnet, die spontan, oder infolge der Zuerkennung durch politische, gesellschaftliche oder andere Krófte, einen Status faktografischer symbolischer, unverifiziefter und fixiefter sowie mehr oder wen iger sakral isierter Wahrheiten erh ielten,ss Als eigentum iche l Form der Aneignung der Welt und musterhafte, geheiligte Erzóhlung uber sie, bestimmt der Mythos also ein fur die Cemeinschaft konstitu- tives Tabu, ein Wertesystem und mit ihm eine Auswahl paradigma- tischer Modelle fur alle Arten von Brżuchen und fur die wesent|ichen Tótigkeiten des Menschen, ln religióser Hinsicht liefert er der Cruppe einen Claubens- und Verehrungsgegenstand. Er fuhrt eine mythische, geheiligte Zeit ein, die sich qualitativ von der weltlichen, historischen, chronologischen, unumkehrbaren, vergónglichen und fortlaufenden Zeit unterscheidet, Jene Zeit ist dadurch gekennzeichnet, dass sie on- tologisch und ,,parmenideisch" ist, und damit keiner Verdnderung un- terliegt und unerschópflich ist. Sie zeigt sich in Cestalt symbolischer40 Bróuche und Rituale, in denen sich unverónderliche wefte manifes- tieren. Der Mythos offenbart das, was wirklich und nutzlich ist und bestimmt die absolute wahrheit, Das heiBt, der Mensch wird dann tatsdchlich Mensch, wenn er sich der in den Mythen dargelegten Leh- re anpasst.56 Die Welt der Ceschichtspolitik wird durch eine neue mythische Er- zóhlung auf der Grundlage einer erwunschten sakralen Ordnung be- 55 Jerzy TopoIski , Jak się pisze i rozumie historię. Tajemnice narracji historycznej [Wie man Ceschichte s,c|reibt und Versteht, Geheimnisse der historischen Erzżihlung]. Warschau: Rytm 1996, S. 2O4. 56 Mircea Eliade, Das Hei/ige und das Profane, FrankfurVnn, t-SaZ:, S.21-99: Mircea Eliade, Ewlge Bilder und Sinnbilder. }ber die magisch-religióse Symbolik, FrankfurVM,: lnsel Vedag l 982, S, 63-1 04; Henryk Samsonowicz, O,,historii prawdziwej" [Uber,,wahre Ceschichte"], Danzig: Novus Orbis 1997, S. 5-25 Erich Fromm, Haben oder Sein,Stuttgart 1 996, 5. 1 34-1 35; Leszek Kotakowski. Dle Cegenwertigkeitdes Mythos, MLinchen: Piper 1973; Siehe auch: Marek Woźniak, Doświadczanie hi- storii. Kulturowy i społeczny wymiar mitu rewolucji IDas Erleben von Ceschichte, KultureIIe und ge- sellschaftliche Dimension des Revolutionsmythos], Lublin: Wydawnictwo UMCS 2003, S, ]8-38; .]ózef Niżnik, Mit jako kategoria metodologiczna [Mythos als methodologische Kategorie], ,,Kultura i Społeczeństwo" [,,Kultur und Cesellschaft"], Bd, XXl|, l 978, Nr 3, S. 163-174.
  • 19. Geschlossene und offene Ceschichtspolitik. Die polnische Dimension ...- -,]mt. Die neue Erzóhlung, die auf einer bejahenden Einstellung zur:.enen Ceschichte beruht, kodifiziert einen Kanon verpflichtender, _-:ntastbarer Tabus. Sie fórdert ein Bild von Polen als einem auBer- r:.,.óhnlichen Land mit einer auBergewóhnlichen Ceschichte und von ::- polen als auserwóhltem volk, im Sinne eines durch die ceschichte :-3ergewóhnlich gepruften und gebeutelten Volk. Somit wird Polen, ..; auBergewóhnliches Land, sowie seine auBergewóhnliche Geschich--: und Erinnerung an ein auBergewóhnlich gepruftes Volk zum Ce-.=rstand der Verehrung und einer spezifischen Art von Kult. Die Ver--rgenheit verwandelt sich in einen Claubensgegenstand und wird_-- etwas Heiligem, das man nicht verlieren darf. Als solche unterliegt .:ęangenheit nicht mehr der Erinnerung und historischen Reflexion, : e durch Vergónglichkeit und Unumkehrbarkeit zu Verżnderung und ]-aos fuhrt. lndem sie sich von Historizitót, Chronologie, Vergóng- :hkeit und Unumkehrbarkeit befreit, ist die Vergangenheit in der Ce-l-?llwdlt in Cestalt einer transzendenten, ontologischen und axiolo-łschen Erinnerung fortwóhrend prósent. Diese gibt den Ereignissen :er Vergangenheit einen Sinn, indem sie sie in Bezug zu etwas setzt, :as auBerhalb dieser Ereignisse liegt - durch Rituale im Einklang mit :em liturgischen Kalender, durch unterschiedliche Feierlichkeiten, ausĄnlass weiterer Jahrestage gutgeheiBener Ereignisse der Vergangen--eit, als Nationalfeiertage, oder auch in Form von Ritualen, bei denen:en Vorfahren symbolische Opfer dargebracht werden, indem man:nrijhmliche Helden der Vergangenheit vor Gericht stellt oder ihre)enkmóler sturzt. Rituale, die Reflexion und Handeln ersetzen und;c alle unerwt]nschten Verónderungen unterdrLicken, die Verdorben-ieit, Niedergang und Verfall nach sich ziehen wLirden. Der Kult deririnnerung wird an speziell zu diesem Zweck geschaffenen Orten or-3anisiert, aufrechterhalten und realisiert: in Orden - dem lnstitut furNationales 6edenken, in Tempeln - dem Museum des Warschauer Auf-stands, und in Stra8enkapellen, in Form von Tafeln oder DenkmólernauBergewóhnlicher Helden, oftmals Mórtyrer einer gerechten Sache, 41Jie auf den Altar der Erinnerung gehoben wurden und die Rolle vonNational heil igen einnehmen. Die Orthodoxie des Erinnerungsku lts be-aufsichtigen die - von Politikern, in ihrer Rolle als herrschender Stam-i"nesrat, speziell fUr diese Aufgabe berufenen und in den Orden undTempeln angestellten - Priester-Richter, die die von den Propheten inprogrammatischen Katechismen niedergeschriebenen Richtlinien alseinzige offenbarte und absolute Wahrheit andóchtig umsetzen. Der Pa-triotismus besitzt hier Stammescharakter und ist das bedingungslose,von Verehrung gekennzeichnete Glaubensbekenntnis an die geheiligteVergangenheit und die Nationalheiligen. Er zeigt sich in Ritualen undBróuchen, die die ldee des idealen mono-historischen staates unduralten Wertesystems der Vorfahren in wiederkehrenden Zeremonienimmer wieder reaktualisiert. Wahrer Patriot und wahres Mitglied derGemeinschaft ist hier der, der den verehrten Helden der Vergangen-heit ohne zu Zógern nacheifen und sich ihnen anpasst sowie die inmusterhaften Erzóhlungen dargelegten Lehren respektiert, sich also
  • 20. piotr witek vollkommen und unmissverstóndlich mit dem reaktualisierten kanon ewiger, nationaler Werte identifiziert. Dadurch existiert und verharrt die Cemeinschaft in einer unverónderten Form, die ein immer dege- nerierteres kostu m wechsel hafter 6esch ichte darstel lt. Zusammen mit der Religion der Erinnerung und ihren musterhaften, kanonisierten Erzóhlungen erlaubt das mythische Bewusstsein den Ceschichtspolitikern, sich von Zufólligkeit, Chaos und Verfall der Ce- schichte, von eigener Schuld und Versóumnissen, von Verantwortung fur ergriffene und nicht ergriffene MaBnahmen frt]herer Cenerationen sowie von kritischer Reflexion uber die eigene Vergangenheit zu be- freien und sich in der imaginóren, in der Cegenwart permanent ak- tualisierten, gegldtteten, romantischen, mytho-historischen Welt der Vorfahren zu verstecken, wo der Leitspruch - ja heiBt ja, und nein heiBt nein - und das 6ebot - denk daran, deine geheiligte Vergangen- heit und das Cedenken an sie bedingungslos zu ehren - gelten. lndem sie mal vor der Ceschichtswissenschaft in die Erinnerung flieht und ein anderes Mal der Erinnerung den Status von Ceschichte ver- leiht, versucht die Geschichtspolitik in der hier dargestellten Form, die Geschichtsphilosophie durch eine Ceschichtsmythologie und die Ceschichtsepistemologie durch eine Ceschichtstheologie zu ersetzen. lndem sie jedoch Geschichte mit Erinnerung gleichsetzt und zugleich nicht gleichsetzt, ruft sie die Mytho-Ceschichte ins Leben. Die Mytho- Geschichte ist durch weltanschaulichen Monismus sowie durch eine Einstellung gekennzeichnet, die sich a priori mit der eigenen Vergan- genheit identifiziert. Als Geschópf des gesellschaftlichen, mythischen Bewusstseins ist sie dadurch gekennzeichnet, dass in ihr Elemente versch iedener, u nvergleich barer Trad itionen u nd Strategien zur Anei g- nung der Vergangenheit harmonisch nebeneinander bestehen. Sie wird durch magische, eschatologische, theologische, religióse und phi- losophische Gedankenstrónge begrundet, die, wenn nótig, hervorra-42 gend m it Motiven der łl n konventionel len Gesch chte korrespond ieren, i oder mit lnhalten, die sich aus der akademischen ładition, also aus einer traditionell ventandenen wissenschaftlichen Weltanschauung herleiten, wenn sie im Ergebnis nur das Gefijhl von Sinn und Ord- nung in der Welt und deren Kohżirenz ermóglichen. Der Standpunkt der Cegner von 6eschichtspolitik in der hier darge- stellten Form, erweist sich, wenn auch nicht eindeutig, als paradigma- tisches Beispiel einer lokalen Sozialtechnik. Trotz der vielen, sich von jedweder Art der Ceschichtspolitik distanzierenden Aussagen, haben wir es in diesem Fall also mit einem schwachen Programmentwurf zu tun, der meistens indirekt, als Negation der starken Doktrin artikuliert wird. Die Ziele, die sich die schwache Ceschichtspolitik setzt, und die Aufgaben, die sie realisiert, lassen sich auf einige Forderungen zuruck- ftjhren. Der wichtigste von den Vertretern der lokalen Sozialtechnik propagierte Grundsatz, ist ein Pluralismus von Prinzipien, Zielen und
  • 21. Ceschlossene und offene 6eschichtspolitik. Die polnische Dimension .,.łrten ihrer Verwirklichung. Sie fórdern die Konzeption einer offenen-esellschaft und eines dialogischen, demokratischen und pluralisti-<hen historischen Diskurses, der offen ist fur die Geschichten Anderer.S e sprechen sich also fUr eine poly-historische Cesellschaft sowie f0r:,;le kritische Ceschichte aus, die eine fortdauernde, freie Diskussion,*lwohl in politischer als auch in epistemologischer Hinsicht erfordert.]ie schwache Geschichtspolitik lżsst sich auf zwei komplementóre]rundsótze zurtlckfi]hren, die sich einer jeweils passenden Strategie:edienen, welche Alekander Smolar als Strategie der fortdauern-:en Unterschiedlichkeit und friedlichen Koexistenz sowie als Strategie:es eingeschrónkten demokratischen Konsenses bezeichnet. Die ersteSrategie beruht auf der Anerkennung der Existenz unterschiedlicher iterpretationen Von Vergangenheit u nd der Koexistenz u ntersch ied l i-:ier Formen von patriotismus, und das alles im Namen hóherer wefteł ie: gesel lschaftl icher Frieden, Achtu ng gegen ri ber Andersden kenden-nd dauerhafte koexistenz abweichender ku ltu re[ler Trad itionen. Die:łeite Strategie beruht auf asymmetrischer lntegration, das heisst--.lm einen, man geht nicht davon aus, dass alle recht haben, und zumlrderen, dass die Wahrheit geteilt ist. Allerdings gibt es einige offen-;:chtliche Tatsachen und Werte, wie Freiheit, Unabhżingigkeit, Demo-!.atie, Menschenrechte und Rechtsstaat, die Grundlage fur den Clau-:€n an Annóherung, an eine fortschreitende lntegration der Gesell-<haft anhand dieser Crundwefte und an die Notwendigkeit, in An- ehnung an sie eine gemeinsame Erzóhlung zu schaffen, sein musste- nattjrlich unter Bertickichtigung aller Unterschiede, die sich aus-weichender Herkunft und Religion, abweichenden Biografien und ,Jeel len Uberzeugungen ergeben,szJie schwache Geschichtspolitik unterscheidet klar zwischen Erinne-ug und Geschichte. Diese Unterscheidung wird wirkungsvoll durch:ie Kategorie einer identifikatorischen Einstellung gegentiber der 43 .ergangenheit definiert, die darauf beruht, den mehr oder wenigeręalen oder imaginóren Standpunkt der Protagonisten vergangenerireignisse einzunehmen und ihre mehr oder weniger realen oder magi nóren Werte, U rtei le, Glau bensvorstel u ngen, Angste, Voru rtei le l;nd Erwaftungen als die eigenen anzunehmen, Nach Krzysztof Po-;rian ist die ldentifizierung mit der eigenen vergangenheit konstitutiv,ur Erinnerung, wóhrend die Distanzierung von der eigenen Vergan-3enheit konstitutiv fur Geschichte ist. Daher beruhe der Ubergang,on Erinnerung zu Ceschichte daraul dass sich ldentifizierung undeigene Vergangenheit kreuzen. Dies bedeute jedoch nicht, dass die3eschichte vollkommen frei von identifikatorischen Einstellungen ist.Historiker, sagt Pomian, identifizieren sich mit der Gemeinschaft zujer sie gehóren, wie auch mit den, von ihr als wichtig und konstitutivanerkannten Regeln, die fiir die Zeit, in der sie leben, gelten und ihre
  • 22. piotr witek kognitiven Praktiken steuern. Und, weiter gefasst, identifizieren sie sich mit den von ihnen respektierten und als eigen anerkannten, un- terschiedlichen Formen gesellschaftlichen Bewusstseins, die Produkt und Regler der Kultur sind, in der sie wirken.s8 Ceschichte zeigt sich gegenriber der Vergangenheit deshalb insofern als óuBerer Diskurs, als sie nicht Produkt der Vergangenheit, sondern Produkt der gegenwżirtigen Ordnung ist. Die Form der Vergangenheit als Gegenstand geschichtlicher Reflexion hóngt also von Ceschichte ab, wóhrend Erinnerung ein in der Vergangenheit versunkener Diskurs zu sein scheint. Dies schafft die lllusion, dass die Vergangenheit, in Form von Erinnerung, Teil der Cegenwart ist oder sein kónnte, ohne dass dadurch die Vergangenheit veróndert wird. Dabei kann Erinne- rung die Gestalt von Ceschichte annehmen. Etwa dann, wenn sie im Namen von Geschichte auftritt und mit dem Symbol der Historizitót versehen wird, d.h. wenn die Erzóhlungen der Erinnerung die histo- rischen Erzóhlungen nachahmen und sie sich lediglich durch die oben erwóhnte identifikatorische oder distanzierende Einstellung zur Ver- gangenheit unterscheiden. s9 lm Verstóndnis von Pomian wird Geschichte, die sich von der eigenen Vergangenheit distanziert, daher als kritische Ceschichte definiert, Ge- schichte hingegen, die sich durch eine identifikatorische Einstellung zur eigenen Vergangenheit auszeichnet, wird als amtliche Ceschichte oder als deren Spiegelbild, als revisionistische 6eschichte, bezeich- net.60 Die kritische ceschichte beinhaltet, óhnlich wie die amtliche oder re- visionistische, eine geheime politische Option, unterscheidet sich aber dennoch von ihnen. So wie jene notwendig autoritór erscheinen, ist die kritische ceschichte liberal, denn nur im liberalen Demokratie- system kann sie uneingeschrónkt betrieben werden. Sie hólt die oben44 beschriebene erforderliche Distanz zu a priori identifikatorischen Ein- stellungen gegenuber der Vergangenheit, was sie ,,fundamental" von der amtlichen und revisionistischen ceschichte unterscheidet, fur die eine identifikatorische Einstel lung gegenriber der Vergangenheit kon- stitutiv ist und die ihre Daseinsberechtigung in gewisser Weise defi- niert und begrundet. Die liberale oder kritische Ceschichte, die in der ein oder anderen Frage mal mit der einen, mal mit der anderen ubereinstimmt, erhebt deshalb aus Prinzip Widerspruch gegen die amtliche und die revisionistische ceschichte, als Ausdruckweisen ei- 58 Krzysztof Pomian, Historia - naukawobec pamięci..., a,a.O., 5. 193-194; Pomian erinnert an et- was sehr Wichtiges, wenn er sagt, dass z.B, Ceschichtswissenschaft, die aufrichtig davon uberzeugt ist, kritische Ceschichte zu sein, zugleich Ausdruck einer identifikatorischen Einstellung ist, ohne sich dessen bewusst zu sein. Crund ist, dass sie von einem mżnnlichen Standpunkt aus geschrieben wurde, der von den Historikern, in der Mehrheit Mżinner, fLlr selbstverstandlich gehalten wurde. Folge war, dass der weibliche Standpunkt vom historischen Diskurs ausgesch|ossen blieb. 59"rbd,, s, 1g3-194, 60 tbd., s, lsł.
  • 23. 6eschlossene und offene Ceschichtspolitik. Die polnische Dimension ...-:s ntel lektuel l-identifi katorisch orientierten, ep istemologischen u nd i:,:,itischen, ft]r mono-historische Cesellschaften charakteristischen:-,ldamentalismus. Aus diesem Crund wird sie sowohl von den An--::lgern der einen, wie auch von den Verteidigern der anderen an-=3riffen.Oti :e variante der oben beschriebenen situation ist der streit zwischen:tn Anhóngern einer starken Geschichtspolitik und den Cegnern die-_ęl Doktrin. wenn sie die konzeption der gegenuber der vergangen--eit identifikatorischen, bejahenden Ceschichte verbreiten, machen Jeschichtspolitiker nichts anderes, als einen Diskurs uber Vergangen- -eit zu propagieren, der Charakterzuge der Historizitót trógt. Dadurch -:(s sie sich frjr ausgeschlossen und dominiert halten, wird der beja--enden Geschichte der status einer revisionistischen ceschichte ver- ehen, die kritische Ceschichte jedoch, mit der sie in nahezu keiner--age Libereinstimmen, erhólt den Status der dominierenden, also am-:ichen ceschichte, weil sie liberale Geschichte ist, die in einem libe-alen Demokratiemodell funktioniert und also durch das Modell sank-:cniert wird, gegen das sich die ldeologen der starken Geschichts-rclitik auch wenden. Wenn man berr]ckichtigt, dass sich die kritische3schichte auf geradezu naturliche Weise jedem Ausdruck identifika-,_crischer Einstellungen gegenUber der Vergangenheit und allen fun-Jamentalistischen Einstellungen, sowohl in politischer, wie auch inepistemologischer Hinsicht, widersetzt, scheint sie in diesem Streit, imHinblick auf die eigene identifikatorische Einstellung gegenriber dentverten des liberalen Demokratiemodells und einem selbstreflektie-renden Verhóltnis zur Vergangenheit und zu sich selbst, auf natrirlicheWeise die Rolle der dominierenden oder sogar amtlichen Ceschichteeinzunehmen, der sie sich im ubrigen selbst widersetzt. Das bedeutet,dass sie in gewisser Weise als fundamentalistisch, also in sich wider-spr0chlich, erscheint, was die Verfechter der schwachen Geschichts-politik, die sich ftjr Pluralismus, Freiheit und Toleranz aussprechen, 45in eine unangenehme Lage bringt. Diese innere Widerspruchlichkeitlfust sich jedoch 0berwinden und ist somit nur scheinbar. Wir habenes hier mit den sogenannten Paradoxien der Freiheit und Toleranz zutun, 0ber die Karl R. Popper schrieb.Das erste Paradox beruht darauf, dass die Vorstellung von Freiheit alsFreiheit ohne jede Beschrónkung tatsóchlich zu sehr groBen Beschrżin-kungen frjhrt, weil es den Starken, die aus den Wohltaten der FreiheitNutzen ziehen, ermóglicht, sich die Schwachen unterzuordnen, derenFreiheit im Namen der Freiheit nicht geschrjtzt ist, was zu Unter-drtickung fuhrt. Deshalb muss Freiheit, um frei zu bleiben, konsen-sual kontrolliert und beschrónkt werden. Das zweite paradox beruhtdarauf, dass uneingeschrónkte Toleranz zum Verschwinden von Tole-ranz fuhrt. Dies geschieht, weil wir uns, wenn wir uneingeschrónkte6l rbd., s. 191-198,
  • 24. piotr witek Toleranz auf die lntoleranten ausdehnen, ihren Angriffen aussetzen, Und wenn wir nicht zur Verteidigung der toleranten Cesellschaft be- reit sind, wird diese zusammen mit der Toleranz zerstórt werden, lm Namen der Verteidigung von Freiheit und Toleranz mussen wir also das Recht fordern, die Freiheit, der auf sie lauernden Fundamentali- sten zu beschrónken, und lntolerante nicht zu tolerieren. Solange es gelingt, unter den Bedingungen absoluter Freiheit und gegenseitiger Toleranz, d.h. ohne dass sie gefóhrdet sind, gegen die Argumente der Fundamentalisten und lntoleranten zu polemisieren und sie in Schach zu hatten, muss ein bestimmtes, angemessenes MaB an Toleranz und 0z Frei heit gegen uber i ntoleranten Dogmati kern erhalten b leiben. Die schwache Ceschichtspolitik, die in einer lokalen Sozialtechnik auf- geht, stLitzt sich auf die oben formulierten, auf die Paradoxien der Freiheit und Toleranz gegrundeten Uberzeugungen, Wenn man Frei- heit und Toleranz im Bereich der Reflexion rjber ceschichte in beider- lei, politischer und epistemologischer Hinsicht propagiert, muss man sich also auch fUr ihre konsensuale Kontrolle und Beschrónkung, im Namen der Verteidigung dieser Werte vor ihrer Vernichtung durch verschiedene Formen eines universalistischen, epistemologischen und politischen Fundamentalismus im Bereich von Geschichte und Erin- nerung, aussprechen. Die gegen Dogmatismus und lntoleranz gerich- tete, schwache Ceschichtspolitik ist deshalb verhóltnismóBig tolerant gegenuber den fundamentalistischen Argumenten der Verfechter ei- ner geschlossenen Geschichtspolitik und beschrónkt deren Freiheit so lange nicht, wie diese nicht die Redefreiheit, den freien Meinungs- austausch, die freie Vergangenheitsforschung und kritische Reflexion uber Vergangenheit, die freie Wahl einer gemeinschaftlichen ldentitżt oder einer eigenen ldee von Patriotismus bedrohen. Sie behandelt die starke Ceschichtspolitik als lokalen Fundamentalismus, und ist also ein, wenngleich aus der Perspektive einer liberalen Weltanschauung zwei- felhafter, Standpunkt unter vielen anderen, der das Recht hat, sich ftjr46 eine eigene lnterpretation der Vergangenheit, eine eigene Konzeption gemeinschaftlicher ldentitót oder eine eigene ldee von Patriotismus einzusetzen. Dabei hóngt der Umfang der Freiheit und Toleranz fur die ldeologie der geschlossenen Geschichtspolitik davon ab, wie weit diese mit ihren Forderungen geht. Je intoleranter, dominanter und aggressiver die Lehre der geschlossenen Ceschichtspolitik gegenuber konkurrierenden Konzeptionen auftritt, und je stórker sie auf eine Mo- nopolisierung des gesellschaftlichen historischen Bewusstseins zielt, desto stórker grenzt die offene Ceschichtspolitik die Toleranz und Frei- heit ihr gegenuber ein, und auf desto heftigeren Widerstand stósst sie. Mit anderen Worten: die schwache Geschichtspolitik ist imstande, den lokalen Fundamentalismus der starken Ceschichtspolitik mit seinen Bekenntnissen zu dogmatischen Werten zu akzeptieren. ln dem Mo- ment jedoch, in dem er sich in einen holistischen Fundamentalismus 62 Si"he Karl R. Popper Die offene Cesellschaft und ihre Feinde..., a.a.O., S. 361-362
  • 25. Ceschlossene und offene Geschichtspolitik. Die polnische Dimension ...,erwandelt, der versucht, anderen das eigene dogmatische Wertesys-:.m gewaltsam aufzuzwingen, werden die Toleranz ihm gegen0ber-rd die Freiheit, in der er sich entwickeln und funktionieren kónnte, .enłeigert. ln dieser Situation Ubernimmt die von der schwachen Ce-;chichtspolitik verbreitete Konzeption der kritischen Ceschichte die:clle der amtlichen oder dominierenden Geschichte, die auf dem sich zuerkannten Recht beruht, Pluralismus, Freiheit und Toleranz=lbst:ei der Reflexion riber Vergangenheit zu verteidigen. Der ,,Fundamen--lismus" kritischer Geschichte nimmt diesen Werten gegentjber also:ne funktionale Rolle ein. Er wird dann zum lnstrument ihrer vertei-:gung, wenn sie durch zentralistische Tendenzen dogmatischer oder ;loleranter Entwurfe jedweder Couleur gegenrjber konkurrierendenirtwt]rfen der Aneignung von Vergangenheit bedroht sind.]-.lsammenfassend lósst sich sagen, dass wir es bei der schwachen Ce-ślichtspolitik mit einer dialogischen, selbstreflektierenden und - imi,:lne wie Florian Znaniecki diesen Begriff definieft - umfassenden Kon--=ption von Ceschichtspolitikzu tun haben, die aus Prinzip unterschiedli-::e Stimmen und Standpunkte zu Wort kommen lósst. Sie fordert ein-- freien Markt des Cedanken- und ldeenaustauschs, auf dem unter-<hiedliche Strategien der Aneignung von Vergangenheit aufeinanderrc8en. Hier fAnden sowohl die bejahende Ceschichte, wie auch die Geschichte, verschiedene varianten der wissenschaft-=rechnende ,:hen Ceschichte, verschiedene Erinnerungsphilosophien, die My-:o-ceschichte wie auch die unkonventionelle ceschichte ihren platz,:e in Koexistenz und gegenseitiger Konkurrenz einer gemeinsamen,rlmplexen gesellschaftlichen Kritik ausgesetzt wóren, dank derer sie r Prozess der lokalen gesellschaftlichen Konsensfindung einen Status.cn lokal mehr oder weniger respektierten und anerkannten Rech-:en erhalten kónnten. Dabei bliebe die Toleranz fur alle unterschiede_rd Abweichungen beztiglich der Einschótzung und lnterpretation der.e€an8en heit bewah rt. Diese konstitu ieren untersch ied iche Formen l:es gesellschaftlichen historischen Bewusstseins, die der freien Wahl 47+ nes politischen, epistemologischen, ethischen wie auch ósthetischenS.,andpunkts entspringen. Letztlich erscheint die kritische Ceschichte :r Gewand der amtlichen Geschichte als lnstrument einer schwachen}schichtspolitik, also lokalen Sozialtechnik. Dieses lnstrument dient:er Errichtung einer poly-historischen, offenen Cesellschaft, die der.<leinen" und ,,groBen" Ceschichte als Einzige politische, epistemolo-3:sche, ethische und ósthetische Freiheit im globalen Cedankenaus- garantieren kann und Toleranz gegen0ber den vielfóltigen, auf=usch:;e ,,kleine" und ,,groBe" Geschichte bezogenen Weltanschauungen in:er modernen, globalisierten Welt sicherstellt.
  • 26. piotr witek Schlussfolgerungen Der Streit zwischen den Anhżngern der starken Ceschichtspolitik und holistischen Sozialtechnik und ihren Gegnern scheint eine zeitgenós- sische, mutierte Variante des angesehenen und geschichtstróchtigen, antiken Streits zwischen den platonischen und heraklitisch-periklei- schen Traditionen zu sein. ln der platonischen Tradition zeigt sich die gesellschaftliche Wirklich- keit in Gestalt unverinderlicher ldeen und Formen, die auBerhalb von Raum und Zeit in der Ewigkeit existieren und deren Spiegelbild die Welt der verónderlichen Dinge ist, die in Raum und Zeit existieren. Wenn also Ausgangspunkt jeden Wandels die Vollkommenheit der ldeen und Formen ist, dann fuhrt jeder gesellschaftliche Wandel nur in eine Richtung, nómlich in Richtung Unvollkommenheit. Das bedeu- tet, dass jeder gesellschaftliche Wandel das Bóse ist, das zu Verdor- benheit, Niedergang und Verfall fuhrt, im Cegensaż zur Unbeweg- lichkeit, die als góttlich wahrgenommen wird. Deshalb ist die von der Gefahr des Wandels und des Niedergangs freie Lebenswelt, die beste, ja die vollkommene Welt. Das Original dieser Welt liegt in der Vergan- genheit, im ,,Coldenen Zeitalter", das seit Urzeiten existiert. Die letzte Schlussfolgerung ist, dass, wenn die Lebenswelt im Laufe der Zeit un- tergeht, sie sich zurtjckzieht und in der Vergangenheit versinkt, die Wiederentdeckung der Vollkommenheit als originales, ewiges Modell einer idealen, in einem idealen Staat lebenden Gesellschaft móglich wird, in der es am wichtigsten ist, dass niemand ohne Frihrung bleibt, auf eigene Faust handelt oder Entscheidungen trifft, und sich alle da- ran gewóhnen, dass nichts einzeln, auBerhalb der Kontrolle der Fuh- rung getan werden kann. lm idealen, von einer idealen Cesellschaft bewoh nten, Staat u nterl iegen geisteswissenschaftl iche Fragen u nd h u- manistische Bildung der Kontrolle und Zensur des Staates, dessen Ziel48 es ist, seine Stabilitót zu festigen und die nżchsten Generationen da- rauf vorzubereiten, seinen lnteressen zu dienen. Das Privileg derer, die die ideale Gesellschaft im idealen Staat regieren, ist es, zum Wohle und im lnteresse des staates, nicht nur den Feinden, sondern auch den eigenen Burgern gegenuber, zu l0gen und zu betrugen,o: ln der heraklitischen Tradition erscheint die gesellschaftliche Wirklich- keit wechselhaft. Es ist eine welt, deren konstruktion in Nichts an ei- nen in Bewegungslosigkeit verharrenden Bau oder Kosmos erinnert, der aus unverónderbaren, ursprtinglichen ldeen errichtet oder zusam- mengesetzt ist, sondern ganz im Cegenteil eine Welt, die eher an unor- dentlich verteilten schmutz erinnert. Dieser stellt nicht die cesamtheit der Dinge dar, sondern vielmehr einen einzigen gewaltigen Prozess, die Gesamtheit aller Verónderungen, Ereignisse und Tatsachen, deren 63 rbd., s. s-os
  • 27. Ce:chlclsselltl Llncl tlffetle Ctscllicllts1lo1itik. Die poirliscllc Dinletlsiotl .. _--ng daraus resultiert, dass alles flieBt und nichts an einem Ort - -1,11_.ln der perikleischen Tradition wird die gesellschaftliche Ord- -. Curch die fur die Demokratie charakteristischen Prinzipien wie1d - -. -,sgleichheit, politischer lndividualismus und Freiheit geprógt, de-is- .rundlage der Dialog ist. Obwohl also nicht alle politisch tótign, , - .]nnen, sind doch alle fóhig und haben das Recht, Politikzu be-:i- . .=:, denn die Diskussion stellt den notwendigen ersten Schritt fur -= .,,,eise Handlungsweise dar.6ah- ],,-::htet man das Profil des Platonschen Entwurfs, lósst sich un-)n - erkennen, dass die Befurworter einer starken Ceschichtspolitik, - . =rlie j:,eit um die gegenwórtige Organisierung gesellschaftlicher Wirk-,n, -.=it und gesellschaftlichen Bewusstseins, als Erben und Weiterfuh-er - - _: seiner Cedanken erscheinen. Betrachtet man die Thesen des He-ur . und perikles, kommt man unschwer zu dem schluss, dass dieu- : ---,.,,tort€I der schwachen Ceschichtspolitik sich als Erben und Weit-)r- .-_-:ende ihrer Gedanken prósentieren. Es ist dies ein Streit zweier,o-ts) . -.;:hten, die auf zwei unterschiedlichen Wertesy5temen grunden,er , - :5te ist autoritór, holistisch, magisch-mythisch, mytho-historisch,:e, - , _ ^-historisch, -^*-_+;--L : L;-+^-;-_L romantisch, zynisch, -+^+i--L r.._-l^*^_ł-li-+i-^l -,,^i--L i^ statisch, fundamentalistisch, in-n- ,.nt, fordernd, unkritisch und narzisstisch. Die zweite zeigt sich:te - - :kratisch, liberal, fragmentarisch, selbstreflektierend, kritisch, an-n- - ;amental istisch, relativistisch, tolerant, pragmatisch, dynamischlie s:hlieBlich historisch, im erweiterten Verstóndnis dieses Begriffs,ell :n die postmoderne Reflexion vorschldgt, die diesen Diskurs inch ::crien verschwommener Gattungen definiert, wodurch ein poly-]t, :,isches Bewusstsein entsteht.65 Erstere wendet sich der Vergan-la- -:it zu, wóhrend Letztere sich auf die Zukunft orientiert,h-rft Jie obige Darstellung der beiden kulturellen Formationen, derU- - ,achen und der starken Ceschichtspolitik, die zwei unterschiedli-iel -. 3rdnungen gesellschaftlicher Wirklichkeit und historischen Be- 49Ia- -,;:seins lancieren, zeigt, handelt es sich um ein lokales Beispieler, ,,veitreichenderen Phónomens, das Leszek Kołakowski in einem =;tle - -=r Essays als unheilbaren Antagonismus zwischen der, den kul-ch en Absolutismus festigenden Philosophie und der diesen Abso- , ;^ius in Frage stellenden Philosophie beschrieb. Dem polnischen - :sophen zufolge handelt es sich - :;:ern und Narren. Der Priester, um einen Kołakowski, ist zwischen schreibt Antagonismus Wóchter , lbsoluten, derjenige, der den Kult des anerkannten und in den - , :ionen verwurzelten Endgultigen und Selbstverstandlichen auf- - ,,-: erhdlt und festigt. Canz anders der Narr. Er ist derjenige, der :. was offensichtlich und endgultig erscheint, in Zweifel zieht. Das : ,. S. 16-42,220-222. .-=ht hier um lnteńextuaIitet, lntermedialitat und lnterdiskursivitót usw,: siehe auch: clifford -_ ,liedza lokalna. Dalsze eseje z antropologii interpretatywnej [Lokales Wissen. Weitere E55ay5 -:.rpretativen Anthropologie: engl. Orig.: LocaI Knowledge: Fuńher Essays in lnterpretive _:ology], Krakau 2005. S.29-45.
  • 28. piotr witek priestertum ist also eine Existenzform, das faktische Andauern einer nicht mehr bestehenden Welt, ein Leben in der Vergangenheit. Des- halb kann es zwischen Priestern und Narren nicht.zur Einigung kom- men. Die einen wie die anderen tun den Cem0tern eine gewisse Ge- walt an. Der priester verwendet das Halsband des katechismus, der Narr bedient sich der Nadel des Hohns. Wenn wir uns der Rhetorik Kołakowskis bedienen, kónnen wir sagen, dass wir es in unserem Fall mit zwei Ceschichtspolitiken zu tun haben, die man als politik der priester und Narren bezeichnen kann. Erstere versucht uns ein politisches Halsband des Para-Autoritarismus und einen epistemologischen Maulkorb der Mytho-Ceschichte anzulegen. Die zweite, die sich bemuht den aufgeblżihten Ballon voll National- stolz und historischer Megalomanie zu zerstechen, versucht in uns die Haltung kritischer Selbstreflexion wachzurufen, die nur unter den Be- dingungen liberaler Demokratie móglich ist. Wenn wir uns an den Hinweis Poppers erinnern, der besagt, dass die Demokratie an dem Paradox leidet, dass sie die demokratische Ordnung demokratisch in eine autoritóre Ordnung verwandeln kann, dann mussen wir selbst verantwortungsvoll riber die Wahl einer bestimmten Variante von Ceschichtspolitik nachdenken. Folge iśt,dass wir die Vergangenheit entweder in Ubereinstimmung mit den Richtlinien der Priester ehren, oder dass wir sie einer freien und kritischen Reflexion unterziehen. Entweder haben wir bei der Frage nach ldentitót und Patriotismus die freie Wahl, oder diese wird zentral reglementiert. Letztlich ist diese wahl ein prufstein dafur: ob wir eine reife und offene, oder eine im Kófig des modernen Neo{ribalismus eingesperrte Cesellschaft sind. Aus dem polnischen von sandra Ewers50 66 Leszek Kołakowski, Der Prie§er und der Narr, in: der., Narr und Priester. Ein philosophisches Lesebuch, Frankfuń/M. : Suhrkamp 1 987, S. 39 -44.